Flucht & Migration

Aussortiert

Manche Flüchtlinge leben ohne gültige Papiere in Deutschland, bei anderen wird der Asylantrag abgelehnt. Wer nicht freiwillig ausreist, landet schnell in einem Abschiebegefängnis. Eines der größten liegt in Büren, Westfalen. Hier sitzen zur Zeit knapp 50 Menschen ein. Was denken sie dort kurz vor der Abschiebung?

von Christian Ruffus, Benedict Wermter

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In einem Wald bei Paderborn steht ein ehemaliges Gefängnis. Offiziell hat es den sperrigen Titel: Unterbringungseinrichtung für Ausreisepflichtige Büren, viele nennen es einen Abschiebeknast. Er ist einer der größten der Republik. Hierher werden jene Flüchtlinge gebracht, die Deutschland nicht da haben will. Weil sie ohne Papiere – unsichtbar – hier gelebt haben. Weil ihr Asylantrag abgelehnt wurde. Manche auch weil sie straffällig wurden. Vor allem Männer sitzen hier ein, durchschnittlich zwei Wochen lang. Wer im Bus zurück auf den Balkan muss, wartet nicht so lange wie jemand, der im Flugzeug nach Westafrika gebracht wird. Einige kommen kurz vor knapp wieder frei, etwa weil sie in Büren erst einnen Asylantrag gestellt haben.

Knapp 20.000 Menschen sind im vergangenen Jahr aus Deutschland abgeschoben worden, doppelt so viele wie in 2014. Die Bundeskanzlerin, ihr Innenminister, der SPD-Justizminister und viele andere finden, es seien immer noch zu wenige gewesen. „Die Zahl der Menschen, die wir zurückgeführt haben mit einem abgelehnten Asylbescheid, war viel zu gering“, sagt Angela Merkel.

Was sind das für Menschen, die die Politik gerne abschieben will? Was denken die Betroffenen kurz vor ihrer Abschiebung? Wen werden sie vermissen? Wer wird sie daheim in den Arm nehmen? Was ist ihre Botschaft an uns? Und wie gerecht finden Sie Abschiebungen?

CORRECTIV hat mehrere Insassen in Büren kurz vor ihrer Abschiebung mit der Kamera interviewt. Es war ein schwieriges Projekt, dem ein monatelanges Ringen mit den örtlichen Behörden vorausging. Abschiebungen sind ein brisantes Thema – das unser Land noch lange begleiten wird.

Fünf Abschiebehäftlinge haben uns ihre Geschichte erzählt:

Azar, 26, aus Azerbaidschan

Die Kämpfe zwischen Azerbaidschan und Armenien um den Berg Karabach sind kürzlich wieder entfacht. Für den 26-jährigen Azar aus Azerbaidschan war der schwelende Konflikt vor einem Jahr der Grund für die Flucht. Er sagt, er habe schlimme Dinge erlebt, er sei verfolgt worden, er habe Dokumente, die das beweisen. In Deutschland habe er sich fast ein Jahr mit einer falschen Identität als Paketzusteller durchgeschlagen. Dann kam die Polizei. Jetzt soll er zurück nach Azerbaidschan. Er sagt, er schlafe sehr schlecht.

Azar ist unmittelbar nach unserem Interview entlassen worden. Seine Ausreisepflicht wurde aufgehoben.

Yunus, 32, aus der Türkei

Yunus kommt aus dem Osten der Türkei. Er habe als Kurde gegen den IS gekämpft, erzählt er, zusammen mit der Miliz YPG, bevor er vor über zwei Jahren habe fliehen müssen. In Deutschland lebte er unter bulgarischer Identität. Für Menschen, die ebenfalls nach Deutschland fliehen, hat Yunus eine deutliche Botschaft.

Aboubacar, 29, aus Guinea

Abdolaye heißt eigentlich Aboubacar und kommt aus Mali, sagt er. Er ist vor acht Jahren nach Westdeutschland gekommen, hat sich als Guineer ausgegeben und seinen Pass versteckt, wie so viele Westafrikaner. Aboubacar wurde geduldet, doch nun hat es ihn erwischt: Bei einer Vorführung habe der guineeische Botschafter ihn als Landsmann ausgewiesen – obwohl er aus Mali komme. Jetzt sei sein Leben zerstört, Aboubacar rechnet mit dem Schlimmsten.

Andis, 27, aus Albanien

Andis aus Albanien befindet sich wie viele Geflüchtete vom Balkan im europäischen Verschiebe-Kreislauf: Von Albanien ging es über Schweden nach Deutschland. Dann wurde er zurück nach Schweden überstellt und von dort an den Anfang, nach Albanien abgeschoben. Mit falschem Namen war er noch einmal in Westdeutschland unterwegs – samt Frau und Sohn. Nun muss die Familie zurück nach Albanien. „Nicht normal“, findet Andis.

Farhan, 28, aus Pakistan

„Fanny“ aus Pakistan hat drei Jahre in Westdeutschland Asyl gesucht. Die Liebe aber zog ihn in den Norden. Seinen Papierkram im Westen hat er schleifen lassen – als er doch einmal seine Duldung verlängern wollte, hat man schon auf ihn gewartet. Jetzt steht seine Liebe auf dem Spiel.

Wir danken dem Team der UfA Büren. Zu den Betroffenen kann benedict.wermter@CORRECTIV ggf. Kontakt herstellen.

Kamera: Carl Gierstorfer
Übersetzung: Serkan Deniz

Vielleicht kennen Sie das. Die AfD scheint schier unaufhaltsam. Genauso wie der Rechtsruck in ganz Europa. Dazu kommt: Die Situation zuletzt in Ceuta, Krieg im Iran, Frieden ist in der Ukraine noch lange nicht in Sicht und gerade erst haben wir einen Sommer mit einem Rekord an Hitzetoten in Deutschland hinter uns. Von den unfassbaren Waldbränden in Europa will ich gar nicht erst anfangen.

Manchmal möchte man da schon den Kopf in den Sand stecken. Noch eine Krise. Noch eine schlechte Nachricht. Noch eine Debatte, bei der man sich fragt: Wo soll das alles hinführen? Ich glaube, ich spreche für viele, wenn ich sage: An vielen Tagen hat man einfach keinen Bock mehr. Vielleicht kennen auch Sie das Gefühl. Damit sind Sie nicht allein!

Wir von CORRECTIV wollen uns diesem Gefühl nicht länger hingeben. Denn so kann es nicht weitergehen. Deshalb haben wir uns eine neue Aktion ausgedacht und wir glauben, es ist genau das, was wir jetzt brauchen: Gemeinsam mit Ihnen wollen wir 42.000 Mutmeter gehen.

Mutmeter bedeuten für uns: aktiv zu werden und gemeinsam etwas zu schaffen, auf das wir stolz sein können. Gemeinsam setzen wir ein demokratisches Ausrufezeichen in einer extremen Zeit. Wie bei einem Marathon geht es nicht darum, wer am schnellsten ist. Es geht darum, überhaupt loszugehen. Meter für Meter. Schritt für Schritt.