Nein, ein Gericht hat nicht bestätigt, dass in Portugal nur 152 Menschen an Covid-19 gestorben seien

Anders als auf einer Webseite und bei Facebook behauptet wird, sind in Portugal nicht nur 152 Menschen an Covid-19 gestorben. Ein Gerichtsurteil wird falsch interpretiert.

von Matthias Bau

Titelbild_Portugal
Im Netz wird die Behauptung verbreitet, ein portugiesisches Gericht habe bestätigt, dass es in dem Land nur 152 Covid-19-Todesfälle gegeben habe. Das stimmt nicht. (Symbolbild: Unsplash / Mylo Kaye)
Behauptung
In Portugal habe es nur 152 „verifizierte“ Covid-19-Tote gegeben. Das habe ein Gericht bestätigt.
Bewertung
Falsch. Laut dem portugiesischen Gesundheitsministerium handelt es sich bei den 152 Toten nicht um die Gesamtzahl der Covid-19-Toten, sondern um Obduktionen, die von Ärzten des Justizministeriums durchgeführt wurden. Ein Gerichtsurteil wird fehlinterpretiert.

Ein Gericht in Lissabon soll bestätigt haben, dass es bisher lediglich 152 „verifizierte“ Covid-19-Todesfälle in Portugal gegeben habe. Das schreibt die Webseite Tkp mit Verweis auf einen portugiesischen Blog. Der Artikel auf Tkp.at wurde laut dem Analysetool Crowdtangle bereits mehr als 2.500 Mal auf Facebook geteilt, zum Beispiel hier und hier. Andere Webseiten wie Journalistenwatch und Epoch Times griffen die Behauptung ebenfalls auf. 

CORRECTIV.Faktencheck hat das portugiesische Gesundheitsministerium kontaktiert und um Stellungnahme zu den Behauptungen gebeten. Die Behörde erklärte uns, dass es sich bei der Zahl 152 lediglich um die Covid-19-Toten handele, die im Zusammenhang mit „ungeklärte“ oder „gewaltsamen Todesursachen“ untersucht worden seien, nicht um die Gesamtzahl der Covid-19-Toten. Diese liege um ein Vielfaches höher.

Angebliche Zahl der „verifizierten“ Covid-19-Toten stammt aus einem Gerichtsurteil

Auf der Seite Tkp heißt es, ein Lissaboner Gerichtsurteil zeige, dass „die Zahl der gerichtlich verifizierten Covid-19-Todesfälle von Januar 2020 bis April 2021 nur 152″ betrage. Die offiziell angegebene Zahl der Todesfälle in Portugal sei „um Größenordnungen“ zu hoch. Das ist falsch, die Zahl bezieht sich lediglich auf durchgeführte Obduktionen.

Das Gerichtsurteil, auf das sich der Artikel bezieht, ist hier zu finden. Es stammt vom Verwaltungsgericht Lissabon und ist auf den 19. Mai 2021 datiert. Die Stellen, auf die sich der Artikel von Tkp bezieht, finden sich auf den Seiten 13 und 14 des Dokuments.

Darin heißt es, eine Analyse des Sterbeurkunden-Informationssystems (SICO) durch das Gesundheitsministerium habe ergeben, dass im Zeitraum vom 1. Januar 2020 bis zum 18. April 2021 152 Sterbeurkunden mit der Todesursache Covid-19 von Ärzten des Justizministeriums ausgestellt worden seien. 

Wie wenige Zeilen später klar wird, bezieht sich diese Zahl auf von den Gerichtsmedizinern ausgestellte Sterbeurkunden. Dort heißt es weiter, dass bei den 152 Sterbeurkunden 148 Mal als zugrunde liegende Todesursache die Codes U071 und U072 eingetragen gewesen seien.

Bei „U071“ und „U072“ handelt es sich um Kodes zur Erfassung von Todesursachen, die international verwendet werden. Die Kodes U07.1 und U07.2 werden benutzt, wenn als Todesursache Covid-19 vorliegt. Der Kode U07.1 zeigt an, dass Covid-19 durch einen Labortest als Todesursache bestätigt werden konnte. Der Kode U07.2, dass die Krankheit zwar nicht durch einen Labortest als Todesursache bestätigt wurde, es aber ausreichend Hinweis gibt, dass Covid-19 die Todesursache war. Solche Hinweise können zum Beispiel typische Symptome der Krankheit sein oder der Kontakt zu einem Menschen, dessen Infektion durch einen Labortest nachgewiesen wurde.

Portugiesisches Gesundheitsministerium: Zahl bezieht sich auf durchgeführte Obduktionen bei Verdacht auf Verbrechen

CORRECTIV.Faktencheck hat das Gesundheitsministeriums der Stadt Lissabon um eine Stellungnahme zu der Behauptung gebeten, dass das Urteil zeige, dass es in Portugal lediglich 152 „verifizierte“ Todesfälle in Portugal geben habe. 

Eine Sprecherin des Ministeriums erklärte uns, dass das Gericht das Ministerium aufgefordert habe, die Frage zu beantworten, wie viele Covid-19-Todesfälle durch Obduktionen bestätigt worden seien. Es sei also nicht um die Frage gegangen, wie viele Covid-19-Todesfälle es in Portugal überhaupt gegeben habe. 

Auszug aus der E-Mail des portugiesischen Gesundheitsministeriums
Auszug aus der E-Mail des portugiesischen Gesundheitsministeriums (Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Auf die Frage des Gerichts habe man mitgeteilt, dass bis zum 18. April 2021 152 Sterbeurkunden durch Ärzte des Justizministeriums ausgestellt worden sein. Die Ärzte des Justizministeriums würden immer dann tätig werden, wenn ein „gewaltsamer Tod“ oder eine „unbekannte Todesursache“ vorliege, also womöglich ein Verbrechen vorliegt. Im gleichen Zeitraum (also bis zum 18. April) seien in Portugal seit Beginn der Pandemie insgesamt 16.945 Covid-19-Tote gemeldet worden. 

Aktuell (13. Juli) weist das Ministerium auf seiner Seite 17.164 Tote (Óbitos) aus. Das RKI führt Portugal als Hochinzidenzgebiet.

Redigatur: Steffen Kutzner, Till Eckert

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Urteil des Verwaltungsgerichts Lissabon: Link (Portugiesisch)
  • Covid-19 Übersichtsseite des portugiesischen Gesundheitsministeriums: Link 
  • International gültige Kodes zur Erfassung von Todesursachen: Link (Englisch)