Europa

Umweltverband steigt aus EU-Chemieallianz aus und warnt vor Einfluss der Industrie

Nach nur acht Monaten verlässt der größte Dachverband europäischer Umweltorganisationen die Critical Chemicals-Alliance der EU-Kommission. Auch die Deutsche Umwelthilfe kritisiert die Allianz und warnt vor sinkendem Umwelt- und Gesundheitsschutz.

von Gesa Steeger, Annika Joeres

Chempark Krefeld-Uerdingen
Die Critical Chemicals Alliance soll die chemische Industrie in Europa resilienter machen. picture alliance / Jochen Tack

Der einflussreichste Umweltschutzverband der EU protestiert gegen die europäische Chemiepolitik: Das European Environmental Bureau (EEB) verlässt die Critical Chemicals Alliance (CCA) der EU-Kommission. Dies erfuhr CORRECTIV vorab. Der EEB versammelt unter seinem Dach die größten europäischen Umweltorganisationen, unter anderem gehören die Deutsche Umwelthilfe und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) zu seinen Mitgliedern.

Die Critical Chemicals Alliance wurde erst im Januar 2026 gegründet. Sie soll unter anderem dazu beitragen, Produktionskapazitäten für Chemikalien und Standorte zu ermitteln, die für die europäische Wirtschaft von besonderer Bedeutung sind. Diese können dann von der EU und ihren Mitgliedstaaten unterstützt werden, etwa durch gezielte politische oder finanzielle Förderung. Von Anfang an kritisieren Umweltverbände den großen Einfluss von Industrieverbänden. 

CCA drängt auf schwächere Regulierungen

Diese einseitige Nähe zur Industrie gab jetzt den Ausschlag für die EEB, das Gremium zu verlassen. Es drohten schwächere Schutzmaßnahmen für Gesundheit, Umwelt und Klima, begründet die Organisation diesen Schritt. Am 8. Oktober will die Critical Chemicals Alliance ihre Empfehlungen für die Einstufung von „kritischen“ Stoffen verabschieden, also solchen, die besonders gefördert werden sollen. Schließlich sinken in der europäischen Chemieindustrie seit Jahren die Umsätze – allerdings hat sich die Stimmung der Branche zuletzt deutlich verbessert. 

Die Critical Chemicals Alliance benennt rund 49 Chemikalien, die sie als besonders wichtig für die europäische Wirtschaft einstuft. Für die betroffenen Stoffe und Produktionsstandorte empfiehlt die CCA unter anderem erleichterte Genehmigungen, eine geringere Belastung durch den EU-Emissionshandel und mehr Spielraum bei Umwelt- und Chemikalienvorschriften.

Viele von ihnen gelten allerdings als schädlich für die Gesundheit: Laut dem EEB sind drei Viertel davon als gefährlich eingestuft, darunter Benzol und die Ewigkeitschemikalien PFAS. 


Umweltorganisation EEB fürchtet negative Folgen für Gesundheit und Umwelt

„Wir sind der Allianz beigetreten, um die tatsächlichen Bedürfnisse der Gesellschaft zu sichern und nicht bloß die aktuell in Europa produzierten Stoffe zu schützen“, erklärte Tatiana Santos, Leiterin der Chemikalienpolitik beim European Environmental Bureau, den Rückzug ihrer Organisation. Doch die Entwicklung sei ins Gegenteil verkehrt. Die Einstufung drohe, zu einem Schutzschild für etablierte Produktionsunternehmen und zu einer Hintertür für schwächere Schutzmaßnahmen zu werden, so Santos.

Wie mächtig die chemische Industrie und ihre Lobbyorganisationen in Brüssel sind, hat CORRECTIV bereits mehrfach berichtet. Ein Insider aus einem großen Industriekonzern beschrieb gegenüber CORRECTIV unter anderem einen informellen Pakt mit der Chemiebranche. Die EU setzt – jedes Jahr entschiedener – auf die Interessen der Industrie: weniger Auflagen, weniger Kontrollen, keine neuen Grenzwerte. Die Gesundheit der Bevölkerung sei zweitrangig.

Scharfe Kritik am Vorgehen der Critical Chemicals Alliance (CCA) kommt auch von der Deutschen Umwelthilfe (DUH), einem Mitglied des European Environmental Bureau. 

„Die Critical Chemicals Alliance droht zu einem Instrument zu werden, mit dem unter dem Deckmantel der Versorgungssicherheit umwelt- und gesundheitsschädliche Chemikalien (…) politisch geschützt und mit öffentlichen Geldern gestützt werden“, sagt Christine Lützkendorf, DUH-Referentin für PFAS, gegenüber CORRECTIV. „Eine solche Politik können wir als Umweltverbände nicht mittragen.“

Auch Deutschland trägt Verantwortung als größter Chemiestandort

Auch Deutschlands Rolle sieht Lützkendorf kritisch. Als größter Chemiestandort Europas trage Deutschland eine besondere Verantwortung. Die deutsche Chemieindustrie und insbesondere der Verband der chemischen Industrie (VCI) beeinflussten die europäische Chemiepolitik erheblich, so die DUH-Referentin. Statt umweltschädliche Produktionsstrukturen künstlich am Leben zu halten, müsse Europa den Ersatz gefährlicher Stoffe, die Verschmutzung verringern und die Transformation zu einer klimaneutralen Chemieindustrie vorantreiben, so die DUH-Referentin.

Redigat und Faktencheck: Marcus Bensmann