Die ungewöhnlich hohe Zahl an Menschen, die Ende Juli die spanische Exklave Ceuta erreichten, nährte den Verdacht, dass die Migrationsbewegung mit Hilfe Sozialer Netzwerke orchestriert wurde. Etwaige Vermutungen lauten: Eine zentral gesteuerte Kampagne und ein hybrider Angriff auf die EU könnten dahinter stecken.
Drei Wochen nach dem Massenandrang sind in Ceuta noch tausende Geflüchtete, darunter viele Minderjährige. CORRECTIV hat mit mehreren Schutzsuchenden vor Ort gesprochen, sowie Beiträge in Sozialen Netzwerken und externe Analysen ausgewertet. Konkrete Belege für eine zentral gesteuerte Kampagne ergaben sich daraus nicht. Die Recherche zeigt dennoch, dass Soziale Netzwerke eine bedeutende Rolle gespielt haben.
Flüchtende informierten und koordinierten sich zum Teil über Soziale Netzwerke
Salim, 18, aus dem etwa 200 Kilometer entfernten Fes, erzählte unserem Reporter in Ceuta, dass er schon lange vorgehabt habe, Marokko zu verlassen. Er habe vier jüngere Brüder und keine Möglichkeit, dort genug Geld für sie und seine Eltern zu verdienen. Auf Instagram habe er gesehen, dass die Grenze offen sei. Ähnliches berichteten auch andere Schutzsuchende in Ceuta gegenüber CORRECTIV.
Einige erklärten zudem, dass sie die Informationen aus den Beiträgen im Anschluss verifiziert hätten, beispielsweise durch einen Anruf bei Bekannten, die schon die Grenze nach Ceuta überquert hatten. Tatsächlich stieg die Zahl der Grenzübertritte bereits in den Tagen und Wochen vor dem 30. und 31. Juli an. Schutzsuchende in Ceuta schilderten CORRECTIV dass sie zum Teil schon Tage vor der Massenüberquerung dort angekommen seien. Laut einem Sprecher des spanischen Innenministeriums habe man dort schon seit Frühlingsbeginn einen „Anstieg des Migrationsdrucks“ festgestellt. „Aber es gab keinerlei Warnung vor einem Massenzustrom, wie er am 30. stattfand“, so der Sprecher.
Ein Video, das uns Salim zeigte, hat über 50.000 „Gefällt mir“-Angaben. Zu sehen sind dutzende Menschen, die durch ein Tor auf der spanischen Seite in Ceuta rennen. CORRECTIV konnte den Ort verifizieren, es handelt sich um ein Tor direkt am Grenzübergang auf der spanischen Seite.

Neben authentischen Aufnahmen kursierten auch irreführende und falsche Informationen. Umfassende Analysen haben aber bislang keine handfesten Beweise für eine zentral gesteuerte Kampagne geliefert. Laut der spanischen Faktencheck-Redaktion Maldita, in Zusammenarbeit mit dem Arab Fact-Checking Network, wurden am 30. Juli zum Beispiel über 200 Beiträge mit demselben arabischen Text in Sozialen Netzwerken veröffentlicht. Darin wurde eine Fehlinterpretation eines Gerichtsurteils veröffentlicht, was mitunter offenbar dazu führte, dass sich das Gerücht einer offenen Grenze verbreitete. Allerdings war die Massenüberquerung da bereits im Gange.
Spaniens Recht erlaubt sogenannte „heiße Rückführungen“ an den Grenzen Ceutas und Melillas. Das bedeutet, Flüchtende können direkt beim Versuch, die Grenze zu überqueren, abgeschoben werden, ohne dass ein Asyl-Prüfungsverfahren durchgeführt wird. Im entsprechenden Gesetz heißt es dazu: „Ausländer, die an der territorialen Grenzlinie von Ceuta oder Melilla beim Versuch, die Grenzsicherungseinrichtungen zu überwinden und die Grenze irregulär zu überqueren, angetroffen werden, können zurückgewiesen werden, um ihre illegale Einreise nach Spanien zu verhindern.“
Weil im Gesetz von „Grenzsicherungseinrichtungen“ die Rede ist, hatte der Oberste Gerichtshof in Spanien am 29. Juni geurteilt, dass diese Praxis bei der schwimmenden Überquerung der Grenze nach Ceuta nicht rechtens ist, weil dabei kein Versuch stattfinde, eine solche physische Barriere zu überwinden.
Bisher gibt es keine Belege für eine koordinierte Kampagne
Schon vor dem Gerichtsurteil, das am 29. Juni verkündet wurde, tauschten sich in einzelnen Facebook-Gruppen, die CORRECTIV einsehen konnte, Menschen dazu aus, wie sich die Grenze überqueren ließe. Es wurden auch Angebote zur Fluchthilfe gemacht. Ob diese Angebote authentisch waren, oder es sich um Betrugsversuche handelt, konnten wir nicht verifizieren.

Maldita analysierte über ein Tausend arabische Nachrichten auf Facebook, Instagram und Whatsapp. Die Redaktion fand darin mehrere Falschinformationen und Aufrufe für eine erneute Grenzüberquerung am 15. August, so auch die spanische Tageszeitung El País und CORRECTIV. Doch eine zentrale Koordinierung ließ sich unter der Masse an Nachrichten nicht ausmachen.

Maldita schreibt auf CORRECTIV-Anfrage: „Wir haben weder ein einheitliches Muster bei den beteiligten Social-Media-Profilen festgestellt, noch konnten wir eine einzige Quelle identifizieren, aus der all diese Nachrichten stammen.“ Aufgrund ihrer Methodik sei jedoch beispielsweise unklar, was in den Whatsapp-Gruppen vor dem 30. Juli diskutiert wurde.
Weitere Analysen von der französischen Tageszeitung Le Monde und dem Österreichischen Rundfunk ORF, unter Austausch mit Teams anderer europäischer Rundfunkanstalten, kamen zu dem gleichen Schluss: Keine Belege für eine gesteuerte Kampagne, die die große Migrationsbewegung Ende Juli bewirkt hätte. Le Monde spricht von einem möglichen Schneeballeffekt.
Und dann gibt es da noch einen Bericht des spanischen Privatunternehmens Golden Owl. Das Unternehmen bietet KI-gestützte Analysen im Digitalbereich an und schreibt, seine Analyse enthülle „Beweise“ dafür, dass es sich bei der Migrationsbewegung nach Ceuta Ende Juli um eine „organisierte Operation“ handelte. Mehrere Medien berichteten darüber. Recherchen von CORRECTIV zufolge gibt die Analyse jedoch keine solche Schlussfolgerung her. Wir haben das Unternehmen damit konfrontiert. Golden Owl stellt klar: „Wir haben nicht festgestellt, dass jeder Teilnehmer zentral koordiniert wurde. Wir haben eine dezentrale Organisation festgestellt.“
Spanien, Marokko und EU sprechen bisher nicht von zentraler Koordination
Ähnlich beschreibt offenbar auch die spanische Militärpolizei Guardia Civil die Lage. Laut deren Bericht, der dem spanischen Sender RTVE vorliegt, seien Aufrufe zu einer erneuten Überquerung am 15. August dezentral organisiert worden, die Verantwortlichen hätten nicht identifiziert werden können.
Der Sprecher des spanischen Innenministeriums erklärte auf CORRECTIV-Nachfrage dazu, ob es Hinweise auf eine koordinierte Kampagne gebe: „Dieses Ministerium spekuliert nicht über die Gründe, die Menschen dazu bewegen, sich auf den gefährlichen Weg der irregulären Migration zu begeben.“
Aus dem marokkanischen Außenministerium hieß es Anfang August laut mehreren Medienberichten, dass durch das Urteil des Obersten Gerichtshofs in Spanien im Juni „Abschreckung“ verloren gegangen sei. Die Auswirkungen des Gerichtsurteils seien durch soziale Medien und Menschenhändler verstärkt worden.
Es gibt Spekulationen, dass Marokko die Krise künstlich herbeigeführt habe, um so Druck auszuüben. Das Land hat solche Vorwürfe bisher laut Medienberichten von sich gewiesen. Migrationsforscher Gerald Knaus erklärte gegenüber CORRECTIV, Marokko habe offenbar aus unbekannten Gründen für einige Tage keine Kontrollen durchgesetzt. Bereits 2021 hatte Marokko nach einer diplomatischen Auseinandersetzung mehrere Tausend Menschen die Grenze nach Ceuta durchs Meer überqueren lassen – allerdings deutlich weniger als bei der Massenüberquerung im Juli 2026.
Der EU-Kommissar für Inneres und Migration, Magnus Brunner, hatte bei einer Pressekonferenz am 4. August unter anderem Schmugglerbanden und Desinformation in Sozialen Netzwerken als Gründe für die Massenüberquerung genannt. Eine EU-Sprecherin für Innere Angelegenheit antwortete bis zur Veröffentlichung nicht auf Nachfragen zu dahingehenden möglichen Untersuchungen und Belegen.
In Facebook-Gruppen wird nun auch nach Vermissten gesucht
Eine Gruppe geflüchteter Jungen beschrieb gegenüber CORRECTIV, wie es bei der Grenzüberquerung zu einer Massenpanik gekommen sei und Menschen unter das Wasser gedrückt worden seien. In den Facebook-Gruppen, in denen sich zur Grenzüberquerung ausgetauscht wurde, suchen inzwischen auch viele Menschen nach Vermissten.
Mehr als 140 Menschen sollen Ende Juli bei dem Versuch, die Grenze durch das Meer zu überqueren, gestorben sein.
Regitatur und Faktencheck: Karolin Arnold
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