CSD-Anschlag: Kritik an Vereinnahmung

Nach dem Anschlag auf den CSD in Berlin wehrt sich die queere Community dagegen, dass rechte Kräfte das Ereignis für eigene Ziele missbrauchen. Und sie fordert von der Bundesregierung besseren Schutz gegen den Hass – denn diese hatte zuletzt zahlreiche Projektmittel für queeres Leben gekürzt.

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Viele Menschen, mit denen ich vor und während des CSD in Berlin sprach, kennen das Gefühl: Ein Stück weit läuft immer die Sorge mit, dass etwas passieren könnte. Am späten Samstagabend wurde daraus Gewissheit. Ein offenbar islamistisch motivierter Terroranschlag forderte ein Todesopfer und zahlreiche Verletzte.

Knapp zwei Tage danach ist die politische Debatte in vollem Gange: Es geht um Gefährder, um Behördenversäumnisse und natürlich wieder einmal um Fragen der Herkunft. 

Besonders bitter für die queere Community ist an dieser Diskussion: Ausgerechnet Kräfte wie die AfD versuchen, aus dem Anschlag politisches Kapital zu schlagen. Diejenige Partei also, die seit Jahren Lesben, Schwule und trans Personen als Feindbild verwendet. Die immer wieder gegen den CSD polemisiert und die gesellschaftliche Uhr wieder zurückdrehen will – in eine Zeit ohne Ehe für alle.     

Gerade deshalb positionieren sich viele queere Menschen und Organisationen eindeutig: gegen solche populistischen Versuche, die Gesellschaft zu spalten. Und sie fordern von der Bundesregierung besseren Schutz, statt weiter Projektmittel für queeres Leben zu kürzen. Um beides geht es heute im Thema des Tages. 

Thema des Tages: CSD-Anschlag: Kritik an Vereinnahmung

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Kampf gegen Vereinnahmung von rechts
Doch wer aktuell die Stellungnahmen aus der queeren Community verfolgt, findet weniger Forderungen nach mehr polizeilichen Maßnahmen. Neben Trauer dominiert ein anderer Tenor: Der Wille, den Anschlag auf den CSD nicht von rechter Seite vereinnahmen zu lassen

Denn wie zumeist nach solchen Taten reagieren die Populisten mit dem typischen Muster: Sie versuchen, Migration generell verantwortlich zu machen – statt über Radikalisierung und Hass zu sprechen. Und sie versuchen, eine Staatsbürgerdebatte in den Diskurs zu drücken, weil der mutmaßliche Täter in Deutschland geboren ist und sich daher nicht in ein allzu einfaches Feindbild einpassen lässt. 

Berlin. Am Tatort haben Menschen Blumen niedergelegt, auf einem Schild steht „Wir lassen uns nicht spalten“. Foto: Picture Alliance / dts-Agentur | dts Nachrichtenagentur GmbH

Die Botschaft der queeren Community: gegen die Spaltung
Auf der Gedenkveranstaltung am Tag nach dem Anschlag herrscht ein anderer Ton. 

„Hinter solcher Gewalt steckt der Versuch, unsere Gesellschaft zu spalten und Menschen gegeneinander auszuspielen. Das werden wir als Berliner CSD nicht zulassen.“
Marcel Voges, Vorstand CSD 

Die zahlreichen Transparente und Schilder, die am Tatort oder bei Gedenkveranstaltungen zu sehen sind, tragen ähnliche Botschaften. „Wir lassen uns nicht spalten“, und „Hass ist tödlich“ ist dort zu lesen. Einige rechte und konservative Kommentatoren werfen der Community deshalb vor, sie würden das Problem „Islamismus“ nicht benennen – etwa, aus Angst, als rechts zu gelten. 

Doch diese Stimmen ignorieren, worum es vielen wirklich geht: Die Gefährdung der eigenen Lebensweise entsteht durch gesellschaftlich geschürten Hass. Von fundamental-religiöser Seite – und von rechter Seite. Beiden ist gemein, dass sie queeres Leben als Feindbild stilisieren und etwa vor angeblicher moralischer Verwahrlosung, dem Untergang der traditionellen Familie oder dem „verschwulten Westen“ warnen. 

Zahl der Angriffe gegen queere Menschen hat stark zugenommen
Es gibt ein weit verbreitetes Gefühl unter queeren Menschen, wieder verstärkt zur Zielscheibe zu werden. Auch die Daten sprechen eine klare Sprache: Von 2010 bis 2024 hat sich die Zahl der registrierten Straftaten im Bereich „Sexuelle Orientierung“ und „Geschlechtsbezogene Diversität“ nahezu verzehnfacht.

Dabei ist richtig, dass ein Teil der Queerfeindlichkeit von migrantisch jungen Männern ausgeht (mehr dazu hier), auf die sich die Debatte oft verengt. Doch ein gewichtiger Teil des Hasses kommt von rechts. 

Beispiel CSDs: 66 Prozent der CSDs, die 2025 in Ostdeutschland stattgefunden haben, und 38 Prozent der CSDs in Westdeutschland wurden angegriffen und/oder gestört. Die zentrale Tätergruppe dabei: Rechtsextreme, die für einen Gutteil der Taten verantwortlich sind.

AfD profitiert meist von Anschlägen
Beides ist gleichzeitig wahr. Vom fundamentalistischen Islamismus geht eine Gefahr für queeres Leben aus. Und: Vom Rechtsruck und deren Akteuren geht eine Gefahr für queeres Leben aus. 

Eine jüngere Studie zeigt: Oftmals profitiert ausgerechnet die AfD bei lokalen Wahlen von Anschlägen und Angriffen – selbst dann, wenn die Täter aus dem rechtsextremen Spektrum kamen.  

Nächste Runde im AfD-NRW-Machtkampf
Der Streit zwischen der Bundesspitze der AfD und dem nordrhein-westfälischen Landeschef Martin Vincentz geht weiter: Der Bundesvorstand der Partei hat nun ein Parteiordnungsverfahren gegen Vincentz und weitere Vertreter des Landesvorstands eröffnet. Auslöser sind Unstimmigkeiten bei der Listenaufstellung für die NRW-Landtagswahl 2027. Vor eineinhalb Wochen war der Machtkampf darüber zwischen dem – für AfD-Verhältnisse – gemäßigt geltenden Lager um Parteichef Vincentz und dem äußerst rechten Lager um den Bundestagsabgeordneten Matthias Helferich eskaliert.
sueddeutsche.de / correctiv.org

Mallorca protestiert gegen Massentourismus 
Zehntausende Mallorquiner protestierten am Sonntag in Palma de Mallorca gegen die Folgen des Tourismus. Sie fordern, den Fremdenverkehr auf der Insel einzuschränken. Besonders der Wohnungsmarkt leidet, weil viele Immobilien für Urlaubsunterkünfte genutzt werden. 2025 besuchten 13 Millionen Menschen die Insel – so viele wie nie zuvor. 
tagesschau.de

Alexander Dobrindt auf dem Weg zu einer Pressekonferenz
Innenminister Alexander Dobrindt forderte eine Reform des Verfassungsschutzes. (Archivfoto: Stefan Boness / Ipon / Picture Alliance)

So geht’s auch
Roms Kinos zeigen zwei Wochen lang kostenlos Filme. So sollen Menschen vor der Hitze geschützt werden. Geplant sind 22 Vorführungen in elf klimatisierten Kinos. Von dem Angebot profitieren vor allem Menschen mit wenig Geld. Das Projekt zeigt: Städte können Menschen mit einfachen Mitteln vor Hitze schützen.
wdr.de

Fundstück
2025 hat im Amazonasgebiet so wenig Waldfläche gebrannt wie seit Beginn der Aufzeichnungen vor 40 Jahren nicht mehr. Insgesamt waren 3,1 Millionen Hektar von Waldbränden betroffen. Das sind 80 Prozent weniger als im Vorjahr. Ein Grund ist die Zunahme der Wasserflächen im Amazonasgebiet. 
utopia.de


Angesichts der Waldbrände bei Bordeaux fühlt sich vermutlich gerade jeder Franzose und jede Französin so hilflos wie ich. Wenn selbst Löschflugzeuge kaum Wirkung erzielen – was bleibt dann noch? Ich lebe seit Jahren in Südfrankreich, nahe der italienischen Grenze, weit entfernt von diesen Flammen. Doch vor wenigen Jahren rieselte auch über meinem Gemüsegarten Asche vom Himmel, weil es im Nachbarort brannte. Damals spürte ich dieselbe Ohnmacht. 

Und so war ich fast erleichtert zu erfahren, dass wir doch etwas tun können. Natürlich indem wir etwas gegen die Klimakrise tun, die mit langen Trockenperioden solche Brände begünstigt. Wir müssen weniger Öl und weniger Gas verbrauchen.

Grafik: Sebastian Haupt

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Karolin Arnold, Tristan Devigne und Elena Müller.