Es ist eine gefährliche Sucht, weil sie vermeintlich harmlos beginnt – mit Schmerzmitteln. Die Abhängigkeit von Tilidin, Oxycodon oder Benzos ist längst ein schleichender Trend in Deutschland. Aber es gibt kaum belastbare Daten dazu. In einem Rechercheprojekt wollen CORRECTIV und Spiegel zusammen mit lokalen Partnern ein Lagebild erstellen und haben dafür eine deutschlandweite Umfrage unter Betroffenen, Angehörigen sowie Helfenden gestartet.
Über 2500 Hinweise und Erfahrungen über den Konsum, die Beschaffung sowie die Folgen sind bisher eingegangen (direkt zur Umfrage und zum Projekt). Die folgenden Protokolle sind Teil dieser gemeinsamen Recherche.

Kate Vogel, 36, war jahrelang abhängig von Schmerzmitteln, die der Hausarzt immer wieder verschrieb. Dass sie von Benzodiazepinen abhängig war, realisierte sie erst durch einen TV-Beitrag:
Ich habe mehr als mein halbes Leben Drogen konsumiert, eine Zeit lang alles, was ich kriegen konnte. Aber das für mich gefährlichste Mittel haben mir ironischerweise Ärzte verschrieben – drei Jahre lang, immer wieder.
Es fing mit Kiffen und Alkohol an. Bei uns war das damals normal und ich kiffe auch heute noch. Mit 15 nahm ich die erste Ecstasy-Pille. Ich war auf Knopfdruck glücklich, für mich ein total beeindruckendes Gefühl – ich war ein trauriger Teenager.
Meine Mutter war gestorben, als ich acht war. Mein Vater kümmerte sich nicht, ich kam zu meinen Großeltern mütterlicherseits. Materiell fehlte mir nichts, ich hatte Klavierstunden und war Leistungsschwimmerin. Ich war beschäftigt, das zählte für meine Großeltern. Mit zwölf Jahren hatte ich meinen ersten Nervenzusammenbruch. Mit 14 fing ich an, mich zu ritzen. Es hieß, ich hätte Borderline. Bis ich die Diagnose ADHS bekam, vergingen 15 Jahre.
Meine Schulnoten wurden schlechter und ich musste auf die Hauptschule. Drogenmäßig kam Speed dazu. Ich hatte schwierige Beziehungen, meine Freunde haben selbst viel konsumiert. Ein Partner hat mich vergewaltigt. Irgendwann probierte ich alles aus, was es gibt. Manchmal war ich mir dabei egal. Aber wenn es gefährlich wurde, kam mein Selbsterhaltungstrieb hervor: Ich wollte die Kontrolle behalten.
Bei den Medikamenten ist mir das nicht gelungen, ich bin völlig naiv in die Abhängigkeit gerutscht. Ich vertraute meinem Hausarzt, er kannte mich von Kindesbeinen an. Mit Mitte 20 ging ich zu ihm, weil ich Schlafstörungen hatte. Er verschrieb mir Benzos, das sind Schlaf- und Beruhigungsmittel. Damit verschwanden auch meine Ängste, was neben der Schlaf-auf-Knopfdruck-Wirkung das Beste war. Als die Packung leer war, bekam ich die nächste, ein paar Wochen später noch eine und immer so weiter.
Nach einem Umzug verschrieb mir mein neuer Hausarzt die Benzos weiter. Ich kann mich nicht an eine Warnung erinnern, dass die Dinger abhängig machen. Dass man sie nicht länger als zwei Wochen am Stück nehmen sollte. Dass man sehr lange braucht, sich davon wieder zu entwöhnen. Und vor allem hat mir niemand erzählt, wie gefährlich Benzos sind, wenn man sie mit bestimmten Drogen mischt.
Der Rapper Lil Peep starb, weil er Benzos zusammen mit Fentanyl genommen hatte (Fentanyl ist ein hochwirksames Opioid, Anm. d. Red.). Als ich das las, dachte ich: „Moment mal, so was Ähnliches nehme ich doch auch!“ Ich nahm damals Oxy (Oxycodon ist ebenfalls ein Opioid, das deutlich stärker wirkt als Morphin, Anm. d. Red.). Plötzlich wurde mir bewusst, wie gefährlich diese Kombi ist. Drogen und Medikamente waren für mich zwei komplett getrennte Dinge.
Kurz danach sah ich im Fernsehen Frauen mittleren Alters, die ihre Schlafmittelpackungen in die Kamera hielten und erzählten, dass sie abhängig sind. Zu dem Zeitpunkt hatte ich drei Jahre Benzos in unterschiedlichen Kombinationen genommen und nie versucht, sie wegzulassen. Warum auch? Ich ging zu meinem Mann und sagte, dass ich offenbar abhängig war von Schlafmitteln. Ich hatte ihn erst ein halbes Jahr vorher kennengelernt und war das erste Mal richtig glücklich. Ich fühlte mich aufgehoben und wollte unbedingt mein Leben mit ihm leben.
Ich kontaktierte einen Neurologen und sagte: »Ich bin abhängig von Schlafmitteln, aber ich will nicht sterben.« Er suchte mir einen Platz in einer Psychiatrie für den Entzug. Das wird stationär gemacht, weil es gefährlich ist, wenn man Benzos zu schnell absetzt. Man kann epileptische Anfälle und Halluzinationen bekommen. Die Zeit war schrecklich.
Als ich wieder rauskam aus der Klinik, war der Entzug trotzdem noch nicht geschafft. Ich musste die Dosis über Wochen langsam reduzieren. Ich hatte Panikattacken und manchmal das Gefühl, mich außerhalb der realen Welt und außerhalb meines Körpers zu befinden. Ich zitterte viel, hatte Fressanfälle, Schwindelattacken. Alle anderen Drogen konnte ich pausieren oder aufhören, aber Benzos? Das war krass.
Bis ich komplett ohne Tabletten auskam, brauchte ich sechs Monate. Die körperlichen Nachwehen dauerten drei Jahre. Ich habe einen Countdown auf meinem Handy: Wow, ich bin heute sieben Jahre, fünf Monate und 23 Tage benzoclean. Im Rückblick kann ich sagen, dass ich drei gute Gründe hatte, den Entzug zu schaffen: Ich wollte nicht sterben. Ich wollte keine süchtige Ehefrau sein, mein Mann hat die beste Version von mir verdient. Und ich will mich mit meiner Kindheit auseinandersetzen, mit dem, was mir in der Vergangenheit passiert ist. Schließlich konsumiert man so leichtsinnig nicht ohne Grund.
+++abstand+++

Ein Wochenende mal nichts zu nehmen? Das schien Mariana S. unmöglich. Dann packte sie ein Jetzt-oder-nie-Gefühl. Ihr Protokoll:
Seit ich clean bin, fühle ich mich freier und weniger ängstlich. Eigentlich habe ich das, was ich so lange im Rausch suchte, erst gefunden, als ich ihn aufgab: Jetzt habe ich das Gefühl irgendwo dazuzugehören, ich kann mich öffnen und trauen mich so zu zeigen, wie ich bin. Ein paar Jahre lang habe ich fast jedes Wochenende von Freitag bis Sonntag durchgemacht, manchmal auch einen Tag länger. Für die Montage musste ich mir auf jeden Fall Amphetamin übrig lassen, um es zur Arbeit zu schaffen.
Ich erinnere mich, dass ich mit meiner besten Freundin schon in der Grundschule besprochen habe, welche Drogen wir im Laufe unseres Lebens mal ausprobieren möchten. Irgendwie hatte ich schon immer diesen Wunsch nach Rausch und der Flucht, die er verspricht.
Kurz vor dem Abi brach ich die Schule ab und begann, Vollzeit in einem Klamottengeschäft zu arbeiten, später wurde ich Filialleiterin. Plötzlich war das meine Hauptaufgabe, mein Leben, und in meiner Freizeit war ich neugierig, synthetische Drogen auszuprobieren.
In der Feierszene in Trier bin ich meinem späteren Freund begegnet. Ich dachte sofort: Oh mein Gott, ich bin so verliebt. Über ihn bin ich in seinen Freundeskreis gekommen. Als wir das erste Mal alle zusammen unterwegs waren, haben sie mich nach einer durchgefeierten Nacht nach Hause gebracht und sind dann wieder los. Da begriff ich: Die machen jetzt eine zweite Nacht durch. Ein paar Monate später war ich selbst mit dabei. Aus einem Wochenende wurden zwei, irgendwann war ich jedes Wochenende unterwegs.
Wenn wir nichts bekommen haben, war die Stimmung schlecht. Selbst mein Freund und ich haben nüchtern nie länger als eine Woche zusammen verbracht. Und trotzdem habe ich das erstmal nicht hinterfragt, weil ich mich so angenommen gefühlt habe. Plötzlich war ich Teil einer Gruppe. Das war immer ein Riesending für mich. Außerhalb von Partys haben wir nie zusammen abgehangen. Unter der Woche mussten wir alle klarkommen – und dann war schon wieder Donnerstag.
Irgendwann konnte ich einfach nicht mehr. Ich war unausgeglichen, wenn ich nicht mehr auf Drogen war. Einmal bin ich komplett ausgerastet, weil meine Pizza nicht in Stücke geschnitten geliefert wurde. Außerdem hat mein Partner so viel konsumiert und häufig, wenn er auf Drogen war, Leuten unser Geld geliehen. Einmal war erst Monatsanfang und wir hatten nur noch die Hälfte unseres Gehalts. Ich musste früh selbstständig sein, weil ich früh von Zuhause ausgezogen bin. Deshalb war es mir super wichtig, meine Miete bezahlen zu können. Deshalb war das ganz schlimm für mich. Ich beschloss nach ungefähr zwei Jahren, ein paar Wochen nichts zu konsumieren. Damals ist mir zum ersten Mal klar geworden, was in meiner Beziehung abging. Ich habe mich dann schnell getrennt.
Trotzdem war das noch lange nicht der Punkt, an dem ich komplett mit den Drogen aufhören konnte. Der Kontrollverlust ist immer nur einen Schritt entfernt. Ich bin zunächst für ein Jahr in eine Kleinstadt gezogen und von dort nach Leipzig. Ich war neu in der Stadt, kannte niemanden und arbeitete in einem Kollektiv von Fahradkurier:innen und manchmal nebenbei in einem Club als Türsteherin. Dann habe ich doch wieder angefangen. Ich habe mich aber immer selbst belogen und mir gesagt: Ich habe es voll unter Kontrolle.
Irgendwann saß ich bei der Arbeit auf der Toilette, um Koks zu ziehen. Da wurde mir klar: Du hast das offensichtlich nicht unter Kontrolle.
Ich nahm mir vor, ein Wochenende nichts zu nehmen. Das hat nicht geklappt. Ich wurde spontan gefragt, ob ich an der Tür im Club für jemanden einspringen kann. Auf dem Boden fand ich ein Tütchen Koks, das wahrscheinlich jemand am Eingang schnell aus der Tasche geworfen hat. Let’s go, dachte ich.
Diese Nacht hat mich im Nachhinein wirklich schockiert. Da war eine Möglichkeit, das Tütchen Koks auf dem Boden, und der Kontrollverlust war sofort zurück. Nach der langen Partynacht hat die Gruppe, mit der ich unterwegs war, zum Runterkommen Xanax genommen, also ein angstlösendes Medikament.
Ich war schockiert darüber, dass ich mich nicht beherrschen konnte, nicht mal ein Wochenende lang. Und darüber, wie kurz davor ich gewesen war, das Xanax zu nehmen. Ich hatte mein Leben lang mit Ängsten zu kämpfen und wusste genau: Wenn ich das mache, ist es mein Untergang. Aber was, wenn ich es beim nächsten Mal nicht schaffe, Nein zu sagen?
Mich packte ein Jetzt-oder-nie-Gefühl. Erstmal ging es mir ohne Drogen natürlich richtig schlecht. Woran ich gemerkt habe, dass es langsam besser wurde: Der Mate-Tee hat wieder gekickt. Ich bin dann eine Zeit lang ganz früh ins Bett gegangen und früh aufgestanden. Ich habe ganz andere Sachen gemacht: mit Freundinnen und Freuden einen ruhigen Abend verbracht und im Winter draußen einen Schneemann gebaut. Feiern zu gehen war mir viel zu laut. Als ich es doch mal wieder probierte, stellte ich fest, dass ich ohne Drogen nicht mal Techno so gerne höre.
Ein Jahr später trank ich auch keinen Alkohol mehr und hörte dann sogar auf zu rauchen. Ich habe mit einer Therapie angefangen und lerne gerade Übungen, um mein Nervensystem runterzufahren. Das hat viel geändert. Ich merke, dass ich seitdem viel ruhiger bin.
Und trotzdem geht das Gefühl nicht so ganz weg. Ich war süchtig, bevor ich angefangen habe, Substanzen zu nehmen, und ich bleib’s irgendwie auch danach. Im Sinne: Wenn ich etwas mag, bekomme ich nicht genug davon. Häkeln, Instagram, queere Science-Fiction-Literatur. Ich muss immer gucken, dass ich ein Maß finde, das funktioniert.
+++abstand+++

Ihr Sohn wurde immer wieder rückfällig. Sie vergaß ihr eigenes Leben, um seines zu retten. Beide haben es geschafft, sich zu befreien. Die beiden erzählen:
Mutter: Wir mussten beide clean werden: Mein Sohn von den Substanzen und ich von der Lebensaufgabe, ihn retten zu wollen.
Sohn: Mit elf Jahren habe ich angefangen, Alkohol zu trinken, es folgten Opioide und Benzos. Ich überlebte mehrere Überdosen. Die Sucht ist so stark und tückisch.
Nach der zwölften Entgiftung sagten die Betreuer in der Entgiftungsstation zu mir, ich müsse jetzt wirklich was machen. Zu dem Zeitpunkt war ich alle zwei Monate dort.
Zum ersten Mal war ich bereit, in eine Langzeittherapie zu gehen, vorher muss man eine Entgiftung machen. In der Nacht, bevor es losgehen sollte, übertrieb ich es nochmal: Ich erinnere mich nur, wie alles um mich herum hell wurde, dann wachte ich auf der Intensivstation auf. Meine Mutter stand an meinem Bett und fuhr mich von dort in die Entgiftung. Dort flog ich direkt wieder raus, weil ich versucht hatte, noch ein Alprazolam einzuwerfen. Zum Glück nahm mich eine andere Klinik, sechs Monate war ich da.
Jeder Tag war ein Kampf. Ich habe 60 Kilo gewogen bei zwei Metern, meine Zähne waren kaputt. Nüchtern zu sein, war wie Folter. Noch in der Klinik besorgte ich mir bei einem Ausgang Alkohol. In der Adaption, also der letzten Phase, in der man wieder in den Alltag eingegliedert werden soll, trank ich weiter, nach zwei Wochen brach ich ab und ging zurück in meine Studienstadt.
Mutter: Mir war nicht klar, wie stark der Wille sein muss, wenn man erst mal entgiftet ist. Dass man sich für die Abstinenz entscheiden muss.
Ich richtete meine Urlaube nach den Entgiftungszeiträumen aus, war nie ohne Handy, checkte ständig, ob meine Nachrichten einen blauen Haken zeigen. In welcher Angst und Abhängigkeit ich durch seine Sucht lebte, stellte ich erst vor zwei Jahren in der Selbsthilfegruppe fest.
Als mein Sohn anrief und sagte: „Ich gehe wieder in meine Studienstadt, ich probiere es mit Schlafsack und Zelt, ich melde mich“, da sagte ich: „Nein, ich möchte es nicht hören. Weder gut noch schlecht.“ „Dann nur das Gute“, antwortete er. Aber ich lehnte ab. Denn wenn ich nichts höre, weiß ich: Es ist schlecht. Das zu meinem eigenen Kind zu sagen, war einer der schwierigsten Momente meines Lebens.
Erst in der Selbsthilfegruppe ist mir aufgefallen, was Mütter bereit sind, zu tun. Wie sie eine Mission haben und ihr eigenes Leben vergessen. Ich war in einer Co-Abhängigkeit. Das Wort wird nicht gern gesehen, aber für mich trifft es das. Man tut alles für das suchtkranke Kind und denkt: Wenn man es nicht tut, stirbt es.
Kurz nach dem Kontaktabbruch kam mein Burnout, dann war ich auch in Reha. Vier Monate dauerte es, bis ich wieder so ein bisschen auf dem Damm war. Ich lenkte mich bewusst ab, schaute Serien, kochte, versuchte zu lesen.
Nach vier Monaten gab es wieder ganz leisen Kontakt: „Hey Mama, bin jetzt wieder in der Reha. Ich merke, ich krieg das nicht ohne Hilfe hin“, schrieb er mir.
Es freut mich natürlich total, dass er das begriffen hat. Und gleichzeitig: Wie? Ohne mich? Wer bin ich ohne die Probleme meines Sohnes?
Sohn: Keinen Kontakt haben, war nötig für uns beide. Wenn irgendwas schiefging, hatte sie das geregelt. Ich bin nicht lange in meiner Studienstadt geblieben. Zurück in meiner Heimatstadt nahm ich nochmal einen Anlauf. Es klingt so dumm, aber ich hatte immer noch nicht genug Gründe, aufzuhören. Ich wurde in der Therapie rückfällig, zog letztlich wieder bei meinem Dad ein. Ein halbes Jahr hing ich auf einem Parkplatz rum, wo sich die Szene traf. In der Zeit trennte sich meine Freundin von mir, die ich am Ende der Langzeittherapie kennengelernt hatte. Beziehungen auf Drogen funktionieren nicht. Diese Trennung war entscheidend, weil ich realisierte, wie mein Leben aussehen wird, wenn ich so weitermache. Es ist ein sehr einsames, super stressiges Leben. Ein Leben ohne gute Leute um dich herum, denn alle, die dir wichtig sind, verletzt du. Durch die Beziehung hatte ich kurz einen Ausblick darauf, wie das ist, wenn man geliebt wird und selbst jemanden sehr liebt. Das geht nur ohne Drogen.
Mutter: Ich kommunizierte klare Regeln und sagte, dass ich ihn nicht intoxikiert sehen möchte. Wenn er doch konsumiert hatte sagte er verlässlich ab. Wenn wir uns trafen, versuchte ich, ihn erzählen zu lassen und nicht mehr die Ich-finde-du-solltest-das-und-das-Ratschläge zu geben.
Sohn: Im Dezember 2025 bin ich nochmal in eine Entgiftung. Ich hatte zu dem Zeitpunkt keinen Kontakt mehr mit meiner damaligen Freundin. Aber sie hatte gesagt, ich soll mich melden, wenn ich clean bin. Das bin ich seit dem 18. Dezember 2025. Und langsam fühlt es sich wirklich gut an. Es ist immer noch ein krasser Kampf, aber ich merke, es passiert was in meinem Kopf. Ich nehme wieder Dinge um mich herum wahr: Tiere, Pflanzen, Hummeln, Blumen, Gerüche, Wind auf der Haut. Und die Beziehung zu meinen Eltern ist viel, viel besser.
Als ich meiner damaligen Freundin schrieb, dass ich clean bin, antwortete sie sofort. Kurz darauf kamen wir wieder zusammen.
Arbeiten kann ich noch nicht. Aber ich gehe regelmäßig zur Suchtambulanz und arbeite ehrenamtlich auf dem Lebenshof mit Tieren. Ansonsten versuche ich, den Alltag mit meiner Freundin zu genießen und lieb zu mir zu sein. Wir gehen einkaufen, kochen. Jetzt fahren wir für eine Woche in den Urlaub.
Mutter: Unser Kontakt ist luftig, aber das ist ganz gut so. Sonst laufen wir Gefahr, wieder in solche Abhängigkeitsmechanismen reinzurutschen. Ich war einige Zeit in Therapie und bin in der Lage zu sagen: „Diese Woche habe ich keine Zeit.“ Früher wäre das unvorstellbar gewesen. Ich mache wieder Sport, gehe viel zum Yoga, verabrede mich und fahre weg – unabhängig davon, wie es meinem Sohn gerade geht. Ich spreche einfach so gern mit ihm und bin gern mit ihm zusammen. Jetzt kann ich es auch wieder genießen.
Protokolliert von Kristina Ratsch (CORRECTIV) und Heike Le Ker (Spiegel)
