Am 1. Oktober 2026 sprach Hape Kerkeling im Thüringer Landtag über ein mögliches AfD-Verbotsverfahren, die Geschichte seiner Familie und die Verantwortung der Politik. CORRECTIV dokumentiert seine Rede hier im vollständigen Wortlaut.
Sehr geehrte Abgeordnete,
ich spreche heute nicht als Experte für Verfassungsrecht, sondern als Nachfahre eines Opfers des Nationalsozialismus.
Ich stehe ausgerechnet in Thüringen vor Ihnen. In diesem Land trat 1930 der erste NSDAP-Innenminister eines deutschen Bundeslandes sein Amt an – lange vor 1933. Wenige Kilometer von hier liegt Buchenwald. Dieses Land hat am eigenen Leib erfahren, wie eine Demokratie sich selbst abschafft, wenn genügend Menschen wegschauen. Und heute stuft der Thüringer Verfassungsschutz den hiesigen AfD-Landesverband seit März 2021 als “rechtsextrem” ein – eine Einstufung, die das Thüringer Oberverwaltungsgericht 2024 ausdrücklich bestätigt hat. Das ist keine Kabarettnummer. Das ist geprüfte Rechtslage.
Ich konzentriere mich heute auf einen einzigen Aspekt: den Umgang dieser Partei mit der deutschen Geschichte. Denn allein ihre beschönigende Haltung gegenüber der NS-Diktatur macht sie in meinen Augen verfassungswidrig. Angst, Lügen und Hass waren die Zutaten der nationalsozialistischen Ideologie – und sie sind es heute für die Marschrichtung dieser rechtsextremen Partei. Eine Partei, die ihre Existenz aus der Schürung von Hass gegen Minderheiten speist, hat in unserem Land mit seiner grauenvollen Geschichte keinen Platz.
Wer die Verbrechen von 1933 bis 1945 relativiert, verharmlost oder bagatellisiert, verlässt den Boden des Grundgesetzes. Einer verbrecherischen Bande ist Deutschland damals aufgesessen; es gibt im Rückblick nichts, absolut gar nichts, worauf man stolz sein könnte. Deutsch sein hieß und heißt immer, europäisch zu sein.
Unser Grundgesetz ist nicht das Produkt von Deutschtümelei, sondern das Vermächtnis und die zum Gesetz gereifte Erinnerung an die Gräueltaten der Nationalsozialisten. Es ist unmissverständlich: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Wer Menschen gezielt verängstigt – ob mit Behinderung, anderem Glauben, anderer Hautfarbe, queer oder transgender – verletzt diese Würde.
Damit schließt sich der Kreis zu den drei Sätzen, die für die Zukunft unseres Landes feststehen müssen.
Erstens: Das Grundgesetz ist antifaschistisch, weil es die institutionalisierte Lehre aus den Morden und dem Terror des NS-Regimes ist.
Zweitens: Wer die verbrecherische Vergangenheit dieses Landes verharmlost und umdichtet, verwirkt jede politische Daseinsberechtigung in unserer Demokratie.
Und drittens – und das ist der Satz, den ich mir am meisten wünsche, dass Sie ihn heute Abend mit nach Hause nehmen: Wer nicht verantwortungsvoll mit der Geschichte umgeht, darf niemals Verantwortung für die Zukunft Deutschlands übernehmen.
Die Verharmlosung des Dritten Reiches disqualifiziert für Staatsämter – und deshalb disqualifiziert sie auch für jede Mitwirkung in unserer Demokratie überhaupt.
Nutzen Sie, liebe Abgeordnete, Ihre Stimme den Einfluss der Landesregierung im Bundesrat, um dieses Verfahren endlich anzustoßen. Ausgerechnet von hier, aus dem Land, in dem die Geschichte ihre bittersten Lehren erteilt hat, muss dieses Signal kommen. Und es muss über Fraktionsgrenzen hinweg kommen, denn die Verteidigung des Grundgesetzes ist keine Frage von links oder rechts, von Regierung oder Opposition – sie ist die gemeinsame Hausaufgabe eines jeden, der hier auf diesen Bänken sitzt. Wer schweigt, wenn die Demokratie angegriffen wird, hat sich schon für eine Seite entschieden – auch wenn er glaubt, neutral geblieben zu sein.Wer Rechtspopulisten wählt, wählt nicht Protest. Er ruiniert wissentlich seine eigene Zukunft und die seiner Kinder. Wer Extremisten wählt, übt keinen legitimen Protest, sondern feiert die Kapitulation der Fakten vor der Lautstärke.
Das Versprechen unseres Staates lautet: Wir dulden keinen Faschismus in Deutschland – und wir dulden auch nicht dessen Beginn. Das ist besser für Deutschland, für Europa und für die Völker der Welt.
Ich stelle mir einen Tag vor, an dem Angehörige aller Minderheiten in diesem Land gleichberechtigt nebeneinander leben können, ohne dass einer von ihnen Angst haben muss, nur weil er lebt. anders aussieht oder anders glaubt. Diesen Tag bauen wir nicht mit Schweigen. Wir bauen ihn mit einer Unterschrift, einem Antrag, einem Mut, der heute beginnt.
Verantwortung für die Zukunft Deutschlands kann nur übernehmen, wer ehrlich und verantwortungsvoll mit der Vergangenheit umgeht.
Vielen Dank.
Hape Kerkeling
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Vielleicht kennen Sie das. Die AfD scheint schier unaufhaltsam. Genauso wie der Rechtsruck in ganz Europa. Dazu kommt: Die Situation zuletzt in Ceuta, Krieg im Iran, Frieden ist in der Ukraine noch lange nicht in Sicht und gerade erst haben wir einen Sommer mit einem Rekord an Hitzetoten in Deutschland hinter uns. Von den unfassbaren Waldbränden in Europa will ich gar nicht erst anfangen.
Manchmal möchte man da schon den Kopf in den Sand stecken. Noch eine Krise. Noch eine schlechte Nachricht. Noch eine Debatte, bei der man sich fragt: Wo soll das alles hinführen? Ich glaube, ich spreche für viele, wenn ich sage: An vielen Tagen hat man einfach keinen Bock mehr. Vielleicht kennen auch Sie das Gefühl. Damit sind Sie nicht allein!
Wir von CORRECTIV wollen uns diesem Gefühl nicht länger hingeben. Denn so kann es nicht weitergehen. Deshalb haben wir uns eine neue Aktion ausgedacht und wir glauben, es ist genau das, was wir jetzt brauchen: Gemeinsam mit Ihnen wollen wir 42.000 Mutmeter gehen.
Mutmeter bedeuten für uns: aktiv zu werden und gemeinsam etwas zu schaffen, auf das wir stolz sein können. Gemeinsam setzen wir ein demokratisches Ausrufezeichen in einer extremen Zeit. Wie bei einem Marathon geht es nicht darum, wer am schnellsten ist. Es geht darum, überhaupt loszugehen. Meter für Meter. Schritt für Schritt.

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