Wirtschaft

Inside VW: Der Machtkampf hinter Döllners Trump-Auftritt

Die letzten Worte vor dem Abflug in die USA ließen nichts Gutes erwarten. Es sei „sehr unschön“, auf was sich Audi-Chef Gernot Döllner eingelassen habe, gab Betriebsratschefin Daniela Cavallo ihm mit auf den Weg, wie Beteiligte im Gespräch mit CORRECTIV berichteten. Döllner hatte den Aufsehern zuvor erklärt, er reise zu einer Wahlveranstaltung von US-Präsident Donald […]

von Martin Murphy

Audi-Chef Gernot Döllner lässt sich von US-Präsident Donald Trump als Wahlhelfer einspannen.

Die letzten Worte vor dem Abflug in die USA ließen nichts Gutes erwarten. Es sei „sehr unschön“, auf was sich Audi-Chef Gernot Döllner eingelassen habe, gab Betriebsratschefin Daniela Cavallo ihm mit auf den Weg, wie Beteiligte im Gespräch mit CORRECTIV berichteten. Döllner hatte den Aufsehern zuvor erklärt, er reise zu einer Wahlveranstaltung von US-Präsident Donald Trump und werde möglicherweise mit ihm auf die Bühne müssen.

Der VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch hatte die Spitzen des Gremiums am vergangenen Freitag zu einem informellen Treffen geladen. Teilnehmer waren neben Cavallo auch IG Metall-Chefin Christiane Benner, Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) sowie Wolfgang Porsche und Hans Michel Piech.

Kurz vor dem Treffen hatte Pötsch die Runde darüber informiert, dass Rechtsvorstand Manfred Döss und Döllner Neues über den Bau eines neuen Werkes in den USA mitteilen wollten. Für die meisten kam dies überraschend, nur einige Teilnehmer wie VW-Chef Oliver Blume wussten konkret Bescheid über die Pläne, hieß es aus der Runde. Der Wunsch nach einer eigenen Fabrik für die VW-Tochter geistert seit Jahren durch den Konzern, die Chancen standen mit Blick auf die leeren Kassen lange schlecht.

Aufsichtsrat wenig begeistert von Trump-Forderung

Nun aber gab es Neuigkeiten: Audi sollte sein Werk in den USA erhalten. Döss, der auch den Aufsichtsrat von Audi leitet, erläuterte laut Teilnehmern die Eckdaten für den Deal mit den Amerikanern. Rund die Hälfte der Investitionssumme von vier Milliarden Euro würde der US-Staat übernehmen. Darüber hinaus habe das Team um Trump Erleichterungen bei den Auto-Zöllen in Aussicht gestellt. Das Milliardenpaket sollte es aber nicht ohne Gegenleistung geben, Döllner sollte auf die Bühne mit Trump. Mitten im Wahlkampf.

Der Vortrag von Döss dauerte zehn Minuten, dann war Raum für Fragen – und Meinungsbeiträge. Cavallo sei sehr deutlich geworden, hieß es aus der Runde. Als Rassisten und Misanthropen habe sie Trump bezeichnet. Pötsch habe sie dann ermahnt, solche Worte nicht in der Öffentlichkeit zu sagen, da dies das Projekt gefährden könnte.

Teilnehmer erinnern sich auch an Kritik von Ministerpräsident Lies. Diese sei aber gemäßigter gewesen. „Niemand hat aber Stopp gesagt.“ Und so stieg Döllner an dem Freitagnachmittag in den Flieger in die USA.

Auftritt von Döllner im Guardian Centers of Georgia am Samstag.

Am Samstagabend traf Döllner im Guardian Centers of Georgia in der Stadt Perry auf den US-Präsidenten. In der Halle selbst waren keine 1000 Menschen. „Solche Veranstaltungen sind ein Riesen-Tam-Tam und richten sich vor allem an das Fernsehpublikum“, sagte ein US-Wahlkämpfer im Gespräch mit CORRECTIV, die mit diesen Veranstaltungen vertraut ist.

Trump und Döllner tauschten vor dem Auftritt einen kurzen Händedruck und der US-Präsident erklärte ihm, er werde ihn gleich auf die Bühne holen. So erinnert sich eine Person aus dem Umfeld des Audi-Chefs. Es wurde also ernst.

Überraschend konnte dies für Döllner nicht gewesen sein; schon im Vorfeld hatte er sich vom Audi-Vorstand die Zustimmung geholt, das im sogenannten „Code-of-Conduct“ (Leitfaden für eine gute Firmenführung) festgeschriebene Verbot für Auftritte bei Wahlkämpfen für den Tag auszuhebeln.

Etwa eine halbe Stunde nach dem Auftakt holt Trump den Deutschen mit den Worten „Wir wollen Gernot danken“ auf die Bühne. Döllner erklärte dann, dass Audi ein neues Autowerk in Georgia bauen wolle. „Ich will Trump danken für seine Unterstützung.“ Es sei großartig für Audi und Amerika, sagte der Manager. Im Hintergrund lächelte Trump. Solche Worte kommen bei seinen Anhängern erkennbar gut an.

Daniela Cavallo, Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats der Volkswagen AG, ist erbost über die Hilfe für Trump.

Döllner erntete für seinen Kurzauftritt in Perry zwar Applaus. Bei seiner Rückkehr nach Deutschland am Montag traf ihn die ganze Breite der Kritik. Betriebsratschefin Cavallo erklärte im Nachgang: „Wer die Rede von Donald Trump gehört hat und dann wahrnehmen musste, dass in Gestalt von Herrn Dr. Döllner eines unserer Konzern-Vorstandsmitglieder zum aktiven Teil dieser Veranstaltung wurde, muss vor Scham im Boden versinken.“ Etliche Minuten voller Rassismus, Sexismus, Fremdenhass, Transphobie, Verächtlichmachung der Demokratie … und dann trete einer der obersten Konzern-Repräsentanten auf die Bühne und betreibe Wahlkampfhilfe für Donald Trump.

Von Seiten der Bundesregierung schob Umweltminister Carsten Schneider im Kölner Stadt-Anzeiger nach: „Während sich weite Teile der Welt aufmachen hin zur technisch überlegenen Elektromobilität, wettet Audi auf fossile Energien und damit auf ein totes Pferd“. In Georgia will Audi sogenannte Sportliche Geländeautos (SUV) im Oberklassenbereich bauen. 

Döllner verteidigte in einem Brief an die Mitarbeiter seinen Gang auf die Wahlkampftribüne in Georgia. Im Rahmen von Gesprächen über Finanzhilfen für ein US-Werk sei er gebeten worden, diese gemeinsam mit dem US-Präsidenten öffentlich vorzustellen, schrieb er. „Die Entscheidung, dieser Einladung zu folgen, haben wir ausschließlich im Interesse des Unternehmens getroffen.“

Autofirma verliert Milliarden in den USA

Für viele Mitarbeiter und Manager ist die Wahlkampfhilfe für Trump eine moralische Bankrotterklärung – einige im Konzern verweisen indes auf die wirtschaftliche Notlage, in der sich VW mit seiner Tochter Audi befindet. Ein Insider: „Wir stehen mit dem Rücken an der Wand“. Jedes Jahr verliere Audi rund eine Milliarde Euro im US-Geschäft.

Die Ursache dafür ist eine verfehlte Modellpolitik sowie die Last durch die US-Zölle. „Letztlich“, so berichtet ein hochrangiger Manager, „steht Audi vor der Frage: Wir bauen ein US-Werk oder verlassen den Markt”. Da das Audi-Geschäft in China eingebrochen ist, würde die VW-Tochter nur noch in Europa vertreten sein. „Statt mit BMW und Mercedes konkurrieren wir als Regionalmarkt mit Volvo.” Die beiden deutschen Wettbewerber bauen ihre Autos in den USA und sind damit weitgehend immun gegen die Zölle.

Der bisher außerhalb der Autowelt wenig bekannte Audi-Chef ist in das Zentrum des öffentlichen Interesses geraten. Der Grund dafür ist nicht nur in Georgia zu suchen. Döllner ist im VW-Reich, zu dem Audi gehört, eine Reizfigur. Er gilt im Unternehmen als Hardliner, wenn es um das Thema „Sparen“ geht.

So stammt das über den Sommer hitzig diskutierte Sparpaket mit einem massiven Stellenabbau und die Schließung von mehreren Werken in Deutschland vor allem aus seiner Feder, auch wenn VW-Chef Blume dieses verkündet hatte.

Eine Schließung von Werken ist nach einer Einigung mit dem Betriebsrat vorerst ausgesetzt, aber die Überlegung ist laut Konzerninsidern nicht aus der Welt. „Wir werden nicht darum herumkommen“, sagte ein hochrangiger Manager zu CORRECTIV. Betrieben werden die Planungen von Döllner und von Rechtsvorstand und Audi-Aufsichtsratschef Döss.

Döllner und Döss sind über diese Schiene eng verbunden. Beide teilen die Ansicht, dass Europas größter Autohersteller nur über eine harte Sanierung zu retten sei, wie es in deren Umfeld heißt. Unterstützung finden sie in den Kreisen der Familie Porsche/Piech, dem größten Aktionär von VW. Diese drängen auf die Schließung von Werken und wollen die Macht des Betriebsrats eingedämmt sehen.

Als Wahlhelfer für Trump haben sich Döss und Döllner angreifbar gemacht. Selbst die Frankfurter Allgemeine Zeitung sieht in einem Kommentar einen Glaubwürdigkeitsverlust und das Handelsblatt wirft die Frage auf, ob der Konzern demnächst Wahlhilfe für die AfD betreiben könnte.

Döllner treffe die Kritik, sagte eine Person aus seinem Umfeld. Aber er müsse sie aushalten, da er den US-Markt nicht aufgeben wolle. „Er soll Audi nach den Jahren des Niedergangs sanieren.“ Für VW war die Tochter lange Zeit ein wichtiger Gewinnbringer; infolge von Missmanagement stürzte Audi aber ab.

Gelingt ihm die Rettung des Herstellers, dann qualifiziert sich Döllner womöglich für höhere Weihen. Da der Umbau der Mutter Volkswagen schleppend verläuft, wächst bei den Aktionären der Unmut über Konzernchef Oliver Blume. In der Familie Porsche/Piech wurde nach CORRECTIV-Informationen bereits über eine vorzeitige Ablösung diskutiert. Da es aber keine Alternative gebe, sei das Thema vertagt worden, berichten mehrere Personen aus dem Umfeld der Familie.

Dem Team um Blume dürfte eine Schwächung von Döllner gelegen kommen, und dem Betriebsrat ebenso. Wenn der Audi-Chef in der Defensive sei, dann könne er nicht so offensiv auf Einschnitte drängen, hieß es aus dem Kreis.

Wie es nun weitergeht, dürfte sich in diesem Jahr noch zeigen. Zum einen fehlt für das US-Werk die Zustimmung des Aufsichtsrats, zum anderen fehlt die Zusage für Zollerleichterungen.

Eine kurzfristig angesetzte Sitzung der Aufseher wurde in der vergangenen Woche abgesagt, weil wichtige Eckdaten noch unklar seien, wie Insider berichten. Denkbar sei, dass im Dezember auf einer Sondersitzung über das Thema entschieden werde.

Dann könnte auch feststehen, wie es mit den Zöllen weitergeht. Erst nach den Midterm-Wahlen will die US-Regierung dazu eine Entscheidung fällen, wie Insider aus Washington berichten. Das Kalkül: Hätte Trump dies in Perry auf der Bühne verkündet, dann hätte das sein Image als harter Macher schmälern können. 

Die US-Zölle kosten VW laut Blume fünf Milliarden Euro jährlich. Kommt eine Erleichterung, dann würde Döllner diese für sich verbuchen können.

Redaktion und Faktencheck: Martin Böhmer