Artikel

„Wir sind nicht perfekt“

Unsaubere Abrechnungen, Entlassungen und Streit mit dem Betriebsrat: Transparency International hat viele Baustellen. Am Jahresende entließ die Organisation nach unseren Informationen auf einen Schlag über zehn Prozent der Belegschaft. Der Interims-Geschäftsführer Lucas Fernandes räumt im Gespräch mit CORRECTIV Fehler ein. Jetzt will er die Organisation transparenter machen.

von Frederik Richter

Interims-Geschäftsführer Lucas Fernandes muss die Sparmaßnahmen bei TI umsetzen.© Frederik Richter

Als Kämpfer gegen Korruption hat Lucas Fernandes viel zu tun. Korruptionsskandale in Brasilien und Südkorea, die Enthüllungen der Panama-Papers: Auch 2016 wurde deutlich, wie leicht die Oberschicht in einer globalisierten Welt Gelder verschieben und Steuern hinterziehen kann.

„Korruption verändert sich ständig, wir müssen uns anpassen“, sagt Lucas Fernandes, seit November 2016 zweiter Geschäftsführer von Transparency International. „Wenn wir ein Schlupfloch schließen, tut sich ein neues auf, und deswegen muss es uns geben.“

Doch momentan muss sich Fernandes stattdessen um interne Baustellen kümmern. Transparency International (TI) steckt in einer Krise. CORRECTIV berichtete wiederholt über die Probleme. Mehrere Millionen Euro muss die Organisation in diesem Jahr einsparen und musste dafür am Jahresende Mitarbeiter entlassen. Das Klima im internationalen Sekretariat sei vergiftet, berichten Mitarbeiter, die hier nicht namentlich genannt werden wollen. Es gebe eine Kluft zwischen einigen hoch bezahlten Managern an der Spitze rund um den Geschäftsführer Cobus de Swardt und den übrigen Beschäftigen.

Keine Interviews in eigener Sache

Im November wurde Fernandes in einer neuen Doppelspitze zum vorläufigen zweiten Geschäftsführer neben de Swardt ernannt, wohl, um die Spannungen zu entschärfen. Er soll jetzt die Sparmaßnahmen und Umstrukturierungen umsetzen. Bisher leitete Lucas Fernandes die Arbeit von TI in Zentralafrika. Seit 2012 ist Fernandes bei TI, zuvor arbeitete er unter anderem in Spanien an der Universität Saragossa. Dieses Gespräch im Berliner Hauptquartier von TI in Spreenähe zeigt, dass Fernandes offenbar einiges anders machen will. Cobus de Swardt zum Beispiel hingegen war bisher nicht zu einem Gespräch mit CORRECTIV über die eigenen Angelegenheiten bereit.

Ein weiterer Zankapfel: Geschäftsführung und Betriebsrat streiten miteinander über die künftige Rechtsform. Im Kern geht es um die Frage, wie politisch die Arbeit von Transparency sein soll. Und damit, wie konkret die Organisation zum Beispiel zu bestimmten Korruptionsfällen Stellung nimmt. Oder ob sie wie bisher vor allem allgemeine Empfehlungen zum Beispiel zu Antikorruptionsgesetzen ausarbeitet.

In Deutschland müsste sich Transparency als politische Organisation zu einem sogenannten Tendenzbetrieb erklären. Vergleichbar mit einer Kirche oder einem Verlag, der eine politische Ausrichtung hat.

Suche nach sich selbst

Das Internationale Sekretariat der Organisation – es unterstützt die Landesverbände in aller Welt bei ihrer Arbeit – ist in dieser Frage gespalten. 2015 zog TI vor das Arbeitsgericht Berlin, um sich zu einem Tendenzbetrieb erklären zu lassen, und verlor. Das Arbeitsgericht folgte der Argumentation des Betriebsrats, der sich gegen eine solche Umwandlung gewehrt hatte. TI ging in Berufung.

„In unserer Organisation haben wir unterschiedliche Vorstellungen darüber, was wir eigentlich sind“, erläutert Fernandes. „Ich hätte mir gewünscht, dass wir das intern klären können, aber das war nicht der Fall.“

Die Entscheidung ist weitreichend: Bisherige Geber könnten davor zurückschrecken, einer politischen Organisation künftig Zuwendungen zu machen. Auch hängt davon ab, welche Rechte die Beschäftigten haben werden: Beschäftige eines Tendenzbetriebs sind arbeitsrechtlich schlechter gestellt, ihnen kann leichter gekündigt werden. Brisant angesichts der aktuellen Sparmaßnahmen.

CORRECTIV ist spendenfinanziert!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Mit Ihrer Spende ermöglichen Sie unsere Arbeit. Jetzt unterstützen!

Fernandes widerspricht: Bei diesem Verfahren stünden die Rechte der Beschäftigten nicht im Mittelpunkt. Es gehe allein darum, die Rechtsform der Organisation zu klären. Selbst wenn TI zu einem Tendenzbetrieb erklärt werde, werde man unter seiner Führung den Beschäftigten die gleichen Rechte einräumen wie aktuell.

Harter Sparkurs

Etwas mehr als 4 Millionen Euro fehlen TI im Etat für dieses Jahr, vor allem, weil die britische Regierung Zuwendungen strich. TI will jetzt stärker Projektfinanzierungen einwerben. Am Ende des Jahres hat TI nach Auskunft gegenüber CORRECTIV 17 Mitarbeiter entlassen. Das sind auf einen Schlag etwas über 10 Prozent der Belegschaft. Weitere Entlassungen seien nicht vorgesehen.

Angesichts der Entlassungen entzündete sich – ausgerechnet – viel Kritik an mangelnder interner Transparenz. So erhalten bei TI einige Führungskräfte Geld für Zweitwohnsitze im Ausland, während andere um ihre Arbeitsplätze bangen müssen. Das stieß vielen Angestellten sauer auf, erzählen Mitarbeiter aus dem internationalen Sekretariat. Fernandes räumt bei diesen Zahlungen Fehler ein. „Wir sind keine perfekte Organisation, wir lernen aus unseren Fehlern.“ Die Zahlungen sollen jetzt entweder abgeschafft werden oder allen Beschäftigten über ein Bonussystem offenstehen.

Die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten sieht Fernandes mit Sorge. „Wenn Trump sich zum Autokraten entwickelt, hilft das Autokraten woanders.“ Denn Entwicklungen in den USA hätten Strahlkraft in andere Teile der Welt. Fernandes stammt aus dem zentralafrikanischen Äquatorial-Guinea, wo die Familie des kleptokratischen Machthabers Teodoro Obiang ungeniert die Ölreichtümer des Landes plündert und Menschenrechte missachtet.

Ein einziges Haus des Sohns Teodorin Obiang in Paris soll über 100 Millionen Euro wert sein. Derzeit wird dem Sohn in Frankreich wegen Korruption der Prozess gemacht. Fernandes erzählt, dass ein Familienangehöriger in Äquatorial-Guinea jüngst in einem Gefängnis namens „Guantanamo“ einsaß. „Es heißt Guantanamo, damit die US-Regierung keine Kritik daran üben kann.“

Mehr Offenheit

Geht es nach Fernandes, wird die Organisation in eigenen Angelegenheiten künftig offener und transparenter. Auf die Frage, ob er als Geschäftsführer sein Einkommen offenlegen würde, ist er kaum zu bremsen. Und würde am liebsten sofort schon sein aktuelles Gehalt nennen.

Noch eine Baustelle: die Internationale Anticorruption Conference (IACC). Alle zwei Jahre kommen Aktivisten aus aller Welt zusammen, um über Strategien im Kampf gegen die Korruption zu diskutieren. Zugleich ist die IACC eine wichtige Einnahmequelle. Bisher hat Transparency die Finanzen der Konferenz nicht vollständig und transparent abgerechnet, wie CORRECTIV aufdeckte. TI versteckte die Einnahmen aus Eintrittsgebühren in kryptischen Fußnoten und wies Sponsorengelder von Konzernen mit zweifelhaftem Ruf gar nicht aus.

Finanziert wird die IACC vor allem vom jeweiligen Gastgeberland. Damit bot TI in den vergangenen Jahren Regierungen mit zweifelhaften Ruf, das eigene Image ein wenig aufzupolieren. Im Herbst 2016 etwa fand die Konferenz in Panama statt. Ausgerechnet in dem Steuerparadies, dessen Ruf durch die Enthüllungen der Panama-Papers in ein miserables Licht gerückt ist. Im März 2016, auf dem Höhepunkt der Berichterstattung über die Enthüllungen, schrieb die Kommunikationschefin von TI, man prüfe, ob die Konferenz tatsächlich in Panama stattfinden solle. Doch es blieb bei einem Gedankenspiel. Die Konferenz fand statt.

Ob Transparency die Finanzen der IACC zukünftig offenlegt, bleibt abzuwarten. Zumindest bei den Ausrichtern deutet sich ein Wandel an. Die nächste Konferenz im Jahr 2018 findet in Dänemark statt. Man wolle, schrieb Transparency dazu, von einem Land lernen, das zu den weltweit besten im Kampf gegen die Korruption gehört. Und bis dahin dürfte TI bei den internen Baustellen so weit sein, dass sich die Organisation wieder auf eben diesen konzentrieren kann.