Auf seiner letzten Sitzung hat der Vorstand des Autobauers Volkswagen heftig über den geplanten Radikalumbau diskutiert. Mindestens vier Werke sollen dicht gemacht und Zehntausende Arbeitsplätze gestrichen werden, wie CORRECTIV von drei mit den Vorgängen vertrauten Personen erfahren hat. Beim Treffen der Aufsichtsräte dürfte das Sparpaket an den Stimmen der Arbeitnehmer und des Landes Niedersachsen als Großaktionär scheitern.
Der Vorstand mit Oliver Blume an der Spitze musste sich daher laut den Kreisen auf seiner Sitzung am Dienstag mit der Frage befassen, wie Europas größter Autohersteller gegen ein Votum des Aufsichtsrats saniert werden kann. Aufweichen, so stellten Beteiligte im Gespräch mit CORRECTIV klar, wolle die Firmenleitung das Konzept nicht.
Im Gegenteil: Laut Konzernkreisen ist der Umfang der Einschnitte größer als bislang bekannt. Statt der bekannten vier Werke sollen fünf betroffen sein und statt 50.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen 60.000 gehen. Das Unternehmen äußerte sich auf Anfrage nicht dazu.
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Damit bahnt sich die nächste Stufe der Eskalation in der Auseinandersetzung um den Umbau von Volkswagen an. Nach einem erwartbaren Nein für ihr Konzept würde der Vorstand nach der Aufsichtsratssitzung am Freitag eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen, auf der dann die Aktionäre dem Sparpaket zustimmen sollen. Ende Juni hatte CORRECTIV über diese Überlegungen berichtet. Diese Absicht habe der Vorstand auf seiner Sitzung am Dienstag bekräftigt.

Begründen würde der Vorstand diesen für die Unternehmenslandschaft ungewöhnlichen Schritt mit der wirtschaftlichen Not, in die Volkswagen ohne Einsparungen kommen könnte. In internen Unterlagen heißt es, dass der Konzern in eine „existenzbedrohende Situation“ rutsche. Bleibe alles beim Alten, würde VW ab dem Jahr 2030 Verluste schreiben, geht aus den Unterlagen hervor. Diese liegen CORRECTIV vor.
Die Misere hat zwei Ursachen: Missmanagement und ein veränderter Markt. Weltweit wächst die Nachfrage nach Elektroautos, die zunehmend digital vernetzt und selbstständig durch den Verkehr steuern. VW hat den Wandel lange Zeit ignoriert und dann halbherzig reagiert.
Die Einschnitte bei VW reichen tief
Hinzu kommt, dass die Produktionskosten in den deutsche Werken laut einer internen Aufstellung deutlich über dem Schnitt liegen. Die Autos werden damit im Vergleich zu Modellen aus China teurer, der Absatz sinkt daher. VW stellt sich laut internen Planungen auf einen weltweiten Verkauf von neun Millionen Fahrzeugen ein – rund zwei Millionen weniger als noch vor wenigen Jahren.
Mit der sinkenden Nachfrage droht den Werken die Arbeit auszugehen. Der Vorstand will daher die Fabriken in Emden, Hannover, Neckarsulm und Zwickau schließen. Zudem werde geprüft, ob ein weiteres Werk in Europa dicht gemacht werden müsse, berichten mehrere Personen, die mit den Planungen vertraut sind. Betroffen sein könnte die Autoproduktion im ungarischen Györ, wie ein Top-Manager CORRECTIV sagte.
Da aber die Kosten aus dem Ruder laufen, plant der Vorstand weitere Einschnitte. Unstrittig? sind geplante Einsparungen beim Einkauf und eine Entschlackung der Angebotspalette von 150 auf 75 Automodelle.
Auf Ablehnung stößt außerdem der Plan des Vorstands, weitere Arbeitsplätze zu streichen. Blume selbst hatte kürzlich vor Mitarbeitern den Abbau von zusätzlich rund 50.000 Jobs bis zum Jahr 2030 angekündigt. Diese Zahl allerdings greift zu kurz.
Intern hat der Vorstand eine Auflistung über die Einschnitte beim Personal erstellen lassen. Demnach sollen nun zusätzlich 60.000 Arbeitsplätze gestrichen werden. Diese addieren sich zu den 70.000 Stellen, die bereits beschlossen sind. Bis zum Ende der Dekade sollen also 130.000 der rund 650.000 Menschen ihren Arbeitsplatz bei VW verlieren.
VW: Arbeitnehmervertreter stellen sich gegen Pläne des Autobauers
Die Arbeitnehmervertreter lehnen eine Schließung von Werken sowie weitere Einschnitte beim Personal strikt ab. Die Betriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo erklärte am Montag vergangener Woche, dass es betriebsbedingte Kündigungen nicht geben werde. Auch Werksschließungen seien „für uns keine Option“.
Auch Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) lehnt eine Schließung von Standorten ab. Lies sitzt als Vertreter seines Bundeslandes im Aufsichtsrat des Unternehmens.

Für Lies ist auch der Vorschlag des Vorstands für eine Verselbstständigung der Marke VW undenkbar. Dies ist bislang mit der Holding verschmolzen, soll aber künftig neben den Schwestermarken Audi und Porsche eigenständig aufgestellt werden.
Der Politiker fürchtet, dass über die Trennung von Holding und Kernmarke das VW-Gesetz aufgeweicht werden könnte. Dieses sichert Niedersachsen als zweitgrößtem Aktionär nach der Familie Piech/Porsche eine größere Mitsprache bei den Fabriken zu.
Das Land, der Betriebsrat sowie das Management nehmen alle eigene Positionen ein – „und mauern sich ein“, wie eine Führungskraft sagte. Jeder habe seine roten Linien gezogen, was Kompromisse erschwere.
In den vergangenen Tagen haben Vertreter von orstand, Land, Betriebsrat und Aufsichtsrat in verschiedenen Konstellationen über Lösungswege diskutiert. Alle Bemühungen seien aber gescheitert, berichten mehere Personen, die an den Verhandlungen beteiligt waren. Zuletzt war am Mittwochabend ein Schlichtungsversuch gescheitert, den Aufsichtsratschef Hans-Dieter Pötsch initiiert hatte.
An diesem Donnerstag kommen nun die Spitzen des Aufsichtsrats zu Gesprächen über die Lage zusammen. Ein Kompromiss erwarte niemand mehr, berichten die involvierten Personen. Die eigentliche Sitzung des Aufsichtsrats am Freitag steht damit unter keinem guten Stern. Die Frage sei dann, wann die Aktionäre zu einer außerordentlichen Hauptversammlung eingeladen würden.
Redigatur und Faktencheck: Martin Böhmer
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