
Hier finden Sie unseren neuen Podcast „Was zählt“, der das Wichtigste des Tages für Sie jetzt auch zum Hören aufbereitet. Er ist auch auf Spotify, Amazon Music, Deezer und Apple Podcasts abrufbar.
Liebe Leserinnen und Leser,
leider haben wir es diesmal nicht gestemmt bekommen, eine eigene Wahlanalyse-Sendung auf die Beine zu stellen – so wie vor zwei Wochen bei der Sachsen-Anhalt-Wahl. Als ich gestern Abend vor dem Fernseher saß, dachte ich allerdings: Wir hätten es besser wieder gemacht.
Ich habe mich mehrmals darüber geärgert, wie einige Politiker, die bei den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin schlecht abschnitten, das Ergebnis mit nichtssagenden Floskeln quittierten – so als gehe es darum, den Ausgang eines Fußballspiels zu kommentieren und nicht die politische Zukunft des Landes: Wir müssen uns jetzt beraten, der Ball ist rund und nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Und dann Friedrich Merz, der schon um kurz nach 18 Uhr ankündigte, trotz allem Bundestrainer – Entschuldigung: -kanzler – bleiben zu wollen. Was am Auftritt des Kanzlers bemerkenswert ist und warum er an den Bedürfnissen der Menschen vorbeiredet, ordnet in diesem frisch erschienenen Video Kommunikationsexperte Michael Cramer ein.

Es gab ein paar positive Ausreißer, fand ich: Manuela Schwesig in MV erschien mir authentisch, ebenso der Berliner Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf. Aber sonst? Im Thema des Tages geht es um das Wahlergebnis – und um die Frage: Lassen sich die Wahlsiege der Linken in Berlin und der AfD in Mecklenburg-Vorpommern vor allem mit einer Sehnsucht nach echten Menschen in der Politik beantworten?
Wie sehen Sie es? Schreiben Sie mir: anette.dowideit@correctiv.org.
Thema des Tages: Echte Menschen in der Politik gesucht
Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste
Neueste CORRECTIV-Recherchen: Gelsenkirchen: Dubiose Mitglieder in Junger Union
Fun Facts – der satirische Blick auf die Nachrichtenlage: Darum ist der Kanzler genial
Faktencheck: Video von zerschnittenen AfD-Stimmzetteln in Berlin ist eine Fälschung
Zuerst die Zahlen:
In Mecklenburg-Vorpommern ging die AfD als Wahlsiegerin aus den Landtagswahlen hervor, sie erhielt 38,2 Prozent der Stimmen und liegt damit vor der bisher stärksten Partei SPD, die 35,5 Prozent der Stimmen bekam. Ein Desaster war die Wahl vor allem für die CDU, die mit 4,9 Prozent nicht mehr im Landtag vertreten sein wird. Die realistische Regierungsoption ist ein Bündnis der SPD mit Linken und Grünen.
In Berlin gewann die Linke die Wahl, und zwar deutlich: Sie holte 25,7 Prozent der Stimmen – und die zuvor stärkste Partei CDU holte 18,8 Prozent. Es ist aber noch nicht ausgemacht, dass die Linke in Regierungsverantwortung kommt. Denn theoretisch könnten auch CDU, SPD und Grüne gemeinsam eine Koalition bilden.
Was zum Wahlausgang beitrug:
Spannend und wichtig sind hier vor allem zwei Wählergruppen.
Zum einen die Nichtwähler: In Berlin gelang es der Linken um Spitzenkandidatin Elif Eralp, rund 75.000 Menschen an die Wahlurnen zu holen, die zuvor nicht gewählt hatten. In Mecklenburg-Vorpommern mobilisierte die AfD 67.000 bisherige Nichtwähler. Schon vor zwei Wochen in Sachsen-Anhalt hatte diese Mobilisierung einen wesentlichen Anteil am Wahlerfolg der AfD gehabt.

Zum anderen die jungen Leute: In MV wählten 37 Prozent der 16- bis 24-Jährigen laut Forschungsgruppe Wahlen die AfD. Und in Berlin gab fast die Hälfte der unter 30-Jährigen ihre Stimme den Linken. (Siehe dazu auch die Grafik des Tages)
Was beide Gewinner gemeinsam haben:
Sie stehen für „Disruption“, wie man neudeutsch sagt – also für einen radikalen Kurswechsel in der Politik. Die Linke punktete in Berlin mit dem Hauptstadt-Reizthema Mieten und Wohnen. Als größte Stadt Deutschlands hat Berlin seit vielen Jahren deutlich größere Probleme damit, bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung zu stellen als andere Ballungsräume.
Die Linke versprach im Wahlkampf, dieses Problem durch radikale Eingriffe in den Wohnungsmarkt in den Griff zu bekommen. Sie will große Immobilienkonzerne enteignen. Das wäre ein krasser Eingriff in die Marktwirtschaft – den aber offenbar viele Wählerinnen und Wähler angesichts der Wohnungsmisere bereit sind, mitzutragen.
Über das Verständnis der AfD von Disruption („Remigration“ etc.) müssen wir an dieser Stelle wohl nicht noch einmal eingehen.
Unter dem Strich:
Viele Menschen im Land – gerade auch junge Menschen – sind offenbar der Ansicht, dass sich Dinge grundlegend ändern müssten. Sie wünschen sich klare Kante, Menschen in der Politik, die nicht mit Floskeln arbeiten, sondern Haltung zeigen.
Elif Eralp in Berlin ist das derzeit beste Beispiel dafür, viele halten sie für glaubhaft und damit wählbar. So viele berechtigte Kritikpunkte es an der Politik der Linken gibt, stellt sich der CDU, die ihre Felle zunehmend wegschwimmen sieht, jetzt aber eine wichtige Frage: Will sie weiterhin mit derselben Energie an beiden Fronten kämpfen – also gleichermaßen gegen AfD und Linke?
Derzeit nämlich verbietet der sogenannte Unvereinbarkeitsbeschluss, den die CDU 2018 bei einem Bundesparteitag fasste, eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei ebenso kategorisch wie die mit der AfD. Dabei ist eine der Parteien vom Verfassungsschutz zum Teil als gesichert rechtsextremistisch eingestuft, die andere aber nicht.
Noch mal: Die Linke vertritt an vielen Stellen problematische Positionen – die je nach Landesverband unterschiedlich stark ausgeprägt sind (Stichwort: blinde Flecken bei antisemitischen Strömungen). Doch die politische Lage im Land erfordert für die Volksparteien, gerade für die CDU, auch Differenzierung.
Putins Partei gewinnt in Russland
Die Partei Geeintes Russland von Wladimir Putin hat die Parlamentswahl erwartungsgemäß gewonnen. Nach dem Ausschluss der Antikriegspartei Jabloko kam sie auf 57,8 Prozent. Auf Platz zwei landete die kommunistische Partei mit 13,8 Prozent. Die Wahl in Russland gilt als undemokratisch und unfrei.
zeit.de
Ex-Verkehrsminister steht vor Gericht
Der Prozess gegen den früheren Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hat begonnen. Im Kern geht es um widersprüchliche Aussagen Scheuers zum Aus der Pkw-Maut. Konkret wird verhandelt, dass Scheuer einen Millionenvertrag mit Mautbetreibern unterschrieben hatte, bevor das Europäische Gericht sein endgültiges Urteil sprach. Die Betreiber haben nach eigenen Angaben Scheuer angeboten, auf das Urteil zu warten. Scheuer könne sich an solch ein Angebot nicht erinnern.
tagesschau.de
Bundesweite Proteste wegen Krise in der Autoindustrie
Die IG Metall hat anlässlich der Krise in der Autoindustrie bundesweit zu Protesten aufgerufen. Nach eigenen Angaben will die Gewerkschaft ein Zeichen für sichere Arbeitsplätze, zukunftsfähige Standorte und eine starke industrielle Basis setzen. Die deutsche Autoindustrie steht unter wachsendem Druck durch die zunehmende Konkurrenz aus China, US-Zölle und niedrige Gewinnmargen bei Elektroautos.
br.de

David Zimmerschied nimmt in seiner Paraderolle als Friedrich Merz endlich Stellung zu den großen Fragen der Nation und beantwortet sie auf seine ganz eigene Art. Warum sind 13 Prozent Beliebtheit eigentlich eine Glückszahl? Warum war der Migrations-Antrag mit Stimmen der AfD im Bundestag in Wahrheit „gute Kommunikation“? Und warum sind vier Wochen Urlaub während Waldbränden, Ostwahlen und russischem Angriff einfach nur „Lifestyle-Teilzeit“?
tube.funfacts.de

Neueste CORRECTIV-Recherchen

Gelsenkirchen: Dubiose Mitglieder in Junger Union
Die CORRECTIV-Lokalredaktion in Gelsenkirchen hat in den vergangenen Wochen zu dubiosen Mitgliedern bei der Jungen Union (JU) in Gelsenkirchen recherchiert. Konkret geht es um Unstimmigkeiten in der zentralen Mitgliederdatei der JU. Die Recherchen zeigen, dass auf einer internen Mitgliederliste aus 2025 insgesamt 15 Menschen auftauchen, die sehr wahrscheinlich frei erfunden sind. Brisant ist die Geschichte auch deshalb, weil der damalige JU-Vorsitzende inzwischen Vorsitzender der Gelsenkirchener CDU ist und im kommenden Jahr für den Landtag in Nordrhein-Westfalen kandidieren will.
gelsenkirchen.correctiv.org (im kostenlosen Newsletter von SPOTLIGHT Gelsenkirchen)

In einem Video zerstört ein Mann scheinbar Briefwahlzettel für die AfD in Berlin. Aber einiges daran passt nicht zusammen. Das Video zeigt keine echten Briefwahlunterlagen.
correctiv.org
So geht’s auch
Menschen nutzen für kurze Strecken immer häufiger Bus und Bahn. Das Statistische Bundesamt meldete für das erste Halbjahr ein Plus von zwei Prozent im Nahverkehr. Fachleute sagen, dass die Nutzung des ÖPNVs auch drei Jahre nach Einführung des Deutschlandtickets noch leicht wächst.
deutschlandfunknova.de
Endlich Verständlich
Die großen KI-Unternehmen haben dafür geworben, die Produktion von Modellen Künstlicher Intelligenz stärker zu regulieren. Donald Trump sieht das anders und will die Branche uneingeschränkt weiter wachsen lassen. Einige deutsche Forscher klären auf: Wie gefährlich die Entwicklung werden könnte und warum Entwickler ihr eigenes Produkt nicht verstehen, erfahren Sie im folgenden Artikel.
tagesschau.de
Fundstück
Forschende haben eine neue Wildkatze entdeckt. Die Tilcayo-Katze ist kleiner als eine gewöhnliche Hauskatze und streift durch die bolivianischen Wälder an den östlichen Hängen der Anden. Die Entdeckung lenkt den Blick auch auf den Artenschutz. Denn das Ökosystem Südamerikas gilt als eines der gefährdetsten.
watson.de
Heute Morgen hörte ich eine Sendung des Deutschlandfunks, in der Tino Chrupalla, Co-Chef der AfD, zu den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin befragt wurde.
Chrupalla verdrehte im Interview die Realität, ohne dass der Journalist eingriff. Dies zeigt das Prinzip der rechten Agenda-Setzung. Besonders ärgerte mich seine Haltung zur Unterstützung der Ukraine gegen den russischen Angriffskrieg, da ich erst vor wenigen Tagen aus Kyiv zurückgekehrt bin.
Der AfD-Chef beschwerte sich über die Hilfe für die Ukraine. Da das Land weder in der NATO noch in der EU sei, gebe es keine Verpflichtung Deutschlands, der Ukraine beizustehen. Soweit der erwartbare Teil. Doch dann gab Chrupalla der Ukraine auch noch die Schuld an den steigenden Benzinpreisen, da sie in ihrem Abwehrkampf auch Raffinerien und Ölanlagen in Russland attackierte. „Jeder, der tankt, muss wissen, dass dies das Ergebnis dieser Kriegspolitik ist“, sagte Chrupalla im Interview. Der Reporter widersprach leider nicht.
Der Anstieg der Benzinpreise hat jedoch andere Ursachen. Seit dem Angriff der USA und Israels auf den Iran im März blockieren die Machthaber in Teheran die Straße von Hormus und die Huthi-Rebellen die Passage durch das Rote Meer. Dadurch kommt weniger Rohöl auf den Markt, was die Ölkonzerne nutzen, um die Preise zu erhöhen. Trumps militärische Angriffe auf den Iran haben zu einer Preisexplosion bei Öl, Gas und Benzin geführt und bedrohen weltweit die Wirtschaft. Die Zusammenhänge sind klar: Die Verantwortung für die hohen Benzinpreise liegt bei Donald Trump und seiner erratischen Kriegspolitik.
Es ist eine einfache Lehre: Wer disruptive Politiker wie Trump unterstützt, versinkt in der Straße von Hormus. Jeder, der sich in Deutschland über die hohen Benzinpreise ärgert und trotzdem die AfD wählt, macht den Bock zum Gärtner.
Chrupalla aber verdreht die Tatsachen und gibt der Ukraine die Schuld, die sich gegen die russische Aggression verteidigt. Damit folgt er Trumps Beispiel. Während die Machthaber in Teheran und die Huthi-Rebellen die Durchfahrt der Tanker blockieren, zeigte Trump Mitte September auf den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj.
Disruptive Politiker tauschen Verantwortung, machen Opfer zu Tätern und schieben die Schuld auf andere. Eine solche Verdrehung sollte nicht unwidersprochen bleiben.

Wie haben die jungen Menschen gewählt? Das zeigt die heutige Grafik des Tages.
instagram.com
An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Tristan Devigne, Till Eckert, Jacob Gehring, Sebastian Haupt und Elena Müller.
CORRECTIV arbeitet anders
Investigativer Journalismus braucht Zeit, Ausdauer und Geld. Gerade die wichtigsten Recherchen sind oft die aufwendigsten: langwierig, kompliziert, unbequem. CORRECTIV kann dranbleiben, weil Menschen wie Sie uns unterstützen – unabhängig, gemeinwohlorientiert und spendenfinanziert.


