
Hier finden Sie unseren neuen Podcast „Was zählt“, der das Wichtigste des Tages für Sie jetzt auch zum Hören aufbereitet. Er ist auch auf Spotify, Amazon Music, Deezer und Apple Podcasts abrufbar.
Liebe Leserinnen und Leser,
der Rücktritt von Bärbel Bas als Bundesarbeitsministerin und SPD-Chefin hat eine breite Debatte ausgelöst, in den Medien und den Sozialen Netzwerken – und auch unter unseren Leserinnen und Lesern. Der Streit dreht sich ums Streiten: An welche Regeln der fairen Auseinandersetzung sollten sich Politikerinnen und Politiker halten? Und an welche Regeln sollten wir alle uns halten, die die Arbeit der Politikschaffenden von der Seitenlinie kommentieren – damit überhaupt noch jemand bereit ist, ein politisches Amt zu übernehmen?
Darum geht es im Thema des Tages. Unsere Reporterin Stella Hesch hat sich dafür beispielhaft angesehen, was Bundestagsabgeordnete zuletzt im Internet über Bärbel Bas äußerten. Und ich fasse darin die Kommentare zusammen, die mich per E-Mail erreicht haben.
Dann noch ein Wort zu einem Vorgang, der gestern die Medienwelt umtrieb. Bei unseren Berufskolleginnen und -kollegen von der Zeit stand die Staatsanwaltschaft vor der Tür. Sie forderte die Herausgabe von Tonaufnahmen zu einem Podcast, der sich um die Unternehmerin Christina Block drehte. Gegen sie wird wegen des Vorwurfs ermittelt, sie habe ihre eigenen Kinder entführen lassen. Die Staatsanwaltschaft forderte die Herausgabe sensibler Recherche-Aufzeichnungen und drohte mit einer Durchsuchung der Redaktionsräume. Die Zeit gab die Dokumente daraufhin heraus. Wir nehmen als Redaktion ganz klar dazu Stellung: Ein solches Vorgehen einer Staatsanwaltschaft verletzt das Redaktionsgeheimnis und gefährdet die Pressefreiheit.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend – und schreiben Sie mir gern, was Sie umtreibt: anette.dowideit@correctiv.org.
Thema des Tages: Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!
Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste
Faktencheck: Liste von angeblichen Positionen der Berliner Linke teils richtig, teils verkürzt
Grafik des Tages: Hass im Netz gegen politisch Engagierte: Frauen besonders betroffen
Erst mal eine kleine Datenrecherche:
Wie kam es überhaupt dazu, dass ausgerechnet Arbeitsministerin Bas (SPD) von anderen Politikern – zuletzt auch beim Koalitionspartner Union – so in die Mangel genommen wurde?
Reporterin Stella Hesch hat dafür ein spezielles Internet-Auswertungs-Tool angeworfen, das wir häufiger für Social-Media-Auswertungen nutzen. Das Tool gibt uns eine Übersicht darüber, was die Bundestagsabgeordneten so alles in Sozialen Netzwerken schreiben. Sie hat sich nun anzeigen lassen: Welche Abgeordneten schrieben wann was über Bas?
Das Ergebnis:
Schon seit Ende August/Anfang September wurde von Bundestagsabgeordneten im Netz der Konflikt zwischen Union und SPD angeheizt – und zwar vor allem von Abgeordneten der AfD.
Der Tenor: Bärbel Bas liefert die Reformen nicht, die ihr Ministerium jetzt liefern müsste, die CDU ist verärgert darüber, mit der AfD hätten die Reformen längst angestoßen werden können, gäbe es die Brandmauer nicht.
Beispiele:
- AfD-Bundestagsmitglied Manfred Schiller schrieb im Nachrichtendienst Telegram: „Eigentlich hätte Bärbel Bas (SPD) längst einen Aktionsplan gegen Sozialleistungsmissbrauch vorlegen sollen. Doch der lässt auf sich warten. (…) Die CDU schiebt die Schuld an der verzögerten Umsetzung nun auf die SPD und wirft ihr vor, Reformen auszubremsen.“
- Alice Weidel stänkerte auf dem Netzwerk X: „Dank Bärbel Bas beziehen per Haftbefehl gesuchte Verbrecher weiterhin Bürgergeld – trotz vereinbartem Stopp. Und Merz? Schaut tatenlos zu!“
- Der AfD-Abgeordnete Pierre Lamely schrieb bei Facebook: „Selbst wenn man der Union hier ausnahmsweise einen Funken ehrlicher Einsicht unterstellen wollte: Mit der SPD als Koalitionspartner ist eine Umsetzung dieses Vorhabens ausgeschlossen. Die Sozialdemokraten blockieren traditionell jede sinnvolle Verschärfung in diesem Politikbereich.“
Es sollte also ein Keil zwischen Union und SPD getrieben werden – und das funktionierte ja auch.
Was dahinter steht:
Vielleicht erinnern Sie sich, dass vor einiger Zeit ein internes Strategiepapier der AfD vom Sommer 2025 bekannt wurde. Falls nicht, können Sie es hier nachlesen. Darin beschrieb die AfD genau, wie sie den Zwist zwischen den Koalitionspartnern im Bund anheizen wolle – damit letztendlich die Koalition zerbricht.
Derzeit sieht es so aus, als komme die AfD damit voran.
Was unsere Debattenkultur damit zu tun hat:
Gestern ging es im SPOTLIGHT bereits darum, dass Bärbel Bas ihren Rücktritt unter anderem mit Angriffen auf ihre Arbeit und Person beim Koalitionspartner begründete. Und darum, dass der wichtige CDU-Mann Christian von Stetten öffentlich via BILD-Zeitung verkündet hatte, Bas sei „nicht mehr tragbar“. Ich hatte dazu angemerkt, dass Politiker solche krassen Äußerungen über ihre Partner früher wohl eher intern getätigt hätten – und nicht per Interview, das dann auch noch breite Kreise in hass- und hämeerfüllten Sozialen Netzwerken zieht.
Ich hatte nach Ihrer Meinung dazu gefragt und etwa 50 E-Mails von Ihnen bekommen. Einige bestärkten die Kritik an Bärbel Bas, die bereits im Kabinett beschlossene Reformvorhaben lange verschleppte. Leser Heinrich K. zum Beispiel meint, bei allem Verständnis für die persönliche Lage von Bärbel Bas:
„Persönliche Schicksalsschläge dürfen nicht dazu führen, dass ein Ministerium und damit wichtige staatliche Arbeit zum Stillstand kommen.“
Andere betonten, dass auch CDU-Mann von Stetten seinerseits (als Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses im Bundestag) ein wichtiges Reformvorhaben verschleppe, nämlich die Wärmewende – und somit im sprichwörtlichen Glashaus sitze.
Hier weitere spannende Leser-Reaktionen:
Elli G. äußerte die Befürchtung, je mehr Hass über Demokraten ausgekübelt werde, umso weniger gute Leute gingen in die Politik:
„Für die demokratischen Parteien (und ihre einzige Rettung) heißt dies, endlich aufzuwachen und zu erkennen, dass die Kritik und die Empörung nicht in Richtung der demokratischen Kräfte gehen sollten, sonst ist das der Beginn der Selbstzerstörung. Der wahre Gegner ist präsent und wartet nur auf Gelegenheiten.“
Ähnlich formuliert es Werner K.: „Wären wir in den heutigen Zeiten noch bereit, ein politisches Amt zu übernehmen? Ich denke, viele würden das verneinen! Ich auch!“ Kerstin B. schreibt: „Anstand ist notwendig, in der Politik und sonst auch überall.“ Und Dietmar T. formuliert es so:
„Läuft prima für die Blaubraunen. Die stehen in den Startlöchern, mitsamt Verwandtschaft, scharren mit den Hufen und sind schon ganz spitz auf die politischen Spitzenämter. Und die ‚Etablierten‘ machen es ihnen allzu leicht.“
Béatrice H. meint, es sei schade um Bärbel Bas, sie sei eine kompetente Politikerin – doch gerade Frauen würden in der Politik schnell der Lächerlichkeit preisgegeben. Josine F. dagegen sieht auch bei Bas selbst ein unfaires Austeilen – weil sie in ihrer öffentlichen Erklärung nicht explizit von Stetten beim Namen nannte, sondern pauschal „die Reihen des Koalitionspartners“ als Mitgrund für ihren Rücktritt benannte.
Elisabeth A. schreibt passend dazu: Man wisse doch, dass der Spruch aus dem alten Testament „Zahn um Zahn, Aug um Aug“ ausgedient habe. „Ich hoffe, wir kommen alle zur Besinnung und die Worte Anstand und Demut werden wieder mit Sinn und Inhalt gefüllt“, schreibt sie. Und Leser Thomas R. verweist auf ein Zitat des Hirnforschers Gerald Hüther, der diesen klugen Gedanken formulierte:
„Wer die Würde eines Anderen verletzt, verletzt damit auch seine eigene Würde.“
Festnahme von zwei mutmaßlichen Saboteuren
Die Polizei hat in Deutschland zwei mutmaßliche Saboteure gefasst. Sie sollen im September dieses Jahres in Polen eine Starlink-Station angezündet haben. Die Regierung in Warschau vermutet den russischen Geheimdienst hinter der Tat. Die Ukraine nutzt die Starlink-Satelliten im Krieg gegen Russland.
rnd.de
KI-Umsätze sollen versteuert werden
Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU) will Umsätze besteuern, die von KI-Unternehmen generiert werden. Mit den Einnahmen will er den Umbau des Arbeitsmarkts finanzieren. Wildberger erwartet, dass KI die Arbeitswelt grundlegend verändert. Umschulungen und neue Jobs in Pflege und Handwerk müssten deshalb bezahlt werden.
deutschlandfunk.de
Radikale Töchter klagen gegen Bund
Nach dem Förderstopp für das Demokratieprojekt „Radikale Töchter“ zieht die NGO jetzt gegen den Bund vor Gericht. Die Organisation hatte im Februar 2025 erst eine Zusage erhalten und ihre Arbeit begonnen, 2026 folgte dann das abrupte Aus ohne fachliche Begründung. Kurz zuvor hatte die Gründerin Cesy Leonard die Stadtbild-Äußerung von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) scharf kritisiert. Eine behördeninterne E-Mail offenbarte jetzt interne Zweifel an der Rechtmäßigkeit des eigenen Vorgehens.
welt.de / sueddeutsche.de (€)

Weniger Kinderkrankentage und mehr rechte Inhalte auf dem Smartphone: Das Kabarett-Duo „Das Geld liegt auf der Fensterbank, Marie“ schaut auf zwei Herausforderungen, mit denen Eltern zunehmend konfrontiert sind:
tube.funfacts.de

Beiträge in Sozialen Medien und Focus-Kolumnist Jan Fleischhauer stellen Forderungen dar, die von der Berliner Linke stammen sollen. Die meisten sind korrekt wiedergegeben, manche aber verzerrt.
correctiv.org
So geht’s auch
Windparks sind in Deutschland jedes Jahr für 100.000 Vogeltode verantwortlich. Das ist zwar nur ein Bruchteil im Vergleich zu Fensterscheiben und Glasfassaden, aber dennoch eine beachtliche Zahl. Forschende haben jetzt herausgefunden, wie sich diese Zahl mit einfachen Maßnahmen verringern lässt. Dazu muss nur ein Rotorblatt schwarz lackiert werden. So können die Vögel die Rotorblätter besser von der Umgebung unterscheiden. Die Methode wurde in Spanien getestet. Das Ergebnis: 74 Prozent weniger Vogeltode.
goodgreen.news (Englisch)
Endlich Verständlich
Im September hat die EU-Kommission den EU Kids Act vorgeschlagen. Er sieht Altersgrenzen für Soziale Netzwerke in drei Stufen vor. So sollen Kinder und Jugendliche im Netz besser geschützt werden. Unsere Jugendredaktion Salon5 hat mit Jugendsuchtforscherin Isabel Brandhorst ein Interview geführt zu der Frage, wie sinnvoll ein Social-Media-Verbot für bestimmte Altersgruppen überhaupt ist. Das Gespräch gibt es auf Spotify.
spotify.com
Fundstück
Lieblingsmusik kann den Einstichschmerz von Spritzen lindern. Forschende aus Zürich haben das an 200 Personen getestet. Die Probanden empfanden weniger Schmerzen, wenn sie ihre Lieblingsmusik oder Mozart hörten.
wdr.de
Als sudanesische Journalistin im Exil in Deutschland verfolge ich genau, ob und wie über den Sudan berichtet wird. Mich interessiert dabei insbesondere, ob auch zivile und humanitäre Initiativen in den Nachrichten Beachtung finden. Das ist nur selten der Fall.
Letzten Freitag hätte sich dafür beinahe eine Gelegenheit geboten: Die Emergency Response Rooms (ERRs) im Sudan waren zum zweiten Mal in Folge für den Friedensnobelpreis nominiert. Gewonnen haben sie erneut nicht. Dabei wurde ihr herausragender Einsatz für die Zivilbevölkerung im Sudan bereits mehrfach ausgezeichnet: 2025 erhielten sie den Right Livelihood Award, auch bekannt als der „Alternative Nobelpreis“, sowie den Rafto-Menschenrechtspreis.
Wir können lange darüber streiten, wer einen Nobelpreis verdient. Doch nachdem die letztjährige Preisträgerin María Corina Machado ihre Auszeichnung im Januar an Trump übergeben hatte, fällt es schwer, die Entscheidung nicht zu hinterfragen.
Seit Beginn des Krieges im Sudan organisieren die Emergency Response Rooms Gemeinschaftsküchen in den Nachbarschaften, unterstützen Evakuierungen, leisten medizinische Hilfe und verteilen lebensnotwendige Güter. Ihre Arbeit baut auf jahrelanger nachbarschaftlicher Organisation auf. Die Widerstandskomitees spielten beim Aufstand von 2018 eine maßgebliche Rolle, der 2019 zum Sturz der 30-jährigen Herrschaft von Omar al-Bashir führte. 2021 gingen sie erneut auf die Straße, um gegen den Militärputsch zu protestieren. Seit Beginn des Krieges übernehmen die ERRs Aufgaben, die weder der Staat noch humanitäre Organisationen erfüllen können.
Die Entscheidung darüber, wer den Friedensnobelpreis erhält, sagt auch etwas darüber aus, was wir wahrnehmen und als anerkennenswert erachten.
Diesen Donnerstag sprechen wir bei den Exile Talks in Berlin über den Sudan, über die Rolle der Zivilgesellschaft und die Bedeutung der Berichterstattung. Und darüber, warum eine der schwersten humanitären Krisen unserer Zeit noch immer um Aufmerksamkeit kämpfen muss. Kommen Sie gerne vorbei!

Der Ton in der Politik ist rau – und dank sozialer Netzwerke auch zunehmend hasserfüllt. Eine Umfrage von HateAid zeigte letztes Jahr bereits: Besonders Frauen, die sich politisch engagieren, sind mit sexualisierter digitaler Gewalt konfrontiert. Und es bleibt nicht nur im Netz – wie die Grafik des Tages zeigt.
hateaid.org
An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Tristan Devigne, Till Eckert, Sebastian Haupt, Pamela Kaethner und Elena Müller.
CORRECTIV arbeitet anders
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