Der Start in das Jahr 2026 begann für Nius-Chefredakteur Julian Reichelt mit einem Aufreger. Der Anlass: Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) sprach in der Talkshow von Markus Lanz einmal mehr über ein Social-Media-Verbot für Unter-16-Jährige und warnte vor Desinformationen. In dem Zusammenhang kritisierte er „Medien“, die politische Agitation betrieben, statt journalistisch zu arbeiten. Als Beispiel nannte er in der Sendung am 7. Januar „Nius und solche Portale“.
Im weiteren Verlauf des Gesprächs warnte Günther dann allgemein vor Demokratiefeinden. Daraufhin fragte Lanz: „Was Sie jetzt gerade sagen, ist im Grunde: Wir müssen das regulieren. Wir müssen das notfalls zensieren. Und im Extremfall sogar verbieten.“ Günther antwortete mit „Ja“ und schob hinterher: „Wir reden darüber: Also, Social Media darf bis Sechzehnjährigen nicht mehr zugänglich gemacht werden“.
Auf eine Nachfrage von Lanz zu den problematisierten Portalen kam Günther später erneut auf Nius zu sprechen: „Wenn ich mir Nius-Artikel angucke, mit denen ich irgendwas zu tun habe: Da stimmt in der Regel nichts drin. Das ist … vollkommen faktenfrei.“
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Nius sah sich diffamiert. Chefredakteur Reichelt schrieb in dem Zusammenhang in einem Kommentar von „Zensur- und Verbotsphantasien“. Gegen die Aussagen des Ministerpräsidenten ging das Portal juristisch vor. Als Amtsperson hätte Günther sich an das Neutralitäts- und Sachlichkeitsgebot halten müssen, war die Linie von Nius.
Das schleswig-holsteinische Oberverwaltungsgericht wies die Beschwerde mit der Begründung zurück, Günther habe seine Aussagen als Parteipolitiker und nicht als Ministerpräsident getätigt. Der Konservative erklärte daraufhin: „Das ist ein Sieg für die Meinungsfreiheit“.
Aboentwicklungen von Nius
Vor Gericht unterlag das Onlineportal zwar. In dem Zeitraum aber konnte Nius neue Abonnenten an sich binden. Ablesbar ist das an internen Daten, die nach einem Cyberangriff auf Nius frei im Internet verfügbar sind. Wie aus einer stichprobenartigen Auswertung der Daten hervorgeht, war der Januar mit 1.064 Neuabschlüssen der stärkste Abo-Monat in den ersten fünf Monaten dieses Jahres. Am 16. Januar, dem mit 115 neuen Aboverträgen stärksten Tag des Monats, war Günther Thema in der Show „Nius Live“.
Das Leak, über das CORRECTIV und andere Medien berichtet hatten, enthält neben Informationen über die Aboentwicklung Angaben zu Mitarbeitern, Lesern sowie 21.489 Beiträge von Nius. Zu jedem Artikel ist ein Bearbeitungsverlauf enthalten – zu manchen liegen Hunderte zwischengespeicherte Versionen vor. In einigen Fällen lässt sich so nachvollziehen, wie diese Artikel mutmaßlich entstanden sind.
Mit Blick auf die Vertraulichkeit sensibler Daten verzichtet CORRECTIV auf eine genaue Aufschlüsselung der Nius-Berichterstattung. Nur so viel: Den geleakten Daten zufolge wurde die Aussage Günthers zunächst vollständig zitiert. In weiteren Bearbeitungsschritten wurde sie jedoch so gekürzt, dass der Eindruck entstand, Günther habe ein Verbot von Nius gefordert.
Ambitionierte Pläne
Nius ist als Start-up angetreten, den Medienmarkt umzuwälzen: „Das Vertrauen in die alten Medien ist vollkommen zu Recht kollabiert, Millionen Menschen wenden sich ab von denen, die ihnen die Nachrichten bringen sollten, aber ihnen den Niedergang gebracht haben“, schreibt Reichelt in einem Kommentar, in dem er seine Kritik gegen Günther begründet.
Was als Berichterstattung verkauft worden sei, sei nur sirenenhafte Begleitmusik, die unzählige Menschen in die Ideologie gelockt habe. „Nun entstehen auf den Trümmern der Propaganda neue Medien wie Nius, die eine gewaltige Marktlücke im Journalismus entdeckt haben. Nämlich Journalismus.“
Wohin der frühere Bild-Chefredakteur will, erläuterte Reichelt im Dezember 2022 im Gespräch mit dem Online-Magazin Corrigenda: „Wir alle hier haben das Ziel, eine große reichweitenstarke, emotionale Medienmarke aufzubauen“. Dies richte sich nicht gegen Bild. „Wir glauben, dass es in einem Land mit 80 Millionen Menschen genug Markt und Menschen für zwei nationale, emotionale Medienmarken gibt.“
Die Bild-Zeitung hat nach letzten Angaben mehr als 700.000 digitale Abonnenten. Nius kommt im Jahr vier nach dem Start dem Datenleak zufolge auf rund 12.000 zahlende Nutzer. Von seinem Ziel, mit Bild gleichzuziehen, ist der Nius-Chefredakteur weit entfernt. Beim Wachstum der Abozahlen helfen aber kontrovers diskutierte Themen. Günther war offenbar eines davon.
Es gab weitere: Im Juli 2025 veröffentlichte das Portal eine Reihe von Beiträgen über die Kandidatin für das Bundesverfassungsgericht, Frauke Brosius-Gersdorf. Darin wurde ihr unter anderem zugeschrieben, dass sie Schwangerschaftsabbrüche bis zur Geburt legalisieren wolle. Die Juristin wies dies als unwahr scharf zurück, die Neue Zürcher Zeitung sprach sogar von einer Kampagne „alternativer Medien“.
Parallel zur Berichterstattung um Brosius-Gersdorf wuchs die Zahl der zahlenden Nutzer. Im Oktober 2025 berichtete Nius dann wiederholt über den parteilosen Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und dessen geschäftliche Aktivitäten. Der Monat war mit 1939 neuen Abokunden der verkaufsstärkste in dem Datensatz.
Nius soll Erfolg haben
Die wichtigste Person bei Nius ist neben Reichelt der Hauptinvestor Frank Gotthardt. Gotthardt verdiente sein Vermögen mit dem Aufbau der IT-Firma Compugroup, die Datensysteme für den Gesundheitssektor anbietet. Er selbst bezeichnet sich als konservativ. „Friedrich Merz ist nicht mein Mann, aber ich stehe der CDU nahe“, sagte Gotthardt kürzlich der Zeit.
Sein Engagement begründete Gotthardt im Februar 2024 in dem Podcast „Rund ums Eck – der Koblenz-Podcast“ mit den Begebenheiten des Medienmarkts: Die Übermacht der Medien, die eher links zu verorten seien, sei sehr groß, „da muss man einfach was tun“. Die Landschaft brauche eine Ergänzung im konservativen Bereich.
Redaktion: Martin Murphy
Faktencheck: Alexej Hock