Verbände kritisieren Bahn-Aussagen zum Deutschland-Ticket
Die Deutsche Bahn will in der nächsten Woche ihre Bilanz 2025 vorstellen. Kurz davor behauptete ein DB-Vorstand, das Deutschland-Ticket habe im Fernverkehr 15 Millionen Fahrgäste abgezogen. Experten bezweifeln die Aussage.
Die Äußerung eines Vorstandsmitglieds der Deutschen Bahn (DB) zu angeblich negativen Effekten des Deutschland-Tickets hat bei mehreren Verkehrsverbänden Kritik hervorgerufen. Die Verbände warfen dem Bahn-Manager vor, mit unbelegten Zahlen argumentiert zu haben und die Gründe für unternehmerische Fehler auf das Deutschland-Ticket abzuschieben.
Der für den Fernverkehr zuständige DB-Manager Michael Peterson war in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom vergangenen Wochenende auf die teils niedrige Auslastung der Fernverkehrszüge von mitunter nur 30 Prozent angesprochen worden. Peterson hatte dazu erklärt: „Das betrifft vor allem die Strecken, auf denen ICs parallel zu Regionalzügen fahren. Grund dafür ist das Deutschlandticket. Das hat uns 15 Millionen Fahrgäste aus den Zügen gezogen.“
Detlef Neuß vom Fahrgastverband Pro Bahn sieht diese Aussage kritisch.. „Es ist von außen kaum überprüfbar, ob die Zahl stimmt“, sagte Neuß. Es wirke eher so, als hätte sich der Bahn-Manager das Deutschlandticket als Grund für die Verluste der von ihm geführten Fernverkehrssparte herausgesucht. „Es sind ja immer die anderen Schuld“, sagte Neuß. Die tatsächlichen Ursachen lägen woanders, zum Beispiel an schlechter Unternehmensführung.
Deutsche Bahn erwirtschaftete Verlust von 2,3 Milliarden Euro
Carl Waßmuth vom Bündnis „Bahn für alle” verwies auf den Zeitpunkt von Petersons Äußerung. Die Deutsche Bahn stellt Freitag nächster Woche ihre Bilanz für 2025 vor. Nach Information der Nachrichtenagentur Reuters erwirtschaftete das Unternehmen einen Verlust von 2,3 Milliarden Euro. Das Sorgenkind ist den Informationen zufolge die von DB-Manager Peterson geführte Fernverkehrssparte – laut Berichten mit einer Abschreibung von 1,4 Milliarden Euro.
Petersons Verweis auf die angeblich negativen Effekte des Deutschland-Tickets sei angesichts der bevorstehenden Verkündigung dieser Verluste womöglich „vorgeschoben“, sagte Waßmuth. Die tatsächlichen Probleme im Fernverkehr sieht Waßmuth nicht im Deutschland-Ticket – sondern bei Infrastruktur, Wagenmaterial und Personalbereitstellung. „Da muss DB Fernverkehr jetzt gegensteuern und sollte nicht mit dem Finger auf andere zeigen“, sagte Waßmuth.
Auch Alexander Kaas Elias vom Verkehrsclub Deutschland (VCD) sagte, die Bahn müsse „ein attraktiveres Angebot auf die Schiene bringen”. Der Bund sei gefordert, die Infrastruktur zu ertüchtigen. Die Mittel aus dem Sondervermögen Infrastruktur kämen nicht auf der Schiene an. Im Verkehrshaushalt fehlten „mindestens zehn Millionen Euro“.
Bahn rechtfertigt Äußerung zum Deutschland-Ticket
Die Deutsche Bahn erklärte auf Anfrage von CORRECTIV, die Äußerung, das Deutschland-Ticket habe im Fernverkehr „15 Millionen Fahrgäste aus den Zügen gezogen“, beziehe sich auf das Jahr 2025. Die Angabe beruhe auf „repräsentativen Befragungen“ in den Zügen und „detaillierten statistischen Daten zum Reiseverhalten unserer Kunden“.
Das Unternehmen habe mit Einführung des Deutschland-Tickets „einen sehr deutlichen Rückgang im Segment der Pendler“, vor allem bei Inhabern von Zeitkarten festgestellt. Eine „spürbare Reduktion“ habe man – im Spar- und Flex-Preissegment – auch festgestellt auf Fernverkehrs-Strecken mit parallel fahrenden Regionalzügen (in denen das Deutschland-Ticket gilt). Aus diesen Effekten setze sich die Angabe zum Verlust von 15 Millionen Fernverkehrs-Fahrgästen zusammen. Details zu den Erhebungen sowie zu den konkreten Zahlen und Berechnungen nannte die Bahn auch auf Nachfrage nicht.
Das Deutschland-Ticket wurde 2023 infolge der Energiekrise, ausgelöst durch den russischen Angriff auf die Ukraine, eingeführt. Es ermöglicht Fahrten im Nah- und Regionalverkehr. Zur Einführung kostete es für drei Monate nur neun Euro. Seit Anfang Januar dieses Jahres liegt der Preis bei 63 Euro.
Studien zeigen positive Auswirkungen auf das Klima
Untersuchungen zeigten, dass das Deutschland-Ticket positive Auswirkungen aufs Klima hat. Es führt dazu, dass mehr Menschen vom Auto auf die Schiene steigen. Laut einer Studie des Instituts Ariadne reduzierte das Ticket den Autoverkehr um fünf Prozent.
Die Bahn will das Statement ihres Vorstandsmitgliedes zu den angeblichen Fahrgast-Verlusten durch das Deutschland-Ticket indes offenbar nicht als Plädoyer für dessen Abschaffung verstanden wissen. Eine Sprecherin des Unternehmens sagte, das Ticket habe „nachweislich dazu geführt, dass mehr Fahrgäste den ÖPNV nutzen“.
Faktencheck und Redigat: Ulrich Kraetzer