Klimawandel

Schaut mal: Diese Länder zeigen, wie Klimaschutz geht

Die weltweite Klimakonferenz COP 25 in Madrid hat begonnen: Wir stellen vier Länder vor, an denen sich Deutschland ein Beispiel nehmen kann. Eine Überraschung ist dabei.

von Annika Joeres

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Fahrradfahrer in Kopenhagen (Foto: Febiyan / unplash.com)

Die 25. „Conference of the Parties“ (COP) in Madrid muss eines schaffen: Die Länder zu konkreten Gesetzen zu bewegen, um in den kommenden Jahrzehnten die Erderwärmung auf höchstens zwei Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen. Für jedes Land gelten dabei unterschiedliche Ziele und Pflichten, die im Pariser Vertrag von 2015 explizit festgelegt sind. Grundsätzlich gilt: Je reicher und industrialisierter ein Land ist, desto mehr Treibhausgase muss es einsparen.

Die Industriestaaten, die das Klima in der Vergangenheit mit ungebremster Kohle-Energie aufgeheizt haben, müssen ihren CO2-Ausstoß stärker reduzieren als Entwicklungs- und Schwellenländer, die sich gerade im wirtschaftlichen Aufstieg befinden. Jedes Land, von Afghanistan bis Zypern, muss also unterschiedlich viel an seinem Lebensstil ändern.

Die Unterscheidung zwischen industrialisiertem und weniger entwickeltem Land ist wichtig, weil die Länder mit großem Bruttoinlandsprodukt, mit starker Auto- und Maschinenindustrie oder mit großen fossilen Bodenschätzen bisher hundert- oder manchmal zehntausendfach mehr Treibhausgase ausgestoßen haben als ärmere Länder. Die G20-Länder sind für achtzig Prozent aller klimaschädlichen Emissionen verantwortlich.

Auch Deutschland – lange Zeit vorbildlich in der Entwicklung der Erneuerbaren Energien – produziert noch immer 79 Prozent seiner gesamten Energie – also zum Heizen, für Strom und Transport – mit Öl, Gas oder Kohle. Wir werden unsere Klimaziele für 2020 verfehlen und auch die Ziele für 2030 nur schwerlich einhalten können. Das einst als Klimavorreiter gelobte Land kann derzeit nicht als Vorbild dienen. Wir haben uns nach positiven Beispielen in anderen Ländern umgeschaut.

Wir wollen Beispiele aus vier Ländern vorstellen, die im Klimaschutz fortschrittlich sind. Basierend auf Berichten der Klima-NGOs Germanwatch und climate action tracker, die sich wiederum auf aktuelle Daten der Weltenergieagentur, der Welhandelsorganisation, der OECD, der Weltbank und auf nationale Informationen beziehen.

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SCHWEDEN belohnt klimafreundlichen Konsum

Die nordischen Länder sind seit Jahren unter den Top-Ten der Klimafreunde. Bis 2030 will Schweden hundert Prozent seiner Energien aus erneuerbaren Quellen beziehen. Außerdem ist Schweden weltweiter Vorreiter darin, klimaschädlichen Konsum teurer zu machen. Seit 1996 erhebt es einen Preis von 121 Euro auf eine Tonne CO2. Seitdem haben die Schweden ihre Ölheizungen gegen Solarthermien oder Stromheizungen umgestellt, die Regierung hat Infokampagnen für „smarte Häuser“ gestartet, und Dämmungen, Solaranlagen und Wärmepumpen für private Häuser finanziert. Eine genaue Zahl zu dem Anteil der passiven Häuser gibt es nicht, aber Germanwatch und seine Experten gehen davon aus, dass es der höchste in der EU ist. Trotz ihres hohen Wohlstandes stoßen Schwedinnen und Schweden drei Mal weniger Treibhausgase aus als Deutsche.

In Schweden ist auch die Verkehrswende nah. Ab 2025 wird jedes zweite Auto von Volvo mit elektrischen Motoren verkauft werden. Und: Die schwedische Regierung will ein „Bonus-Malus“-System einführen. Wer schadstoffarme Autos kauft, wird belohnt. Wer sich große, schwere und damit klimaschädliche Autos zulegt, muss höhere Steuern zahlen.

MAROKKO nimmt seine Sonnen-Chance wahr

Marokkos Bürgerinnen und Bürger produzieren viel weniger Treibhausgase als etwa Deutsche oder Amerikaner. Theoretisch hätte das nordafrikanische Land also das Recht, seine Emissionen noch zu steigern. Aber Marokko hat entschieden, sich direkt von einem Agrarstaat in einen nahezu fossil-freien Industrie- und Dienstleistungsstaat zu wandeln. Zwischen 2015 und 2020 hat das Land alleine seine Solarenergie von zwei auf 14 Prozent gesteigert und will bis 2030 mehr als die Hälfte seines Stroms mit Sonne und Wind erzeugen.. Ein Grund: Die Monarchie baut kilometerlange Solar-Anlagen in der Wüste. Die sogenannte Noor-Anlage beispielsweise ist das größte Solarwerk der Welt, zieht sich über 25 000 Hektar und wird knapp 1,2 Millionen Marokkanerinnen und Marokkaner mit Strom versorgen.

Schließlich hat das Land keine fossilen Bodenschätze zum Verbrennen – aber dafür sehr viele Sonnenstunden im Jahr. Allerdings vollzieht Marokko keine dezentrale Energiewende, wie es in Deutschland vielerorts angestrebt wird, sprich, die Wind- oder Solaranlagen verteilen sich nicht kleinteilig auf verschiedene Dörfer. Akzeptanz und Bürgerbeteiligung stehen in Marokko hinten an. Stattdessen werden die Solarpanele gleich zentral und hektarweise aufgebaut.

Für Marokko sind die Erneuerbaren Energien günstiger, als Kohle oder Gas zu importieren. „Das Land nimmt seine Chance wahr“, sagt Jan Burck von Germanwatch. Er hat das Klima-Ranking der Umwelt -NGO mitgeschrieben.

CHINA übertrifft seine Prognosen

Viele kennen die Bilder von Menschen, die sich im dichten Smog und mit Atemschutzmaske durch chinesische Großstädte kämpfen. Regelmäßig erscheinen Chinas Metropolen im Ranking der am meisten verschmutzten Städte unter den Top 30. Auch die Menge an klimaschädlicher Kohleenergie wuchs in 2018 weiter an. Und auch wenn das Land für seine Politik insgesamt, etwa bei politischen Dissidenten, sicherlich kein Vorbild ist, ist es ein Überraschungskandidat bei bestimmten Klimaschutzmaßnahmen.

„China hat sich von den ganz hinteren Plätzen Jahr für Jahr nach oben gearbeitet und ist nun etwa auf einem Level im Klimaschutz-Ranking mit Deutschland“, sagt Burck von Germanwatch. (China war 2018 auf Platz 41, 2019 auf Platz 33,  Deutschland rutschte vom 22. auf den 27. Platz) Insofern ist für viele Klimaexperten die Tendenz entscheidend: Verschiedene Klima-NGOs bewerten China zwar nach wie vor als großen Verschmutzer, sehen seine künftige Rolle aber als positiv. „Wenn die chinesische Regierung auf Elektroautos setzt, dann hat das sofort Folgen für die ganze Welt“, sagt Hanna Fekete von der weltweiten NGO „Climate action tracker.“ Einige ihrer Entscheidungen könnten andere Länder anspornen.

China übertrifft – im Gegensatz zur Bundesregierung, die ihre eigenen Ziele verfehlt – inzwischen seine eigenen Vorgaben. Als Schwellenland mit geringerem Lebensstandard hatte China laut dem Pariser Klimaabkommen das Recht, seinen CO2-Ausstoß noch zu steigern – so wie alle Länder, die historisch deutlichweniger emittierten als die historische Industrieländer wie Deutschland oder Großbritannien. China gab damals an, erst ab 2030 seine Emissionen zu senken. Nach neueren Studien aber wird China voraussichtlich schon zwischen 2021 und 2025 weniger klimaschädliche Gase emittieren – und damit seine Ziele, ganz im Gegensatz zu Deutschland, übertreffen. Wie kommt das?

Für die vielversprechende Bilanz sind laut der Weltenergieagentur EIA Erneuerbare Energien verantwortlich. In keinem Land der Erde wachsen Sonne- Wind- und Wasserkraft so schnell wie in China. Im Jahr 2023, so die EIA, wird China voraussichtlich mehr Erneuerbare produzieren als die gesamte EU. Vor allem aber ist China dabei, seinen Verkehr vom fossilen Benzin zu befreien und auf den öffentlichen Nahverkehr umzustellen: Das Ziel: 2020 sollen 30 Prozent der Menschen in Großstädten mit Bus und Bahn fahren. Das ist dreimal so viel wie in den meisten deutschen Großstädten – außer Berlin, dort legen die Einwohnerinnen und Einwohner schon jetzt knapp ein Drittel der Wege mit Zügen und Bussen zurück.

Das „Transit Metropolis“-Programm von 2011 baute den öffentlich subventionierten Nahverkehr in China zu einer Auto-Alternative aus. Die Metro-Linien im Land sind heute doppelt so lang wie noch 2012. Aktuell fahren knapp 6000 Kilometer unterirdische Bahnen und weitere 6000 Kilometer sind geplant. Zum Vergleich: In Europa existieren zur Zeit rund 3000 Kilometer unterirdische Bahnen.

Hinzu kommt: China produziert Millionen Produkte, die wir hier billig einkaufen: Telefone, Legosteine, Computer, Badehosen. Die Emissionen werden derzeit den Produzenten zugeschrieben. Wenn das nicht so wäre und die Emissionen auch den hiesigen Käufern zugerechnet würden, sähe Chinas Bilanz noch besser aus. Und unsere noch schlechter.

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DÄNEMARK gibt Fahrradfahrern Vorrang

Dänemark hat einige Klima-Nachteile: Das nordische Land baut die Erneuerbaren Energien zu langsam aus und bohrt weiterhin nach Öl und Gas in der Nordsee. Trotzdem rutscht Dänemark in den Rankings immer weiter nach oben, beispielsweise durch mehr Windkraft und das Verbot von Benzin-Autos ab 2030. Aber vor allem aus einem Grund darf Dänemark in dieser Liste nicht fehlen: Sein Angebot für Fahrradfahrer und -fahrerinnen ist weltweit einmalig. Die dänische Hauptstadt Kopenhagen gilt vielen Stadtplanern inzwischen als Vorbild für die Verkehrswende. Schon jetzt legen ihre Einwohnerinnen und Einwohner mehr als 33 Prozent der Wege zur Arbeit oder zur Schule auf dem Fahrrad oder zu Fuß zurück.

Das ist dreimal so viel wie in den meisten deutschen Großstädten – außer Berlin, dort legen die Einwohnerinnen und Einwohner schon jetzt knapp ein Drittel der Wege mit Zügen und Bussen zurück.

Warum? Weil die Stadt einen konkreten Plan umgesetzt hat, Fahrradfahrern immer und überall Vorrang zu gewähren. Dazu gehört, dass Autos an Ampeln hinter den Radfahrerinnen stoppen müssen und die Radwege so breit sind, dass sie in eine schnelle und eine langsamere Spur unterteilt sind. Bis 2025 werden die straßenbreiten Radwege weiter ausgebaut, Straßen zu Einbahnstraßen für Autofahrer degradiert oder ganz gesperrt, an Kreuzungen Reparatur- und Aufpumpstationen aufgebaut und überall für sichere Abstellplätze gesorgt. Und: Radwege werden künftig genauso schnell von Schnee befreit wie Autostraßen.

Fazit:

Die Weltkarte der Klima-Sünder und -Retter hat sich in den vergangenen Jahren wenig verändert. „Die Länder, die traditionell viel ausstoßen, bleiben dabei. Die Länder, die nur in geringem Maße für den Klimawandel verantwortlich sind, tun mehr für die Welt“, sagt Hannah Fekete vom NewClimate Institute. Auch einen Frontrunner, also ein Land, das in allen Bereichen gut abschneidet, gibt es bei keinem dieser Rankings.

Deshalb bleiben bei dem „Climate Change Performance Index“ der NGO Germanwatch seit Jahren die ersten drei Plätze frei: Der Index rankt die Gesetze und Projekte von den 60 stärksten Emittenten der Welt. „Die Länder der Welt sind lethargisch und wenig einfallsreich“, sagt Jan Burck, Projektleiter des „Performance index“ von Germanwatch. Größtes Manko: Die Energie einzusparen. Bislang setzen die meisten darauf, die Energie mit Wind und Sonne und Biomasse herzustellen – was gut ist. Den Energie-Verbrauch zu senken hat bislang allerdings kaum ein Land geschafft. Dabei ist die Kilowattstunde am klimafreundlichsten, die erst gar nicht produziert werden muss.

Leider ist das Fazit: Kein klimaschädliches Land erreicht bislang die Pariser Klimaziele. Kein industrialisiertes Land der Erde verringert seinen Verbrauch ausreichend, um die Erwärmung auf unter zwei Grad Celsius zu begrenzen und damit Dürren, Überschwemmungen und den Meeresanstieg einzudämmen. Ja, die aktuellen Prognosen für die Länder führen zu einer drei Grad heißeren Erde – das eine Grad mehr aber hat große Folgen: „Für viele Lebewesen, von Meeres-Schildkröten bis zu Korallenriffen, bedeutet schon ein halbes Grad mehr den Tod. Und für uns Menschen? Hunderte Millionen mehr werden unter dem Klimawandel leiden,“ schreibt die Weltraumbehörde NASA. Es ist also ein großer Unterschied, der sich bei jedem Fieber nachvollziehen lässt: Wir fühlen uns wohl bei einer Körpertemperatur um 36,7 Grad Celsius, schwach bei 38 und sind bettlägerig bei 39 Grad.

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