Wie steht es um unsere Doppelmoral?
Bunt wird es beim Berliner-CSD. Laut war die Debatte um Jens Spahn – und der schwulenfeindliche Hass gesellt sich bei beidem dazu.

Liebe Leserinnen und Leser,
CORRECTIV-Chefredakteur Justus von Daniels ist gerade im Sommerurlaub, weshalb ich Sie heute an dieser Stelle mit ins Wochenende nehmen darf. In den folgenden Wochen übernehmen dann meine Kolleginnen Lena Köpsell und Annika Joeres.
Heute wird es Berlin besonders bunt – ab dem Mittag zieht die große CSD-Parade durch die Stadt. In vielen Städten und Städtchen wurden die Paraden in den vergangenen Wochen bereits gefeiert, in Metropolen wie Köln ebenso wie in kleineren Kommunen wie dem 6000-Seelen-Ort Hohenlockstedt in Schleswig-Holstein.
Gemein ist ihnen allen, dass sie Sichtbarkeit und Toleranz für die LGBTQI+-Community und das queere Leben fördern wollen. Während des „Pride Month“ sind in der Öffentlichkeit immer besonders viele Regenbogenfahnen zu sehen, große Unternehmen wie die Deutsche Bahn zeigen ihre offene Haltung gerne in werbewirksamen Kampagnen.
Eine halbe Million Feiernde gegen 100 Neonazis
Aber wie schon in den vergangenen Jahren ruft auch in diesem Jahr so viel Farbe, Toleranz und Lebensfreude tiefbraunen Hass auf den Plan. Für den Berliner CSD haben die Neonazigruppen „Jägertruppe“ und „Deutsche Patrioten Voran“ Gegendemonstrationen angemeldet.
Das Tröstliche daran – es wird nicht nur eine farblich gänzlich uninspirierte, sondern auch traurige Veranstaltung: Laut Taz sind 100 Teilnehmende angekündigt – für den CSD hingegen werden in der Hauptstadt wie in den vergangenen Jahren rund 500.000 Menschen erwartet.
Doch auch wenn die homophoben Neonazis ein trauriger Haufen zu sein scheinen: Wie sieht es denn eigentlich bei uns als Durchschnittsbürgerinnen und -bürgern aus? Wie tolerant sind wir im Alltag, wenn es um die Rechte von Menschen mit einer anderen sexuellen Orientierung geht als der Mehrheitsgesellschaft?
Vielleicht war es nur eine Verfehlung zu viel, vielleicht ging es um mehr
Dass es damit vielleicht nicht so weit her ist, wie wir vielleicht vorgeben, zeigte sich aus meiner Sicht an DER Debatte der vergangenen Woche: Jens Spahn ist vom prominenten Posten des Unionsfraktionsführers zurückgetreten.
Seine Entscheidung, mit seinem Mann in den USA ein Kind durch eine Leihmutter austragen zu lassen, war nicht vereinbar mit seinen früheren politischen Entscheidungen. Er hatte noch im Februar mit seiner Partei dafür gestimmt, dass Leihmutterschaft in Deutschland illegal bleibt. Der Satz „Wasser predigen, Wein trinken“ war weithin zu lesen.
Für die meisten war es einfach die eine Verfehlung zu viel, die den CDU-Mann nun zu Fall brachte, nach den Skandalen um Maskendeals, fragwürdiger Immobilienfinanzierung und Spenden-Dinnern der vergangenen Jahre. Und die offensichtliche Doppelmoral, sein privates Glück – das ihm von Herzen gegönnt sei! – nicht mit seiner politischen Haltung überein bringen zu müssen.
Gefundenes Fressen für die Homophoben
Doch man könnte auch die Frage stellen, ob es eben jener Umstand war, der manchen extra sauer aufstieß: Dass sich zwei schwule Männer das Recht herausnehmen, einen Kinderwunsch zu haben und diesen zu realisieren – wenn auch auf kritikwürdige Weise. Schon in der Vergangenheit musste sich der seit langem offen schwul lebende Spitzenpolitiker Spahn mit Homophobie auseinandersetzen.
Und auch in der aktuellen Debatte ließ der schwulenfeindliche Hass nicht lange auf sich warten, die Kommentarspalten in den Sozialen Netzwerken sind voll davon. Inwieweit Homophobie beim Rückzug Spahns eine Rolle gespielt haben könnte, haben sich die Kolleginnen und Kollegen von Queer.de näher angeschaut, wie sie hier nachlesen können.
Auch unter unseren Leserinnen und Lesern gibt es solche, die finden, ein Mann, der einen Mann liebt und einen Kinderwunsch hegt, habe dazu kein Recht. Eine Leserin schrieb uns: „Wenn ich schwul/lesbisch bin muss ich mich damit abfinden, KEINE Kinder zu haben. Punkt!“ (Weitere, durchaus differenzierte Zuschriften zum Thema Leihmutterschaft hat CORRECTIV-Chefredakteurin Anette Dowideit im heutigen „Ganz persönlich“ zusammengetragen.)
Die Sache mit dem Wasser und dem Wein
Endet unsere Toleranz also dort, wo sie nicht beim Abstrakten bleibt und es um mehr geht, als an einem Sommertag die Regenbogenfahne zu schwenken und mit der queeren Community zu feiern?
Der Fall Spahn zeigt für mich, dass wir uns als Gesamtgesellschaft daran messen lassen müssen, ob wir aushalten, wenn ein Mensch seine Gleichberechtigung auch wirklich leben will. Sonst predigen auch wir weiter Wasser, obwohl wir längst Wein trinken. Und das schließt in letzter Konsequenz auch Spahn selbst ein. Schließlich nimmt er für sich selbst ein Recht heraus, das er anderen verwehrt.
Wie stehen Sie zu dem Thema? Finden Sie, es herrscht bereits genug Gleichberechtigung in Sachen sexueller Orientierung? Oder sehen Sie da – wie ich – noch ordentlich Nachholbedarf? Schreiben Sie mir: elena.mueller@correctiv.org.
Herzlich,
Ihre Elena Müller
22. Juli: Die Schüsse von München
Der 22. Juli 2016 versetzte München in einen Ausnahmezustand: Ein 18-Jähriger erschoss am Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen mit Migrationsgeschichte, darunter acht Jugendliche. Die vierteilige ZDF-Dokureihe „22. Juli: Die Schüsse von München“ rekonstruiert die Tat, verfolgt die Spuren des Täters in rechte Netzwerke und zeigt, warum das Attentat erst Jahre später als rechtsextrem eingeordnet wurde.
Das rechtsextreme Attentat von München (zdf.de)
Weniger oder mehr? Das ist Ihr neues Netto
Das Wort „Reform“ bestimmte die vergangenen Wochen die Schlagzeilen und wird es vermutlich auch noch weiter. Egal, ob bei Steuern, Rente, Pflege oder Gesundheit: Überall geht es um Reformen. Doch welche konkreten Auswirkungen haben diese eigentlich auf den eigenen Geldbeutel? Das lässt sich mit dem Reformrechner der Zeit ausrechnen.
Wie sich die Reformen auf Sie auswirken (€) (zeit.de)
Kryptokrieg – Wie Putin uns mit Bitcoins bekämpft
Warum geht Putin im Krieg gegen die Ukraine trotz westlicher Sanktionen nicht das Geld aus? Bei der Suche nach Antworten auf diese Frage taucht die ARD-Story in die digitale Welt der Krypto-Währungen ein. Die 44-minütige Dokumentation zeigt, wie Bitcoins in riesigen „Bitcoin-Farmen“ geschürft werden, wie fehlende Regulierungen zum Problem werden können und wie groß die geopolitische Rolle dieser Zahlungssysteme ist.
Welche Rolle spielen Krypto-Währungen für Russland? (ardmediathek.de)
„Ich kann auch in Latzhose Marmelade einkochen“
Auf Instagram inszenieren sogenannte „Tradwives“ das vermeintlich einfache, schöne und traditionelle Hausfrauen-Leben. Sie backen Brot und Kuchen und kümmern sich um die Kinder – lächelnd und im Kleidchen. Dass das nicht der Realität entspricht, machen die waschechten Landfrauen in diesem FAS-Text mehr als deutlich: „Ich kann auch in meiner Engelbert-Strauss-Latzhose Marmelade einkochen“, sagt dort eine 33-Jährige, die neben einem Bauernhof mit 170 Milchkühen auch einen Vier-Generationen-Haushalt schmeißt.
Von wegen traditionell – wie echte Landfrauen auf Tradwives blicken (€) (faz.de)
Inflation in Europa – warum wird das Leben immer teurer?
Lebensmittel, Strom, Heizkosten – alles ist in den vergangenen Jahren deutlich teurer geworden. Besonders Ereignisse wie die Corona-Pandemie, internationale Konflikte und immer höhere Energiepreise haben für eine gestiegene Inflation gesorgt. Das hat Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft – und den Alltag der Menschen. Darum geht es in dieser Woche im Podcast von #lensEU, produziert dieses Mal von telegram.hr in Kroatien. CORRECTIV.Europe war mit der Recherche zu Heizkosten zu Gast.
Hier geht es zur Episode auf Englisch und weiteren Sprachen (theaudiomarketplace.eu, Podcast)
Das Thema, das diese Woche die Gemüter im Land – und auch unserer Leserschaft – mehr als alle anderen Themen bewegte: Sollte Leihmutterschaft in Deutschland erlaubt werden? Es beschäftigte auch mich persönlich.
Als regelmäßige SPOTLIGHT-Leserinnen wissen Sie wahrscheinlich, dass ich drei Kinder habe. Was Sie aber noch nicht wissen, ist, dass es bis dahin ein langer, harter Weg war: Über Jahre hinweg warteten mein Mann und ich vergeblich auf Kinder, wir machten eine Menge Untersuchungen und Behandlungen durch, bis es dann auf einmal doch noch von selbst klappte. Und ich muss ganz ehrlich sagen: Vielleicht hätten wir sonst als letzten Strohhalm auch über Leihmutterschaft nachgedacht, so groß war unsere Sehnsucht.
Ich spreche und schreibe offen darüber, weil ich aus dieser Zeit weiß, wie alleine man sich fühlt – weil viele eben doch nicht über dieses Problem sprechen wollen.
Seit Anfang dieser Woche haben mich um die 100 E-Mails erreicht, und in vielen davon schildern vor allem Leserinnen ähnliche Erfahrungen: von ungewollter Kinderlosigkeit und von dem inneren Ringen, ob man sich mit diesem Schicksal nun abfinden muss.
Viele warfen die dahinterstehende Frage auf, ob es denn ein Recht auf ein genetisch eigenes Kind gebe? Und andere machten die Frage auf, die wiederum da noch hinter steht: In Zeiten, in denen es medizintechnisch möglich ist, alle körperlichen Defizite wegzuoptimieren – sei es das Übergewicht, das heute dank Abnehmspritze nicht mehr sein muss, sei es die krumme Nase, die man sich operieren lassen kann – darf und kann man sich da überhaupt noch erlauben, sich mit einer körperlichen Unzulänglichkeit wie der Unfähigkeit, Kinder zu bekommen, abfinden?
Viele andere von Ihnen schreiben, ihnen komme die Perspektive der Kinder in der öffentlichen Debatte viel zu kurz: Wenn sich Eltern – wie Jens Spahn und sein Ehemann Daniel Funke – gegen Geld ihren Lebenstraum erfüllen, dann sei doch – schreiben Sie – längst nicht gesagt, dass auch das Kind später ein traumhaftes Leben habe.
Das Thema ist derart vielschichtig, dass ich all Ihre klugen Gedanken hier nur anschneiden kann. Was ich aber sagen kann: Egal, ob Leihmutterschaft in Deutschland erlaubt wird oder nicht, es wird sie immer geben – weil die Sehnsucht bei vielen Menschen so groß ist, dass sie trotz inneren Ringens nicht davor zurückschrecken werden, den Leihmüttern diese Bürde aufzuerlegen.
Und übrigens: Ich glaube, die Debatte um den Standort Deutschland ist eine rein theoretische. Denn so lange es uns in Deutschland wirtschaftlich so vergleichsweise gut geht, werden viele diese fragwürdige „Dienstleistung“ ohnehin weiter im Ausland „einkaufen“ – weil es dort viel günstiger ist.

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An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Karolin Arnold und Elena Müller
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