Neuer Höchststand bei Schulabgängern ohne Abschluss
Mehr als 64.000 Jugendliche haben im vergangenen Jahr nach Recherchen von CORRECTIV die Schule ohne Abschluss verlassen. Das ist ein Anstieg von über einem Drittel innerhalb von drei Jahren. In fünf Bundesländern liegt die Quote bereits über zehn Prozent.
Die Zahl der Jugendlichen, die ohne Abschluss die Schule verlassen, hat einen neuen Höchststand erreicht. Im Schuljahr 2024/25 betraf das bereits in fünf Bundesländern mindestens jeden zehnten Schulabgänger, wie eine CORRECTIV-Recherche in allen Bundesländern ergab. Demnach beendeten mehr als 64.000 Schülerinnen und Schüler ihre Schulzeit ohne Abschluss. Das entspricht etwa der gesamten Einwohnerzahl von Weimar.
Zum Vergleich: Im Schuljahr 2023/24 waren es noch 62.000, im Schuljahr 2021/22 noch 47.500. Das entspricht einer Steigerung von gut einem Drittel innerhalb von drei Jahren. „Dabei haben wir angesichts von Demografie und Fachkräftemangel eine Situation, in der wir in Deutschland jeden jungen Menschen bräuchten“, konstatiert Bildungsforscher Klaus Klemm. Diese Lage sei „katastrophal, jedes Jahr mehr junge Menschen aus der Schule zu entlassen mit einer Qualifikation, die für keine Berufsausbildung reicht.”
Höchste Quote ohne Schulabschluss in Sachsen-Anhalt
Dabei ist die Lage von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich. Die höchsten Quoten haben Sachsen-Anhalt mit 13,4 Prozent des Jahrgangs, der die Schule ohne Abschluss verlassen hat, gefolgt von Thüringen mit 11,9 Prozent, dem Saarland mit 11,5, Bremen mit 10,6 und Mecklenburg-Vorpommern mit 10,4 Prozent.
Die niedrigste Quote ohne Schulabschluss hat im Schuljahr 2024/25 Hessen mit 6,3 Prozent, gefolgt von Bayern mit 6,6 Prozent. Wobei in allen Länderquoten jeweils sowohl die Abgänger an Regelschulen enthalten sind, als auch die an Förderschulen. Als einziges Bundesland lieferte Schleswig-Holstein keine Zahlen für 2025. CORRECTIV hat daher für das Bundesland den Wert aus 2024 zugrunde gelegt. Die Zahlen sind dort in den vergangenen Jahren kontinuierlich nach oben gegangen.
Prien will Schulabbrecher-Quote halbieren
Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) hatte zu Beginn ihrer Amtszeit gegenüber der Funke-Mediengruppe das Ziel ausgegeben, die Schulabbrecherquote bis 2035 zu halbieren. Dass der Trend bislang weiter in die gegenteilige Richtung geht, findet Bildungsforscher Kai Maaz „angesichts der Bedingungen, unter denen Schulen teilweise arbeiten, überhaupt nicht verwunderlich”.
Damit meint der Direktor des Leibnitz-Instituts für Bildungsforschung zum einen die „systemischen Defizite“, die gerade an Schulen in Problemlagen besonders gravierend seien: Lehrermangel, Vakanzen, Fluktuation, zu wenig Schulsozialarbeiter, keine Schulpsychologen. Die Ressourcen kämen trotz des sogenannten Startchancenprogramms nicht ausreichend dort an, wo der Bedarf am größten sei.
Hinzu komme gerade bei dieser Schülergruppe eine „Kulmination von individuellen Herausforderungen oder Problemen“. Ein Blick in die Berufsvorbereitungsklassen im Kölner Berufskolleg Ehrenfeld, macht deutlich, was Maaz meint. Berufskollegs bieten solche Klassen an für Jugendliche, die an Regelschulen ohne Abschluss blieben. Nach einer langen Kette schulischen Scheiterns sollen sie hier in einem Jahr kompetent gemacht werden, um doch noch nachträglich den Hauptschulabschluss zu schaffen.
„Jeder bringt einen riesigen Rucksack mit hierher“
Hier sitzen derzeit allein 170 dieser knapp 65.000 jungen Menschen, denen das Schicksal droht, von der Schulbank in die sozialen Sicherungssysteme überzugehen oder sich mit Jobs für Geringqualifizierte durchzuschlagen. „Ganz am Ende der Nahrungskette der Bildungsbiografie bekommen wir hier den Reparaturauftrag”, fasst Schulleiter Johannes Segerath die Ausgangslage zusammen.
Dann listet der Schulleiter auf, wer da alles vor ihm sitzt: Jugendliche mit Fluchterfahrung, Schüler mit Autismus, Wohnungslose, Jugendliche, die sich zuhause um sieben kleine Geschwister kümmern müssen, eine Windelträgerin, die sich vor lauter Scham nicht mehr in die Schule traute.
„Ausnahmslos jeder dieser jungen Menschen bringt einen riesigen Rucksack mit hierher.“ Neben einer langen Kette von Misserfolgen, die den Selbstwert zerstört haben, reiche die Palette von Sucht, Gewalterfahrung und Traumata über Schulangst bis zu ADHS und Dyskalkulie. Sein hoch engagiertes Lehrkräfteteam gebe alles: „Aber wir können hier in einem Jahr keine Wunder bewirken.” Um wirklich etwas zu ändern, müsste viel mehr Förderung in der Kita möglich sein und in der Grundschule weitergehen – und eben nicht erst dann, wenn das Kind längst in den Brunnen gefallen sei.
Die Hälfte der Schüler kommen aus Förderschulen
Daneben hat die hohe Zahl ohne Abschluss aber auch eine wichtige strukturelle Ursache: „Bundesweit kommt die Hälfte der Schülerinnen und Schüler, die keinen Schulabschluss haben, aus Förderschulen“, konstatiert Bildungsforscher Klemm. An Förderschulen für Schüler mit Lernbeeinträchtigungen oder geistigen Behinderungen sind keine anerkannten regulären Schulabschlüsse vorgesehen. Obwohl die Jugendlichen diese Schulen regulär verlassen, gelten sie damit faktisch als ohne Abschluss. Um die Zahlen zu senken, müsse man auch an Förderschulen ermöglichen, einen qualifizierenden ersten Schulabschluss zu machen, fordert Maaz.
Hinzu kommt, dass einzelne Bundesländer in den vergangenen Jahren die Anforderungen für den Erwerb des qualifizierten Hauptschulabschlusses gesenkt haben, wohl auch, um die Zahl der Jugendlichen ohne Abschluss zu verringern: so bekommt man den Abschluss in Sachsen-Anhalt seit 2024 auch mit zwei Fünfen in Mathematik und Deutsch, sofern in einem anderen Fach mindestens eine Drei erreicht wird. Selbst mit einer Sechs in einem Fach kann der Abschluss erlangt werden, wenn in einem anderen Fach eine Zwei auf dem Zeugnis steht.
In NRW erhalten Absolventen des Berufskollegs ihr Abschlusszeugnis – und damit den ersten Schulabschluss – auch dann, wenn zwei Fünfen daraufstehen. Lediglich eine Fünf in Mathe muss durch eine Vier in einer Naturwissenschaft ausgeglichen werden. Diese Jugendlichen, die – so Schulleiter Segerath – „irgendwie knapp ihren Hauptschulabschluss erworben haben“, säßen dann statt in den vergleichsweise kleinen Lerngruppen der Berufsvorbereitung in den regulären Klassen mit 31 Schülerinnen und Schülern. Eigentlich hätten sie dort von vornherein kaum eine Chance, den schulischen Anforderungen einer Ausbildung gerecht zu werden.
Ein Fünftel steht nicht für eine Ausbildung zu Verfügung
Der gerade veröffentlichte Berufsausbildungsbericht für 2024 bestätigt das: Knapp 18 Prozent der derzeitigen 20- bis 24-Jährigen haben keine Ausbildung und befinden sich auch nicht in Ausbildung. „Das ist der noch viel alarmierendere Skandal: Knapp ein Fünftel eines jeden Jahrgangs steht nicht für eine Ausbildung zur Verfügung“, betont Klemm. Sie bekämen entweder erst gar keinen Ausbildungsplatz oder brächen die Ausbildung ab: „Die eine große Gruppe, weil sie es nicht schafft, regelmäßig am Unterricht teilzunehmen, und die andere, weil sie mit den Anforderungen der Berufsschule in Deutsch und Mathe nicht klarkommt.“ Der Anteil dieser sogenannten „Ungelernten“ ist in dieser Altersgruppe innerhalb der vergangenen vier Jahre um gut ein Viertel angestiegen.
„Lernen baut auf Gelerntem auf. Die jungen Menschen bringen oft nicht genügend Basiskompetenzen mit“, benennt Maaz das Hauptproblem. Der aktuelle Unicef-Report belegt, dass in Deutschland mit 46 Prozent weniger als die Hälfte der Jugendlichen aus benachteiligten Familien die Mindestkompetenzen in Lesen und Mathe nachweisen kann. In der gesamten Altersgruppe sind es 60 Prozent. „Wir müssen besser werden, Kinder schon früh, am besten noch vor der Schule, zu fördern“, so Maaz. Nur mit konsequenter Investition in die frühe Bildung und berbindlichen Qualitätsstandards würden die Grundlagen gelegt.
Schulen in Problemlagen brauchen mehr Ressourcen
Aber das allein reicht laut dem Bildungsforscher nicht, weil Lernen eben voraussetzungsvoll sei. Man könne noch so guten Unterricht machen: „Wenn Jugendliche das kognitiv nicht aufnehmen können, weil sie unvorstellbar große Rucksäcke haben, brauchen wir einen anderen Zugang.“ Gerade Schulen in Problemlagen benötigten mehr Ressourcen für Beziehungsarbeit: mehr Schulsozialarbeit, mehr Schulpsychologie und mehr Projektarbeit, weil Jugendliche dabei auch mal Anerkennung erführen und Erfolgserlebnisse hätten.
Damit spricht er Schulleiter Segerath aus der Seele. Für ihn und sein Kollegium ist Beziehungsarbeit das Wichtigste, um Lernen möglich zu machen. Mit Projektarbeiten wie etwa der Arbeit im Schülercafé oder Musik- und Theaterprojekten versuchen sie, Erfahrungen von Selbstwirksamkeit zu ermöglichen. Knapp 25 Prozent des letzten Jahrgangs haben am Ende der Ausbildungsvorbereitungsklasse doch noch den Hauptschulabschluss erworben.
„Das klingt für Außenstehende wenig, aber das ist ein Riesenerfolg.“ Zumal auch noch Vermittlungen in einen Ausbildungsplatz stattfänden. Zum Abschied habe einer der Schüler ihm gesagt: „Hier bin ich zum ersten Mal in meinem Leben nicht behandelt worden wie eine Fünf.“
Faktencheck: Miriam Lenz und Till Eckert
Redigat: Till Eckert