Klimawandel

Meeresspiegel der Nordsee steigt messbar

Wie eine Auswertung von 32 Messstellen entlang der deutschen Küste durch das Recherchezentrum CORRECT!V zeigt, steigt der Meeresspiegel seit mehr als hundert Jahren. Seit Ende der 70er Jahre beschleunigt sich der Anstieg. Wissenschaftler führen dies zu einem großen Teil auf die globale Erwärmung zurück. Deiche an der Nord- und Ostsee werden erhöht.

von David Schraven

© Water Games (Symbolbild) von Dirk Ingo Franke unter Lizenz CC BY-SA 2.0

Insgesamt hat CORRECTIV rund drei Millionen Datenpunkte aus Messstellen ausgewertet. Die meisten Daten stammen aus der Zeit nach 1950 und reichen bis Ende 2014. Demnach lässt sich der Anstieg des Meeresspiegels über lange Zeiträume an nahezu allen Messstellen beobachten. Nur für kurze Phasen sinkt der Meeresspiegel vorübergehend. Diese Ereignisse sind auf regionale oder lokale Besonderheiten sowie kurzfristige Wetterphänomene zurückzuführen. Etwa, wenn im Umfeld eines Pegel Bauarbeiten durchgeführt wurden oder in einem besonders kalten Jahr weniger Wasser am Nordpol abtaute.

CORRECTIV hat zur Beobachtung der langfristigen Trends jeweils Mittelwerte der höchsten Wasserstände jeder Flut über ein Jahr beziehungsweise fünf Jahre gebildet. Diese Betrachtung erlaubt keine Aussage über den durchschnittlichen Anstieg des mittleren Meeresspiegels. Allerdings macht diese Methode den kontinuierlichen Anstieg des Wasser entlang der gesamten Küste gut sichtbar. Der Pegel Hörnum auf Sylt stieg zum Beispiel von etwa 5,80 Meter im Jahr 1951 auf über 6 Meter im Jahr 2014; am Pegel Mellumplate von 6,25 Meter im Jahr 1971 auf 6,47 im Jahr 2014; am Pegel Norderney Riffgat von 6,08 im Jahr 1971 auf 6,23 im Jahr 2014.

Hochwasser in Cuxhaven seit 1900


Jacobus Hofstede, Wissenschaftler im Umweltministerium Schleswig-Holstein sagt: „Über alle Messpunkte betrachtet ist ein Anstieg des Meeresspiegel zu beobachten.“ Diese Aussage treffe für alle Pegel an der Ost- und Nordsee zu. Und zwar seit mehr als 100 Jahren. Auf ein Jahr gerechnet sei der Anstieg mit weniger als drei Millimetern gering. Bis zum Ende des Jahrhunderts rechnet Hofstede mit einem Anstieg von bis zu 50 Zentimetern. Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung sagt: „In der jüngsten Zeit wurden Rekordwerte erreicht.“

Hochwasser an deutschen Küsten von 1950 bis 2014


Vor allem Professor Jürgen Jensen, Leiter des Lehrstuhls für Hydromechanik der Universität Siegen, hat sich in den vergangenen Jahren mit dem ansteigenden Meeresspiegel in der deutschen Bucht beschäftigt: „Wir beobachten derzeit einen beschleunigten Anstieg des Trends.“ In einer Studie, die Jensen mit Kollegen 2011 veröffentlicht hat, schreibt er: „Die zuletzt aufgezeichneten Steigerungsraten des Meeresspiegels sind die höchsten, die je beobachtet wurden.“ Jensen und andere schätzen die Steigerungsraten seit Anfang der 70er Jahre auf durchschnittlich 3,8 Millimeter im Jahr. In den 90er Jahren habe sich dieser Trend noch einmal verstärkt.

Hochwasser an deutschen Küsten von 1950 bis 2014 im Fünf-Jahresdurchschnitt


Jensen warnt im Gespräch allerdings vor voreiligen Schlüssen. „Wir wissen auch, dass es früher ähnliche Phasen gab. Wir können deswegen noch nicht sagen, ob es sich aktuell schon um die Beschleunigung des Meeresspiegelanstiegs handelt, die Klimaforscher für das 21. Jahrhundert erwarten.“ Derzeit schätzt der Wissenschaftler, dass rund 50 Prozent des beobachteten Anstiegs bereits auf den von Menschen gemachten Klimawandel zurückzuführen sind. Wie sehr sich die Entwicklung aufgrund der steigenden Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre verstärken wird, ist noch offen, sagt Jensen: „Wir wissen, dass der Anstieg des Meeresspiegels zeitlich verzögert zu Klimaänderungen auf der Erde einsetzt. Er hat einen gewissen Nachlauf.“ Anders formuliert: Es kann noch viel heftiger werden, als jetzt schon beobachtet wird.

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Die Pegeldaten, die von CORRECTIV ausgewertet wurden, weisen einige besondere Eigenarten auf. So sind nahezu alle Pegel an der Elbe direkten menschlichen Einflüssen unterworfen. Der besonders starke Anstieg zum Beispiel am Pegel Hamburg St. Pauli ist nur zu einem sehr geringen Teil auf den Klimawandel zurückzuführen. Stärkeren Einfluss hat der Ausbau der Elbe. Der Pegel Tönning weist eine zum Teil gegenläufige Entwicklung zum allgemeinen Trend auf – weil an der Mündung des Flusses Eider in die Nordsee gearbeitet wurde. Weiter sind gerade ältere Datensätze vor 1970 nur mit großer Vorsicht auszuwerten. Pegel messen immer den relativen Abstand von einem Nullpunkt im Gewässergrund zum Meeresspiegel. Immer wieder kommt es zu Landabsenkungen. So erklärt sich ein Teil des Pegelanstiegs unter Umständen mit dem Absinken des Pegels selbst. Zudem kann der Meeresspiegel innerhalb von wenigen Monaten um mehr als 20 Zentimeter steigen oder fallen. An den langfristigen Trends ändert das aber nichts. Jensen sagt: „Erst seit den 90er Jahren haben wir durch satellitengestützte Messungen verlässlichere Daten, die genauere Aussagen erlauben.“ Doch trotz dieser Ungenauigkeiten ist der Trend über alle Pegel eindeutig, sagt Jensen. „Der Anstieg des Meeresspiegels ist anhand der Daten ablesbar.“ Sprich: Das Wasser steigt. Das ist eindeutig, auch wenn die Messdaten ein wenig ungenau sind.

Hochwasser an deutschen Küsten von 1970 bis 2014


Für den Küstenschutz hat die Erkenntnis konkrete Folgen, bestätigt Jacobus Hofstede vom Umweltministerium Schleswig-Holstein. Die Deiche entlang der Nord- und Ostsee werden verstärkt. Dabei wird ein Anstieg des Meeresspiegels auf Grund des Klimawandels um 50 Zentimeter an der Nordsee berücksichtigt. Eine Maßnahme zur Vorsicht: Der Meeresspiegel steigt nicht gleichförmig, sondern mit der Zeit zunehmend. Ab wann der Meeresspiegel verstärkt ansteigen wird, kann nicht vorhergesagt werden. Dazu gibt es zu viele Unsicherheitsfaktoren: Niemand wisse, wie schnell das Eis in Grönland schmelze, oder wie sich vermehrter Schneefall in der Antarktis auf den Anstieg des Meeresspiegels auswirke, schreibt Hofstede in einer Studie. „Form und Ablauf des Anstiegs sind derzeit unbekannt.“ Anders ausgedrückt: Das Wasser kommt stetig. Ab wann sich der Trend dann noch einmal verstärkt, weiß niemand.

Hochwasser an deutschen Küsten von 1970 bis 2014 im Fünf-Jahresdurchschnitt


Hofstede schreibt weiter in seiner Studie: „Hinsichtlich des Küstenschutzes ist die Situation ernst“. Sollte sich der Anstieg auf drei oder gar fünf Millimeter pro Jahr verstärken, „muss spätestens in einigen Jahrzehnten mit verstärkten Küstenabbruch gerechnet werden.“ Sollte der Anstieg noch heftiger ausfallen, würde das Wattenmeer Schaden nehmen. Die gesamte deutsche Küste würde sich verändern.

Jensen schreibt in einer Studie: „Die Veränderungen des Meeresspiegels sind die größten Herausforderungen, denen sich die Menschheit im Rahmen des Klimawandels stellen muss.“

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Der Datensatz

Datenbasis der Visualisierung

Der Datensatz entstammt der Pegeldatenbank der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV). Er wurde durch die pegelbetreibenden Wasser- und Schifffahrtsämter geprüft und veröffentlicht. Nichtsdestotrotz sind Datenfehler und Inkonsistenzen nicht vollständig auszuschließen. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Daten wird weder durch die WSV noch durch die BfG übernommen.

Bitte benutzt bei Publikationen die folgende Zitierweise – Datenquelle: Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV), bereitgestellt durch die Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG)

Korrektur 4.1.2016: die Daten für den Helgoland-Binnenhafen wurden vom WSV korrigiert und in der Grafik aktualisiert.


Weiterführende Literatur:



Global sea level linked to global temperature; Martin Vermeer, Stefan Rahmstorf (2009) (454,7 KB)



Entwicklung des Meeresspiegels und der Sturmflutwasserstände an den deutschen Küsten: Rückblick und Ausblick; Jacobus Hofstede (2009) (736,9 KB)



Tidekennwerte und Seegangsstatistik – eine Trendanalyse; Hartmut Hein, Stephan Mai, Ulrich Barjenbruch & Anette Ganske (2011) in KLIWAS Auswirkungen des Klimawandels auf Wasserstraßen und Schifffahrt in Deutschland (Tagungsband) (631,0 KB)



Regional patterns of sea level change in the German North Sea in a worldwide context; Thomas Wahl, Torsten Frank, Christoph Mudersbach und Jürgen Jensen (2011) (525,5 KB)



Improved estimates of mean sea level changes in the German Bight over the last 166 years; Thomas Wahl, Jürgen Jensen, Torsten Frank und Ivan David Haigh (2011) (1,1 MB)



Characteristics of intra-, inter-annual and decadal sea-level variability and the role of meteorological forcing: the long record of Cuxhaven; Sönke Dangendorf, Christoph Mudersbach, Thomas Wahl und Jürgen Jensen (2013) (942,3 KB)