AfD

Junge Türkeistämmige vor der Wahl: Enttäuscht von der Mitte, neugierig auf die AfD

Sie sind jung, in Berlin geboren, haben deutsche Pässe und wollen ein Land zurück, das ihre Großeltern als Gastarbeiter kennenlernten. Was sie erzählen, passt in kein Raster: Es geht um Mieten, um Ordnung, um ein Berlin von früher. Und um einen Satz, den wir immer wieder hörten: „Mich wird es nicht treffen.”

von Can Öztürk, Viera Zuborova

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Quelle: Can Öztürk / Collage von Viera Zuborova

Sie fürchten Migration, wirtschaftliche Unsicherheit und Kriminalität. Das Land habe seine Ordnung verloren, sagen sie, und sie wollen sie zurückhaben. Bei der 20. Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am 20. September werden sie die AfD wählen. Damit klingen sie wie mehrere Millionen andere Wählerinnen und Wähler in Deutschland. Der Unterschied: Sie sind türkeistämmig, die meisten von ihnen in Berlin geboren. Mit dem geordneten Deutschland, das sie wiederhaben wollen, meinen sie jenes, in dem ihre Großeltern als sogenannte Gastarbeiter ankamen. Ein Land, das damals darüber stritt, ob Menschen wie sie überhaupt bleiben durften.

Ende August und Anfang September haben wir in Neukölln, Kreuzberg, Wedding und Spandau 110 türkeistämmige Berlinerinnen und Berliner auf der Straße angesprochen, überwiegend junge Menschen. 25 blieben stehen und sprachen mit uns. 19 sagten uns, wie sie bei der Bundestagswahl im Februar 2025 gewählt hatten. Elf von ihnen wollen jetzt eine andere Partei wählen, zehn haben sich von der SPD oder der CDU abgewandt. Die meisten von ihnen geben ihre Stimme dieses Mal der AfD. Das sind keine Menschen, die eine neue Politik gefunden haben. Es sind Menschen, die eine alte verlassen. Was sie uns erzählt haben, sagt nichts darüber aus, wie eine ganze Community denkt. Es sagt etwas darüber aus, was ihnen die politische Mitte nicht mehr bietet.

Eine Schlange im Regen

Vor einem Späti am Kottbusser Tor erzählt Deniz, was sie umtreibt: Ein verregneter Nachmittag vor einigen Monaten, eine Wohnungsbesichtigung in Kreuzberg: ein kleines, heruntergekommenes Zimmer, für mehr als die Hälfte dessen, was sie im Monat nach Hause bringt. Über 110 Menschen seien dort gewesen, sagt sie. Die Berliner Wohnungssuche nennt sie brutal und demütigend, ein Spiel wie „Hunger Games“. In dieser Schlange habe sie etwas verstanden. Nicht über die Wohnung, über das Land: dass das politische Establishment Menschen wie sie vollständig aufgegeben habe und dass sanfte Reformen eine Lüge seien.

Sie ist 30, in Deutschland geboren, und lebt seit fast acht Jahren im selben Kiez in Kreuzberg. Als sie als junge Erwachsene hierher zog, sei es noch ein Ort gewesen, an dem Studierende, Künstlerinnen und Künstler sowie Arbeiterfamilien es sich gemeinsam leisten konnten, ein Leben aufzubauen. Sie benutzt das Wort verfallen, und sie meint es wörtlich: Man kann dabei zusehen, Tag für Tag.

Ihre Wahlbenachrichtigung kam vor etwa zwei Wochen. Briefwahl hat sie bewusst nicht beantragt. Sie will am 20. September ins Wahllokal gehen und persönlich abstimmen, weil es sich so entschiedener anfühle. Im Februar 2025 wählte sie Friedrich Merz und die CDU. Dann seufzt sie und spricht weiter, den Blick in die Ferne gerichtet. Diesmal stehe ihre Entscheidung endgültig fest. Sie wird die AfD wählen.

Leert sich die Mitte?

Neun der 25 Menschen, mit denen wir gesprochen haben, tendieren zur AfD, sieben von ihnen sagen, ihre Entscheidung stehe fest. Sechs dieser sieben hatten im Februar 2025 noch anders gewählt: drei die SPD, drei die CDU. Und eine Person hatte vorher schon AfD gewählt. Ungewöhnlich an Deniz‘ Entscheidung ist deshalb nicht, dass sie AfD wählt, sondern die Richtung, aus der sie kommt. Im vergangenen Jahr wählte sie die CDU.

Quelle: Quelle: Straßeninterviews in Neukölln, Kreuzberg, Wedding und Spandau, vom 31. August bis 6. September 2026. Qualitatives Porträt, keine repräsentative Umfrage. Jede Linie ist eine Person. 19 der 25 Befragten gaben bei der Bundestagswahl ihre Stimme ab.
Recherche: Can Öztürk, Viera Zuborova.

Niemand, mit dem wir gesprochen haben, hatte zuvor ein rechtes Weltbild. Alle kamen aus der politischen Mitte, viele hatten früher CDU, SPD oder gar nicht gewählt, und alle beschreiben Erschöpfung.

Caner, 28, sagt, die Regierung habe Wirtschaft und Zuwanderung gleichermaßen falsch gehandhabt. Süleyman, 33, wählte im Februar 2025 die CDU und hoffte auf eine Wende hin zu mehr Ordnung; sie blieb aus. Nil, 26, kam zu dem Schluss, dass auch die CDU die Sicherheitslage nicht in den Griff bekommt. Für sie alle hat sich nichts verändert: Die Preise stiegen weiter, die Verwaltung blieb starr.

Eine Person ging den umgekehrten Weg. Can, 29, aus Spandau, wählte vergangenes Jahr die CDU und wird in diesem Monat die SPD wählen. Rechtsextreme Erzählungen hätten begonnen, die Migrationsdebatte zu übernehmen und radikale Nicht-Lösungen anzubieten, sagt er. Migration sei ein reales Problem. Menschen wegzuschicken sei nicht die Antwort.

Für diese 25 Gespräche hat unser Reporter 110 Menschen angesprochen. Die Absagen waren nicht neutral, deshalb gehören sie in den Text und nicht in eine Fußnote. In Wedding warf der Inhaber eines Baklava-Ladens ihn hinaus; beinahe wäre es handgreiflich geworden, weil er nach einer Wahl gefragt hatte. In Spandau sagte ein türkischer Cafébesitzer sinngemäß, diese Stadt und dieses Land könnten ihm gestohlen bleiben, und wies ihm die Tür. In Kreuzberg sagte ein Mann, es sei ihm egal – in deutlicheren Worten. Zweimal warfen Menschen unserem Reporter vor, für den türkischen Geheimdienst MİT zu arbeiten. Beide beantworteten trotzdem jede Frage. Beide lehnten eine Tonaufnahme ab, für den Fall, dass sie in Ankara landen könnte.

Der Wettbewerb um Antworten 

Emre ist 28 und schneidet Haare in der Nähe des Leopoldplatzes in Wedding. Was in Berlin schiefläuft? Er sagt dasselbe wie Deniz: die Mieten. Er sieht dabei zu, wie die Gewerbemieten rund um seinen Laden steigen und Menschen mit kleinen Einkommen aus dem Viertel gedrängt werden, ohne dass die Stadt eingreift. Im Februar wählte er die SPD. Am 20. September wird er Die Linke wählen.

Derselbe Missstand, entgegengesetzte Politik. Dieser Unterschied ist nicht das Problem, er ist die Erklärung. Deniz sieht einen unbegrenzten Zuzug von Menschen in eine Stadt, in der es ohnehin an Wohnungen, Schulen und öffentlicher Infrastruktur fehlt, und eine politische Klasse, die sich weigert, das auszusprechen. Emre sieht den Druck von Konzernen auf Mieterinnen und Mieter und kleine Betriebe, und eine Regierung, die nicht handelt.

Dieses Muster zieht sich durch alle unsere Gespräche. Fünf Personen nennen Wohnen als ihr zentrales Problem. Kübra, 33, beobachtet, wie die Mieten auch in Spandau anziehen; sie würde AfD wählen, weil sie den Zuzug nach Berlin begrenzen will, um den Druck auf den Wohnungsmarkt zu senken. Furkan, 34, lebt im Wedding und würde Die Linke wählen. Serkan, 36, an der Turmstraße, würde die FDP wählen und macht eine verfehlte Haushaltspolitik verantwortlich. Ein Missstand, drei Lösungsversuche. Die Absicht, AfD zu wählen, sagt nichts über das Wesen dieser Menschen aus; die AfD gewinnt hier schlicht einen Wettbewerb um Antworten.

Quelle: 19 Befragte, denen die Frage nach dem aus ihrer Sicht größten Problem gestellt wurde. Recherche: Can Öztürk, Viera Zuborova.

Das Berlin von damals – und wie die AfD nostalgische Gefühle nutzt

Süleyman lebt seit fast dreißig Jahren in der Nähe der Moabiter Turmstraße; er kam mit seiner Familie nach Deutschland, als er noch sehr klein war.. Fragt man ihn, was mit der Stadt nicht stimmt, beginnt er nicht mit der Politik. Er beginnt mit einer Erinnerung.

Berlin habe damals funktioniert, sei diszipliniert und sicher gewesen. Heute sei es chaotisch. Sein Wendepunkt war kein einzelnes Ereignis, sondern ein Vergleich: das geordnete Viertel seiner Kindheit mit der Straße, durch die er heute geht. Er glaubt, die AfD könne dieses alte, funktionierende Deutschland zurückbringen.

Hasan, 26, in Kreuzberg geboren und am Kottbusser Tor zu Hause, sagt dasselbe über eine andere Straße: Das Viertel, das man heute sieht, ist nicht das, in dem er aufgewachsen ist. Deniz blickt nur acht Jahre zurück und kommt zum selben Ergebnis

Ceyda, 24, spricht über ein Berlin, das sicher und geordnet war, in dem das System funktionierte und die Straßen noch nicht abgedriftet waren. Daran erinnern kann sie sich nicht.. Dieses Berlin liegt vor ihrer Zeit. Sie beschreibt die Erzählungen ihrer Eltern. Wenn sie von ihrer Ankunft erzählen, sei das vollkommen anders als die Welt, in der sie heute lebt.

Acht Jahre, fünfzehn, dreißig – und ein Zeitraum, der bis vor die Geburt der Sprecherin zurückreicht. Die verlorene Stadt liegt immer unmittelbar hinter denen, die sie beschreiben.

Das ist kein Nebeneffekt der Anziehungskraft der AfD, es ist womöglich ihr Kern. Ein Forschungsteam um die Kommunikationswissenschaftlerin Lena Frischlich (Universität Münster) hat einen Algorithmus darauf trainiert, nostalgische Sprache in mehr als 4.000 Facebook-Posts deutscher Parteien zu erkennen. Sie fanden sie im gesamten politischen Spektrum, mit einem Unterschied: Bei der AfD häufte sich der nostalgische Ton dort, wo es um Geflüchtete und Migration ging. Das Angebot heißt Wiederherstellung – ein Land, wie es vor der Ankunft der Neuen war.

Ceydas goldenes Zeitalter kennt sie nur aus Erzählungen. Die Zeuginnen und Zeugen sind türkische Migrantinnen und Migranten, die ihre Ankunft in einem Land beschreiben, das damals darüber stritt, ob Menschen wie sie jemals dazugehören könnten.

Wen meinen Sie, wenn Sie von „den Ausländern“ sprechen?

Wir haben allen dieselbe Frage gestellt.

Hasan antwortete am sorgfältigsten. Er meine nicht die Eingewanderten, die hierhergekommen seien, sich an die Regeln gehalten, hart gearbeitet und sich integriert hätten, so wie ihre Familien es getan hätten. Er meine diejenigen, die ankommen, sich weigern, deutsches Recht zu achten, und Chaos ins Viertel bringen.

Ceyda meint die jüngste Welle, die das System belaste, statt sich zu integrieren. Caner meint die Gruppe, die die Wirtschaft ausnutze, ohne etwas beizutragen. Süleyman meint ausdrücklich diejenigen, die die öffentliche Ordnung zerstörten, und nicht die Eingewanderten, die hart gearbeitet und dieses Land aufgebaut hätten. Deniz sagt dasselbe und nimmt die Generation ihrer Eltern und Großeltern als Vergleichsmaßstab.

Sechs Personen, vier Bezirke, eine Grenze. Sie verläuft nie zwischen Deutschen und Ausländern, sondern zwischen denen, die sich ihren Platz verdient haben, und denen, die das nicht getan haben. Die Gastarbeitergeneration ist immer der Maßstab, an dem die Neuankömmlinge scheitern.

Diese Linie gehört aber keiner einzelnen Partei. Cansu, 25, die FDP wählt, zieht sie mit fast denselben Worten. Ebenso Mert, 26, der CDU wählt und die AfD ausdrücklich ablehnt, weil sie ihr Programm auf pauschale Ausländerfeindlichkeit baue – und der uns dann sagt, die Leute, die er meint, gehörten beim ersten Anzeichen von Ärger abgeschoben.

Andere verweigern die Frage ganz, und zwar in auffallend ähnlichen Worten. İrem, 29, sagt, Berlin sei multikulturell, und jeder unterschiedliche Mensch mache die Stadt erst vollständig. Dilek, 35, vermeidet bewusst spaltende Etiketten. Ahmet, 37, weist darauf hin, dass niemand seine Heimat verlässt, wenn ihn nicht Krieg oder wirtschaftlicher Zusammenbruch dazu zwingt.

Mich wird es nicht treffen

Als Letztes haben wir allen die folgende Frage gestellt: Was, glauben Sie, würde diese Partei mit jemandem wie Ihnen machen?

Die Antworten waren im gesamten Projekt am einheitlichsten. Ceyda: Nichts. Und wenn uns nicht gefalle, was sie täten, wählten wir sie wieder ab. Nil: keine Gefahr für gesetzestreue Bürgerinnen und Bürger, die hier geboren und aufgewachsen sind. Caner: als arbeitender, gesetzestreuer deutscher Staatsbürger keine Nachteile. Süleyman: nichts Schlimmes; er sei hier aufgewachsen, arbeite, zahle Steuern, halte sich an die Gesetze. Hasan: Härtere Polizeiarbeit schützt Menschen wie ihn mehr als alle anderen. Deniz: Die Partei hat kein Interesse daran, integrierte, produktive Bürgerinnen und Bürger ins Visier zu nehmen, unabhängig von der Herkunft ihrer Familie.

Zwei junge Männer bei einer Wahlkampfveranstaltung der AfD im Berliner Bezirk Marzahn am 9. September 2026. Quelle: Can Öztürk

Entscheidend ist, was in diesen Sätzen fehlt. Alle Befragten besitzen einen deutschen Pass, doch niemand beruft sich darauf. Niemand sagt: Ich gehöre hierher, weil ich Staatsbürger bin. Stattdessen begründen alle ihre Zugehörigkeit mit Verhalten: arbeiten, Steuern zahlen, sich anpassen. Das ist der Widerspruch: Sie verfügen über ein Recht, das an keine Bedingung geknüpft ist, und beschreiben ihre Sicherheit trotzdem als etwas Verdientes, das an Bedingungen hängt. Wer Zugehörigkeit so versteht, akzeptiert damit auch, dass diese Zugehörigkeit wieder entzogen werden kann.

Genau das ist in der AfD selbst umstritten. Das „Remigrations“-Konzept, das der Rechtsextremist Martin Sellner Ende 2023 in Potsdam vor AfD-Funktionären vortrug, zielt ausdrücklich auch auf „nicht assimilierte Staatsbürger“ ab. Warum? Weil sie laut Sellner „ethnisch“ wählen würden. Damit meint er, dass Menschen mit Migrationsgeschichte mehrheitlich für migrationsfreundliche Parteien stimmen würden. Um das zu verhindern, könnte seinem Konzept nach die Staatsbürgerschaft entzogen werden. Das Bundesverwaltungsgericht hat es deshalb als verfassungsfeindlich eingestuft. Der AfD-Abgeordnete Maximilian Krah fordert inzwischen „Finger weg von den Staatsbürgern“ , nicht aus Prinzip, sondern weil die Partei um genau diese Wähler werben will. Im Sommer sprach er bei The Pioneer vom „AMG-Erkan“, dem jungen, konservativen Mann mit Migrationshintergrund, der ihm lieber sei als der linke „Soja-Sören“; ohne solche Wähler sei das Ruhrgebiet nicht zu holen. Welches Lager sich durchsetzt, ist offen. Ceyda, Hasan und Deniz wählen also eine Partei, die noch verhandelt, ob sie für sie Ziel oder Zielgruppe ist.

Zwei der jüngeren Männer, die wir befragt haben, tragen diesen Widerspruch offen vor sich her. Ömer, 21, dessen Vater in der Türkei politisch der nationalistischen MHP nahestand, sagt, er stehe der AfD näher und sei bei vielem anderer Meinung als sie. Gefragt, wen die Partei als Eingewanderten zähle, weicht er nicht aus: Er sei hier geboren und arbeite hier, und trotzdem könnten Menschen ihn wegen seines Nachnamens für einen Eingewanderten halten. Die AfD selbst vertrete dazu unterschiedliche Auffassungen, fügt er hinzu.

Mert, 22, sagt es unverblümt. Er sehe den Widerspruch und könne nicht behaupten, hinter jeder Aussage zu stehen. Er wählt die Partei wegen dem, was er von den anderen hält. Keiner der beiden behauptet, die Partei würde ihn in Ruhe lassen. Beide sagen, die Frage sei offen, und wählen sie trotzdem.

Gleicher Bezirk, andere Wirklichkeiten

Ob jemand die extreme Rechte als Bedrohung empfindet, hängt in unseren Gesprächen weniger vom Wohnort ab als davon, ob er sich für geschützt hält. Wählerinnen und Wähler wie Hasan oder Deniz glauben, ihre Integration schütze sie vor rechtsextremer Feindseligkeit: Wer arbeitet und sich anpasst, sei nicht gemeint.

Gewerbetreibende im selben Bezirk sehen das anders, weil sie täglich erleben, dass diese Unterscheidung von außen nicht gemacht wird. Für Alperen, 33, der in Kreuzberg einen Dönerladen führt, ist der Aufstieg der extremen Rechten keine abstrakte Debatte, sondern alltägliche Diskriminierung an der Ladentheke. Mehmet, 29, bringt den Denkfehler auf den Punkt: In rechtsextremer Rhetorik gebe es keinen Unterschied zwischen einem Geschäftsinhaber der zweiten Generation und einem gerade angekommenen Asylsuchenden. Der Schutz, auf den Hasan und Deniz vertrauen, existiert in dieser Logik nicht.

Auch eine zweite naheliegende Annahme bestätigt sich nicht: dass Menschen, die selbst Gewalt erlebt haben, deshalb nach rechts rücken. Mert, 26, dessen Bruder bei einem Messerangriff vor der eigenen Haustür im Gesicht verletzt wurde, hat mehr unmittelbare Gewalt erlebt als fast alle anderen, mit denen wir gesprochen haben. Er lehnt die AfD ausdrücklich ab. Elif, 25, meidet das Kottbusser Tor nachts, hat aber beobachtet, wie rechtsextreme Gruppen genau diese Angst für sich nutzen, und daraus den Schluss gezogen, ihnen nicht das Feld zu überlassen. Angst und Kriminalität sind auf diesen Straßen real. Welche Partei daraus folgt, ist damit noch nicht entschieden.

Neun unserer 25 Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner tendieren zur AfD. Das ist keine Messung, und es wäre unverantwortlich, sie als solche auszugeben. Die Umfragedaten zeigen: das Potenzial der AfD in dieser Wählergruppe ist nicht unerschöpflich.. Der Wahlmonitor 2025 der Konrad-Adenauer-Stiftung beziffert die Unterstützung für die AfD unter türkeistämmigen Wählerinnen und Wählern auf acht Prozent, gleichauf mit den Grünen. Erstmals liegt der Wert oberhalb des statistischen Rauschens, von einem Durchbruch ist er weit entfernt. Das DeZIM-Institut ermittelte für die AfD unter türkei- und MENA-stämmigen Wählerinnen und Wählern ein maximales Potenzial von 19,7 Prozent, gegenüber 72,3 Prozent für die SPD.

Unsere Straßeninterviews zeigen dennoch eine geografische und politische Kluft. Die Folgeuntersuchung des DeZIM passt dazu: Keine einzige Partei gewinnt bei diesen Wählerinnen und Wählern an Boden. Hier dreht sich keine Bevölkerungsgruppe geschlossen nach rechts. Eine politische Heimat leert sich, und die AfD rückt in die Lücke nach.

Alle, die wir befragt haben, besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft und wollen wählen gehen. Hier wird eine strukturelle Realität sichtbar: Was ist mit denjenigen, die keinen deutschen Pass haben? Das Berliner Wahlrecht: Das Berliner Wahlrecht schließt türkische Staatsangehörige ohne deutschen Pass sowohl von der Wahl zum Abgeordnetenhaus als auch von den Bezirkswahlen aus. Zehntausende Menschen, die seit Langem hier leben, haben am 20. September keine Stimme.

Diese Grenze verschiebt sich rasch. Die Staatsbürgerschaftsreform vom Juni 2024 erlaubte die doppelte Staatsangehörigkeit und verkürzte die erforderliche Aufenthaltsdauer von acht auf fünf Jahre. Die Zahl der Einbürgerungen türkischer Staatsangehöriger verdoppelte sich 2024 und stieg 2025 um weitere 51 Prozent.

Während die Wählerinnen und Wähler in diesem Text bereits in der Wahlkabine stehen, rückt hinter ihnen eine weitaus größere Gruppe nach. In keiner Umfrage erfasst und in schneller Folge eingebürgert, wird diese wachsende Wählerschaft bald Ergebnisse mitbestimmen, auf die sie derzeit rechtlich keinen Einfluss hat.

Eine Wählerschaft ohne politische Heimat

Eine Woche lang türkeistämmige Berlinerinnen und Berliner nach ihrer Wahlentscheidung zu fragen, zeigt vor allem, wie wenig diese Entscheidungen in die Raster der Redaktionsdebatten passen. Was die Wechsel antreibt, sind nüchterner Pragmatismus und alltägliche Reibung, nicht Doktrin oder Parteiprogramm. Wenn jemand von der Mitte zur AfD wandert oder, wie Can in Spandau, wieder zurückkehrt, steht dahinter eine Forderung nach Ordnung, der Wunsch nach Entlastung auf einem unnachgiebigen Wohnungsmarkt oder die Bitte um sicherere Straßen. Die meisten können weder Kandidatinnen und Kandidaten noch konkrete Vorhaben benennen. Sie folgen der Sehnsucht nach einem „alten Berlin“, das es so vielleicht nicht mehr gibt.

Alle 25 Menschen, mit denen wir gesprochen haben, gehören bereits zur Wählerschaft; hinter ihnen steht eine deutlich größere Gruppe ohne Wahlrecht. Diese Gespräche zeigen keine Community, die sich geschlossen in eine Richtung bewegt, sondern eine Wählerschaft, die sich im Stich gelassen fühlt. Je näher der 20. September rückt, desto weniger geht es um die Frage, wer diese Stimmen gewinnt, und umso mehr darum, wie still die politische Mitte für jene geworden ist, die ihr jahrzehntelang vertraut haben.

Zwischen dem 31. August und dem 6. September haben wir in Neukölln, Kreuzberg, Wedding und Spandau 110 Menschen angesprochen; 25 waren zu einem Gespräch bereit. In diesen Bezirken ist der Anteil der türkeistämmigen Bevölkerung im Vergleich zu anderen Stadtteilen höher. Das ist ein qualitatives Porträt, keine repräsentative Umfrage: Straßeninterviews wählen naturgemäß jene Menschen aus, die eine deutliche Meinung haben und bereit sind, sie zu äußern. Wir haben mit zwei Fragensets gearbeitet: 13 Fragen zu lokalen Themen und zur Wahlabsicht, 12 Fragen zur Migrationsgeschichte der Familie, zur Zugehörigkeit und zu Verschiebungen zwischen den Generationen. Sechs Befragte haben uns auf die Frage nach ihrer Stimme im Februar 2025 nicht geantwortet; für die Daten zum Parteiwechsel bleiben damit 19 Vergleichsfälle. Alle 25 besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft oder gaben an, sie zu besitzen.

Die Interviews wurden auf Türkisch geführt und von Can Öztürk übersetzt. Die Teilnehmenden wurden darüber informiert, wie ihre Aussagen verwendet werden. Von den 85 Personen, die ablehnten, baten zwei darum, nicht mit Ton aufgezeichnet zu werden, weil sie eine Überwachung durch den türkischen Geheimdienst MİT befürchteten; ihre Identität und ihr Aufenthaltsort bleiben vertraulich.

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Can Dündar war Chefredakteur der türkischen Zeitung Cumhuriyet, als sich die Regeln änderten. Es folgten Haft, Anklage und ein Attentat vor dem Gerichtsgebäude. Heute lebt er im Berliner Exil. In „Warnung an Deutschland“ schreibt er zusammen mit seinem CORRECTIV-Kollegen Marcus Bensmann darüber, woran man erkennt, dass eine Demokratie kippt, und ab wann Zugehörigkeit aufhört, selbstverständlich zu sein.


112 Seiten, mit einem Vorwort von Claus Kleber. Erschienen im CORRECTIV-Verlag, erhältlich in unserem Shop und in jeder Buchhandlung

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Redigatur: Minou Becker, Rebekka Schäfer

Fotos: Can Öztürk