AfD

„Innerparteilicher Bürgerkrieg“: Streit um Matthias Helferich ist richtungsweisend für AfD

Seit Jahren streitet die AfD in NRW über den Rauswurf des rechtsextremen Abgeordneten Matthias Helferich – jetzt kommt es zum Finale vor dem Schiedsgericht. An Helferich lässt sich ablesen, ob sich die Völkischen in der AfD weiter durchsetzen.

von Martin Böhmer , Lena Köpsell

Pressekonferenz der AfD-Fraktion
Im AfD-Landesverband NRW tobt ein Machtkampf zwischen Matthias Helferich (links) und Martin Vincentz. Collage: Ivo Mayr / CORRECTIV, Quelle: picture alliance

Der Machtkampf in der nordrhein-westfälischen AfD geht in die finale Runde: Ob der rechtsextreme Bundestagsabgeordnete Matthias Helferich aus der Partei geworfen wird, soll jetzt das AfD-Bundesschiedsgericht entscheiden. Wie CORRECTIV erfuhr, hat der Landesvorstand in NRW am Dienstagabend in einer Sondersitzung einen Vergleich abgelehnt – jetzt kommt es zum Showdown.

An Matthias Helferich, der sich in einem Chat als das „freundliche Gesicht des NS“ (Nationalsozialismus) bezeichnete, lässt sich der Richtungsstreit des größten AfD-Landesverbands festmachen. Der Bundestagsabgeordnete aus Dortmund steht für eine völkische, radikale Ausrichtung der Partei: Er fordert „millionenfache Remigration“, ist eng vernetzt mit dem Vorfeld der Partei wie dem rechtsextremen Aktivisten Martin Sellner und ist mit der vom Verfassungsschutz beobachteten Parteijugend verzahnt.

Screenshot von X: Der AfD-Bundestagsabgeordnete Matthias Helferich und der Rechtsextremist stehen in Abendgarderobe zusammen auf einem Ball. Helferich schreibt: „Das Kontaktverbot wird konsequent durchgesetzt!@Martin_Sellner“
AfD-Bundestagsabgeordneter Matthias Helferich (rechts) und Rechtsextremist Martin Sellner machen sich einen Spaß aus dem Vorwurf der ideologischen Nähe. Foto: X-Post Matthias Helferich, 21.2.2026 (Screenshot)

Ihm gegenüber steht der aktuelle NRW-Chef Martin Vincentz: Er gilt als Vertreter eines für AfD-Verhältnisse gemäßigteren Kurses – mit dem Ziel, die AfD koalitionsfähig für die Union zu machen. Im Landesvorstand ist das „Vincentz-Lager“ mit sieben von zwölf Mitgliedern in der Überzahl.

Es ist kein Geheimnis, dass sich Helferich und Vincentz nicht ausstehen können. Helferich nennt seinen Kontrahenten einen „Pseudo-Bürgerlichen“ und wirft ihm vor, mit „der Parteirechten“ Krieg zu führen. Vincentz hingegen versucht, Helferich aus der Partei zu werfen. Hinter dem Personal-Streit verbirgt sich die Grundsatzfrage der AfD: Wie weit kann die Partei ihre völkische Agenda vorantreiben, ohne ein Verbotsverfahren zu riskieren?

Vergleich abgelehnt: Schiedsgericht entscheidet über AfD-Zukunft von Matthias Helferich

Der Landesvorstand lehnte nun offenbar einen vom Bundesschiedsgericht vorgeschlagenen Vergleich mit sieben zu fünf Stimmen ab. Er sah vor, dass Helferich für sechs Monate kein Parteiamt innehaben dürfe, aber sein Rauswurf vom Tisch wäre. Jetzt muss das Schiedsgericht doch ein Urteil sprechen.

Martin Braukmann, Vize-Präsident des AfD-Bundesschiedsgerichts, bestätigte den Vorgang gegenüber CORRECTIV. Derzeit haben die beiden Streitparteien noch Zeit, eine Stellungnahme einzureichen. Eine Entscheidung in der Sache erwartet Braukmann, der auch Vorsitzender der zuständigen Kammer ist, Ende Juni.

Wichtige Urteile zum Umgang mit Sellner und seinem „Remigrationskonzept“

Das Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen stellte am 13. Mai 2024 im Verfahren zur Beobachtung der AfD klar: „Verfassungswidrig und mit der Menschenwürde unvereinbar ist allerdings die Verknüpfung eines ,ethnisch-kulturellen Volksbegriffs’ mit einer politischen Zielsetzung, mit der die rechtliche Gleichheit aller Staatsangehörigen in Frage gestellt“. Entscheidend sei eine „Vielzahl“ entsprechender Äußerungen, die von der Parteiführung nicht unterbunden würden – unabhängig davon, ob sie im Parteiprogramm stehen. Zudem reiche es, wenn Äußerungen nur nahelegten, dass die „Remigration“ auch für Staatsbürger gelten solle. Das Verwaltungsgericht in München stellte 2024 fest, dass von einer „Freiwilligkeit“ bei Sellners „Remigration“ nicht gesprochen werden könne.

Eine wegweisende Entscheidung folgte im Juni 2025: Das Bundesverwaltungsgericht Leipzig stellte im Compact-Verfahren fest, dass das „Remigrationskonzept“ auch gegenüber Staatsbürgern „menschenwürdewidrig“ ist, dem Demokratieprinzip widerspricht, auf Vertreibung hinausläuft und faktisch „Ausbürgerung“ vorsieht – unabhängig von sprachlichen Tarnbegriffen.

Helferich kommentiert die Entscheidung des Vorstands auf X so: „Zu meinem Bedauern lässt der Vincentz-Vorstand den innerparteilichen Bürgerkrieg weiter eskalieren.“ Anstatt gemeinsam die CDU zu bekämpfen, bekämpfe man in NRW lieber Parteifreunde. Eine Anfrage von CORRECTIV ließ Helferich unbeantwortet.

Nach CORRECTIV-Informationen nehmen Teile des NRW-Landesvorstands die Entscheidung so wahr, dass Chef Vincentz die Verantwortung abgebe. Die Fronten seien so verhärtet und die Parteibasis so aufgestachelt, dass Vincentz viel Vertrauen verlieren würde, wenn er seinen Kurs des Helferich-Rauswurfs nicht zu Ende ginge.

Anfragen von CORRECTIV ließen die NRW-AfD und auch Landeschef Vincentz unbeantwortet.

Helferich-Lager erhebt Vorwürfe: Vincentz unter Kontrolle von „Strippenzieher“ Rohrböck?

Mitten im Streit um Helferich wird auch noch eine andere Person wichtig: Tom Rohrböck. Der österreichische Unternehmer tritt seit Jahren als Vernetzer und „Strippenzieher“ rund die AfD auf. Aus dem Helferich-Lager heißt es: „Röhrbock netzwerkt gegen Höcke und andere Remigrationsbefürworter.“ – also auch gegen Helferich.

Das Helferich-Lager wirft NRW-Chef Vincentz vor, unter der Kontrolle von Rohrböck zu stehen. Auch in anderen Landesverbänden wie Thüringen oder Niedersachsen soll Rohrböck Einfluss nehmen, um die Radikalsten der AfD loszuwerden, um dann wiederum eine Koalition mit der CDU zu ermöglichen.

Alice Weidel fordert Ende des Richtungsstreits in NRW

Der AfD-Bundesvorstand versucht, Rohrböcks Einflussnahme zu verhindern: Rohrböck soll künftig weder an Parteiveranstaltungen teilnehmen oder diese mitorganisieren, noch sollen AfD-Leute mit ihm zusammenarbeiten. Wohl ein Fingerzeig, dass auch im AfD-Bundesvorstand wenig Interesse besteht, die Völkischen und Radikalsten der Partei loszuwerden.

Gegenüber CORRECTIV sagte Tom Rohrböck: „Matthias Helferich fiel in NRW sehr lautstark und überhitzt in seinen Umgangsformen auf. Weil auch Alice Weidel inzwischen das Lager des NS-Romantikers Björn Höcke nach NRW hinein unterstützt, haben Martin Vincentz und Sascha Lensing dort ihren Kampf.“ Er empfiehlt Helferich, nach Thüringen umzuziehen, als „Neuanfang unter Freunden“.

Parteichefin Weidel hatte beim Parteitag im März noch gefordert, dass die Partei in Nordrhein-Westfalen „geeint“ auftreten und „vertrauenswürdig wahrgenommen“ werden müsse – also den Helferich-Streit zu beenden. Dazu kommt es erstmal nicht.

Wie das Schiedsgericht über die Zukunft Helferichs in der AfD entscheiden wird, ist offen. Nach CORRECTIV-Informationen aus der Partei wurde bereits versucht, Einfluss auf das Schiedsgericht zu nehmen. In jedem Fall wird die Entscheidung richtungsweisend für die AfD sein. Im kommenden Jahr wird Ende April in NRW gewählt.

Mitarbeit: Jean Peters
Redaktion: Frida Thurm
Faktencheck: Frida Thurm
Collage: Ivo Mayr