Die SPD in NRW und der Personality-Wahlkampf im Ruhrgebiet

Im kommenden Jahr setzt die NRW-SPD in erster Linie auf die Strahlkraft ihrer Führungsfigur Hannelore Kraft, der amtierenden Ministerpräsidentin des Landes, um den Wahlkampf zu bestreiten – so hat es der Vorstand am Wochenende beschlossen. Doch reicht eine Personality-Show rund um Hannelore Kraft aus, um das Revier und damit NRW zu gewinnen? Zeit sich den YouTube-Kanal von Hannelore Kraft genauer anzusehen.

von David Schraven

© Hannelore Kraft (SPD), Ministerpräsidentin von NRW / Screenshot aus ihrem YouTube-Kanal

Im kommenden Mai wird in NRW ein neuer Landtag gewählt. Dabei geht es gerade im Ruhrgebiet um sehr viel. Verliert die SPD das Ruhrgebiet, verliert sie NRW und damit automatisch die Bundestagswahlen, die nur kurze Zeit später im Jahr angesetzt sind. Würde im Gegenzug die AfD im Ruhrgebiet unter den klassischen Wählerschichten der SPD gestärkt, könnte sie sich in NRW und vielleicht sogar im Bund durchsetzen. Die politische Landschaft könnte sich grundlegend verschieben.

Anders gesagt: Die Entscheidung um die Zukunft Deutschlands wird zu einem großen Teil im Ruhrgebiet gefällt.

In dieser Situation will die SPD in der heißen Phase des Wahlkampfes auf Hannelore Kraft setzen. Der Personality-Wahlkampf sei derzeit der entscheidende Baustein der ganzen Strategie, heißt es aus der Führungsspitze der SPD. Der NRW-Vorstand hat sich am Wochenende für Hannelore Kraft als Spitzenkandidatin ausgesprochen. Die Landesdelegierten sollen im Februar die Entscheidung auf einer Konferenz abnicken.

Zeit also, sich die Personality Hannelore Kraft genauer anzusehen.

Der YouTube-Kanal

Eines der Instrumente, mit denen sich Hannelore Kraft in der Öffentlichkeit präsentiert, ist ihr YouTube-Kanal.

Insgesamt 43 Filme hat sie dort veröffentlicht. Kleine Filmchen, meist selbst gedreht, in denen sie zeigen will, wie es sich als Ministerpräsidentin von NRW so lebt: gedacht als ein sympathischer Blick hinter die Kulisse, der sie intimer, nahbarer, echter, unverstellter zeigt, als jeder Zeitungsbericht, als jeder Film.

15mal hat Hannelore Kraft sich selbst in einen direkten Bezug mit der eigenen Arbeit gefilmt. Sie zeigt etwa sich selbst ihrem leeren Wahlkreisbüro. Sie zeigt, wie sie begleitet von Bodyguards in den Bundesrat geht; wie sie sich einen Kaffee holt.

Meist geht es in den Videos um inhaltsleere Belanglosigkeiten, untermalt von inhaltslosen Gesprächsfetzen. Man erfährt wenig darüber, was sie warum macht, was ihre Ziele sind, und wie sie überzeugen will. Die YouTube-Filme gleichen damit in ihrer Gesamtheit einem nicht enden wollenden Diaabend bei einer Lehrerin, die man eigentlich ganz sympathisch findet. Von Film zu Film wünscht man sich intensiver, man hätte nie diesem Abend mit seiner Endlosschleife an Belanglosigkeiten zugestimmt, dieser Aufzählung von Örtlichkeiten: Ich war am Meer, ich war am Strand. Ich war im Museum. Ich war im Park. Man wünscht sich eine Erzählung, einen Inhalt herbei. Und nicht diese Wiederholungen: Das hier, das war wichtig. Das hier, das war noch wichtiger. Und das hier, das war noch wichtiger. Ohne zu erfahren, was „das“ überhaupt sein soll.

Viele Feierlichkeiten

13mal veröffentlicht Hannelore Kraft auf ihrem YouTube-Kanal Kurzvideos von sich selbst auf Parties oder Preisverleihungen — inklusive einem Fanvideo von einem Papstbesuch.

Die Aufnahmen sind vom Sinn her gut. Es ist richtig, den Menschen zu zeigen, der Verantwortung für die Bürger im Land übernimmt. Es ist gut, zu sehen, wer Hannelore Kraft ist. Videos können ein gutes Instrument sein, der Ministerpräsidentin nahezukommen. Sie können Verständnis für Politik eröffnen. In dem sie zeigen, wie Hannelore Kraft zuhört, wie sie argumentiert, wie sie Probleme löst.

Leider gibt es aber immer wieder Videos zu sehen, in denen Hannelore Kraft Menschen um sich herum wie Staffage abfilmt, geradezu wegknipst. Ihre Kameraführung offenbart dabei eine schwer zu fassende Arroganz, vielleicht unbewusst. Sie redet über den Mitarbeiter einer Stadtverwaltung, der sie empfängt, und filmt sich selbst – den Mann zeigt sie nicht m Bild. Sie sagt an anderer Stelle: „Natürlich“ seien auch die lokalen Abgeordneten bei einem Treffen mit ihr dabei. Sie zeigt die Menschen aber nicht, über die sie redet, oder nur für den Bruchteil einer Sekunde. Es scheint, als benutze sie die Erwähnung der sie empfangenden Menschen zur Erhöhung ihrer eigenen Position. Als müsse der Betrachter erkennen, wie wichtig sie sei, weil die namentlich nicht genannten, die kaum gezeigten anderen Menschen um sie herum scharwenzeln.

Besonders peinlich wird es, wenn Hannelore Kraft in Menschenmengen eintaucht. Es gibt da das Video, in dem sie in einer Runde von Parteifreunden sitzt. Sie filmt die ganze Runde. Von links nach recht. Alle abgeschwenkt. In die Gesichter der Menschen um sie herum. Wie ein empathieloser Tourist Tiere im Zoo abfilmen würde. Und redet dabei in ihre Selfiekamera ein Lob, während alle schweigen. „Wir sitzen zusammen mit ganz vielen wichtigen Leuten aus der Partei. Die ganz fleißig gearbeitet haben.“

Das Gezeigte wirkt nach

Der Betrachter bekommt Mitleid mit Hannelore Kraft, die sich der Lächerlichkeit Preis gibt. Dieses Mitleid führt dazu, dass man sagen möchte, es sei doch nicht so schlimm. Diese Frau versuche doch nur Nähe zuzulassen. Dies tue sie halt hölzern; sie sei eben kein Medienprofi, sondern nur eine Frau als Ministerpräsidentin. Man möchte sagen, das sei doch nicht schlimm. Lass doch die Frau in Ruhe.

Doch mit dem Mitleid wird vergessen, dass Hannelore Kraft ein wichtiges Amt innehat. Dass sie dafür Verantwortung trägt, wie sich unser Land entwickelt. Dass es auf sie ankommt bei den Wahlen und dass genau diese Filme und Auftritte eine wichtige Rolle dabei spielen werden, ob ihr Personality-Wahlkampf bei den Wählern ankommt. Oder ob nur die SPD-Kernwählerschaft angesprochen wird – und zu viele andere SPD-Wähler in die Arme der anderen Parteien, vielleicht sogar der AfD, getrieben werden.

6mal zeigt sich Hannelore Kraft in ihrem Videos auf Messebesuchen oder Reisen. 3mal zeigt sie sich zusammen mit irgendwelchen Leute. 1mal besucht sie eine Bahnhofsmission. 1mal geht sie Tennis schauen. 1mal lässt sie sich in einee klimafreundlichen Gemeinde blicken.

Flutkrise oder Webvideofeier?

Es gab im vergangenen Jahr einiges, wo Hannelore Kraft hätte hingehen können. Wo es Sinn gemacht hätte, sich zu zeigen und den Menschen zuzuhören.

Die Hochwassernächte Anfang Juni etwa, vom 2. bis zum 4. Juni. Als tausende am Niederrhein nicht schlafen konnten, weil die Deiche zu brechen drohten.

Hannelore Kraft zeigte stattdessen ein Video von sich beim Webvideopreis am 4. Juni. Eine Feier mit jungen Leute, B- und C-Promis. Es ist eines der längsten Videos auf ihrem YouTube-Kanal.

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Der Zwiespalt von Hannelore Kraft ist hier mit den Händen zu greifen – wenn auch nicht zu hören. Wenn sie zu den Menschen im Hochwassergebiet ginge, würden ihr Leute dann nicht vorhalten, sie nutze die Flutopfer aus, um sich zu profilieren?

Aber ist ein Video vom Webvideopreis eine sinnvollere Alternative?

Wäre es nicht besser, den Menschen in der Krise am Deich zuzuhören? Den Menschen, die echte – keine virtuellen – Sorgen haben. Zumal Hannelore Kraft in der Krise etwas dazu hätte beitragen können, dass es besser wird. Dieses Video wäre spannend gewesen.

Stattdessen redet Hannelore Kraft in ihren Videos immer wieder davon, wie wichtig ihre Arbeit sei – zeigt aber nicht, was wichtig daran sein soll, oder welche Konsequenzen ihre Entscheidungen haben. Sie zeigt nicht die Menschen, um die es geht. Sie zeigt sich selbst. Alles dreht sich nur um sie. Selbst bei Interviews, oder wenn sie andere vorstellt, zieht sie die Kamera häufig wieder weg und richtet wieder alles auch das eigene Ego aus.

Arbeiter als Kulisse

1mal war Hannelore Kraft bei einer Stahldemo. Sie zeigt in ihrem Video aber keine Stahlarbeiterfamilie, die in einer Siedlung von anderen Stahlarbeiter wohnt. Sie zeigt also wieder nicht die Menschen, um die es geht. Sie zeigt in ihrem Video vor allem sich selbst. Die Stahlarbeiter kommen als Kulisse acht Sekunden lang vor. Zitat: „Das ist schon wirklich eine beeindruckende Kulisse hier. Alle wichtigen Akteure sind auf der Bühne.“ Hannelore Kraft sagt das nicht böse, sondern einfach so: unbedacht. Anschließend sieht man die Arbeiter noch ein zweites Mal als Kulisse. Diesmal für die Rede des SPD-Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel. Wieder acht Sekunden lang. Die Arbeiter sind im Hintergrund.

Dabei wäre gerade diese Demo eine Gelegenheit gewesen, sich die Sorgen der Menschen anzuhören, sich für andere Menschen zu interessieren. Oder schlicht nur da zu sein für andere. Sie hätte auch Fragen beantworten können: Was erhoffen sich die Stahlarbeiter  von ihrer Ministerpräsidentin? Kümmern heißt auch zuhören. Hannelore Kraft redet vor allem selbst.

Was wird in den Videos offenbart?

Die Macht der Bilder ist groß. Hannelore Kraft redet in ihren Videos davon, wie lang die Tage für sie sind. Sie sieht müde aus, immer müder. Manchmal verbraucht.

Sie sieht einsam aus. Wenn sie ein Gruppenvideo macht und nur einen oder zwei Menschen um sich herum mit Namen benennt. Hat sie zu den anderen keinen Bezug mehr? Ist sie verloren?

Es heißt, die Macht von Hannelore Kraft gründe darauf, dass sie mit den Menschen könne. Ihre Youtube-Videos offenbaren etwas anderes.

Hannelore Kraft erscheint als verlorene Passagierin in einem abgehobenen Regierungstaxi mit Ledersitzen.

2mal spielt das Thema Integration eine Hauptrolle in den YouTube-Filmen von Hannelore Kraft. Dabei war gerade dieses Thema mit Abstand das wichtigste in diesem Jahr.

Und schon wieder verpasst Hannelore Kraft die Chance, dahin zu gehen, wo das Thema die Massen bewegt.

Integration als Chance

1mal ist Hannelore Kraft bei sympathischen Jugendlichen, die eine App gebaut haben, die Flüchtlingen helfen soll. Die App ist klasse. Die Jugendlichen sind engagiert. Es ist auch nicht das Problem, dass Hannelore Kraft, die Ministerpräsidentin, sich für die Jugendlichen und ihr tolles Projekt einsetzt. Das Problem ist, dass Hannelore Kraft in ihrem Kanal nicht ein Video hat, in dem sie mit den Menschen in und vor und neben Flüchtlingsheimen spricht. Sie hat kein Video veröffentlicht, in dem sie mit den Flüchtlingen, den Nachbarn, den Helfern und kommunalen Beamten spricht. Und sie hat keine Lösungen für die Probleme präsentiert.

1mal zeigt sich Hannelore Kraft in einem Integrationszentrum in Hamm. Sie filmt sich selber vor einigen Kameraleuten und Fotografen. Es sind kaum Bürger auf der Straße zu sehen. Stattdessen zeigt Hannelore Kraft einen Sekundenbruchteil lang Offizielle der Kommune, die sie aber nicht weiter vorstellt. Dann zeigt Kraft einige Kisten voller Papierkonzepte und Formularblätter in einem anonymen Raum. Nimmt eines der Formulare willkürlich heraus und sagt fast autistisch bedeutungsschwer: „Für jedes Kind eines. Sehr gut.“ Ist ihr das wirklich wichtig? Oder tut sie nur so?

Den Ausschnitt veröffentlichen wir hier ungekürzt. Nur Anfang und Ende sind abgeschnitten. Den ganzen Film könnt ihr hier sehen.

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Den YouTube-Kanal von Hannelore Kraft zu kritisieren erscheint billig, banal. Und doch kann man nicht einfach über dieses Format hinwegsehen. Der YouTube-Kanal von Hannelore Kraft offenbart vielleicht den Menschen Hannelore Kraft besser als viele andere Formate.

Bildet Euch selbst eine Meinung. Schaut euch den YouTube-Kanal an, solange er nicht gelöscht ist.

Hört und schaut Euch Hannelore Kraft an.