Studie zu Impfstoff mRNA-1273: Es stimmt nicht, dass jeder fünfte Impfproband „ernsthaft krank“ wurde

Einer der Impfstoffe gegen SARS-CoV-2, der derzeit an Menschen getestet wird, ist der Impfstoff mRNA-1273. In einem Artikel wird behauptet, dass viele Probanden davon „ernsthaft krank“ geworden seien. Dabei zeigten nur vier von 45 Probanden stärkere Symptome wie Übelkeit oder Kopfschmerzen.

von Sarah Thust

Symbolbild Grippeschutzimpfung
Ein Patient wird zur Vorbeugung gegen eine Krankheit geimpft. (Symbolbild: Katja Fuhlert / Pixabay)
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Teilweise falsch
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Teilweise falsch. Der Artikel lässt wesentlichen Kontext weg. Insgesamt wurden weniger Probanden krank als in der Überschrift behauptet.

Zu mRNA-Impfstoffen gegen SARS-CoV-2 kursieren mehrere Falschbehauptungen im Internet. Eine davon bezieht sich auf den Impfstoff mRNA-1273, der seit März an einigen Probanden getestet wird. Die Bloggerin Niki Vogt behauptete in einem Text für den Schild- Verlag am 26. Mai: Jeder fünfte der Impfprobanden sei „ernsthaft krank“ geworden. 

Das stimmt so nicht. Zudem wird in dem Text die Wirkweise des Impfstoffs falsch erklärt. Der Text wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 11.300 Mal auf Facebook geteilt – unter anderem in der Facebook-Gruppe „Corona-Rebellen“.

Wir haben die Behauptungen zum Impfstoff mRNA-1273 geprüft. Es stimmt nicht, dass jeder fünfte Proband „ernsthaft krank“ geworden ist. Der Artikel lässt wesentlichen Kontext weg.

Der Text von Niki Vogt wurde unter anderem in der Facebook-Gruppe „Corona-Rebellen” geteilt.
Der Text von Niki Vogt wurde unter anderem in der Facebook-Gruppe „Corona-Rebellen” geteilt. (Screenshot: CORRECTIV)

Behauptung: „Jeder fünfte der Impfprobanden wurde ernsthaft krank“

Die Kernbehauptung steht in der Überschrift des Textes. Die Behauptung bezieht sich auf den Impfstoff mRNA-1273 vom US-Hersteller Moderna. Angeblich habe das Unternehmen am 3. März „zusammen mit Dr. Fauci eine Versuchsreihe an Freiwilligen in Seattle“ gestartet. Dabei seien bei 20 Prozent der Probanden „ernste Komplikationen” aufgetreten.

Eine Recherche von CORRECTIV ergab: Die Studie gibt es, doch die Ergebnisse werden verzerrt dargestellt. Zudem sind einige Details und Erklärungen zur Studie falsch.

Der mRNA-Impfstoff wird derzeit getestet

Der Impfstoff mRNA-1273 befand sich bis Ende Mai in der ersten Phase der klinischen Prüfung, wie aus einer Pressemitteilung von Moderna vom 18. Mai hervorgeht. Das heißt, er wird an Menschen getestet. „Die klinische Prüfung von Impfstoffen ist ein zentraler Schritt bei der Entwicklung von Impfstoffen“, heißt es in einem Dokument des Paul-Ehrlich-Instituts. Das Institut ist in Deutschland für die Zulassung von Impfstoffen zuständig.

Was in der ersten Phase der klinischen Prüfung geschieht, beschreibt zum Beispiel das Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline auf seiner Internetseite: „Ein neues Arzneimittel oder ein neuer Impfstoff wird bei der ersten Prüfung am Menschen in der Regel nur einer kleinen Gruppe freiwilliger gesunder Testpersonen verabreicht.“

Phasen der klinischen Prüfung von GlaxoSmithKline
Ein Screenshot zeigt eine Übersicht über die Phasen der klinischen Prüfung vom Pharmakonzern GlaxoSmithKline. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Autorin suggeriert hingegen in ihrem Text über den Impfstoff mRNA-1273, dass die Auswahl gesunder Probanden eine „Vorsichtsmaßnahme“ von Moderna gewesen sei. Dann bezieht sie sich auf die Pressemitteilung des Konzerns vom 18. Mai, in der Moderna vorläufige positive Testergebnisse für Phase 1 verkündet hat. Die Mitteilung belegt die Aussage, dass „jeder fünfte Proband ernsthaft krank“ wurde, jedoch nicht.

Vier Probanden von 45 zeigten „Symptome der Stufe 3“, das ist nicht jeder fünfte

Durchgeführt wurde die klinische Phase-1-Studie für den Impfstoff am Kaiser Permanente Washington Health Research Institute in Seattle. Laut der Pressemitteilung von Moderna gab es drei Kohorten (Gruppen) mit jeweils 15 Probanden. Sie waren zwischen 18 und 55 Jahre alt. Die Probanden bekamen entweder eine Dosis von 25 Mikrogramm, 100 Mikrogramm oder 250 Mikrogramm verabreicht. Alle wurden jeweils zweimal geimpft. Die höchste Dosis war mit den meisten Impfreaktionen („unerwünschte Ereignisse“) verbunden.

Bei 20 Prozent der Probanden in der dritten Kohorte (drei von 15 Personen, die die Dosis 250 Mikrogramm erhielten) traten nach der zweiten Impfung „systemische Symptome der Stufe 3“ auf. Die gesamte Versuchsgruppe war aber viel größer: Von insgesamt 45 Probanden berichteten vier Personen „Symptome der Stufe 3“. Das sind rund 8,9 Prozent.

Pressemitteilung von Moderna zum Impfstoff mRNA-1273
Ein Screenshot zeigt einen Absatz aus der Pressemitteilung von Moderna zum Impfstoff mRNA-1273. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Überschrift des Artikels beim Schild-Verlag führt also in die Irre, denn sie suggeriert, dass bei 20 Prozent aller Probanden ernste Komplikationen aufgetreten sind. Das stimmt nicht. Die Information, dass sich die 20 Prozent nur auf die dritte Kohorte und die zweite Impfung beziehen, folgt erst später und weit unten im Text.

„Systemische Symptome“ sind zum Beispiel Übelkeit, Kopfschmerzen, Müdigkeit und Muskelschmerzen

Welche Symptome konkret auftraten, ging aus der Pressemitteilung nicht hervor. Das erwähnt auch die Autorin des Artikels, schreibt aber: „‘Systemische Symptome der Stufe 3’ bedeutet laut Definition der FDA: ‘Verhinderung täglicher Aktivitäten und die Notwendigkeit einer medizinischen Intervention’.“ Dann behauptet sie: „Dabei handelt es sich also nicht um ein bisschen Temperatur oder Schnupfen. Diese drei Probanden wurden ernsthaft krank.“

Die Einordnung ist irreführend, weil sie auslässt, welche Art von Symptomen gemeint sind.

Die Autorin hat zur „Definition der FDA“ keine Quelle verlinkt, also haben wir gesucht und ein Dokument von 2007 gefunden: die Skala zur Toxizitätseinstufung der US-Behörde Food and Drug Administration (FDA). Demnach gehören zu „systemischen Symptomen der Stufe 3“ theoretisch Übelkeit, Kopfschmerzen, Durchfall, Müdigkeit oder Muskelschmerzen, die stark genug sind, um tägliche Aktivitäten zu verhindern oder die Einnahme von Schmerzmitteln nötig machen.

Toxizitätsskala der FDA für Probanden, die an präventiven klinischen Impfstoffstudien teilnehmen
Ausschnitt aus der Toxizitätsskala der FDA für Probanden, die an präventiven klinischen Impfstoffstudien teilnehmen. (Quelle: US Food and Drug Administration / Screenshot: CORRECTIV)

Die am 14. Juli veröffentlichte Studie zum Impfstoff mRNA-1273 zeigt, dass mit den „schweren systemischen Symptomen“ Schüttelfrost, Müdigkeit und Kopf- oder Muskelschmerzen gemeint waren. Sie traten nach der zweiten Impfdosis bei der Gruppe mit der höchsten Dosierung auf. Die Einstufung der Symptome erfolgte laut einer Fußnote im Anhang der Studie ebenfalls auf Grundlage der Toxizitätsskala der FDA.

Nach der ersten Impfung hatte laut der Studie keiner der 45 Probanden Fieber. Nach der zweiten Impfung trat leichtes Fieber bei sechs Personen der zweiten Kohorte und acht Personen der dritten Kohorte auf. In einem Fall wurde das Fieber mit 39,6 Grad als „schwer“ eingestuft.

Diagramm: Klinische Prüfung von mRNA-1270 - Häufigkeit der Symptome
Screenshot zweier Diagramme: Hier haben die Forscher die Häufigkeit der Symptome grafisch dargestellt. Die gelben Abschnitte markieren Symptome der Stufe 3. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Hersteller Moderna schrieb dazu in der Pressemitteilung vom 18. Mai: „Alle unerwünschten Ereignisse waren vorübergehend und verschwanden von selbst. Es wurden keine unerwünschten Ereignisse des Grades 4 oder schwerwiegende unerwünschte Ereignisse gemeldet.“ 

Wie funktionieren mRNA-Impfstoffe?

Pressesprecherin Susanne Stöcker vom Paul-Ehrlich-Institut erklärte CORRECTIV, wie ein mRNA-Impfstoff funktioniert: „[mRNA-Impfstoffe] werden synthetisch hergestellt und enthalten Teile der Erbinformation des Virus in Form von RNA, die den Bauplan für ein oder mehrere Virusproteine bereitstellen. Die Körperzellen nutzen die RNA als Vorlage, um das oder die Virusproteine selbst zu produzieren.“ Dabei werde aber nur ein Bestandteil des Virus gebildet, vermehrungsfähige Viren könnten nicht entstehen.

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„Während bei vielen herkömmlichen Impfstoffen das Antigen selbst injiziert wird, wird also beim mRNA-Impfstoff die genetische Information gespritzt, sodass der Körper das Antigen selbst bildet“, schreibt das Paul-Ehrlich-Institut. Es werde zwar an mRNA-Impfstoffen geforscht, aber es sei noch keiner für Menschen zugelassen worden.

Auszug aus einem Presse-Briefing des Paul-Ehrlich-Instituts vom 22. April 2020 zur Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen.
Auszug aus einem Presse-Briefing des Paul-Ehrlich-Instituts vom 22. April 2020 zur Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen. (Screenshot: CORRECTIV)

In dem Text für den Schild-Verlag wird außerdem behauptet, dass diese Erbinformationen des Virus die menschlichen Erbanlagen dauerhaft verändern könnte. Sie könnten sogar vererbt werden, heißt es dort. Es gibt für diese Aussage jedoch keine Belege. 

Das sei kaum vorstellbar, sagte Susanne Stöcker CORRECTIV am Telefon. „Selbst wenn die Impfstoff-RNA in das Genom integriert würde, dann wäre das Ergebnis, dass das SPIKE-Protein von der Zelle hergestellt und vom Immunsystem erkannt würde und dann die betroffene Zelle abgetötet würde.“ Und: Könnten diese Eigenschaften weitervererbt werden? „Nein.“

Faktenchecker der DPA haben Veränderungen in der DNA nach einer mRNA-Impfung als nach Einschätzung von Experten „extrem unwahrscheinlich“ eingestuft. Ein Faktencheck von MDR Wissen kam zu dem Schluss, dass so ein Prozess nicht die gesamte menschliche DNA erfassen könnte, sondern nur einzelne Zellen.

mRNA-1273 ist einer von sechs RNA-Impfstoffen, die derzeit klinisch geprüft werden

Mehrere Impfstoff-Kandidaten gegen SARS-CoV-2 befinden sich laut Robert-Koch-Institut in der Entwicklungsphase. Wie ein Überblick der Weltgesundheitsorganisation (WHO) am 31. Juli 2020 zeigte, trifft das auf 139 Impfstoffe zu. 26 Impfstoffe wurden zu diesem Stichtag in klinischen Studien an Menschen untersucht, sechs davon sind RNA-Impfstoffe.

Die erste Phase der klinischen Prüfung für mRNA-1273 war Ende Mai, als der Text beim Schild-Verlag erschien, noch nicht abgeschlossen. Im April war die Studie auf Erwachsene über 55 Jahre ausgeweitet worden, teilte das Forschungsinstitut Kaiser Permanente in einer Pressemitteilung am 14. Juli mit. Phase 2 der klinischen Prüfung hat Ende Mai begonnen, Phase 3 läuft seit dem 27. Juli.

„Die Daten zu Nebenwirkungen und Immunreaktionen bei verschiedenen Impfstoffdosen gaben Aufschluss darüber, welche Dosen in den klinischen Studien der Phase 2 und 3 des Prüfimpfstoffs verwendet werden oder für den Einsatz geplant sind“, hieß es weiter in der Mitteilung.