Gefälschte Medienberichte etwa von ARD, Deutscher Welle oder Welt mit abstrusen Behauptungen zu den bevorstehenden Landtagswahlen und den Kandidierenden. Seit Wochen verbreitet eine russische Einfluss-Kampagne, die als Matrjoschka bekannt ist, solche Fakes in Sozialen Netzwerken.
Glaubt man Aufrufzahlen auf X, einzelnen Medienberichten oder Politikerinnen, erreichen die Beiträge der Kampagne Zehntausende. Eine CORRECTIV-Recherche zeigt jedoch: Eigentlich erreicht „Matrjoschka“ kaum jemanden. Laut Einschätzung von Expertinnen und dem Innenministerium legt die Kampagne es darauf an, dass Medien und Politik auf die Fakes verweisen – erst dadurch bekommen die prorussischen Narrative ihre Reichweite.
Die Matrjoschka-Kampagne läuft bereits seit 2023, die Vorgehensweise ist seitdem nahezu unverändert: Die Verantwortlichen streuen gefälschte Medienberichte, häufig mit pro-russischen Narrativen oder Falschbehauptungen über die Ukraine. Dafür nutzen sie die Logos echter Nachrichten-Organisationen, und die Gesichter von existierenden Journalistinnen und Journalisten oder auch Prominenten. In ihrer Vorgehensweise ähnelt sie damit einer anderen Kampagne namens „Doppelgänger“, über die CORRECTIV bereits mehrfach berichtet hat. Dabei zielt die Kampagne nicht nur auf Deutschland ab, zuletzt geriet etwa Armenien ins Visier. Russische Einflussnahme-Versuche blieben bei den Wahlen dort allerdings erfolglos.
Mitte August 2026 warnte das Bundesamt für Verfassungsschutz, dass sich die Kampagne auf die Landtagswahlen in Deutschland konzentriert: Erstmals stünden auch Landespolitiker und Kommunalpolitiker im Fokus der ausländischen Informationsmanipulation. „Betroffen sind insbesondere Politikerinnen und Politiker von Parteien, die politische Positionen vertreten, die nicht im Sinne der strategischen Interessen der Russischen Föderation liegen“, heißt es. Viele deutsche Medien haben über die Kampagne berichtet – genau darin könnte allerdings das Ziel von „Matrjoschka“ liegen.
Experte: Medienberichte sind „Matrjoschkas“ Maßstab für Erfolg
Neben den Beiträgen in Sozialen Netzwerken kontaktiert Matrjoschka gezielt Medien und Faktencheck-Redaktionen, auch CORRECTIV selbst ist Ziel, wie wir berichteten. In Emails wird auf die zuvor selbst gestreuten gefälschten Inhalte verwiesen und gebeten, diese zu prüfen. Das zeigt: Ziel ist es offenbar, Berichterstattung zu generieren.
Das bringt Medien in ein Dilemma: Gleichzeitig wollen sie über die „Matrjoschka“-Fakes aufklären, ihnen aber nicht neues Gewicht durch die Berichte verleihen.
Auch weitere Details legen nahe, dass die Verantwortlichen hinter „Matrjoschka“ eher auf Berichterstattung aus sind, und nicht unbedingt darauf, dass die Fakes in Sozialen Netzwerken direkt Menschen erreichen. Viele der gefälschten Berichte sind in englischer Sprache – auch wenn sie eigentlich von deutschen Medien stammen sollen, und auch die dazugehörigen Beiträge sind teils in völlig anderen Sprachen, wie etwa Spanisch oder Japanisch, verfasst.
Das Veröffentlichen in mehreren Sprachen, darunter auch Sprachen, die von der offensichtlichen Zielgruppe nicht gesprochen werden, erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass es Medienberichterstattung gebe, erklärt Darren Linvill von der Clemson University, der zu russischen Einflusskampagnen forscht. „Mehr Sprachen bedeuten mehr mögliche Medienberichte und ein größeres Publikum. Medienberichte sind Matrjoschkas Maßstab für den Erfolg“, so Linvill. Echte Menschen erreiche die Kampagne mit ihren Inhalten kaum.
Innenministerium: Kampagne hat „keine nennenswerte Resonanz“
Auch deutsche Behörden und weitere Expertinnen und Experten schätzen die Reichweite der Kampagne aktuell als gering ein: „Die meisten Beiträge wirken derart konstruiert, dass sie weniger auf eine Glaubhaftmachung der Inhalte abzielen dürften, als auf ein Aufgreifen und Multiplizieren im öffentlichen Raum durch Medien, Faktenchecker und politische Akteure,“ erklärt ein Sprecher des Innenministeriums auf Nachfrage. „Die Verbreitungsmuster deuten auf eine fast ausschließlich künstliche initiale Verstärkung hin, der dann keine nennenswerte weitere Resonanz folgt,“ so der Sprecher des BMI.
Auch Julia Smirnova des Center für Monitoring, Analyse und Strategie (Cemas) schätzt die „organische Reichweite“ und tatsächliche Wirkung der Kampagne aktuell als sehr gering ein. Die Beiträge in Sozialen Netzwerken haben zwar oft zehntausende Aufrufe, nach Einschätzung von Linvill, dem Innenministerium und Smirnova ist diese Reichweite aber genauso fake wie die Inhalte selbst.
Smirnova hat über 90 Beiträge der Kampagne analysiert, mit insgesamt mehr als elf Millionen Aufrufen. Cemas gehe davon aus, dass diese Zahl „ein Ergebnis künstlicher Amplifizierung“ sei und „nur wenige echte Menschen diese Posts gesehen oder geteilt haben“, erklärt die Expertin.
Linvill vermutet, dass diese zehntausenden Aufrufe gekauft sind – wenn die Profile, die die Kampagne verbreiten, nicht gerade russische Desinformation teilten, würden sie zum Beispiel Kryptowährungen oder Glücksspiel-Webseiten bewerben. Solche Bot-Interaktionen auf X könne man sich relativ einfach und günstig kaufen.
Wenn das Ziel von „Matrjoschka“ Medienberichterstattung ist, könnten die Verantwortlichen die aktuelle Kampagne zu den Landtagswahlen vermutlich trotzdem als Erfolg verbuchen: Über ein Dutzend Artikel sind in den vergangenen Wochen dazu erschienen.
Redigatur und Faktencheck: Martin Böhmer