Barrierefreiheit

Webanwendung zum Ausprobieren: Wie fühlt es sich an, blind durch die Stadt zu gehen?

Ein grosses Rechercheprojekt, das CORRECTIV.Schweiz gemeinsam mit der Hochschule Luzern durchführt, zeigt: Unsichtbare Hürden im öffentlichen Raum sorgen für Angst und Unsicherheit im Alltag von Menschen mit Behinderung. Die grössten Hürden machen wir in unserer exklusiven Webanwendung für Sie erlebbar.

von Janina Bauer , Hanna Fröhlich

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Zwei Frauen mit Sehbehinderung und Tobias Matter von der Hochschule Luzern beim Forschungsspaziergang in der Innenstadt. (HSLU)

Eigentlich betritt Elfie Grendene alleine keine Unterführungen mehr. Muss sie es doch tun, dann geht die zierliche 89-Jährige mit der grossen Brille ein paar vorsichtige Schritte in den Tunnel. Sie hält inne und schaut sich um. Eingeschränktes Licht. Velofahrer, die angeflitzt kommen. Die nah an ihr vorbeifahren – sie beinahe berühren. Die sie nicht hört und nicht sieht.

Grendene ist auf einem Auge ganz blind, mit dem anderen sieht sie noch rund zwanzig Prozent und sie hört fast nichts mehr. Sie sagt: „Ich bin heilfroh, wenn ich unverletzt wieder herauskomme.“

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Elfie Grendene ist auf einem Auge ganz blind, auf dem anderen sieht sie noch rund 20 Prozent. Durch die Stadt Luzern bewegt sie sich mit Stock. (HSLU)

Schilderungen wie diese sind die Basis für die gemeinsam mit der Hochschule Luzern entwickelte Simulation mit Augmented und Virtual Reality, die unsichtbare Barrieren sichtbar macht. Die Anwendung können Sie nun exklusiv ausprobieren.

Wollen Sie wissen, wie es sich für Elfie Grendene anfühlt, durch eine Unterführung zu laufen? Oder für die 42-jährige Petra Groth? Sie ist Autistin, Reize von aussen nimmt sie viel stärker wahr: Licht, das flackert, tut ihr in beispielsweise in den Augen weh. Was an anderen Menschen unbemerkt vorbeizieht, löst bei Groth Angst und Stress aus.

Blind die Stadt erleben

Die beiden Frauen sind nur zwei von Dutzenden Betroffenen, mit denen CORRECTIV.Schweiz für diese Recherche gesprochen hat. Auf unserer interaktiven Rechercheplattform, dem CrowdNewsroom, hat CORRECTIV.Schweiz in den vergangenen Monaten Daten von rund 290 Betroffenen gesammelt. Wir haben die Daten ausgewertet, zahlreiche Gespräche mit Expertinnen und Interessenvertretern geführt und mit Betroffenen vor Ort gesprochen.

Projektbeschrieb und Making-Of

In einer Pilotrecherche in Luzern erproben das gemeinnützige Medienhaus CORRECTIV.Schweiz, die Hochschule Luzern und Zentralplus einen AR-gestützten Journalismus mit der Bevölkerung: Ein Zusammenspiel aus der digitalen Beteiligungsplattform CrowdNewsroom und dem Einsatz von Mixed Reality. Unser Ziel: die Voraussetzungen zur Mitgestaltung der eigenen Heimatstadt massgeblich zu verbessern. Die Recherche wird unterstützt durch die Gebert Rüf Stiftung.

Zum Auftakt gingen wir dahin, wo die Menschen die Barrieren erleben. Im Rahmen eines PopUps auf dem Löwenplatz konnten Betroffene mitteilen, wo sie in Luzern Barrieren erfahren: Auf einem interaktiven Datentisch, handschriftlich an speziellen Plexiglaswänden, auf dem eigenen Mobiltelefon oder einfach im Gespräch. Auf der digitalen Karte des CrowdNewsrooms sind diese Barrieren für jeden und jede abrufbar.

Unter jenen, deren Leben durch unsichtbare Barrieren besonders erschwert wird, sind Menschen mit Sehbehinderung, ältere, hochsensible und autistische Personen. Sie haben uns beim Spazieren gezeigt und erzählt, wo sie Barrieren im Alltag vorfinden.

Im Rahmen der Recherche haben wir ausserdem mit verschiedenen Interessensorganisationen und NGOs gesprochen. Darunter sind Access for all, Pro Infirmis, Inclusion Handicap, Procap Zentralschweiz, der Schweizerische Blinden- und Sehbehindertenverband (SBV), Autismus Schweiz, Cerebral Zentralschweiz, Hindernisfrei Bauen Luzern, Reporter:innen ohne Barrieren und viele weitere. Wir danken den Betroffenen ausdrücklich für Ihre aktive Mitwirkung!

Für unser Projekt haben wir uns auf drei Gruppen fokussiert: Menschen mit Sehbehinderung, autistische beziehungsweise neurodivergente Personen und Seniorinnen und Senioren. Auch innerhalb dieser Gruppen unterscheiden sich die Bedürfnisse. Unsere virtuelle Darstellung erhebt keinen allgemeingültigen Anspruch, sondern bildet die persönlichen Erfahrungen einiger Personen ab, darunter Elfie Grendene und Petra Groth.

Jetzt exklusive Anwendung ausprobieren

Um die Simulation auszuprobieren brauchen Sie ein Smartphone und Kopfhörer. Dann müssen Sie nur den nachfolgenden QR-Code scannen oder hier klicken. Folgen Sie den Anweisungen auf Ihrem Bildschirm ­- und schon kann es losgehen.

Hinweis: Es kann einen Moment dauern, bis die Webanwendung startet. Warten Sie, bis eine Anweisung auf dem Bildschirm Ihres Smartphones angezeigt wird. 

Text und Recherche: Janina Bauer und Hanna Fröhlich
Redaktion: Marc Engelhardt
Forschung- und Entwicklung Anwendung: Christoph Schneider, Nadine Grabmaier, Leander Schneeberger, Christian Schnellmann und Tobias Matter (Hochschule Luzern – Design Film Kunst, Forschungsgruppe Visual Narrative)
Faktencheck: Sven Niederhäuser
Kommunikation: Charlotte Liedtke
Gefördert von der Gebert Rüf Stiftung