Politik

Video von zerschnittenen AfD-Stimmzetteln in Berlin ist eine Fälschung

In einem Video zerstört ein Mann scheinbar Briefwahlzettel für die AfD in Berlin. Aber einiges daran passt nicht zusammen.

von Steffen Kutzner

Manipulationen der Briefwahl sind sehr selten, werden aber vor Wahlen immer wieder als Problem dargestellt (Foto: Wolfgang Filser / SZ Photo / Picture Alliance)
Manipulationen der Briefwahl sind sehr selten, werden aber vor Wahlen immer wieder als Problem dargestellt (Foto: Wolfgang Filser / SZ Photo / Picture Alliance)
Behauptung
Ein Video zeige, wie in Berlin Stimmzettel für die AfD zerstört werden.
Einordnung
Falsch. Das Video zeigt keine echten Briefwahlunterlagen, wie mehrere Details erkennen lassen. Der Umschlag, die Anzahl der Stimmzettel und die Beschriftung stimmen nicht mit den echten Unterlagen überein.

Auf X macht ein Video die Runde, in dem jemand vermeintliche Berliner Briefwahl-Stimmzettel für die AfD vernichtet. Es wurde seit Veröffentlichung am 17. September mehr als 300.000 Mal angesehen. Im Video sind die Hände eines Mannes zu sehen, der drei Umschläge öffnet: In zwei davon sind Kreuze bei der AfD gesetzt. Diese zerschneidet der Mann mit einem Messer. In einem Umschlag sind Stimmen für die CDU – diesen Zettel legt der Mann zur Seite.

In den Kommentaren machen Nutzerinnen und Nutzer unter anderem die AfD und die Polizei auf das Video aufmerksam. Aber einige Dinge passen nicht zusammen.

perma.cc/gefälschtes-video


Fehlende Unterlagen enttarnen Fake-Video

Im Video ist zunächst auffällig, dass die Wahlscheine fehlen. Diese müssen Wählerinnen und Wähler unterschreiben und zusammen mit dem Stimmzettelumschlag in den rosa Briefwahlumschlag legen, sonst ist die Stimme ungültig. Keiner der im Video geöffneten Umschläge enthält einen Wahlschein. 

Außerdem fehlt jeweils der zweite Stimmzettel. In Berlin finden nicht nur die Wahlen des Abgeordnetenhauses statt, sondern auch die Wahl zur Bezirksverordnetenversammlung. In jedem Stimmzettelumschlag müssten sich also zwei Stimmzettel befinden. Der zweite Stimmzettel fehlt jedoch in allen Umschlägen. 

Der X-Account wahlrecht.de weist zudem darauf hin, dass die rosa Briefwahlumschläge eine andere Form haben als die echten. Einen Originalumschlag zeigt zum Beispiel das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg in einem Facebook-Video zur Briefwahl. Auch der Stimmzettel im gefälschten Video unterscheidet sich leicht: Dort sind in einer Zeile nur einzelne Wörter in Fett gedruckt, in der Fälschung die ganze Zeile.

Stephan Bröchler, der Landeswahlleiter für Berlin, bestätigte auf Anfrage, dass die Wahlunterlagen im Video anders aussehen als das Original. Er ergänzte: „Auch die Kennzeichnung der Urnen mit einem Berliner Bären ist hier nicht bekannt und unüblich. Würden Urnen mit einem Bild gekennzeichnet, würde das offizielle Hoheitszeichen des Landes oder das Bezirkswappen verwendet werden.“ Das Video diene eindeutig der Delegitimation der Briefwahl.

Der Wegweiser für die Berliner Briefwahl ist auf der Webseite der Berliner Landeswahlleitung zu finden (Quelle: Landeswahlleiter Berlin)

berlin.de/wahlen-merkblatt-briefwahl
x.com/beitrag-wahlrecht.de
facebook.com/video-briefwahl-tempelhof


X-Account ist laut Expertin Teil von russischer Propaganda-Kampagne Storm-1516

Der X-Account, der das Video veröffentlichte, war für eine Anfrage nicht zu erreichen. Der Account teilte unter anderem KI-Bilder, die Donald Trump in patriotischem Licht erscheinen lassen. 

Neben den Unstimmigkeiten bei den gezeigten Briefwahlunterlagen spricht auch die Art der Verbreitung gegen ein authentisches Video. Julia Smirnova, Senior Forscherin beim Center für Monitoring, Analyse und Strategie (Cemas), sagte uns auf Anfrage, das Video sei „mit hoher Wahrscheinlichkeit Teil der russischen Kampagne Storm-1516“. Dafür spricht etwa, dass das Video praktisch gleichzeitig auf mehreren großen, englischsprachigen X-Accounts aufgetaucht ist. Storm-1516 ist wiederholt mit Desinformation rund um Wahlen in Deutschland aufgefallen.

perma.cc/x-profil
cemas.io/julia-smirnova
correctiv.org/russische-desinformation/


Redigatur: Viktor Marinov, Caroline Lindekamp