Russische Gefängnisse gehören zu den brutalsten Haftsystemen der Welt. Für ukrainische Kriegsgefangene und verschleppte Zivilisten werden sie zu Orten der Willkür und Folter. Doch die Gewalt ist kein Auswuchs des Krieges. Sie ist Teil eines Gefängnissystems, dessen Wurzeln bis ins Zarenreich zurückreichen und das bis heute nach eigenen Regeln funktioniert.
Es gibt Orte auf der Welt, die man als Hölle bezeichnen kann. Russische Gefängnisse gehören dazu. Wer aus der Ukraine in ein solches Gefängnis oder Lager gerät, sei es als Zivilist oder als Kriegsgefangener, ist der Willkür ausgeliefert. Nur wenige haben einen Anwalt, der sich traut, Kontakt aufzunehmen. Die offizielle Gefängnispost ist selten, und wenn sie genutzt werden darf, enthält sie nur dürre Nachrichten, denn sie wird zensiert. Oft erfahren Angehörige durch Flüsterpost oder herausgeschmuggelte Nachrichten vom Schicksal der Inhaftierten.
Für Kriegsgefangene existiert zumindest ein System, das, wenn auch schlecht, einige Informationskanäle bietet. Diese Strukturen fehlen jedoch völlig für Zivilisten, die nach Russland verschleppt wurden. Das Internationale Rote Kreuz hat in Russland Zugang zu Kriegsgefangenen. Fragt man jedoch bei Behörden und der Zivilgesellschaft in Kyiv nach dessen Arbeit, erntet man nur Schweigen. Die Botschaft ist klar: Man will die wenigen vorhandenen Kanäle nicht durch laute Kritik gefährden. Für verschleppte Zivilisten gibt es keine Strukturen, mit deren Hilfe sich jemand um sie kümmern könnte.
Endloser Schrecken und rollende Foltereinheiten
Seit Beginn des großen russischen Angriffskrieges im Februar 2022 sind drei Gruppen betroffen: die Kriegsgefangenen, die systematisch aus den besetzten Gebieten verschleppten Kinder und die verschleppten Zivilisten. Die Verschleppung der Kinder ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, da sie darauf abzielt, die Kinder von ihren Familien in der Ukraine zu entfremden und sie zu Russen zu machen. Staatliche Strukturen und die Zivilgesellschaft kümmern sich um diese Fälle, wobei die staatlichen Stellen auf Diskretion setzen. Der mühsame Aufbau eines Informationskanals in russischen Gefängnissen, um über Insassen etwas zu erfahren, soll nicht gefährdet werden, indem man ihn öffentlich macht.

Dieser Text ist dem Buch: „Botschaften aus dem Neo-Gulag“ entnommen. Erschienen im CORRECTIV-Verlag, Essen 2026 – zu bestellen unter diesem Link.
Das Buch ist in Zusammenarbeit mit der ukrainischen Organisation CLEAR. Centre of Law Enforcement Activities Research und Katapult erschienen.
Die verschleppten Zivilisten aus der Ukraine leiden unter schlechten Lebensbedingungen, mangelnder Hygiene, Unterernährung und unzureichender medizinischer Versorgung. Drei weitere Gefahren drohen ihnen: Mitgefangene, die ein Regime der Unterdrückung errichtet haben, die Gewalt der Gefängniswärter, die aus Langeweile über die Gefangenen herfallen, und die Rollkommandos des Inlandsgeheimdienstes. Diese Kommandos, maskiert und ohne erkennbare Abzeichen, ziehen von Gefängnis zu Gefängnis und bleiben dann dort einige Tage. Sie geben der Gefängnisleitung die Namen derer, mit denen sie sich „unterhalten” wollen, dann bekommen sie einen Raum, die örtlichen Bewacher ziehen sich zurück, und dann beginnen die „Gespräche” ohne Anwalt, ohne unabhängige Zeugen. Die Menschen werden gefoltert, meist mit Strom, geschlagen, gedemütigt, oft ohne eine einzige Frage gestellt zu bekommen. Solche Sitzungen können Stunden dauern und sich dann am nächsten Tag wiederholen. Ein Mann, der für die ukrainische Regierung arbeitet und die Menschen betreut, die in russische Hände gefallen sind, berichtet von diesen Rollkommandos und was die Überlebenden von ihnen erzählen. Doch das, was oft verschwiegen wird, sind die Vergewaltigungen während dieser Sitzungen. Die Scham darüber ist groß.
Der Mann möchte keine Namen und Orte nennen, aber die Rollkommandos, die Gefängnisse und Lager besuchen, sind der Schrecken der Inhaftierten. Sergey Lukashevsky, Leiter des Sacharow-Zentrums und Chefredakteur von Radio Sacharow im Exil, erklärt, dass das Prinzip der rollenden Foltereinheiten im ersten Tschetschenienkrieg entwickelt wurde.
Die Hierarchie der Erniedrigung
Russische Gefängnisse und Lager sind schon ohne diese Rollkommandos Orte des menschlichen Abgrunds, Gewaltmaschinen, die seit dem Zarenreich über die Sowjetunion bis heute in Russland gewachsen sind. Neben der Armee ist das Gefängnis der zweite Ort, an dem Menschen ungestraft Gewalt über andere ausüben können. Ein Viertel der männlichen Bevölkerung Russlands hat in einem Gefängnis gesessen. Dort herrscht ein ausgeklügeltes Kastensystem unter den Gefangenen. Die unterste Stufe bilden die „Opuschtschennye“ (Erniedrigten), auch „Petuchi“ (Hähne) genannt. Sie sind der Gewalt und Willkür der Mitgefangenen ausgesetzt, bis hin zu sexueller Demütigung und Vergewaltigung.
Die Menschenrechtlerin Olga Romanowa kennt das russische Gefängnissystem. Sie leitete die Organisation „Russland hinter Gittern“ und lebt im Exil in Berlin. Sie beschreibt das System: Die Gefängnishierarchie entscheidet, wer in welche Kaste kommt.
Neuankömmlinge werden je nach Straftat oder Verhalten in Klassen eingeteilt. Ein Pädokrimineller kommt in die Kaste der „Petuchi“. Ein weiteres Kriterium ist das Verhalten im Gefängnis. Ähnlich wie in der Armee erfährt der Gefangene anfangs Gewalt. Kann er dem widerstehen und zeigt sich „würdig“, wird er ein „Muschik“ (Mann). Andernfalls wird er sexuell gedemütigt und gehört zu den Erniedrigten oder „Petuchi“.
Diese Kastenzugehörigkeit bleibt dem Häftling ein Leben lang. Wechselt er das Gefängnis oder wird er erneut verhaftet, muss er seine Zugehörigkeit zum internen Gefängnissystem offenlegen, sagt Romanowa, denn „das interne Gefängnistelefon arbeitet immer“. Hinzu kommt ein System der Gewalt durch die Gefängnisverwaltung und ermittelnde Behörden, um Insassen zu brechen und zu kompromittieren.