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VW sieht sich in „existenzbedrohender Situation“
Der VW-Aufsichtsrat berät am Donnerstag über den Umbau von Europas größtem Autobauer. Die Krise reicht über VW hinaus – die Folgen könnten viele EU-Länder treffen. CORRECTIV erklärt die Zusammenhänge.
Wenn an diesem Donnerstagnachmittag die Aufsichtsräte des Volkswagen-Konzerns zusammenkommen, dann geht es um mehr als die Zukunft des Fahrzeugherstellers. VW ist mit seinen 663.000 Mitarbeitern und weltweit über 100 Fabriken ein Koloss, der mit seiner Wirtschaftskraft ganze Volkswirtschaften abstürzen lassen kann. Aber wie kam VW in diese Krise und welche Branchen betrifft sie noch? Ein Überblick.
Wie kam VW in die Krise?
Die Misere hat zwei Ursachen: Missmanagement und ein veränderter Markt. Weltweit wächst die Nachfrage nach Elektroautos, die zunehmend digital vernetzt und selbstständig durch den Verkehr steuern. VW hat den Wandel lange Zeit ignoriert und dann halbherzig reagiert. Inzwischen spricht der Vorstand intern von einer „existenzbedrohenden Situation“.
Erst mit der Berufung von Herbert Diess zum VW-Chef im Jahr 2018 ging der Konzern die Entwicklung auf E-Autos an. Diess wollte den radikalen Wandel und orientierte sich dabei an Elon Musk und dem US-Elektropionier Tesla. Bei der Umsetzung nahm er die Mannschaft von VW aber nicht mit. Der Umbau blieb daher halbherzig, was die Krise verschärfte. Im Angebot von VW fehlen bis heute attraktive E-Autos, aber auch Verbrenner.
Statt die Elektrifizierung und die Digitalisierung der Modelle zu forcieren, haben sich die wechselnden VW-Vorstände auf den Gewinnen aus dem Boommarkt China ausgeruht.
Obwohl der Absatz auf rund neun Millionen Autos pro Jahr fiel, blieb das Werksnetz unangetastet. Die mögliche Fertigung von zwölf Millionen Fahrzeugen gilt intern als dauerhaft unrealistisch. Zudem verdiente die Gruppe mit vielen ihrer 150 Modelle kein Geld. Die Vielfalt soll daher auf weltweit 73 Automodelle reduziert werden, wie Top-Manager berichten.
Die Überkapazitäten lasten nun zusätzlich auf den Kosten – die Autos werden teurer, auch das beflügelt den Absatz der Wettbewerber. Gerade die chinesischen Konkurrenten BYD, MG und Xpeng nehmen VW zunehmend Marktanteil ab – auch in Deutschland.

Mit dem Absatz fällt auch der Gewinn, VW-Chef Oliver Blume muss also handeln. Ohne Einsparungen wird das Unternehmen mit dem Jahr 2030 in die Verlustzone eintauchen, wie Vorstandskreise berichten. Diese Entwicklung besorgt die Ratingagenturen Moody’s, Standard & Poor’s und Fitch, die vergleichbar mit der Schufa die Kreditwürdigkeit von Unternehmen bewerten.
Stufen die Agenturen die Kreditwürdigkeit zurück, dann könnten viele Investoren VW nur zu höheren Zinsen oder sogar überhaupt kein Geld mehr leihen. Der Konzern könnte dann schwerer den Verkauf seiner Autos fördern, für die die hauseigene Bank günstige Kredite den Kunden gewährt.
Wie soll die Krise überwunden werden?
Der VW-Vorstand hat eine Reihe an Maßnahmen ausgearbeitet, mit denen der Konzern mit seinen Marken Audi, Skoda, Seat/Cupra, Porsche, Bentley, Lamborghini und VW saniert werden soll. Der Aufsichtsrat soll sich am Donnerstag mit dem Thema befassen.
Das Paket umfasst die Schließung der vier Fabriken in Emden, Hannover, Neckarsulm und Zwickau ab dem Jahr 2031. Zudem sollen zusätzlich zu den bereits beschlossenen 50.000 Stellen zwischen 55.000 und 70.000 Arbeitsplätze wegfallen.
Mit dem Umbau sollen aus Sicht des Vorstands viele Tochtergesellschaften veräußert werden. Auf dem Zettel stehen etwa der Motorradhersteller Ducati wie auch die Beteiligung an den Fußballclubs FC Bayern München und VfB Stuttgart.
Um die jährlichen Kosten zu drücken, plant der Vorstand zudem Einsparungen bei der Entwicklung neuer Autos sowie im Einkauf von Komponenten. In Summe sollen die jährlichen Ausgaben um über zehn Milliarden Euro reduziert werden.
Warum Zulieferer, Regionen und halb Europa betroffen sind
Der mit Abstand größte Industriekonzern Europas ist der Taktgeber für die Branche, deren Zustand wesentlich ist für die Wirtschaft von Deutschland und Europa. Ein Drittel der deutschlandweit 725.000 im Autobauer Beschäftigten arbeitet für den VW-Konzern.
Die Relevanz der Branche geht über ihren direkten Anteil von rund fünf Prozent am Bruttoinlandsprodukt (2025: 4,47 Billionen Euro) hinaus. Die Firmen sichern indirekt weitere Hunderttausend Jobs im Handel, dem Finanzwesen und im Dienstleistungsbereich ab.
Ohne die Branche würden ganze Landstriche in Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen veröden, ist die Sorge von Jürgen Kerner, Vorstand bei der Gewerkschaft IG Metall.
Die Aufträge für den VW-Konzern sorgen für eine hohe Auslastung der Fabriken der Zulieferer. Die hohen Stückzahlen senken die Produktionskosten und halten die Preise für Komponenten auch für Wettbewerber wie BMW und Mercedes niedrig. Volkswagen fungiert somit als zentraler Stabilitätsfaktor der gesamten Branche.

Weitere Branchenzweige hängen am Autobauer. Für jedes Auto werden Stahl, Kunststoffe und andere Werkstoffe gebraucht. Thyssenkrupp macht ein Drittel seines Umsatzes mit den Fahrzeugfirmen. Der Chemiekonzern BASF sowie Siemens und selbst die Softwarefirma SAP weisen die Automobilindustrie als Schlüsselkunden auf.
VW ist nicht nur wirtschaftlich wichtig für Deutschland, sondern für Gesamteuropa. Beispiele: Seat/Cupra steht direkt für ein Prozent der spanischen Wirtschaftsleistung (BIP), in Tschechien sind es sogar fünf Prozent und in der Slowakei sind es sogar noch mehr. Auch für Polen, Ungarn und andere Länder in Ost- und Südeuropa sind VW und die Autoindustrie entscheidend für das Wohl der Wirtschaft.
Wer sind die Schlüsselakteure?
Bei dem Konzern haben viele Parteien ein Mitspracherecht. Neben der Familie Porsche/Piëch als Großaktionär und dem Vorstand um VW-Chef Oliver Blume sind dies der Betriebsrat und das Land Niedersachsen, das die zweitmeisten Anteile hält.
Die Familie Porsche/Piëch kontrolliert die Stimmmehrheit an dem VW-Konzern, Wortführer sind die Altvorderen Hans Michel Piëch und Wolfgang Porsche. Beide sind laut Angaben aus ihrem Umfeld in tiefer Sorge um den Konzern. Sie drängen daher auf eine harte Sanierung, die auch die Schließung von Werken beinhalten muss. Behindert sieht sich die Familie vom Betriebsrat und Niedersachsen, deren Vertreter im Aufsichtsrat meist ihre Stimmen absprechen. So stehen in dem Gremium 12 gegen 8 Stimmen.

Foto: Jan Woitas / Britta Pedersen / picture alliance / dpa
Der Vorstand mit Blume an der Spitze hat die Sanierung lange Zeit vor sich hergeschoben und damit die Krise aus Sicht der Familie vergrößert. Für einige im Management gilt VW-Chef Blume daher als angezählt. Hinter den nun geplanten Einschnitten sehen einige Konzerninsider vor allem Rechtsvorstand Manfred Döss als Treiber, der als Vertrauter der Familie gilt. Er hatte schon bei einem im Jahr 2024 beschlossenen Sparpaket härtere Maßnahmen gefordert, wie es im Vorstand hieß.
Niedersachsen ist mit Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) und Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) im Aufsichtsrat vertreten. Das Land versucht möglichst, die heimischen Arbeitsplätze und Standorte zu schützen. Mit Blick auf die Ergebnislage und eine drohende Herabstufung der Kreditwürdigkeit ist Niedersachsen aber bewusst, dass Sparmaßnahmen nötig sind. Mit Blick auf die Landtagswahlen im kommenden Jahr dürften Lies und Hamburg aber versuchen, drastische Einschnitte zu verhindern. Über das VW-Gesetz kann Niedersachsen ein Aus für VW-Standorte blockieren.
Der Betriebsrat verfügt traditionell über eine starke Position im Konzern. Häufiger wird den Arbeitnehmervertretern eine Rolle als Co-Manager zugeschrieben, da sie aktiv in die Firmenstrategie eingegriffen haben. Betriebsratschefin Daniela Cavallo fokussiert sich aber auf ihre klassische Rolle als Vertreterin der Arbeitnehmer. Als solche hat sie Fabrikschließungen eine klare Absage erteilt. Diese Linie dürfte sie auch auf der Aufsichtsratssitzung vertreten.
Hans Dieter Pötsch ist Aufsichtsratschef und versucht als solcher, die Interessen der Parteien auszugleichen. Er fungiert als Scharnier zwischen der Familie, dem Land und dem Betriebsrat. Da bei VW aber die Kosten aus dem Ruder laufen, ist sein Rückhalt bei der Familie geschrumpft. An ihm wird es nun liegen, ob die Aufsichtsratssitzung zu einem Desaster wird oder ob ein Fundament für weitere Diskussionen gefunden werden kann.
Was ist von der Aufsichtsratssitzung zu erwarten?
Die jeweiligen Parteien haben die Erwartungen an das Treffen am Donnerstagnachmittag gedämpft. Entscheidungen dürften nicht gefällt werden, da zu viele Themen besprochen werden müssten, hieß es im Umfeld des Gremiums. Denkbar sei daher, dass sich die Aufseher nach einem Austausch der Positionen für ein weiteres Treffen verabreden. Dies könnte dann im August stattfinden. In einem Punkt sind sich immerhin alle Fraktionen einige: Die Kosten müssten runter, es müsse nun über das „wie“ diskutiert werden, sagte mehrere mit den Vorgängen vertraute Personen zu CORRECTIV.
Redigatur & Faktencheck: Lena Köpsell
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