Gerüchtekiller #14: Können beim Schielen die Augen stehen bleiben?
Beim Schielen bleiben die Augen stehen, sagen manche Eltern ihren Kindern. Der Mythos wurde vermutlich erfunden, um Kinder von Grimassen abzuhalten.
In unserer Rubrik „Gerüchtekiller“ gehen wir hartnäckigem Halbwissen und nicht totzukriegenden Gerüchten nach. Das hier ist Nummer 14.
Eltern und Großeltern sind häufig verkappte Augenärzte, die überzeugt sind, dass zu nah vor dem Fernseher zu sitzen viereckige Augen macht, Lesen bei schlechtem Licht schädlich sei, und aktives Schielen ebenfalls höchst gefährlich sein müsse. Viereckigkeit der Augen wäre ein medizinisches Novum und dass Lesen bei schlechtem Licht den Augen keineswegs schadet, haben wir bereits in Gerüchtekiller Nr. 4 erklärt. Aber was ist mit dem Schielen? Können die Augen wirklich in der Position stehen bleiben?
Hypothetisch könnten sie das tatsächlich. Aber das liegt dann nicht am absichtlichen Schielen. Klaus Rüther, Leiter des Ressorts für Neuro- und Kinderophthalmologie des Berufsverbands der Augenärzte, erklärt uns, dass es möglich wäre, dass ein ohnehin schon schiel-gefährdetes Kind mit einer entsprechenden Erkrankung, zum Beispiel einer Übersichtigkeit, zufällig genau in diesem Moment ein Schielen entwickelt. Rüther ist aber kein einziger Fall bekannt, bei dem das tatsächlich so passiert wäre. Und selbst wenn, sei das in der Regel augenärztlich behandelbar.

Damit ist die Behauptung der Eltern und Großeltern widerlegt. Das bestätigt uns auch Horst Helbig, Direktor der Augenklinik am Universitätsklinikum Regensburg und Pressesprecher der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft.
Weshalb können wir überhaupt schielen?
Dass wir, wie andere Menschenaffen auch, anatomisch überhaupt zum Schielen in der Lage sind, ist auch ein Argument dafür, dass Schielen keineswegs ein Gesundheitsrisiko ist – weil wir die Augen aus gutem Grund so positionieren können: Ohne die Fähigkeit, die Augen konvergent zu stellen, könnten wir nahe Objekte nicht fokussieren. Sei es, eine gepflückte Beere auf Schadstellen zu untersuchen, oder Worte in einem Buch zu lesen.
Eingerichtet hat die Natur diese Fähigkeit mit insgesamt sechs Muskeln, die das Auge bewegen. Funktionieren sie nicht richtig, kommt es zu einer Fehlstellung. Allerdings kann auch die Bindegewebsstruktur um das Auge herum sich verändern und so zu einer Fehlstellung der Augen führen. Das sei aber eher ein Phänomen des Alters, wie uns Rüther erklärt.
Absichtliches Schielen führt also nicht dazu, dass die Augen in der Position stehen bleiben. Weshalb Erziehungsberechtigte ihren Kindern das Schielen trotzdem verbieten, bleibt ein ungelüftetes Rätsel.
Redigatur: Max Bernhard, Sarah Thust
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