Bundeswehr

Pistorius beendet teuerstes Marine-Projekt der Geschichte

Die Fregatte F126 sollte das kampfstärkste Schiff der Marine werden. Verteidigungsminister Pistorius hat das Projekt nun kurzfristig gestoppt – über zwei Milliarden Euro sind bereits gezahlt.

von Martin Murphy

Kiellegung der Fregatte F126
Foto: Stefan Sauer/picture alliance/dpa

Das Wichtigste in Kürze:

  • Das Verteidigungsministerium stoppt das teuerste Marine-Projekt der Bundeswehr.
  • Die Kosten für die Kampfschiffe hätten sich auf 18 Milliarden Euro mehr als verdoppelt.
  • Der Bund überwies noch bis vergangene Woche Geld an die Werften.
  • Sorge um nationale Souveränität: Das als Ersatz geplante Fregatten-Projekt Meko setzt auf US-Technologie statt auf deutsche Lösungen.

Für den Bau des Prestigeprojektes der Bundeswehr liegt auf der Peene-Werft in Wolgast vieles bereit. Teile des Rumpfes der Fregatte F126 haben die Schiffbauer geschweißt; Motoren, Getriebe und Komponenten wie Radare wurden bereits angeschafft. Weiter wird der Bau aber nicht gehen – am späten Dienstag hat Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) laut beteiligten Personen die mitwirkenden Werften informiert, das Projekt F126 sei beendet.

Die offiziellen Kündigungsschreiben wolle die Beschaffungsbehörde an diesem Mittwoch an die Werften Damen (Niederlande) und die Rheinmetall-Tochter NVL verschicken, wie die Personen CORRECTIV berichteten. Inzwischen hat das Verteidigungsministerium das Aus bestätigt. Die Peene-Werft gehört zum Rheinmetall-Konzern.

Mehrere Milliarden sind bereits geflossen 

Das Ministerium begründete die Entscheidung mit Verzögerungen sowie einem massiven Anstieg der Kosten. Letztlich sollte der Bau von sechs geplanten Fregatten auf über 18 Milliarden Euro ansteigen, erklärte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. Es wäre damit das mit Abstand teuerste Marine-Projekt geworden, das die Bundesrepublik je geplant hatte. Bei der Auftragsvergabe im Juni 2020 war der Preis mit sechs Milliarden Euro für vier Schiffe angesetzt worden.

Einen Teil des Geldes hat der Bund bereits gezahlt, zwei Fregatten sind schon im Bau. Nach Informationen von CORRECTIV waren in der vergangenen Woche noch 145 Millionen Euro an die Damen-Werft überwiesen worden. „In Summe flossen über zwei Milliarden Euro bisher“, sagte ein Vertreter aus der Rüstungsbranche, der ungenannt bleiben wollte. Weitere Personen bestätigten dies.

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Dafür gibt es Vertragsgründe: Die Werften erhalten mit dem Fortschritt bei den Bauarbeiten vertraglich festgelegte Zahlungen. Der Bund musste also das Geld überweisen.

Projekt-Aus wegen finanzieller Risiken

Laut mit dem Vorgang vertrauten Kreisen sollen vor allem die finanziellen Risiken Pistorius abgeschreckt haben. Zuletzt war über offene Garantien der Damen-Werft diskutiert worden, die bei rund vier Milliarden Euro gelegen haben sollen. Eine beteiligte Person beteuerte indes: „Das Problem hatten wir eigentlich gelöst, die Risiken waren bereinigt.“ Das Ministerium selbst sieht dies laut dem Sprecher anders.

Für die Unternehmen – Damen, Rheinmetall und dessen Tochter NVL – kommt die Entscheidung von Pistorius offenbar komplett überraschend. In der vergangenen Woche hätten Vertreter aus dem Verteidigungsministerium und Pistorius selbst noch beteuert, dass das Projekt F126 realisiert werde, berichteten mehrere Personen, die mit dem Deal vertraut sind.

Die Bundeswehr sollte mit den F126-Fregatten die Möglichkeit erhalten, sich weltweit an Einsätzen beteiligen zu können. Zudem sollte mit ihnen auch die Bekämpfung von U-Booten möglich sein.

Statt der F126 will die Bundesregierung für die Bundeswehr nun insgesamt acht Fregatten vom Typ MEKO-200 bestellen, die vom Wettbewerber TKMS (früher Thyssenkrupp Marine Systems) entworfen wurden. Der Stückpreis soll den Kreisen zufolge bei 1,6 Milliarden Euro liegen. Die Meko wäre damit etwas günstiger als die F126, allerdings ist die Fregatte mit rund 120 Metern auch etwa 40 Meter kürzer.

Wie CORRECTIV aus der Branche erfahren hat, will TKMS-Chef Oliver Burkhard die Rheinmetall-Tochter NVL am Bau der Meko-Fregatten beteiligen. Dazu sollten baldmöglichst Gespräche geführt werden, um die Arbeiten aufzuteilen.

Nach Beinahe-Pleite springt Rheinmetall ein

Das Projekt F126 stand von Beginn an unter keinem guten Stern. Nachdem deutsche Werften bei früheren Neubauprojekten gepatzt hatten, hatte die damalige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) im Jahr 2020 die niederländische Werft Damen mit der Fertigung der F126 beauftragt. Partner wurde die Bremer Lürssen Werft, heute NVL.

Für die Niederländer war der Zuschlag ein großer Erfolg, allerdings war der Schiffbauer mit dem Großprojekt überfordert und rutschte wegen Verzögerungen im vergangenen Jahr an den Rand der Pleite. Notgedrungen entschloss sich Damen, das Projekt an Rheinmetall abzugeben. Der von Armin Papperger geführte Rüstungskonzern übernahm zugleich die Marinewerft NVL von der Eignerfamilie Lürßen.

Verteidigungsminister Boris Pistorius (links) mit Rheinmetall-Chef Armin Papperger beim Spatenstich einer neuen Munitionsfabrik. (Foto: picture alliance/dpa | Philipp Schulze)

Attraktiv war dabei für Rheinmetall vor allem der Auftrag für die F126 – der zu diesem Zeitpunkt von der Bundesregierung auch so zugesagt war. Zum März schloss der Konzern die Übernahme von NVL ab – und verliert nun den lukrativen Großauftrag.

Viele Teile kommen nun aus den USA, nicht aus Deutschland

In der Branche sorgt das plötzliche Aus für Irritation. Der Deal hätte in Anbetracht der Kostensteigerungen viel früher gestoppt werden können, sagten mehrere Vertreter der Industrie zu CORRECTIV. Spätestens die drohende Insolvenz von Damen wäre ein Zeitpunkt dafür gewesen. „Diese kurzfristige Entscheidung von Pistorius ist daher ein Schock“, heißt es in der Branche.

Noch für den heutigen Mittwoch waren laut Branchenkreisen Vertreter der beteiligten Werften von der Beschaffungsbehörde zu einem Treffen eingeladen worden, um über den Fortgang der F126 zu reden. Dieser Termin sei nun hinfällig.

Der Schwenk von F126 auf die Meko-Klasse hat auch eine industriepolitische Dimension. Die Systeme für die F126 waren zumeist bei deutschen Firmen wie Hensoldt (Radar) bestellt worden, bei der Meko kommen weite Teile der Technik von US-Unternehmen. Der vom Bund propagierte Weg, die nationale Souveränität zu sichern, erhalte damit einen Rückschlag, sagten mehrere Personen aus der Industrie.

Ein Teil der Gerätschaften – Antriebe, Getriebe, Radare – ist bereits geliefert. Da diese speziell für die F126 gebaut würden, könne ein Großteil des Materials nicht anderweitig verwendet werden, hieß es. Für den bereits geschweißten Stahl gebe es wohl nur eine Lösung: „Die Schrottpresse“, sagte eine involvierte Person.

Redaktion: Sebastian Haupt
Faktencheck: Sebastian Haupt