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© Daniel Drepper

Gesundheit

Die Tabak-Lobby

Dokumente aus Gerichtsverfahren in den USA zeigen: Deutschland war jahrelang zentraler Angriffspunkt für Tabak-Lobbyisten. Mit Erfolg. Die rot-grüne Bundesregierung um Gerhard Schröder und Frank-Walter Steinmeier ging gegen Tabak-Richtlinien vor Gericht. Und auch Niedersachsen und EU-Parlamentarier waren gegen mehr Regulierung aktiv. Wie die EU trotzdem den Tabak-Konsum bekämpfte? Alle Meilensteine von 1998 bis 2016.

von Karen Grass

Am Weltnichtrauchtertag, am 31. Mai, sah sie aus wie eine Erfolgsgeschichte, die Entwicklung des Tabakkonsums in Deutschland. Der Anteil der Raucher ist seit 1999 zurückgegangen. Außerdem gibt es weniger Kettenraucher und auch junge Menschen kaufen weniger Zigaretten. Vor knapp zehn Jahren rauchte noch jeder fünfte Minderjährige, heute ist es nur noch etwa jeder Zehnte. Aber: Noch immer raucht etwa ein Viertel der Deutschen. Und es gibt mehr tatsächlich vom Nikotin Abhängige als um die Jahrtausendwende. Das Deutsche Krebsforschungszentrum fordert deshalb gemeinsam mit vielen anderen Organisationen strengere Regeln.

Ist die deutsche Tabak-Politik erfolgreich? Sieht man ganz genau hin, zeigt sich, dass es häufig gar nicht die deutsche Drogenpolitik war, die Wirkung zeigte. Stattdessen versuchten deutsche Politiker im Interesse der Tabaklobby immer wieder, strengere EU-Regelungen zu verhindern. Ob nach dem Willen der deutschen Regierung heute auch „Rauchen kann tödlich sein“ und andere Warnhinweise auf den Zigarettenpackungen stehen würden, scheint zweifelhaft. Eine Übersicht über die tabakfreundliche Politik Deutschlands.
 

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Karen Grass ist Rudolf Augstein Datenfellow bei CORRECTIV. Ihre Arbeit wird möglich gemacht durch die Rudolf Augstein Stiftung.

In einem Themenschwerpunkt veröffentlichen wir mehrere Beiträge zur deutschen Drogenpolitik. Karen Grass hat dafür mehrere Monate lang in allen Bundesländern recherchiert und einen umfassenden Report zusammengestellt.

Foto: Ivo Mayr
Redaktion: Daniel Drepper

Die Lebensumstände in einer Pflege-WG werden nur lasch kontrolliert.© Ivo Mayr / Correctiv

Pflege

Wenn die Pflege-WG zur Falle wird

Altenheime haben einen schlechten Ruf. Die Politik fördert als Alternative betreute Pflege-Wohngemeinschaften. Doch da werden Rechte von Pflegebedürftigen mitunter beschnitten. Und schwarze Schafe in der Pflegebranche profitieren.

von André Ricci

Die Grundidee klingt verlockend: Pflegebedürftige leben gemeinsam in überschaubaren Wohngruppen und entscheiden selbst, welche Leistungen sie von wem in Anspruch nehmen. Sie sind weder den rigiden Regeln von Heimleitungen ausgeliefert noch haben sie mit einem Pflegepersonal zu tun, das sich nicht um sie kümmert. Dem sie, wenn es zu Spannungen kommt, nur durch Auszug entkommen können.

Das findet auch Klaus Göttsch attraktiv, der nach negativen Erfahrungen mit einem ambulanten Pflegedienst und einem stationären Heim nach einer Alternative für seine an Demenz leidende Mutter sucht. Nicht weit von seinem Wohnort im niedersächsischen Bremer Umland entsteht da gerade etwas Neues: eine betreute Wohngemeinschaft. Die Einrichtung macht einen freundlichen Eindruck, ist baulich einwandfrei, liegt im Grünen. Der Mietvertrag wird unterschrieben, danach greift alles eingespielt ineinander: die Mutter zieht ein, der Pflegedienst übernimmt. Alle vier Wochen unterschreibt der Sohn die Leistungsnachweise.

In die WG einziehen wie in ein Heim – das ist der Standard. Aber Wohngruppen sind rechtlich keine Heime, sie werden viel lascher kontrolliert und für sie gelten bis hin zum Brandschutz geringere Standards. Wer in eine WG statt in ein Heim zieht, tauscht staatlichen Schutz gegen mehr Selbstbestimmung – so die Theorie. Die Praxis ist oft eine andere. Pflegedienste betreiben Wohngemeinschaften, sind die wahren Herren im Haus und verdienen gut dabei.

Auch Göttsch kommen bald Zweifel. Ist seine Mutter wirklich gut untergebracht? „Pausenlos wurde versucht, ihre Medikamenteneinnahmen zu erhöhen“, schildert er seinen Eindruck.

Eine ärztliche Bedarfsverordnung erlaubt dem Pflegedienst die Gabe von Schmerzmitteln innerhalb eines Korridors. Der Sohn befürchtet, dass die Grenzen zu stark ausgereizt werden. Der Hausarzt will seine Verschreibung nicht rückgängig machen. Göttsch sucht einen Facharzt auf. Der bestätigt: Die Mutter braucht keine regelmäßige, variable Verabreichung von Schmerzmitteln. Nach drei Arztbesuchen ist die Verordnung des Hausarztes endlich vom Tisch.

Nach sieben Monaten bekommt Göttsch plötzlich einen auf den Tag des Einzugs rückdatierter Pflegevertrag vorgelegt – und soll zuzahlen. Zwischen den Zahlungen der Krankenkasse und den Forderungen des Pflegedienstes klafft eine monatliche 300-Euro-Lücke. Göttsch unterschreibt nicht. Stattdessen schaut er sich die Leistungsnachweise der vergangenen Monate an und entdeckt Unregelmäßigkeiten.

Der Pflegedienst rechnet ein tägliches Wannenbad ab, obwohl es in der WG nur Duschen gibt. Fahrkosten werden falsch in Rechnung gestellt, weil eine veraltete Adresse genannt ist. Tatsächlich hat der Pflegedienst seinen Sitz längst auf das Nachbargrundstück verlegt. Auch werden Einzelanreisen geltend gemacht, obwohl der Pflegedienst mit einem Besuch alle zwölf Parteien der WG betreut. Hauswirtschaftliche Leistungen werden in Rechnung gestellt, obwohl sie privat beglichen werden. Erst nach Protest händigt der Pflegedienst für einen Monat eine korrekte Abrechnung aus.

Göttsch kündigt den WG-Mietvertrag. Der Vermieter besteht auf einer dreimonatige Kündigungsfrist wie bei einem ganz normalen Wohnungsmietvertrag. Es kommt zum Rechtsstreit. Die mutmaßlich betrogene Krankenkasse erklärt, sie könne nichts machen, schließlich habe Göttsch alle Leistungsnachweise unterzeichnet.

Inzwischen lebt die Mutter wieder im Pflegeheim. Und Göttsch fragt sich rückblickend: Was genau war eigentlich vorher anders? Besser?

Seine Schilderungen sind kein Einzelfall. Die Unterschiede zwischen Heim und WG verschwimmen. Trotzdem gelten für WGs weniger Vorschriften.

Einer, der die Anfänge gut kennt, ist Klaus-Werner Pawletko. Der Geschäftsführer des Berliner Vereins „Freunde alter Menschen“ ist quasi der Erfinder der innovativen Wohnform zwischen Heim und Wohnung. Mit Mitstreitern gründete er 1995 in Berlin die erste Demenz-WG Deutschlands. „Damals konnten Heime noch nicht mit Dementen umgehen, die Verhältnisse waren schlimm“, sagt er. Eine Wohnform für Pflegebedürftige außerhalb des Heimrechts sei politisch nicht gewollt gewesen. Doch die Heimaufsicht hätte das Projekt nicht verboten, mangels Zuständigkeit. „Die Idee war: Kontrolle von innen statt von außen“, sagt Pawletko.

Doch die Idee ist in die Jahre gekommen. Seit 2009 sind die Bundesländer für das Heim-Ordnungsrecht zuständig. Andere rechtliche Aspekte sind jedoch weiter auf Bundesebene geregelt. Es ist ein Flickenteppich aus verschiedenen Gesetzen entstanden. Und damit auch Intransparenz, die zum Missbrauch einlädt.

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„Gewinner sind die, die sich auskennen“, sagt Rechtsanwältin Ulrike Kempchen, Leiterin Recht bei der Bundesinteressenvertretung für alte und pflegebedürftige Menschen (Biva). „Einige Einrichtungen haben in der Vergangenheit gezielt ihre Verträge so umgearbeitet, dass die ordnungsrechtlichen Regelungen keine Anwendung mehr finden“, so die Juristin.

Die Kontrolldichte schwankt extrem. Manche Bundesländer, zum Beispiel Bayern, kontrollieren Heime und kommerziell betriebene Wohngemeinschaften in etwa gleich häufig. Die meisten gehen jedoch laxer vor: Nach einer Erstprüfung folgen nur noch anlassbezogene Kontrollen. Kommt der Behörde keine Klage zu Ohren, lässt sie die WG-Betreiber in Ruhe.

In Deutschland fehlen Pflegeplätze. Die Politik setzt als Lösung auch auf mehr Wohngruppen. Das bevölkerungsreiche Nordrhein-Westfalen etwa will laut Gesundheitsministerium die stark wachsende Zahl von Pflegebedürftigen „im Wesentlichen durch ambulante Angebote auffangen“. Das entspreche auch den Wünschen der Betroffenen, so der Freiburger Sozialexperte Professor Thomas Klie, Mitverfasser einer Studie im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums zur Situation ambulanter Wohngruppen in Deutschland. „Nur zwei Prozent der Bevölkerung gibt an, im Heim sterben zu wollen“, sagt er.

Um das Wachstum im WG-Sektor zu befeuern, gibt es verschiedene Hebel. Generell gilt: Je liberaler die Gesetzgebung, desto attraktiver wird es für potenzielle Betreiber. Beispiel Niedersachsen: Dort ist es seit rund einem Jahr nun möglich, dass der Vermieter einer Immobilie zumindest im ersten Jahr mit einem Pflegedienst seiner Wahl kooperiert und sich die Bewohner den Pflegedienst damit nicht mehr selbst aussuchen können.

Nach einem Jahr wird die freie Wahl eines Pflegedienstes zwar nachträglich eingeräumt – aber das ist graue Theorie. Die WG läuft bereits, und zwar mit den Strukturen, die die Betreiber vorgesehen haben. Für neu einziehende Pflegebedürftige heißt es: friss oder stirb. Wer etwas ändern will, wird zum Störenfried.

Anzahl ambulant betreuter Wohngruppen pro Bundesland

Vielleicht ist Niedersachsen nur ehrlicher als andere, hat seine Gesetze konsequenter der Realität angepasst. Denn von Bewohnern initiierte betreute Wohngruppen sind zur Rarität geworden. „Die Pflegedienste haben den Markt für sich entdeckt“, sagt WG-Pionier Pawletko. „So war das eigentlich nicht gemeint.“ In Berlin, dem Geburtsort der Dementen-WG, gibt es inzwischen im Schnitt die meisten ambulant betreuten Wohngruppen pro Kopf. Die Studie im Auftrag des Gesundheitsministeriums geht von 690 Pflege-Wohngemeinschaften mit mehr als 4.600 Bewohnern aus. Ordnungsrechtlich kontrolliert werden sie kaum. Experten sprechen von „Berliner Verhältnissen“ und verdrehen dabei die Augen.

In einer anonymen Großstadt wie Berlin gibt es besonders viele Pflegebedürftige ohne Angehörige, die sich um sie kümmern. Ihnen werden gesetzliche Betreuer zur Seite gestellt, die oft überlastet und generell unterbezahlt sind. Was in den einzelnen Wohngruppen täglich vor sich geht, kann niemand verlässlich sagen.

Klie warnt: „Hermetisch isolierte, faktisch von Pflegediensten betriebene Wohngemeinschaften sind unter menschenrechtlichen Gesichtspunkten zum Teil hochgefährlich. Sie entsprechen weder dem Freiburger Modell noch dem Leitbild des Gesetzgebers.“

Das „Freiburger Modell“ beschreibt Qualitätsmaßstäbe für Wohngruppen für Demenzkranke. Ein Grundgedanke: die WG-Bewohner oder ihre Vertreter sollen gemeinsam Entscheidungen treffen. Dabei erhalten sie professionelle Unterstützung von außen. Vermietung und Pflege sind getrennt.

In manchen Bundesländern, etwa in Hamburg, gibt es solche Ansätze. Ohne klaren Ordnungsrahmen drohen dagegen gefährliche Fehlentwicklungen. Die wären nur folgerichtig, so Klie: „Man kann Wohngruppen nicht einfach dem Markt überlassen und sich dann wundern, dass lauter Kleinstheime entstehen.“  Mini-Heime, die sich Wohngruppen nennen und doch nur Etikettenschwindel betreiben. In denen man im schlimmsten Fall in die Lage eines Ausgelieferten geraten kann: hilflos und von der Heimaufsicht vergessen.

Tipps für die Auswahl einer ambulant betreuten WG

Eine gute Pflege-WG ist kein Heim, sondern ein aus mehreren Elementen zusammengesetzter Baukasten. Erheblich pflegebedürftige Menschen bedürfen daher der Unterstützung durch Angehörige oder Vertrauenspersonen, damit Versorgung und Mitwirkung auch tatsächlich funktionieren.

Wir haben bei der Bundesinteressenvertretung für alte und pflegebedürftige Menschen (Biva) nachgefragt, worauf man bei der Auswahl einer ambulant betreuten WG achten sollte. Aus der Antwort haben wir eine Checkliste zusammengestellt.

1.  Meist werden Wohngruppen gesucht, in die Bewohner ähnlich wie in ein Heim einziehen können. Man kann aber auch selbst mit Freunden eine eigene Pflege-WG gründen. Ratgeberbücher geben Auskunft, was dabei zu beachten ist.  

2. Angebote unterscheiden sich je nach Bundesland. Übersichten bieten z. B. Aufsichtsbehörden, Pflegestützpunkte und -beratungsstellen sowie Vereine, die WG-Gründungen unterstützen.

3. Zu klären ist, welche Leistungserbringer in der WG wirken und ob sie gewechselt werden können. Oft sind Verträge so formuliert, dass jeder Bewohner theoretisch einen eigenen Pflegedienst wählen kann. In der Praxis sind aber WGs schon fest von einem Pflegedienst betreut. Benötigt jemand rund um die Uhr Betreuung, verschärft sich das Problem und es bleibt oft nur der Auszug.

4. Für weglaufgefährdete Personen sind Pflege-WGs eher nicht geeignet, weil eine unablässige Beaufsichtigung nicht möglich ist. Für freiheitsentziehende Maßnahmen wie abgeschlossene Türen sind immer richterliche Beschlüsse nötig.

5. Gibt es für jeden Bewohner eine individuelle Pflegeplanung?

6. Werden Leistungen transparent dokumentiert und abgerechnet?

7. Wer trägt bei mehreren Leistungserbringern die Verantwortung?

8. Wer verwaltet die Finanzen?

9. Wem obliegt die Haushaltsführung?

10. Wer gestaltet die Planung des Alltagslebens?

11. Wer legt die Hausordnung fest?

12. Wer gestaltet die Räume?

13. Wer übt das Hausrecht aus?

14. Wer entscheidet über den Einzug von Bewohnern?

15. Verträge vor der Unterzeichnung zu Hause in Ruhe prüfen, möglichst zusammen mit einem Juristen. Die Biva bietet Vertragsprüfungen an.

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Gefährliche Keime

Sieben Dinge, die Du tun kannst, um Antibiotikaresistenz zu verhindern

Keime, die gegen Antibiotika immung geworden sind, stellen ein Problem für die globale Gesundheit dar. Was du gegen ihre Ausbreitung tun kannst.

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von Victoria Parsons

1. Wasch deine Hände

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Und zwar gründlich – jedes Mal, wenn sie schmutzig sind, wenn du auf der Toilette warst, ehe du isst oder Essen zubereitest. Händewasche schränkt die Ausbreitung von Bakterien wirksam ein. Es schützt vor Infektionen. Es schützt dich. Es schützt jene, mit denen du Kontakt hast.

Mehr Tipss über das Händewaschen.

2. Nimmst du Antibiotika? Dann halte dich an die Anweisungen des Arztes

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Jeder Erwachsene kennt diesen Rat: Wer mit einer Antibiotika-Behandlung beginnt, muss sie vorschriftsmäßig beenden. Muss die Kapseln vielleicht weiter nehmen, aucg wenn es einem bereits geht und die Symptome verschwunden sind. Unterbricht man die Behandlung, macht man es Keimen leichter, Resistenzen gegen Antibiotika zu entwickeln.

Wobei: Einige Wissenschaftler stellen diese Doktrin neuerdings in Frage. Sie halten es für besser, wenn man Antibiotika absetzt, sobald die Symptome abgeklungen sind. Weil Keime jedes Mal, wenn sie in Kontakt kommen mit Antibiotika, Resistenzen ausbilden können.

Was folgt daraus? Dass du den Anweisungen folgst, die dein Arzt dir gibt, wenn er dir Antibiotika verschreibt. Fragen sie bei der Gelegenheit gern, wie er diese Debatte beurteilt.

Quelle: UK National Health Service

3. Fleisch gut kochen und handaben

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Einige Antibiotika-resistente Keime entstammen aus der Nahrung, etwa Salmonellen, Campylobacter und E. Coli. Werden Nutztiere mit Antibiotika behandelt, können Keime, die gegen die Medikamente resistent sind, die Behandlung überleben. Die Keime können sich im Darm vermehren und auf dem Fleisch bleiben, bis es beim Kunden in der Küche angelangt ist.

Rohes Fleisch kann Mahlzeiten mit resistenten Keimen verunreinigen. Beim Kochen Fleisch, waschen Sie Ihre Hände vor und nach. Behandeln Sie das Fleisch richtig: Verwenden Sie keine Schneidebretter oder Messer, die ungekochtes Fleisch auf andere Teile der Mahlzeit berührt haben.

Rohes Fleisch muss ausreichend gekühlt werden. Verarbeite rohes Fleisch nicht, wenn du eine offene Wunde an den Händen hast. Hier weitere Tipps.von CORRECTIV zum Umgang mit rohem Fleisch.

Quelle: CDC

4. Vorsicht beim Besuch von Freunden und Familie im Krankenhaus

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Ehe du das Krankenzimmer betrittst und ehe du es verlässt, solltest du dir die Hände waschen. Das hilft, die Ausbreitung von Keimen im Krankenhaus einzudämmen.

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Ärzte und Krankenschwestern sollten ihre Hände waschen, bevor sie einen Patienten berühren – und es ist völlig in Ordnung, nachzufragen, ob sie das gemacht haben. In den USA ermutigen Krankenhäuser ihre Patienten, die Ärzte, zu fragen, ob sie ihre Hände gewaschen haben. Einige Ärzte und Krankenschwestern tragen sogar Sticker, auf denen steht, dass man sie gern an das Händereinigen erinnern möge.

Wer Ringe trägt oder künstliche Fingernägel hat, bietet Keimen einen guten Platz zum Überleben. Diese Stellen sollte man darum besonders sorgfältig waschen.

Weitere Tipps hier.

5. Überleg es dir gut, ehe du bei einem Husten oder eine Erkältung Antibiotika nimmst

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Virale Infektionen – Husten, Erkältungen, Grippe, Halsschmerzen, Bronchitis – können nicht mit Antibiotika behandelt werden. Antibiotika bekämpfen keine Infektionen, die direkt durch Viren verursacht werden, nur solche, die durch Bakterien verursacht werden.

Wer Antibiotika einnimmt gegen Husten oder Grippe, der wird erstens nicht davon geheilt. Der wird zweitens weiterhin andere mit den Viren anstecken können. Und trägt drittens dazu bei, dass unnötig Antibiotika eingenommen werden – und so Resistenzen entstehen können.

Wer Antibiotika bei einer Erkältung einnimmt, tötet lediglich harmlose Bakterien im eigenen Körper damit ab, während AAntibiotika-resistente Bakterien überleben. Die sich dann weiter verbreiten können.

Quelle: CDC

6. Halt deinen Impfschutz auf dem laufenden.

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Die erste Devise beim Kampf gegen Antibiotikaresistenz ist: Gesundheit. Besser, als Krankheiten zu kurieren, ist es natürlich, gar nicht ist es ungleich vorteilhafter, gar nicht erst krank zu werden. Als Krankheit zu verhindern, als sie zu behandeln.

Impfstoffe schützen dich und die Menschen, mit denen du Kontakt hast. Etliche einst gefährnliche Infektionskrankheiten – Polio, Masern, Keuchhusten, deutsche Masern, Mumps und Tetanus – sind dank Impfungen unter Kontrolle. Impfstoffe Millionen Leben gerettet.

Gerade, wenn du ins Ausland reist, achte auf ausreichenden Impfschutz. Kümmere ich rechtzeitig darum, lange genug vor deiner Abreise.

Quelle: CDC

7. Schütz dich vor Geschlechtskrankheiten

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Infektionen wie Chlamydien, Gonorrhoe und Syphilis werden durch Bakterien verursacht und in der Regel mit Antibiotika behandelt. Wobei es immer schwieriger wird, etliche dieser Geschlechtskrankheiten zu behandeln. Erstens, weil mehrere von ihnen gar nicht diagnostiziert werden. Zweitens, weil sie zum Teil bedrohliche Resistenzen entwickeln.

Das gilt gerade für Gonorrhoe, im Volksmund „Tripper“ genannt. Mediziner haben Stämme multi-resistenter Gonorrhoe-Keimen nachgewiesen, die auf kein einziges verfügbares Antibiotikum reagieren. Und: Bei Frauen verläuft die Gonorrhoe häufig ohne Symptome. Doch unbehandelte Geschlechtskrankheiten können die Gesundheit langfristig schädigen.

Schütze dich vor Geschlechtskrankheiten. Lass dich und deinen Partner regelmäßig testen. Lerne, mögliche Symptome zu erkennen. Erfahre mehr über drogenresistente STI’s und was du tun kannst, um sie zu bekämpfen

Quelle: WHO and CDC

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Gefährliche Keime

Zehn wichtige Entdeckungen in der Geschichte der Antibiotika

Antibiotika haben Millionen Menschen das Leben gerettet. Hier sind zehn wichtige Momente in ihrer Entwicklung.

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von Victoria Parsons

Alexander Fleming entdeckt Penicillin 

Image credit: Monica Arellano-Ongpin licensed under Creative Commons

Am 3. September 1928 kam Fleming von seinem Urlaub zurück an seinen Possen als Bakteriologie-Professor am St Mary’s Krankenhaus in London und ordnete seine Petrischalen. Die schalen enthielten Staphylococcus-Bakterien, die etwa Wundbrand verursachen. Eine Schale war besonders: Sie hatte einen Fleck mit Schimmel – und drumherum waren die Bakterien tot. 

Fleming fing an, mit dem Extrakt des Schimmels zu experimentieren und fand heraus, dass es weitere Bakterienarten abtöten konnte. 1929 veröffentlichte er seine Ergebnisse. Obwohl noch viele Jahre vergehen sollten, bis Penicillin aus dem Extrakt isoliert und als die wirksame Substanz darin ausgemacht werden konnte, stehen diese Experimente für die Entdeckung des ersten echten Antibiotikums. 

Quelle: The American Chemical Society

 „Wundermittel“ Penicllin wird für Soldaten im Zweiten Weltkrieg entwickelt

 

Ein Gefäß aus Glas für die Herstellung von Penicillin.  Image credit: Wellcome Images licensed under Creative Commons

Nachdem Fleming es entdeckte, geriet Penicillin erstmals in Vergessenheit. Es war nämlich sehr schwer, den Stoff aus Schimmelpilzen zu isolieren. 

Im Zweiten Weltkrieg wurde es klar, dass eine Massenproduktion des Mittels vielen Soldaten das Leben retten könnte. Die Regierungen der USA und Großbrittaniens regten die Pharmaindustrie an, nach Lösungen zu suchen.

Pharma-Firmen wählten unterschiedliche Ansätze, doch Pfizer war zuerst erfolgreich. Dafür bekam das Unternehmen 2008 eine Auszeichnung der American Chemical Society.

Bis zum D-Day wurden über 2 Millionen Dosen Penicillin  hergestellt. Pharma-Hersteller ließen Poster erstellen, die lauteten: „Dank Penicillin, wird er nach Hause kommen!“

Cephalosporine werden 1945 isoliert

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Das Bakterium Cephalosporium wurde 1945 zunächst von dem Wissenschaftler Giuseppe Brotzu aus Erde in Sardinien isoliert. Doch Brotzu fehlten die Mittel, um damit weiter zu forschen, und er schickte die Proben nach Oxford. Dort isolierten Edward Abraham und Guy Newton das Mittel Cephalosporin C daraus. 

Cephalosporine sind sogenannte Breitspektrum-Antibiotika, die gegen viele verschiedene Arten von Bakterien wirken. Sie werden noch heute bei vielen Krankheiten wie Harnwegsinfektionen oder Hirnhautentzündungen eingesetzt. Chemisch sind sie den Penicillinen ähnlich. 

Quellen: A Glimpse of the Early History of the Cephalosporins, Journal of Clinical Infectious Diseases, und NHS Evidence.

Chloramphenicol wird 1947 entdeckt

 

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Chloramphenicol wurde aus Erde und Kompost isoliert. Der Stoff wird von dem Bakterium Streptomyces venezuelae hergesstellt. Seine Wirksamkeit konnte er schnell unter Beweis stellen, als er gegen Typhus-Ausbrüche in Bolivien und Malaysia eingesetzt wurde.

In 1949 wurde Chloramphenicol in den USA als das erste Breitband-Antibiotikum zugelassen und erfreute sich sofort großer Beliebtheit. Diese schwand allerdings in den 1960-iger Jahren, als Nebenwirkungen auf den Knochemark bekannt wurden. 

Quelle: The Journal of Pediatric Pharmacology and Therapeutics

1948: Die ersten Tetracycline

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Der Stoff, der von den Actinomyceten-Bodenbakterien produziert wird, wurde 1948 beschrieben. Die Tetracycline gehören auch zu den potetenten Breitspektrum-Antibiotika. 

Source: New York Academy of Sciences

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Entdeckung von Colistin

Bakterium auf Petrischale, dass nur mit Colistin behandelt werden kann. Image credit: Nathan Reading licensed under Creative Commons

Colistin wurde zunächst 1947 beschrieben und wird seit 1959 gegen Entzündungen mit sogenannten gramnegativen Bakterien eingesetzt. Diese Bakterien haben eine zusätzliche Hülle und sind oft sehr schwer zu behandlen.

Da Colistin aber schwere Nebenwirkungen etwa auf die Nieren aufweist, wurde der Einsatz an Menschen schwer beschränkt und als Mittel der letzten Wahl reserviert. Dagegen fand es aber in der Tiermast massenhaften Eisnatz. Was kürzlich zu neuen restisten Erregern geführt hat.  

Quelle: UK Government’s Animal and Plant Health Agency

Aminoglykoside

Tuberkulose-Erreger. Image credit: Sanofi Pasteur licensed under Creative Commons

Aminogklykoside sind eine Klasse von Antibiotika, die sich durch hohe Wirksamkeit und niedrige Kosten auszeichnet. Als Nachteil können sie Nebenwirkungen etwa auf die Nieren entfalten. Trotzdem gehören sie zu den am weitesten verbreiteten Antibiotika.

Der erster Vertreter der Aminoglykoside war Streptomycin, das 1943 von US-Amerikanischen Biochemikern entdeckt wurde. Sie isolierten das Antibiotikum aus dem Bodenbakterium Streptomyces griseus. Streptomycin erwies sich unter anderem aktiv bei Tuberkulose..

Source: US National Library of Medicine National Institutes of Health 

Entdeckung der Makrolide

Image credit: Nathan Reading licensed under Creative Commons

Die Makrolide werden für die Behandlung von Streptococcus-Bakterien wie MRSA genutzt, wenn Penicillin nicht eingesetzt werden kann. Zu ihnen gehören die Stoffe Erythromycin und Clarithromycin, mit denen etwa Lungenentzündungen behandelt werden.  

Die Makrolide wurden in den 1950-igern entwickelt, nachdem Wissenschaftler Erythromycin aus dem Bodenbakterium Streptomyces erythraeus gewannen. In den 1970-igern wurden synthetische Verwande des Stoffs hergestellt, wie etwa Clarithromycin and Azithromycin.

Source: Encyclopædia Britannica

Das Aufkommen von MRSA 

Mikroskopie von einer Immunzelle, die MRSA-Bakterien frisst. Image credit: NIAID licensed under Creative Commons.

Methicillin-resistentes Staphylococcus aureus wurde zunächst 1961 in Großbritannien nachgewiesen, erst ein Jahr nachdem das Antibiotikium Methicillin hier eingeführt wurde. Die Bakterien waren bereits resistent gegen Penicillin und wurde daher zu den ersten bekannten „Superbugs“ – Bakterien, die gegen verschiedene Antibiotika resistent sind. 

MRSA blieben zunächst selten, doch allmählich wuchsen die Fallzahlen. In den 2000-er Jahren gab es mehrere Ausbrüche mit MRSA in brittischen Krankenhäusern. 

Es ist schwer abzuschätzen, wiele Opfer MRSA verursachen. Die US-amerikanische Infektionsschutzbehörde Centers for Disease Control and Prevention geht von 80.000 Infektionen und über 10.000 Toten pro Jahr im Land allein

Quelle: Journal of Antimicrobial Chemotherapy

Quinolone – synthetische Antibiotika

Bacillus megaterium. Image credit: Marc Perkins licensed under Creative Commons

Anders als die meisten anderen Antibiotika wurden die Quinolone synthetisch hergestellt. Ihre Entdeckung begann zufällig, bei Forschung zu dem Anti-Malaria-Mittel Chloroquin. Heute sind Quinolone sehr beliebt und werden auch gegen gramnegative Erreger eingesetzt.

Quelle: The Quinolones: Past, Present, and Future, Journal of Clinical Infectious Diseases

Das TV-Team entnimmt Proben bei Hyderabad

Das TV-Team entnimmt Proben bei Hyderabad© Christian Baars

Gefährliche Keime

Eine TV-Dokumentation zeigt, wie prächtig sich multiresistente Erreger im Abwasser von Pharmafabriken vermehren

Journalisten des NDR sind gemeinsam mit Infektionsforschern nach Indien gefahren, um das Abwasser bei Pharmafabriken zu untersuchen. In der Stadt Hyderabad fanden sie hohe Konzentrationen von Antibiotika ebenso wie antibiotikaresistente Bakterien. Die Auswertung der Wasserproben wurde auch in einer wissenschaftlichen Studie in der Fachzeitschrift „Infection“ veröffentlicht

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von Hristio Boytchev

Das Team aus Wissenschaftlern und Journalisten hatte im November 2016 an insgesamt 28 Standorten in Hyderabat Wasserproben entnommen und anschließend untersucht, ob darin Bakterien vorkommen, gegen die viele Antibiotika wirkungslos sind. Die Proben wurden unter anderem aus Leitungswasser, Bohrlöchern, Seen, Flüssen und Reisfeldern entnommen. Nur eine einzige Probe aus einem Vier-Sterne-Hotel enthielt keine resistenten Bakterien.

Gleichzeitig testete das Team 16 der Proben auf Rückstände von Arzneimitteln. Alle Umweltproben enthielten Antibiotika oder Pilzmittel. Negativer Rekordhalter war das Wasser aus einem Abflusskanal, das eine extrem hohe Konzentration des Pilzmittels Flucanazol enthielt. Die Konzentration war etwa eine Million mal höher als ein vorgeschlagener Grenzwert und das zwanzigfache dessen, was sich im Blut eines Patienten vorfindet, der das Medikament bekommt.

Schon aufgrund dieser hohen Konzentrationen folgern die Wissenschaftler, dass die Arzneistoffe höchstwahrscheinlich aus Abfällen von Pharmawerken stammen. Hyderabad ist als ein zentraler Produktionsstandort für Antibiotika weltweit bekannt. Mehr als 40 Fabriken haben die Autoren in der Umgebung der Stadt entdeckt.

NDR Journalist Christian Baars

NDR Journalist Christian Baars

Tilo Gummel / NDR

Die Wissenschaftler können nicht nachweisen, dass die gefundenen Antibiotika-Reste in den untersuchten Gewässern die Resistenzen verursacht haben. Die äußerst widerstandfähigen und deshalb gefährlichen Bakterien könnten etwa auch von Menschen oder Tieren stammen, die zuvor mit Antibiotika behandelt wurden. Es sei aber zumindest klar, dass diese hohen Konzentrationen in der Umwelt „nicht helfen“, sagte Christoph Lübbert, Infektionsmediziner am Uniklinikum Leipzig, der die wissenschaftliche Untersuchung verantwortete.

Die Arbeit bestätigt ältere Studien, die in Indien sowohl hohe Konzentrationen von Antibiotika, als auch resistente Erreger nachgewiesen haben. CORRECTIV hatte darüber im Oktober 2016 berichtet. Christian Baars vom NDR, einer der TV-Autoren, sagt, das Neue ihrer Untersuchung sei insbesondere das gefundene Pilzmittel. 

Von großer Relevanz sind die Befunde auch für Deutschland, denn Antibiotikaresistenzen, die in Indien entstehen, breiten sich global aus und werden etwa von Touristen auch nach Deutschland gebracht. Nach Schätzungen von Wissenschaftlern kehren 90 Prozent aller Indien-Reisenden als Träger resistenter Bakterien zurück, in den meisten Fällen aber ohne daran zu erkranken. Zudem wird mittlerweile ein Großteil der Antibiotika weltweit in Indien und China hergestellt. Auch viele Medikamente, die in Deutschland in der Apotheke verkauft werden, stammen aus einem der beiden Länder.

Osnmania Hospital in Hyderabad

Osnmania Hospital in Hyderabad

Britta von der Heide / NDR

Kritiker fordern daher strengere Umweltstantards für importierte Arzneimittel. Tim Eckmanns, Leiter des Fachbereichs Nosokomiale Infektionen am Robert-Koch-Institut in Berlin, sieht mittlerweile genug Gründe, bessere Umweltstandards zu fordern. Würden die Pharmawerken weniger Abfälle produzieren, würden das Problem der Antibiotikaresistenzen zwar nicht verschwinden, allerdings könnte man damit die Probleme zumindest auf einfache Weise reduzieren, sagte Eckmanns. Dass es aber immer mehr Bakterien gibt, die sich unbeeindruckt von Antibiotika zeigen, liegt auch daran, dass viele Ärzte zu leichtfertig Antibiotika verordnen und auch Bauern die Medikamente zu häufig bei ihren Tieren einsetzen. Dazu kommen Hygienemängel in Kliniken und Tierställen.

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In einer ersten Reaktion auf den Film erklärte der Bundesverband des Pharmazeutischen Industrie (BPI), dass man den Bericht zum Anlass nehmen werde „auf die Einhaltung vereinbarter Umweltrichtlinien stärker einzuwirken“. Allerdings habe die Industrie, so BPI-Geschäftsführer Norbert Gerbsch, „keinen Einfluss auf die von den jeweiligen Ländern gesetzten Umweltstandards.“

Gegenwärtig gibt es auf EU-Ebene Vorschriften zur „Guten Herstellungspraxis“ von importierten Medikamenten, die aber nur die Qualität der Arzneistoffe regeln und keine Umweltaspekte umfassen. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) sagte gegenüber der ARD, das solle auch weiterhin so bleiben. „Mit einem erhobenen Zeigefinger“ und der Androhung, die Hersteller vom europäischen Markt auszuschließen, werde man das Problem nicht lösen. Indien und China müssten „ein eigenes Interesse bekommen, die Wirksamkeit der medizinischen Versorgung ihrer großen Bevölkerung nicht zu gefährden“, sagte Gröhe.

Hier geht es zur Dokumentation „Der unsichtbare Feind“ nach einer Recherche des NDR, WDR und der Süddeutschen Zeitung.

© Ivo Mayr

Pflege

Die größte Pflegereform aller Zeiten…aber bei den Pflegekräften kommt fast nichts an

Ein neues Gesetz soll die Pflege verbessern. Der Gesundheitsminister verspricht mehrere Milliarden Euro. Doch in Pflegeheimen kommt das Geld offenbar nicht an. Recherchen von BuzzFeed und correctiv.org zeigen, wie Krankenkassen und Kommunen mehr Personal in Pflegeheimen verhindern.

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von Daniel Drepper

Die Versprechen waren groß: Das neue Gesetz werde die größte Pflegereform aller Zeiten. Gesundheitsminister Hermann Gröhe nannte 2017 „ein gutes Jahr für Pflegebedürftige, ihre Familien und unsere Pflegekräfte“. Doch viele Pflegekräfte und Heimbetreiber sind sich sicher, dass es ihnen in Zukunft sogar noch schlechter gehen wird. Sie könnten Recht behalten.

Pflegekräfte klagen seit Jahren über extreme Belastungen. Oft sind sie nachts für mehr als 50 Bewohner zuständig – und halten es im Schnitt nur rund acht Jahre lang in ihrem Beruf aus. Deshalb kämpfen Initiativen wie „Pflege am Boden“ oder „Pflege in Bewegung“ seit Jahren für mehr Personal.

Niemand weiß, ob es tatsächlich neues Personal gibt

Das neue Gesetz, genannt Pflegestärkungsgesetz II, soll genau das bringen. Seit Anfang 2017 werden Pflegebedürftige in fünf Pflegegrade statt in drei Pflegestufen eingeteilt. Deshalb muss in allen 16 Bundesländern neu entschieden werden, wie viele Pflegekräfte in den Heimen arbeiten. BuzzFeed und CORRECTIV wollten wissen, wie viel die Reform für die Pflegeheime wirklich bringt. Doch drei Monate nach Einführung des Gesetzes kann niemand sagen, ob tatsächlich mehr Pfleger eingestellt werden – weder das Bundesgesundheitsministerium, noch Deutschlands größte Krankenkassen AOK, noch private oder gemeinnützige Heimbetreiber.

Im Schnitt, so die Prognosen, soll es in den einzelnen Ländern etwa drei Prozent mehr Personal in den Pflegeheimen geben. In manchen Ländern wie Rheinland-Pfalz, Bayern, Schleswig-Holstein oder Niedersachsen gibt es dagegen bisher noch gar keine Einigung über neues Personal. Und selbst in den Ländern, in denen die Vorgaben leicht erhöht werden, wird es kaum mehr Pflegerinnen geben. Das zeigt das Beispiel Baden-Württemberg. Dort kämpfen Krankenkassen und Kommunen seit Mitte vergangenen Jahres gegen mehr Pflegekräfte. 

Kampf gegen mehr Personal

Im Juni 2016 schließen sich Pflegeheimbetreiber zusammen: Caritas, Arbeiterwohlfahrt, Paritätischer Wohlfahrtsverband, Rotes Kreuz, Diakonie und private Betreiber. Sie alle wollen mehr Pfleger für ihre Heime und beantragen das bei denen, die am Ende zahlen müssen: bei den Versicherungen und Kommunen. Die Gegner treffen sich zum ersten Mal am 22. Juli und danach mehrfach zu Verhandlungen. Ein Spitzengespräch Ende Oktober endet ohne Ergebnis. Die Heimbetreiber wissen sich nicht mehr zu helfen und beenden die Verhandlungen. Sie rufen die zuständige Schiedsstelle an. 

Die Heimbetreiber beantragen gut zehn Prozent mehr Personal. Ihr Argument: Durch die Umstellung von drei Pflegestufen auf fünf Pflegegrade würde zwar zu Beginn großzügig gerechnet, es gebe also zunächst mehr Personal. Das werde sich aber schnell ändern, weil das neue Begutachtungssystem Experten zufolge neue Bewohner benachteilige. Die neuen Bewohner profitieren nicht von der großzügigen Übergangsregelung und werden Experten zufolge niedriger eingestuft. Die Pflegeheime bekommen weniger Geld, obwohl der Aufwand der gleiche ist. 

Die Pflegeheimbetreiber verlangend deshalb zusätzliches Geld für Personal. Die Kassen und Kommunen lehnen das ab. Mehr Personal werde nicht benötigt und sei auch nicht gerechtfertigt. 

Betreiber, Kassen und Kommunen treffen sich am 23. Februar vor einem Schiedsgericht in Stuttgart. Das beschließt einen Kompromiss. Man brauche mehr Pfleger, so das Schiedsgericht, um durch die Pflegereform die Pflege nicht noch schlechter zu machen. Zunächst sollen es fünf Prozent mehr Pfleger sein, im Jahr 2020 sollen noch einmal drei Prozent dazu kommen. Dieser Kompromiss, über den hier erstmals berichtet wird, sorgt vor allem dafür, dass die Pflege nicht schlechter wird. Er sorgt nur sehr begrenzt dafür, dass die Pflege besser wird, wie aus dem Schiedsspruch hervor geht. 

Für mehr Qualität in der Pflege blieben faktisch nur zwei Prozent übrig, schreibt Reinhold Schimkowski in einer Presseerklärung. Er ist Vorsitzender der Liga der freien Wohlfahrtspflege in Baden-Württemberg und vertritt einen Großteil der Heimbetreiber. „Eigentlich hätten wir mit Sicht auf die nächsten Jahre eine Verbesserung von rund 11 Prozent gebraucht“, sagt Schimkowski, „aber wir werden diesen Schiedsentscheid so akzeptieren.“

Die AOK schreibt, mehr Personal sei gerechtfertigt. Ob das neue Begutachtungssystem Bewohner wirklich benachteilige, sei jedoch von Pflegeheim zu Pflegeheim unterschiedlich. Die AOK hätte diesen Effekt deshalb gerne „nach tatsächlichem Bedarf statt mit der Gießkanne berücksichtigt“, schreibt Peter Frost, Pressesprecher der AOK Baden-Württemberg.

Der Landkreistag Baden-Württemberg schreibt auf Anfrage von BuzzFeed und CORRECTIV, die Kommunen würden weitere rechtliche Schritte erwägen, zum Beispiel eine Klage vor dem Landessozialgericht Baden-Württemberg. Ob die Kostenträger weiter gegen mehr Personal kämpfen werden, soll voraussichtlich bis Ende April entschieden werden.

„Eine üble Sache“

Viele Pfleger und Heimbetreiber befürchten, dass die Qualität der Pflege in Deutschland bald nicht besser, sondern noch schlechter wird. „Die neuen Regeln sind fürs Personal grundsätzlich eine üble Sache. Meine große Befürchtung: Mittelfristig wird es weniger Personal geben“, sagt zum Beispiel Witold Konermann. Er ist 60 Jahre alt, seit fast 18 Jahren Pfleger, stellvertretender Personalratsvorsitzender der Leben & Wohnen Stuttgart. Dort arbeiten etwa 1000 Menschen in acht Pflegeheimen und zwei Einrichtungen für Wohnungslose. 

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„Durch die Erhöhung, die wir jetzt zu Beginn in Baden-Württemberg haben, wird das Problem nicht ausgeglichen“, sagt Konermann. Er hat kurz nach Einführung der Pflegeversicherung als Altenpfleger angefangen, Ende der 90er Jahre. Damals, sagt Konermann, habe man noch Zeit gehabt, sich um die Menschen zu kümmern. „Mittlerweile können wir nur noch die Grundpflege leisten.“

„Ich gehe nicht davon aus, dass uns das neue Gesetz Verbesserungen bringt“, sagt auch Gerhard Töller, Geschäftsführer der elf Pflegeheime der Diakonie im niedersächsischen Osnabrück. „Die Politik setzt auf ambulant, ambulant, ambulant. Aber die stationäre Pflege in Einrichtungen, die Pflege für die stark Pflegebedürftigen, die muss auch gut sein.“ Töller plant derzeit weiter mit der alten Personalbesetzung, in Niedersachsen konnten sich Betreiber, Krankenkassen und Kommunen bislang nicht auf einen neuen Personalschlüssel einigen.

Betreiber befürchten noch schlechtere Bedingungen

BuzzFeed und correctiv.org haben bei den wichtigsten Pflegeheim-Verbänden sowie zehn der größten Pflegeheimbetreiber Deutschlands nachgefragt, ob das Gesetz mehr Pflegerinnen und damit bessere Pflege möglich macht. Die Betreiber sagen: Nein. Stattdessen befürchten sie noch schlechtere Bedingungen.

Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) erwartet, dass das Personal in den kommenden Monaten wieder absinkt. Von einer Erhöhung des Personals ist keine Rede mehr, geschweige denn von einer deutlichen. Das Ziel lautet nur noch, „die Personalausstattung keinesfalls unter das Niveau von 2016 zu senken“, schreibt Pressesprecher Olaf Bentlage, der mehr als 8000 Anbieter vertritt. Die Pflegeheime seien „das Stiefkind der Pflegereform“.

Auch die private Pflegeheim-Gruppe Pro Seniore geht davon aus, dass sich die Bedingungen für Pflege trotz der Reform verschlechtern werden. Die Politik verkaufe mit dem Gesetz „eine Verbesserung der Pflegesituation, real muss jedoch derzeit von einer Verschlechterung ausgegangen werden“, schreibt Geschäftsführerin Daniela Kirsch. Die gestiegenen Anforderungen der vergangenen Jahre „wurden und werden nicht berücksichtigt“. 

„Größere Befürchtungen“

Ein „Bündnis für gute Pflege“ fordert als kurzfristige Lösung, sich das Land mit den besten Personalbedingungen zu nehmen und diese Personalschlüssel für alle Bundesländer festzuschreiben. Dem Bündnis gehören neben zahlreichen Wohlfahrtsverbänden auch Gewerkschaften und Selbsthilfevertretungen an.

Die größte Pflegekasse AOK glaubt dagegen nicht, dass die Heimbetreiber „größere Befürchtungen haben müssten.“ Und das Bundesministerium für Gesundheit schreibt, dass Schätzungen zufolge durch das neue Gesetz im Schnitt zwei neue Pflegekräfte pro Pflegeheim eingestellt werden können. 

Zudem seien fast 50.000 zusätzliche Betreuungskräfte eingestellt worden, so das Ministerium. Diese sollen pflegebedürftige Menschen in Heimen beschäftigen, haben keine Ausbildung als Pfleger und dürfen deshalb auch nicht bei der Pflege helfen. Da es in vielen Heimen an Pflegekräften mangelt, werden die Betreuungskräfte aber offenbar trotzdem häufig als Pfleger-Ersatz eingesetzt.

Keine aktuellen Zahlen

Bis Mitte 2020 soll nun erstmals gemessen werden, wie viele Pflegekräfte deutsche Heime wirklich brauchen. Der Auftrag dafür steht laut Gesundheitsministerium und AOK kurz vor der Vergabe. Viele Experten kritisieren, dass diese Personalbemessung viel zu spät komme. Zudem dürfe „nicht übersehen werden, dass der Gesetzgeber keinerlei Verpflichtung zur Umsetzung durch die Bundesländer festgeschrieben hat“, schreibt der Bundesverband privater Anbieter.   

„Ein Personalbemessungsinstrument muss bundesweit verbindlich eingeführt werden und das wissenschaftlich ermittelte, notwendige Personal muss refinanziert werden“, fordert die Bundestagsabgeordnete Elisabeth Scharfenberg, Pflege-Expertin der Grünen. Die Bundestagsabgeordnete Pia Zimmermann, Pflege-Expertin der Linken, fordert Sofortmaßnahmen, um den akuten Personalmangel  zu bekämpfen. Darunter „verbindliche bundesweit einheitliche Personalschlüssel“. Zudem müssten die Verhandlungen transparent geführt werden. Zumeist würden durch die moderaten Personalerhöhungen derzeit lediglich Pflegehelferinnen oder zusätzliche Betreuungskräfte eingestellt, aber keine Fachkräfte. Die pflegepolitischen Sprecher von SPD und CDU haben auf Anfrage von BuzzFeed und CORRECTIV nicht reagiert.

„Schnellschüsse auf der Suche nach Lorbeeren“, nennt Professorin Katharina Planer die neue Pflegereform und die Pläne für eine Personalbemessung. Seit 2008 jage ein Expertenbeirat den nächsten, doch die Ergebnisse ließen zu Wünschen übrig. Planer hat 30 Jahre lang in der Altenpflege gearbeitet, auch als Heimleitung. Seit zehn Jahren forscht sie zur Pflege. 

Planer hat sich auch mit der neuen Personalbemessung lange beschäftigt. Sie beklagt, dass sich die Politik viel zu sehr einmische und eine echte Forschung dadurch nicht möglich sei. Planer sagt, dass von der Reform bisher nur die Pflegebürokratie profitiere – also die Krankenkassen, die Verbände der Heimbetreiber, die Kommunen und auch die Pflegewissenschaftler, die immer wieder Gutachten schreiben. „Von den neuen Regeln profitieren eine ganze Menge Leute, aber sicher nicht die Pflegebedürftigen oder die Pfleger.“

Diese Veröffentlichung ist eine Kooperation zwischen CORRECTIV und BuzzFeed Deutschland.

Gefährliche Keime

Tödliche Keime – Kooperation mit der Zeit

von Daniel Drepper

Jedes Jahr sterben in Deutschland tausende Menschen an multiresistenten Erregern. An Keimen, die nicht mehr auf Antibiotika anspringen und dem Patienten deshalb immer öfter keine Überlebenschance mehr lassen. Die Wunden entzünden sich, schließen nicht mehr. Irgendwann stirbt der Patient an multiplem Organversagen oder einer Lungenentzündung.

Wissenschaftler bezeichnen multiresistente Keime als einen Tsunami, langfristig sogar als ein größeres Problem als den Klimawandel.

Die Keime entstehen, weil in vielen Krankenhäusern einfachste Hygieneregeln nicht eingehalten werden. Weil Tierärzte und Fleischbarone noch immer tonnenweise Antibiotika ins Futter kippen. Und weil die Beteiligten bislang das Problem nicht entschlossen genug angehen.

Gemeinsam mit der ZEIT, ZEIT ONLINE und der FUNKE-Mediengruppe haben wir heute eine mehrmonatige Recherche veröffentlicht.

>>> Hier geht es zur Recherche: mrsa.correctiv.org

Wir haben uns mit genau diesen Keimen beschäftigt. Wir haben Abrechnungsdaten von allen deutschen Krankenhäusern analysiert und können zeigen, dass die Gefahr seit Jahren wächst. Deutsche Krankenhäuser rechnen manche gefährlichen Erreger heute 50 Prozent häufiger ab als noch vor vier Jahren.

Wir waren gemeinsam mit den Reportern unserer Kooperationspartner in Tiermastanlagen und auf Schlachthöfen, wir waren undercover im Krankenhaus und wir haben mit hunderten Experten und Betroffenen gesprochen.

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Die Abrechnungsdaten der Krankenhäuser haben wir auf einer interaktiven Karte Landkreis für Landkreis visualisiert.

>>> Hier geht es zur Karte <<<

Die Recherche ist unser bislang größtes Projekt. Die Geschichten finden sich auch als Titelgeschichte in der ZEIT, bei ZEIT ONLINE und in den Zeitungen und Web-Portalen der FUNKE-Mediengruppe. Den Veröffentlichungen könnt Ihr auch bei Twitter unter dem Hashtag #tödlichekeime folgen – oder Euch dort an der Diskussion beteiligen.

Dazu berichten heute zahlreiche weitere Regionalzeitungen und Internetportale. Gestern Abend lief bereits ein Beitrag in den heute-Nachrichten des ZDF. In den kommenden vier Wochen werden unsere Kooperationspartner und wir immer wieder zu diesem Thema berichten.

Wir glauben, dass die Bekämpfung multiresistenter Keime zentral ist für unsere Gesundheit in den kommenden Jahrzehnten. Gehen wir fahrlässig mit diesem Problem um, stehen wir vor einer mittelalterlichen Zukunft, in der Menschen an Zahninfektionen und Blasenentzündung sterben.

Deshalb gehen wir bei CORRECTIV dieses Problem langfristig und international an. Wir stehen bereits in stetigem Austausch mit Reportern aus mehreren europäischen Ländern. Keime machen nicht an der Landesgrenze halt. Wer nichts verpassen will, abonniert unseren Newsletter.

Dazu können wir Unterstützung gebrauchen. Wer selbst Erfahrungen mit Hygiene-Problemen in Gesundheitseinrichtungen oder multiresistenten Keimen gemacht habt, kann seine Erlebnisse oder die seiner Bekannten und Verwandten in einem extra von uns entwickelten Fragebogen teilen. Wir sammeln diese Erfahrungen in strukturierter Form und veröffentlichen mittelfristig Geschichten dazu. Damit wollen wir den Betroffenen eine Stimme geben und die Missstände möglichst umfassend aufdecken.

Wer sich mit uns und anderen über multiresistente Keime und Hygienemängel in Gesundheitseinrichtungen austauschen möchte, kann unserer Facebook-Gruppe beitreten. Dort wollen wir einen Raum schaffen für Updates, Informationen, Diskussionen und Hilfestellung.

Gefährliche Keime

Tödliche Keime

Jedes Jahr sterben in Deutschland tausende Menschen an Infektionen mit multiresistenten Erregern. Die Gründe: Zu viele Antibiotika, mangelnde Hygiene, politisches Zögern. Und die Zahlen steigen. Wissenschaftler warnen vor einem Tsunami, vor einer Katastrophe „größer als der Klimawandel“. Trotzdem schieben sich die Beteiligten die Verantwortung gegenseitig zu, kaum jemand geht voran und bekämpft die Keime mit voller Kraft. Wir zeigen, dass es schon jetzt viel mehr Fälle gibt, als offiziell verlautbart. Und gehen dieses Problem langfristig an, mit internationalen Recherchen. Dafür brauchen wir auch Eure Hilfe.

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von Daniel Drepper

Andreas H. ist 49, als er mit Verdacht auf Krebs in die Helios-Klinik in Duisburg kommt. Die Ärzte nehmen einen Teil der Bauchspeicheldrüse weg, durchstechen dabei die Bauchwand. Sechs Wochen später hat Andreas zwölf Operationen hinter sich. Die Wunden schließen nicht mehr, sein Körper ist durchlöchert wie ein Sieb. Andreas H. stirbt mit den multiresistenten Keimen MRSA, VRE und ESBL im Blut. Antibiotika – doch eigentlich die Wunderwaffe gegen alles – hatten gegen diese Superkeime keine Chance.

Die 71-jährige Christel B. liegt im Oktober 2012 auf der Intensivstation des Philippusstiftes Essen-Borbeck. Diagnose: schwere Entzündung der Bauchspeicheldrüse, ausgelöst durch eine Gallensteinwanderung. Nach drei Eingriffen binnen drei Tagen hat sie sich mit MRSA infiziert. Zwei Wochen später ist Christel B. tot.

Rainer F. hat eine schwere Raucherlunge, bekommt kaum Luft. Im Krankenhaus machen die Ärzte einen Luftröhrenschnitt. „Komplikationslos“ sei der verlaufen, steht in den Akten. Doch Rainer F. infiziert sich mit MRSA, später kommt der Darmkeim VRE dazu. Wenige Tage später ein septischer Schock, Herzstillstand. Mit 57 Jahren.

Und dann wäre da noch Matthias Sammer. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere, 1997, lässt sich der Fußballprofi am linken Knie operieren, mal wieder. Diesmal nur eine kleine Falte, korrigiert, alles gut, sagte der Professor im Martin-Luther-Krankenhaus Berlin. Doch nur wenige Stunden später fing das Knie an zu schmerzen, wurde dick. Sammer, schon wieder zu Hause, bekam Fieber. Die Ärzte hatten keine Erklärung: Gibt’s doch nicht. Noch einmal reingeguckt ins Knie, und dann hieß es nur noch: Um Gottes willen, so was haben wir noch nie gesehen. Keine Erklärung, wo das herkommt.

Drei Wochen lang lag Sammer dann in einer Klinik in Dortmund. Es ging um sein Leben. „Die Ärzte haben schwierige Gespräche mit meiner Frau geführt. Erst viel später hat sie mir davon erzählt. Alle Alternativen waren grauenhaft. Dass es wieder richtig gut wird, war die allerkleinste Möglichkeit.“ Die Keime wüteten im Körper des Fußballers, und kein Antibiotikum wirkte. Dann kam die letzte Hoffnung, ein allerletztes Antibiotikum. Das hat gewirkt. Es hat ihm das Leben gerettet.

Das war 1997, und es war das Ende des Fußballers Matthias Sammer, mit 30 Jahren. Bis heute könne er nicht joggen, sagt Sammer, schon ein Job als Trainer wäre vermutlich schwierig, zwei Stunden am Tag draußen mit der Mannschaft, das könnte problematisch sein. Jetzt ist Sammer Sportvorstand des FC Bayern.

Warum Matthias Sammer über seine schreckliche Infektion spricht?

„Es war dieses allerletzte Antibiotikum, was mich gerettet hat. Ich will keine Schlagzeilen produzieren, das ist das Letzte, was ich will. Aber ich rede mit Ihnen, weil ich aufrütteln will. Vielleicht kann man damit anderen Menschen helfen.“

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7.500 bis 15.000 Menschen sterben laut Bundesgesundheitsministerium in Deutschland jedes Jahr an Infektionen im Krankenhaus. Das allein wäre schon eine Schreckensbotschaft, denn das sind so viele wie alle Alkohol- und Drogentote eines Jahres zusammen. Doch die Zahl dürfte noch viel höher liegen.

Die ZEIT, ZEITonline, die Funke-Mediengruppe und CORRECTIV haben die Abrechnungsdaten aller deutschen Krankenhäuser ausgewertet. Daraus geht hervor, dass Ärzte bei gestorbenen Patienten jedes Jahr häufiger als 30.000 Mal einen der drei meistverbreiteten multiresistenten Keime MRSA, ESBL oder VRE abrechnen. Ob all diese Menschen auch an den Keimen gestorben sind, lässt sich aus den Daten zwar nicht ablesen. Experten sind sich aber sicher, dass die Zahl der Infektionen deutlich höher liegt, als das Gesundheitsministerium angibt.

„Es sind mindestens eine Millionen Infektionen und mehr als 30.000 bis 40.000 Todesfälle, wahrscheinlich weit mehr“, sagt Professor Walter Popp, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene.

Im vergangenen Jahr hat Popp gemeinsam mit Kollegen die offizielle Version wissenschaftlich hinterfragt. Popp schreibt, die Zahlen des Gesundheitsministeriums seien viel zu niedrig und „basieren in wesentlichen Teilen auf Arbeiten, die vor nahezu 40 Jahren erstellt wurden.“

Ein Großteil der Keime wird in den Kliniken nicht nur nicht abgerechnet, er fällt erst gar nicht auf. Die Krankenhäuser sind nicht verpflichtet, jedes Auftreten von MRSA zu melden. Nach dem Infektionsschutzgesetz werden nur MRSA-Infektionen ans RKI gereicht, die in einem Labor in Blut oder Rückenmarksflüssigkeit festgestellt werden. Zudem werden nur bestimmte Risikogruppen bei der Aufnahme ins Krankenhaus auf die Keime getestet – so werden Besiedlungen oder Infektionen häufig überhaupt nicht erkannt.

  • Multiresistente Erreger sind Bakterien, die sich kaum oder gar nicht mehr mit Antibiotika behandeln lassen. Je mehr und je härtere Antibiotika genutzt werden, desto mehr Resistenzen entstehen. Man unterscheidet bei Personen zwischen Trägern und Infizierten. Träger sind mit Keimen besiedelt, auf der Haut oder an den Schleimhäuten. Wenn die Erreger in die Blutbahn gelangen, spricht man von einer Infektion. Die Folge: Entzündungen und Blutvergiftungen. Besonders gefährdet sind Personen, die häufig stationär behandelt werden, die pflegebedürftig sind, häufig Antibiotika nehmen, liegende Katheter, chronische Wunden oder Brandverletzungen haben.
  • Der wohl bekannteste multiresistente Erreger ist MRSA – ein Methicillin Resistenter Staphylococcus Aureus. Mittlerweile trägt etwa jeder fünfte Deutsche den Keim auf seiner Haut. Symptome sind Wundinfektionen und Entzündungen der Atemwege oder des Blutes. Man unterscheidet Keime aus der Tiermast (la-MRSA), aus dem Krankenhaus (ha-MRSA), oder aus der Öffentlichkeit (ca-MRSA). Bundesweit sind etwa zehn verschiedene Epidemienstämme bekannt.
  • VRE sind Vancomycin Resistente Enterokokken. Diese Keime gehören zur normalen Darmflora des Menschen. Wenn zu viel Antibiotika eingesetzt werden, überleben am Ende nur noch resistente Enterokokken. Dann kann es zu Wund- und Harnwegsinfektionen kommen, zu Abszessen oder schweren Infektionen. Diese Infektionen treten insbesondere bei immunschwachen Patienten auf.
  • Die Abkürzung ESBL steht für Extended-Spectrum-Betalaktamase. Dabei handelt es sich um Enzyme, die bestimmte Antibiotika durch Spaltung unwirksam machen. ESBL-bildende Bakterien sind gegen zahlreiche Antibiotika resistent. Heute werden diese vor allem als MRGN bezeichnet, als multiresistente gramnegative Erreger. [diese Beschreibung haben wir nach Rückmeldung eines Lesers etwas angepasst]
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Es gibt kaum Zahlen, auf die man sich verlassen kann. Jede Statistik sagt etwas anderes. Und angesichts der Vielzahl der besiedelten Menschen, macht sich auch bei den Verantwortlichen so etwas wie Ratlosigkeit breit. „Ich wüsste nicht, wie wir alle Keime erfassen könnten. Es sind so viele Menschen, die sie mit sich herumtragen“, sagt Susanne Glasmacher, die Sprecherin des Robert-Koch-Instituts.

Ein Anfang wäre es, wenn wenigstens alle Infektionen zentral erfasst würden. Doch selbst das passiert nur bei MRSA, „da immerhin haben wir eine Meldepflicht“, sagt Glasmacher. Bei den noch gefährlicheren Darmkeimen VRE und den Enzym-bildenden Bakterien ESBL gibt es diese nicht. Gegen diese Erreger wirken oft nur noch spezielle Reserve-Antibiotika. Vor allem sehr junge, alte und schwache Patienten sterben an diesen Keimen. Und sie verbreiten sich in Deutschland seit Jahren stärker und stärker.

Deutsche Krankenhäuser haben VRE im Jahr 2013 mehr als 33.000 mal abgerechnet. Dazu zählen sowohl Besiedelungen von Patienten als auch echte Infektionen. Seit 2010 ist die Zahl der VRE-Diagnosen damit um 40 Prozent gestiegen. Die Gruppe der ESBL-Keime rechneten die Krankenhäuser sogar fast 120.000 mal ab, mehr als 50 Prozent häufiger als vor vier Jahren. Am weitesten verbreitet ist in Deutschland immer noch der methicillinresistente Staphylococcus aureus (MRSA), er wird in deutschen Krankenhäusern jedes Jahr fast 140.000 mal registriert.

Für Experten wie Bernd Beyrle von der Techniker Krankenkasse steht jedoch fest, dass auch diese Zahlen noch viel zu niedrig sind. Beyrle leitet bei der TK den Fachbereich stationäre Versorgung. „Nicht jede Infektion ist für die Abrechnung relevant. Wir gehen deshalb davon aus, dass wir hier wahrscheinlich nur ein Drittel der Infektionen und Besiedlungen erkennen können.“

Ohne eine Novelle des Infektionsschutzgesetzes durch das Bundesgesundheitsministerium wird sich an der schlechten Datenlage nichts ändern. Doch die scheint nicht in Sicht. Das Ministerium schreibt, dass „mehrere spezialisierte Instrumente zur Erfassung multiresistenter Erreger“ existierten und die Überprüfung dieser eine „Daueraufgabe“ sei. Mit anderen Worten: alles gut, vorerst wird nichts geschehen.

Das ist eine beispiellos chaotische Sachlage bei einem derart brisanten Thema.

Wer die Abrechnungszahlen der Krankenkassen Landkreis für Landkreis auswertet, sieht schnell, dass der bekannte MRSA-Keim vor allem im Nordwesten verbreitet ist, in Niedersachsen, dort wo auch die großen Mastställe der Tierindustrie stehen. Der Darmkeim VRE und die Keimgruppe ESBL verteilen sich etwas gleichmäßiger, mit Schwerpunkten in Mittel- und Ostdeutschland. Das entspricht auch – grob – den Beobachtungen der Wissenschaftler, die sich schon seit Jahrzehnten mit dem Thema beschäftigen.

Aus den Abrechnungsdaten der Krankenkassen lassen sich keine Gründe für die Verteilung ableiten. Aber sie geben einen Blick frei auf die Größe und die Verteilung des Problems.

Multiresistente Erreger in Krankenhäusern

MRSA-Fragebogen

Was die Daten nicht zeigen: Die Leiden der Opfer und Ihrer Angehörigen. Deshalb wollen wir von Euch hören. Habt Ihr Erfahrungen mit Hygieneproblemen im Krankenhaus oder anderen Gesundheitseinrichtungen gemacht, mit Infektionen oder multiresistenten Keimen? Füllt unseren Fragebogen aus – je mehr Menschen mitmachen, desto stärker drängt das Thema an die Öffentlichkeit, desto eher werden die Probleme angegangen.

Mit dem Fragebogen sammeln wir zentral alle Erfahrungen. Bei der Veröffentlichung werden wir mit verschiedenen, auch lokalen Medien, kooperieren. Wir freuen uns über jeden, der den Fragebogen teilt.

Wenn Ihr mit anderen Betroffenen über dieses Thema sprechen wollt, könnt Ihr auch unserer Facebook-Gruppe beitreten. Dort diskutieren wir, teilen Informationen, Ansprechpartner und Ratschläge. Zur Anmeldung geht es hier entlang.

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Der Tote

Das erste Mal operieren die Ärzte Andreas H. am 30. November 2011. Verdacht auf Krebs, der Chefchirurg entfernt den linken Teil der Bauchspeicheldrüse. Bei der schwierigen Operation wird die Magenwand durchstochen. Eine Woche später erleidet Andreas einen Magendurchbruch. Der nächste Eingriff folgt, 48 Stunden später ein weiterer. Luftröhrenschnitt, künstliche Beatmung. Bauchfellentzündung.

Es ist Weihnachten und Andreas H. liegt alle zwei Tage auf dem OP-Tisch.
Teile des Magens werden herausgeschnitten, auch die Milz. Ein Problem: Die Ärzte bekommen die Wundverschlüsse nicht dicht. Nach den Eingriffen läuft Körpersekret in den Bauchraum.

Einmal sind es 0,3 Liter milchige Flüssigkeit. Und die Leckagen häufen sich. Immer wieder wird nachgenäht.

„Durch die Voroperationen gestaltet sich dieser OP-Schritt schwierig“, heißt es im Bericht über den Verlauf der vierten OP. Sieben weitere hat der Patient da noch vor sich. Bauch öffnen, Flüssigkeit absaugen, spülen, Bauch verschließen. Nach einer dreistündigen Prozedur notiert ein Oberarzt unter P.S.: „Aufgrund der zahlreichen Voroperationen erfolgte dieser Eingriff unter massiv erschwerten Bedingungen.“

Als sich die Wunde nicht mehr nähen lässt, wird mit Klebstoff gearbeitet.

Nach einem Dutzend Eingriffen in sechs Wochen ist der Magen von Andreas H. durchlässig wie ein Sieb. „Jeder Schluck, den er trank, lief direkt wieder aus ihm heraus und ins Bett“, erinnert sich die Mutter. Doch ihr Sohn will leben. Der schwache Körper kämpft. Langsam, sehr langsam, geht es aufwärts. Der Patient kommt aus dem Intensivbett auf eine Normalstation.

„In vier Wochen kann ich hier raus“, sagt Andreas H. am 17. März 2012. Es ist sein 50. Geburtstag. Was Angehörige und andere Besucher in den nächsten drei Monaten erleben – diese Bilder werden sie bis heute nicht los.

Einmal schlägt ihnen fäkaler Gestank entgegen, als sie das Zimmer betreten. Andreas H. liegt in einem Teerstuhl. Blut läuft aus seinem Mund. Er ist unfähig, sich bemerkbar zu machen.

Die Mutter und der Bruder sind „total schockiert“. Sie laufen zum Pflegepersonal und bitten um Hilfe. Ja, später, aber erst müsse sie das Abendessen auf der Station verteilen, sagt eine Schwester. Nach der Essensausgabe sammeln die Pfleger die Reste wieder ein. Anschließend kümmern sie sich um Andreas H. und säubern ihn.

Wenig später steht fest: Andreas H. hat sich mit Vancomycin-resistenten Enterokokken (VRE) infiziert. Die multiresistenten Darmbakterien, gegen die nur noch zwei Antibiotika wirken, werden in seinem Blut nachgewiesen.

Die Angehörigen schreiten häufig ein. Es ist die Mutter, früher selbst 26 Jahre lang Krankenschwester, die den Sohn bei einer aktuen Atemnot vor dem Ersticken bewahrt. Auch einer Lungenentzündung und einem drohenden Wundgeschwür wird erst auf Drängen der Familie nachgegangen. Die bei offenen Wunden gebotene Schutzkleidung trägt das Personal trotz entsprechender Hinweise selten. Der Bruder beschwert sich, bittet um „die Pflege und Beobachtung, die für eine Genesung erforderlich sind“, fordert „eine engmaschige Kontrolle durch einen Oberarzt“.

Die Mutter verliert langsam die Hoffnung. „Bei dieser Quälerei habe ich irgendwann Abschied genommen von Andreas“, sagt sie.

Am Morgen des 21. Juni 2012, als der Anruf mit der Todesnachricht kommt, „da war ich heilfroh, dass der liebe Gott ein Ende gemacht hat“.

Bei seinem Tod trägt Andreas H. die multiresistenten Keime MRSA, VRE und ESBL im Blut. Das ist bei immer mehr Menschen der Fall. Und daran sind auch die Krankenhäuser und Ärzte Schuld.

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Die Ärzte

Es gibt zwei Dinge, die es den Keimen überhaupt nur ermöglichen, sich einzunisten in unserer Mitte, sich zu verbreiten, immer mehr Menschen zu töten. Nummer eins: Zu viel Antibiotika. Nummer zwei: Mangelnde Hygiene.

Starten wir mit den Medikamenten. Der Mechanismus ist einfach. Von Natur aus trägt jedes Lebewesen bei einer Infektion auch einige resistente Krankheitserreger in sich. Sie entstehen zufällig, durch natürliche Mutationen. Werden Antibiotika verabreicht, sind diese resistenten Keime plötzlich gegenüber ihren nicht mutierten Verwandten im Vorteil. Je häufiger Antibiotika verabreicht, je sorgloser sie eingenommen werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass resistente Keime sich vermehren und verbreiten können. Dann sind die Medikamente wirkungslos.

Deshalb ist es so wichtig, dass Antibiotika nur extrem gezielt vergeben werden. Dass Ärzte verpflichtet werden, ein Antibiogramm zu machen, bevor sie die Medikamente verschreiben. Um zu testen, auf was der Patient reagiert. Dass überwacht und eingetragen wird, welcher Patient welches Antibiotikum für welches Problem bekommt. Ein Antibiotikapass, wie beim Impfen, nur halt für Antibiotika. Und dass zentral erfasst wird, wo wie viele Antibiotika für was verschrieben werden. Um den Einsatz zu optimieren, zu drosseln. All das gibt es bislang nicht.

Selbst Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, fordert restriktive Vorgaben für die Antibiotikatherapie, wie im Nachbarland Holland üblich, und ein Verordnungsverzeichnis.

Das alles soll verhindern, dass die Superkeime entstehen. Damit sie sich nicht weiter verbreiten, müssen sich Ärzte, Schwestern und Pfleger strikt an Hygieneregeln halten. Sie müssen sich zum Beispiel fachgerecht die Hände desinfizieren. Das passiert noch immer viel zu selten. Etwa zwei Drittel aller Patienten holt sich die Infektionen im Krankenhaus. Studien belegen, dass Ärzte und Schwestern sich nur halb so oft die Hände desinfizieren, wie es eigentlich nötig wäre. Das ist ein riesiges Problem. Nicht nur für den jeweiligen Patienten, sondern auch für alle anderen. Denn Keime verbreiten sich im Krankenhaus vor allem über das Personal selbst.

Wissenschaftler aus Lyon haben in einem nordfranzösischen Hospital rund 450 Patienten und 350 Pfleger mit Sensoren ausgestattet, die jede Annäherung an eine andere Person aufzeichneten. Über neun Monate erstellten die Wissenschaftler so ein Kontaktprofil des gesamten Hauses. Zeitgleich nahmen sie wöchentliche Proben aus der Nasenschleimhaut und ließen sie im Labor auf Bakterien untersuchen.

„Es gibt keinen geschützten Raum in einem Krankenhaus. Alle Bakterien können in nahezu alle Zimmer und Stationen wandern“, sagt der leitende Wissenschaftler Eric Fleury. Viele Patienten hatten nach einigen Tagen oder Wochen im Krankenhaus Bakterien im Blut oder in ihren Schleimhäuten, die eigentlich ein Patient einer ganz anderen Station angeschleppt hatte. 30 Prozent der Patienten waren am Ende ihres Aufenthaltes mit multiresistenten Bakterien kontaminiert. „Fast jeder Patient kommt über Krankenschwestern, Pfleger, Ärzte oder Ergotherapeuten in Kontakt zu Keimen von anderen Patienten im Haus.“

Die Bakterien werden über kontaminierte Kittel, unsaubere Hände und Servierwagen im gesamten Haus verteilt. Pfleger treffen sich in der Kantine und tauschen dort über gemeinsame Wasserkaraffen und Begrüßungsküsschen die Bakterien auf der Haut aus. In der Nacht müssen Schwestern und Ärzte häufig ohnehin mehrere Etagen gleichzeitig betreuen. „Fast jeder hat mit jedem Kontakt“, sagt Fleury. Eine Schwester kommt an einem Tag rund 100 Personen nahe.

So wird ausgerechnet das Personal in Krankenhäusern zum Sicherheitsrisiko für Patienten. Einige Epidemiologen wie der Pariser Forscher Didier Guillemot bezeichnen Ärzte und Pfleger gar als „superspreaders“ – als „größtmögliche Verbreiter“ der tödlichen Bakterien. Sie könnten ihre Patienten nur schützen, indem sie Hände und Materialien wie Blutdruckmesser oder Verbandswagen besser sterilisieren. Guillemot plädiert auch dafür, Patienten nur wenige Behandler zur Seite zu stellen – nicht das gesamte Team solle zur Visite kommen, sondern nur jeweils ein Arzt und möglichst wenige Krankenschwestern. Außerdem seien Einzelzimmer ein guter Schutz vor hohem Bakterien-Verkehr.

Um die Desinfektion zu verbessern, hängen zum Beispiel in Holland in manchen Krankenhäusern Videokameras über den Desinfektionsspendern. Das hält die Ärzte dazu an, diese auch wirklich zu benutzen. In Deutschland nehmen Krankenhäuser an Studien zur Häufigkeit von Desinfektionen freiwillig teil. Eine externe Kontrolle, zum Beispiel mit überraschenden Stichproben, gibt es nicht.

Wichtig ist, dass sich Ärzte direkt vor dem Kontakt mit dem Patienten die Hände desinfizieren. Nicht auf dem Flur, nicht nach der Behandlung, sondern direkt am Bett des Patienten. Das können Patienten auch selbst einfordern.

Keine Panik: Multiresistente Erreger sind keine unsichtbare Gefahr, sondern ein alltäglicher Begleiter. Es kommt auf sichtbaren Umgang mit dem Problem an. Darüber zu sprechen, ist kein Verbrechen.

Vor dem Aufenthalt: Schauen Sie vor einem stationären Aufenthalt bei anerkannten Experten nach den wichtigsten Hygienekriterien, zum Beispiel bei der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene, bei der Aktion saubere Hände oder – für Expertenwissen – bei den KRINKO-Richtlinien des RKI

  • Zu Beginn des Aufenthalts: Informieren Sie sich gleich zu Beginn des stationären Aufenthaltes über Hygienemaßnahmen. Fragen Sie nach Flyern und Informationen zur korrekten Handdesinfektion. Machen Sie Ihre Besucher darauf aufmerksam.
  • Bekannt machen: Fragen Sie nach den Schwestern oder den Pflegern, die auf der Station hygienebeauftragt sind. Machen Sie sich bekannt.
  • Eigen-Desinfektion: Waschen Sie sich häufig die Hände. Desinfizieren Sie sich die Hände. Beachten Sie die Mindesteinwirkzeit von Desinfektionsmitteln. Zählen Sie langsam bis 30. Dann ist die maximale Wirkung von Desinfektionsmitteln gesichert.
  • Fremd-Desinfektion: Schauen Sie, ob es in Ihrer unmittelbaren Umgebung in Ihrem Zimmer Desinfektionsmittel gibt. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass diese Mittel auch verwendet werden.
  • Ärzte und Pfleger prüfen: Schauen Sie dem Pflegepersonal und den Ärzten auf die Finger. Unmittelbar bevor Sie berührt werden, sollte sich jegliches Personal die Hände desinfizieren. Besonders bei Eingriffen, die unter die Haut gehen, muss vorher und nachher Desinfektionsmittel verwendet werden.
  • Reinigung: Schauen Sie, ob die Reinigungskraft Putzgegenstände verwendet, die vorher nicht in isolierten Zimmern zum Einsatz gekommen sind.
  • Frisches Bett: Bestehen Sie auf ein mehrmals wöchentlich frisch bezogenes Bett und eine saubere Umgebung. Alles, was Sie vom Bett aus erreichen können, sollte täglich gereinigt werden.
  • Frische Luft: Sorgen Sie für frische Luft. Auch das kann gegen Keime helfen. Sogar die Weltgesundheitsorganisation WHO rät zur natürlichen Belüftung.
  • Richtige Antibiotika: Nehmen Sie Antibiotika nur zu sich, wenn es unbedingt erforderlich ist. Häufig werden Antibiotika unnötig verschrieben. Wenn Sie Antibiotika benötigen, brechen Sie die Therapie auf keinen Fall ab, sondern nehmen die Antibiotika wie angeleitet zu  Ende. Halb eingenommene Antibiotika züchten erst recht multiresistente Keime heran.
  • Eigene Isolation beachten: Sind Sie Träger von MRE oder infiziert? Fragen Sie nach den Flyern, die wichtige Informationen zum Umgang mit dem Keim geben. Beachten Sie die Desinfektion und die Regeln der Isolation. Machen Sie Ihre Besucher auf die Problematik aufmerksam.

Eine weitere Möglichkeit, die Superkeime einzudämmen: In Holland wird ausnahmslos jeder Patient bei der Aufnahme ins Krankenhaus auf multiresistente Erreger gescreent. Auch deshalb gibt es dort so gut wie keine MRSA-Patienten mehr.

Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, sagt: Gerne würden auch die deutschen Kliniken jeden neuen Patienten auf Keime screenen. Dafür müsste das Robert-Koch-Institut nur den Kreis der zu screenenden Patienten ausweiten. Und die Krankenkassen müssten es bezahlen. Baum sagt, das koste etwa eine Milliarde Euro.

“Teilweise haben wir immer noch Drei- und Vierbettzimmer, mit einer Toilette“, sagt Krankenhaus-Vertreter. Nicht einmal die Hälfte der „allgemein anerkannt“ notwendigen sechs Milliarden Euro bekämen seine Kliniken. Hilfreich, sagt Baum, wäre ein Investitionsprogramm Prophylaxe.

Baum bemängelt, dass Kliniken, ambulante Ärzte und Landwirtschaft bislang nicht zusammen gegen das Problem kämpfen. Stattdessen versuche einer dem anderen das Keimproblem in die Schuhe zu schieben.

Richtig ist: Nicht nur Krankenhäuser sind schuld an den vielen tödlichen Erregern. Auch die Tierärzte, der wahnsinnige Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung. Das hat Gerd-Ludwig Meyer in Nienburg im südlichen Niedersachsen zuletzt immer häufiger erlebt. Und es macht ihn von Jahr zu Jahr verzweifelter.

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Die Tiere

„Sie sehen zu, wie ein Mensch elend leidet. Und Sie können nichts tun, gar nichts.“ Gerd-Ludwig Meyer betreibt mit Ärztekollegen eine Dialysepraxis. Er erzählt von der alten Dame, deren Harnwegentzündung im Laufe der Behandlung nicht besser wurde, sondern schlimmer.

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Meyer verschrieb das erste Antibiotikum – keine Wirkung. Er verordnete das zweite Antibiotikum, das dritte, das vierte, das fünfte: Gentamicin. Tetracyclin. Ciprofloxacin. Amoxicillin. Insgesamt waren es zwanzig. Keines half. Nach schrecklichen Tagen der Qual musste die alte Dame sterben.

Der Tod der alten Frau war kein Einzelfall. Allein in Meyers Praxis starben in den vergangenen Monaten vier weitere Patienten. Bei allen vieren hatten Antibiotika nichts mehr ausrichten können.

„Es ist ein beschissenes Gefühl, wenn du als Arzt hilflos bist“, sagt Meyer. Er drückt sich gern deutlich aus, er ist überhaupt ein Mann, der schnell Klarheit schafft. Zuerst war er Landwirt. Als ältester Sohn hatte er den Hof übernommen. Dann wurde ihm diese Welt zu eng. Es folgten Abitur und Medizinstudium.

Meyers Haare sind struppig, seinem Gesicht sieht man das Leben an. Er schildert, wie er in letzter Zeit bemerkte, dass immer mehr Patienten isoliert werden mussten, weil sie von Keimen befallen waren, die auf Antibiotika nicht mehr reagieren. Und dass Landwirte auf einmal nicht nur Ferkelzüchter und Putenmäster waren, sondern – Risikopatienten. „Wenn ein Landwirt in eine Klinik kommt, muss er im Prinzip sofort in Quarantäne.“

Vor vier, fünf Jahren ging es nach Meyers Wahrnehmung so richtig los. Und schnell begriff er, dass es unsichtbare Verbindungen gibt zwischen seinen beiden Berufen: dem des Landwirts und dem des Arztes. Und diese Verbindungen heißen Cephalosporine, Fluorchinolone, Colistin oder Carbapeneme. Das sind die Bezeichnungen für Reserveantibiotika, sozusagen die allerletzten Medikamente, mit denen die Menschen sich gegen multiresistente Bakterien in unseren Körpern zur Wehr setzen. Die letzten Medikamente, die diese Erreger töten können. Aber Humanmediziner und Landwirte setzen die identischen Wirkstoffklassen der Antibiotika ein: die einen beim Kranken, die anderen beim Schlachtvieh.

Was Meyer in Nienburg feststellt, passiert in ganz Deutschland immer häufiger. Ärzte der Uniklinik Münster haben gezeigt, dass in viehreichen Regionen fast 80 Prozent der Landwirte mit gefährlichen Keimen besiedelt sind. Sie tragen ihn auf der Haut, bei einer Wunde oder Operation kann er in die Blutbahn dringen.

Ärzte finden immer mehr Menschen, die sich mit einem MRSA-Stamm infizieren, der aus der Schweinemast stammt, dem CC398. Eine noch nicht öffentliche Studie zeigt: Mehr als 30 Prozent der Keim-Patienten an der Uni-Klinik Münster haben einen Schweine-Keim im Körper, deutlich mehr als in früheren Untersuchungen. Das Problem: Viele dieser Patienten haben überhaupt keinen direkten Kontakt mehr mit Tieren. Der Keim verbreitet sich demzufolge bereits in der Bevölkerung. Und die ersten Menschen sterben bereits daran.

Für eine Tagung im Oktober beschrieben die Münsteraner Forscher eine Patientin, die auf einem Schweinezuchtbetrieb lebte. Sie starb drei Wochen nach einer einfachen Injektion in die Schulter. Die resistenten CC398 hatten das Herz befallen. Eine andere Angehörige einer Schweinebauern-Familie hatte nach einer Lungen-Transplantation einen septischen Schock und starb an Organversagen. Die Ärzte vermuten, dass ein Verwandter den Schweinekeim ins Krankenzimmer eingeschleppt hat.

In Dänemark sind in den vergangenen Jahren mindestens fünf Menschen am Keim aus dem Schweinstall gestorben. In einem Gerichtsprozess bestätigten die Behörden vier Fälle, ein weiterer Fall kam in diesem Herbst dazu. Die Opfer: Eine 51-jährigen Patienten mit einer Blutvergiftung, ein 63-Jähriger Dialyse-Patient, eine 86-Jährige Diabetespatientin, ein 74-Jähriger mit Lungenentzündung in einem Pflegeheim.

Keines der Todesopfer in Dänemark hatte selbst eine Verbindung zu Schweinen.

Dasselbe beobachten die Experten in Deutschland: „Wir haben den Keim auch bei Personen entdeckt, die nicht im Kontakt mit der Landwirtschaft standen. Der resistente Erreger muss bereits in der Bevölkerung zirkulieren“, sagte Karsten Becker, Oberarzt am Uniklinikum Münster, in einem Gespräch mit dem Schweizer Sonntagsanzeiger.

In Deutschland sind europaweit die meisten Schweineställe mit dem resistenten Keim befallen. In manchen Regionen sind bereits bis zu 70 Prozent der Ställe verseucht, so neueste Untersuchungen. Im Europa-Vergleich nutzt Deutschland die fünftgrößte Menge an Antibiotika in der Fleischproduktion. Pro Kilo pumpen deutsche Bauern 60 mal so viel Antibiotika in ihre Tiere wie die Norweger. Ein Zuchtbecken für resistente Erreger.

Diese massenhafte Medikamentenvergabe wird provoziert von einer strukturellen Schwäche. In der Tiermedizin sind Ärzte nicht einfach nur Ärzte, sie sind gleichzeitig auch ihre eigenen Apotheker. Sie verdienen daran, wenn sie Tieren große Mengen an Antibiotika verschreiben. Die großen Praxen nennt die Szene auch Autobahn-Tierärzte – Sie fahren von Hof zu Hof und verkaufen Ware, anstatt Tiere zu untersuchen und zu heilen.

Während ökologisch bewirtschaftete Schweinebestände zu 26 Prozent mit MRSA besiedelt sind, fanden Forscher der TH Hannover bei 92 Prozent der konventionell gehaltenen Schweine Tier-MRSA in der Nase. Und die Entwicklung geht weiter. Die Zahl der Bauernhöfe ist in den vergangenen 25 Jahren von fast 700.000 auf unter 300.000 zurückgegangen. Die Zahl der von den Keimen besonders infizierten Mastschwein-Betriebe ist sogar um mehr als 80 Prozent geschrumpft, vermeldete vor wenigen Tagen das Bundeslandwirtschaftsministerium.

All das trägt dazu bei, dass sich immer mehr resistente Tierkeime entwickeln. Und die springen zurück auf den Menschen.

Untersuchungen zeigen, dass selbst auf dem Fleisch in der Tiefkühlpackung immer häufiger Erreger zu finden sind. Forscher, die täglich mit den Entwicklungen konfrontiert sind, fassen Ihre Hühnchenfilets in der Küche zum Teil nur noch mit Gummihandschuhen an, um sich nicht mit den Tier-Erregern zu infizieren.

„Der Eintrag von Tierkeimen in Krankenhäuser liegt in einigen Regionen mittlerweile bei mehr als zehn Prozent“, sagt Michael Kresken. Für Kresken ist die Entwicklung beunruhigend. Und er muss es wissen: Der Professor beobachtet resistente Keime schon sein halbes Leben lang.

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Die Zukunft

Als Michael Kresken mit seinem damaligen Chef vor mehr als drei Jahrzehnten sein Lebenswerk beginnt, lachen ihn die Kollegen aus. Die Resistenz von Bakterien gegen Antibiotika erforschen? Wofür solle das denn gut sein? Diese Zahlen, damals im Promillebereich, würden doch sowieso niemals steigen. Das Motto damals: Viel hilft viel. Antibiotika, die Wunderwaffe gegen alles.

Wenn Michael Kresken heute von der Zeit erzählt, als Antibiotika noch als Prophylaxe gegeben wurden, tut er das als einer der angesehensten Experten zum Thema multiresistente Erreger. In Rheinbach, an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, schreibt der Professor unter dem Titel „Germap“ alle zwei Jahre alles zusammen, was mit Resistenzen zu tun hat. In den vergangenen Jahren ging es vor allem bei den gefährlichen Erregern stetig nach oben. Für Kresken ist es höchste Zeit, endlich etwas zu tun.

“Antibiotika verbrauchen sich, wenn sie eingesetzt werden. Je mehr Antibiotika wir nutzen, desto mehr resistente Stämme selektieren wir und begünstigen deren Verbreitung“, sagt Kresken. „Diese Medikamente haben unsere Lebenserwartung extrem gesteigert. Sie sind ein Rohstoff, den wir schützen müssen.“

Vor allem die seltensten Rohstoffe, die Reserve-Antibiotika, machen den Experten Sorgen. „Hausärzte und Internisten verwenden überproportional viele Breitband-Antibiotika. Das ist vor allem im Vergleich zu anderen Ländern auffällig“, sagt Kresken. Breitband-Antibiotika putzen alles weg, sie machen es den Ärzten einfach – aber sie helfen auch den resistenten Erregern. Wenn die harten Antibiotika schon für kleine Infektionen eingesetzt werden, dann lässt das kaum noch etwas über, um die multiresistenten Keime zu bekämpfen, die sonst auf fast keine Antibiotika mehr reagieren.

Wolfgang Witte, 69, war lange Jahre Leiter des Nationalen Staphylokokken-Referenzzentrums des Robert Koch-Instituts und gilt als einer der führenden MRSA-Experten des Landes. Er ist Mikrobiologe, ein Wissenschaftler alter Schule, ein feingliedriger, vorsichtiger Mann. Ein Besuch bei ihm in der Außenstelle des Robert Koch-Instituts in Wernigerode wird rasch zur mikrobiologischen Lehrstunde, in der er von seinen großen Lehrern und Forschern erzählt. Einen davon zitiert er mit den Worten: „Das letzte Wort haben immer die Bakterien.“

Die Bedrohung durch antibiotikaresistente Keime sei ein enorm ernstes Thema, dem man nur mit wissenschaftlicher Vernunft begegnen könne, sagt er. Er halte auch nichts von gegenseitigen Schuldzuweisungen, etwa zwischen Humanmedizinern und Veterinären. Witte ist einer, der den Überblick behalten möchte, auch darüber, von wo die wirklichen Gefahren drohen. Man müsse beobachten, wie sich die Erreger veränderten. Wie sie zwischen Mensch und Tier hin- und herspringen. Die jetzt so gefährlichen Tierkeime zum Beispiel stammen ursprünglich vom Menschen.

Wenn es so weitergeht, mutieren die Keime weiter in den Tieren und bilden so neue Eigenschaften: Sie könnten sich schneller vermehren und ihre Infektionskraft verstärken. Gefährlicher denn je kämen sie dann zu den Menschen zurück. Daraus könne, so Witte, eine „mikrobiologische Apokalypse“ entstehen, die zuletzt Keime hervorbringt, gegen die gar kein Medikament mehr hilft. „Wenn das passiert, dann gnade uns Gott.“

Wenn Antibiotika nicht mehr wirken, steht uns eine mittelalterliche Zukunft bevor, in der Menschen an Zahninfektionen und Blasenentzündung sterben. Das Leid, wenn Antibiotika nicht mehr helfen, ist unvorstellbar, etwa bei einer Sepsis. Erst kommt das Fieber, dann der Schüttelfrost. Die Gefäße weiten sich, die Herzfrequenz steigt, oft marmoriert die Haut oder sie verfärbt sich blau, die Blutgerinnung setzt aus, zuletzt läuft das Blut aus allen Körperöffnungen. An den Extremitäten bilden sich Nekrosen, ein Organ nach dem anderen versagt.

So weit weg scheint diese mittelalterliche Zukunft nicht mehr zu sein. Im Januar 2014 meldete das Bundesamt für Risikobewertung, dass in drei deutschen Schweinemastanlagen und einer Hühneraufzucht erstmalig E.-coli-Bakterien nachgewiesen wurden, die sogar gegen die Reserveantibiotika aus der Wirkstoffgruppe der Carbapeneme resistent sind. Die Carbapeneme galten stets als die letzte Hoffnung. Dass neuerdings Keime existieren, gegen die selbst Carbapeneme machtlos sind, ist eine schlimme Neuigkeit.

Und wer ist jetzt schuld?

Alle.

Die Fleischindustrie zeigt auf die Krankenhäuser, die schimpfen über Krankenkassen, den Gesetzgeber und die ambulanten Ärzte bis das Problem wieder bei der Fleischindustrie vor der Tür liegt. Kliniken vernachlässigen Hygiene, Krankenkassen zahlen nicht, Gesetze sind zu lasch, ambulante Ärzte sind zu ahnungslos und die Massentierhalter geben ihren Masttieren tonnenweise Antibiotika. Das sind die Vorwürfe. Trotzdem bewegt sich wenig.

Keime entwickeln sich, wenn es gemutlich und dunkel ist. In Deutschland braucht derzeit kaum ein Keim fürchten, dass es ungemütlich wird.

Viele der gefährlichen Keime werden überhaupt nicht auf nationaler Ebene erfasst. Es gibt kein zentrales Register für multiresistente Erreger. Während sich die Keime über Ländergrenzen international verbreiten, ist die Bekämpfung in Deutschland zu großen Teilen föderal organisiert. Bei Studien, auf die das Bundesgesundheitsministerium verweist, machen Krankenhäuser freiwillig mit.

Und auch wer Licht ins Dunkel bringen will, hat schlechte Karten. Niemand darf wissen, in welchen Krankenhäusern es wie viele Infektionen gibt. Die Krankenhäuser wehren sich mit Händen und Füßen gegen eine zu genaue Aufsicht. Für die Keime bleibt es, wie es ist: gemütlich und dunkel.

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Was tun?

Ein Blick über die Grenze.

Beispiel Holland: Jeder Patient wird vor der Aufnahme ins Krankenhaus auf multiresistente Keime gescreent, im Zweifel isoliert und saniert, bevor die Behandlung startet. MRSA ist in Holland deshalb quasi nicht existent.

Beispiel Dänemark: Bald soll ein Gesetz verabschiedet werden, das Kinderausflüge auf Schweinefarmen verbietet. Und das, obwohl die MRSA-Zahlen in Dänemark im Vergleich zu Deutschland niedrig sind.

Beispiel USA: Im September hat Präsident Barack Obama eine Verfügung unterzeichnet, in der er eine ganze Reihe von Maßnahmen befiehlt. Von stärkerer nationaler Überwachung des Problems bis hin zu einem 20-Millionen-Dollar Preisgeld zur Entwicklung von Erreger-Schnelltests.

Beispiel Frankreich: Jedes Krankenhaus bekommt ein Mal im Jahr Besuch von einer zehn Personen starken Einsatztruppe, um die Klinik 14 Tage lang auf den Kopf zu stellen. Am Ende gibt es – frei zugänglich im Internet – einen oft 500 Seiten langen Report mit Noten für einzelne Bereiche, von A bis F. Bei schlechten Ergebnissen droht den Häusern die Schließung.

In Deutschland sind die Qualitätsberichte der Krankenhäuser so gut wie wertlos. Die Kliniken füllen diese selbst aus, nahezu alle Kliniken stellen sich ein makelloses Zeugnis aus.

Die auch von uns für diese Recherche analysierten Abrechnungsdaten der Krankenkassen könnten helfen, die Qualität im Gesundheitssystem zu verbessern. „Ziel muss sein, dass diese Daten bis auf die Krankenhausebene öffentlich werden“, sagt Bernd Beyrle, Leiter stationäre Versorgung bei der Techniker Krankenkasse.

“Immerhin ist die Analyse dieser Daten schonmal ein Ansatz, um überhaupt einmal eine Vorstellung des Ausmaßes zu bekommen“, sagt Beyrle. Genau darauf wird auch das neue Institut für Gesundheitsqualität setzen, das die Bundesregierung gerade plant.

In Deutschland bräuchte man laut Beyrle „eine echte Überprüfung der Krankenhäuser, wie es in Frankreich geschieht. Und wer seine Leistung nicht bringt, der bekommt einen Warnschuss oder kann sogar ganz aus dem Markt genommen werden.“

Es heißt, Menschen im Krankenhaus können sterben. So sei das eben. Aber das sagte man auch zu Frauen im Kindbett. Bis Ignaz Philipp Semmelweis auf die Idee kam, dass sich Ärzte die Hände waschen müssen, bevor sie zur nächsten Patientin gehen.

Hygiene ist der Schlüssel im Kampf gegen ansteckende Krankheiten. Und ein reduzierter Einsatz von Antibiotika. Würden alle Beteiligten sich voll für die Bekämpfung der tödlichen Keime einsetzen, vielleicht würden Patienten wie Andreas H., Christel B., und Rainer F. heute noch leben.

CORRECTIV schlägt vor:

Die Überwachung und Bekämpfung von Infektionen sollte zentral bei der Bundesregierung in einer Infektionsschutz-Behörde organisiert werden. Keime machen nicht an Landesgrenzen Halt. Die zentrale Behörde sollte nicht nur MRSA-Infektionen überwachen, sie sollte sich auch um VRE, ESBL und andere gefährliche Erreger kümmern.

Außerdem sollten Krankenhäuser – wie in Frankreich – unabhängig kontrolliert werden. Jede Abteilung sollte separat bewertet werden, zum Beispiel auf einer Schulnoten-Skala. Die Prüfer sollten ihre Ergebnisse ins Internet stellen. Wenn nötig, müssen schlampige Häuser einen Warnschuss bekommen oder Abteilungen geschlossen werden.

Diese Prüfergebnisse, inklusive der entsprechenden Daten und Dokumente, sollten für jedes einzelne Krankenhaus zeitnah ins Internet gestellt werden und für die Öffentlichkeit transparent sein. Wenn ein Krankenhaus ernsthafte Problem mit Infektionen hat und bei der Hygiene eine 5 oder 6 kassiert, dann sollten das die Bürger wissen.


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Verantwortlich: David Schraven

Redaktion: Annika Joeres, Benedict Wermter und Daniel Drepper, in Kooperation mit ZEIT, ZEITonline und FUNKE-Mediengruppe

Entwicklung der Karte: Stefan Wehrmeyer

Umsetzung des Fragebogens: OpenDataCity

Titel-Animation: Ivo Mayr

Art Direction: Thorsten Franke / mediaPolis

Realisation: Mr. Jet Lag

Gefährliche Keime

Politik spricht über strengeres Gesetz zum Infektionsschutz

von Daniel Drepper

Politiker von SPD und CDU wollen offenbar gefährliche Keiminfektionen in Krankenhäusern durch bessere Hygiene und strengere Vorschriften bekämpfen. Das plant zumindest der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach – und sein Gegenpart von der Union, Jens Spahn, stimmt ihm nun zu. Das Ziel: ein verschärftes Infektionsschutzgesetz.

Die Recherchen von CORRECTIV, Funke-Mediengruppe, ZEIT und ZEITonline stoßen auf erste Reaktionen aus der Gesundheitspolitik. Gesundheitsexperte Lauterbach sagt dem WAZ-Reporter Klaus Brandt in einem Interview, in deutschen Kliniken sehe er „ein riesiges Problem bei der Hygiene”. Lauterbach will bei einer anstehenden Novelle des Infektionsschutzgesetzes voll durchgreifen.

SPD: “Größter Teil auf Hygiene-Fehler zurückzuführen”
„Der größte Teil der vermeidbaren Todesfälle und auch der größte Teil der vermeidbaren schweren Komplikationen dort ist auf Hygienefehler zurückzuführen“, sagte der SPD-Bundestagsfraktionsvize. Infektionsrisiken würden unterschätzt und beschönigt. Statt einer „Kultur der Keimvermeidung“ herrsche „eine Kultur des Verharmlosens, des Vertuschens und des Ignorierens – und daran sind schon viele Patienten gestorben“, so Lauterbach im Interview mit der WAZ.

Die Politik müsse jetzt eingreifen, „verbindliche Vorgaben machen und diese auch unabhängig überprüfen“. Lauterbachs Forderungen: mehr Hygieneärzte, mehr Pflegepersonal, strengere Kontrollen der Hygienestandards und Strafen bei Fälschungen von Dokumenten.

CDU: Infektionsschutz braucht “politischen Druck”
„Was davon auf Bundesebene machbar ist, unterstützen wir“, sagte gestern Jens Spahn, Chef der Arbeitsgruppe Gesundheit in der CDU-/CSU-Bundestagsfraktion. Infektionsschutz brauche offenbar „politischen Druck“.

Die Hygiene-Praxis in deutschen Kliniken sei „weit von dem entfernt, was Sicherheit gewährleisten würde“, sagt Lauterbach. Deutschland könne „im internationalen Vergleich nicht mithalten“.

Einige „Funktionäre der Ärzteschaft“ würden „das Problem verharmlosen statt es ehrlich darzustellen“, kritisiert der SPD-Gesundheitsexperte. Die Politik müsse vorgeben, dass jedes größere Krankenhaus einen verantwortlichen Hygienearzt einzustellen habe. „Die können die Schwachpunkte der eigenen Klinik genau analysieren.“ Verantwortlich für die Übertragung gefährlicher Keime von Patient zu Patient sei „sehr häufig das Personal“.

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Endlich Transparenz bei Infektionsraten der Kliniken?
Auch sollen die Verhältnisse in deutschen Kliniken transparenter werden. Die Qualitätsdaten der deutschen Krankenhäuser sollen bald im Internet veröffentlicht werden. Auf diese Weise könnten Patienten vor einer Operation erfahren, wie es um Infektionsraten und Komplikationen in einzelnen Häusern stehe. „Wirtschaftliche Interessen“ dürften nicht länger über dem Patientenwohl stehen, sagt Lauterbach.

Das komplette Interview mit Karl Lauterbach findet Ihr online bei DerWesten.

Wir freuen uns natürlich über die prompte Reaktion aus der Politik. Diese dürfte zum Teil auch mit unserer Berichterstattung zusammenhängen. Am vergangenen Donnerstag hatten die ZEIT, ZEITonline, die Funke-Mediengruppe und CORRECTIV über die hohe Verbreitung multiresistenter Keime, über mangelnde Hygiene in Krankenhäusern und zu viel Antibiotika in Human- und Tiermedizin berichtet. Zusätzlich hatte etwa zwei Dutzend Regionalzeitungen eigene Berichte über die lokale Situation vor Ort produziert. Bislang erwähnten laut Google News mehr als 150 Webseiten unsere Recherche.

Alles zu unserer gemeinsamen Recherche findet Ihr unter mrsa.correctiv.org.

In den kommenden Tagen geht es hier im Blog und auf den Themenseiten der Kollegen von DerWesten und ZEITonline weiter.

Falls Ihr selbst Erfahrungen mit Keimen oder mangelnder Hygiene im Krankenhaus gemacht hat, füllt unseren Fragebogen aus – den schon mehrere hundert Menschen ausgefüllt haben – und diskutiert mit in unserer Facebook-Gruppe.

Wer nichts verpassen will, sollte sich in unseren Newsletter eintragen.

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Gefährliche Keime

Kritik der taz – wir antworten

von Daniel Drepper

Die taz berichtet heute über unsere Recherche zum Thema “Tödliche Keime”. Ohne auf den Hintergrund der Geschichte einzugehen, wirft uns die taz vor, schlecht recherchiert zu haben. Wir wollen mit Kritik offen und transparent umgehen. Gerne geben wir auch Fehler zu und korrigieren diese. Deshalb ein paar Sätze zur taz.

Wir haben in unserem Text geschrieben, dass laut Bundesgesundheitsministerium in Deutschland jedes Jahr 7500 bis 15000 Menschen an Infektionen mit multiresistenten Erregern im Krankenhaus sterben. Die taz merkt an, dass sich die Zahlen des Ministeriums auf Infektionen insgesamt beziehen würden und nicht nur auf die Infektionen mit multiresistenten Erregern. Das ist grundsätzlich richtig. Deshalb haben wir das Wort multiresistente Erreger in diesem Satz nach der Anfrage der taz auch entfernt.

Wir hätten es aber auch stehen lassen können, denn diese tödlichen Infektionen werden überwiegend von multiresistenten Erregern verursacht.

Das sagen nicht nur viele Wissenschaftler, mit denen wir gesprochen haben. Das blieb auch bei unserer Anfrage an das BMG unwidersprochen und findet sich unter anderem in einer Stellungnahme der Nationalen Akademie der Wissenschaft sowie der Akademie der Wissenschaften in Hamburg oder auch im aktuellen Antibiotika-Report der DAK.

Übrigens: Je weniger der bislang geschätzten 7500 bis 15.000 tödlichen Infektionen des BMG tatsächlich durch multiresistente Erreger zustande kommen, desto kleiner wird die Zahl des Ministeriums – und desto größer der Unterschied zwischen den offiziell verlautbarten Zahlen des Ministeriums und dem tatsächlichen Problem. Wenn man also der Argumentation der taz folgt, verschärft sich das Problem sogar noch.

Dann kritisiert die taz auch, wir hätten die von Walter Popp gemachte Aussage zu den 30.000 bis 40.000 Infektionen falsch dargestellt. Es handele sich auch bei seiner Forschung lediglich um Infektionen generell, nicht um multiresistente Infektionen. Es mag sein, dass wir das im Zusammenhang nicht präzise genug dargestellt haben — aber: Wir schreiben nirgendwo, dass es bei Popps Studie um multiresistente Erreger geht. Das hat die taz falsch beobachtet.

Professor Popp hat sich über unsere Recherchen im Übrigen gefreut und auch darüber, dass sich jetzt etwas bewegt in Sachen Krankenhaushygiene.

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Zu guter Letzt schreibt die taz: “Die Autoren suggerieren, dass sie aufwendiger recherchierten, als sie es taten.” Das ist falsch.

Wir schreiben, dass wir “die Abrechnungsdaten aller deutschen Krankenhäuser ausgewertet” haben. Nirgendwo schreiben wir, wir hätten die Daten von allen 2000 deutschen Krankenhäuser einzeln besorgt. Das wäre nicht nur logistisch schwierig. Es wäre auch erstens kaum möglich, da die Krankenkassen diese Daten für die einzelnen Häuser nicht freigeben und zweitens extrem unökonomisch, weil die Daten zentral gesammelt werden: beim statistischen Bundesamt.

In der Datenbeschreibung schreiben wir genau das unter der Überschrift “Woher kommen die Daten?” eindeutig: “Die Daten sind eine Sonderauswertung des Statistischen Bundesamtes und kommen von den knapp 2000 deutschen Krankenhäusern, die am offiziellen DRG-Abrechnungssystem teilnehmen. Das sind mit ganz wenigen Ausnahmen alle deutschen Krankenhäuser. Auf dieser Grundlage werden die Behandlungen vergütet. Das Statistische Bundesamt bekommt einen Abzug dieser Daten.”

Das wusste auch der taz-Autor.

Wir haben diese tausenden Datenreihen vom Bundesamt mit mehreren Fachleuten analysiert und geschaut, was man damit machen kann. Welche Datensätze brauchbar sind, welche nicht, welche Daten verglichen werden können und welche nicht, was diese Daten aussagen – und was nicht. Das war eine aufwändige Arbeit, die bislang kaum jemand macht.

Wir freuen uns, dass die Recherche so viel Wirbel gemacht hat und jetzt auf Bundesebene mehr Druck gemacht wird, um ein härteres Infektionsschutzgesetz zu schaffen. Das wird Menschenleben retten.

Die Kritik der taz zur “Blamage im Großformat” nehmen wir zur Kenntnis. Einen Beitrag zur Sache leistet sie nicht.

Gefährliche Keime

Undercover in der Charité

Zwölf Tage lang war unser Reporter Benedict Wermter verdeckt in der Berliner Charité. Als Pflegepraktikant hat sich Benedict im September in das größte Universitäts-Krankenhaus Europas eingeschleust. Wie geht die Charité mit Hygiene und Keimen um? Nicht immer sauber.

von Benedict Wermter

Vor der Stationsküche sehe ich Maria Müller* am Kaffeetisch stehen. Sie füllt ein Glas mit Kakao. Müller ist Patientin in der Charité, sie hat einen multiresistenten Keim. Damit sie keine anderen Patienten anstecken kann, wird sie eigentlich in ihrem Zimmer isoliert. Trotzdem läuft sie auf der Station herum. Sie benutzt auch die Behindertentoilette auf dem Gang. Nachts, erzählen die Schwestern, sei sie oft stundenlang im ganzen Haus unterwegs.

Bis zu 15.000 Menschen sterben nach offiziellen Zahlen jährlich in Deutschland an Krankenhaus-Infektionen. Tatsächlich sind es wohl viel mehr, haben Recherchen von DIE ZEIT, ZEIT ONLINE, der Funke-Mediengruppe und CORRECTIV ergeben. Als verdeckter Reporter von CORRECTIV bin ich zwölf Tage lang auf der Gastroenterologie der Charité im Berliner Wedding unterwegs. Auf dieser Station liegen vor allem Patienten mit Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts oder der Leber. Ich will herausfinden, wie die hygienische Versorgung im größten Universitätsklinikum Europas funktioniert.

Ich bewerbe mich als Praktikant und kann sofort anfangen. Offenbar brauche ich keine offizielle Einweisung in Pflege und Hygiene. Auf meiner Station spiele ich den tollpatschigen Spätzünder, der um einen Ausbildungsplatz in der Krankenpflege kämpft.

Knapp drei Wochen später werte ich aus, was ich erlebt habe. Ich habe zahlreiche verkeimte Patienten frei auf der Station herumlaufen sehen. Das Personal hat sich und andere nicht immer vor resistenten Erregern geschützt. Viele meiner Kollegen wirkten in ihrem Arbeitsalltag überfordert. Gleichzeitig habe ich Besucher und Patienten oft schlecht informiert erlebt. Viele infizierte Patienten habe ich auf die Keime angesprochen. Die meisten hatten entweder keine Ahnung oder verdrängten das Problem.


Hier gibt es unsere Reportage auch in lesefreundlicher Variante als eBook, für jeden kostenlos zum Download:

eBook – Undercover Charité, etwa 82 Seiten

Eine Kurzversion der Recherche ist heute bei den Kollegen der Berliner Morgenpost gedruckt worden.

Falls Sie Recherchen wie diese finanziell unterstützen möchten, können Sie hier Mitlied und damit ein Teil von CORRECTIV werden. Wir sind offiziell als gemeinnützig anerkannt, alle Mitgliedsbeiträge sind von der Steuer absetzbar.

[*alle Namen von Patienten sind zu deren Schutz geändert worden]

Montag, Schwesternzimmer, Tag 1

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Meine erste Morgenbesprechung. Es riecht nach Kaffee und Krankheit. An der Wand hängen Urlaubspläne. Auf dem Tisch steht Sekt und Süßes, geschenkt von den Patienten. Worte wie Teerstuhl oder Sammelurin geben einen Ausblick auf die kommenden zwölf Frühschichten.

Die Nachtschwester übergibt: Wir tragen Zimmer, Name, Diagnose in die Formulare ein. Meine größte Sorge sind die offenen Wunden, bei deren Anblick mir schwindelig wird. Ein Patient wird die nächsten Tage nicht überleben, gibt uns die Schwester mit auf den Weg. Bei einer Frau funktioniert der Harnkatheter nicht. Jemand spuckt Blut, ein gebrochener Zeh und ein gezogener Zahn. Raus geht es auf die beiden Gänge A und B, eine Einweisung gibt es für mich nicht.

Mir machen die ersten Tage in der Charité doppelt zu schaffen. Ich habe erstens noch nie in der Pflege gearbeitet und zweitens muss ich aufpassen, nicht aufzufliegen. Als Mann falle ich in der Pflege ohnehin schon auf. Meine Angst und mein Ekel helfen da nicht. Warum will jemand in die Pflege, der Probleme mit Blut und Wunden hat? Mein angelesenes Wissen zu multiresistenten Keimen muss ich einsetzen, um die richtigen Fragen zu stellen. Gleichzeitig darf ich nicht zu sehr bohren, nicht zu viel Wissen zeigen. Wenn die Schwestern misstrauisch werden, platzt die komplette Recherche.

Etwa jeder fünfte Deutsche trägt MRSA auf seiner Haut, den wohl bekanntesten multiresistenten Erreger. Durch offene Wunden, einen Katheter oder eine Operation dringen die Keime in die Blutbahn ein. Sind sie im Blut, ist man infiziert. Vor allem sehr junge, alte und schwache Patienten sterben an den Keimen. Bakterien wie MRSA sind resistent gegen die meisten Antibiotika. Sie sterben bei einer Behandlung nicht mehr ab, sondern fressen sich durch krankes Gewebe oder vergiften das Blut. Die Keime entstehen, weil in Krankenhäusern, bei ambulanten Ärzten und in der Tiermast zu viele Antibiotika benutzt werden.

Die tödlichen Keime verbreiten sich immer stärker. Das liegt auch an der mangelnden Hygiene in Krankenhäusern. Deshalb gehe ich als verdeckter Reporter in die Charité. Das, was ich hier als Pfleger hautnah erlebe, finde ich nur als Beteiligter heraus. Als jemand, der sich vorher alles zum Thema Hygiene angelesen hat, kann ich die Pfleger, Schwestern und Ärzte nicht nur beobachten – ich kann auch testen, wie viel sie über tödliche Keime und Hygieneregeln wissen.

Als Ort meiner verdeckten Recherche habe ich mir bewusst die Berliner Charité ausgesucht. Im Mittelalter ein riesiges Pesthaus, ist sie jetzt das größte Universitäts-Krankenhaus Europas. Vier Berliner Standorte, mehr als 3000 Betten, 13.000 Mitarbeiter, jedes Jahr 140.000 stationäre und 640.000 ambulante Fälle, mehr als eine Milliarde Euro Jahresumsatz.

Dienstag, Gänge A und B, Tag 2

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Ich teile Essen aus, fülle hunderte Spritzen, Kanülen und Katheter in passende Behälter. Dazu messe ich Blutzucker und Vitalwerte wie Druck und Puls. Die ganze Zeit arbeite ich unkontrolliert in direktem Kontakt mit den Patienten.

Die Keimzimmer sind mit einem gelben Warnschild im DIN A4-Format gekennzeichnet. Buchstaben darauf stehen für die Keime, die der Patient hat: Ein M steht für MRSA, ein V für VRE, ein 3M oder 4M für die Keime, die gegen drei beziehungsweise vier von vier Antibiotikasorten resistent sind. Über den Buchstaben steht: Vor dem Betreten bitte beim Personal melden. Während meiner Zeit besuchen dutzende Menschen die isolierten Patienten. Die meisten kommen täglich vorbei. Dass sich jemand beim Personal meldet, sehe ich kein einziges Mal.

Die Charité schreibt auf Anfrage von CORRECTIV im Anschluss an meine verdeckte Recherche, „alle Besucher sind dazu angehalten, sich vor dem Betreten von Isolierzimmern beim Personal zu melden.“

Die Keime machen mir Angst. In den ersten Tagen frage ich gewissenhaft nach Symptomen und Infektionswegen. Eine Schwester sagt mir, ich solle mich erst um die Keime kümmern, wenn ich die Berufswahl getroffen habe. Es kämen so schnell so viele neue Keime hinzu, dass niemand genau wisse, was gerade los ist. Eine andere Schwester sagt, ich bräuchte mir keine Sorgen zu machen: „So schnell geht das nicht. Nur die Patienten — da haben es manche heute nicht und morgen schon.“

Kein Betriebsarzt, keine offiziellen Dokumente helfen mir anfangs im Umgang mit den Keimen. Nur eine Auszubildende gibt sich Mühe: „Die Gefahr, sich anzustecken, ist gering. Viel wichtiger ist es, die Keime nicht auf der Station zu verteilen.“ Die Charité setze auf Eigenverantwortung der Patienten. Die sollen angeblich selbst für Hygiene sorgen. So richtig sprechen möchte mit mir niemand über das Problem.

Die Aufgaben meiner Kollegen kann ich schnell an der Farbe ihrer Leibchen erkennen. Die Putzkräfte tragen rosa, Auszubildende grün, die Schwestern und Pfleger weiß oder blau. Die Ärzte tragen steifes, langes weiß. Die Haut der Patienten schimmert unter ihren Hemdchen gelb. Viele haben Probleme mit der Leber, Krebs, Hepatitis oder Zirrhosen. Wen ich schon vor der Schicht morgens um 6 Uhr vor dem Gebäude rauchen sehe, der hat meist einen langen Leidensweg. Andere hat es mitten aus dem Alltag über die Notaufnahme auf die Station verschlagen. Neben den Putzleuten, Pflegern und Ärzten kommen und gehen im dritten Stock auch Physiotherapeuten, Krankentransporter, Sozialarbeiter, Personalmanager und Besucher. Theoretisch müssen alle die Hygieneregeln befolgen, um sich und andere vor den Keimen zu schützen. Doch die Einhaltung wird so weit ich es beobachten kann von niemandem kontrolliert.

Mittwoch, auf den Zimmern, Tag 3
Mein Weg zur Arbeit führt mich auf dem Rad entlang der Osloer- und der Seestraße bis zum Virchow Klinikum, wo das Personal der Charité die U-Bahn verlässt und sich schweigend auf die Stationen verteilt. Im dritten Stock sammelt sich nach dem Umziehen das Team der Frühschicht im Schwesternzimmer. Um 6.30 Uhr geht es in die offizielle Morgenübergabe. Da ich keinen Dienstplan habe, weiß ich nie, mit wem ich zusammen arbeite. Die Schicht geht bis um 14.48 Uhr, auf die Minute genau. Mich schlaucht die Arbeit sehr. Am Nachmittag muss ich immer noch in die Redaktion, um die Beobachtungen mit den Kollegen zu teilen. Meist kann ich um 14 Uhr gehen, wenn die Schwestern es erlauben.

Ich messe Blutdruck, Puls, Temperatur und Blutzucker. Jetzt bin ich in direktem Kontakt mit den Keim-Patienten in den isolierten Zimmern. Die Auszubildende hat mir gezeigt, wie man mit der Stichlanzette den desinfizierten Finger des Diabetikers punktiert. Mit einem Ein-Weg-Teststreifen, der an das digitale Blutzuckermessgerät angeschlossen ist, ermittle ich einen Wert. Die Azubi legt Wert auf Handschuhe. Schließlich gehe es um Blut. Einen Tag vorher habe ich sie beim Blutzucker messen begleitet. Gegen Ende der Runde trägt sie keine Handschuhe mehr. Sie desinfiziert sich weder die Hände, noch desinfiziert sie das Gerät. Sie weiß, dass die Teststreifen eigentlich in den dafür vorgesehenen Behälter und nicht in den Mülleimer kommen.

Die Charité schreibt: „Das Tragen von Handschuhen bei möglichem Kontakt mit Blut, Sekreten und Exkreten ist eine grundlegende Forderung des Personalschutzes, die auch in der Charité konsequent umgesetzt wird.“

Im Schwesternzimmer liegt ein Hygieneordner, knapp 100 Seiten dick. Die Anweisungen an die Schwestern kommen von der Chef-Hygienikerin der Charité, Professor Petra Gastmeier. Das Wichtigste: Bei direktem Kontakt mit Patienten in Isolation und bei Kontakt mit seiner „unmittelbaren Umgebung“ müssen das Personal und ich immer Schutzkleidung tragen, Kittel und Handschuhe. Das bezieht sich auf Oberflächen und Gegenstände. Den Mund-Nasenschutz müssen wir tragen, wenn mit einer „möglichen Kontamination“ zu rechnen ist. Wenn der Patient beispielsweise hustet oder niest. Das sollen wir Patienten und Besuchern erklären. Die Umgebung des isolierten Patienten muss täglich wischdesinfiziert werden. Auch beim Transport sollen isolierte Patienten Schutzkleidung tragen.

Ich behandele die Patienten auf den isolierten Zimmern völlig unkontrolliert. Ich versuche mich dabei an die hygienischen Vorschriften zu halten, die ich ungenau finde. Erst viel später sagt mir jemand, dass ich das Blutzuckermessgerät eigentlich mit einem Handschuh schützen muss. Oder dass ich die Manschette vom Blutdruckmesser, die dem Patienten um den Arm gebunden wird, gelegentlich desinfizieren sollte. Und dass ich diese Gegenstände nicht auf das Bett der Patienten legen darf.

Die deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) gibt einen Hygieneleitfaden zur Blutzuckermessung heraus: Dort stelle ich erst nach meinem Praktikum fest: Für das Antiseptikum des Fingers gibt es eine Mindesteinwirkzeit, die nicht unterschritten werden darf. Auf Desinfektion der Hände und des Gerätes nach jeder Anwendung wird dort extra hingewiesen. Außerdem auf das Tragen von Handschuhen. Einen Handschuh als sterilen Schutz für den Blutzuckermesser erwähnt die DGKH dagegen nicht.

Handdesinfektion sei sehr wichtig, betonen verschiedene Schwestern mir gegenüber. Wie genau ich mir die Hände desinfizieren soll, sagt mir niemand. In den isolierten Zimmern sollen immer Handschuhe getragen werden, manchmal auch Kittel und Mundschutz, sagen die einen. „Ich habe den Patienten nicht berührt“, antwortet eine Schwester auf meine Frage, warum sie sich nicht die komplette Schutzkleidung angezogen habe, wenn sie doch in der unmittelbaren Umgebung des Patienten ist. Das hänge vom Kontakt mit dem Patienten und vom Keim ab.

Eine Auszubildende hält sich anders an die Vorgaben. Sie sagt: „Wir müssen uns vor jedem isolierten Zimmer den Schutz anziehen. Manche machen das und manche nicht. Das ist das Problem.“ Sie mache es, um sich daran zu gewöhnen. Sie könne schließlich jederzeit schulisch geprüft werden. Ich beobachte eine Schwester auf mehreren isolierten Zimmern komplett ohne Schutzkleidung. Auf meine Frage, ob wir uns nicht zumindest die Handschuhe anziehen sollten, antwortet sie: „Na, eigentlich immer, weißt du doch“.

An der Uniklinik in Essen hat eine Studie vor fünf Jahren die durchschnittlich zu verwendende Menge an Desinfektionsmitteln pro Patient mit dem tatsächlichen Verbrauch verglichen. Das Ergebnis: Der Verbrauch liegt weit unter der eigentlich nötigen Menge.

„Handdesinfektion ist die entscheidende Maßnahme, um einen Transfer von Keimen auf den Patienten zu verringern“, sagt Dr. Peter Walger, Sprecher der DGKH. Vor jedem Patientenkontakt und jeder sensiblen Handlung wie Katheter legen müssten die Hände desinfiziert werden. Wenn ich Dinge anfasse, die der Patient auch hätte anfassen können, wie Auffangbehälter oder das Bett, muss ich mir erst die Hände desinfizieren, bevor ich den Patienten anfasse. Dazu braucht es „gut erreichbare und feste Installationspunkte für Desinfektionsmittel in der unmittelbaren Umgebung des Patienten“, sagt Walger.

In der Praxis läuft es oft anders. Die anderen Pfleger und ich drücken das Desinfektionsmittel vor dem Patientenzimmer, fassen die Klinke an und helfen dann den Patienten aus dem Bett – ohne eine weitere Desinfektion. Mal desinfizieren wir uns vor, mal nach dem Patienten, manchmal gar nicht. In bester Erinnerung: Die unzähligen, kleinen Desinfektionsfläschchen im Arbeitsraum, die nach meinen Beobachtungen kaum jemand bei sich trägt. An den „festen Installationspunkten“ in den Zimmern steht zwar tragbares Desinfektionsmittel, in meiner Anwesenheit sehe ich Schwestern dieses aber nur benutzen, wenn die Behandlung unter die Haut geht.

Die Charité schreibt, die Händedesinfektion gemäß dem Modell der Weltgesundheitsorganisation WHO sei Grundlage jeder Patientenverorgung der Charité. „Alle Mitarbeiter werden hierin im Rahmen der regelmäßig stattfindenden Fortbildungen geschult.“ Dort werde auch vermittelt, wie wichtig die Mindesteinwirkzeit der Desinfektionsmittel ist „und es wird routinemäßig auf deren Einhaltung im Stationsalltag geachtet.“

Ich traue mich nicht, andere auf Hygiene-Regeln hinzuweisen. Die Hackordnung ist klar. Die Stationsleitung hat mit Ihrer kräftigen Stimme das Sagen über die Schwestern, die teilweise schon mehr als zehn Jahre gemeinsam Dienst leisten. Der Kern der Mannschaft wirkt wie eine Familie. Darunter folgen die Pfleger, die so weit ich sie beobachten konnte ihre Arbeit ruhig machen, wenig sagen. Sie scheinen sich damit abgefunden zu haben, wenig Beachtung zu finden unter all den Frauen, die täglich über Brustkrebs oder Shopping diskutieren. Ganz unten in der Hackordnung kümmern sich die Servicekräfte um Essen und Material. Die Putzfrau, noch darunter, kommt nur selten ins Schwesternzimmer.

Irgendwo dazwischen kämpfen die Auszubildenden um Anerkennung. Noch in der ersten Woche gibt es Kompetenzgerangel: Eine ehrgeizige Auszubildende nimmt alles extra genau und möchte sich klar von mir – dem Praktikanten – abheben. Sie korrigiert mich wieder und wieder. Hier habe ich vergessen, das Licht auszumachen, dort vergessen, Material nachzufüllen. Mal war ich zu langsam, mal zu blöd.

Donnerstag, Isolierzimmer eins, Tag 4

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Ein neuer isolierter Patient. Der Mann hat ein Ganzkörperödem – überall sammelt sich Wasser. Er ist außerdem mit VRE in einer offenen Stelle am Steiß infiziert. Ich betrete das Zimmer, um den Blutzucker zu messen. Der Patient sagt, ich solle das Fenster öffnen. Er sei zum Sterben auf die Station gekommen. Vielleicht blendet mein Unterbewusstsein den Satz in diesem Moment aus, ich jedenfalls gehe ohne zu antworten aus dem Zimmer und schaue die nächsten Stunden bei der OP eines anderen Patienten zu.

„Der Kranke, der aus dem Bett fiel und starb“ ist kein Titel einer skandinavischen Komödie, sondern bittere Realität: Ein paar Stunden später, zurück auf der Station, berichten mehrere Schwestern von einem lauten Knall. Sie finden den über 100 Kilo schweren Mann auf der Seite liegend neben seinem Bett. Er muss notoperiert werden, trägt innere Blutungen davon und wird nie wieder nach einem geöffneten Fenster fragen. Vier Tage später sehe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Leiche. Man sagt, dass der Tod sich ankündigt. Die Vorstellung, der Patient habe sich absichtlich aus dem Bett fallen lassen, verfolgt mich bis in meine Träume.

Ich lerne, dass ein Gitter am Bett die Patienten dazu motiviert, aus dem Bett zu klettern. Eine kritische Fallhöhe, die man vermeiden will – mit offensichtlich dramatischen Kollateralschäden. Der bewusstlose Mann wird von seiner Frau und bis zu drei weiteren Angehörigen in seinen letzten Tagen fast unentwegt begleitet – ohne Schutzkleidung. Einige Schwestern berichten sogar, die Ehefrau des Patienten dusche ihn und übernachte in seinem Zimmer. Den Raum verlassen die Angehörigen nur, um sich am Kaffeetisch der Station zu bedienen. Bei Patientenkontakt – wie der Hilfe am Bett – müssen sich eigentlich auch die Besucher schützen. Ohne Schutzkleidung wird jede Hilfe am geliebten Ehemann oder Vater zur Gefahr für alle anderen.

Die Charité schreibt mir: „Besucher, die auf eigenen Wunsch pflegerische oder pflegeähnliche Tätigkeiten bei den Patienten durchführen, haben dieselben Schutzmaßnahmen einzuhalten, wie unsere Mitarbeiter. Die Besucher werden entsprechend aufgeklärt.“

Während der zwölf Tage, die ich verdeckt in der Charité unterwegs bin, stirbt noch ein anderer Patient. Der Mann hat mit Anfang 60 gesundheitlich „noch eine Chance bekommen“, sagt mir eine Schwester. Er ist stark depressiv und will nicht mehr leben. Nur noch das tägliche Capri-Eis scheint den „sterbenden Schwan“, wie eine Schwester ihn nennt, zu beglücken. Überraschend stirbt er während einer Untersuchung. Er hatte die Behandlung vorher mündlich verweigert, erst seine Frau hatte ihn überredet, den Eingriff doch machen zu lassen. Aus der Vollnarkose sei er nicht wieder aufgewacht, berichtet mir eine Schwester.

Beide nun toten Männer waren mit VRE infiziert und wurden isoliert. Bei beiden haben Teile des Personals und der Besucher die Schutzmaßnahmen willkürlich ausgelegt. Ein mit Keimen infizierter Patient lag neben dem Isolierzimmer einer der beiden Männer.

Würde die Arbeitskleidung der Schwestern es hergeben, dann wären die Ärmel hoch gekrempelt. Das eingespielte Team auf der Station packt gemeinsam an. Die Schwestern treffen sich abseits des Schichtdienstes zum Backen, fahren gemeinsam in den Urlaub oder organisieren Partyschiffe für Feiern mit befreundeten Stationen. Ihre Feinde sind schlechte Leasingkräfte, die für die Nachtschichten eingekauft werden, Studenten, die sich nicht ans Bett trauen, oder Physiotherapeutinnen, die unbequeme Patienten ignorieren.

Beim zweiten Frühstück um zehn Uhr sorgt auch schonmal ein Penis für Gelächter: Das Glied eines Mannes hatte sich in den Körper zurückgezogen. So war es für die Schwestern schwierig und lustig zugleich, den Harnkatheter zu legen. Patienten, die alkoholisiert zur Aufnahme erscheinen und in ihr Zimmer getragen werden müssen, machen die Schwestern dagegen richtig böse.

In der ersten Woche bekomme ich großen Respekt vor der Leistung der „kranken Schwestern“, so steht es auf einem Paar weißer Schuhe. Sie arbeiten nachts oder stehen sehr früh auf – jahrelang. Auch wenn einige von Ihnen oft genervt sind und sich derbe Scherze erlauben oder eine Schwester während der Schicht stundenlang Onlinespiele zockt, behandeln sie die Patienten gleich routiniert und wohlwollend, so mein Eindruck. „Das hier ist eine gute Station. Es gibt andere Stationen, da geht es viel heftiger zu. Da hat man keine Zeit für dich“, sagt eine Auszubildende mit erhobenem Finger zu mir.

Eine dieser unliebsamen Stationen liegt eine Etage tiefer. Wenn ich nach Medikamenten frage, die uns oben ausgegangen sind, wirkt das Personal unfreundlich auf mich und kurz angebunden. Es sieht nicht so ordentlich und sauber aus wie bei uns im dritten Stock. Auch im vierten Stock herrscht ein anderer Ton. Ich suche das Bett eines Patienten, der zu uns heruntergekommen ist. Nur kurz auf dem Gang höre ich eine Patientin wüten: „Alles totale Scheiße hier wieder heute mit dem Essen.“

Eine Schwester erzählt mir, sie habe schon im Virchow gelernt, als es noch nicht die Charité war. Damals sei alles wesentlich ruhiger und angenehmer gewesen, auch wegen der besseren Finanzierung. Von einer anderen Schwester bekomme ich den Unterschied zwischen Häusern im Osten und im Westen erklärt: Das Personal im Osten sei viel hierarchischer orientiert und unfreundlicher obendrein.

Auch ich habe schon schlechtere Krankenhäuser gesehen. Die Recherche von CORRECTIV baut auf Recherchen der Funke Mediengruppe auf. Mehrere CORRECTIV-Reporter arbeiteten damals für das Recherche-Ressort der Gruppe. Eine besorgte Pfarrerin hatte sich dort gemeldet. Die Krankenhaus-Seelsorgerin beklagte die Zunahme von MRSA-Fällen in den Häusern der Helios-Gruppe in Westdeutschland. Es gab dort offenbar Tote durch Keime. Helios ist einer der größten Krankenhaus-Konzerne Europas, hat im vergangenen Jahr 3,4 Milliarden Euro Umsatz gemacht.

Damals habe ich mich unter dem Vorwand, meine Großmutter dort behandeln zu lassen, in einem Helios-Haus in Duisburg umgesehen. Man zeigte mir überfüllte Zimmer und dreckige sanitäre Einrichtungen. Auf einer Intensivstation sah ich Ess-Besteck neben Desinfektionsmitteln, leere und volle Betten nebeneinander, einen total chaotischen Arbeitsraum.

Im Gegensatz zu den damals beobachteten Zuständen der Helios-Klinik in Duisburg scheint es auf meiner Charité-Station gut zu laufen. Trotzdem fallen mir mit der Zeit immer mehr Fehler auf. Das liegt sicher auch daran, dass viele Pfleger einfach überlastet sind. In einer Langzeitstudie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin fragten die Wissenschaftler im Jahr 2008 die Arbeitsbedingungen im Krankenhaus ab. Pfleger beurteilen die Rahmenbedingungen ihrer Arbeit, also Patientenzahl und Dokumentationsaufwand, als gleich bleibend schlecht oder schlechter werdend.

Der Personalrat der Charité, Carsten Becker, bestätigt die Verschlechterung der Arbeitsverhältnisse. Um Hygiene hoch und Infektionen niedrig zu halten, bräuchte es eine Mindestbesetzung an Personal und umfassende Reinigung bei ausreichender Finanzierung. Doch das passiere nicht. Durch befristete Arbeitsverhältnisse sowie den Einsatz von wenig geschultem Personal blieben die Probleme akut.

“Die Zahl der Keimpatienten nimmt zu. Und Desinfektion und Isolation bedeuten natürlich einen Mehraufwand“, sagt Carsten Becker. „Alle hygienischen Vorschriften einzuhalten, ist extrem aufwändig.” Ein Problem: Zu wenige Pfleger pro Patient. Auf Intensivstationen sollte der Personalschlüssel eigentlich ein Pfleger pro zwei Patienten sein. “Ich kenne kein Krankenhaus in Deutschland, dass den stringent vorhält. In der Realität läuft es eher auf ein 1:4 hinaus.“

Überall herrsche Personalmangel. “Deutschland ist bei der Anzahl Patienten pro Pflegekraft das Schlusslicht, die rote Laterne”, sagt Becker. Das erzeuge Druck und Frustration, was dann dafür sorge, dass viele Pflegekräfte den Job wechseln.

Einige Schwestern erzählen mir beim Frühstück von Kolleginnen in anderen Häusern, die einen aggressiven Keim über Jahre nicht loswerden. Die Wäscherei in diesen Krankenhäusern sei nicht mehr in der Lage, die Keime mit speziellem Waschmittel zu bekämpfen. Kleinere Kliniken und Reha-Zentren könnten sich isolierte Räume nicht leisten und würden die Problematik einfach ignorieren. Wenn einige der Schwestern über Keime in Krankenhäusern sprechen, dann sagen sie, die Sache gerate richtig außer Kontrolle. Am besten wäre es, wenn alle Patienten, Personal und Besucher immer die Schutzkleidung tragen würden. Das sei aber zeitlich und ökonomisch nicht umsetzbar.

„Nicht jedes Haus hat genügend Kapazitäten für die Isolation“, sagt Peter Walger, der Sprecher der DGKH. Natürlich dürfe man Patienten eigentlich nicht abweisen oder sich nicht an die Isolation halten. Ausschließen könne man solches Fehlverhalten aber nie. Die Arbeitskleidung würde in der normalen Reinigung der Krankenhäuser nur keimreduzierend und nicht steril gewaschen. „Die Arbeitskleidung muss nicht steril sein, nur keimarm“, sagt Walger. „Die Keime sind nie auf Null.“

Montag, Glaskasten, Tag 6
Ich frage immer wieder nach hygienischen Vorschriften. Erst jetzt bekomme ich den Hygieneordner in die Hand gedrückt, zur Ansicht. In dem Ordner finde ich auch dutzendfach kopierte Informationsblätter für Patienten, die sich infiziert haben. Ich habe nicht gesehen, dass jemand diese Dokumente an Patienten oder deren Angehörige verteilt hat. Im Ordner finde ich Vorschriften für Abstrichserien bei Infizierten und für Screenings bei Kontakt- und Risikopatienten. In dem Ordner steht nicht, was passieren muss, wenn ein isolierter Patient sein Zimmer verlässt. Das ist für mich und offenbar auch für meine Kolleginnen ein großes Problem, wie sich schon bald zeigen wird.

Viele Informationen bekomme ich unter vier Augen zugesteckt. Keime scheinen ein Tabu zu sein. In der Charité höre ich von Problemen in der Chirurgie oder der Infektiologie. Problematisch seien immer Stationen mit vielen isolierten Zimmern oder sehr kranken Patienten, wie die Intensivstationen. Ich versuche für ein paar Tage auf einer Intensivstation zu arbeiten, werde aber abgewiesen. Es sei zu aufwendig, mich noch einmal in die Abläufe einer anderen Station einzuarbeiten. Das könne ich mit meiner Arbeitskraft nicht wett machen. „Ich möchte mich zumindest auf einer Intensivstation umsehen, damit ich bei der Bewerbung für die Ausbildung weiß, wie es dort abläuft“, lautet mein Vorwand für einen Ausflug auf die Intensiv nebenan am nächsten Tag.

Im Anschluss an die Schichten werte ich Sprachnotizen aus, die ich heimlich während der Arbeit im Treppenhaus oder auf einer der Toiletten aufgezeichnet habe. Ich höre mich gehetzt in mein Handy flüstern, wie mir eine Patientin von den Schmerzen durch Keime berichtet oder wie die Putzfrau mit dem Wischer von einem isolierten in ein normales Zimmer übergeht, ohne das Material zu wechseln. Nichts soll mir entgehen. Zusätzlich schreibe ich mit meinem Handy Notizen an meine Freundin.

Aus den Aufnahmen und Notizen schreibe ich das Rechercheprotokoll — ein journalistisches Gedankenprotokoll, das als Grundlage für spätere Texte dient. Jeden Nachmittag besprechen und unterschreiben wir das Protokoll in der Redaktion. Um uns juristisch abzusichern, trage ich die Notizen handschriftlich in einen gebunden Block ein und markiere jede Seite mit dem aktuellen Datum. Wenn wir durch sind, ist es draußen schon wieder dunkel. Abends gehen bei mir um 22 Uhr die Lichter aus. Um fünf Uhr morgens weckt mich mein Handy.

Dienstag, Intensivstation, Tag 7
Auch ich muss klingeln, um Einlass auf der Intensivstation zu bekommen. Niemand nimmt mich in Empfang. Ich sehe mir alles an, ungestört. Die geöffneten Münder in den leblosen Gesichtern, die piepsende Technik. Ohne Einweisung in die Hygiene und ohne offizielle Führung. Ein kurzes Hallo in den Glaskasten der Schwestern genügt.

Die Charité schreibt mir, es sei „nichts daran auszusetzen, wenn Kollegen, die sich auf der Station auskennen und die klar festgelegte Aufgaben haben, nach dem Einlass nicht in Empfang genommen werden.“

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Wieder zurück auf der Station beobachte ich eine Schwester bei einer Neuaufnahme, die isoliert werden muss. Sie sagt dem Mann, wo seine eigene Toilette ist. Was sie ihm nicht sagt: Wie er sich desinfiziert, was er für einen Keim hat, wie die Isolierung funktioniert. Keine Informationszettel aus dem Hygieneordner, die einsam auf ihren Einsatz warten.

Peter Walger von der DGKH sagt, dass keine schriftliche oder mündliche Bestätigung des Patienten erforderlich ist, über Hygiene und Keime aufgeklärt worden zu sein. Zudem gebe es keine einheitliche Vorgehensweise zur Information der Patienten.

Die Charité schreibt mir, es gebe „klar festgelegte Vorgehensweisen und Regeln, um sicherzustellen, dass Patienten und Besucher die grundlegenden Hygiene-Maßnahmen einhalten.“ Dazu seien Flyer zu den spezifischen Hygieneproblemen auf allen Stationen verfügbar „und werden denjenigen Patienten ausgehändigt, die sie betreffen.“

Manchmal laufe ich am Glaskasten des Personals vorbei und spüre die Blicke der Schwestern. Ich frage mich dann, ob sie längst wissen, dass ich ein verdeckter Reporter bin. Und mich trotzdem gewähren lassen. Es sind nur Momentaufnahmen, die mich unsicher machen. Wenn eine Schwester zu der anderen sagt: „Oh Gott, das wusste ich nicht“ und sie verstummen, wenn ich um die Ecke komme. Oder wenn ich gefragt werde, wie ich denn auf diese Station gekommen sei.

Eine Google-Suche mit meinem Namen hätte mich auffliegen lassen: Ganz oben stehe ich in Verbindung mit Recherchen im Krankenhaus aus dem Jahr 2013. Das macht mich unsicher, lässt mich auf den Gängen manchmal die Schwestern meiden. Dann wiederum wird klar, dass niemand einen Verdacht hegt und dass mein Schauspiel als etwas verwirrter Versager, der in der Pflege Fuß fassen will, funktioniert. So erklärt mir eine der Schwestern wie einem Grundschüler, dass man traurig ist, wenn man ins Krankenhaus muss.

Maria Müllers große Leidenschaft sind Tätowierungen. Mit Anfang 20 beginnt sie damit, Farbe in ihren eigenen und in die Körper anderer zu ritzen. Heute ergeben die vielen, kleinen Bilder keinen Sinn mehr – nur der Sensenmann auf dem linken Unterarm ist gut zu erkennen. Seit mehr als 20 Jahren dominieren Drogen Müllers Leben – besonders Heroin. Als ich sie auf der Station treffe, ist sie schon länger als einen Monat dort. Sie hat Krebs, Probleme mit der Leber, Diabetes und nimmt Mittel ein, die Heroin ersetzen. Hinzu kommt ein Abszess unter der Gürtellinie. Dort hat sich VRE eingenistet, der gefährliche, multiresistente Darmkeim.

Ich sehe diese Frau immer wieder im Bademantel und mit weißem Turban über die Station hinken. Sie spricht mit metallischer Stimme, langsam und leise. Ihre Haut schimmert fahl und gelblich, darauf die vernarbten, blassen Tattoos. Das Gesicht ist eingefallen und faltig, aus dem Hals schauen unter einem Pflaster die Venenkatheter hervor. Maria Müller ist Anfang 40.

Eine ältere Dame, die mit zwei multiresistenten Erregern infiziert ist, erzählt mir von großen Schmerzen in der Leiste. Dort attackiere MRSA eine offene Wunde. Den Keim habe sie vom Benjamin Franklin Klinikum mitgebracht, erzählt sie, einem anderen Haus der Charité. Ihre Familie reagiere hysterisch und komme sie nicht mehr besuchen. Die Frau liegt einsam in ihrem isolierten Zimmer, kann sich nicht bewegen und braucht künstlichen Sauerstoff. Dazu hat sie einen Dekubitus, eine wundgelegene Stelle am Gesäß, die mit VRE infiziert ist. Die Dame muss intensiv gepflegt werden.

Ich beobachte, wie der Dame ohne Schutzkleidung das Essen gebracht wird, wie sie dabei berührt wird. Ihre leeren Wasserflaschen kommen in einen Kasten vor der Küche, der für alle frei zugänglich ist. Wenn der Geschirrwagen bereits abgeholt worden ist, legen wir ihr Geschirr auf einen Tisch vor der Küche. Auch Flaschen und Geschirr aus anderen isolierten Räumen wird zum Teil so unkontrolliert gesammelt.

„Man muss sich mindestens die Hände desinfizieren, sollte aber einen Handschuh bei Umgang mit Tablett und Flaschen aus isolierten Zimmern überziehen“, so lautet die offizielle Erklärung des Experten von der DGKH. Peter Walger ist sich am Telefon sicher: „Das Geschirr wird unmittelbar in einem Spülraum entsorgt. Es kann nicht passieren, dass Flaschen in einem Kasten auf der Station gesammelt werden, so wie man es privat auch macht. Die Flaschen werden so entsorgt, dass sie nicht von anderen angefasst werden können.“ Die Gefahr einer Übertragung von Keimen durch Flaschen sei grundsätzlich aber gering.

Die Charité schreibt, benutzte Gegenstände würden grundsätzlich in einer Weise entsorgt, „die Kreuzkontaminationen oder andere Risiken für Mitpatienten weitestgehend ausschließt. Dazu gehören u.a. die Trennung von Versorgungswegen und die Vermeidung einer offenen Zwischenlagerung. In Ausnahmesituationen erfolgt eine gezielte Desinfektion potentiell kontaminierter Flächen.“

Auch Maria Müller, die Frau mit dem Sensenmann-Tattoo, wird wegen des Keimes isoliert. In ihrem Krankenzimmer stapeln sich auf dem Tisch und am Bett Bücher, Süßigkeiten, persönliche Gegenstände. Die Putzfrau sehe ich immer nur den Boden schrubben. Während meines Praktikums sehe ich Müller oft auf den Gängen. Sie sitzt auf den Holzstühlen vor dem Glaskasten oder geht auf die Waage und legt ihren Bademantel auf den Kopierer. Ein anderes Mal sehe ich sie, wie sie die frische Wäsche auf dem Gang nach einem passenden Hemdchen durchsucht. Dann wiederum macht sie sich am Kaffeetisch auf dem Gang zu schaffen. Sie fasst Besteck an, Gläser, den Kakao. Sie hält sich am Geländer auf dem Gang fest, geht auf die Behindertentoilette. Eine Schwester sagt mir, sie könne nachts schlecht schlafen. Sie sei dann stundenlang im ganzen Haus unterwegs.

Nach Aussage unseres Experten ist der Ausgang von isolierten Patienten streng geregelt, aber nicht verboten. „Isolierte Patienten dürfen das Zimmer nicht alleine und unkontrolliert verlassen“, sagt Walger. Die Patienten würden trainiert und informiert. Vom Übertragungsrisiko und vom Keim sei dann abhängig, wie frei sich die Patienten auf der Station bewegen können. Bei Durchfall zum Beispiel sollte man das Zimmer nicht verlassen und im Haus unterwegs sein, wenn keine eigene Toilette in der Nähe ist.

Die Charité schreibt, dass infizierte Patienten nur in seltenen, gut begründeten Ausnahmen „überhaupt ihr Zimmer verlassen“. Bei kolonisierten Patienten, also Keimträgern ohne Infektion, könne man die Bewegungsfreiheit nur im Rahmen der gesetzlichen Grenzen einschränken. „Selbstverständlich erklären wir aber unseren besiedelten Patienten, wie sie sich zu verhalten haben.“ Man erkläre Patienten grundsätzlich, dass sie „sich die Hände zu desinfizieren haben, wenn sie ihr Zimmer verlassen“. Die Patienten bekämen „je nach Erreger und Besiedlungsart spezifische Hygieneregeln mitgeteilt.“

Die Schwestern diskutieren diese Probleme im Glaskasten: „Die Katze beißt sich in den Schwanz, wenn wir uns die Pelle anziehen sollen und die müssen sich nur die Hände desinfizieren, wenn die auf dem Gang sind“, sagt die Schwester aus Jochen Schmidts Zimmer. Andere beharren darauf, dass sich diese Patienten lieber die Hände desinfizieren sollten, statt Handschuhe anzuziehen: „Wer weiß, wo die mit den Handschuhen überall dran waren.“ Wenn ein Patient in Isolation sein Zimmer verlässt, sind einige der Schwestern uneinig, was passieren muss. Sie sind irritiert: Noch vor einigen Wochen hätten die isolierten Patienten die komplette Schutzkleidung tragen müssen.

Die Charité schreibt, alle Mitarbeiter wüssten über die Hygiene-Regeln Bescheid. Unklarheiten in Einzelfällen könnten über den Leitfaden im Intranet und über den Kontakt zur Hygienebeauftragten oder zu Hygienefachkräften geklärt werden.

Ein Patient wundert sich, dass er noch beim letzten Besuch Schutzkleidung tragen musste. Die Stationsleitung beruhigt uns: Sie möchte eine Fortbildung zur Hygiene veranlassen. Fortbildungen finden verpflichtend statt, die Anwesenheit wird schriftlich festgehalten, sagt der Sprecher der DGKH, Peter Walger. „Ob das in der Realität so eingehalten wird, ist eine zweite Frage.“ Die Charité schreibt: „Alle Mitarbeiter unterliegen der Fortbildungspflicht und werden regelmäßig geschult.“ Ein bis zwei Mal im Jahr würden solche Schulungen flexibel in kleinen Gruppen stattfinden. Die Teilnahme, so die Charité, sei in der Regel verpflichtend.

Vor allem immunschwache Patienten können mit multiresistenten Keimen riesige Probleme bekommen. Frank Meier ist unheilbar krank. Der fast 80-Jährige hat Bauchspeicheldrüsenkrebs, sagt mir eine Schwester. Ich sehe ihn tagelang komatös in seinem Bett liegen. Später, bei Bewusstsein, gibt er sich kämpferisch. Als letzter Überlebender einer von Krebs geplagten Familie will er wieder nach Hause an den Teich mit den Koi-Karpfen. Er atmet sehr schwer. Ich wasche ihn, er bezeichnet mich als seinen „persönlichen Assistenten“.

Meier möchte operiert werden. Eine Schwester sagt: „Wenn die das Messer noch einmal ansetzen, bleibt der auf dem Tisch.“ Die Krankenkasse würde dann die Kosten für die Behandlung nicht übernehmen, so dass die Charité darauf sitzen bleibt.

Meier liegt einfach da in seinem Bett, Venen- und Harnkatheter am Körper, keine Bücher, der Fernseher ist aus. Er starrt aus dem Fenster, sieht eine Krähe auf dem Dach. „Da sitzt mein Freund.“ Meier ist pflegebedürftig. Eine Keiminfektion wäre für die Gesundheit des Mannes wohl lebensbedrohlich. Meier und sein Bettnachbar, dem „die Infizierten“ große Sorgen bereiten, sind umgeben von drei isolierten Zimmern. Meiers Bett wird nach meinen Beobachtungen nicht frisch bezogen, seine „unmittelbare Umgebung“ nicht gereinigt.

Die Charité schreibt: „Wenn jeder Patient in einem eigenen Zimmer isoliert wurde, ist dies aus krankenhaushygienischer Sicht nicht zu beanstanden.“

In der zweiten Woche verliere ich den Respekt der ersten Tage. Ich wundere mich, wie mechanisch und rabiat einige der Schwestern mit den Patienten umgehen. Bei Fragen der Patienten zucken sie zum Teil mit den Achseln oder geben patzige Antworten. Einige Schwestern und Pfleger scheinen extrem genervt zu sein vom Arbeitsaufwand, besonders vom Papierkram.

Ein Pfleger bezeichnet einen Patienten als Alkoholiker und dummen Idioten, weil der nach einem Becher für seine Tabletten fragt. Der Pfleger hatte ihm die Tabletten zuvor blank auf den Tisch geworfen, erzählt mir der Patient. Die Patienten können über einen roten Knopf mit der Pflege kommunizieren. Ich sehe diese Knöpfe oft lange gleichzeitig leuchten. Dann ist es zum Beispiel „nur ein Patient, der Insulin braucht“, damit er essen kann. Dieser Patient wartet dann stundenlang.

Die Charité schreibt, dass „der korrekte Umgang mit oralen Medikamenten“ bereits in der Ausbildung gelehrt und individuelles Fehlverhalten korrigiert werde.

Für die Station gibt es eine eigene Putzfrau. Die sagt, sie habe zuvor auf der Intensivstation geputzt. Für die Arbeit dort sei ihr Herz aber zu schwach. Zu viel Leid und zu viele Tote. Ich frage nach Putzplänen oder offiziellen Anordnungen, an die sie sich halten muss. Es gebe keine Pläne, sie sei für die Station verantwortlich und was sie heute nicht schaffe, müsse sie eben an den anderen Tagen erledigen.

Die Frau durchläuft gründlich abwechselnd isolierte und normale Zimmer – mit dem selben Material. Unterstützt werden die Reinigungskräfte von Desinfektoren, welche die zu isolierenden Räume fachgerecht einrichten und reinigen. Ein Patient in einem isolierten Zimmer regt sich später über einen Pfleger auf, der ihm Tabletten in einer Nierenschale gegeben hätte, die schon vor seinem Einzug in das Zimmer im Raum gelegen hätte. Diese habe der Desinfektor offenbar übersehen.

Die Charité schreibt, die Wischdesinfektion der direkten Patientenumgebung gehöre zu den festen Aufgaben der Reinigungskräfte. Medizinische Geräte würden dagegen „mindestens einmal täglich vom Pflegepersonal wischdesinfiziert“.

Dienstag, Arbeitsraum, noch immer Tag 7

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Eine neu aufgenommene Patientin wird auf der Station wie eine alte Freundin begrüßt. Umarmungen, Küsschen links, Küsschen rechts. Die Station ist ihr Catwalk, den Arbeitsraum kennt sie besser als ich. Sie weiß, in welchem Schrank die besten Pflaster liegen. Ein wenig später folge ich dem massiven Parfumduft der Diva bis an das Ende von Gang A. Verwundert stehe ich vor einem geöffneten Isolierzimmer. Aus dem Zimmer tönt Jazzmusik, bunte Tulpen dekorieren den Tisch am Fenster. Hier finde ich auch den Ganzkörperspiegel, der eigentlich im Arbeitsraum steht. Ich frage sie nach den beiden Keimen, die sie in sich trägt. Sie winkt ab. Keine Auskunft, nicht so wichtig.

Die Charité schreibt mir später, der Zugang zu den Arbeitsräumen sei für alle Patienten eingeschränkt. „Sofern sich Patienten nicht daran halten, werden sie darauf hingewiesen.“

Viele isolierte Patienten sind nur Träger der Keime. Sie haben keine Infektion. Viele wissen nicht, was die Keime bedeuten, die sie in sich oder auf der Haut tragen. Sie kennen oft die Abkürzungen für die Keime nicht oder können die Keime nicht aussprechen. Die Isolation empfinden die von mir beobachteten Patienten als lästig und unangenehm. Sie versuchen, die Problematik herunterzuspielen oder interessieren sich wenig für die Risiken der Keime.

In einem anderen Isolierzimmer treffe ich ein freundliches, älteres, türkisches Ehepaar. Die Frau des isolierten Patienten ist Dauergast in seinem Zimmer und übernachtet dort auch gelegentlich. Das Ehepaar bewegt sich oft auf dem Gang. Besonders gerne bereitet einer der beiden frischen Kaffee am Kaffeetisch auf dem Gang zu. Die Hände desinfizieren sie sich offenbar nicht. In der zweiten Woche sprechen wir: Das Ehepaar weiß nicht, was für einen Keim der Mann hat und wo er Träger des Keims geworden ist. Ich weiß von einer Schwester, dass er unter Verdacht stand, sich VRE eingefangen zu haben. Der Verdacht bestätigte sich jedoch nicht und der Mann kam in ein normales Doppelzimmer. Dann stellte sich heraus: Er trägt einen anderen Keim in sich — sein Bettnachbar ist nun Kontaktpatient und muss beobachtet werden. Das Ehepaar erzählt noch, dass ihr Bett seit über einer Woche nicht frisch bezogen worden sei.

Die Charité schreibt, Besucher dürften „grundsätzlich nicht in den Patientenzimmern übernachten. Ausnahmen sind nur bei Kindern und sterbenden Patienten unter Berücksichtigung besonderer Hygienemaßenahmen vorstellbar.“ Beim Verlassen des Zimmers sei die hygienische Händedesinfektion zudem „eine der grundlegenden Forderungen an alle Besucher von Patienten, die mit multiresistenten Keimen besiedelt oder infiziert sind.“ Der Wechsel der Bettwäsche erfolge nach individuellen Kriterien.

Mittwoch, Gang B, Tag 8
Vor mir sitzt ein hagerer Mann mit eingefallenem Gesicht und rundem Rücken auf dem Bett in seinem Zimmer. Jochen Schmidt erzählt mir von seiner Infektion mit dem multiresistenten Keim MRSA. Ich trage Mund-Nasenschutz, Kittel und Handschuhe. Dann betritt eine Krankenschwester das isolierte Zimmer. Sie trägt keine Schutzkleidung, keine Handschuhe, keinen Mundschutz.

Jochen Schmidt erzählt mir seine Keim-Geschichte. Als Schmidts Herz schlapp macht, wird es in der Charité in Berlin ausgetauscht. Bei der Transplantation bekommt Schmidt zu wenig Sauerstoff. Das schädigt seine Nieren, seine Leber stirbt zur Hälfte ab. Er infiziert sich bei der Operation mit multiresistenten Erregern. Niemand bemerkt, dass sich MRSA auf seine Bronchien legt. Eines nachts, erzählt er, wird er wach, kann nicht mehr atmen, wird mit dem Helikopter ins Krankenhaus gebracht und notoperiert.

Seit der Transplantation muss er Immunsuppressiva nehmen. Die schalten das Abwehrsystem des Körpers aus und sollen seinem Körper helfen, das neue Herz zu akzeptieren. Schmidt ist jetzt Risikopatient, darf sich auf gar keinen Fall mit schweren Krankheiten oder weiteren Keimen infizieren. Dennoch, sagt Schmidt, stünden ständig Ärzte ohne Schutzkleidung vor ihm. „Sie glauben doch nicht, dass die Ärzte sich einen Mundschutz anziehen. Die sind doch über alles erhaben.“ Schmidt ist schwach, hat Schmerzen in den Beinen und kann kaum laufen. Sein Gesicht ist frei von Emotionen. Er lacht nicht. Nie.

Die Charité schreibt auf meine Anfrage, es müsse „immer die empfohlene Schutzkleidung getragen werden“ wenn mit „direktem Kontakt zum Patienten oder seiner unmittelbaren Umgebung“ zu rechnen sei. „Wenn mit Kontamination zu rechnen ist, muss grundsätzlich ein Mund-Nasen-Schutz getragen werden. Dies ist den Mitarbeitern bekannt und wird grundsätzlich so praktiziert.“ Die Charité schreibt zudem, das „grundsätzlich nicht bei allen immunsuppressiven Patienten eine Umkehrisolierung zu empfehlen“ sei. Dies hänge von der Grunderkrankung, den Therapien und dem Grad der Immunsuppression ab.

Ein junger Patient aus der Intensivstation wird auf die Station geschoben. Noch im Bett liegend weist er auf seine Immunschwäche hin. Stark immunsupprimierte Patienten müssen isoliert werden: Sie kommen in die sogenannte „Umkehr-Iso“, eine präventive Isolation, die sich nicht von der anderen Isolation unterscheidet. In diesem Fall sollen der Mann und alle Kontaktpersonen den Mund-Nasenschutz tragen. Er sitzt eine Stunde später mit seinen Eltern im Aufenthaltsraum – ohne jeden Schutz.

Die Charité schreibt, dass „nicht bei allen immunsupprimierten Patienten eine Umkehrisolierung zu empfehlen“ sei.

Ein anderer Mann steht nachts auf dem Flur, sprachlos wippt er von einem Bein auf das andere. Dann fällt das durchnässte linke Hosenbein des knapp zwei Meter großen Mannes auf. So erzählt es die Nachtschwester am nächsten Morgen. In seinem Zimmer: eine Spur Kot, vom Bett bis zur Tür. Dem Mann sei die Leber „ausgestiegen“, die Leber habe die Funktion zeitweise einstellt. Toxische Stoffe wie Ammoniak haben sich im Körper gesammelt, das hat eine Enzephalopathie ausgelöst — eine reversible Funktionsstörung des Gehirns, bei der der Betroffene verwirrt und hilflos erscheint.

Der Mann ist durch die Enzephalopathie, hohes Fieber und fehlende weiße Blutkörperchen stark immungeschwächt und muss vor den gefährlichen Keimen geschützt werden. Auch er soll in die Umkehr-Iso, bis sich das Fieber gelegt hat und die Leber wieder arbeitet. Er wird isoliert, bis sich seine Werte stabilisiert haben. Dann wird die Isolation aufgehoben, bis sich seine Werte wieder verschlechtern. Mich irritiert, dass der Mann nicht einfach länger in der Umkehr-Iso geblieben ist.

„Zum Teil wird die Notwendigkeit der Umkehrisolierung von Laborwerten […] im Blut abhängig gemacht“, schreibt mir die Charité. „Die Entwicklung dieser Werte ist nicht immer vorhersehbar, weshalb in Einzelfällen eine Wiederaufnahme von Maßnahmen notwendig wird.“

Donnerstag, Arbeitsraum, Tag 9

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Immer öfter spüre ich den Schweiß unter meinem grünen Hemdchen und sehne mich nach einer warmen Mahlzeit zu Hause. Ich muss neben dem Dienst am Bett ständig auf Abruf sein. Das Pflegepersonal erledigt darüber hinaus viel Papierkram, bestellt Material und organisiert die Aufnahmen. Ich sehe meine Kollegen ständig die Patientendaten und Medikamentengaben am Computer digitalisieren und zu den Betten rennen. Dazwischen gibt es lebensmüde Patienten, trauernde Angehörige und Neuaufnahmen, die stundenlang im Wartezimmer hocken und protestieren. Es ist die große Reise nach Jerusalem, die vom Glaskasten aus organisiert werden muss.

Ein großes Problem: Untersuchungen planen. Ich lasse einen schwachen Patienten vor einer Darmspiegelung literweise Abführmittel trinken und verweigere ihm das Essen. Stunden später die Ansage: „Die Untersuchung kann leider heute doch nicht stattfinden.“ An manchen Tagen werden etliche Untersuchungen verschoben. Die Patienten sind frustriert, laufen auf den Gängen auf und ab und fragen nach den Ärzten. „Such dir was anderes für die Ausbildung. Das ist die letzte popelige Klitsche hier“, offenbart mir ein Pfleger in der Umkleide, als wir über die abgesagten Untersuchungen sprechen.

Die Charité schreibt mir, dass in Einzelfällen die Notfälle nunmal vorgezogen werden müssten. „Hierdurch bedingt kann es leider gelegentlich zu Verschiebungen/Verspätungen geplanter Untersuchungen kommen.“

Notaufnahmen, zum Teil offenbar chaotische Organisation – und obendrauf der Aufwand für die Isolation der verkeimten Patienten. Während meines Praktikums sind von den 30 Patienten im Schnitt etwa acht in Isolation. Einige Schwestern blasen bei jedem neuen Keimpatienten erstmal die Backen auf. Wieder dauert es, bis die Räume vorbereitet sind, wieder müssen wir den zusätzlichen Hygiene-Aufwand irgendwie bewältigen.

Montag, Mittelallee, Tag 11

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Auf dem Weg zur Wäscherei berichtet mir eine Auszubildende von einer anderen Station, auf der ausschließlich isolierte Räume sind. „Das ist voll nervig da. Man muss sich vor jedem Raum die Schutzkleidung anziehen. Glaub mir, keiner hat da Bock drauf.“ Besonders ältere Mitarbeiter würden das nicht einhalten. Das habe sie auf verschiedenen Stationen beobachten können. Auch sie habe anfangs Angst vor den Keimen gehabt. Das habe sich aber schnell gelegt.

Auch wenn die Auszubildenden ihre Angst vor den Keimen offenbar schnell verlieren, missfällt einigen der Umgang mit Maria Müller, der isolierten Frau mit den Tätowierungen, die gerne auf der Station unterwegs ist. Selbst wenn isolierte Patienten ihr Zimmer grundsätzlich verlassen dürfen, könne man die Frau so nicht umherlaufen lassen. „Ich würde die ins Zimmer sperren“, sagt eine Schülerin. Einige der jungen Auszubildenden konfrontieren damit auch ältere Schwestern und beschweren sich über die wandernde Keimpatientin.

Während der Morgenbesprechung fordert Müller mit der Krücke an den Glaskasten klopfend ihr Polamidol ein, den Ersatzstoff für Heroin, ohne den sie ruppig wird und der sie müde macht. Ein Pfleger erzählt, dass ein wichtiges Medikament im Wert von tausenden Euro entsorgt werden musste, weil Müller betäubt im Bett liegend die zeitgerechte Einnahme versäumte. Ein Assistenzarzt zeigt mir später die Tests auf Antibiotika, die gegen ihren VRE-Darmkeim wirken. Von über 20 Antibiotikasorten war ihr Keim nur gegen einen Stoff sensibel. Dieser Stoff sei dann sehr, sehr teuer.

In der dritten Woche – gegen Ende meines Praktikums – merke ich, wie ich selbst abstumpfe. Die schwarzen, giftigen Ausscheidungen der Kranken, den Teerstuhl, kann ich problemlos beseitigen. Den beißend riechenden Sammelurin, über den die gesamte Ausscheidungsmenge eines Patienten über eine bestimmte Zeit kontrolliert wird, trage ich unbeeindruckt in den Arbeitsraum. Ich wasche ohne Probleme Menschen im Intimbereich. Auch wird mir nicht mehr schwindelig, wenn ich Nadeln in Arme oder Portkatheter in die Brust wandern sehe. Die Arbeit ist zur Routine geworden. Die Routine, die ich auch bei einigen Schwestern bemerke. Die Routine, die offenbar zur Fahrlässigkeit verleitet.

Erst in den Berichten an meine Kollegen in der Redaktion fällt mir auf, wie unreflektiert ich in der Charité stundenlang in der Pflege versunken bin. Wie ich der Macht der Gewohnheit offensichtlich schon nach wenigen Tagen folge und sich dabei kleine, möglicherweise fatale Fehler einschleichen. Auch ich vergesse ab und zu die Handschuhe und werde nachlässig bei der Handdesinfektion.

Wenn Patienten aus der Isolation die Station verlassen, müssen die nächsten, die sich mit dem Patienten beschäftigen, über die Keimbelastung informiert werden. Dafür gibt es spezielle Formulare. Für den Transport gelten die selben hygienischen Standards wie für isolierte Zimmer. Das ist aufwändig. Deshalb sollen Keimpatienten so selten wie möglich transportiert werden. Einen Krankentransporter beeindrucken die Sicherheitsmaßnahmen in meiner Gegenwart nicht: „Was hat er denn? Einen VRE? Halb so wild. Standard.“

Einige Patienten halten sich eben noch in ihren isolierten Zimmern auf, dann sitzen sie im vollen Aufenthaltsraum neben neuen Patienten, denen von Assistenzärzten Blut abgenommen wird. „Ein solches Vorgehen ist nach unseren Vorgaben und Regeln nicht vorgesehen“, schreibt mir hierauf die Charité.

Dienstag, isoliertes Zimmer Gang A, Tag 12, letzter Tag

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Ich stehe in der Tür zu Maria Müllers Zimmer. Ihre Entlassung steht bevor. Ein Haus für betreutes Wohnen soll die nächste Station sein, für soziale Härtefälle mit dicker Krankenakte. Dort wäre Müller nicht isoliert, im Gegenteil. Sie stünde in Kontakt mit vielen Menschen, die aus der Drogenszene stammen. Sie hat Angst, wieder an die Nadel zu kommen, sagt sie im Dämmerzustand in ihrem Bett. Die Alternative ist ein Platz in einer Reha-Einrichtung in einer anderen Stadt. Doch ihr Zustand verschlechtert sich. Und nicht nur das: Sie hat sich während meiner Zeit mit MRGN infiziert, einem weiteren multiresistenten Erreger. Ich verlasse die Station und blicke in ihr geöffnetes Zimmer. Noch liegt sie da, mit schmerzverzerrtem Gesicht.

Einige Wochen nach meiner verdeckten Recherche rufe ich eine meiner ehemaligen Kolleginnen an. Die bestätigt mir all meine Beobachtungen, verstärkt sie sogar. Sie sagt, die von mir festgestellten Problem seien keine Einzelfälle. Besucher würden sich niemals beim Personal melden, verkeimte Patienten sich kaum einmal die Hände desinfizieren und die Informationspapiere für Patienten und Besucher habe sie noch nie zu Gesicht bekommen. Die Handdesinfektion des Personals sei mangelhaft, Schutzkleidung würde oft falsch getragen und die Putzkräfte würden isolierte und nicht-isolierte Zimmer stets durcheinander wischen.

Während der Recherche zu den Keimen sind mir einige unwissende Angehörige und renitente Patienten begegnet. Das Personal legt hygienische Vorschriften offenbar zum Teil willkürlich aus und tabuisiert die multiresistenten Keime. Die Charité ist bemüht, die hygienischen und personellen Anforderungen zu bewältigen. Das Personal ist bemüht, sich trotz Routine an die Standards zu halten und dem Arbeitsaufwand gerecht zu werden. Trotzdem habe ich viele Fehler und Probleme gesehen. Mit Keimen besiedelte Patienten und Angehörige werden nicht immer ausreichend über Hygiene informiert. Teilweise gefährden infizierte Patienten und Teile des Personals durch fahrlässigen Umgang mit den Keimen andere Patienten.

Über allem steht das große Tabu. Es mangelt offenbar an Bewusstsein und Mut, sich dem Problem ernsthaft zu stellen. Und das, obwohl in Krankenhäusern ab einer Größe von 400 Betten Hygieniker als ausgebildete Fachärzte gesetzlich verordnet sind. Obwohl Ärzte und Schwestern in Weiterbildungen zu Hygienebeauftragten ausgebildet werden. An der Charité gibt es mehr als 40 hygienebeauftragte Ärzte und mehr als 100 entsprechend fortgebildete Pflegekräfte, schreibt mir die Charité. Den oder die Hygienebeauftragte auf meiner Station, der Gastroenterologie, habe ich mit Sicherheit kennen gelernt. Ich weiß es nur nicht.

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Gefährliche Keime

Kein Pardon bei der Hygiene in Frankreich

von Annika Joeres

Frankreich schützt seine Patienten besser vor multiresistenten Bakterien als Deutschland: Hygiene-Experten schulen und kontrollieren nicht nur Personal, Mängel werden auch öffentlich gemacht. Jeder kann sehen, wenn es in einem Krankenhaus auffallend viele Infektionen gibt.

Unsere CORRECTIV-Reporterin Annika Joeres berichtet für uns aus dem Nachbarland.

Vor einigen Jahren lief in Frankreich eine große Werbekampagne. Zur besten Sendezeit wurden im Fernsehen hustende Menschen im Fahrstuhl oder fiebernde Kinder im Bett gezeigt. „Les antibiotiques, c’est pas automatique“, lautete der Slogan der Spots, auf deutsch „Antibiotika? Nicht automatisch“. Nicht bei jeder Angina sollten die Menschen zu Antibiotika greifen, war die Botschaft. Sie ist angekommen.

Noch vor gut einem Jahrzehnt war Frankreich besonders von den lebensgefährlichen Infektionen durch multiresistente Bakterien betroffen: Ein europaweit überdurchschnittlich hoher Konsum von Antibiotika und mangelhafte Hygiene in Krankenhäusern hatten den Keimen den Weg geebnet. Inzwischen aber hat Frankreich Deutschland bei der Bekämpfung resistenter Bakterieren eine Menge voraus. Die Zahlen für einige Bakterien wie MRSA haben sich seit 2005 halbiert, bei anderen sind sie zumindest stabil.

Die landesweite Kampagne, weniger Antibiotika zu nehmen, damit weniger resistente Bakterien in den Umlauf geraten, war dabei nur ein Baustein. Mindestens ebenso wichtig wurde der Versuch genommen, die Übertragung solcher Bakterienstämme einzudämmen. Im Krankenhausalltag ist es mühsam, resistente Bakterien zu bekämpfen. Infizierte müssen isoliert werden, Pfleger und Ärzte müssen akribisch und immer wieder ihre Hände desinfizieren. Freiwillig geschieht das in Krankenhäusern nur selten. Deshalb setzt die oberste französische Gesundheitsbehörde HAS private und öffentliche Kliniken gleichermaßen unter Druck. Einmal jährlich kommen ihre Beamten für eine Woche in jedes Krankenhaus. Sie analysieren Blut- und Urinproben der Patienten und beobachten den Alltag auf den Stationen. „Bakterien verbreiten sich epidemienhaft, wenn wir nicht systematisch gegen sie vorgehen“, sagt eine Sprecherin des Pariser Gesundheitsministeriums.

Jeder Bürger kann anschließend im Internet nachsehen, welche Note die Klinik für den Kampf gegen mulitiresistente Baktereien erhalten hat, von A wie sehr gut bis E wie mangelhaft. Scope-santé heißt das Projekt. Wenn Operationsbestecke nachlässig desinfiziert oder die Angehörigen nicht ausreichend aufgeklärt wurden, wird das dabei in langen Berichten schonungslos aufgelistet.

Solch eine unabhängige Prüfung gibt es in Deutschland nicht, hier schreiben die Kliniken ihre Qualitätsberichte selbst. Die Kontrolle darüber, wie gut Ärzte und Pfleger desinfizieren, ist freiwillig. Zwar nehmen inzwischen viele hundert Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen an dem Programm namens KISS – die Abkürzung steht für Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System – teil, gezwungen wird aber niemand. Und die Ergebnisse sind anonym. Kein deutscher Patient kann nachschauen, ob seine Klinik bei der Hygiene vorbildlich oder schlampig arbeitet.

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Überwachen, schulen und schützen
In Frankreich geht die Kontrolle viel weiter. Gesonderte Hygienekomitees überwachen an jedem französischen Krankenhaus, ob Ärzten und Pflegern gefährliche Fehler unterlaufen. „Leitlinien und allgemeine Informationen helfen nicht weiter“, sagt Thierry Fosse, Leiter des Hygienestabs an den drei Unikliniken in Nizza. Sein Team besteht aus zehn Mitgliedern und überwacht, ob sich Krankenschwestern und Pfleger ausreichend desinfizieren. Es diskutiert mit dem Personal beispielsweise, ob eine Infektion auf ihrer Station hätte verhindert werden können, wenn der Katheter nur solange im Körper des Patienten geblieben wäre, wie es unbedingt nötig war.
“Manchmal ist es sehr schmerzlich für die Belegschaft, weil wir Ihnen Fehler nachweisen. Aber wir helfen auch: Unmittelbar nach den Ergebnissen des Labors geben wir genaue Anweisungen. Wir sagen ihnen beispielsweise, ob sie einen Mundschutz tragen sollen.“ Vor allem aber sind Fosse und sein Team dafür verantwortlich, alle Mitarbeiter zweimal jährlich zu schulen. „Das ist das Allerwichtigste. Selbst Ärzte, die frisch von der Universität kommen, sind häufig nachlässig bei der Hygiene.“

Das ist auch in Deutschland ein Problem. Fosse erzählt von einem deutschen Patienten, der nach einer Herzinsuffizienz nicht gesund geworden war. Seine Frau ließ ihn schließlich von Frankfurt in seine Heimatstadt Nizza verlegen. Dort diagnostizierten die Mediziner eine zweite Krankheit: Der 55-Jährige hatte sich offenbar im Frankfurter Krankenhaus mit einem multiresistenten Bakterium infiziert. „Die deutschen Dokumente waren sehr akribisch und detailliert – aber erst wir haben durch eine Urinprobe die wahre Ursache seiner Schwäche herausgefunden“, sagt Fosse. „Wir analysieren Blut und Urin unserer Patienten systematisch, um später Angehörige, Bettnachbarn und unser Personal vor einer Ansteckung zu schützen.“

Infektiologen, deren Schwerpunkt die Hygiene ist, gibt es inzwischen auch an deutschen Kliniken. Doch Experten fordern noch viel mehr. Die Infektiologen sollten in die tägliche Arbeit am Patienten integriert werden. Außerdem solle bei jeder Behandlung, bei der über den Einsatz von Antibiotika nachgedacht wird, ein entsprechend geschulter Arzt dabei sein. Antibiotic Stewardship heißt das Konzept, das zum Ziel hat, die richtigen Antibiotika zu finden und sie auch richtig einzusetzen. Denn nicht nur die Patienten müssen sensibler dafür werden, wann Antibiotika sinnvoll sind, sondern auch Ärzte.

Dreimal die Handschuhe wechseln
Wie immer, wenn es um mehr Sicherheit geht, ist die Umsetzung im Alltag nicht einfach. Die Hygienedozentin Claude Pariset bringt Krankenschwestern bei, wie sorgfältig sie bei jeder Kleinigkeit sein müssen. „Jedes Blutdruckgerät, jedes Essenstablett und jedes Handtuch eines infizierten Patienten kann die Keime weitertragen.“ Patienten müssten zum Beispiel vor und nach dem Röntgen desinfiziert werden, Verbandswagen dürften nur auf dem Flur stehen und nicht in die Zimmer geschoben werden.

Pariset erklärt eine Stunde lang, wie eine Bettpfanne sachgerecht entsorgt werden muss. Dafür sind insgesamt fünf paar Handschuhe, drei manuelle Desinfektionen der Hände und eine doppelte Säuberung des Abwasserbeckens erforderlich. Mit frischen Handschuhen soll die Bettpfanne unter dem Gesäß des Patienten hervorgezogen werden, dann müssen die Handschuhe sofort in den Müll, denn Keime der Ausscheidungen könnten an ihnen haften. Anschließend soll sich die Schwester die Hände desinfizieren, ein neues Paar Handschuhe anlegen, den Patienten wieder anziehen und richtig betten. Dann wieder die Hände desinfizieren und erneut die Handschuhe wechseln, um die Bettpfanne zum Entsorgen zu bringen. Dort geht die aufwändige Prozedur weiter. Wenn die Schwestern sagen, sie hätten dafür keine Zeit, kontert Pariset: „Es ist sehr schwer im Klinikalltag. Aber wenn ihr noch weitere Patienten ansteckt, wird euch das noch mehr überfordern.“

Kontrolle des Verbrauchs
Die französischen Kliniken belassen es nicht beim gutem Zureden. Sie prüfen einmal jährlich anhand der Bestellungen und Vorratsschränke, ob die Stationen ausreichend Handschuhe und Desinfektionsmittel verbrauchen. Für einen Patienten auf der Intensivstation beispielsweise müssen sich die Angestellten ungefähr 40 Mal am Tag die Hände desinfizieren. Eine hohe Zahl, die französische Kliniken allmählich auch erreichen: In den vergangenen zehn Jahren steigerte sich die Rate der Desinfektionen von 50 auf rund 85 Prozent der gewünschten Menge.

Nachsichtig ist Hygieniker Fosse dabei nicht. „Unser Team macht Stichproben, ob die Pfleger nicht halbvolle Flaschen entsorgen, nur um die Sollzahl zu erfüllen.“ Seit das bekannt ist, würden die Mittel bis auf den letzten Tropfen genutzt. Frankreich kennt bei der Hygiene kein Pardon – zum Nutzen der Patienten.

Gefährliche Keime

Osteuropäische Arbeiter werden in der Fleischindustrie systematisch ausgebeutet

von Jonathan Sachse

In der deutschen Fleischindustrie werden osteuropäische Arbeiter mit Werkverträgen in großem Stil ausgebeutet. Das berichtet heute DIE ZEIT im nächsten Teil der Recherche- Kooperation mit der Funke-Mediengruppe und CORRECTIV. Mindestens 40.000 Werkvertragsarbeiter werden demnach in deutschen Schlachthöfen ausgebeutet, etwa 80 Prozent der Schlacht- und Zerlegearbeiten werden von den Osteuropäern erledigt. Das schätzt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten.

Die Kollegen von der ZEIT haben sich besonders Schlachthöfe und Wurstfabriken in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen angeschaut, die ganze Produktionssschritte an die Subunternehmer ausgliedern. Im Milliardenmarkt dieser Schlachtbetriebe geht es vor allen Dingen um Geschwindigkeit. Die Zustände für die schlecht bezahlten Arbeiter sind laut ZEIT-Recherchen erbärmlich. Sie wohnen in Ställen, teilen sich Betten und arbeiten über die gesetzlich geregelten Arbeitszeiten. Subunternehmer nutzen der ZEIT zufolge eine Gesetzeslücke und Stellen osteuropäische Arbeiter zu menschenunwürdigen Bedingungen an. Beobachter sprechen von moderner Sklaverei.

Am Beispiel der niedersächsischen Kreisstadt Vechta wird beschrieben, wie extrem die Zustände sind. Dort schlafen Arbeiter in benachbarten Wäldern, weil sie keinen Schlafplatz bekommen. Tagsüber schuften sie in den Schlachthöfen.

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In diesem System aus Hochtechnologie und Menschenhandel entwickelt sich auch eine Brutstätte für multiresistente Keime, gegen die manchmal keine Antibiotika mehr wirken. Für die ausgenutzten Arbeiter ist die Gefahr besonders hoch, sich mit multiresistenten Keimen zu infizieren.

Den kompletten Artikel lesen Sie heute in DER ZEIT. Hier gibt es die Vorabmeldung.

Wir können ihre Unterstützung bei der Recherche zu multiresistenten Keimen gebrauchen. Haben Sie selbst Erfahrungen mit multiresistenten Keimen gemacht? Hier können Sie ihre Erlebnisse oder die ihrer Bekannten oder Verwandten in einem von uns entwickelten Fragebogen teilen. Unsere Berichterstattung finden Sie unter mrsa.correectiv.org.