Gesundheit

Wie Krankenhäuser ihre Qualität verschleiern

Für ihre Qualitätsberichte betreiben die Krankenhäuser enormen Aufwand. Doch die Berichte nutzen kaum: Sie sind unvollständig, schon bei der Veröffentlichung veraltet und für Laien kaum verständlich. Qualitätsmängel haben keine Konsequenzen.

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von Timo Stukenberg

Diese Recherche veröffentlichen wir in Kooperation mit dem Deutschlandradio.

Wolfgang Motz, Klinik-Direktor in Karlsburg, prahlt gern, sein Krankenhaus sei kürzlich zum „TAVI-Zentrum“ gekürt worden. TAVI steht für eine neue Art, Herzklappen zu ersetzen. Vor allem bei älteren Menschen hat sie sich bewährt – und sie ist für Kliniken lukrativ. Stolz führte Direktor Motz der örtlichen Presse im Februar den soeben operierten eintausendsten TAVI-Patienten vor.

Bei anderen Themen ist Klinikdirektor Motz deutlich zurückhaltender. Die Ergebnisse des gesetzlichen Qualitätsberichtes etwa verschweigt er geflissentlich. Im Bericht von 2014 wird etwa bemängelt, sein Haus, das Klinikum Karlsburg, missachte seit Jahren die Leitlinien für die Indikation von TAVI. Einige Patienten hätten nach den Empfehlungen der Fachgesellschaften gar nicht nach dieser Methode operiert werden dürfen. Eine Erklärung hat der Chefarzt dafür nicht.

Ein Qualitätsmangel. In einer Klinik, die von der Deutschen Kardiologischen Gesellschaft als deutsches „TAVI-Zentrum“ ausgezeichnet wurde. Wie passt das zusammen?

Die deutschen Krankenhäuser müssen seit dem Jahr 2005 Qualitätsberichte erstellen. Sie wurden bislang vom AQUA-Institut geprüft, einem Forschungsinstitut im Auftrag der Bundesregierung, und von insgesamt 17 Prüfstellen auf Landesebene. All das soll sicherstellen, dass die deutschen Krankenhäuser gewisse Qualitätsstandards nicht unterschreiten. Und es soll die Patienten über das Niveau ihrer Kliniken informieren.

Mehr als zwei Monate lang hat CORRECTIV die Qualitätsberichte aller deutschen Krankenhäuser ausgewertet, rund 6800 Dateien. Wir haben Interviews mit Ärzten, Patienten, Forschern, Lobbyisten, Medizin-Controllern und Verwaltungsangestellten geführt.

Die Qualitätsberichte sind unbrauchbar

Das Ergebnis ist ernüchternd: Die Qualitätsberichte sind weitgehend unbrauchbar. Sie sind unverständlich, verschleiern schlechte Krankenhausqualität und haben keine Konsequenzen.

Dabei treiben die Krankenhäuser enormen Aufwand, um die Qualität ihrer Arbeit zu messen. Nach jeder Operation füllen Pfleger, Ärzte oder Dokumentationsassistenten einen Qualitätsbogen aus – zum Unwillen vieler Angestellter. „Meine Schwestern dokumentieren sich zu Tode“, sagt zum Beispiel Jürgen Grüger, Chefarzt für Innere Medizin am Heilig Geist Hospital Bensheim. „Die verbringen mehr Zeit bei der Dokumentation als am Bett.“

Zusätzlich beschäftigt jedes Krankenhaus mindestens einen Qualitätsbeauftragten, der für die Berichte zuständig ist. 2014 meldeten die Krankenhäuser mehr als 3,2 Millionen Vorgänge. Es werden 416 Qualitätsindikatoren gemessen, von der Anwesenheit eines Kinderarztes bei einer Frühgeburt bis zur richtigen Indikation von TAVI. 

Heraus kommt ein Haufen Zahlen, Codes, Abkürzungen und Medizin-Chinesisch. Im Fall des oben erwähnten Klinikums Karlsburg ist der Bericht 175 Seiten dick. Die Berliner Charité kommt sogar auf über 2700 Seiten. Und dennoch verfehlen die Qualitätsberichte ihr Ziel, die Qualität in den Krankenhäusern zu sichern.

Vor allem aus sechs Gründen:

Erstens: Die Qualitätsberichte sind selbst für Experten kaum lesbar – und für Laien komplett unverständlich

„Patientinnen und Patienten, also die Leser dieser Berichte, verstehen die Spezialitäten dieser Berichte nicht“, sagt Wolf-Dietrich Trenner. Nur wenige kennen sich bei dem Thema so gut aus wie der Krankenpfleger. Jahrelang war er Patientenvertreter im Gemeinsamen Bundesausschuss, dem höchsten Gremium des Gesundheitswesens.

Trenner schüttelt den Kopf, wenn er durch die zehn Seiten lange Leseanleitung blättert. Die Bertelsmann-Stiftung bereitet die Ergebnisse der Qualitätsberichte zwar etwas lesefreundlicher in einer „Weißen Liste“ auf. Doch in Sachen Qualitätsmängel ist auch sie wenig hilfreich. Bin ich als Patient in Gefahr? Hat das Krankenhaus reagiert und den Missstand verbessert? Die Qualitätsberichte geben darauf keine Antwort.

Zweitens: Die Krankenhäuser bewerten sich selbst – und verschweigen häufig Fehler

Wer einen kurzen Blick auf die Berichte wirft, könnte meinen, dass Krankenhäuser nur höchste Qualität leisten. Kein Wunder: Immerhin stammen die Daten direkt von ihnen. Können sich Patienten wirklich auf die Angaben der Kliniken verlassen? „Die Qualitätssicherung funktioniert bei denen, die guten Willens sind“, sagt Patientenvertreter Trenner. „Aber wir haben in den Krankenhäusern nicht nur Heilige.“

Eine Studie des Hamburg Center for Health Economics aus dem Jahr 2014 belegt das. Die Forscher stellten eine auffällige Differenz fest: Bei den Krankenkassen werden mehr Hüftersatz-Ops abgerechnet als die Krankenhäuser in ihren Qualitätsberichten angeben. Der Verdacht: Verschweigen manche Krankenhäuser schief gelaufene Operationen?

Das Kalkül der Krankenhäuser lässt sich leicht errechnen: Für jeden nicht dokumentierten Fall muss das Krankenhaus 150 Euro Strafe zahlen. Verglichen mit dem Erlös einer Fallpauschale von 25.000 Euro oder mehr für eine TAVI-OP, ist das wenig. Es sei also „rational, problematische Fälle eher nicht zu dokumentieren“, folgert die Studie.

Drittens: Die Krankenhäuser tricksen – und man lässt sie

An manchen Stellen müssen die Krankenhäuser gar nichts verschweigen, sondern nur geschickt die gesetzlichen Vorgaben auslegen. Wo genau weiß der Controller Tamir Al-Abadi. Er kann die komplexe Qualitätssicherung in wenigen Minuten auf ein DIN A4-Papier zeichnen. Dann zeigt er mit dem Stift auf die Stellen, an denen bei den Berichten geschummelt wird. Es sei „eine Art Sport“ unter den Krankenhäusern, Schlupflöcher in der gesetzlichen Qualitätssicherung auszunutzen, sagt er.

Zum Beispiel bei den Personalzahlen. Je nachdem, welche Zählweise man zugrunde legt, könne man hier die Zahl der Pfleger zum Stichtag nach oben korrigieren, erklärt er. Ein Verwaltungstrick, der das Betreuungsverhältnis von Pfleger und Patient in der „Weißen Liste“ besser aussehen lässt, als es eigentlich ist.

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Ähnliches gilt für die umstrittenen Chefarztverträge. Laut einer aktuellen Studie des Medizincontrolling-Verbands hatten Dreiviertel der Kliniken ihren Chefärzten Boni zugesagt, wenn sie eine bestimmte Zahl an Operationen, an schweren Fällen oder schlicht mehr Umsatz erreichen. Laut Gesetz müssen die Krankenhäuser angeben, wenn sie Verträge über einzelne Eingriffe abschließen – doch in ihre Qualitätsberichte schreiben sie das nur selten. Es kontrolliert keiner.

Viertens: Die Berichte sind bereits veraltet, wenn sie veröffentlicht werden

Das Gesundheitszentrum Rheine hat als letzten Bericht den aus dem Jahr 2010 auf seiner Website veröffentlicht. Die Berliner Charité hinkt mit dem Bericht aus 2012 hinterher. Das Klinikum Karlsburg veröffentlicht die Berichte erst gar nicht.

Angenommen, eine Patientin entdeckt den für sie entscheidenden Indikator, versteht und interpretiert ihn richtig, ist die Angabe dennoch hoffnungslos veraltet. Anfang 2016 wurden die Qualitätsberichte aus dem Jahr 2014 veröffentlicht, bislang als Rohmaterial auf CD. Die Qualitätsmessung liegt mehr als ein Jahr zurück. Der schlechte Operateur kann längst durch eine Koryphäe auf dem Fachgebiet ersetzt worden sein – und umgekehrt.

Fünftens: Nicht einmal die Klinikleitungen nehmen die Berichte ernst

Die Krankenhäuser wissen, wie zahnlos die Qualitätsberichte sind – und ignorieren sie häufig einfach. Spricht man etwa Klinikdirektor Motz auf die Diskrepanz zwischen seiner Auszeichnung als TAVI-Zentrum und den in den Qualitätsbericht festgestellten Mängeln an, verschränkt er die Arme. „Diese ganze Fragebogen-Ausfüllerei hat nichts mit der Qualität des Eingriffs zu tun“, sagt er. „Das viele Pipapo ist einfach nur Getue.“ Die Bewertung im Qualitätsbericht stamme ja von Ärzten, die gar nicht am Patienten arbeiteten – und die folglich gar nicht beurteilen könnten, wie hochwertig der Eingriff sei.

Wirklich? Das Urteil über die Qualität in seinem „TAVI-Zentrum“ haben Armin Welz, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie, und neun Kollegen getroffen, darunter Chefärzte. Patientenvertreter Trenner gehörte auch dazu. „Wenn eine Gruppe von hochrangigen Spezialisten in dem Fachgebiet Ihnen sagt, dass die Qualität nicht gut ist, dann würde ich deren Urteil mehr glauben als dem Urteil eines einzelnen Arztes, der sagt: Aber ich mach doch alles richtig“, sagt Trenner. Und: „Wenn in diesen Kreisen davon geredet wird, dass es Verbesserungspotenzial gibt, ist das schon eine ziemlich vernichtende Kritik.“

Sechstens: Schlechte Qualität wird nicht sanktioniert

Jedes vierte Krankenhaus in Deutschland (genau 553) wurde 2014 bei einem oder mehreren Indikatoren schlecht bewertet. Das Uni-Klinikum Heidelberg erhielt sogar in zehn Bereichen schlechte Noten. Negative Konsequenzen müssen die Krankenhäuser trotzdem nicht fürchten – auch, wenn sie wie das Karlsburger Klinikum, schon im Jahr davor auffällig wurden.

Deutschlandweit wurden in über zehn Jahren erst zwei Abteilungen geschlossen, nachdem Qualitätsmängel in den Berichten veröffentlicht worden waren, berichtet Wolf-Dietrich Trenner.

Die einzige Sanktion für Krankenhäuer ist die Veröffentlichung des Mangels im Qualitätsbericht. Doch den verstehen, wie gesagt, selbst Experten kaum. Hat ein schlechtes Qualitätssiegel also irgendeine Bedeutung für das Krankenhaus?

„Nein, gar nicht“, sagt Klinikdirektor Motz. „Das hat keine Konsequenzen.“

Folgerichtig werden die Berichte an manchen Standorten schlicht ignoriert. Ein ehemaliger Mitarbeiter des Klinikums Karlsburg, der über TAVI-Eingriffe mitentschieden hat, sagt: „Über die schlechten Ergebnisse in den Qualitätsberichten wurde nie gesprochen.“

Warten auf die Bundestagswahl

Warum ist das alles so? Ein Grund: Für Lokalpolitiker und Bundestagsabgeordnete gibt es keinen schnelleren Weg, ihr Mandat zu verlieren, als den Wählern im eigenen Wahlkreis „ihr Krankenhaus wegzunehmen“ – sei es noch so unrentabel und schlecht. Nicht zuletzt deshalb haben die Abgeordneten im Bundestag bei der Debatte um das Krankenhausstrukturgesetz im vergangenen Jahr so heftig gerungen. Sollte schlechte Qualität bestraft werden? Und wenn ja, wie?

Das muss der Gemeinsame Bundesausschuss entscheiden. Darin sitzen Vertreter von Ärzten, Kassen und Krankenhäusern. Sie sollen die Kriterien festlegen, nach denen schlechte Krankenhäuser bestraft werden.

Viele Experten halten das hinter vorgehaltener Hand für „feige Politik“: Anstatt Sanktionen zu beschließen, lagere der Gesundheitsminister die Entscheidung an den Gemeinsamen Bundesausschuss aus. Doch dort blockieren sich die Interessenvertreter gegenseitig. Die Krankenhäuser müssten bei jeder Verbesserung der Qualitätssicherung überstimmt werden, stöhnt ein Vertreter der Krankenkassen.

Patientenvertreter Wolf-Dietrich Trenner will lieber nach vorne blicken. „Wir haben eine Menge Fehler gemacht dabei und manche haben wir nicht abgestellt“, sagt er. „Bleibt also für die nächsten zehn Jahre auch noch viel zu tun.“

Die Studie des Hamburg Center for Health Economics schlägt zum Beispiel vor, Operationen nur zu vergüten, wenn die Krankenhäuser die Qualität dokumentiert haben. Überflüssige Operationen sollten nicht vergütet werden. Und die Daten der Krankenhäuser sollten anhand der Daten der Krankenkassen überprüft werden.

Die große Koalition hat sich im Krankenhausstrukturgesetz darauf geeinigt, dass schlechte Qualität schlechter bezahlt wird. Kliniken mit dauerhaft schlechter Qualität dürfen keine Kassenpatienten mehr behandeln – und würden wohl pleite gehen.

Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Sicher ist nur, dass die neuen Regeln erst nach der Bundestagswahl 2017 in Kraft treten werden. Im Wahlkampf würde die Qualitätsdebatte nur stören.


Weitere Teile der Serie „Krankenhausqualität“

Der Autor dieser Serie ist mit einem Datenfellowship der Rudolf Augstein Stiftung gefördert worden.

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Corona CrowdProjekt

Das Land der unbegrenzten Pandemie

In den USA leben etwa vier Prozent der Menschheit, aber über 25 Prozent der mit dem neuartigen Coronavirus infizierten Menschen. Über 500.000 Leute sind bisher weltweit dem Virus zum Opfer gefallen, 127.000 von ihnen sind US-Amerikaner. Warum?

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von Ariel Hauptmeier

Dieser Artikel ist Teil unseres Buches Corona – Geschichte eines angekündigten Sterbens, das am 19.06. erschienen ist.

SARS-CoV-2 ist kein Lebewesen und hat keinen Willen, es will sich nur vermehren und braucht dafür menschliche Zellen. In den Ländern, in denen es dem Virus leicht gemacht wird, sich zu vermehren, vermehrt es sich schneller und aggressiver als in den Ländern, in denen Politiker und Virologen für seine Eindämmung sorgen.

Neben Brasilien sind die USA das Paradies für SARS-CoV-2, ihr Präsident Donald Trump hat alles dafür getan, dass sich das Virus sich ausbreiten konnte wie in keinem anderen Land.

Monat für Monat begünstigt Trumps Politik die Pandemie. Die Versäumnisse beginnen bereits im Januar. Zwar gründet die Regierung einen Krisenstab und Gesundheitsminister Alex Azar ruft den gesundheitlichen Notstand aus, aber Test-Kits, Beatmungsgeräte, Masken fehlen und der Krisenstab unternimmt kaum etwas, um die USA auf die drohende Epidemie vorzubereiten.

Als Gesundheitsminister Azar wenig später versucht, vier Milliarden Dollar für die Beschaffung von Masken und Schutzkleidung locker zu machen, sind die Haushaltsbeamten im Weißen Haus fassungslos. Das Treffen endet damit, dass sich beide Seiten anschreien.

Gesundheitsminister Azar sitzt zwischen allen Stühlen. Er hat ein gespanntes Verhältnis zu mehreren hohen Beamten im Weißen Haus, und wenn jemand nicht auf ihn hört, dann ist es Präsident Trump. Zwei Mal hat Azar versucht, Präsident Trump telefonisch vor der Epidemie zu warnen, am 18. und am 28. Januar. Aber er dringt nicht durch. Trump tut die Warnungen als „alarmistisch“ ab.

Unfähige Karrieristen

Es gab viele Warnungen. Im täglichen Briefing des Präsidenten – von Trump selten gelesen – warnen die Geheimdienste. Sein Wirtschaftsberater warnt vor einer halben Million Toten. Trump wischt es weg. Er will keinen Aufruhr. Er will den Handelsdeal mit China nicht gefährden. Er will, dass der Höhenflug an den Börsen weitergeht. Er hört nicht auf seine Berater. Seine talentiertesten und erfahrensten Beamte sind längst auf und davon, ersetzt durch unfähige Karrieristen, die die ihm nach dem Mund reden. Das Weiße Haus ist unfähig, auf die Krise zu reagieren.

Trump: „Wir haben es sehr gut unter Kontrolle. Wir haben in diesem Land im Moment sehr wenig Probleme – fünf. Und diese Menschen erholen sich alle erfolgreich.”

Corona – Geschichte eines angekündigten Sterbens
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Und im Hauptquartier der Seuchenbehörde CDC in Atlanta, einem der Flaggschiffe der amerikanischen Gesundheitsbehörden mit 22.000 Spezialisten, sind sie nicht viel schlauer. Sei es aus Hybris, sei es aus dem Wissen um die eigene Überlegenheit: Das CDC entscheidet, nicht den Test der WHO zu verwenden, sondern einen eigenen zu entwickeln. Er ist zu fehlerhaft. So verstreicht der Februar.

Es ist unklar, wie viele Menschen bis Ende Februar in den USA getestet werden, die Zahlen schwanken. Es sind höchstens 4.000. Selbst wer COVID-19-Symptome hat, darf nur dann einen Test machen, wenn er Kontakt zu einem Infizierten hatte oder in China war. Aber da kaum jemand getestet wird, gibt es kaum Infizierte, also werden auch andere nicht getestet. Unentdeckt kann sich das Virus durch die Staaten der USA bewegen.

US-Präsident Trump beschwichtigt: „Und übrigens, das Virus. … theoretisch sieht es so aus, dass es im April, Sie wissen schon, wenn es etwas wärmer wird, auf wundersame Weise verschwindet – ich hoffe, das stimmt. Aber es geht uns in unserem Land gut. China, ich habe mit Präsident Xi gesprochen, und sie arbeiten sehr, sehr hart. Und ich denke, es wird alles gut werden.“

Wer Mitte Februar 2020 sieht, was sich in den Krankenhäusern Chinas abspielt, kann sich vorstellen, was auf die USA, auf Deutschland, auf viele Länder der Welt zukommen kann. Aber nur Länder wie Taiwan und Südkorea haben Maßnahmen ergriffen, um sich vom Virus nicht überraschen zu lassen.

Es wäre Ende Februar noch Zeit genug, die Maßnahmen zu ergreifen, die das Geschehen in China nahelegt. Die Botschaften aus China: Soziale Kontakte so weit wie möglich unterbinden, Infektionsketten zuverlässig und schnell verfolgen, sich mit Masken gegen Ansteckung schützen, Intensivbetten mit Beatmungsgeräten aufstocken. Aber all das unterbleibt noch in Deutschland, USA, Italien und all den anderen Ländern, die in den nächsten Monaten mit Millionen Infizierten klarkommen müssen.

Warnungen seit 2009

Besonders die USA müßten wissen, was auf sie zukommt: Spätestens seit 2009 taucht im jährlichen Bedrohungsbericht des US-Geheimdienstkoordinators die Warnung vor einer Pandemie auf: „Eine mögliche Grippe-Pandemie oder unbekannte Krankheiten wie SARS bleiben die größte gesundheitliche Bedrohung der Vereinigten Staaten“, heißt es in dem Bericht. Eine mögliche Pandemie sei auch international die größte Herausforderung.

2013, wiederum im jährlichen Bericht der Geheimdienste, liest sich die Warnung schon konkreter. Es ist bereits die Rede von Coronaviren, die von Fledermäusen auf Menschen übergehen. „Ein leicht übertragbares Virus, das die Atemwege befällt und mehr als ein Prozent seiner Opfer tötet, würde zu den folgenreichsten Ereignissen überhaupt zählen“, heißt es in dem Bericht. In weniger als sechs Monaten könnte so ein Ausbruch zu Leid und Tod in jedem Winkel der Welt führen. Und: „Das ist keine hypothetische Bedrohung.“

Bis zum 25. Februar ignorieren die wichtigen amerikanischen Behörden die Gefahr, im Einklang mit ihrem obersten Dienstherrn.

Da tritt eine Abteilungsleiterin der Seuchenbehörde CDC aus der Deckung. „Wir erwarten, dass sich das Virus in diesem Land ausbreiten wird“, sagt sie bei einer telefonischen Pressekonferenz. „Es ist nicht die Frage, ob dies geschieht, sondern wann es geschieht und wie viele Menschen schwer erkranken werden.“

Städte und Gemeinden sollten beginnen, sich auf den Ernstfall vorzubereiten. Schulen müssten geschlossen, Konferenzen abgesagt, Büros ins Homeoffice verlegt werden. „Wir bitten die amerikanische Öffentlichkeit, mit uns zusammenzuarbeiten, falls es zum Schlimmsten kommt.“

Am Tag zuvor sind die Börsen um mehr als drei Prozent nach unten gerauscht. Nun stürzen die Kurse weiter ab.

„Wir sind absolut vorbereitet“

Präsident Trump war auf Staatsbesuch in Indien, er ist auf dem 18-stündigen Rückflug und lässt für den kommenden Nachmittag eine Pressekonferenz einberufen.

Trump tritt im „Situation Room“ vor die Presse. Hinter ihm aufgereiht, unter anderem: CDC-Chef Redfield und Gesundheitsminister Azar. „Es ist eine Grippe, wie eine Grippe“, sagt Trump. „Was auch immer passiert, wir sind absolut vorbereitet.“

Die Pandemie ist abgesagt. Das CDC bekommt einen Maulkorb, die mächtigste Seuchenschutzbehörde der Welt. Als im Jahr 2002 SARS ausbrach, halfen CDC-Forscher das Genom des Virus zu entschlüsseln. Wenn auf der Welt Epidemien bekämpft werden mussten, war auf das CDC Verlass. Doch nun rücken die USA ins Zentrum einer Pandemie, und die Behörde muss sich einem Präsidenten unterordnen, der die größte Bedrohung der Vereinigten Staaten seit 9/11 durch Kleinreden bekämpfen will.

„Wenn Sie 15 Fälle haben, und die 15 werden in ein paar Tagen auf fast Null sinken, dann haben wir ziemlich gute Arbeit geleistet“, sagt Trump an diesem Tag.

Der Ton für die kommenden Wochen im März ist gesetzt – keine alarmierenden Botschaften mehr. Vizepräsident Mike Pence übernimmt die Leitung des Krisenstabes, die Gesundheitsexperten müssen sich wegducken.

Die Entmachtung der CDC kritisiert vor allem ihr ehemaliger Chef, der Infektionsmediziner Tom Frieden. Er leitete die Behörde unter US-Präsident Barack Obama. „Das offensichtliche Fehlen der CDC auf nationaler Ebene ist gefährlich. Sie an den Rand zu drängen, wird Zeit und Leben kosten. Es ist wie ein Kampf mit einer Hand hinter dem Rücken“, sagt Frieden später.

Und er benennt die Schwachstellen im Kampf gegen den Eindringling, der unbemerkt Bundesstaat für Bundesstaat einnimmt. „Haben wir die Produktion von Beatmungsgeräten hochgefahren? Die Produktion von N95-Sicherheitsmasken für unsere Gesundheitsmitarbeiter? Das Training auf den Intensivstationen? Die Produktion von Thermometern, Handdesinfektionsmitteln? Die Ausbildung von Menschen, die Ansteckungsketten untersuchen?“

Politisch verblendet

Im März dann: Jeden Tag neue Fälle. In Utah und Nebraska, in Kentucky, Indiana und Minnesota. In South Carolina und Pennsylvania, in Oklahoma und Nevada. In Colorado, Tennessee und Maryland. Die Kritik ist mächtig, ohnmächtig. Warum wurde nicht eher auf Corona getestet, massenhaft und systematisch? Warum wurde der Februar vergeudet? Wer hat Schuld?

Da macht Präsident Donald Trump das, was er in solchen Situationen immer macht: Schlagzeilen erzeugen, die Debatte an sich reißen. An diesem Tag besucht er die Zentrale der Seuchenbehörde CDC und stellt sich in einem Labor der Presse. Ein denkwürdiges Bild: In der Mitte Trump, in Windjacke und roter „Keep America Great“-Wahlkampfkappe. Links von ihm Gesundheitsminister Azar, rechts CDC-Direktor Redfield, in Anzug und Krawatte – jene beiden Männer, die es vergeigt haben. Deren Behörden versagt haben. Aber an diesem Morgen geht es um Erfolgsmeldungen.

„Nahezu perfekt“, seien die Corona-Tests, prahlt Trump. Und gesteht, selbst einen scharfen medizinischen Verstand zu haben. „Ich mag dieses Zeug. Ich verstehe es wirklich. Die Leute hier sind überrascht, dass ich es verstehe. Jeder dieser Ärzte sagte: Woher wissen Sie so viel darüber?“ Bis hierher: harmlose Spinnereien eines Narzissten. Aber dann sagt Trump einen von diesen Sätzen, der nicht nur Gelächter erzeugt oder Verwirrung, sondern Schaden anrichtet: „Jeder, der einen Test will, bekommt einen Test.“

Millionen Amerikaner hören es in den Nachrichten. Zehntausende machen sich auf den Weg. Ängstliche, Übervorsichtige, Erkältete. Blockieren die Hotlines, verstopfen die Notaufnahmen und Praxen.

Noch immer nimmt Donald Trump das Virus nicht ernst. Noch immer hat er vor allem eine Sorge – dass die Wirtschaft abstürzt, die Börse weiter crasht, seine Wiederwahl scheitert. Noch drei Tage später, am 9. März, twittert er: „Im vergangenen Jahr starben 37.000 Amerikaner an der Grippe. Im Durchschnitt sind es zwischen 27.000 und 70.000 pro Jahr. Nichts wird stillgelegt, das Leben und die Wirtschaft gehen weiter. Gegenwärtig gibt es 546 bestätigte Fälle von Corona, mit 22 Todesfällen. Denken Sie darüber nach!“
Mitte April: 4.500 Tote in den USA, an einem Tag. Lockdown in New York und Kalifornien, in Seattle und Chicago. Je länger er anhält, desto schriller wird der politische Streit. Nicht lange, da werden Bewaffnete ein Parlament besetzen.

Im Streit zwischen New Yorks demokratischem Gouverneur Andrew Cuomo und dem Präsidenten zeigt sich, wie das Virus zum Spielball zwischen den beiden politischen Lagern wird. Trump und er kennen sich schon ewig. Beide stammen aus Queens, beide haben übermächtige Väter, beide das nicht enden wollende Bedürfnis, der Welt in einem fort zu beweisen, dass sie die Besten sind. „Es sind zwei Egomanen“, sagt ein abtrünniger Republikaner. „Aber für Cuomo spricht, dass er ein kompetenter Egomane ist.“

Trump: „Wenn jemand der Präsident der Vereinigten Staaten ist, ist seine Macht allumfassend. Und so muss es sein. Allumfassend. Und die Gouverneure wissen das“.

Allumfassend?

Andrew Cuomo ließ sich daraufhin in mehreren News-Shows zuschalten. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wovon der Präsident spricht“, sagte er auf NBC. „Wir haben eine Verfassung, keinen König. Der Präsident hat nicht die totale Autorität.“ Auf CNN nannte er Trumps Krisenmanagement „schizophren“. Und auf MSNBC verglich er dessen Corona-Briefings mit einem „Comedy-Sketch“.

Tatsächlich ruderte Trump zurück. Weil er seinen Fehler eingesehen hatte? Wohl kaum. Eher, weil er traditionell keine Verantwortung übernehmen will. Ganz gleich, was bei der Wiedereröffnung des Landes schiefläuft, er wird die Schuld dafür den Gouverneuren in die Schuhe schieben.

Cuomo: „Es waren Ihre Modelle, Herr Präsident. Wenn wir so töricht waren, Ihnen zuzuhören, dann schämen wir uns.“ Trump hatte auf seiner Pressekonferenz mit Zahlen von 100.000, 200.000 oder 2,2 Millionen Toten Amerikanern herum hantiert und sich – während er diese Modellrechnungen referierte – einen Scherz über sein Verhältnis zu Models erlaubt.

Überall auf der Welt rücken Menschen während der Corona-Pandemie zusammen. Sie sammeln sich hinter ihren Regierenden, der Parteienstreit schweigt für den Moment, die Kritik wird leiser. Das Virus eint. Nicht aber in den USA. Hier vertieft die Krise nur die Spaltung. Der Kulturkampf geht in eine neue Runde.

In den Bundesstaaten beginnen Trump-Anhänger, für mehr Lockerungen zu demonstrieren. In Louisiana stellt sich eine Krankenschwester den Demonstranten in den Weg. Die Demonstranten pöbeln sie an, beschimpfen sie, schwenken Flaggen vor ihrem Gesicht. Sie rührt sich nicht vom Fleck. Steht da mit Mundschutz und blauem Kittel, stundenlang, und bald geht auch dieses Foto um die Welt, eine Krankenschwester, die sich wütenden Demonstranten entgegenstellt, die wollen, dass der Lockdown endet. Ein Bild des gewaltfreien Widerstandes.

Was passiert da jetzt in den USA zwischen Menschen, die eigentlich ein Interesse und ein Ziel haben: zu verhindern, dass dieses bedrohliche Virus weiter vordringt? An welche Sätze wird man sich einst von Donald Trump erinnern, in 50, 100 Jahren? Vielleicht gehören diese hier dazu, gesprochen im Weißen Haus, an einem Tag, an dem in den USA weitere 2000 Menschen durch COVID-19 sterben, mindestens. Im Presseraum des Weißen Hauses sagt US-Präsident Donald Trump, blickt immer wieder zu einem Mediziner, der vor ihm gesprochen hat: „Nehmen wir mal an, wir behandeln den Körper mit einer enormen Menge ultraviolettem oder einfach starkem Licht, ich glaube, Sie sagten, das sei noch nicht überprüft worden, aber Sie werden es testen. Mal angenommen, man könnte das Licht in den Körper bringen, durch die Haut oder sonst irgendwie. Ich glaube, Sie sagten, auch das werden Sie testen. Klingt interessant.“

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Trump ist nicht zu stoppen: „Es gibt ein Desinfektionsmittel, das in einer Minute abtötet. Einer Minute. Und gibt es eine Möglichkeit, wie wir das machen können, durch spritzen oder fast säubern? Denn man sieht, dass es in die Lungen gelangt und dort eine enorme Menge bewirkt. Also, es wäre interessant, das zu überprüfen. Sie werden Ärzte daransetzen müssen, aber für mich klingt das interessant. Also, wir werden sehen. Aber das ganze Konzept des Lichts, die Art und Weise, wie es in einer Minute tötet, das ist ziemlich stark.”

Gelächter. Entsetzen. Fassungslosigkeit. Hat der Präsident das wirklich gesagt?

In jenen Tagen sickert ein Memo durch über eine mögliche Strategie der Republikaner im Präsidentschaftswahlkampf, die Kernpunkte laut „Politico“:
China für den Coronavirus-Ausbruch verantwortlich machen. Die Demokraten mit der chinesischen Regierung in Verbindung bringen. Jede Diskussion über Trumps Corona-Krisenmanagement vermeiden.

Anfang Mai dringen Demonstranten in das Parlament von Michigan, brüllen die Wachleute an, skandieren Slogans. Einige sind schwer bewaffnet. Breitbeinig posieren sie für die Fotografen, Sturmhauben über dem Kopf, Sturmgewehre in den Händen.

Bilder, die an einen Staatsstreich erinnern

Tausende Demonstranten umringen das Kapitol. „Sperrt sie ein“, schreien die Demonstranten im Chor – gemeint ist die Gouverneurin. Rot versus blau. Demokraten versus Republikaner. Lockdown versus Lockerung. Gemeinwohl gegen unbedingte Freiheit. Das Primat der öffentlichen Gesundheit gegen das Primat der Wirtschaft. Gesichtsmasken gegen keine Gesichtsmasken. Der Streit in den USA wird schriller. Militanter. Einige Tage zuvor wurde ein Wachmann erschossen, als er einen Mann daran hindern wollte, einen Supermarkt ohne Mund-Nase-Schutz zu betreten.

Und natürlich mischt sich Präsident Trump ein und gießt Öl ins Feuer. „Dies sind gute Leute, aber sie sind wütend“, twittert er. „Sie wollen ihr Leben zurück.“

Jetzt, Anfang Juli, vermehrt sich das Virus exponentiell in den Staaten, die von Republikanern regiert werden und zu schnell die Lockerungen im Kampf gegen das Virus aufgehoben haben. Texas, Florida, Arizona und andere Südstaaten der USA sind jetzt das neue weltweite Epizentrum der Pandemie. Der oberste Seuchen-Experte der USA warnt vor demnächst hunderttausend neuen Infizierten – pro Tag.

Dem Virus wird es in den USA so einfach gemacht wie in keinem anderen Land der Welt, weil es zum Spielball der politischen Lager geworden ist. Wie sagte der Nobelpreisträger Joshua Lederberg: „Viren sind unsere einzigen Rivalen um die Herrschaft auf diesem Planeten.“ Und sie triumphieren, wenn Menschen es ihnen zu leicht machen. In den letzten fünf Wochen hat sich die Zahl der weltweit Infizierten verdoppelt, von 5 Millionen auf über 10 Millionen.

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Der Ausbruch in Gütersloh zeigt erneut, dass in NRW eine zentrale Steuerung bei der Pandemie-Bekämpfung fehlt. picture alliance/David Inderlied/dpa
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Erst Heinsberg, jetzt Tönnies im Kreis Gütersloh: NRW lässt Kommunen allein

Ein internes Arbeitspapier belegt nach CORRECTIV-Recherchen, dass die Gesundheitsminister in NRW seit 2015 Forderungen nach einer landesweiten Koordinierung bei Gesundheits-Krisen ignorieren. Die Kommunen sind überfordert. In Gütersloh brach der Leiter des örtlichen Krisenstabes gesundheitlich zusammen.

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von Marcus Bensmann

In dem Buch „Corona – Geschichte eines angekündigten Sterbens“, das am 19.06. erschienen ist, beschreibt CORRECTIV auch, wie das Land NRW auf interne Warnungen nicht reagierte. Im Fall Gütersloh werden die Versäumnisse aktuell deutlich.

Anfang der Woche konnte der Leiter des Krisenstabs im Kreis Gütersloh nicht mehr. Thomas Kuhlbusch ist für den Fachbereich Gesundheit, Ordnung und Recht zuständig. Seit dem Ausbruch der Coronakrise leitet der kommunale Beamte den örtlichen Krisenstab. Der erneute Coronaausbruch in den Fleischbetrieben von Tönnies war dann wohl zu viel.

Als der erneute Lockdown im Kreis Gütersloh verkündete wurde, brach der Leiter des Krisenstabes zusammen. „Herr Kuhlbusch ist krank“, meldete die Pressestelle des Kreises. Der Ministerpräsident von NRW, Armin Laschet (CDU), sagte, der Fall zeige auch die große Last, die auf den Behörden im Kreis liege.

Mit seiner Aussage hat Laschet mehr recht als ihm vielleicht bewusst ist. Der Kreis Gütersloh steht mit der operativen Bekämpfung des Ausbruchs mehr oder weniger alleine da.

Schon 2017 hatte CORRECTIV recherchiert, dass NRW über Jahre Forderungen von Experten nach zentralen Strukturen für eine Seuchen-Bekämpfung ignoriert hat, der die Kommunen entlasten könnte. Sowohl die ehemalige Gesundheitsministerin der Grünen, Barbara Steffens, als auch der derzeitige Amtsinhaber Karl-Josef Laumann (CDU) wußten Bescheid, dass das Land NRW für den Fall einer Pandemie nicht gewappnet war. Beide setzten konkrete Vorschläge für eine zentrale Koordinierung des Infektionsschutzes in NRW nicht um.

Dem Gesundheitsministerium in NRW ist spätestens seit 2015 bekannt, dass dem Bundesland bei der Bekämpfung von Infektionsausbrüchen „überregionale zentrale operative Strukturen mit Entscheidungskompetenz auf Landesebene“ fehlten. So steht es einem internen Arbeitspapier „Infektionsschutz in NRW“, das CORRECTIV vorliegt. Es wurde im Auftrag des Landesministeriums im Jahr 2015 erstellt.

Allein in der Krise

Das bevölkerungsreichste Bundesland verfügt zwar über ein „Landeszentrum Gesundheit“ (LZG), das dem Gesundheitsministerium untersteht. Aber das hat nach Recherchen von CORRECTIV in der Krise keine „Steuerfunktion“, wie der Sprecher des LZG gegenüber CORRECTIV im März bestätigte. Das unterscheidet es von Gesundheitszentren anderer Bundesländer, etwa Bayern: „Das Bayerische Landesamt für Gesundheit ist die zentrale Fachbehörde des Freistaats Bayern für das Thema Gesundheit, es erarbeitet Infektionsschutzmaßnahmen und Strategien und berät die vor Ort zuständigen Gesundheitsämter im Rahmen des Corona-Ausbruchsgeschehens“, so der Sprecher des bayerischen Umweltministeriums.

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Das Landeszentrum in NRW ist dagegen nicht in der Lage, eine operative Rolle bei der Bekämpfung auch des erneuten Corona-Ausbruches im Kreis Gütersloh zu übernehmen. Wie schon bei dem Corona-Ausbruch in Heinsberg zu Anfang der Krise bleiben die Kommunen in NRW alleine. Der Landrat von Heinsberg, Stephan Pusch, sah sich gezwungen, sogar China um Hilfe in der Coronakrise zu bitten.

Auf Anfrage von CORRECTIV  bestätigt auch das Gesundheitsministerium die fehlende zentrale Steuerung. Das Zentrum habe keine leitende Funktion, „weil dem LZG.NRW keine Steuerungsfunktion zugewiesen ist“, es habe „vielmehr als fachliche Leitstelle beratende und unterstützende Aufgaben“. Weiter heißt es, dass „die Bewältigung von Ausbrüchen (…) grundsätzlich in Verantwortung des betroffenen Kreises bzw. der Bezirksregierungen“ erfolge. Genau das hatte ein Arbeitspapier für das Ministerium 2015 als unzureichend angesehen.

Kein Interesse an Koordinierung

Die Geschichte des Versäumnisses beginnt 2013. Der Anstoß für eine landesweite zentrale Koordinierung für einen Infektionsausbruch kam von den Gesundheitsamtsleitern in NRW, darunter unter anderem auch Anne Bunte, damals Leiterin des Gesundheitsamtes in Köln, jetzt ausgerechnet in Gütersloh. Schon 2013 waren die Kommunen bei Infektionsausbrüchen auf sich gestellt.

Ein Beispiel: Im August 2013 brach in Warstein im Kreis Soest die Legionellen-Krankheit aus. Von dem Landeszentrum Gesundheit gab es „keine Labor- und wissenschaftliche Expertise“. Die Kommune habe selbst mit dem Problem fertig werden müssen, sagte der damalige Leiter des dortigen Gesundheitsamtes gegenüber CORRECTIV 2017.

„Wir haben 2000 in Nordrhein-Westfalen ein Gesetz zum öffentlichen Gesundheitsdienst bekommen, das die kompletten Aufgaben kommunalisiert hat“, sagt Anne Bunte. Man sei damals davon davon ausgegangen, dass die Infektionskrankheiten keine Rolle mehr spielten. Wichtiger sei der Kampf gegen den Bluthochdruck gewesen. „Dann kamen SARS, die Vogelgrippe, die Schweinegrippe und das waren die Gründe, warum wir 2013 mit der Vorbereitung zum Arbeitspapier gestartet sind“, sagt die Ärztin.

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Unter der Leitung von Martin Exner, Direktor des Institutes für Hygiene und Öffentliche Gesundheit und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH), gründeten die Verantwortlichen in den Gesundheitsämtern und den Ärzteverbänden in NRW eine Arbeitsgruppe und legten die Ergebnisse zum „Infekionsschutz in Nordrhein-Westfalen“ im Dezember 2015 der damaligen Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) vor. Die Anregenung kam aus den Kommunen und der Ärzteschaft, das Ministerium hat daraufhin die Arbeitsgruppe eingerichtet.

Die wichtigste Forderung der Arbeitsgruppe war, eine zentrale Koordinierung einzurichten: „Das Management außergewöhnlicher Infektionsereignisse von überregionaler Bedeutung (z. B. Pandemie) erfordert zentrale operative Strukturen mit Entscheidungskompetenz auf Landesebene“.

Doch genau diese gibt es in NRW bis heute nicht. Der Sprecher des Gesundheitsministeriums schreibt dazu: „Vertreter des LZG nehmen in unterschiedlichem Umfang und unterschiedlicher Verteilung beratend an Krisensitzungen teil und unterstützen bei der Klärung von übergeordneten Fragen und Problemstellungen.“ Die Autorinnen des Papiers hielten allerdings 2015 ausdrücklich fest: „Der Rückzug auf die reine Beratungsfunktion hat sich in der Vergangenheit als nicht hilfreich erwiesen.“

Vorschläge für die Schublade

Die Forderungen der Arbeitsgruppe waren konkret. NRW hat fünf Regierungsbezirke und 54 Gesundheitsämter. In jedem der Regierungsbezirke sollte demnach ein Institut oder eine Universität zur zentralen Stelle ausgebaut werden, die im Ausbruchsfall den Kommunen dann „operativ“ zur Seite steht. Zudem sollten diese „Spezialkompetenzen“ unter anderem auch für „Coronaviren“ bilden. So stand es schon vor fünf Jahren in dem Papier. Kostenpunkt für diese Reform: 1,5 Millionen Euro im Jahr.

NRW verfügt zwar an den Standorten Bochum und Münster über ein Landeszentrum Gesundheit, aber die sind nur beratend tätig. Andere Bundesländer hätten eine Institution mit operativer Steuerungsfunktion, wie in Hessen das Kompetenzzentrum für lebensbedrohliche Erkrankungen, heißt es in der Studie.

Zudem kritisierten die Autoren der Studie, dass NRW im Gegensatz zu anderen Bundesländern über keine eigene Laborkapazitäten verfüge, aber ohne diese „können die Aufgaben zur Sicherstellung des Infektionsschutzes nicht erfüllt werden.“

Das Papier von 2015 liest sich wie eine Handlungsanweisung für den Krisenfall, der fünf Jahre später das Land erschütterte.

Doch die Vorschläge blieben in der Schublade. Die Gesundheitsministerin Steffens (Grüne) zeigte öffentlichkeitswirksam eher Interesse an der Homöopathie. „Ich bin überzeugt davon, dass es wirkt“, sagte Steffens 2013 in einem TV-Interview. Dort gab sie sich auch gegenüber Naturwissenschaftlern skeptisch: „Ich finde es anmaßend, wenn irgendwer meint, dass man naturwissenschaftlich den Menschen Krankheitsprozess und Genesungsprozesse mal eben so einfach erklären könnte“. Steffens, die nun die Landeszentrale der Techniker Krankenkasse leitet, hat auf Anfragen von CORRECTIV nicht geantwortet. Professor Martin Exner sagte 2017 über das Treffen mit der damaligen Ministerin gegenüber CORRECTIV: „Offenbar ist es uns nicht gelungen, dass die Bedeutung klar geworden ist“.

Lästern in internen Emails

Nach der Abwahl der rot-grünen Landesregierung interessierte sich auch der neue Minister für Gesundheit, Karl-Josef Laumann (CDU), nicht für den Infektionsschutz.Die Enttäuschung in den Gesundheitsämtern über die Arbeitsweise des Landeszentrums Gesundheit zeigt ein interner Email-Verlauf während der Coronakrise, der CORRECTIV vorliegt. Als das LZG am 16.03. „aktuelle Information zur Krankheit Coronavirus Disease-19 (COVID-19)“ per verschickte, waren diese Informationen wohl nicht aktuell. Die Email liegt CORRECTIV vor.

Ein Empfänger lästert, ob sich das LZG schon „unter Quarantäne“ befinde, „da schon lange keine Infos mehr“ ankämen. Die Dokumente des Robert-Koch-Institutes und die Erlasse würden die Gesundheitsämter über „die üblichen Kanäle“ erhalten. Das LZG wurde aufgefordert „seiner Steuerungsfunktion“ nachzukommen und eine „einheitliche Vorgehensweise“ vorzuschlagen, das „bloße Weiterleiten von RKI-Dokumenten ist in dieser Situation nicht zielführend“, heißt es in der Antwortmail an das LZG.

Hilferuf an andere Ämter

Das Gesundheitsministerium weist darauf hin, dass es Unterstützung gebe. Das LZG sei „mit bis zu zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unterschiedlichen fachlichen Hintergrundes vor Ort vertreten“, schreibt ein Sprecher des Ministeriums.

So wirksam ist die bisher geleistete Unterstützung nicht, denn die zuständige Bezirksregierung schickte, wie es aus Kreisen der kommunalen Gesundheitsbehörden gegenüber CORRECTIV heißt, einen verzweifelten Hilferuf an die anderen Kommunen in NRW mit der Bitte um Amtshilfe. Die Entsendung von Mitarbeitern in den Kreis Gütersloh soll in einigen Fällen gescheitert sein, da betroffene Mitarbeiter aus anderen Kommunen befürchtet hätten, nach ihrem Einsatz im Lockdown-Gebiet nicht mehr in den Urlaub fahren zu können.

Jetzt fehlt die operative Steuerung bei der Bewältigung des Corona-Ausbruches, erst in Heinsberg und nun bei Tönnies im Kreis Gütersloh.

Der Artikel wurde am 27.06.20 aktualisiert.

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Das Virus oder Du

Gütersloh. Berlin. Göttingen. Texas. São Paulo. Jeden Tag sorgt SARS-CoV-2 für neue Schlagzeilen. Ist das schon die zweite Welle? Der Eindringling, der weltweit schon Millionen Menschen infiziert hat, ist tückisch, weil er überall lauern kann: Im Husten deines Kindes, im Handschlag deines Chefs. Sogar in der Raumluft, die dich umgibt. Doch wie genau breitet sich das Corona-Virus im Körper aus? Welcher Kampf spielt sich in den Zellen ab, wenn sich ein Mensch infiziert?

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von Esther Göbel

Dieser Artikel ist Teil unseres Buches Corona – Geschichte eines angekündigten Sterbens, das am 19.06. erschienen ist.

Das Virus ist ein Manipulator. Eigentlich sogar ein Diktator: Einmal in die Wirtszelle eingedrungen, programmiert es diese schamlos um und nutzt die vorhandene Infrastruktur für die eigene Produktion – es versklavt die Zelle.

Bis es so weit kommt, muss es allerdings einen gewissen Weg zurücklegen: Es reist über eines jener Tröpfchen, das als Transportschiff zwischen einer infizierten Person und dir dient, zunächst in den Nasen-Rachenraum und von dort über die Luftröhre tief in die Lunge. Dabei passiert es deine Schleimhaut, die die inneren Hohlräume des Körpers auskleidet. Die Luftröhre teilt sich auf Höhe des Brustbeins in die beiden Hauptbronchien, die sich wiederum in feinste Verästelungen auffächern, wie ein Baum. An den Enden der Äste sitzen dünnwandige Bläschen: die Lungenalveolen. Hier findet über ein feines Kapillarsystem der Gasaustausch statt: Sauerstoff aus der eingeatmeten Luft gelangt ins Blut, Kohlendioxid von dort in die Lungenbläschen zurück. Der frisch eingeatmete Sauerstoff gelangt in die roten Blutkörperchen und wird schließlich über das Kreislaufsystem im ganzen Körper verteilt. Vielleicht schafft das Virus schon im Rachenraum den Übergang in die Schleimhautzellen, vielleicht auch erst in der Lunge. Sie ist das Hauptreiseziel des Virus. Weil die Lunge mit einer Größe von 100 bis 140m² eine riesige Angriffsfläche bietet. Und weil hier besonders viele gut geeignete Stellen sitzen, an denen das Virus sich einschleusen kann.

Der stille Eindringling

Während es seine Reise zurücklegt, bemerkst du: nichts. Vielleicht joggst du gerade durch den Park oder hast im Supermarkt noch stolz die letzten Vorräte Toilettenpapier ergattert. Ein anderer Kunde, der vorbeiläuft, als du sechs Rollen aus dem Regal fischst, hat zweimal kurz in deine Richtung gehustet. Es fällt dir auf, aber du schiebst es beiseite. Du bist in Eile. Also stellst du dich an die Kasse, bezahlst und hast den hustenden Kunden schon vergessen.

Es geht dir gut, auch einen Tag später und den Tag darauf. Doch nach ein paar Tagen schmeckt dein Essen plötzlich seltsam fad, du riechst nicht sehr gut, bekommst Halsschmerzen. Aber weder deinen mangelnden Geschmackssinn noch deinen eingeschränkten Geruch koppelst du im Kopf mit einer möglichen Infektion. Nach etwa fünf bis sechs Tagen bekommst du Fieber, beginnst zu husten. Zu diesem Zeitpunkt hat dein Immunsystem den Kampf gegen den Eindringling schon aufgenommen. Er fährt die Betriebstemperatur hoch, damit das Immunsystem besser arbeiten kann und es für den Feind ungemütlicher wird; daher das Fieber. Es will zerstörtes Zellmaterial loswerden; daher der Husten. Doch das Virus ist einen Schritt voraus – und hat deine Zellen längst gekapert.

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Völlig machtlos steht dein Körper dem Diktator nicht gegenüber. Deine Waffe heißt Immunsystem. Eigentlich hast du sogar zwei: eines, das Wissenschaftler „angeborenes Immunsystem“ nennen, und ein zweites, dass sie als „adaptives“ bezeichnen. Beide Systeme sind eng miteinander verzahnt und übernehmen unterschiedliche Aufgaben. Das angeborene Immunsystem ist evolutionär betrachtet sehr alt; es hat sich vermutlich vor 750 Millionen Jahren gebildet. Du kannst es dir wie eine dauerpatrouillierende Truppe vorstellen, die durch deinen ganzen Körper marschiert und darauf achtet, dass niemand reinkommt, der nicht reinkommen soll. Das angeborene Immunsystem funktioniert also wie ein Frühwarnsystem.

Alarm in der Zelle

Schafft es doch ein Eindringling bis in die Zelle, geht der Alarm los: So genannte Zytokine werden angeschaltet, zu denen auch Stoffe gehören, die man Interferone nennt. Sie sind wie mikroskopisch kleine Megafone, durch die der Sicherheitstrupp an die Nachbarzellen die Botschaft verbreitet: „Achtung, Achtung, bitte bereit machen, hier stimmt etwas nicht!“ Jetzt holt dein Körper seinen Notfallplan hervor: Es aktiviert eine ganze Kaskade weiterer Schritte, Fresszellen und Killerzellen beispielsweise, die es zum Ort der Infektion schickt, um die befallene Zelle zu beseitigen. Außerdem wird der Entzündungsprozess eingeleitet. Dadurch sollen erstens noch mehr Abwehrzellen an den Ort der Infektion rekrutiert werden, gleichzeitig soll die Entzündung die virusinfizierten Zellen eliminieren.

Das adaptive Immunsystem braucht länger, bis es reagiert, einige Tage. Dafür arbeitet es sehr viel spezifischer: Während das Interferon-Frühwarnsystem mit seinen Fress- und Killerzellen gegen jedes Virus Alarm schlägt, müssen die so genannten T- und B-Zellen, die in deinem Blut und in der Lymphe zirkulieren, erst heranreifen, um gegen einen spezifischen Erreger reagieren zu können. Sie erkennen ihn über sehr spezifische, dem jeweiligen Virus eigene Eiweiße, so genannte Antigene. Die T- und B-Zellen bilden daraufhin Antikörper aus, die genau auf das jeweilige Antigen reagieren. Und, das ist der größte Clou deines Immunsystems: Es bildet Gedächtniszellen aus. Sie „merken“ sich quasi das jeweilige Antigen – wenn dein Körper in Zukunft noch einmal mit diesem in Berührung kommen sollte, kann das Immunsystem sofort die nötigen Antikörper ausbilden. So entsteht Immunität.

Vielleicht gehörst du zu den circa 80 Prozent der Infizierten, bei denen das Immunsystem das Virus in den Griff bekommt. Du hast ein paar Tage Fieber, hustet ein bisschen, fühlst dich erschöpft. Aber du ruhst dich aus; im Großen und Ganzen verläuft die Sache glimpflich. Wieso COVID-19 bei dir so milde verläuft, wissen Experten bis dato nicht genau; wenn du eine Frau bist, in einem fitten Zustand, noch jung und keine starke Virusdosis abbekommen hast, stehen die Chancen gut. Oder du hast du einfach nur Glück gehabt.

Wenn das Virus stärker ist

Vielleicht hast du aber auch Pech. Vielleicht bist du ein Mann, über siebzig Jahre alt, leidest unter einer Vorerkrankung und der andere Kunde aus dem Supermarkt, der längst infiziert war, als er dich angehustet hat, hat dir eine ordentlich hohe Ladung Virus verpasst. Schon seit einigen Tagen hast du Fieber, Husten und Halsschmerzen, doch plötzlich fühlst du dich sehr viel schlechter. Vorsorglich rufst du den Krankenwagen, auch wenn du noch keine Atembeschwerden hast. Jetzt gehörst du zu den zwei bis 25 Prozent der SARS-CoV-2-Infizierten in Deutschland, die hospitalisiert werden.

Im Krankenhaus scannen die Ärzte deine Lunge. Und erschrecken: Große Teile sind bereits beschädigt. In beiden Flügeln sehen sie in der Computertumorgraphie an den Rändern deiner Lunge weiße Flächen, die wie kleine Wölkchen aussehen. Hier hat das Virus zugeschlagen, die weißen Blutkörperchen deines Immunsystems haben das Gewebe in der Lunge zerstört. Die Ärzte messen deinen Sauerstoffgehalt im Blut; unter 93 Prozent, viel zu niedrig. Und mittlerweile merkst du auch, dass etwas nicht stimmt: Du bekommst schlechter Luft, atmest schneller, erhöhst deine Atemzugfrequenz.

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Das Virus hat in deiner Lunge eine Entzündung verursacht. Durch sie können die Lungenalveolen nicht mehr richtig arbeiten, jene dünnwandigen Bläschen, die am Ende deiner Bronchialverästelungen sitzen und an denen normalerweise der Gastausch stattfindet. Sie werden leck und laufen mit Flüssigkeit voll. Der Gasaustausch in den Lungenalveolen funktioniert nicht mehr so, wie er es soll, der Sauerstoffgehalt in deinem Blut fällt irgendwann unter 90 Prozent. Die behandelnde Ärztin beschließt, nachzuhelfen. Sie verlegt dich auf die Intensivstation, setzt dir eine Mund-Nasen-Maske auf, die den Sauerstoffpartialdruck in der Einatemluft erhöht. Von normalerweise 21 auf 100 Prozent. So will sie es deiner Lunge leichter machen, Sauerstoff aufzunehmen. Aber es hilft nichts; deine Lunge ist schon zu geschädigt.

Die Hölle im Körper

Der nächste Schritt heißt: Beatmungsmaschine. Deine Ärztin beschließt, du musst intubiert werden. Das heißt, sie schiebt dir einen Schlauch tief in deine Luftröhre hinein. Der Schlauch ist an eine Maschine angeschlossen, die durch Druck Sauerstoff in deine Lunge presst. Um dich zu intubieren, sediert sie dich also, du verlierst das Bewusstsein. So liegst du nun in deinem Krankenhausbett, in deinem Körper stecken Nadeln und Katheter. Maschinen rund um dein Bett überwachen dich, es piept und blinkt.

Gleichzeitig ist in deinem Körper die Hölle los. Die Sicherheitstrupps laufen wie wild durcheinander, sie schreien unterschiedliche Botschaften durch ihre Megafone – wenn das passiert, geht dein Körper durch einen so genannten Zytokin-Sturm hindurch: Das Virus hat durch einen Trick dein Interferon-Frühwarnsystem ausgeschaltet, wodurch es sich zunächst ungehemmt vermehrt hat. Nicht mehr nur in deiner Lunge. Auch in deinem Darm, in der Niere, im Herzen. Die Entzündung wird systemisch. Dadurch aber hat dein Immunsystem immer neue Signale empfangen, ausgelöst durch die Zytokin-Flutung, es feuert jetzt aus vollen Rohren, überall in deinem Körper tönen Sirenen und schreien „Notfall! Verstärkung!“ Also fährt dein Immunsystem sein Waffenarsenal weiter hoch – es überreagiert. Und greift nun deinen eigenen Körper an.

Gelangt die Infektion in die Blutbahn, entsteht das, was jeder Arzt fürchtet: eine Sepsis. Durch sie weiten sich die Blutgefäße, ihre Wände werden durchlässig. In der Folge werden deine Organe unterversorgt, die Niere, die Leber, dein Herz. Die künstliche Beatmung bedeutet zusätzlichen Stress. Weitere Komplikationen sind nicht unwahrscheinlich, dein Körper ist jetzt extrem anfällig, zusätzliche Erreger haben leichtes Spiel. Irgendwann kippt dein ganzes System; die Ärzte bekommen dein überschießendes Immunsystem nicht mehr in den Griff. Dein Kreislauf bricht zusammen, dein Herzschlag vermindert sich auf 40 Schläge pro Minute. Bis es schließlich gar nicht mehr schlägt und auf dem Monitor des EKGs nur noch eine Nulllinie zu sehen ist. Du stirbst.

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Die Virendetektive

Gesundheitsämter warnten schon 2015, dass Deutschland nicht auf eine Pandemie vorbereitet sei. Nach der schwierigen ersten Phase verfolgen Mitarbeiter der Gesundheitsämter jetzt wieder die Infektionsketten. Die neue Corona-Warn-App soll dabei helfen.

weiterlesen 5 Minuten

von Marcus Bensmann

Dieser Artikel ist Teil unseres Buches Corona – Geschichte eines angekündigten Sterbens, das am 19.06. erschienen ist.

Im Düsseldorfer Gesundheitsamt sitzen die Mitarbeiter am letzten Samstag vor Bildschirmen, telefonieren und füllen Tabellen aus. Der Infektionsschutz kennt kein Wochenende. Sven Kraudelt sitzt mit buntem Mundschutz am Schreibtisch. Er ruft an. Ein Kind in einer Kita wurde positiv getestet, und jetzt muss der 44-jährige Mann die Eltern der anderen Kinder aus der Kitagruppe informieren.

Kraudelt versucht herauszufinden, wie nah der Kontakt der beiden Kinder war. Die Mutter an der anderen Leitung fragt die Tochter, und bekommt zur Antwort, „wir streiten uns immer“. Aber Kraudelt weiß schon, was er sagen wird. Er spricht eine mündliche Quarantäneverordnung aus. Schriftlich kommt sie dann mit der Post. Die Daten trägt der Infektionsdetektiv in eine Datenbank ein. Zwei Wochen darf das Kind die Wohnung nicht verlassen, allerdings nur das Kind, die Eltern schon.

Umschulung zum Gesundheitsschutz

Kraudelt hatte bisher wenig mit Medizin und Infektionsschutz zu tun. Er ist Reisekaufmann und erst seit kurzem wieder in Deutschland. Seine Frau hatte in Kanada mehrere Jahre gearbeitet, doch vor der geplanten Rückkehr in die Heimat ergriff die Pandemie die Welt. Flugreisen, Schiffstransporte, Umzüge. Alles war plötzlich ein Problem. „Auf einmal stand alles Kopf“, sagt Kraudelt, Aber der Umzug klappte dann doch. Eine Zeitarbeitsfirma hat den Rückkehrer zur Kontaktermittlung in das Gesundheitsamt vermittelt. Er arbeitet am Samstag und Sonntag. Zuvor wurde er mehrere Tage geschult.

In Düsseldorf liegt Mitte Juni die 10-Tage-Inzidenz, also die Fälle der Neuinfektionen bei hunderttausend Einwohnern, bei 10. Ab 50 pro hunderttausend wird es kritisch. Es gibt in der Stadt am Rhein 144 Fälle.

Dass nun ein Kind in einer Düsseldorfer Kita positiv getestet wurde, ist kein Zufall. Durch die Lockerung der Corona-Massnahmen, wird die Kinderbetreuung in Kitas immer notwendiger. „Die Öffnung von Tageseinrichtungen für Kinder ist demnach zwar gesellschaftlich sinnvoll, aber aus infektiologischer Sicht mit erheblichen Risiken verbunden“, heisst in einer gemeinsamen Studie der Landesregierung, des Universitätsklinikums Düsseldorf und des Gesundheitsamtes der Landeshauptstadt.

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Da in „der frühen Phase der Infektion“ die Person und in diesem Fall das Kind besonders ansteckend sind, müssen „zur Prävention von größeren Infektionsketten daher Neuinfektionen möglichst in den ersten drei Tagen“ erfasst und „Kontaktpersonen isoliert“ werden, heißt es in der CORRECTIV vorliegenden Studie.

Dazu werden in Düsseldorf 5000 Kinder in einem Zeitraum von vier Wochen zweimal pro Woche getestet. Der Test ist für die Kinder einfach. Sie müssen nur gurgeln und ausspucken.

Einer dieser Tests führt an diesem Samstag zu dem Telefonat. Der Kontaktsucher im Gesundheitsamt bietet jeder ermittelten Kontaktperson einen Test an, unabhängig davon, ob er Symptome hat oder nicht.

Neben den Kitas sind in Düsseldorf auch die Alten- und Pflegeheime ein Schwerpunkt von Tests. In einer Pflegeeinrichtung wurde Anfang Juni ein Bewohner positiv getestet, daraufhin haben sich alle Mitarbeiter der Pflegeeinrichtung einem Test unterzogen. Das Ergebnis dauert ein bis zwei Tage und wird direkt dem Lagezentrum übermittelt. Regelmäßig checkt die Mitarbeiterin des Gesundheitsamtes den Bildschirm. Sie ist Logopädin und seit März in der Coronabekämpfung tätig. Sobald die Testergebnisse der Pfleger reinkommen, werden diese und die Einrichtung informiert. Dann entscheidet sich, wer weiterarbeiten kann und wer in Quarantäne muß.

Mit Faxgeräten gegen die Pandemie

Gesundheitsämter sind in Deutschland die Kommandozentralen im Kampf gegen eine Epidemie. In NRW sind es 54 einzelne Gesundheitsämter, bundesweit mehr als 400.

Gesundheitsämter sollen die Vorgaben von Land und Bund umsetzen, vom Mundschutz über die Organisation der Intensivbetten. Vor allem aber sollen sie die Infektionsketten aufspüren, also Leute ermitteln, die ein Infizierter angesteckt haben könnte. Viel Arbeit, wenig Personal: Seit Anfang der 2000er Jahre wurde beim ärztlichen Personal fast ein Drittel eingespart, beklagen Gesundheitspolitiker.

Auch arbeiten die Gesundheitsämter teilweise noch mit Papierakten und Faxgeräten. „Wir haben aus der Schweinegrippe nicht die richtigen Konsequenzen gezogen, was die Digitalisierung angeht“, sagt der Leiter des Gesundheitsamtes, Klaus Göbels.

Mit Gefahren einer Pandemie für Düsseldorf hatte der heutige Leiter des Gesundheitsamtes schon vor zehn Jahren zu tun. Als er 2009 im Gesundheitsamt als Amtsarzt in Düsseldorf anfing, breitete sich gerade die Schweinegrippe aus. Damals erkannte Göbels, dass „einer erneuten Pandemie mit einem bundeseinheitlichen Vorgehen begegnet“ werden müsse.

Schon Wochen vor dem Ausbruch in China hatte Göbels sich Sorgen gemacht und seine Vorgesetzten gewarnt: Da die letzte „pandemische Influenza zehn Jahre her ist“, sei „zu befürchten, dass sich ein solches Ereignis wiederholen wird“. Die Warnung blieb ungehört.

Gesundheitsämter allein gelassen

Das Problem beim Kampf gegen eine Pandemie wurde schon damals deutlich: Es fehlt eine zentrale Koordination. Es waren Gesundheitsamtsleiter in Nordrhein-Westfalen, die das ändern wollten, Göbels war dabei. Etwa seit dem Jahr 2000 hatte Nordrhein-Westfalen die Gesundheitsdienste mehr oder weniger an die Kommunen abgeschoben, Infektionskrankheiten schienen weit weg und wenig bedrohlich zu sein. Dann kamen SARS, die Vogelgrippe, die Schweinegrippe, und so wandten sich die Verantwortlichen der Gesundheitsämter und der Ärzteverbände 2015 an die Landesregierung. In dem Papier „Infektionsschutz in Nordrhein-Westfalen“ forderten sie eine zentrale Koordination der 54 Gesundheitsämter in NRW. Doch genau diese gab es nicht.

Als die Pandemie kam, geschah, was Göbels und seine Kollegen vor fünf Jahren verändern wollten: Die Kommunen bleiben mit dem Coronavirus allein.

Notfallpläne zum ersten Mal gelesen

Überall in Deutschland holten Bürgermeister und Landrätinnen die Pandemiepläne aus den Schubladen. Einige lasen die Szenarien zum ersten Mal. Mitarbeiter in Gesundheitsämtern stellten fest, dass Masken, Handschuhe und Schutzkittel nicht ausreichend eingelagert wurden. Obwohl es so in den Plänen steht. Deutschland war nicht vorbereitet auf eine Pandemie.

Dabei ist auf dem Papier des Nationalen Pandemieplans alles geregelt: Bricht eine Seuche aus, soll ein Krisenstab eingerichtet werden. Handschuhe, Masken, Desinfektionsmittel sollten eingelagert sein. Der Nationale Pandemieplan besteht aus zwei Teilen: In Teil 1 werden vor allem die Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung und die hierfür zuständigen Institutionen benannt, Teil 2 enthält die wissenschaftlichen Grundlagen.

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Das Problem des Pandemieplans: Arztpraxen und Krankenhäuser sind Wirtschaftsunternehmen. Sie müssen sparen. Und sie sparen am Lagerbestand. Wie schlecht die Republik, die Bundesregierung, die Länder und Kommunen auf eine Pandemie vorbereitet waren, das zeigte sich an einem unscheinbaren Produkt, das normalerweise Cent-Ware ist und das in den letzten Wochen und Monaten vom Gesundheitsminister bis zur Krankenschwester allen das Leben schwer gemacht hat. Deutschland hatte zu wenig Masken. Erst als es in den letzten Wochen möglich war, genügend Masken auf dem Weltmarkt aufzutreiben, konnten die Bundesregierung und die Landesregierungen die Maskenpflicht in Läden und Bussen und Bahnen verfügen.

Das hilft jetzt sehr, die Zahl der Neuinfektionen zu drücken, und das hilft deshalb auch den Gesundheitsämtern, die Infektionsketten wieder verfolgen zu können, das erleichtert Sven Kaudelt und seinen Kolleginnen die Arbeit. An den weißen Wänden des Lagezentrums hängen Kunstdrucke und Fotografien. Darunter auch ein Porträt von Robert Koch.

Und draußen, vor dem Zweckbau des Gesundheitsamtes hinter dem Bahnhof, nutzen die Menschen den sonnigen Samstagnachmittag, um sich von der Sorge um die Ansteckung zu erholen. Die Rheinpromenade ist voller Passanten, die Außengastronomie gut besucht. Auf dem Rathausplatz und den freien Flächen sind weiße Kreise gemalt. Sie sind kein Geheimcode von Außerirdischen, sie sind wichtige Warnungen im Kampf gegen den Eindringling aus dem Reich der Viren, sie sollen die Bürger der Landeshauptstadt an die Abstandsregelung erinnern.

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Virukratie oder Virokratie?

In den USA und in Brasilien kann man sehen, was passiert, wenn der Mensch es dem Virus zu leicht macht, die Menschen zu infizieren - das nennt man Virukratie. Die Alternative? Wenn Politiker Maßnahmen ergreifen, die dem Rat der Virologen folgen, und so die Menschen besser schützen - in der Virokratie.

weiterlesen 4 Minuten

von Cordt Schnibben

„Um die Herrschaft über diesen Planeten konkurrieren nur wir und die Viren“, schreibt der Molekularbiologe und Nobelpreisträger Joshua Lederberg, „sie suchen nach Nahrung und wir sind ihr Stück Fleisch.“ In den letzten vier Monaten haben wir erlebt, dass sich wieder ein Virus aus dem Tierreich auf den Weg gemacht hat, um uns zu dezimieren. 260 Viren ist das bereits gelungen – nicht nur Polio, HIV/Aids, Dengue, Masern, Ebola, SARS, Vogelgrippe H5N1 zeugen davon. In über sechs Millionen Menschen ist das neue Coronavirus bisher nachweislich eingedrungen, wahrscheinlich hat es über zwanzig Millionen erwischt.

Wir oder sie, letztlich wird uns nur ein Impfstoff schützen, und bis wir den haben, helfen uns fünf Dinge: Wir müssen uns voneinander fern halten, wir müssen uns maskieren, wir müssen möglichst viele von uns testen, wir müssen die Infizierten isolieren und am Leben halten. Das Wichtigste: Solange wir den Impfstoff nicht haben, ist Wissen der wirksamste Impfstoff gegen das Virus.

Was uns daran hindert, das Virus zu besiegen: unter anderem der Glaube, COVID-19 sei harmlos wie eine Erkältung. Wir alle haben einen Crashkurs in Virologie hinter uns gebracht, wir wissen jetzt viel über die Verdopplungszeit, Zoonosen und Aerosole. Und das verdanken wir Virologen und Epidemiologinnen wie Marylyn Addo, Jonas Schmidt-Chanasit, Stephan Becker, Melanie Brinkmann, Gerard Krause, Karl Lauterbach, Hendrik Streeck, Alexander Kekule, Christian Drosten und anderen. Sie haben uns in Talkshows und Interviews zu Coronabürgern gemacht.

Mit uns sind die Leute schlauer geworden, die uns regieren. Die überforderte Regierung hörte auf den Rat der gesammelten Virologen, und wir Bürger hörten deshalb auf die Regierung. Diese Dreieinigkeit zwischen Politik, Wissenschaft und Volk funktionierte, weil die Botschaften der Wissenschaft einheitlich und beängstigend genug waren. In der Pandemie, das begriffen wir, gibt es nur die Wahl zwischen Virukratie oder Virokratie. Das Virus oder wir, entweder macht sich das Virus exponentiell breit in der Gesellschaft, weil wir es ihm zu leicht machen, das ist Virukratie, zu besichtigen in Brasilien oder den USA. Oder wir und die Regierenden nutzen das Wissen der Virologen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Die Virologen regieren nicht, aber die Politik basiert auf virologischen und epidemiologischen Erkenntnissen.

Deutschlands Virenerklärer wurde Christian Drosten, der in seinem täglichen Podcast differenziert erläutert, wie sich das neuartige Virus ausbreitet, was der „Reproduktionsfaktor“ ist oder was das Wort „Letalität“ bedeutet. Er führt uns durch das Imperium der Viren, mit einem Kommunikationsstil, den wir so nicht kennen, nicht von Politikern: Drostens Aussagen lassen Platz für Korrekturen und Unsicherheiten.

Als Wissenschaftler dann das taten, was Wissenschaftler nun mal machen müssen, neue Erkenntnisse suchen, sich zu widersprechen und sich zu korrigieren, verloren die Regierenden ihre Kronzeugen und zu viele Bürger das Vertrauen. Medien attackieren nun Virologen, als seien sie Politiker.

Politiker reden anders als Virologen. „Der unsichtbare Feind“, so nennt US-Präsident Donald Trump das neuartige Coronavirus, um seine Versäumnisse zu entschuldigen. Doch Virologen können es sichtbar machen, deshalb starren wir jeden Abend in den Nachrichten auf diesen Eindringling, der skurril aussieht wie eine außerirdische Kastanie.

„Wir führen Krieg“, sagt der französische Präsident Emanuel Macron, auch das ist falsch. Bisher können wir uns nur wehren, indem wir vor uns davonlaufen und in Wohnungen verstecken. Wir sind keine Soldaten, wir sind alle Zivilisten, und die Ältesten und Schwächsten sterben nicht an der Front, sondern in den Heimen.

Viren sind auf ein Ziel programmiert: auf das Eindringen in fremde Körperzellen. Nur dort können sie sich vermehren. Dass uns die Viren dabei krank machen oder umbringen, ist nicht mehr als ein Kollateralschaden. Viren wollen uns nicht töten – sie tun es einfach.

„60 Prozent der Bevölkerung könnten infiziert werden“, hat Kanzlerin Angela Merkel den Deutschen prophezeit und damit die beruhigende Botschaft verbreiten wollen, „es schafft uns nicht“. Im 20. Jahrhundert starben allerdings mehr Menschen durch Virus-Infekte als durch alle Kriege. Auf rund 700.000 wird die Zahl der Säugetier- und Vogelviren geschätzt, die auf den Menschen überspringen könnten. 260 von ihnen ist es bereits gelungen.

Stellt euch nicht so an, schüttelt ruhig weiter Hände, wollte Großbritanniens Premier Boris Johnson sagen, als er Infizierten im Krankenhaus die Hand reichte. Vier Wochen später kämpfte er auf der Intensivstation mit dem Leben. Nun ja, man kann es dem Virus einfach machen oder so schwer wie möglich. SARS-CoV-2 hat binnen weniger Monate Staaten und die globale Wirtschaft in eine Krise gestürzt, die Gesellschaften ihrer Gewissheiten beraubt und sie existenziell bedroht.

„Wir werden wahrscheinlich einander viel verzeihen müssen“, sagte der Gesundheitsminister im Bundestag – ein ehrlicher, wenn auch verräterischer Satz. Da war den Regierenden schon klar, dass es viel zu verzeihen gab. Erstens, der lustige Glaube, ein sich rasch vermehrendes Virus in China werde schön in Asien bleiben. Zweitens, die – trotz Pandemieplan – lückenhafte Vorbereitung auf eine Pandemie in deutschen Kommunen und Krankenhäusern. Drittens, die Maskenkomödie: Masken bringen nix, sowieso zu wenig da, näht euch die selbst, Maskenpflicht! Viertens, das Testvakuum, wochenlang waren anfangs immer zu wenig Testkits da.

Dass die Regierenden der Welt Studien und Warnungen vor den Gefahren einer drohenden Pandemie über Jahre ignoriert haben, gehört zu den Dingen, die man nicht verzeihen kann, schon gar nicht Gesundheitsministern. Wie in der Klimakrise und der Migrationskrise zeigen sich Politiker unfähig, offensichtlichen, grundlegenden Fehlentwicklungen und Risiken mit nachhaltigem Handeln zu begegnen, also das zu machen, was die Studien von Wissenschaftlern nahe legen. Brauchen wir erst die Eskalation der Bedrohung, um zu spät das zu befolgen, was uns die Eskalation erspart hätte?

In den großen Krisen der Menschheit, hat Frank Schirrmacher in seinem Buch „Minimum“ beschrieben, werde die Familie zur Schicksalsgemeinschaft, die Menschen suchten Schutz und Trost zuerst in ihrer Familie, „denn in jedem Familienmitglied lebt ein Vertrauen aus Urzeiten: Was immer geschieht, man wird nicht in Stich gelassen“.

SARS-CoV-2, das nicht heimtückisch sein kann, weil es keine Absichten hat, dieses Virus zerstört neben Lungen dieses Urvertrauen – und das beschreibt die tückische Angst, die das Virus auslöst: Um das Virus zu bekämpfen, muss der Mensch die Familie zerlegen in die Gefährdeten und die Gefährder, und er muss sie voneinander isolieren.

Das Virus ist im doppelten Sinn ein innerer Kontrahent: er besetzt unsere Körper, und er besetzt unser Denken; er attackiert unser Leben, auch wenn wir überleben. Das Virus entfacht einen inneren Bürgerkrieg: Der besorgte Bürger in uns ringt mit dem sorglosen Bürger. Wer sich diesen inneren Streit nicht eingesteht und nach außen entweder als Propagandist für den radikalen Shutdown oder für die rücksichtslose Rückkehr zur Normalität auftritt, belügt sich.

Diesen inneren Meinungsstreit zwischen Angst und Zuversicht trägt fast jede und jeder aus. Dieser Streit ist mal ein ruhiger Dialog, mal ein wüstes Geschrei, besonders dann, wenn man gegen Mitternacht auf CNN die Horror-Show aus dem Weißen Haus verfolgt: Ein US-Präsident, der mit Zahlen von zweihunderttausend oder zwei Millionen Toten Amerikanern herum hantiert und sich – während er diese Modellrechnungen referiert – einen Scherz über sein Verhältnis zu Models erlaubt. Über 60.000 infizierte Ärztinnen und Ärzte, Schwestern und Pfleger in den USA, das ist die schlimmste Zahl einer Seuchenpolitik in der Virukratie.

Wissen ist in der vom Virus befallenen Demokratie die Grundlage für vernünftiges Verhalten, darum liefern Medien und Virologen den wichtigsten Impfstoff gegen die Pandemie, solange der Impfstoff noch nicht gefunden ist. Uns dämmert langsam: Die demokratischen Staaten werden diese Pandemie nur in den Griff bekommen, wenn erstens die Regierungen ihre Bürger zu Komplizen machen und nicht wie Untertanen behandeln; und wenn zweitens wir Bürger uns wie Machthaber verhalten – wir entscheiden durch unser Verhalten jetzt darüber, wie sich medizinische Notwendigkeiten mit ökonomischen Interessen vereinbaren lassen. Wissen ist Macht – uralter Spruch, in diesen Zeiten kommt auch aus dem Unwissen Macht: sich einzugestehen, was wir noch nicht wissen.

Wir wissen, dass Viren die Erde länger bevölkern als wir, und dass sie uns brauchen wie Mietnomaden unvorsichtige Hausbesitzer brauchen. Dass wir es ihnen durch unsere Lebensweise leichter machen als noch vor fünfzig Jahren. Wir dringen in die Welt der Viren ein, nicht sie in unsere.

Wir wissen nicht, wie genau das Virus auf den Menschen übergesprungen ist, wann genau der Ausbruch stattfand, ob es in Richtung einer noch gefährlicheren Ansteckung mutiert. Eines aber ist sicher: In der Welt, in der wir leben, wird dieser Mietnomade nicht der letzte gewesen sein, der uns besucht. Besser, wir begreifen diese Pandemie als Generalprobe.

Wir fangen an, auf die Unwissenden herabzuschauen, die ohne Maske und Abstand auf Plätzen herumstehen, um das Virus durch Missachtung zu vernichten. Wir lächeln über die No-Mask-Machos, die stolz und unverwundbar wie Siegfried durch die Geschäfte schlendern. Wir bedauern, dass ihre Ignoranz es dem Virus leichter macht. Weil das Virus unsichtbar ist, versuchen die Unverwundbaren es sichtbar zu machen und geben ihm den Namen Bill Gates. Dessen Mahnungen über Jahre sollen ihn verdächtig machen, dabei hat er nur sein Vorwissen laut und deutlich geteilt. Nicht laut genug, wie er jetzt selbstkritisch sagt.

Aus dem Lockdown wieder heraus zu kommen, das ist, so wissen wir nach fünf Monaten Corona Crashkurs, die eigentliche Kunst. Was vor Monaten noch ein einig Volk von Coronabürgern war, ist jetzt eine Klassengesellschaft von Home-Office-Bürgern: die Klasse der Home-Office-Eltern mit Kind denkt anders über den Lockdown als die Klasse der Home-Office-Singles, die Klasse der Home-Office-Bürger mit Großeltern denkt anders über das Leben ohne Lockdown als die Klasse der Home-Office-Bürger ohne Großeltern. Ganz zu schweigen von Krankenschwestern, Kassiererinnen, Ärztinnen, Busfahrern und allen anderen, die nie im Lockdown waren.

Das Misstrauen gegenüber den Bürgern ist bei Politikern offenbar unterschiedlich stark, die einen halten die Pandemie nur beherrschbar mit klaren Regeln, die anderen glauben an die „Eigenverantwortung“, das neue Modewort.

Tatsächlich braucht eine Demokratie in diesen pandemischen Zeiten ein neues Verhältnis von Regierenden und Regierten, so etwas wie eine redaktionelle Gesellschaft, in der Bürger sich informieren und kommunizieren wie wissende Staatsbürger. Und in der Politiker die black box democracy aufgeben zu Gunsten einer Transparenz, die Erkenntnisse so offen macht wie Christian Drosten in seinen Podcasts und Maßnahmen so ausführlich erklärt wie Andrew Cuomo, der Gouverneur von New York, in seinen täglichen TV-Briefings.

Aus Bürgern wissende Staatsbürger zu machen, die so viel Wissen haben, dass sie ein Leben mit dem Virus hinbekommen, dabei möchte diese Website helfen. Unser Team aus Wissenschaftlern und Reportern ist seit Februar den Spuren des Virus gefolgt, vom Tiermarkt im mittleren China aus rund um den Erdball nach Europa, in die USA und nach Südamerika. Recherchen bei Infizierten, Angehörigen von Opfern, Ärzten, Virologen, Politikern und Wirtschaftsexperten helfen, die Frage zu beantworten, wie die Menschheit die Pandemie noch in den Griff bekommen kann.

Habt ihr Fragen? Sucht ihr nach Studien und Reportagen? Wollt ihr wissen, ob eine Nachricht stimmt oder nicht? Wie es ist, wenn man sich infiziert hat? Wir wollen euch helfen, Antworten zu finden.

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Corona – Geschichte eines angekündigten Sterbens
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Bei der Eindämmung der Corona-Pandemie soll jetzt auch eine Handy-App helfen. (Foto: © picture alliance)
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Der lange Weg zur Corona-App

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie diskutiert Deutschland über eine Corona-App. Seit gestern ist sie am Start. Wir erklären, wie sie funktioniert und zeichnen dafür auch nach, was auf dem Weg dorthin alles überlegt und wieder verworfen wurde.

weiterlesen 12 Minuten

von Ansbert Kneip

Dieser Artikel ist Teil unseres Buches Corona – Geschichte eines angekündigten Sterbens, das am 19.06. erschienen ist.

Angekündigt war sie für Mitte April. Nun, gute zwei Monate später, kommt sie tatsächlich: die deutsche Corona-App. Seit Dienstag kann man sie downloaden und installieren. Die App soll helfen, Kontaktpersonen von infizierten Menschen ausfindig zu machen und sie zu warnen. Diesen Job hatten bisher die Mitarbeiter der Gesundheitsämter – das war mühsam, dauerte lange und band Personal. Wenn alles funktioniert, soll es jetzt viel schneller gehen.

Dass die Corona-App so viel später als angekündigt kommt, muss kein Nachteil sein: Die ersten Entwürfe waren noch umstritten, der Datenschutz hätte ausgehebelt werden können. Die finale Version aber wird fast einhellig gelobt. Sie speichert keinen Namen und keine Orte, sie legt kein Bewegungsprofil an, sensible Berechnungen finden auf dem Handy der Benutzer statt – und nicht auf einem zentralen Server. So wirbt die Corona-App um das wichtigste Gut der Nutzer: ihr Vertrauen.

Damit die Kontaktverfolgung etwas bringt, müsste die App auf etwa etwa 60 Prozent der Handys laufen. Mehr als jeder zweite Handynutzer muss also den Beteuerungen der Regierung glauben, dass sie keine sensiblen Daten sammelt. Die App-Entwickler, maßgeblich die Technik-Firmen Telekom und SAP, haben deshalb etwas gemacht, was sie mit ihrer Software normalerweise nicht tun: Der Code für die App ist offen, Datenschützerinnen und andere Experten können also gewissermaßen die Motorhaube hochklappen und ins Getriebe gucken. Das soll Vertrauen schaffen.

Ob die Deutschen bereit sind, die Corona-App zu installieren, ist aber nicht allein eine Frage des Vertrauens. Im April, als sie hätte kommen sollen, gab es pro Tag in Deutschland etwa 2.000 neue Coronafälle. Zur Zeit sind es rund 250 – gut möglich also, dass viele die App zwar für vertrauenswürdig halten. Aber – fälschlicherweise – für nicht mehr so notwendig.

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Die Idee ist, dass Bürgerinnen und Bürger per Handy gewarnt werden, wenn sie in der Nähe eines infizierten Menschen waren. So ließe sich eine Infektionskette schneller unterbrechen. Doch wie soll das funktionieren?

Schon im März lag im Gesundheitsministerium ein Gesetzentwurf, der eine erste Lösung vorschlug. Danach würden die Mobilfunkprovider, also unter anderem die Telekom, Vodafone und O2, mit ihren Standortdaten aushelfen. Im allerersten Moment klingt das gar nicht so blöd. Wenn jemand sein positives Testergebnis bekommt, will man ja wissen: Wen könnte er oder sie angesteckt haben? Kollegen oder Familienmitglieder lassen sich leicht kontaktieren. Aber wie findet man diejenigen, die nur zufällig und nur kurz in der Nähe waren – aber lang genug, um das Virus abzukriegen?

Hier kommen, so der Plan vom März, die Mobilfunkbetreiber ins Spiel. Sie wissen aus ihren Daten, in welchen Funkzellen das Handy des Infizierten eingebucht war. Und sie kennen die Namen aller anderen, die zur gleichen Zeit in der gleichen Funkzelle unterwegs waren. Jetzt müsste man nur noch prüfen, ob die beiden lange genug für eine Infektion in der gleichen Gegend waren und schon gäbe es eine Namensliste mit möglichen neuen Fällen. Weil es nur um den Aufenthalt am gleichen Ort geht, und nicht um den Inhalt eines Gesprächs, und weil hinterher alles schön wieder gelöscht wird, scheint auch der Datenschutz gewährleistet. Wie gesagt, im ersten Moment klingt es nach einem guten Plan.

Tatsächlich aber war die Idee erschütternd schlecht: Dass ein Gesundheitsamt einem privaten Telefonbetreiber mal eben die Namen von Infizierten rüberreicht – schon datenschutzrechtlich wäre das ein Unding.

Viel zu ungenau

Vor allem aber ist die Idee technisch dumm: Funkzellenortung ist viel zu ungenau. In einer Funkzelle auf dem platten Land befinden sich zum gleichen Zeitpunkt möglicherweise ein Dutzend Menschen – aber die können locker ein paar Kilometer voneinander entfernt über die Äcker spazieren. Eine Ansteckungsgefahr hätte es hier nie gegeben.

In einer Innenstadt wiederum sind die Funkzellen zwar viel kleiner. Aber dafür stecken in einer Funkzelle vielleicht tausend Menschen oder mehr – sollten die jetzt alle getestet werden?  Oder für 14 Tage in die Selbst-Isolation? Es gäbe mehr Fehlalarme als tatsächliche Treffer. Gesundheitsminister Spahn verteidigt den Vorschlag nur kurz, dann verschwindet die Passage aus dem Gesetzentwurf.

Im April deutete sich eine schlauere Lösung an. Und vor allem: Sie könnte europaweit funktionieren. Ein Konsortium von Wissenschaftlern, Tech-Firmen und Start-Ups will eine gemeinsame App entwickeln. Besser gesagt: eine Grundlage schaffen, auf der einzelne Anbieter ihre Apps aufbauen. Institute der Fraunhofer-Gesellschaft gehören dazu, Vodafone und die TU Dresden.

Gefährlich nahe?

Wieder geht es darum, herauszufinden, ob ein Mensch einem Infizierten über längere Zeit gefährlich nahegekommen ist. Auch bei dieser Lösung benötigt man eine App auf dem Handy. Das aber – erster Pluspunkt – passiert freiwillig. Niemand wird gegen seinen Willen getrackt. Zweites großes Plus: Es werden keine Ortsdaten gespeichert. Wo man sich begegnet, spielt ja keine Rolle. Entscheidend für die Infektionsgefahr ist: Wie nah war man beieinander? Und wie lange dauerte der Kontakt? Zehn Minuten im gleichen Raum wäre so ein Schwellenwert.

Dritter Vorteil: Alle Beteiligten könnten anonym bleiben. Oder zumindest pseudonym, was nicht ganz das Gleiche ist. Aber datenschutzrechtlich immer noch besser als ein Klarname in einer Funkzelle.

Das „Pan-European Privacy-Preserving Proximity Tracing“ (europaweite und Privatsphäre bewahrende Kontaktverfolgung) funktioniert mit Bluetooth. Das ist ein Funkstandard, den alle halbwegs modernen Handys beherrschen. Bluetooth ist für kurze Strecken gedacht: vom Computer zur Musikanlage, vom Handy zur Freisprechanlage im Auto, vom Laptop zum Beamer zum Beispiel. Faustregel: Nach acht bis zehn Metern oder ein bis zwei Wänden ist bei Bluetooth Schluss mit der Verbindung.

Eine Corona-App auf Bluetooth-Basis läuft seit Ende März schon in Singapur, ähnliche Konzepte entstehen gerade überall.

Mehrstufige Verschlüsselung

Das Prinzip funktioniert so: Person 1, nennen wir sie „Herr Müller“ und Person 2, „Frau Schmidt“, haben beide die Corona-App auf ihren Handys. Sie wollen alarmiert werden, wenn sie Kontakt mit einem Infizierten hatten, aber sie wollen bitte schön nicht ausspioniert werden. Damit sie Vertrauen fassen, arbeitet die App mit einer mehrstufigen Verschlüsselung.

Beim Installieren hat jede App eine Kennzahl bekommen, ein zufälliges Wirrwarr von Zeichen. Wer nur diese Zeichenfolge kennt, kann daraus nicht erkennen, welcher Besitzer damit verbunden ist. Damit ist die Verschlüsselung noch nicht am Ende, es wird später noch ein bisschen verwirrender. Herr Müller und Frau Schmidt verlassen also ihre Wohnungen und schalten das Bluetooth am Handy ein.

Mal angenommen, Herrn Müllers geheime Kennzahl wäre 11111, Frau Schmidts Zahl die 22222 (in Wirklichkeit ist die Zeichenfolge natürlich komplizierter). Müllers App macht nun folgendes: Aus der 11111 errechnet die App mit einer Verschlüsselungsmethode alle paar Minuten einen neuen Code. Nur als Beispiel: Erst ein „aaaaa“, dann ein „BBBBB“ und so weiter.

Das Trickreiche daran: Diese Verschlüsselung funktioniert nur in eine Richtung. Wer 11111 kennt, der weiß, dass man damit (und nur damit) „aaaaa“ herstellen kann. Umgekehrt geht das nicht: Wer das „aaaaa“ mitliest, kann daraus nicht auf 11111 schließen – und auf den konkreten Herrn Müller dahinter schon gar nicht. Zumal seine „11111“ jeden Tag durch eine andere Zeichenfolge abgelöst wird. 

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Müller steigt in den Bus, sein Handy strahlt zehn Minuten lang das „aaaaa“ ab, danach das „BBBBB“ und so weiter, jeweils mit einem Zeitstempel. Gleichzeitig sammelt Müllers App alle Kennungen ein, die in der Gegend herumschwirren. Zum Beispiel alle Zeitenfolgen, die Frau Schmidts App aus der 22222 (der Kennzahl von Frau Schmidt) generiert hat. Schmidts App wiederum merkt sich die Zeichen „aaaaa“ und „BBBBB“ – sie weiß aber nicht, ob dahinter zwei Personen stecken oder eine. Das sieht also alles sehr anonym und durchdacht aus.

Einmal am Tag laden die Apps ihre Sammel-Ergebnisse auf einen zentralen Server. Wenn alle Beteiligten gesund bleiben, passiert nichts und nach 14 Tagen werden die Daten gelöscht.

Aber wenn Müller Corona-positiv getestet ist, kann er seine Erkrankung in der App melden. Damit nicht irgendwelche Trolle pausenlos falsche Alarme generieren, geht das nur mit einer Freigabe durch das Gesundheitsamt.

Müller meldet sich also krank, und auf dem zentralen Server beginnt ein Rechenprogramm mit der Arbeit. Der Server kennt Müller nur als 11111. Er prüft also, welche Zufallszahlen sich aus der 11111 berechnen lassen – und ob irgendeine davon in den letzten Tagen von jemand anderem hochgeladen wurde.

Das Ergebnis: Jawohl, „aaaaa“ und „BBBBB“ wurden hochgeladen, und zwar von 22222. Das hinter der pseudonymen 22222 die konkrete Frau Schmidt steckt, weiß der Server nicht. Aber er kann an die App mit der Kennung 22222 eine Nachricht schicken: Sie hatten Kontakt mit jemand, der sich nun als infiziert herausgestellt hat. Frau Schmidt kann nun in die freiwillige Selbstisolation gehen oder sich testen lassen.

Verratene Kontaktmuster

Diese App hat einen Nachteil: Auf dem allwissenden Server in der Mitte fallen viele Daten an – theoretisch ließen sich Kontaktmuster der Nutzer herauslesen. Das dürfte vielen zu unheimlich klingen. Die Entwickler müssen umdenken.

Es gibt eine Alternative, die dezentrale Variante. Die funktioniert ähnlich. Auch hierbei werden die Identitäten mehrfach verwürfelt und per Bluetooth ausgetauscht. Aber die App schickt keine Kontaktliste an einen Server. Es gibt also keine zentrale Stelle mehr, die verknüpfen könnte, wer wann in der Nähe von wem war.

Man braucht zwar noch einen Server, aber der ist halt nicht mehr allwissend. Auch dieser Server würde die 11111 von Herrn Müller zugeschickt bekommen, wenn Müller infiziert gemeldet ist. Aber der Rechner kann damit nichts anfangen, weil er, zum Beispiel, die Daten von Frau Schmidt nie zu sehen kriegt. Er könnte nichts verknüpfen.

Dass diese datenschutzrechtlich bessere App sich am Ende durchgesetzt hat, ist zu einem guten Teil zwei Großkonzernen zu verdanken. Apple und Google hatten beschlossen, für eine App zusammen zu arbeiten – und damit setzten sie auch die Standards. Die beiden Konzerne gelten zwar als Datenkraken – der eine etwas mehr als der andere. Aber in diesem Fall halten sie sich zurück. Sie stellen nur eine Umgebung für die datensparsame App bereit. Dafür erhalten sie sogar Lob von Datenschützern – selten genug.

Update: Dieser Artikel wurde um den Satz „Zumal seine „11111“ jeden Tag durch eine andere Zeichenfolge abgelöst wird.“ ergänzt. Die Schritte der Verschlüsselung sind komplex. Wir hatten den Weg der Verschlüsselung etwas vereinfacht, um es verständlicher zu halten. Einen Hinweis eines Lesers haben wir dennoch gern aufgenommen.

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Die Geschichten von fünf Frauen haben wir mehrere Wochen begleitet.
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»NICHT FAIR!!!«: Ihre Geschichten aus dem Corona-Lockdown

Über den Fall ins Bodenlose, über Angst und eine vage Hoffnung. Rund 1500 Menschen schrieben uns seit März über den CrowdNewsroom, wie sich die Corona-Krise konkret auf sie auswirkt. Einige haben wir mehrere Wochen begleitet.

weiterlesen 15 Minuten

von Justus von Daniels , Miriam Lenz

Ihre Aufträge sind fast alle storniert worden. „Meine Kunden sind Gastronomen, Einzelhändler, Veranstalter, Yogalehrer, Masseurin… alle weg…“, schreibt Svenja Blum (Name von der Redaktion geändert) Anfang April. Sie arbeitet als Grafikerin in einem kleinen Ort in Rheinland-Pfalz, entwirft Flyer, Webseiten und Broschüren. Als die Beschränkungen im März verkündet werden, ziehen etliche Betriebe Bestellungen zurück. Ein paar Wochen später wird uns Svenja Blum eine ernüchternde E-Mail schreiben. 

Es ist Ende März. Die Krise ist jetzt real geworden. Die Schulen und Kitas zu, Restaurants geschlossen, das gesamte öffentliche Leben kommt zum Erliegen. In den Kliniken ist nicht klar, ob ein Chaos bevorstehen wird. 

Wir starten einen CrowdNewsroom und bitten Menschen uns ihre Geschichten der  Corona-Krise zu erzählen. Der CrowdNewsroom ist eine Plattform, auf der wir nicht nur Berichte sammeln, sondern mit der wir gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern strukturiert Informationen über ein Thema zusammen tragen. Es sind viele bis dahin ungehörte Stimmen, auch etliche Hinweise über Missstände erreichen uns. Ein Pfleger schreibt: „Jeden Tag neue Infos. Jeden Tag neues Chaos. Und keine Schutzausrüstungen vorhanden. Führungskräfte sind abgetaucht in Urlaub und krank.“

Der Leitende Oberarzt Gregg Frost aus Saarbrücken beschreibt, wie ihm die Gespräche mit Patientinnen und Patienten Angst machen: „Ich merke, wie ich innerlich unruhig werde, wenn ein Patient in meiner Sprechstunde, der zu einer Routinekontrolle kommt, noch tausend Fragen zu allen möglichen Dingen hat – natürlich auch Corona – für die ich fachlich nicht zuständig bin. Normalerweise nehme ich mir die Zeit, im Moment tickt eine innere Uhr, die mir sagt, dass mein Infektionsrisiko nach 15 Minuten steigt.“

Es ist eine Zeit der Schockstarre. Einige spüren die Folgen der Krise direkt, sie leiden psychisch unter dem Alleinsein oder verlieren ihren Job. Andere ahnen, dass sie den Krisenmodus nicht lange durchhalten werden. Fast 1500 Menschen schreiben uns, welche Wirkungen die Corona-Krise konkret auf ihr Leben hat. Darunter sind Ärztinnen, Lehrer, Pfleger und Beamte. Es sind Momentaufnahmen in einer Zeit, in der nicht absehbar ist, ob und wie schnell die Zahl der Toten in Deutschland steigen wird und welche Folgen die Beschränkungen haben werden. 

Einige von ihnen begleiten wir. Sie werden uns ein paar Wochen später erneut über ihre Situation berichten, etwa warum sich ihre Lage dramatisch verschlechtert, was eine Lehrerin bei ihren Schülern beobachtet oder warum eine Pflegerin keine Aufwertung ihres Berufes erwartet. 

Corona CrowdProjekt

Wissen ist die wichtigste Waffe, um die Corona-Krise zu bewältigen. Darum tragen wir auf unserer Schwerpunktseite Recherchen, Faktenchecks und Berichte von Bürgerinnen und Bürgern zusammen.

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Es sind fünf Frauen, die wir portraitieren. Zufall? Besonders viele Frauen arbeiten in Berufen, die jetzt als „systemrelevant“ gelten, sonst aber in der öffentlichen Wahrnehmung nahezu unsichtbar sind. Es sind Berufe, die schlecht bezahlt werden. In der Altenpflege. In der Kinderbetreuung. Im Einzelhandel. Um ein paar Zahlen zu nennen: 2018 waren knapp 95 Prozent des pädagogischen Personals in Kitas Frauen und knapp 85 Prozent der Altenpflegekräfte.

Und auch finanziell dürfte die Corona-Krise Frauen härter treffen: Noch immer verdienen Frauen weniger als Männer. Im vergangenen Jahr durchschnittlich 20 Prozent weniger, wie eine Untersuchung des Bundesamts für Statistik zeigt. Mehr Frauen als Männer müssen in Deutschland vom Mindestlohn leben. Und deutlich mehr Frauen sind alleinerziehend, was in Deutschland noch immer mit einem höheren Armutsrisiko verbunden ist. 

Die Berichte einer Pflegerin, einer Alleinerziehenden, einer Grafikerin, einer Lehrerin und einer Hebamme von Ende März, Anfang April und später im Mai sind persönliche Geschichten. Und doch erzählen sie viel über unser Gesundheitssystem und unsere Schulen. Über soziale Ungleichheit und darüber, wer in dieser Krise gehört und wer vergessen wird.

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MÄRZ


 

Die Pflegerin

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Die Pflegerin © Belén Ríos Falcón / CORRECTIV

Brigitte Jung (Name von der Redaktion geändert) ist angespannt, als sie Ende März ihre Geschichte in unseren CrowdNewsroom einträgt. Die Situation auf der Intensivstation, auf der sie arbeitet, ist chaotisch. Die Gesundheits- und Krankenpflegerin fühlt sich von ihrer Pflegedienstleitung allein gelassen. Noch bis zum 20. März habe die Leitung der Klinik in Baden-Württemberg verboten, auf Station Mundschutz zu tragen. Damit mache man den Patientinnen und Patienten nur Angst, habe es geheißen.

Einen ähnlichen Hinweis bekommen wir Ende März aus einem Altenheim in Düsseldorf. Auf einem internen Aushang, der uns geschickt wird, schreibt die Hausleitung, dass „Mundschutz nur nach vorheriger Absprache mit uns getragen werden dürfe“. Weiter heißt es, wenn Corona-Fälle in der Familie vorkämen, „können und sollen Sie trotzdem zur Arbeit kommen“. Die Pflegeheime sind überfordert. 

Uns fällt auf, dass sich viele melden, die sich vergessen fühlen. In der Presse geht es um Schutzausrüstungen für Krankenhäuser, aber nicht um ambulante Pflegekräfte, die Menschen zu Hause versorgen und sich praktisch kaum schützen können. Oder um Psychiatrien, in denen Panik aufkommt, wenn das Pflegepersonal plötzlich mit Masken auftaucht. Oder, warum es keinen Schutz in den Krankenhaus-Wäschereien gibt: „Schon mal Gedanken darüber gemacht, wer die infizierte Wäsche aus dem Krankenhaus wäscht und wieder zur Verfügung stellt?“, schreibt einer, der in einer Wäscherei arbeitet, die auch Krankenhäuser versorgt.

Es gebe Ende März immer noch keine genauen Vorgaben, wie mit Covid-19-Patienten umgegangen werden solle, berichtet uns die Krankenpflegerin Jung von der Intensivstation. Wichtige Informationen müssten sich die Pflegerinnen und Pfleger selbst im Internet zusammensuchen. OP-Narkose-Geräte sollten plötzlich zur Beatmung eingesetzt werden. „Ohne genaue Einweisung und Sammlung von Erfahrungen“, schreibt Jung. „Da sehe ich ein großes Gefahrenpotential.“

In den Krankenhäusern und den Pflegeeinrichtungen herrscht Unsicherheit. Uns erreichen Hinweise, dass Masken, die nicht zertifiziert sind, in einigen Krankenhäusern benutzt wurden. In einem Fall wurden knapp 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eines Krankenhauses auf eine Corona-Infektion getestet, weil es den Verdacht auf gefälschte Masken gab. Pflegekräfte wurden aus Angst, dass sie sich angesteckt haben könnten, vorsorglich nach Hause geschickt. Im Nachhinein war der Verdacht falsch. Hier zeigt sich, welche gefährlichen Folgen der Betrug rund um die Masken haben kann, wenn Pflegepersonal nicht arbeiten kann.

Eine Pflegerin, die in einem Krankenhaus arbeitet, berichtet: „Manchmal frage ich mich, was die Patienten mit Demenz oder im Delirium von mir denken, wenn ich in Schutzausrüstung zu ihnen komme, mit gedämpfter Stimme rede und ihnen Tabletten geben will oder eine Infusion intravenös verabreiche. Wahrscheinlich, dass ich ein Alien bin.”

 

Die Hebamme

Für Christina Böhm sind die Masken nur eines von vielen Problemen. Die freiberufliche Hebamme aus Frankfurt am Main kann kaum noch Hausbesuche machen. Damit steht ihre wirtschaftliche Existenz auf dem Spiel. Sie fällt wie viele andere auch durchs Raster der Soforthilfen.

Ihre Einnahmen seien während der Corona-Krise stark gesunken. Die finanzielle Soforthilfe für Soloselbstständige greife bei den meisten selbständigen Hebammen nicht, weil sie beispielsweise keine Ausgaben für eigene Praxisräume hätten, sagt Böhm. Finanzielle Verpflichtungen wie Beiträge für Kranken- und Rentenversicherung liefen aber natürlich weiter, auch wenn sie weniger Geld verdiene. „Von welchen Rücklagen soll eine Hebamme, die nach der Gebührenordnung bezahlt wird, leben?“, fragt sie.

Als Selbstständige muss sie durchhalten, die Frage ist nur, wie lange ist das zu schaffen? Hebammen haben vorher schon gefehlt, Kinder werden aber auch in Corona-Zeiten geboren. Für Böhm ist es eine existentielle Frage, wie sie weiterarbeiten kann.

Wie Böhm ergeht es vielen in Berufen, die direkte Dienstleistungen erbringen. Steffi Hägele, Physiotherapeutin aus Sachsen-Anhalt, schreibt uns: „Mein Geschäft ist von 100% auf 0%. Das macht mich sehr traurig.“

 

Die Grundschullehrerin

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Die Grundschullehrerin © Belén Ríos Falcón / CORRECTIV

Als Ingrid Hüchtker Ende März an unserer Umfrage teilnimmt, unterrichtet sie ihre zweite Klasse bereits seit knapp zwei Wochen von zuhause aus. Wie zahlreiche andere Lehrerinnen und Lehrer berichtet sie uns von den Schwierigkeiten, den Unterricht digital zu organisieren. „Es gibt keine technischen Standards, keine schuleigene Software, keinen schuleigenen Server“, schreibt die Berliner Grundschullehrerin. Letztendlich müsse sie kommerzielle Anbieter nutzen und sei auf die Unterstützung technikaffiner Elternteile angewiesen. 

Homeschooling ist ein hübscher Begriff, auf die Realität trifft er nicht zu. Dabei hatte die Bundesregierung vor einem Jahr fünf Milliarden Euro für die Digitalisierung der Schulen frei gegeben. Passiert ist kaum etwas. „Das müsste anders gehen“, sagt Hüchtker. Sorgen macht ihr auch, dass die Lehrerinnen und Lehrer durch die Schulschließungen im Moment das Kindeswohl kaum überprüfen könnten. Viele Lehrer gehören zur Risikogruppe, aber was passiert mit den Schülern, die wochenlang zuhause sitzen? Ingrid Hüchtker wird einige Wochen später ziemlich ernüchtert sein.

 

Die Alleinerziehende

„Ich kann quasi nicht arbeiten, obwohl ich Aufträge habe“, so fasst Myriam K. ihre Situation Anfang April zusammen. Sie ist selbständige Produktmanagerin und hilft Unternehmen dabei, ihre Arbeitsprozesse zu digitalisieren. Und sie ist alleinerziehende Mutter zweier Kinder im Alter von zwei und vier Jahren, die normalerweise in die Kita gehen. Trotzdem hat sie zu diesem Zeitpunkt keinen Anspruch auf einen Platz in der Kita-Notbetreuung, weil sie nicht in einem systemrelevanten Beruf arbeitet. Das wird erst Wochen später etwas besser.

Alleinerziehende werden zu Beginn der Beschränkungen nicht weiter beachtet. Während die Autoindustrie Pläne für eine Abwrackprämie erarbeitet, müssen Eltern sehen, wie sie zwischen Beruf und Kinderbetreuung zu Hause klarkommen. Der erste spürbare Effekt: Familien fallen wieder in alte Rollenbilder. Zumeist sind es die Frauen, die auf den Beruf verzichten, um auf die Kinder zuhause aufzupassen. Für Alleinerziehende stellt sich die Frage einer Aufteilung gar nicht erst. 

Das Kontaktverbot habe gleichzeitig jede andere Möglichkeit der Kinderbetreuung ausgehebelt, so Myriam K. „Im ländlichen Raum überlegt man sich jetzt sehr genau, wen man noch fragen kann und wie man das organisiert“, schreibt sie, die auf dem Land in Brandenburg lebt. „Man steht immer unter Beobachtung und jetzt gibt es Patrouillen und Bußgelder. Da verändert sich die Stimmung auf der Straße. Beängstigend.” Das führe dazu, dass sie mit der Kinderbetreuung nahezu auf sich allein gestellt sei. In ihr angemietetes Büro könne sie wegen der Kinder nicht mehr fahren, zum Arbeiten komme sie höchstens abends für zwei bis drei Stunden. 

Jetzt wird sichtbar, in welchen Teilen der Gesellschaft keine Reserven da sind. Wer sonst schon an seine oder ihre Belastungsgrenze gehen muss. Wer kaum genug Kraft, Geld, Zeit für die Bewältigung des Alltags hat. Und wie schnell ein eigenes Lebenssystem zusammenbrechen kann, sobald es Einschränkungen gibt. Etwa, weil es seit Jahren zu wenige Pflegerinnen und Pfleger in Deutschland gibt. Oder, weil das Kurzarbeitergeld nicht zum Leben reicht. Oder der Alltag von Alleinerziehenden auch sonst schon ein zeitlicher Balanceakt ist.

Andere gewinnen durch die Corona-Krise mehr Lebensqualität. Ein Software-Entwickler berichtet uns, wie sehr er die Zeit im Homeoffice genießt. Endlich könne er konzentrierter und effizienter arbeiten und sich seine Zeit freier einteilen: „Die Haus- und Gartenarbeit ist genauso viel wie sonst auch, nur eben zu geeigneteren Zeiten möglich, dito einkaufen. Das macht das Leben an sich sehr viel entspannter.“

 

Die Grafikerin

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Die Grafikerin © Belén Ríos Falcón / CORRECTIV

Als uns Svenja Blum (Name von der Redaktion geändert), die selbständige Grafikerin aus Rheinland-Pfalz, Anfang April schreibt, wirkt sie verzweifelt: „Mir droht die Insolvenz bei längerem Anhalten der Krise.“ Anspruch auf eine Corona-Soforthilfe für Soloselbstständige habe sie in Rheinland-Pfalz trotzdem nicht. Dafür müsste sie Miete zahlen oder Leasingraten bedienen. Da beides nicht auf sie zutreffe, bekomme sie auch kein Geld. Das sei in Nordrhein-Westfalen ganz anders. Dort bekomme man als Soloselbständige schon Geld, wenn die Einkünfte durch die Corona-Krise sinken würden. Blum findet das „NICHT FAIR !!!“ und schreibt von Wettbewerbsverzerrung. Ein paar Wochen später wird sie die Krise mit voller Härte treffen.

Viele Selbstständige schreiben uns im Lauf des April. Sie wissen nicht, wie lange sie durchhalten können. „Da dieser Zustand ja voraussichtlich noch viele Monate anhalten wird, überlege ich ernsthaft, ob ich diesen Job weiterhin ausüben kann,“ schreibt uns ein Logopäde aus Mönchengladbach. Wie soll er Kindern die richtige Aussprache beibringen, wenn schon kleinste Spucke-Tröpfchen eine Infektion auslösen können?

 

MAI


 

Die folgenden Wochen werden zu Epochen der Corona-Krise. Jede Woche gewöhnen wir uns an neue Selbstverständlichkeiten.

Im Mai sind Masken aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Benutzte Einmal-Masken liegen achtlos auf Gehwegen. Im Supermarkt werden Menschen zurechtgewiesen, wenn sie keinen Mund-Nasen-Schutz tragen. 

Shopping Malls sind im Mai wieder geöffnet. Die Schulen bleiben für die meisten Kinder noch geschlossen. Die Politik geht davon aus, dass Kinder bis zu den Sommerferien nur wenige Tage in die Schulen gehen können. Kitas erweitern nur langsam ihre Notbetreuung. 

Die Zahl der wöchentlichen Neuinfektionen ist im Vergleich zu Ende März, Anfang April stark gesunken. Die Lage in den Krankenhäusern ist einigermaßen entspannt. 

Wir fragen sechs Wochen nach den ersten Einträgen im CrowdNewsroom bei einigen der fast 1500 Menschen nach, wie es ihnen mittlerweile geht. 

Wir wollen wissen: Kommt die staatliche Hilfe auch bei den Menschen an, die sie benötigen? Immerhin sind seit März Milliarden locker gemacht worden. Gibt es inzwischen genügend Schutzausrüstung in Kliniken? Werden Alleinerziehende genügend unterstützt? Erreichen die Förderprogramme inzwischen mehr Soloselbstständige? Und was fordern Christina Böhm und die anderen für die Zeit nach Corona?

 

Die Pflegerin

Die vergangenen Wochen waren anstrengend für Brigitte Jung. Ihre Station hat Covid-19-Patienten und -Patientinnen mit einem sehr schweren Verlauf versorgt. Von ihrer Pflegedienstleitung fühlt sie sich dabei größtenteils immer noch allein gelassen.

In vielen Punkten hat sich die Situation Jung zufolge in den letzten Wochen allerdings verbessert: Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Klinik müssten einen Mundschutz tragen. Man könne sich einmal die Woche auf eine Corona-Infektion testen lassen. Aber die Hygiene war teils chaotisch: „Schon an Tag drei des ersten Covid-Patienten gingen die Kittel aus.“ Sie mussten sich schließlich von anderen Stationen welche leihen, erzählt Jung. FFP2-Masken, die eigentlich nur für wenige Stunden genutzt werden sollen, hätten sie den ganzen Tag tragen müssen. Kittel ebenfalls, im Notfall sollten sie einfach abwischen, so Jung. Getragene FFP2-Masken habe die Klinik sterilisiert und erneut eingesetzt. „Unser Unbehagen war natürlich groß“, beschreibt Jung ihr Gefühl dabei.

Jetzt sorgt sich Jung um die Lockerungsmaßnahmen und dass die Menschen im öffentlichen Raum immer unvorsichtiger seien. „Die vielen Falschmeldungen und teilweise aggressiven Demos machen mich wütend“, schreibt sie. Und sie hat wenig Hoffnung, dass die „systemrelevanten Berufe“ wie ihrer künftig aufgewertet werden. Anerkennung im Beruf zeigt sich nicht durch eine Welle der Dankbarkeit, sondern ganz trivial in der Höhe der Bezahlung und besseren Arbeitsbedingungen. Jung ist da eher pessimistisch: „Ist die Krise überstanden, schaut keiner mehr hin.“ 

 

Die Hebamme

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Die Hebamme © Belén Ríos Falcón / CORRECTIV

Mitte Mai hat Christina Böhm immer noch nicht genügend Schutzausrüstung für ihre Arbeit als freiberufliche Hebamme. Ausgerechnet Masken fehlen ihr immer noch. „Tragisch ist, dass ich mit an das Gesundheitsamt gespendeten Masken arbeiten soll. Wo bleibt die Verantwortung der Landespolitik und des Bundes?“, schreibt Böhm. Zweimal konnte sie sich in der Zeit zwischen Ende März und Mitte Mai ein paar Dutzend FFP1- und OP-Masken beim örtlichen Gesundheitsamt abholen. Das reiche jedoch nicht. Was fehlt, muss sie sich selbst kaufen. 

Christina Böhm macht immer noch nur Hausbesuche, die absolut notwendig seien, etwa wenn eine Wunde versorgt werden müsse. Alles andere funktioniere über telefonische Beratung und Videocalls. „Das bedeutet für mich einen Umsatzverlust von circa 70 Prozent allein dadurch, dass ich eine niedrigere Gesamtsumme an Hausbesuchen pro Haushalt habe“, erläutert Böhm. Denn die Leistungen, die sie per Telemedizin anbieten dürfe, würden von der gesetzlichen Krankenversicherung schlechter bezahlt. Nach wie vor kann sie nicht die Soforthilfe für Soloselbstständige beantragen. Seit Anfang April übernimmt sie etwa einmal pro Woche einen Zusatzdienst in einem Vorwehenkreißsaal einer Klinik, um die dortigen Kolleginnen und Kollegen zu unterstützen.

Böhm fragt sich, wie soziale Berufe wie der Hebamme langfristig besser vergütet werden können: „Denn klatschen auf den Balkonen ist ja eine nette Geste, sichert den Berufsständen aber kein Einkommen.“

 

Die Grundschullehrerin

Im ersten Moment war sie etwas erschrocken. Als Ingrid Hüchtker ihre zweite Klasse Mitte Mai zum ersten Mal wiedersieht, sind „manche Kinder blass und waren wohl nicht viel draußen gewesen“, schreibt uns die Grundschullehrerin. Bis zu den Sommerferien wird ihre Klasse noch sechs Schultage haben. Einen Plan, was nach den Sommerferien passiert, gibt es in Berlin noch nicht. Der Rest des Unterrichts findet zuhause statt. 

Den digitalen Unterricht gestaltet Ingrid Hüchtker inzwischen vor allem mit kleinen selbstgemachten Lernvideos und Podcasts. Arbeitsblätter verschicke sie nicht mehr, denn nicht alle Haushalte hätten einen Drucker. „Eine Mutter hat die Blätter, die wir anfangs noch geschickt haben, per Hand abgeschrieben. Ich finde, das darf nicht sein.“ Da müsse sie als Lehrerin sich auf die Gegebenheiten in den Elternhäusern einstellen.

Viele Eltern seien überfordert. „Die Situationen sind zum Teil schlimm: Wochenlang mit drei kleinen Kindern in einer kleinen Mietwohnung“, berichtet Hüchtker. Nicht nur eine Mutter habe am Telefon mit den Tränen gekämpft, als sie angerufen habe.

Die Grundschullehrerin macht sich große Sorgen um die Kinder, die gerade erst Deutsch gelernt hätten oder denen das Lesen und Rechnen schwerer falle. „Was mir noch deutlicher ins Auge springt als vor Corona – Schule, wie wir sie organisieren, ist nicht zeitgemäß“, meint sie. Es gebe keinen Platz, um genügend Abstand zu halten, und nicht genügend Personal für kleine Gruppen. „Und deshalb gibt es nun auch keine Möglichkeit, unsere Kinder so zu beschulen, wie sie es verdient haben.“ 

 

Die Alleinerziehende 

Alleinerziehende_Artwork
Die Alleinerziehende © Belén Ríos Falcón / CORRECTIV

Seit dem 27. April 2020 dürfen in Brandenburg Kinder von berufstätigen Alleinerziehenden in die Notbetreuung gehen. Knapp sechs Wochen waren sie vollkommen allein gelassen. Allerdings gilt eine Arbeit im Homeoffice im Regelfall weiterhin als Betreuungsmöglichkeit für Kinder. Myriam K. würde deshalb in ihrer bisherigen Situation wahrscheinlich ihre Kinder immer noch nicht in die Kita geben können. Doch sie hat Glück: Seit Anfang März hat sie neben ihrer selbständigen Tätigkeit eine kleine Anstellung, die sie seit der Kita-Schließung im Home-Office ausübt. Seit Ende April muss sie aber in der Firma anwesend sein. Deshalb können ihre Kinder seit dem 27. April in die Kita.

Die Wochen davor beschreibt Myriam K. als unglaublich anstrengend. Der Vater der Kinder habe sie kurzzeitig unterstützt. Eine Bekannte habe ihre kleine Tochter mal für ein paar Stunden betreut. Ihre Eltern seien einmal heimlich aus Berlin gekommen. Ansonsten sei Myriam K. mit ihren Kindern allein gewesen. Sie hätte in diesen Wochen eigentlich gar nicht produktiv arbeiten können. „Man genügt niemandem richtig“, sagt K. über diese Zeit. Weder den Kindern. Noch der Arbeit. Noch sich selbst. Das sei auch psychisch ein unheimlich anstrengender Zustand.

Die Auswirkungen dieser Zeit spüre sie noch immer. „Ich gebe gerade bei der Arbeit das Beste, was ich kann“, sagt sie Mitte Mai am Telefon. Aber ihr Kopf fühle sich nach der Belastung der vergangenen Wochen so unglaublich leer an. Sie könne sich nur schwer konzentrieren.

„Es gibt in der Gesellschaft eine unglaublich hohe Erwartung an die Funktionalität von Familien und Kindern“, sagt Myriam K. in unserem Gespräch. Das müsse sich ändern. „Die Belastung von Eltern darf nicht mehr stigmatisiert werden.“ Es müsse endlich gesellschaftlich anerkannt werden, dass Kinderbetreuung Arbeit sei. Sie fordert, dass Eltern, die während der Corona-Krise Kinder betreuen, von ihrer Erwerbsarbeit freigestellt werden, während der Lohn weitergezahlt wird.

Finanziell sei ihre Situation im Moment noch relativ komfortabel, die Anstellung helfe ihr. Aber ihre Selbständigkeit liege auf nicht absehbare Zeit mehr oder weniger auf Eis. Finanzielle Sicherheit habe jetzt einfach Priorität, mit der beruflichen Umstellung müsse sie trotzdem erst einmal klarkommen. „Wieder hinten anstellen, so fühlt sich das an“, schreibt Myriam K. in ihrer ersten Mail dazu.

Im Moment ist ihre größte Sorge, dass ihre Kinder aufgrund von politischen Entscheidungen plötzlich wieder nicht mehr in die Kita gehen könnten. „Das würde mir den Boden unter den Füßen wegziehen“, sagt sie. Ein zweites Mal würde sie diese Situation weder nervlich noch finanziell durchstehen. „Dann müsste ich Hartz IV beantragen.“

 

Die Grafikerin

Svenja Blums finanzielle Situation ist Mitte Mai immer noch dramatisch. „Ich kann nicht ausschließen, dass es in einem halben Jahr eine Soloselbstständige-Grafik-Firma weniger gibt“, schreibt sie. Die Auftragslage sei weiterhin schlecht, sie verdiene 96 Prozent weniger. Anspruch auf die Corona-Soforthilfe hat sie in Rheinland-Pfalz nach wie vor nicht. Und auch in Nordrhein-Westfalen wurden die Förderregeln für Soloselbstständige inzwischen nachträglich verschärft.

Vom Staat wünscht sich Blum als Unterstützung in der Corona-Krise, dass Soloselbstständige wie sie 800 bis 1000 Euro im Monat bekämen, ähnlich einem bedingungslosen Grundeinkommen. Das sei sowieso sinnvoll: „Wenn das mit der Künstlichen Intelligenz so richtig losgeht, wird die Regierung darum oder um etwas Ähnliches nicht herumkommen, wenn sie keine massiven Verteilungskämpfe haben will.“

Blum hofft immer noch darauf, dass die Politikerinnen und Politiker in Rheinland-Pfalz Soloselbständigen wie ihr helfen werden. Aber eigentlich glaubt sie nicht mehr daran: „Die Regierenden haben das mit den versprochenen Hartz-IV-Zahlungen für uns einfach abgeschlossen.“ Damit meint sie den im Zuge der Corona-Krise erleichterten Zugang zu Hartz-IV-Leistungen, wenn man einen Antrag zwischen März und Juni dieses Jahres stellt. In dieser Zeit wird Vermögen unter 60.000 Euro bei der Prüfung nicht berücksichtigt. Die Hartz-IV-Leistungen zu diesen Bedingungen sind zunächst auf ein halbes Jahr beschränkt.

„Ich habe also die Wahl zwischen Hartz IV beantragen und den eventuellen eigenen Verdienst und eventuelle Zuschüsse wieder davon abgezogen bekommen“, schreibt sie. „Oder ich warte noch etwas, ob ich eventuelle Zuschüsse bekomme und riskiere, dass die Hartz IV-Antragsfrist abgelaufen ist.“

Eine Woche später kommt die Mail von ihr: „Kann nicht mehr abwarten. Habe kapituliert und gestern meinen allerersten Hartz-IV-Antrag abgesendet…“

Wir werden die fünf und andere weiterhin begleiten. Die fünf stehen für sich, und doch auch für die Zeit, in der es vielen ähnlich geht. Auch Sie können uns in unserem CrowdNewsroom von Ihren Erfahrungen in der Corona-Krise erzählen oder auf Missstände hinweisen.

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Corona – Geschichte eines angekündigten Sterbens
Ein CORRECTIV-Team aus Medizinern, Wissenschaftlern und Reportern, unter ihnen viele preisgekrönte Journalisten, recherchiert auf den Spuren des Virus, wie es vom Tiermarkt im mittleren China rund um den Erdball jagt und eine Spur der Verwüstung hinter sich herzieht. Hardcover: 320 Seiten Jetzt bestellen

Mitarbeit: Michel Penke, Max Söllner

Corona-Demos in Frankfurt
Hauptsache dagegen: Demonstranten in Frankfurt wehren sich gegen die Corona-Maßnahmen © picture alliance/Geisler-Fotopress
Corona-Report

Die Dagegen-Lobbyisten

Mitten in der Corona-Krise greifen Rechte, Marktradikale und Klimaleugner auf ähnliche Verschwörungsideen zurück: Für sie sind Klimaschutz und Corona der Beweis staatlicher Willkür – eine gefährliche Populisten-Erzählung.

weiterlesen 7 Minuten

von Susanne Götze , Annika Joeres

In der Corona-Krise trifft sich eine altbekannte Allianz: Klimaleugner, Marktradikale und Rechtspopulisten kämpften früher gemeinsam gegen Klimaschutz heute gemeinsam auch gegen die Corona-Maßnahmen. Sie verbindet die Abneigung gegen staatliche Eingriffe sowie ein Grundmisstrauen gegen die Wissenschaft. Sie nutzen die Themen, um Aufmerksamkeit für sich selbst zu schaffen.

Viele bekannte Klimaleugner demonstrieren derzeit auf sogenannten Hygiene-Demos oder wettern in den Sozialen Medien gegen die derzeitigen Einschränkungen. Mit dabei: Der deutsche Klimawandel-Verein EIKE. Er befeuert seit Wochen die Skepsis gegenüber der Gefährlichkeit des Covid19-Virus. Der Verein hat seinen Sitz in Jena und hatte vor der Epidemie das Ziel, Zweifel am menschengemachten Klimawandel zu säen. Derzeit geht es darum, wie „närrisch“ die politische Reaktion auf das Corona-Virus ausfiel.

Auf dem Klimaleugner-Portal von EIKE schreibt der emeritierte Hannoveraner Professor für öffentliches Wirtschafts- und Finanzrecht, Peter Nahamowitz, gegen Corona an. Er behauptet, die politische Reaktion auf das Virus sei eine Mischung aus „Panik (angestachelt durch gewisse Virologen, vor allem das Robert Koch Institut), (…) und (gleichsam immanentem) narzisstischem Regulierungsdrang der politischen Elite.“

Hier taucht das gemeinsame Narrativ der Corona-Skeptiker auf: Staatliche Regulierung beeinträchtige die persönliche Freiheit. Dabei gerieren sich die Klimaleugner schon länger als Freiheitskämpfer im Widerstand gegen die „grünen Khmer“, wie es auf der EIKE-Webseite heißt – eine Anspielung auf das totalitäre Regime in Kambodscha unter der Führung von Pol Pot in den 1970er Jahren. Passend dazu hat der EIKE-Verein den Slogan: „Nicht das Klima ist bedroht, sondern unsere Freiheit.“

„Keine Zeit für Gerechtigkeit“

Diese Erzählung verbindet Klimaleugner und Marktradikale. Beispielsweise Werner Müller, BWL-Professor an der Hochschule Mainz, der mit vier weiteren Professoren eine Anfrage zu den Corona-Maßnahmen an die Bundesregierung stellte. Müller schreibt auf seiner Webseite, Regierungspolitiker ließen sich in der Corona-Krise wie „Rindviecher“ vor sich her treiben. Auch zur Klimapolitik veröffentlicht Müller einen Text mit einer demagogischen, ja rassistischen Meinung. Auf der Seite des Professors, immerhin Lehrer und Autoritätsperson vieler Studierender, steht: Die deutschen Klimaziele könnten in anderen Teilen der Welt besser umgesetzt werden. „Dann müsste man aber wirklich zum Kolonialismus zurückkehren und die Industrieländer müssten in den Entwicklungsländern, in denen sie mit ihren Steuergeldern in kurzer Zeit große Schritte zur Reduzierung von Treibhausgasen unternehmen, auch wieder die politische Kontrolle übernehmen.“ Natürlich sei es ungerecht, dass sich die Industrieländer in der Vergangenheit auf Kosten der Umwelt wirtschaftlich entwickelt haben. Aber, so steht es am Ende des Textes: „Für Gerechtigkeit ist aber keine Zeit mehr.“

Hauptsache gegen den Staat

Medial bekannter ist sein Mitstreiter Stefan Homburg, Finanzwissenschaftler an der Leibniz Universität Hannover und Direktor am Institut für Öffentliche Finanzen. Auf einer Demonstration in Stuttgart hielt er eine viel verbreitete Rede, in der er die Statistiken des Robert-Koch-Instituts als „Lügen“ diffamierte. Später verglich er die Politik der Bundesregierung mit dem Faschismus. Auch Homburg will, wie viele seiner Mitstreiter, staatlichen Einfluss verringern.

Im vergangenen Jahr setzte er sich zusammen mit anderen Ökonomen wie dem ehemaligen Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) und Ex-AfD-Politiker, Hans Olaf Henkel, dafür ein, die Marktwirtschaft ins Grundgesetz zu schreiben, um eine „Planwirtschaft“ mit einer „Sozialisierung von Grund und Boden“ zu verhindern. Die Liste der Unterzeichner  ist deshalb interessant, weil einige dieser Personen in der Corona-Debatte besonders vehement für Lockerungen des Kontaktverbotes eintraten, etwa Max Otte. Otte verbreitete das millionenfach geklickte Video der Rede Homburgs. Er ist ebenfalls Finanzwissenschaftler, trat in den vergangenen Jahren für eine Zusammenarbeit der CDU mit der AfD ein und veranstaltet alljährlich das berüchtigte Hambacher Fest, auf dem sich Vertreter der Rechten treffen.

Die rechtslastige Splittergruppe einiger CDU-Politiker, die Werteunion, vertritt ebenfalls krude Theorien zu Corona und zum Klimaschutz. Die Werteunion schrieb schon 2019 in ihrem „Konservativen Manifest“, man wolle eine Klimapolitik, die „frei von ideologischen Instrumentalisierungen“ sei. Dabei argumentiert deren Vorsitzender Alexander Mitsch ähnlich wie die Klimawandelleugner in den USA oder europäische Rechtspopulisten. Er hetzt gegen die angebliche „Klimahysterie“ und die Ökodiktatur durch die „Gretalegende“. Mitsch und sein Mitstreiter, der frühere rechtslastige Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen, teilten über Twitter einen Fernsehbeitrag namens „Corona-Wahn ohne Ende“ des österreichischen Privatsender Servus TV. Darin beklagt ein Mediziner die Maßnahmen gegen Corona als „selbstzerstörerisch und sinnlos“.

Denselben Tenor schlagen mittlerweile auch Teile der AfD an: In Sachsen beispielsweise mobilisiert sie zu Corona-Protesten. Auch hier wieder die enge Verbindung zu Klimaleugnern: Der Vizevorsitzene von EIKE, Michael Limburg, kandidierte für die Partei in Brandenburg. Führende Vertreter der AfD verbreiten die Parolen der Klimaschutz-Gegner.

„Wunsch nach Kontrolle“

„Verschwörungsideologen vereint der Wunsch nach Kontrolle: Wenn Corona den Alltag ins Wanken bringt, die Klimakrise große politische Veränderungen einfordert, ist es erlösend, beides in Abrede zu stellen“, sagt die Publizistin und Politologin Katharina Nocun. Es sei bequemer, nichts ändern zu müssen, nicht seine eigenen Handlungen zu hinterfragen. „Dabei sprechen wir hier von einer Minderheit. Medial erscheinen diese Gruppen zurzeit größer, als sie in Wirklichkeit sind.“

Auch international verbinden sich Klimaleugner mit Menschen, die Corona nicht für gefährlich und die Maßnahmen dagegen übertrieben finden. Einer, der zugleich bei EIKE und lautstark bei Corona-Demos in Großbritannien auftritt, ist der betagte britische Meteorologe Piers Corbyn, Bruder des ehemaligen Labour-Chefs Jeremy Corbyn. Piers Corbyn wurde vor wenigen Tagen mit einer Sprechtüte mitten in einer Corona-Demo gefilmt und schließlich von der Polizei in Handschellen abgeführt, weil er sich nicht ausweisen wollte. Corbyn mischt seit Jahrzehnten in der europäischen Klimaleugner-Bewegung mit, publiziert Blogbeiträge und hält Vorträge auf einschlägigen Veranstaltungen, darunter auch bei EIKE.

Corbyn auf einer Demonstration in London gegen Corona-Maßnahmen © picture alliance / Photoshot

Die Corona-Krise hält der Brite – wie viele andere zur Zeit – für eine Verschwörung von Bill Gates, der damit die Menschheit ausrotten wolle, um den Klimawandel zu stoppen und Massenimpfungen durchzuführen. Es sind krude Thesen, wie ein CORRECTIV-Faktencheck zeigt.

Heartland mischt auch mit

Auch die einflussreichsten Klimaleugner der Welt, das us-amerikanische Heartland-Institut, nutzte die Corona-Krise für die Verbreitung von Fake-News. Neben seiner Tradition als Tabak-Lobbygruppe bekommt das Institut vor allem Geld, um die Klimawissenschaft mit Publikationen, Lobbyismus oder pseudowissenschaftlichen Konferenzen anzugreifen. Auch bedienen die Heartland-Vertreter viele Verschwörungsideen: Beim Klimaschutz ginge es um eine links-grüne Machtübernahme durch die „Grüne Maschine“, wie sie das globale Netzwerk von Klimaaktivisten und erneuerbaren Energielobbyisten nennen.

CORRECTIV hatte im Januar aufgedeckt, dass der Heartland-Chef auch für krumme Geschäfte zu haben ist. Undercover recherchierte CORRECTIV, wie Heartland Steuergeschenke verschleiert und anbietet, sich für öffentliche Kampagnen gegen den Klimaschutz in Deutschland einkaufen zu lassen.

Nun sagt Heartland-Präsident James Taylor, die Computermodelle zu Covid19 seien genauso falsch wie jene Modelle des Weltklimarates zur globalen Erwärmung. Wieder geht es um „unsere Freiheit“: Covid sei eine große Kampagne zur Einschränkung der „Freiheit des Einzelnen“.

Ähnlich wie die Querfront-Akteure in Deutschland fühlen sich die Heartland-Autoren in ihren Beiträgen im Widerstand gegen eine internationale Verschwörung von Milliardären wie Gates, George Soros, demokratischen Politikern und globalen Institutionen wie der Weltgesundheitsorganisation WHO und der UNO.

Bei Heartland kommt man zu dem Schluss, dass US-Präsident Donald Trump der einzige Hoffnungsträger ist, der „die Fäden der Marionetten durchtrennt“ habe. Dass Heartland selbst jahrelang von dem Ölkonzern Exxon Mobil oder Milliardären wie den Koch Brothers – einer US-Industriellenfamilie, die ihr Geld mit klimaschädlichen Produkten macht – finanziert wurde, wird verschwiegen. Heartland gibt jährlich fünf bis sechs Millionen Dollar für seine Lobbyarbeit aus.

Querfront zum Klimaschutz

Nicht nur zu deutschen Klimaleugnern, sondern auch zu ehemals linken, heute Querfront-Schreibern gibt es Parallelen. Eine der prominenten Figuren der Hygiene-Demos ist der Verschwörungstheoretiker und Blogger Ken Jebsen. Er wettert gegen die Corona-Maßnahmen, die weltweit gelten. Auf seiner Webseite KenFM finden sich mittlerweile auch Fakenews zum Thema Klimawandel – selbst wenn Klima und Ökologie keine Kernthemen des Portals sind. Unter anderem behaupten Autoren auf der Webseite, dass die Klimaerwärmung nicht durch die Verbrennung fossiler Ressourcen wie Kohle oder Öl gesteigert werde, sondern Folge eines „militärischen Geoengineerings seit dem 2. Weltkrieg“ sei.

 

Susanne Götze und die CORRECTIV-Reporterin Annika Joeres sind auf länderübergreifende Recherchen zu Klimapolitik und Lobbying spezialisiert. Am 2. Juni erscheint ihr Buch „Die Klimaschmutz-Lobby – Wie Politiker und Wirtschaftslenker die Zukunft unseres Planeten verbauen“ im Piper Verlag.

Anti-Corona-Demo in Berlin, 2020
„Hygiene-Demo“ vor der Berliner Volksbühne: alte Bekannte treffen sich hier wieder. ( Foto: picture alliance / Sueddeutsche Zeitung)
Aktuelle Artikel

„Hygiene-Demos“: Russland-Freunde gegen Corona

Ein Sammelsurium aus linken und rechten Aktivisten protestiert am 1. Mai in Berlin wieder gegen eine angebliche „Corona-Diktatur“. Es sind alte Bekannte, die neben der Ablehnung der Corona-Maßnahmen der Bundesregierung noch etwas anderes eint: Sympathie für den Kreml. Eine Analyse.

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von Marcus Bensmann , Till Eckert , Frederik Richter

Fünf „Hygiene-Demos“ gab es bereits, für den 1. Mai ist die nächste geplant. Linke und rechte Aktivisten protestieren vor der Volksbühne in Berlin wöchentlich gegen die Maßnahmen der Bundesregierung zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Sie sehen darin eine „Corona-Diktatur“. Zuletzt zählte ihr Protest etwa 1.000 Teilnehmer.

Einer von ihnen ist Jürgen Elsässer, Herausgeber des rechtsradikalen Magazin Compact. „Ein Hauch von 2014“ verspürt Elsässer bei den „Hygiene-Demos“ vor der Berliner Volksbühne. Er fühlt sich an die Montagsdemonstrationen „gegen die NATO-Kriegsstimmungsmache contra Russland im Zuge der Krimkrise“ aus dem Jahre 2014 erinnert, wie er bei Compact schreibt.

Damals traten Abgeordnete von den Linken wie Diether Dehm zusammen mit dem ehemaligen RBB-Moderator Ken Jebsen und Elsässer auf. Es gab sogar einen zeitweiligen Zusammenschluss mit der fremdenfeindlichen Pegida aus Dresden, gegründet im Dezember 2014 von dem rechtsradikalen Lutz Bachmann. Pegida, das damals das Abendland retten wollte, unterstützte offen Russland. Die Demonstranten hielten bei den Aufmärschen russische Fahnen und Putin-Porträts hoch.

Die prorussischen Proteste brachten in jenem Winter linke und rechte Politiker und Publizisten zusammen. Sie verteidigten die Annexion der Krim durch Russland und versuchten wie der Kreml die Ukraine für den Abschuss des malaysischen Fluges MH-17 verantwortlich zu machen. Die Demonstrationen gegen die Corona-Politik der Bundesregierung führen diese in der Ukraine-Krise entstandene „Querfront“ jetzt erstmals bei einem anderen Thema zusammen.

„Unter beiden Veranstaltungen sammelt sich eine Mischung aus wilden, sich häufig widersprechenden Verschwörungserzählungen“, sagt Miro Dittrich, Experte für Verschwörungsideologien und Rechtsextremismus bei der Berliner Amadeu Antonio Stiftung. Einige der Akteure seien die gleichen. Eine weitere Gemeinsamkeit sei, dass die Teilnehmer sich als unpolitisch verstünden. „Dies äußert sich wie damals jedoch vor allem in einem fehlenden Ausschluss von rechtsextremen Akteuren“, sagt Dittrich.

© picture alliance / Geisler-Fotopress
„Friedens-Demo“ 2014 in Berlin während der Ukraine-Krise. (Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress)

Ken Jebsen zog im Anschluss an die Ukraine-Krise noch „die Notbremse“, und distanzierte sich von den rechten Bündnispartnern. Diese hetzten anders als Jebsen gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung und sahen einen angeblichen Bevölkerungsaustausch. Elsässer bedauert die Trennung offenbar. „Durch den Abgrenzungsbeschluss verlor die Bewegung ihre Dynamik“, schreibt er.  Den Beitrag auf Compact über die Demo vor der Volksbühne ziert ein Foto von Jebsen und Elsässer von 2014.

Das damalige Schimpfen der Querfront gegen die angebliche Russlandfeindlichkeit von etablierter Presse und „Mainstreammedien“ hallt bis heute nach. Es war der Beginn des Booms von Jebsens Portal KenFm und Compact. Der Begriff „Lügenpresse“ bestimmte den Diskurs. Trollfabriken aus St. Petersburg befeuerten die pro-russische Politszene in den sozialen Netzwerken.

Nun stehen die Beteiligten gemeinsam vor der Volksbühne. Und auch heute gibt Jebsen wieder den Ton an. In seinem millionenfach aufgerufenen Podcast bezeichnet der Macher von KenFm die Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus als „Gehorsamsexperiment“.

Nähe zum Theater

Unklar ist, welche Rolle eine Einrichtung spielt, die in der Ukraine-Krise nicht mit von der Partie war: die Volksbühne Berlin. Der „Demokratische Widerstand“, die Zeitung der Protestbewegung, gibt in ihrem Impressum das Theater als Adresse an.

Das Theater bestreitet, davon gewusst zu haben. „Die Adresse der Volksbühne Berlin wird unberechtiger Weise verwendet und dagegen geht die Volksbühne juristisch vor“, teilt das Theater auf Anfrage mit. Es sei wichtig, dass auch während der Corona-Pandemie das Recht auf Versammlungsfreiheit aufrechterhalten bleibe.

„Aber das, was seit vier Wochen am Rosa-Luxemburg-Platz passiert, ist falsch. Es ist falsch, die Pandemie herunterzuspielen und damit andere Menschen in Gefahr zu bringen. Es ist falsch, gemeinsame Sache zu machen mit Rechtspopulist*innen, Querfront-Aktivist*innen und Verschwörungsideolog*innen.“

Allerdings wetterte der langjährige Intendant Frank Castorf auf Der Spiegel gegen die Corona-Maßnahmen. Er wolle sich nicht von Bundeskanzlerin Angela Merkel sagen lassen, dass er sich die Hände waschen müsse. Castorf prägte die Volksbühne bis zu seinem Abschied 2017 wie kein anderer und dürfte dort noch Bewunderer haben.

Der „Demokratische Widerstand“ hat angeblich eine Auflage von über 100.000 gedruckten Exemplaren. Als Herausgeber zeichnet unter anderem der Journalist Anselm Lenz verantwortlich. Nach eigenen Angaben befindet er sich wegen seiner Positionierung zu Corona in einer arbeitsrechtlichen Auseinandersetzung mit der taz.

Die Organisatoren des Protests habe eine Nähe zum Theater. Lenz ist nicht nur Journalist sondern auch Künstler. Gemeinsam mit Hendrik Sodenkamp, Mitherausgeber des „Demokratischen Widerstand“, war er an diversen Kunstprojekten wie das „Haus Bartleby” beteiligt und organisierte das „Kapitalismustribunal” in Wien.

Die publizistischen Russland-Freunde

Das pro-russische Internetportal Rubikon bietet Lenz ein Forum. Es interviewt Lenz und veröffentlicht seine Thesen. Gegründet 2017, generiert es seither mit Verschwörungstheorien und kremlfreundlichen Beiträgen Klickzahlen. Der freie Journalist Peter Nowak, der für Rubikon sowie das Internetportal Telepolis schreibt, ist einer der Autoren der Zeitung „Demokratischer Widerstand“. Nowak kennt die Querfront, denn genau darüber hat er bei Telepolis 2015 geschrieben. Auch der prorussische Blogger Billy Six, der auf einer der „Hygiene-Demos“ gesehen wurde, tummelt sich in diesem Umfeld.

Jebsen, Six, Rubikon, Elsässer: Die publizistischen Russland-Freunde in Deutschland wittern eine neue Verschwörung „des Establishments”.

Die EU warnt davor, dass der Kreml  mit Hilfe seiner Trolle über die sozialen Medien „Verwirrung, Panik, und Angst“ in Europa und in Deutschland anheizen wolle. Auch die deutsche Ausgabe des russischen Propagandasenders Russia Today berichtet ausgiebig über die neue Bewegungen gegen die Corona-Maßnahmen.

Widersprüche stören die Bewegung nicht. Während die Russland-Freunde in Deutschland die Sicherheitsmaßnahmen als „Corona-Diktatur“ bezeichnen, verschärft der russische Präsident Wladimir Putin die dortigen Maßnahmen, um der rasanten Ausbreitung von Covid-19 vor allem in Moskau Herr zu werden. Selbst die Siegesparade zum Ende des zweiten Weltkriegs am 9. Mai musste Putin absagen.

Die AfD bleibt fern

Die „Querfront“ der Ukraine-Krise fand damals Anschluss an die Politik. Diese fehlt der neuen Bewegung bisher. Während sich 2014 Politiker wie Dehm der Querfront anschlossen, bleiben diese nun fern. Die AfD schwenkte nach der Trennung von dem prowestlichen Bernd Lucke auf Russland-Nähe um, regelmäßig fahren AfD-Delegationen auf die Krim und nach Russland. Der AfD-Politiker Markus Frohnmaier gilt in Moskau als „absolut unter Kontrolle”, wie eine Recherche von Frontal 21 zeigte. Frohnmaier wehrte sich gegen diese Darstellung.

Die AfD scheut bisher die Umarmung. Aber ausgerechnet der Berliner Abgeordnete Gunnar Lindemann wurde auf einer Demo gesehen. Lindemann ist ein ausdrücklicher Putinfan, bereiste die Krim und lobt angeblich freie Wahlen in russischen Provinzen. Auf Anfrage von CORRECTIV rudert er zurück. Er  sei nur aus „Beobachtungsgründen“ vor die Volksbühne gegangen.

Der Publizist Elsässer bedauert, dass sich die AfD von den „Hygiene-Demos“ fernhält. „Die AfD in Berlin hält sich ebenso brav an die Notstandsmaßnahmen wie die Linkspartei, die ihre Parteizentrale am Rosa-Luxemburg-Platz kurzerhand abgeschlossen hat“ schreibt er auf der Seite von Compact.

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Aktuelle Artikel

Wie betrifft Sie die Corona-Krise? Schreiben Sie uns

Mit unserem CrowdNewsroom sammeln wir Ihre Hinweise und Erfahrungen. Sie können uns helfen, zu berichten, wie sich die Corona-Krise im Beruf auswirkt.

weiterlesen 3 Minuten

von Olaya Argüeso , Justus von Daniels

Die Coronavirus-Krise fordert uns alle heraus, besonders aber Mitarbeiter des Gesundheitssystems, die in dieser Notlage an vorderster Front stehen. Patienten und ihre Familien. Pädagogen, die nun Entscheidungen darüber treffen müssen, wie sie den Schülern helfen können, weiter zu lernen. Eltern, von denen viele jetzt von zu Hause arbeiten müssen, während sie sich um ihre Kinder kümmern. Behörden und Verwaltungen, die Notfallpläne entwickeln müssen. Beschäftigte im Dienstleistungssektor, deren Arbeitsplätze aufgrund notwendiger gesundheitlicher Vorkehrungen gefährdet sind, und Selbständige, die für Wochen ihr gesamtes Einkommen verlieren. Aber auch Beschäftigte, die ohne Sicherheitsvorkehrungen weiter arbeiten sollen.

Wie sind Sie beruflich von der Corona-Krise betroffen? Wir wollen Ihre Geschichten hören und aufschreiben. Wir wollen verstehen, wo Probleme auftauchen und berichten, was wir als Gesellschaft daraus lernen können.

Schreiben Sie uns unter folgendem Link in unserem CrowdNewsroom Ihre Erfahrungen, schicken Sie uns Hinweise auf Versäumnisse, die die Krise verstärken. Sie können sich in den nächsten Wochen auch mehrfach melden:

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Nehmen Sie sich ein paar Minuten Zeit, um mitzumachen.

Für uns ist die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger am Journalismus sehr wichtig. Daher haben wir eine Plattform entwickelt, den CrowdNewsroom, auf der jede Einzelne gezielte Informationen zu einem Thema beitragen kann. Sie wissen am besten, wie die Lage vor Ort ist, welche Probleme auftauchen, wer sie verursacht und vielleicht auch, wie sie zu lösen sind. Daher stellen wir Ihnen ein paar Fragen und geben Ihnen die Möglichkeit, über Ihre Erfahrungen zu berichten oder auch Dokumente hochzuladen.

Mit Ihren Informationen recherchieren wir und berichten darüber. Es ist eine außergewöhnliche Zeit. Aus den vielen Geschichten kann am Ende eine Chronik über diese Zeit entstehen.

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Die Lebensumstände in einer Pflege-WG werden nur lasch kontrolliert.© Ivo Mayr / Correctiv

Pflege

Wenn die Pflege-WG zur Falle wird

Altenheime haben einen schlechten Ruf. Die Politik fördert als Alternative betreute Pflege-Wohngemeinschaften. Doch da werden Rechte von Pflegebedürftigen mitunter beschnitten. Und schwarze Schafe in der Pflegebranche profitieren.

von André Ricci

Die Grundidee klingt verlockend: Pflegebedürftige leben gemeinsam in überschaubaren Wohngruppen und entscheiden selbst, welche Leistungen sie von wem in Anspruch nehmen. Sie sind weder den rigiden Regeln von Heimleitungen ausgeliefert noch haben sie mit einem Pflegepersonal zu tun, das sich nicht um sie kümmert. Dem sie, wenn es zu Spannungen kommt, nur durch Auszug entkommen können.

Das findet auch Klaus Göttsch attraktiv, der nach negativen Erfahrungen mit einem ambulanten Pflegedienst und einem stationären Heim nach einer Alternative für seine an Demenz leidende Mutter sucht. Nicht weit von seinem Wohnort im niedersächsischen Bremer Umland entsteht da gerade etwas Neues: eine betreute Wohngemeinschaft. Die Einrichtung macht einen freundlichen Eindruck, ist baulich einwandfrei, liegt im Grünen. Der Mietvertrag wird unterschrieben, danach greift alles eingespielt ineinander: die Mutter zieht ein, der Pflegedienst übernimmt. Alle vier Wochen unterschreibt der Sohn die Leistungsnachweise.

In die WG einziehen wie in ein Heim – das ist der Standard. Aber Wohngruppen sind rechtlich keine Heime, sie werden viel lascher kontrolliert und für sie gelten bis hin zum Brandschutz geringere Standards. Wer in eine WG statt in ein Heim zieht, tauscht staatlichen Schutz gegen mehr Selbstbestimmung – so die Theorie. Die Praxis ist oft eine andere. Pflegedienste betreiben Wohngemeinschaften, sind die wahren Herren im Haus und verdienen gut dabei.

Auch Göttsch kommen bald Zweifel. Ist seine Mutter wirklich gut untergebracht? „Pausenlos wurde versucht, ihre Medikamenteneinnahmen zu erhöhen“, schildert er seinen Eindruck.

Eine ärztliche Bedarfsverordnung erlaubt dem Pflegedienst die Gabe von Schmerzmitteln innerhalb eines Korridors. Der Sohn befürchtet, dass die Grenzen zu stark ausgereizt werden. Der Hausarzt will seine Verschreibung nicht rückgängig machen. Göttsch sucht einen Facharzt auf. Der bestätigt: Die Mutter braucht keine regelmäßige, variable Verabreichung von Schmerzmitteln. Nach drei Arztbesuchen ist die Verordnung des Hausarztes endlich vom Tisch.

Nach sieben Monaten bekommt Göttsch plötzlich einen auf den Tag des Einzugs rückdatierter Pflegevertrag vorgelegt – und soll zuzahlen. Zwischen den Zahlungen der Krankenkasse und den Forderungen des Pflegedienstes klafft eine monatliche 300-Euro-Lücke. Göttsch unterschreibt nicht. Stattdessen schaut er sich die Leistungsnachweise der vergangenen Monate an und entdeckt Unregelmäßigkeiten.

Der Pflegedienst rechnet ein tägliches Wannenbad ab, obwohl es in der WG nur Duschen gibt. Fahrkosten werden falsch in Rechnung gestellt, weil eine veraltete Adresse genannt ist. Tatsächlich hat der Pflegedienst seinen Sitz längst auf das Nachbargrundstück verlegt. Auch werden Einzelanreisen geltend gemacht, obwohl der Pflegedienst mit einem Besuch alle zwölf Parteien der WG betreut. Hauswirtschaftliche Leistungen werden in Rechnung gestellt, obwohl sie privat beglichen werden. Erst nach Protest händigt der Pflegedienst für einen Monat eine korrekte Abrechnung aus.

Göttsch kündigt den WG-Mietvertrag. Der Vermieter besteht auf einer dreimonatige Kündigungsfrist wie bei einem ganz normalen Wohnungsmietvertrag. Es kommt zum Rechtsstreit. Die mutmaßlich betrogene Krankenkasse erklärt, sie könne nichts machen, schließlich habe Göttsch alle Leistungsnachweise unterzeichnet.

Inzwischen lebt die Mutter wieder im Pflegeheim. Und Göttsch fragt sich rückblickend: Was genau war eigentlich vorher anders? Besser?

Seine Schilderungen sind kein Einzelfall. Die Unterschiede zwischen Heim und WG verschwimmen. Trotzdem gelten für WGs weniger Vorschriften.

Einer, der die Anfänge gut kennt, ist Klaus-Werner Pawletko. Der Geschäftsführer des Berliner Vereins „Freunde alter Menschen“ ist quasi der Erfinder der innovativen Wohnform zwischen Heim und Wohnung. Mit Mitstreitern gründete er 1995 in Berlin die erste Demenz-WG Deutschlands. „Damals konnten Heime noch nicht mit Dementen umgehen, die Verhältnisse waren schlimm“, sagt er. Eine Wohnform für Pflegebedürftige außerhalb des Heimrechts sei politisch nicht gewollt gewesen. Doch die Heimaufsicht hätte das Projekt nicht verboten, mangels Zuständigkeit. „Die Idee war: Kontrolle von innen statt von außen“, sagt Pawletko.

Doch die Idee ist in die Jahre gekommen. Seit 2009 sind die Bundesländer für das Heim-Ordnungsrecht zuständig. Andere rechtliche Aspekte sind jedoch weiter auf Bundesebene geregelt. Es ist ein Flickenteppich aus verschiedenen Gesetzen entstanden. Und damit auch Intransparenz, die zum Missbrauch einlädt.

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„Gewinner sind die, die sich auskennen“, sagt Rechtsanwältin Ulrike Kempchen, Leiterin Recht bei der Bundesinteressenvertretung für alte und pflegebedürftige Menschen (Biva). „Einige Einrichtungen haben in der Vergangenheit gezielt ihre Verträge so umgearbeitet, dass die ordnungsrechtlichen Regelungen keine Anwendung mehr finden“, so die Juristin.

Die Kontrolldichte schwankt extrem. Manche Bundesländer, zum Beispiel Bayern, kontrollieren Heime und kommerziell betriebene Wohngemeinschaften in etwa gleich häufig. Die meisten gehen jedoch laxer vor: Nach einer Erstprüfung folgen nur noch anlassbezogene Kontrollen. Kommt der Behörde keine Klage zu Ohren, lässt sie die WG-Betreiber in Ruhe.

In Deutschland fehlen Pflegeplätze. Die Politik setzt als Lösung auch auf mehr Wohngruppen. Das bevölkerungsreiche Nordrhein-Westfalen etwa will laut Gesundheitsministerium die stark wachsende Zahl von Pflegebedürftigen „im Wesentlichen durch ambulante Angebote auffangen“. Das entspreche auch den Wünschen der Betroffenen, so der Freiburger Sozialexperte Professor Thomas Klie, Mitverfasser einer Studie im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums zur Situation ambulanter Wohngruppen in Deutschland. „Nur zwei Prozent der Bevölkerung gibt an, im Heim sterben zu wollen“, sagt er.

Um das Wachstum im WG-Sektor zu befeuern, gibt es verschiedene Hebel. Generell gilt: Je liberaler die Gesetzgebung, desto attraktiver wird es für potenzielle Betreiber. Beispiel Niedersachsen: Dort ist es seit rund einem Jahr nun möglich, dass der Vermieter einer Immobilie zumindest im ersten Jahr mit einem Pflegedienst seiner Wahl kooperiert und sich die Bewohner den Pflegedienst damit nicht mehr selbst aussuchen können.

Nach einem Jahr wird die freie Wahl eines Pflegedienstes zwar nachträglich eingeräumt – aber das ist graue Theorie. Die WG läuft bereits, und zwar mit den Strukturen, die die Betreiber vorgesehen haben. Für neu einziehende Pflegebedürftige heißt es: friss oder stirb. Wer etwas ändern will, wird zum Störenfried.

Anzahl ambulant betreuter Wohngruppen pro Bundesland

Vielleicht ist Niedersachsen nur ehrlicher als andere, hat seine Gesetze konsequenter der Realität angepasst. Denn von Bewohnern initiierte betreute Wohngruppen sind zur Rarität geworden. „Die Pflegedienste haben den Markt für sich entdeckt“, sagt WG-Pionier Pawletko. „So war das eigentlich nicht gemeint.“ In Berlin, dem Geburtsort der Dementen-WG, gibt es inzwischen im Schnitt die meisten ambulant betreuten Wohngruppen pro Kopf. Die Studie im Auftrag des Gesundheitsministeriums geht von 690 Pflege-Wohngemeinschaften mit mehr als 4.600 Bewohnern aus. Ordnungsrechtlich kontrolliert werden sie kaum. Experten sprechen von „Berliner Verhältnissen“ und verdrehen dabei die Augen.

In einer anonymen Großstadt wie Berlin gibt es besonders viele Pflegebedürftige ohne Angehörige, die sich um sie kümmern. Ihnen werden gesetzliche Betreuer zur Seite gestellt, die oft überlastet und generell unterbezahlt sind. Was in den einzelnen Wohngruppen täglich vor sich geht, kann niemand verlässlich sagen.

Klie warnt: „Hermetisch isolierte, faktisch von Pflegediensten betriebene Wohngemeinschaften sind unter menschenrechtlichen Gesichtspunkten zum Teil hochgefährlich. Sie entsprechen weder dem Freiburger Modell noch dem Leitbild des Gesetzgebers.“

Das „Freiburger Modell“ beschreibt Qualitätsmaßstäbe für Wohngruppen für Demenzkranke. Ein Grundgedanke: die WG-Bewohner oder ihre Vertreter sollen gemeinsam Entscheidungen treffen. Dabei erhalten sie professionelle Unterstützung von außen. Vermietung und Pflege sind getrennt.

In manchen Bundesländern, etwa in Hamburg, gibt es solche Ansätze. Ohne klaren Ordnungsrahmen drohen dagegen gefährliche Fehlentwicklungen. Die wären nur folgerichtig, so Klie: „Man kann Wohngruppen nicht einfach dem Markt überlassen und sich dann wundern, dass lauter Kleinstheime entstehen.“  Mini-Heime, die sich Wohngruppen nennen und doch nur Etikettenschwindel betreiben. In denen man im schlimmsten Fall in die Lage eines Ausgelieferten geraten kann: hilflos und von der Heimaufsicht vergessen.

Tipps für die Auswahl einer ambulant betreuten WG

Eine gute Pflege-WG ist kein Heim, sondern ein aus mehreren Elementen zusammengesetzter Baukasten. Erheblich pflegebedürftige Menschen bedürfen daher der Unterstützung durch Angehörige oder Vertrauenspersonen, damit Versorgung und Mitwirkung auch tatsächlich funktionieren.

Wir haben bei der Bundesinteressenvertretung für alte und pflegebedürftige Menschen (Biva) nachgefragt, worauf man bei der Auswahl einer ambulant betreuten WG achten sollte. Aus der Antwort haben wir eine Checkliste zusammengestellt.

1.  Meist werden Wohngruppen gesucht, in die Bewohner ähnlich wie in ein Heim einziehen können. Man kann aber auch selbst mit Freunden eine eigene Pflege-WG gründen. Ratgeberbücher geben Auskunft, was dabei zu beachten ist.  

2. Angebote unterscheiden sich je nach Bundesland. Übersichten bieten z. B. Aufsichtsbehörden, Pflegestützpunkte und -beratungsstellen sowie Vereine, die WG-Gründungen unterstützen.

3. Zu klären ist, welche Leistungserbringer in der WG wirken und ob sie gewechselt werden können. Oft sind Verträge so formuliert, dass jeder Bewohner theoretisch einen eigenen Pflegedienst wählen kann. In der Praxis sind aber WGs schon fest von einem Pflegedienst betreut. Benötigt jemand rund um die Uhr Betreuung, verschärft sich das Problem und es bleibt oft nur der Auszug.

4. Für weglaufgefährdete Personen sind Pflege-WGs eher nicht geeignet, weil eine unablässige Beaufsichtigung nicht möglich ist. Für freiheitsentziehende Maßnahmen wie abgeschlossene Türen sind immer richterliche Beschlüsse nötig.

5. Gibt es für jeden Bewohner eine individuelle Pflegeplanung?

6. Werden Leistungen transparent dokumentiert und abgerechnet?

7. Wer trägt bei mehreren Leistungserbringern die Verantwortung?

8. Wer verwaltet die Finanzen?

9. Wem obliegt die Haushaltsführung?

10. Wer gestaltet die Planung des Alltagslebens?

11. Wer legt die Hausordnung fest?

12. Wer gestaltet die Räume?

13. Wer übt das Hausrecht aus?

14. Wer entscheidet über den Einzug von Bewohnern?

15. Verträge vor der Unterzeichnung zu Hause in Ruhe prüfen, möglichst zusammen mit einem Juristen. Die Biva bietet Vertragsprüfungen an.

bacteria

Gefährliche Keime

Sieben Dinge, die Du tun kannst, um Antibiotikaresistenz zu verhindern

Keime, die gegen Antibiotika immung geworden sind, stellen ein Problem für die globale Gesundheit dar. Was du gegen ihre Ausbreitung tun kannst.

weiterlesen 5 Minuten

von Victoria Parsons

1. Wasch deine Hände

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Und zwar gründlich – jedes Mal, wenn sie schmutzig sind, wenn du auf der Toilette warst, ehe du isst oder Essen zubereitest. Händewasche schränkt die Ausbreitung von Bakterien wirksam ein. Es schützt vor Infektionen. Es schützt dich. Es schützt jene, mit denen du Kontakt hast.

Mehr Tipss über das Händewaschen.

2. Nimmst du Antibiotika? Dann halte dich an die Anweisungen des Arztes

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Jeder Erwachsene kennt diesen Rat: Wer mit einer Antibiotika-Behandlung beginnt, muss sie vorschriftsmäßig beenden. Muss die Kapseln vielleicht weiter nehmen, aucg wenn es einem bereits geht und die Symptome verschwunden sind. Unterbricht man die Behandlung, macht man es Keimen leichter, Resistenzen gegen Antibiotika zu entwickeln.

Wobei: Einige Wissenschaftler stellen diese Doktrin neuerdings in Frage. Sie halten es für besser, wenn man Antibiotika absetzt, sobald die Symptome abgeklungen sind. Weil Keime jedes Mal, wenn sie in Kontakt kommen mit Antibiotika, Resistenzen ausbilden können.

Was folgt daraus? Dass du den Anweisungen folgst, die dein Arzt dir gibt, wenn er dir Antibiotika verschreibt. Fragen sie bei der Gelegenheit gern, wie er diese Debatte beurteilt.

Quelle: UK National Health Service

3. Fleisch gut kochen und handaben

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Einige Antibiotika-resistente Keime entstammen aus der Nahrung, etwa Salmonellen, Campylobacter und E. Coli. Werden Nutztiere mit Antibiotika behandelt, können Keime, die gegen die Medikamente resistent sind, die Behandlung überleben. Die Keime können sich im Darm vermehren und auf dem Fleisch bleiben, bis es beim Kunden in der Küche angelangt ist.

Rohes Fleisch kann Mahlzeiten mit resistenten Keimen verunreinigen. Beim Kochen Fleisch, waschen Sie Ihre Hände vor und nach. Behandeln Sie das Fleisch richtig: Verwenden Sie keine Schneidebretter oder Messer, die ungekochtes Fleisch auf andere Teile der Mahlzeit berührt haben.

Rohes Fleisch muss ausreichend gekühlt werden. Verarbeite rohes Fleisch nicht, wenn du eine offene Wunde an den Händen hast. Hier weitere Tipps.von CORRECTIV zum Umgang mit rohem Fleisch.

Quelle: CDC

4. Vorsicht beim Besuch von Freunden und Familie im Krankenhaus

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Ehe du das Krankenzimmer betrittst und ehe du es verlässt, solltest du dir die Hände waschen. Das hilft, die Ausbreitung von Keimen im Krankenhaus einzudämmen.

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Ärzte und Krankenschwestern sollten ihre Hände waschen, bevor sie einen Patienten berühren – und es ist völlig in Ordnung, nachzufragen, ob sie das gemacht haben. In den USA ermutigen Krankenhäuser ihre Patienten, die Ärzte, zu fragen, ob sie ihre Hände gewaschen haben. Einige Ärzte und Krankenschwestern tragen sogar Sticker, auf denen steht, dass man sie gern an das Händereinigen erinnern möge.

Wer Ringe trägt oder künstliche Fingernägel hat, bietet Keimen einen guten Platz zum Überleben. Diese Stellen sollte man darum besonders sorgfältig waschen.

Weitere Tipps hier.

5. Überleg es dir gut, ehe du bei einem Husten oder eine Erkältung Antibiotika nimmst

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Virale Infektionen – Husten, Erkältungen, Grippe, Halsschmerzen, Bronchitis – können nicht mit Antibiotika behandelt werden. Antibiotika bekämpfen keine Infektionen, die direkt durch Viren verursacht werden, nur solche, die durch Bakterien verursacht werden.

Wer Antibiotika einnimmt gegen Husten oder Grippe, der wird erstens nicht davon geheilt. Der wird zweitens weiterhin andere mit den Viren anstecken können. Und trägt drittens dazu bei, dass unnötig Antibiotika eingenommen werden – und so Resistenzen entstehen können.

Wer Antibiotika bei einer Erkältung einnimmt, tötet lediglich harmlose Bakterien im eigenen Körper damit ab, während AAntibiotika-resistente Bakterien überleben. Die sich dann weiter verbreiten können.

Quelle: CDC

6. Halt deinen Impfschutz auf dem laufenden.

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Die erste Devise beim Kampf gegen Antibiotikaresistenz ist: Gesundheit. Besser, als Krankheiten zu kurieren, ist es natürlich, gar nicht ist es ungleich vorteilhafter, gar nicht erst krank zu werden. Als Krankheit zu verhindern, als sie zu behandeln.

Impfstoffe schützen dich und die Menschen, mit denen du Kontakt hast. Etliche einst gefährnliche Infektionskrankheiten – Polio, Masern, Keuchhusten, deutsche Masern, Mumps und Tetanus – sind dank Impfungen unter Kontrolle. Impfstoffe Millionen Leben gerettet.

Gerade, wenn du ins Ausland reist, achte auf ausreichenden Impfschutz. Kümmere ich rechtzeitig darum, lange genug vor deiner Abreise.

Quelle: CDC

7. Schütz dich vor Geschlechtskrankheiten

Photo credit: Jenny Koske licensed under Creative Commons

Infektionen wie Chlamydien, Gonorrhoe und Syphilis werden durch Bakterien verursacht und in der Regel mit Antibiotika behandelt. Wobei es immer schwieriger wird, etliche dieser Geschlechtskrankheiten zu behandeln. Erstens, weil mehrere von ihnen gar nicht diagnostiziert werden. Zweitens, weil sie zum Teil bedrohliche Resistenzen entwickeln.

Das gilt gerade für Gonorrhoe, im Volksmund „Tripper“ genannt. Mediziner haben Stämme multi-resistenter Gonorrhoe-Keimen nachgewiesen, die auf kein einziges verfügbares Antibiotikum reagieren. Und: Bei Frauen verläuft die Gonorrhoe häufig ohne Symptome. Doch unbehandelte Geschlechtskrankheiten können die Gesundheit langfristig schädigen.

Schütze dich vor Geschlechtskrankheiten. Lass dich und deinen Partner regelmäßig testen. Lerne, mögliche Symptome zu erkennen. Erfahre mehr über drogenresistente STI’s und was du tun kannst, um sie zu bekämpfen

Quelle: WHO and CDC