Wirtschaft

Online bezahlen ohne Visa, Paypal und Co.

Derzeit sind wir beim digitalen Bezahlen in Europa noch überwiegend von Tech-Anbietern aus den USA abhängig. Der private Anbieter Wero versucht bereits dagegenzuhalten, in ein paar Jahren könnte auch die EU mit dem digitalen Euro nachziehen. Doch wie funktionieren die europäischen Alternativen eigentlich?

von Pamela Kaethner , Karolin Arnold

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Derzeit sind wir beim digitalen Bezahlen in Europa noch stark abhängig von Tech-Firmen aus den USA. Europäische Alternativen könnten helfen unabhängiger zu werden. picture alliance / Westend61 | Jesús Martinez.

Bezahlen im Alltag ist fast zu einer Nebensache geworden. Ein Piepen, ein Nicken, der Nächste bitte. Doch hinter dieser Bequemlichkeit steckt ein komplexes Netzwerk aus Banken, Zahlungsdienstleistern und Tech-Firmen. Wer entscheidet eigentlich darüber, ob eine Zahlung funktioniert oder nicht? Und wer kann die Datenspuren sehen, auswerten oder weiterverwenden?

Indem in Deutschland immer mehr Menschen bargeldlos zahlen, wächst der Einfluss US-amerikanischer Zahlungsdienstleister immer weiter. So sehr, dass die Europäische Union um die finanzielle Souveränität ihrer Mitgliedstaaten fürchtet – und daran arbeitet, sich unabhängiger von amerikanischen Anbietern zu machen. Zwei zentrale Bausteine auf diesem Weg sind zum einen der Bezahldienst Wero als europäische Alternative zu PayPal, dessen Mitgründer die umstrittenen Tech-Milliardäre Elon Musk und Peter Thiel sind. Zum anderen die Einführung des digitalen Euro.

Warum braucht es ein unabhängiges europäisches Finanzsystem?

Schon im März 2025 warnte der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), Philip Lane, Europas Abhängigkeit von amerikanischen Zahlungsdienstleistern mache es anfällig für wirtschaftlichen Zwang. Dies sei ein zentrales Risiko in den sich verschlechternden Beziehungen zwischen Europa und den USA: „Wir erleben derzeit einen globalen Wandel hin zu einem multipolaren Währungssystem, in dem Zahlungssysteme und Währungen zunehmend als Instrumente geopolitischen Einflusses eingesetzt werden“, sagte er laut der Nachrichtenagentur Reuters bei einer Rede im irischen Cork.

Die Sorge der EU könnte berechtigt sein. So fürchtet der Ökonom Gerhard Schick von der Bürgerbewegung Finanzwende, dass die Macht der Tech-Giganten wie Google, Apple und Meta auch auf dem Gebiet der Bezahldienste riskant werden könnte: Würden auch sie Kreditkarten und Sparkonten anbieten, wie bereits in den USA, könnten sie systemrelevante Finanzakteure auch in Europa werden.

Die Folge: Eine stärkere Konzentration von Finanzangeboten unter ausländischer Kontrolle. Die großen Anbieter wären so mächtig, dass sie kaum noch reguliert werden könnten. Gleichzeitig würden europäische Regierungen abhängig werden, weil wichtige Teile der Finanzinfrastruktur im Ausland kontrolliert würden.

Hier könnte der digitale Euro helfen: Laut dem EZB-Experten Lane könnte der digitale Euro sichstellen, dass der Euroraum die Kontrolle über seine finanzielle Zukunft behalte. Der digitale Euro soll ähnlich wie Bargeld funktionieren und es den Menschen ermöglichen, direkte Zahlungen im Einzelhandel vorzunehmen, ohne auf einen außereuropäischen Kartenanbieter angewiesen zu sein.

Eine Kasse ist gefüllt mit Bargeld.
Der digitale Euro soll Bargeld nicht ersetzen, sondern nur ergänzen aber ähnlich funktionieren. picture alliance / imageBROKER | Addictive Stock.

Eine europäische Konkurrenz für den US-amerikanischen Finanzdienstleister Paypal existiert bereits. Der Bezahldienst Wero ermöglicht seit Juli 2024, Zahlungen von Handy zu Handy. Eine mögliche Nutzung an der Ladenkasse soll laut Handelsblatt im Laufe des Jahres folgen. 

EPI gibt auf Anfrage von CORRECTIV an, dass in Deutschland und Belgien bei 300 Anbietern eine Online-Zahlung mit Wero bereits möglich ist. Als Beispiele nennt EPI etwa Eventim; zudem planen Händler wie Decathlon und Lidl laut EPI derzeit die Einführung. 

Aktuell ist Wero nur in Frankreich, Deutschland und Belgien nutzbar und soll auf weitere Länder ausgeweitet werden. In Deutschland nutzen den Dienst bisher nach Angaben von Wero etwa 7,2 Millionen Menschen, europaweit rund 44 Millionen.

Hinter dem Dienst steht ein Zusammenschluss von 25 europäischen Partnerbanken und Zahlungsdienstleistern aus Deutschland, Frankreich und Belgien – die European Payments Initiative (EPI). Sie will Wero langfristig auch zu einer Alternative zu Visa und Mastercard ausbauen. Derzeit ist Wero der einzige private Versuch, die europaweite Zahlungsunabhängigkeit zu stärken.

Wie funktioniert Wero? 

Nutzer von Wero greifen auf das Online-Banking oder die App ihrer Bank zurück und geben dabei die Telefonnummer oder E-Mail-Adresse des Empfängers an. Banken, die Wero unterstützen, ermöglichen die Nutzung direkt im eigenen Banking-System. Dazu zählen unter anderem ING, Postbank, Sparkassen, Sparda-Banken und Volksbanken.

Wie unabhängig ist das System wirklich?

Doch das Versprechen der digitalen Unabhängigkeit durch Wero scheint sich nicht ganz einzulösen. Eine Recherche von Netzpolitik deckt auf: Der Dienst nutzt die Cloud der Amazon-Tochter AWS. Damit können potenziell auch US-Behörden auf die hinterlegten Daten zugreifen. EPI äußert sich auf Anfrage von CORRECTIV dazu so: „Alle Daten von EPI und Wero werden in europäischen Rechenzentren gespeichert. Sie sind verschlüsselt und werden durch geeignete Sicherheitsmaßnahmen gegen einen potenziellen extraterritorialen Zugriff geschützt.“ EPI arbeitet nach eigenen Angaben zudem daran, die Abhängigkeit von nicht-europäischen Zulieferern zu reduzieren.

Was ist der digitale Euro?

Obwohl der digitale Euro als eine Art digitales Bargeld verstanden werden kann, scheint die Idee dahinter viel abstrakter. Wer also verstehen will, was es mit dem digitalen Euro auf sich hat, kann sich digitales oder bargeldloses Bezahlen laut Carola Westermeier, Professorin für Wirtschaftssoziologie, wie ein Straßennetz vorstellen, bei dem jeder die beste Route nutzen will: „Im Moment laufen die schnellsten Straßen und die am besten verbundenen Straßen über die Netze von US-Anbietern wie Visa, Mastercard und Paypal“, so Westermeier, die am  Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung eine Forschungsgruppe zum Thema “Technologie und Souveränität” leitet. 

Der digitale Euro soll demnach auch eine „schnelle Straße“ werden, aber eben eine europäische, auch um unabhängiger zu werden von außereuropäischen Anbietern und eine digitale Zahlungsoption für alle Euro-Länder werden. 

Innerhalb der Europäischen Union treiben die Europäische Zentralbank (EZB) und die nationalen Zentralbanken, wie etwa die Deutsche Bundesbank, die Idee des digitalen Euro voran. 

Eingeführt werden soll der digitale Euro frühestens 2029. Bevor eine Pilotphase starten kann, muss die Idee noch den europäischen Gesetzgebungsprozess durchlaufen. Das solle idealerweise noch 2026 geschehen. Noch sind nicht alle Einzelheiten geklärt und eine zentrale Abstimmung wurde auf den 23. Juni vertagt, wie die Wochenzeitung „Das Parlament“ berichtet.

Nutzung: Die zwei Versionen des digitalen Euro

Der digitale Euro soll eine Online-Funktion und eine Offline-Funktion haben. Um den digitalen Euro zu nutzen, richtet man bei der eigenen Bank oder einer öffentlichen Stelle, wie der Post eine elektronische Geldbörse, auch „Wallet“ genannt ein. Diese Geldbörse wird dann „aufgeladen“ – entweder mit Bargeld oder Beträgen aus einem verknüpften Bankkonto. Mit diesem Guthaben im Wallet könnte man dann etwa mit dem Handy oder der Karte bezahlen. Nutzbar soll der digitale Euro zum Beispiel im Supermarkt, zwischen Freunden, auf Reisen oder beim Online-Shopping sein. 

Die Online-Funktion erinnert somit an das Zahlen mit Paypal oder eben Wero. Der digitale Euro soll aber auch Offline nutzbar sein, sprich ohne Internet.

Wie sicher ist der digitale Euro?

„Die Wahrung der Privatsphäre stand von Anfang an im Mittelpunkt des Projekts zum digitalen Euro“, schreibt die EZB auf ihrer Website. Die Offline-Version des digitalen Euro sei nach Angaben der EZB ähnlich anonym wie Bargeld. Nur die Person, die das Geld schickt, und die Person, die das Geld bekommt, wissen am Ende von der Transaktion. 

Auch die Online-Zahlungen sollen nach den Plänen der EZB und den nationalen Banken Sicherheit bieten. Die Transaktionen sollen nicht auf einzelne Personen zurückzuführen sein. Laut EZB hätten Banken in personenbezogene Daten nur so viel Einblicke wie bei anderen Zahlungsmethoden auch.

Wird mit dem digitalen Euro das Bargeld abgeschafft?

Nein. Bargeld wird es weiterhin geben, der digitale Euro sei eine „Ergänzung“, schreibt die EZB auf ihrer Website. Zwar sei wissenschaftlich gesehen der Bargeld-Vergleich laut Carola Westermeier nicht ganz richtig, denn jede digitale Transaktion hinterlasse Spuren. Bargeld zum Anfassen sei hingegen immer noch die anonymste Bezahlform. Da Bargeld aber weniger genutzt wird und etwa bei Online-Käufen gar nicht nutzbar ist, müsse es eben möglich sein, möglichst viele Vorteile des Bargelds in den digitalen Raum zu überführen, so Westermeier. Es werde am Ende niemand gezwungen mit dem digitalen Euro zu zahlen. „Der digitale Euro würde aber erstmals eine Wahlfreiheit zwischen privaten Anbietern und öffentlichen Optionen herstellen, die es momentan beim digitalen Bezahlen noch gar nicht gibt“, sagt Westermeier.

Redaktion und Faktencheck: Elena Müller