Endlich Berufspolitiker!
In Köln eröffnet ein Studiengang, der Berufspolitiker ausbilden soll. Eine gute Idee – oder neue Elitenbildung?

Hier finden Sie unseren neuen Podcast „Was zählt“, der das Wichtigste des Tages für Sie jetzt auch zum Hören aufbereitet. Er ist auch auf Spotify, Amazon Music, Deezer und Apple Podcasts abrufbar.
Liebe Leserinnen und Leser,
heute war der Bundeskanzler in Köln – eine Stippvisite auf dem Weg nach Paris, wo Friedrich Merz sich mit der „Koalition der Willigen“ trifft, um Unterstützungspläne für die Ukraine zu diskutieren. In Köln eröffnet der Kanzler eine neue Einrichtung an der Uni Köln: die „Adenauer School of Government“. Dort sollen bald Fachkräfte für den Politikbetrieb ausgebildet werden.
Es gibt Proteste von Studierenden dagegen. Deren Befürchtung: Hier findet eine neue Elitenbildung statt. Ist die Sorge berechtigt? Das haben unsere Nachrichtenchefin Elena Müller und ich recherchiert – heute Thema des Tages.
Dazu würde ich gern auch Ihre Meinung lesen: Brauchen wir mehr oder weniger Politik-Profis im Land? Schreiben Sie mir: anette.dowideit@correctiv.org.
Am Wochenende waren schon wieder AfD-Parteitage, diesmal in Sachsen-Anhalt und NRW. Unsere Reporterin Lena Köpsell war in Magdeburg vor Ort – was vom dortigen Fraktionschef Ulrich Siegmund auch entsprechend vermerkt und auf der Bühne vermeldet wurde. Was da los war, hat sie in der Rubrik „Ganz persönlich“ aufgeschrieben.
Inhaltlich wichtiger war, was bei der NRW-AfD passierte. Die Partei legte sich dort nämlich gewissermaßen selbst lahm, wie der Kölner Stadt-Anzeiger hier berichtet: Es gab 100 Vorschläge für einen einzigen Listenplatz, dementsprechend Kuddelmuddel bei der Wahl – und am Ende eine Niederlage für Parteichefin Alice Weidel. Denn die völkischen Kandidaten, die sie unterstützt, schnitten schlecht ab. Warum die Sache mit dem völkischen Gedankengut keine Kleinigkeit ist, hat übrigens unser Reporter Marcus Bensmann in einem Zeitungsinterview (€) noch mal ziemlich genau erklärt.
Außerdem startet heute wieder die Cartoon-Arena: Eine Woche lang gibt es Karikaturen zum Streit um das Informationsfreiheitsgesetz.
Thema des Tages: Endlich Berufspolitiker!
Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste
Cartoon-Arena: Angriff auf die Informationsfreiheit
CORRECTIV.Faktenforum: Bild von Gianni Infantino bei zwei gleichzeitigen WM-Spielen ist gefälscht
CORRECTIV ganz persönlich: Parteitag der AfD in Sachsen-Anhalt: Die Medien als Feinde
Grafik des Tages: Badegewässer – wirklich alles unproblematisch?
Der Job einer Politikerin oder eines Politikers ist nicht dankbar – vor allem, wenn man Lokalpolitik macht. Man wird zunehmend angefeindet, egal, aus welcher Partei man nun kommt. Es kann sogar gefährlich werden – wie spätestens seit dem Fall Walter Lübcke drastisch sichtbar wurde. Wir haben im SPOTLIGHT schon häufiger berichtet, dass deshalb immer häufiger Bürgermeisterinnen, Landräte oder Stadtverordnete resigniert ihr Amt an den Nagel hängen. Dazu empfehle ich Ihnen diese Studie über Anfeindungen in der Kommunalpolitik.
Zwar gibt es eine Reihe von Programmen, um Quereinsteiger in die Politik zu holen (siehe zum Beispiel hier). Aber der Bedarf an neuen Stimmen und Gesichtern ist dennoch immens und die Programme können ihn bisher nicht decken.
An der Uni Köln eröffnet heute eine neue Einrichtung, die Berufspolitikerinnen und -politiker ausbilden soll, und außerdem Verwaltungsspezialisten: die „Adenauer School of Government“. Bundeskanzler Friedrich Merz war vor Ort und eröffnete die Einrichtung, die künftig einen einjährigen Masterstudiengang anbieten wird. Merz sagte bei der Veranstaltung laut der Rheinischen Post, dass es bei der Ausbildung unter anderem darum gehe, demokratische Prozesse noch besser mit Effizienz zu verbinden.

Über die Neueröffnung freut sich aber nicht jeder:
Die Macher hinter der neuen Kölner Ausbildung kündigen selbst an, dass sie dort „Entscheidungsträger“ heranbilden wollen. Das stößt auf Protest beim Allgemeinen Studierendenausschuss (Asta) der Uni Köln. Dort findet man es zum einen kritikwürdig, dass Friedrich Merz die Veranstaltung eröffnet – „angesichts dessen, dass diese Bundesregierung gerade eine Kampfansage an jegliche soziale Verbesserung und zivile Entwicklung ist“, wie die Asta-Leute schreiben.
Es geht den Studierenden aber auch um die Frage: Wieso werden denn hier angehende politische Eliten gefördert – während für anderes wenig Geld da ist? Zum Beispiel fürs Bafög.
Wir haben uns angeschaut, inwiefern die Kritik berechtigt ist.
Wie steht es um die Finanzierung?
Der Hauptteil des Geldes für die neue Einrichtung kommt nicht vom Staat – sondern von einer Stiftung, der Alfred Landecker Foundation. Hinter der Stiftung steht die Chemie-Unternehmer-Familie Reimann. Die Stiftung finanziert das neue Ausbildungszentrum mit ziemlich viel Geld: 100 Millionen Euro in den nächsten zehn Jahren.
Das zuständige NRW-Ministerium für Kultur und Wissenschaft teilte uns mit, dass kein Geld vom Land in die Einrichtung fließt – öffentliches Geld gibt es lediglich für den Bau eines eigenen Gebäudes, das noch in Vorbereitung ist. Insofern stimmt es nicht, dass hier Geld abgezwackt wird, der sonst anderen Zwecken zur Verfügung stünde.
Und was ist mit dem Vorwurf der Eliten-Bildung?
Diese Frage ist eigentlich die zentrale. Denn hinter ihr steht eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung: Viele Wählerinnen und Wähler im Land sind unzufrieden mit dem Zustand der Demokratie und neigen deshalb den Parolen populistischer Parteien wie der AfD zu.
Immer häufiger wird darüber diskutiert, Berufspolitiker seien in ihrer Lebensrealität viel zu weit von den Problemen der „normalen Leute“ entfernt. Aktuelle Umfragen zeigen, dass im bundesweiten Durchschnitt 40 Prozent – also eine Menge Leute – mit dem Funktionieren der Demokratie unzufrieden sind.
Ist es demnach eine gute Idee, Politik-Eliten zu fördern?
Schließlich baut man so eine Generation junger Leute auf, die direkt nach der Uni Politikerin und Politiker werden – und vorher keinen gewöhnlichen Berufsalltag kennenlernen.
Darüber habe ich mit einem der beiden Chefs der neuen Kölner Einrichtung gesprochen: mit Markus Ogorek, Professor für Rechtswissenschaft an der Uni Köln. Ogorek ist auch schon häufiger als Zitatgeber in CORRECTIV-Recherchen aufgetreten – zum Beispiel zur Verfassungstreue der AfD. Ogorek freute sich, dass wir ihn auf die Proteste der Studierenden ansprachen. Denn es sei wichtig, solche Bedenken ernst zu nehmen. Er sagt:
„Eine lebendige, kontroverse Debatte ist genau das, wofür wir diese Einrichtung bauen.“
Ogorek sagt weiter: Er teile unsere Diagnose, dass es Politikverdrossenheit gebe, und dass diese eben auch wegen der Berufspolitiker entstehe. Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger seien dringend willkommen und benötigt. Der neue Masterstudiengang richte sich gerade deshalb explizit auch an Leute, die vorher schon etwas anderes gelernt hätten.
Die Adenauer School ist übrigens nicht die erste ihrer Art in Deutschland: Es gibt schon länger die Hertie School of Governance in Berlin, außerdem die Willy Brandt School of Public Policy in Erfurt und die NRW School of Governance an der Uni Duisburg-Essen.
Ogorek sagt, ihm sei wichtig zu betonen, dass in Köln eben gerade keine Eliten-Bildung betrieben werden solle – sondern das Gegenteil. Deshalb koste der einjährige Masterstudiengang auch keine Studiengebühren.
Nächste Angriffswelle der USA auf iranische Häfen
Das US-Militär griff in der Nacht zu Montag nach eigenen Angaben dutzende Ziele im Iran an, unter anderem in einer Hafenstadt. Es ist die vierte Angriffswelle der USA, seit die Feindseligkeiten am vergangenen Mittwoch wieder aufflammten. Der Iran erklärte bereits am Sonntag, die Straße von Hormus bleibe gesperrt, bis die amerikanischen Interventionen enden.
zdfheute.de
Ebola-Patient wird in Deutschland behandelt
Ein weiterer Ebola-Erkrankter wird nun in Deutschland behandelt. Der US-Bürger wurde in der Nacht in das Universitätsklinikum Frankfurt transportiert und wird nun isoliert behandelt. In der Demokratischen Republik Kongo verzeichnen die Behörden rund 650 Todesfälle – mindestens 1.830 Menschen sind oder waren infiziert. Laut Gesundheitsheitsfachleuten stiegen die Fallzahlen bei keinem früheren Ebola-Ausbruch so schnell an wie beim jetzigen.
t-online.de / deutschlandfunk.de
EU-Kommission diskutiert Altersbeschränkung bei Social Media
Eine Expertenkommission überreichte heute Morgen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen eine Empfehlung für ein Mindestalter bei Sozialen Netzwerken. Nun beraten die EU-Gremien über den Vorschlag. Zuvor hatte bereits Frankreich ein Gesetz mit Altersbeschränkungen für Social Media verabschiedet, auch weitere EU-Staaten planen ähnliches.
zeit.de

Mit seinem Gesicht werden seit Jahren gefälschte Medikamente und Wundermittel beworben. Eckart von Hirschhausen spricht über Deepfake-Betrug, seinen Kampf gegen den US-Konzern Meta und die Frage, warum echte Menschen schlechter geschützt sind als Geldscheine:
tube.funfacts.de

Cartoon-Arena

Die Bundesregierung will das Informationsfreiheitsgesetz „reformieren“ – also im Kern stark einschränken. Selbst in der SPD kritisieren einige Abgeordnete, die darin festgehaltene Auskunftspflicht der Regierung würde mit den vorgesehenen Änderungen de facto abgeschafft. Auch CORRECTIV positioniert sich klar für einen transparenten Staat, wie Sie hier nachlesen und unterstützen können.
Fünf Tage lang geht es nun in der Cartoon-Arena ebenfalls um das Informationsfreiheitsgesetzt und die Frage nach Transparenz – heute mit einem Beitrag von Stephan Rürup. Am Freitag können Sie wieder Ihren Lieblingscartoon wählen.
Diesen Cartoon teilen:

CORRECTIV.Faktenforum

Archivaufnahmen, ein schneller Jet oder ein Klon: Ein Bild von Gianni Infantino sorgt für Spekulationen auf TikTok. Es zeigt ihn angeblich bei zwei WM-Spielen gleichzeitig. Doch es ist eine plumpe Fälschung.
faktenforum.org
Endlich verständlich
Deutschland exportiert erstmals seit 2023 wieder mehr Strom, als es importiert. Die Stromimporte sanken um 15,5 Prozent. Gleichzeitig stiegen die Exporte um 20 Prozent. Mehr als die Hälfte des erzeugten Stroms stammt aus erneuerbaren Energien, vor allem durch einen Zuwachs bei der Windkraft.
zdfheute.de
So geht’s auch
Der Nachtzug zwischen Berlin und Paris hält jetzt auch in Hamburg. Die Hansestadt ist damit der einzige weitere Halt in Deutschland außer der Hauptstadt. Somit wird die Nachtzugverbindung zwischen Frankreich, Belgien und Deutschland weiter verstärkt, so das Bahnunternehmen ‚‚European Sleeper“. Im September will das Unternehmen zusätzlich eine Strecke zwischen Brüssel und Mailand anbieten.
spiegel.de
Fundstück
„Dito! “ ist zum Spiel des Jahres 2026 gekürt worden. Der indonesische Spieleautor Martin Ang ist damit der erste Spieleerfinder aus dem globalen Süden, der diese Auszeichnung erhält. In dem Party-Wortspiel kommt es darauf an, Übereinstimmungen mit Mitspielenden in einer Oberkategorie zu erraten.
n-tv.de
Am Samstag war ich auf dem Parteitag der AfD in Sachsen-Anhalt in Magdeburg. Wie auf allen Parteitagen der AfD wird die Presse in einen abgesperrten Bereich verfrachtet. Wenn man Glück hat, halten Delegierte an der Absperrung an, um kurz mit einem zu sprechen. Nicht so Spitzenkandidat Ulrich Siegmund: Er kam extra in den Pressebereich, um uns persönlich zu begrüßen. „Ah, CORRECTIV“, sagte er freundlich grinsend, als er meine Hand schüttelte.
Eine halbe Stunde später wusste ich auch, warum. In seiner Rede ließ Siegmund es sich nicht nehmen, von der Bühne aus ordentlich Medienschelte zu betreiben. Er sprach von „politischen Gegnern“ und wollte in dem Zusammenhang einen „besonderen Gast“ vorstellen: CORRECTIV. Der Saal johlte, alle Köpfe drehten sich, um mich ausfindig zu machen. Das Geheimtreffen in Potsdam, über das wir vor mehr als zwei Jahren berichteten, nannte er das „Potsdamer Kaffeekränzchen“. Er behauptete, die Menschen seien damals aufgewacht und würden erkennen, dass es sich um eine „abgehobene mediale Landschaft“ handele, die nur dazu diene, die AfD zu verhindern.
Dass die AfD uns überhaupt so wichtig nimmt, dass sie uns extra auf ihrem Parteitag erwähnt, spricht Bände. Und dass Siegmund die Geschichte so umdeutet, wie es ihm gerade passt, ist auch nicht verwunderlich. In einem Punkt gebe ich ihm sogar recht: Ja, die Menschen sind nach der Potsdam-Recherche aufgewacht. Millionen sind damals auf die Straße gegangen – nicht wegen eines „Kaffeekränzchens“, sondern weil sie verstanden haben, was auf dem Spiel steht, sollte diese Partei an die Regierung kommen.

Offiziell gelten die meisten Badestellen als sauber. Doch Recherchen von CORRECTIV offenbaren eine Lücke im Kontrollsystem. Die Karte zeigt: Chemische Schadstoffe belasten EU-weit tausende Badegewässer – teils mit Gesundheitsrisiken.
Auf der interaktiven Karte unter dem Link unten können Sie Badestellen in Ihrer Region oder an Ihrem Urlaubsort finden und abgleichen: Wie bewerten die Behörden die Badewasserqualität? Und wo gilt Schwimmen offiziell als unbedenklich, obwohl im Wasser Schadstoffe festgestellt wurden? Wichtig ist: Die Dosis macht das Gift. Eine chemische Belastung bedeutet deshalb nicht zwangsläufig ein Gesundheitsrisiko für Badegäste. Für Badestellen an Gewässern, die von den Behörden auf chemische Belastungen untersucht werden, zeigt die Karte zwar, welche Schadstoffe gefunden wurden – aber nicht, in welcher Konzentration. Denn diese genauen Messwerte aus ihren Wasserproben geben nur einige wenige Länder auf EU-Ebene weiter.
Zur Karte:
correctiv.org
An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Karolin Arnold, Tristan Devigne, Till Eckert, Sebastian Haupt und Elena Müller.
CORRECTIV arbeitet anders
Investigativer Journalismus braucht Zeit, Ausdauer und Geld. Gerade die wichtigsten Recherchen sind oft die aufwendigsten: langwierig, kompliziert, unbequem. CORRECTIV kann dranbleiben, weil Menschen wie Sie uns unterstützen – unabhängig, gemeinwohlorientiert und spendenfinanziert.


