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AfD

Höcke-Freunde und Parteijugend: Der völkische Kurs des neuen AfD-Vorstands

Auf ihrem Parteitag in Erfurt hat die AfD einen radikaleren Bundesvorstand gewählt. CORRECTIV stellt alle 14 Mitglieder vor: ihre Positionen, ihre Verbindungen – und wer künftig in der Partei den Ton angibt.

von Martin Böhmer , Isabel Knippel , Lena Köpsell

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Jünger und rechter: der neue AfD-Bundesvorstand, der beim Parteitag in Erfurt gewählt wurde. Collage: Ivo Mayr / CORRECTIV, Fotos: picture alliance

Jünger und rechter: Die AfD hat Anfang Juli auf dem Parteitag in Erfurt einen neuen Bundesvorstand gewählt. In dem 14-köpfigen Gremium finden sich neben langjährigen Vertrauten des völkischen Thüringer AfD-Chefs Björn Höcke auch zahlreiche jüngere Gesichter, die vor allem dem Netzwerk der wiedergewählten Parteichefin Alice Weidel zugerechnet werden. Mit sechs Mitgliedern ist fast die Hälfte neu im Vorstand. 

Viele von ihnen haben eine gemeinsame Vergangenheit: Sie waren aktiv in der Jungen Alternative (JA), der inzwischen aufgelösten Jugendorganisation der Partei, die der Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft hatte. Wer sind die 14 Mitglieder des neuen Vorstands – und wie völkisch ist ihr Weltbild? Ein Überblick. 

Alice Weidel (AfD)

Alice Weidel

• Bundessprecherin
• Baden-Württemberg
• gewählt mit 81 Prozent

Alice Weidel geht gestärkt aus der Wahl in den Bundesvorstand hervor: Die Co-Parteivorsitzende erreichte 11 Prozentpunkte mehr als ihr Co-Vorsitzender Tino Chrupalla, der Vorstand wurde zu ihren Gunsten besetzt. Darunter sind auch einige AfD–Funktionäre, die dem österreichischen Rechtsextremisten Martin Sellner inhaltlich nahestehen. Zu ihm hielt Alice Weidel bisher Distanz.

Doch nun sagte sie dem Antrag Björn Höckes, die Unvereinbarkeitsliste zu überarbeiten, zu – dem werde sich der neue Bundesvorstand annehmen. Auf der Unvereinbarkeitsliste stehen Organisationen, deren Mitglieder nicht in die Partei aufgenommen werden dürfen, darunter auch die Identitäre Bewegung, zu der Martin Sellner gehört. Bisher war ein solcher Vorschlag abgewiegelt worden.

Ein kürzlich erschienenes Gutachten zur AfD bescheinigt Weidel, seit Beginn ihrer Karriere „strategisch opportunistisch“ aufzutreten. So unterstützte sie 2017 ein Parteiausschlussverfahren gegen Höcke – sagte aber im vergangenen Jahr, das sei ein Fehler gewesen. Diese Entwicklung, sagt das Gutachten, zeugt von einer veränderten innerparteilichen Machtlage, und davon, wie nah Weidel völkisch-nationalistischen Positionen und Vertretern in der Partei inzwischen ist.

Der Einfluss des Münzenmaier-Netzwerks

Das Netzwerk um den rheinland-pfälzischen Bundestagsabgeordneten Sebastian Münzenmaier steht bereits seit mehreren Jahren unter Verdacht, politische Posten im Vorhinein abzusprechen. Sogar in Reden von Abgeordneten soll sein Einfluss inhaltlich spürbar sein. Auch auf dem Bundesparteitag 2026 in Erfurt wirkte es, als habe Münzenmaier im Hintergrund wichtige Fäden gezogen: Unter anderem besprach sich Weidel zwischendurch mit ihm, als es bei der Wahl eines Mitglieds in den Bundesvorstand zu Schwierigkeiten kam. Er selbst hat sich diesmal allerdings nicht für die Wahl aufstellen lassen.

Der Verfassungsschutz bemerkte bereits in seinem Gutachten aus 2025, dass Münzenmaier im Vorfeld maßgeblich an der Aufstellung der AfD-Kandidierenden für die Europawahl 2024 beteiligt gewesen sei. Das Netzwerk um ihn wirke „offensichtlich zielgerichtet und erfolgreich auf die Ausrichtung der Gesamtpartei“ ein. Es sei inhaltlich vergleichbar mit dem inzwischen offiziell aufgelösten „Flügel“ um Björn Höcke, jedoch besser organisiert.

Sebastian Münzenmaier hat nicht nur innerhalb der AfD enge Kontakte: In Mainz hat er das „Zentrum Rheinhessen“ aufgebaut, das der rheinland-pfälzische Innenminister Michael Ebling 2025 als „zentralen Baustein“ für „die Vernetzung der AfD mit der rechtsextremen Szene“ sieht. In den Räumlichkeiten des „Zentrums Rheinhessen“ organisierte Münzenmaier beispielsweise Treffen mit AfD-Mitgliedern, der Identitären Bewegung (IB) und rechtsextremen Burschenschaften. Innerhalb der AfD fällt er vor allem durch seine Nähe zur ehemaligen AfD-Jugendorganisation Junge Alternative und ihrer Nachfolgeorganisation Generation Deutschland auf.

Den Anschein einer liberalen Wirtschaftswissenschaftlerin verlor Weidel jedoch bereits 2017, als interne E-Mails von ihr publik wurden. Darin sprach sie von „kulturfremden Völkern“, die das Land überschwemmen würden. Außerdem sprach sie etwa im Bundestag von „Kopftuchmädchen, alimentierten Messer-Männern und anderen Taugenichtsen“. In ihren Reden und Beiträgen in den sozialen Netzwerken gibt es zahlreiche muslimfeindliche Ressentiments, etwa von einem angeblichen Dschihad auf deutschen Straßen.

Tino Chrupalla (AfD)

Tino Chrupalla

• Bundessprecher
• Sachsen
• gewählt mit 70 Prozent

Tino Chrupalla hat seinen Posten als Co-Bundessprecher behaupten können, doch er verlor an Zustimmung. Der Malermeister aus Sachsen wurde früher schon als „Kompromiss-Kandidat“ für das Amt des Sprechers bezeichnet, weil er nicht Teil des rechtsextremen Flügels um Björn Höcke war, von diesem aber geduldet und unterstützt wurde.

Chrupalla fiel bisher weniger mit extremen, völkischen Äußerungen auf, als mit Russland-freundlichen Aussagen und Behauptungen, Deutschland sei nicht souverän: So weigerte sich Chrupalla etwa Putin als „Kriegsverbrecher“ zu bezeichnen, wollte die Gas-Lieferungen aus Russland wieder aufnehmen, und im Dezember 2024 forderte er, die Bundesregierung solle Russland im Ukraine-Krieg als Sieger anerkennen. Kontrahenten wie Annalena Baerbock (Grüne), Friedrich Merz und Norbert Röttgen (beide CDU) bezeichnete er als „Vasallen Amerikas“.

Sven Tritschler (AfD)

Sven Tritschler

• Stellv. Bundessprecher
• Nordrhein-Westfalen
• gewählt mit 51 Prozent

„Remigration ist nicht verhandelbar“, machte Sven Tritschler auf dem Parteitag klar. Er setzte sich gegen den Konkurrenten aus seinem Bundesland, Kay Gottschalk, durch. Den gleichen Satz schrieb Tritschler, als er in Portugal an einem internationalen Treffen von Rechtsextremisten teilnahm, das Martin Sellner mitorganisiert hatte. Den „Remigration Summit 2026“ besuchte Tritschler mit einer Gefolgschaft aus der AfD-Jugendorganisation Generation Deutschland – und er posierte mit dem früheren Kommandeur US-amerikanischen Einwanderungsbehörde ICE, Greg Bovino.

Tritschler sitzt für die AfD im NRW-Landtag, er war zwischen 2015 und 2018 Bundesvorsitzender der mittlerweile aufgelösten Jungen Alternative. Alice Weidel persönlich hat ihn auf dem Parteitag für den Vorstand vorgeschlagen. Öffentlich zeigt er sich eng verzahnt mit der Parteijugend, setzt auf den dort beliebten Ton in schroffen Memes und auf Provokationen: Aktivistin Greta Thunberg diffamierte er in einem Bild im Hitler-Look und deutete ihren berühmten Spruch „How dare you?“ in „How dare jew?“ um. Er sprach bei einer viel-kritisierten AfD-„Aufräumaktion“ in Gelsenkirchen von einer „Z*g*unerhochburg“ oder sagte 2016 in einem Interview: „Ich sehe die islamische Kultur einfach nicht als gleichwertig an“.

Tritschler verbreitet außerdem die Erzählung über einen vermeintlichen „Bevölkerungsaustausch“ – Basis für die völkische Ideologie. Er bezeichnete 2022 FDP-Politiker in NRW als „Geschmeiß“ und löste eine diplomatische Krise mit Namibia aus, als er 2024 einen Kranz für deutsche Kolonialsoldaten niederlegte.

Stefan Möller (AfD)

Stefan Möller

• Stellv. Bundessprecher
• Thüringen
• gewählt mit 77 Prozent

Stefan Möller ist seit 2014 einer der beiden Landessprecher des Landesverbands Thüringen. Nach mehreren Jahren im Landtag ist er 2025 in den Bundestag eingezogen. Er gilt als engster Vertrauter von Björn Höcke. Den nannte er auf der Bühne ausdrücklich einen „Weggefährten und Freund“. Wegen ihm habe er auch eine „ziemlich fette Akte beim Verfassungsschutz“. Der thüringische Verfassungsschutz führt Möller als Rechtsextremisten.

Möller gehört zu einer Gruppe von Abgeordneten, die sich Ende Januar mit dem Rechtsextremisten Martin Sellner im Thüringer Landtag trafen. Sellner markiert in mehreren Veröffentlichungen und Vorträgen den Schutz der „ethnokulturellen Identität“ als zentrales Ziel der rechten Bewegung. Sein „Remigrationskonzept“, das auch auf „nicht-assimilierte“ deutsche Staatsbürger zielt, ordnet das Bundesverwaltungsgericht Leipzig als „menschenwürdewidrig“ und verfassungsfeindlich ein.

Der Kampfbegriff „Remigration“

Der Kampfbegriff „Remigration“ fußt auf völkischer Ideologie und wurde maßgeblich vom österreichischen Rechtsextremisten Martin Sellner geprägt. Sellner sieht den Schutz der „ethnokulturellen Identität“ als zentrales Ziel der rechten Bewegung. Sie wird ihm zufolge bedroht durch den angeblichen „Bevölkerungsaustausch“, eine Verschwörungserzählung, die behauptet, die einheimische Bevölkerung werde gezielt durch Einwanderer ersetzt. „Remigration“ wird von der rechten Bewegung als vermeintliche Lösung gegen dieses Scheinproblem beworben.

CORRECTIV hatte in der Recherche „Geheimplan gegen Deutschland“ Anfang Januar 2024 gezeigt, wie Sellner vor hochrangigen AfD-Funktionären die „Remigration“ auch für „nicht-assimilierte Staatsbürger“ vorschlug. Das macht das Konzept, das Sellner auch in anderen Zusammenhängen schildert, laut einer Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts Leipzig verfassungsfeindlich.

Seit dem Treffen in Potsdam macht die AfD „Remigration“ immer wieder zum Thema. Die Partei verwendet den Begriff zwar auch im Bundeswahlprogramm 2025, gibt ihm jedoch einen harmloseren Inhalt. Dort bezieht sich das Wort nicht auf Staatsbürger, sondern ist ein Synonym für die Abschiebung von Personen ohne gültigen Aufenthaltstitel.

Es gibt jedoch unzählige Posts in den Sozialen Medien von Vertretern des völkischen Lagers der Partei, die „millionenfache Remigration“ fordern. Der Staatsrechtler Markus Ogorek sagte gegenüber CORRECTIV, dass durch die schiere Zahl auch Staatsbürger mitgemeint sein müssen – was das Konzept  klar völkisch mache. Zudem suchen immer wieder Vertreterinnen und Vertreter der Partei öffentlich die Nähe zu Sellner.

Sollte es zu einem AfD-Verbotsverfahren kommen, dürfte die Frage, wie eng die AfD mit Sellner und seinem „Remigrationskonzept“ verbunden ist, eine zentrale Rolle spielen.

Diesem Konzept scheint Möller ebenfalls nahe zu stehen: Immer wieder unterscheidet er zwischen rechtlicher und kultureller Zugehörigkeit – zwischen Staatsbürgerschaft und einem vermeintlich „echten“ Deutschsein. Diese Unterscheidung ist ein zentraler Bezugspunkt der völkischen Ideologie, die auch Sellner vertritt: Sie setzt „Volk“ nicht mit Staatsbürgern gleich, sondern definiert Zugehörigkeit über vermeintlich gemeinsame kulturelle oder ethnische Merkmale. So schrieb Möller im Juli 2020 auf X: „Wenn man einen deutschen Pass hat, muss man noch lange kein Deutscher sein. Der Pass weist lediglich den Staatsbürger aus, Punkt.“ Und im November 2020 forderte er, Islamisten beim „Entzug der erschlichenen deutschen Staatsbürgerschaft“ zu helfen.

Katrin Ebner-Steiner (AfD)

Katrin Ebner-Steiner

• Stellv. Bundessprecherin
• Bayern
• gewählt mit 56 Prozent

Katrin Ebner-Steiner ist AfD-Fraktionsvorsitzende im Bayerischen Landtag und dafür bekannt, ihren Landesverband in seiner völkischen Ausrichtung maßgeblich mitzuprägen. Sie gilt als Vertraute von Thüringer AfD-Chef Björn Höcke.

Erst im Januar fiel sie damit auf, dass sie forderte, in Deutschland sollte sich eine Abschiebepolizei ähnlich der US-amerikanischen ICE zulegen. „Wir werden Abschiebungen zur Chefsache machen“, schrieb sie auf X. Bei einem Landesparteitag erklärte sie, die Partei  werde sich derer annehmen, die sich „den deutschen Pass erschlichen“ hätten. Die deutsche Staatsbürgerschaft, so Ebner-Steiner, sei „eine der wertvollsten auf der Welt“ gewesen, und werde „heute an alle Welt verramscht“. Passend dazu provozierte sie bei einer traditionellen bayerischen Faschingsveranstaltung mit Politikern aller Parteien mit einem Kostüm als „Abschiebepilotin“. 

Außerdem posierte sie bei Corona-Demos mit einem Demonstranten, der ein T-Shirt trug, auf dem ein nationalsozialistischer „Judenstern“ nachgebildet war, mit dem Slogan „Ich bin ein Impfgegner“. Für viele war das eine klare Holocaust-Verharmlosung.

Hannes Gnauck (AfD)

Hannes Gnauck

• Bundesschatzmeister
• Brandenburg
• gewählt mit 51 Prozent

Der neue AfD-Bundesschatzmeister stammt aus Brandenburg und war der letzte Vorsitzende der rechtsextremen Parteijugend Junge Alternative, bevor sie sich auflöste. Der Bundestagsabgeordnete war abseits seines Mandats Zeitsoldat und geriet in die Schlagzeilen, weil der Militärische Abschirmdienst (MAD) Gnauck laut eigener Aussage als „erkannten Extremisten“ einstufte. Ein Disziplinarverfahren der Bundeswehr gegen Gnauck wurde aus formellen Gründen eingestellt.

Auch der Verfassungsschutz führt Gnauck als Rechtsextremisten, weil er mit Aussagen auffiel wie: „Und wir müssen auch wieder entscheiden dürfen, wer überhaupt zu diesem Volk gehört und wer nicht. Es gehört mehr dazu, Deutscher zu sein, als einfach nur ’ne Staatsbürgerurkunde in der Hand zu haben.“ Gnauck unterscheidet also ebenfalls zwischen Staatsbürgern, was dem Grundgesetz entgegensteht. Er fordert, dass „eine halbe Million im Jahr“ Deutschland verlassen sollte.

Alexander Jungbluth (AfD)

Alexander Jungbluth

• Stellv. Bundesschatzmeister
• Rheinland-Pfalz
• gewählt mit 66 Prozent

Die Karriere des Europa-Abgeordneten aus Rheinland-Pfalz begann in einer rechtsextremen Burschenschaft: Jungbluth war bei der Bonner Burschenschaft Raczeks. Diese machte 2011 Schlagzeilen, weil sie für Mitglieder eine Art „Ariernachweis“ forderte, und Kontakte in andere rechtsextreme Kreise hält.

Auch Jungbluth nutzte Kontakte: Im Verein und Treffpunkt „Zentrum Rheinhessen“ des Bundestagsabgeordneten Münzenmaier folgte er etwa auf den Burschenschafter und Vorfeld-Vernetzer Philip Stein, dessen Kampagnen-Netzwerk Ein Prozent vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird. In seinem Büro im Europa-Parlament beschäftigt Jungbluth Reinhild Boßdorf, Anführerin der rechtsextremen Frauen-Gruppe Lukreta. In Sozialen Netzwerken fordert Jungbluth in zahlreichen Beiträgen „Remigration“.

Ähnlich wie Hannes Gnauck und Dennis Hohloch kam er über die rechtsextreme Parteijugend Junge Alternative zur AfD – auch heute dürfte das Band zwischen den früheren JA-Leuten noch stark sein.

Dennis Hohloch (AfD)

Dennis Hohloch

• Bundesschriftführer
• Brandenburg
• gewählt mit 82 Prozent

Dennis Hohloch ist parlamentarischer Geschäftsführer der AfD-Fraktion im Brandenburger Landtag und seit 2022 Mitglied des AfD-Bundesvorstands. Er war fünf Jahre lang Vorsitzender der Jungen Alternative. Der Brandenburger Verfassungsschutz stufte Hohloch bereits 2019 namentlich als Rechtsextremisten ein, noch bevor der ganze Landesverband 2025 als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft wurde.

In einer Arte-Dokumentation sprach Hohloch offen über die Zusammenarbeit mit rechtsextremen Organisationen wie der Identitären Bewegung. Diese Vernetzung sei notwendig, weil man „nicht nur im politischen Raum“ kämpfe, sondern einen „Kulturkampf“ führe, den Parteien „nicht alleine führen“ könnten, sagte Hohloch. Dass der Verfassungsschutz solche Gruppen als rechtsextrem einstuft, sei ihm „ehrlich gesagt egal“.

Auch Hohloch zeigt ein ethnisch-kulturelles Verständnis von Volk und Staatsbürgerschaft, das stark an das Sellnersche Gedankengut erinnert: Am 19. September 2023 schrieb er bei Facebook: „Bewahrheitet sich hier etwa die nächste ‚Verschwörungstheorie‘? Gefallen den Herrschenden die Wahlergebnisse nicht, wird das Wahlvolk ausgetauscht. Erst Kommunalwahlen, dann Landtagswahlen und zum Schluss Teilnahme an Bundestagswahlen für Asylbewerber?“ Den Einbürgerungsanspruch von Geflüchteten, die 2015 nach Deutschland gekommen waren, bezeichnete er zudem als „Angriff auf unser Volk“ und „Angriff auf unsere Demokratie“.

Marc Jongen (AfD)

Marc Jongen

• Beisitzer
• Baden-Württemberg
• gewählt mit 80 Prozent

Der Europa-Abgeordnete wurde häufig als „Parteiphilosoph“ oder „Chefideologe“ der AfD bezeichnet. Seit vielen Jahren bestimmt Jongen den Kurs mit, so schrieb er schon 2014 ein Manifest zum AfD-Kurs. Der frühere Dozent mit der deutschen und italienischen Staatsbürgerschaft wird dem Weidel-Lager zugerechnet.

Er vertritt einen radikalen Volksbegriff, der auch Staatsbürger in Fremde und Eigene teilt: „Die Identität des Volkes ist eine Mischung aus Herkunft, aus Kultur und aus rechtlichen Rahmenbedingungen. Der Pass alleine macht noch keinen Deutschen“, sagte Jongen in einem ZEIT-Interview. Er glaubt an eine Zerstörung des deutschen Volks, warnte schon 2016 vor einem vermeintlichen Bevölkerungsaustausch durch Migration und sprach 2017 von einer „Migranteninvasion“.

Martin Reichardt (AfD)

Martin Reichardt

• Beisitzer
• Sachsen-Anhalt
• gewählt mit 85 Prozent

Martin Reichardt machte Ende Juni von sich mit einem eindrücklichen Bild reden: Die Welt veröffentlichte ein Foto des Landesvorsitzenden aus Sachsen-Anhalt, wie er den „Hitler-Gruß“ zeigte. Nun sitzt er im Parteivorstand, sein Wahlergebnis von 85 Prozent zeigt: Der Großteil der Delegierten steht hinter ihm.

Der Bundestagsabgeordnete gehört zu den Funktionären der AfD, die das Weltbild vertreten, Deutschland würde von fremden Mächten bestimmt. So sprach er 2023 von einer „aus Amerika gesteuerten pädophilen grünen Clique“.

CORRECTIV.Sunlight

Diese Veröffentlichung ist Teil des Recherche-Projekts zu Politikerinnen und Politikern. Für mehr Transparenz blickt CORRECTIV.Sunlight auf Interessenkonflikte, Unklarheiten in der Biografie, auf Personennetze und politische Positionen – kurz: Auf alles, was Wählerinnen und Wähler interessiert, um ihre Wahlentscheidung zu treffen. Sie haben einen Hinweis? Dann schreiben Sie uns unter sunlight(at)correctiv.org oder nutzen Sie unseren anonymen Briefkasten.

Außerdem ist er Teil der sogenannten „Pokerrunde“, einer Gruppe von AfDlern aus Sachsen-Anhalt, die die Geschicke des Landesverbandes mitbestimmen sollen – und in dem Geschachere um Posten eine wichtige Rolle spielen. So wichtig, dass diese Abgeordneten ihre eigenen Verwandten zu ihren oder den Angestellten von anderen machten – was als sogenannte „Vetternwirtschafts-Affäre“ Anfang des Jahres publik wurde. Ab September sind solche sogenannten „Überkreuz-Anstellungen“ im Landtag tabu.

Heiko Scholz (AfD)

Heiko Scholz

• Beisitzer
• Hessen
• gewählt mit 89 Prozent

Der stellvertretende Landessprecher aus Hessen gilt in seinen Positionen als gemäßigt – zumindest für AfD-Verhältnisse. Er sorgte mit dafür, dass der rechtsextreme „Flügel“ in Hessen nicht mehr tätig werden durfte. Dennoch erwähnt auch der Bundesverfassungsschutz Scholz mehrfach im Gutachten: Nach dem Anschlag in Aschaffenburg forderte Scholz „Deshalb Remigration! Konsequente Remigration“ und die Ampel-Regierung bezeichnete er als „skrupelloses, machtbesetzendes Altparteienkartell“.

Micha Fehre (AfD)

Micha Fehre

• Beisitzer
• Niedersachsen
• gewählt mit 64 Prozent

Micha Fehre ist erst seit 2026 Vorsitzender der Generation Deutschland in Niedersachsen und wurde nun erstmals in den Bundesvorstand gewählt. Damit gehört er zu fünf Nachwuchspolitikern im neuen Bundesvorstand. Dass sein Landesverband vom Bundesverfassungsschutz als „gesichert rechtsextrem“ geführt wird, merkt man ihm an: Auf Instagram posieren er und Mitglieder der niedersächsischen Jugendorganisation mit Deutschlandflagge vor einem alten Baum und schreibt dazu „Fest wie uns’re Eichen halten alle Zeit wir stand“ – ein Zitat aus dem Niedersachsenlied, das wegen seines völkischen Bezugs besonders zur Zeit des Dritten Reiches beliebt war und heute als umstritten gilt, weil es viele Bevölkerungsgruppen ausschließt.

Völkisch zeigt sich Fehre, der ursprünglich aus Bayern kommt, auch in anderen Beiträgen in den Sozialen Netzwerken: „Sommer, Sonne, Remigration“ wünscht er beispielsweise mit einer niedersächsischen Mitstreiterin, die erst vor kurzem ins Visier der Behörden geriet, weil sie verbotene NS-Parolen des Thüringer Abgeordneten Björn Höcke wohlwollend kommentierte.

Maximilian Kneller (AfD)

Maximilian Kneller

• Beisitzer
• Nordrhein-Westfalen
• gewählt mit 73 Prozent

Maximilian Kneller ist erst 2025 vom Mitarbeiter zum Bundestagsabgeordneten aufgestiegen. Zuvor war er Referent der AfD-Landtagsfraktion Nordrhein-Westfalen. Er ist neu im Bundesvorstand. Gemeinsam mit Tritschler und Hohloch war Kneller Teil des Gründungsvorstands der Jungen Alternative in Nordrhein-Westfalen und später deren Vize.

2015 musste er den JA-Vorstand allerdings verlassen, nachdem er einer Frau von den Jungen Liberalen unter anderem mit dem „übelsten Hatefuck“ gedroht hatte. Die Behörden leitete daraufhin Ermittlungen gegen ihn ein, am Ende wurde er wegen Beleidigung zu 30 Tagessätzen verurteilt.

Im Januar 2026 postete Kneller gemeinsam mit Tritschler ein KI-generiertes Bild, das eine „Festnahme“ von der ehemaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte, das an die Entführung des ehemaligen venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro erinnerte. Das Gutachten der Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) sieht darin eine „Grundtendenz zur Strafverfolgung politischer Gegner“.

Jean-Pascal Hohm (AfD)

Jean-Pascal Hohm

• Beisitzer
• Brandenburg
• gewählt mit 79 Prozent

Der Chef der neuen AfD-Jugendorganisation Generation Deutschland, Jean-Pascal Hohm, sagte am Rande des Bundesparteitages in Erfurt, es gebe in Deutschland einen Bevölkerungsaustausch. Auch er nutzt also die rechtsextreme Verschwörungserzählung. Gleichzeitig sagte er offen, dass es Übereinstimmungen zwischen der AfD und der rechtsextremen Identitären Bewegung (IB) gebe, die Organisation halte er für „absolut legitim“.

Aus seiner Nähe zu dem österreichischen Rechtsextremisten Sellner, langjähriger Kopf der IB, hat Hohm nie einen Hehl gemacht: Mit seiner Forderung nach „millionenfacher Remigration“ bedient er das Sellner’sche Muster. Auch sprach er sich erst im Februar 2026 gegen ein Kontaktverbot für Parteimitglieder mit dem Identitären aus.

Unter seiner Führung hat sich die neu gegründete AfD-Jugend direkt radikalisiert: Die Jugendorganisation wird bereits seit kurz nach ihrer Gründung im November 2025 in zahlreichen Landesverbänden beobachtet. Und auch Hohm selbst ist kein unbeschriebenes Blatt. Bereits als Jugendlicher fiel er mit Verbindungen zu mitunter gewalttätigen rechtsextremen Ultra-Fanclubs in Cottbus auf und verlor auch deswegen bereits mehrfach seinen Job als Mitarbeiter von AfD-Abgeordneten.

Redaktion: Anna Kassin
Faktencheck: Anna Kassin
Collage: Ivo Mayr