VW-Vorstand plant Radikalkur – bis zu 100.000 Arbeitsplätze gefährdet
Der Autobauer könnte bis zu vier Werke schließen und bis zu 100.000 Stellen streichen. Zudem prüft der Vorstand eine Zerlegung des Konzerns.
Der Autohersteller Volkswagen steht vor dem größten Umbau seiner Geschichte. Zu Wochenbeginn habe Vorstandschef Oliver Blume seine Top-Führungskräfte über die aktuellen Planungen informiert und dabei drastische Einschnitte angekündigt, wie CORRECTIV von drei mit den Vorgängen vertrauten Personen erfahren hat. Demnach könnten vier Autofabriken geschlossen werden. Bis zu 100.000 Menschen könnten ihre Arbeit bei Europas größten Industriekonzern verlieren. Auch das Manager Magazin berichtet über den Radikalumbau.
Zu den von einer Schließung bedrohten Werken zählen Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm. Die Gewerkschaft IG Metall wie auch das Land Niedersachsen als zweitgrößter Aktionär lehnen Einschnitte ab. VW beschäftigt weltweit rund 650.000 Beschäftigte.
Der nun geplant Stellenabbau setzt auf ein bereits geplantes Programm auf, das bereits die Streichung von 50.000 Arbeitsplätzen vorsieht. Diese sind in den nun intern kommunizierten 100.000 Jobverlusten mit eingerechnet, sagte ein hochrangiger Manager. Und weiter: „Klar ist bei dem Ausmaß, dass es nicht ohne betriebsbedingte Kündigungen gehen wird.“
Das Unternehmen verwies auf Anfrage auf das schwierige Marktumfeld, lehnte einen Kommentar zu den Planungen ab. „Die zu Grunde liegenden Sachverhalte werden in den zuständigen Gremien besprochen und verabschiedet“, sagte ein Sprecher. Diesem Prozess werde der Vorstand nicht vorgreifen.

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VW steckt selbstverschuldet in der Krise
VW steckt in einer tiefen Krise, weil die Nachfrage in China eingebrochen ist und der Konzern zu langsam seine Modellpalette elektrifiziert und digitalisiert hat. VW-Chef Blume hatte daher schon im Vorfeld Bundeskanzler Friedrich Merz über drohende Einschnitte informiert, wie es im Umfeld des Kanzleramts hieß. Er habe dabei davon gesprochen, dass der Konzern in Gänze gefährdet sei.
Bei dem Treffen zu Wochenbeginn schwor Blume seine Top-Führungskräfte auf den Kurs ein. Diese mussten nach Prüfung der Unterlagen unterschreiben, dass sie hinter den Planungen des Konzernvorstands stehen, wie beteiligte Personen berichteten. „Das ist ein sehr ungewöhnlicher Schritt“, sagte einer der Menschen, die damit vertraut sind.
Am 9. Juli will der Vorstand um Blume die Strategie dem Aufsichtsrat vorlegen. Dabei soll auch eine Neugliederung des Konzerns thematisiert werden. Die Kernmarke VW soll den Überlegungen zufolge verselbstständigt werden, hieß es in den Kreisen. Die Sonderrolle von VW würde damit beendet. Unter einer Holding würden dann die einzelnen Marken (Audi, Porsche, VW, Traton) gleichberechtigt aufgehängt werden.

Mit der Neugliederung würde das Konzerngefüge geglättet und die übermächtige Position der Kernmarke VW bereinigt werden, sagte eine Person, die mit den Planungen vertraut ist. Die Familie Porsche/Piëch drängt als größte Aktionärin schon seit einiger Zeit darauf, dass die Struktur vereinfacht und damit ein Umbau des Herstellers vereinfacht wird, wie es im Umfeld der Familie hieß.
Angriff auf das VW-Gesetz?
Der Nebeneffekt einer solchen Aufstellung aber wäre, dass praktisch das VW-Gesetz ausgehebelt wird. Dieses gibt dem Land Niedersachsen Mitspracherecht, wenn es um die Schließung von Standorten geht. Das Gesetz greift indes nur auf Konzernebene, nicht aber bei einer dann untergegliederten Marke VW. Die Entscheidungen würden dann in deren Führungskreis gefällt werden.
Vorbild für diese Überlegung ist den Kreisen zufolge die Tochter Audi, die ihr Werk in Brüssel geschlossen hat. Die Entscheidung darüber fiel im Aufsichtsrat der Ingolstädter Tochter, das Kontrollgremium auf Konzernebene würde darüber lediglich informiert.
In der jetzigen Machtstruktur wird der nun von Blume vorgeschlagene Radikalumbau schwerlich durchsetzbar sein. Eine Schließung von vier Werken dürfte kaum von Niedersachsen mitgetragen werden; Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) hat entsprechenden Überlegungen bereits öffentlich eine Absage erteilt.
Betriebsrat kündigt Widerstand an
Mit den Stimmen seiner beiden Vertreter im Aufsichtsrat und den Stimmen der Arbeitnehmerseite dürften damit 12 von insgesamt 20 Aufsichtsratsmitgliedern gegen den Umbau stehen. Wolfgang Porsche, einer der Sprecher der Familie und VW-Aufsichtsrat, hat im kleinen Kreis mehrfach kritisiert, dass die Stimme der Investoren bei der Machtverteilung untergepflügt werde.
Die Streichpläne des Vorstands dürften jedenfalls bei den Stimmverhältnissen abgelehnt werden. In diese Richtung äußerten sich auch Betriebsrat und die IG Metall: Angriffe auf das VW-Gesetz, die Mitbestimmung und unsere Standorte seien unverantwortliche Drohungen, sagte ein Sprecher auf Anfrage. „Sollten solche Pläne vorangetrieben werden, würden wir sie mit aller Macht verhindern.“ Der Vorstand sollte sich auf seine eigentliche Arbeit konzentrieren und wettbewerbsfähige Autos entwickeln. Darüber würde die Beschäftigung abgesichert.
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