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Ein Sumpf vor Brasiliens Küste

Jahrelang überwies der niederländische Ölmulti SBM Offshore zur Geschäftsanbahnung in Brasilien Gelder an dubiose Firmen in Steuerparadiesen. Dass dabei sogar Geld an brasilianische Regierungsbeamte floss, will niemand gemerkt haben.

von Frederik Richter

Am Ende steht eine elegante Lösung. Die niederländische Staatsanwaltschaft fand zwar heraus, dass ein brasilianischer Berater des niederländischen Ölkonzerns SBM Offshore über dubiose Firmen brasilianische Staatsbeamte bezahlt hat. Aber die Staatsanwaltschaft betonte in ihrer Mitteilung aus der vergangenen Woche, SBM Offshore habe keine Möglichkeit gehabt, den Fall aus eigener Kraft aufzuklären. Und deswegen stellten die niederländischen Ermittler das Strafverfahren gegen SBM Offshore ein – gegen Zahlung einer Auflage in Höhe von 240 Millionen US-Dollar. Teil des Deals mit den Staatsanwälten sind auch Bestechungsfälle in Afrika. „Wir können uns jetzt auf die Zukunft konzentrieren“, triumphierte Bruno Chabas, Vorstandsvorsitzender von SBM Offshore in einer Pressemitteilung. Doch der Blick in die Vergangenheit lohnt sich noch immer.

-> Die Dokumente zum Download: Paket A / Paket B

Rückblende: Als der brasilianische Arbeiterführer Lula Inacio Lula da Silva im Jahr 2003 nach Jahrzehnten des Kampfs gegen das reiche Establishment endlich an der Regierung war, waren die Hoffnungen auf eine gerechtere Zukunft für eine der größten Demokratien der Welt groß. In den gleichen Zeitraum fiel der brasilianische Ölboom. Im Atlantik startete der staatliche Ölkonzern Petrobras großangelegte Förderprojekte. Die neuen Reichtümer sollten das Wirtschaftswachstum ankurbeln und die krassen Gegensätze zwischen arm und reich lindern. Doch zehn Jahre später ist die Ernüchterung groß. Viele Brasilianer fragen sich, wieviel von den Reichtürmern bei ihnen angekommen ist und wieviel korrupte Politiker abgezweigt haben.

So wurde der jüngste Präsidentschaftswahlkampf vor allem von Enthüllungen über Korruptionsskandale bei Petrobras überschattet. Manager sollen im Raffineriegeschäft des Konzerns Gelder abgezweigt und an die Partei weiter geleitet haben. Die Enthüllungen entpuppten sich als echte Gefahr für die Wiederwahl von Präsidentin Dilma Rousseff, der Nachfolgerin und Parteigenossin von Lula. Rousseff selbst war von 2003 bis 2010 Aufsichtsratsvorsitzende des Konzerns Petrobras und stellte sich lange als kompetente Managerin dar. Auch andere Petrobras-Posten waren immer wieder mit Politikern ihrer Arbeiter-Partei besetzt.

Diente der massive Ausbau der Ölproduktion von Petrobras also nicht dem Land, sondern der frisch an die Macht gekommenen Arbeiter-Partei von Lula und Rousseff?

Der SBM Offshore-Chef Bruno Chabas erwischte einen schlechten Start als neuer Vorstandsvorsitzender. Kaum im Amt, erhielt er einen Tipp, dass das Unternehmen bei seinen Geschäften in Angola und Equatorial-Guinea geschmiert haben sollte. Die im Februar 2012 eingeleitete interne Untersuchung kam schnell zu dem Ergebnis, dass der Hinweis stimmte. Noch bedenklicher für das Unternehmen war, dass die Nachforschungen auf Zahlungen in Höhe von etwa 124 Millionen US-Dollar an einen brasilianischen Berater stießen.

Brasilien ist der mit Abstand wichtigste Markt des niederländischen Unternehmens. SBM Offshore liefert Petrobras Spezialschiffe, auf denen das im Meer geförderte Öl erst einmal gelagert und dann zur Weiterverarbeitung transportiert wird. Im Santosbecken, etwa 300 Kilometer vor der brasilianischen Küste, befinden sich gigantische Ölfelder, deren Größe vergleichbar ist mit den Ölfeldern im Irak. In den Jahren 2006 und 2008 entdeckte Petrobras die riesigen Felder Lupi und Jupiter. Lupi wurde später umbenannt in Lula, nach dem Vorgänger von Rousseff.

Bis heute ist der Standpunkt von SBM Offshore: man sei zwar auf die Zahlungen an den Berater gestoßen, diese seien aber nicht mit Korruption gleichzusetzen. Doch das Unternehmen wartete zwei Jahre, bis es die Ergebnisse seiner Untersuchung und damit auch die Zahlungen an den Berater in Brasilien öffentlich machte. Zugleich behauptete SBM Offshore, es habe bei den Zahlungen kein Fehlverhalten festgestellt. Doch interne Unterlagen von SBM Offshore, die CORRECTIV vorliegen, lassen die Aussagen zweifelhaft erscheinen.

So bezieht sich die niederländische Staatsanwaltschaft alleine auf Vorgänge zwischen den Jahren 2007 bis 2011. Die Verträge zwischen dem Ölmulti SBM Offshore und seinem brasilianischen Berater Julio Faerman reichen jedoch bis in die Mitte der 90er Jahre zurück. Eine Zahlung an eine Offshore-Firma, die angeblich dem Berater Faerman gehört, fiel laut den Unterlagen in den August 2006 – ohne, dass es angeblich einen Vertrag mit dieser Firma gegeben hat. Ein Teil der Zahlungen an Firmen aus dem Faerman-Universum erfolgte laut den Unterlagen zudem wohl ohne Rechnung – einfach so auf Zuruf. Trotz dieser dubiosen Vorgänge will SBM Offshore keinen Verdacht auf Unregelmäßigkeiten geschöpft haben. Eine Verhaltensweise, die man als Nicht-Wissen-Wollen verstehen kann.

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Ein undatiertes Dokument zeigt, dass der Berater Faerman seinen Auftraggeber SBM bat, zwei Drittel der ihm für den Abschluss eines Vertrags im Zusammenhang mit dem Ölfeld Roncadar zustehenden Summe nicht an seine eigene Firma, sondern an eine weitere Offshore-Firma mit dem Namen Jandell Investments zu überweisen. Jandell Investments ist auf den British Virgin Islands registriert. Laut einem Bericht der von SBM Offshore beauftragten Ermittlern fungiert ein gewisser Andres M. Sandez als einer der Direktoren von Jandell. In der Datenbank des Projekts ICIJ Offshore Leaks ist Sandez als Direktor von mehrere Offshore-Firmen aufgeführt. Das deutet daraufhin, dass Sandez bloß ein Strohmann ist, der die wahren Eigentümer verschleiern soll.

Der Umfang der SBM Offshore-Zahlungen an den Berater Faerman war schwindelerregend. Ein Beispiel: Faerman erhielt allein für die Verwendung eines Spezialschiffs von SBM Offshore durch Petrobras im Ölfeld P57 bis zum Jahr 2011 Provisionen in Höhe von 36,3 Millionen US-Dollar. Schon die Provisionssätze waren atemberaubend. Von jedem Auftrag den SBM Offshore von Petrobas nach einer Ausschreibung erhielt, bekam der Berater ein Prozent der Auftragssumme überwiesen. Konnte Faerman allerdings für SBM Offshore Aufträge ohne Ausschreibungen und damit ohne Konkurrenten sichern, bekam der Berater fünf Prozent der Auftragsumme. Diese Provisionen liegen weit über den für Berater üblichen Prozentsätzen.

Doch die Provisionen waren nicht alles, was der Berater bekam. Faerman erhielt erhebliche Einmalzahlungen. Im Zusammenhang mit einer Auftragsvergabe im Ölfeld Golfinho bekam er eine Million US-Dollar, nur weil SBM Offshore eine andere Unternehmensform in den bestehenden Vertrag mit Petrobras einfügen wollte. Darüberhinaus gewährte SBM Offshore Faerman auch monatliche Zahlungen von 15,000 US Dollar — und zwar für die Zeit, in der Öl in den Projekten gefördert wird, für die SBM Offshore tätig ist. So erklärt sich, dass SBM Offshore Faerman zum Zeitpunkt der internen Untersuchung im Jahre 2012 über die bereits geleisteten Zahlungen hinaus noch zu Zahlungen in Höhe von bis zu 224 Millionen US-Dollar verpflichtet war.

Die Dokumente geben einen Hinweis darauf, warum Faerman so prächtig verdienen durfte. Der Berater aus Brasilien war bestens vernetzt im staatlichen Konzern Petrobras. Er beschaffte den Niederländern hochvertrauliche, interne Dokumente aus dem Innenleben von Petrobras. SBM Offshore erfuhr so, wie die Förderstrategie von Petrobras aussieht, was in Zukunft gebraucht wird und welche Angebote SBM Offshore-Konkurrenten gemacht haben.

Dilma Rousseff hat die Präsidentschaftswahlen in der Stichwahl mit hauchdünnem Vorsprung gewonnen. Vielleicht hatte sie dies auch ihrem Zugeständnis in der heißen Wahlkampfphase zu verdanken, dass bei Petrobras in der Tat nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sei.

In den Niederlanden ist SBM Offshore erst einmal mit einem blauen Auge davon gekommen. Das Unternehmen gehört zu den größten an der Börse von Amsterdam. Zu seinen Aktionären zählt über ihre Beteiligungsgesellschaft Hal Investments die Familie van der Vorm, eine der reichsten Familien des Landes, der auch die wichtigste Finanzzeitung Het Financieele Dagblad gehört. Mehrere Aufsichtsratsmitglieder von SBM Offshore haben früher bei dem Ölgiganten Royal Dutch Shell gearbeitet.

Seit den Präsidentschaftswahlen und der außergerichtlichen Einigung zwischen SBM Offshore und den Staatsanwälten in den Niederlanden überschlagen sich die Ereignisse in Brasilien. Der Petrobras-Skandal hat sich mittlerweile auf die Bauindustrie des Landes ausgeweitet, die sich durch Preisabsprachen und Schmiergelder Aufträge des Ölgiganten gesichert haben sollen. In der vergangenen Woche nahm die brasilianische Polizei 20 Manager fest. Präsidentin Rousseff ließ vom G20-Gipfel verlauten, dass der Skandal das Land für immer verändern werde.

In Brasilien gehen die Ermittlungen daher weiter. Der Rechnungshof hat klar gestellt, dass SBM Offshore immer noch belangt werden kann. Trotz der Einigung mit der niederländischen Staatsanwaltschaft gibt es also noch keinen Grund für die Ölmanager in den Niederlanden aufzuatmen.

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Illustration: Jamiri