Missbrauchsfälle in der Kirche: Melden Sie sich, wenn Sie Hinweise haben
Nach wie vor gibt es keine Zahlen darüber, wie viele Menschen als Kinder oder Jugendliche von katholischen Geistlichen missbraucht wurden oder werden. CORRECTIV möchte mit einer Umfrage dazu beitragen, mehr Betroffene sichtbar zu machen.
Selbst der vorherige Papst musste zugeben: Die Datenlage zu Betroffenen von sexuellem Missbrauch ist ziemlich dürftig.
2019 berief Papst Franziskus ein Treffen im Vatikan zum „Schutz von Minderjährigen in der Kirche“ ein. In seiner Abschlussrede beschrieb er ausführlich sexuellen Missbrauch an Minderjährigen als ein Problem in allen Bereichen der Gesellschaft in verschiedenen Kulturen. Es gebe nach wie vor keine Statistik, die „das wahre Ausmaß“ abbilde, bemängelte Franziskus: Nicht von der Weltgesundheitsorganisation (WHO), nicht vom Kinderhilfswerk Unicef oder von Behörden wie Interpol. Zu viele Fälle würden einfach nicht gemeldet.
Die von ihm zitierten Zahlen bildeten also nur einen Ausschnitt der Realität ab. Aber es sei sicher, so Franziskus, dass es sich um Millionen von Kindern handele, die von sexualisierter Gewalt und Ausbeutung betroffen seien. Zu Betroffenen von Verbrechen durch Täter innerhalb seiner Kirche blieb er unkonkret.
Auch CORRECTIV hat keine offizielle Statistik gefunden, die nicht von einer hohen Dunkelziffer ausgeht. Allein im Kontext der katholischen Kirche, das legen bisherige Studien aus Ländern wie Australien, Frankreich oder Spanien nahe, könnte es sich weltweit bereits um mehrere Millionen handeln.
Um der Frage näher zu kommen, hat CORRECTIV für die Recherche „Akten des Missbrauchs“ Anfragen an alle Bistümer und größere Orden auf der Welt gestellt. Nur ein Bruchteil antwortete überhaupt, die wenigsten schickten verwertbare Zahlen.
Mit einer Umfrage möchte CORRECTIV daher mehr Licht ins Dunkel bringen. Sie können entscheidend dazu beitragen: In dieser kurzen Umfrage können Sie Hinweise zu sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche geben. Teilen Sie diese Umfrage auch mit Menschen aus Ihrem Umfeld, um möglichst viele Betroffene und ihre Angehörigen zu erreichen.
Ausmaß des Missbrauchs: Andere Länder sind konkreter
In Deutschland gibt es einige Untersuchungsberichte, sowohl zu einzelnen Bistümern als auch bundesweite, die aber auf unterschiedlichen Datengrundlagen basieren. Fast alle wurden von der katholischen Kirche beauftragt; eine Studie im Auftrag der Bundesregierung oder des Deutschen Bundestages gibt es bisher nicht. Anders in Spanien: Dort gab es mehrere landesweite Untersuchungen, eine beauftragte das Parlament. Eine aufwändig durchgeführte Studie in Frankreich geht mittels Hochrechnungen von 216.000 Betroffenen aus.
Ein Hinweis für Betroffene:
Die Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen bietet Unterstützung für Betroffene an. Die Unabhängige Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs möchte erwachsenen Betroffenen sowie Zeitzeuginnen die Möglichkeit geben, über den sexuellen Kindesmissbrauch zu berichten. Haben Sie vor dem 18. Lebensjahr sexuelle Gewalt erfahren? Hier können Sie sich melden: https://www.aufarbeitungskommission.de/ihre-geschichte/.
Die bundesweite MHG-Studie von 2018 hat 3.677 Kinder und Jugendliche zugeordnet. Anfang dieses Jahres haben Journalisten des MDR alle 27 Bistümer abgefragt und so 6.529 Betroffene ermittelt. Die Journalisten gehen davon aus, dass auch diese Zahl nur einen Bruchteil der realen Verhältnisse darstellt. Schon allein deshalb, weil dieser Datensatz keine Betroffenen berücksichtigt, die in katholischen Ordensgemeinschaften missbraucht wurden.
Das Dunkelfeld ist unter anderem auch deshalb so groß, weil nicht alle Betroffenen Fälle an Bistümer und staatliche Behörden melden. Diese Fälle tauchen also in Statistiken oder Untersuchungen nicht auf.
Dass Verbrechen nicht gemeldet werden, kann verschiedene Gründe haben. Für Betroffene bedeutet die Auseinandersetzung mit dem Erlebten häufig eine Retraumatisierung. Wenn sie ihren Missbrauch melden, müssen sie immer wieder erzählen, was sie erlitten haben – und dabei um ihre Glaubwürdigkeit kämpfen. Andere können ihren Fall nicht anzeigen, weil sie nicht mehr leben oder weil sie das Erlittene verdrängt haben. Andere schweigen aus Scham oder weil ihnen in der Vergangenheit nicht geglaubt wurde.
Betroffene müssen häufig sehr viel Kraft aufwenden, damit ihr Leid finanziell und vor Gericht anerkannt wird. Nicht alle können oder wollen das leisten, wenn ungewiss ist, ob ihnen geholfen wird: Nur ein Bruchteil der angezeigten Verbrechen wird überhaupt gerichtlich verhandelt. Sie ziehen sich meistens über mehrere Jahre und kosten viel Geld, das nicht alle Betroffenen aufbringen können. Manche Anträge bei Hilfsfonds oder Anlaufstellen werden abgelehnt.
Die Umfrage richtet sich an Betroffene oder Angehörige, die von Missbrauch Kenntnis haben. Nehmen Sie sich kurz Zeit.
Redaktion: Till Eckert, Justus von Daniels
Faktencheck: Till Eckert
Grafik: Mohamed Anwar
