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System Putin

Putins frühe Jahre

Schon in seiner Zeit in Dresden, als einfacher KGB-Referatsleiter, zeigt Wladimir Putin jene Rücksichtslosigkeit und Härte, die ihn später in das Amt des russischen Präsidenten katapultieren. CORRECT!V hat in einer aufwändigen Recherche jene frühen Jahre rekonstruiert. Putin plant damals, einen Wissenschaftler mit pornografischem Material zu erpressen, er führt einen berüchtigten Neonazi unter seinen Informanten – und verzeiht jenen Kollegen alles, die ihm bedingungslos ergeben sind.

von David Crawford , Marcus Bensmann

Im August 1985 kommt Putin in die ostdeutsche Provinz. Offiziell wirkt er als Konsularbeamter, tatsächlich soll er, als Major des russischen Geheimdienstes, in der DDR Spione anwerben. Es ist kein Wunschposten. Spione träumen davon, ins verfeindete Ausland entsandt zu werden, brisante Informationen zu beschaffen. In einem verbündeten Bruderland eingesetzt zu werden, und dann noch nicht mal in der Hauptstadt – das ist nicht wirklich aufregend. Aber Putin, damals 32 Jahre alt, steht ja auch noch am Anfang seiner Karriere. Er ist seit zehn Jahren beim KGB, dieses ist sein erster richtiger Auslandseinsatz.

Sein engster Kollege in den ersten beiden Jahren heißt Wladimir Usolzev. In dieser Zeit wissen sie alles übereinander. Die beiden teilen sich ein Büro und sogar den Schreibtisch, im Dachgiebel des KGB-Gebäudes in der Angelikastraße 4. In diesem Büro ist es eigentlich immer zu warm oder zu kalt.

Dort verbringt Putin die meiste Zeit seiner Arbeit, er schreibt Berichte und schickt sie an die Zentrale in Moskau. Außerdem sucht er nach Menschen, die als Agenten im nicht-sozialistischen Ausland für ihn spionieren. Die das Risiko eingehen, jahrelang ins Gefängnis zu wandern, falls sie erwischt werden.

Putin zielt auf Leute, die ein Faible haben für die Sowjetunion, auf Akademiker, Geschäftsleute und Austauschtouristen, sogar auf Rechtsradikale und Kriminelle. Einer der ehemaligen Agenten berichtet, Putin habe mehr als bescheiden bezahlt – er selbst habe einmalig 30 Euro Ostmark Verpflegungsgeld als Lohn bekommen.

Putin zu Dienste ist eine Ermittlungsgruppe der berüchtigten K1-Abteilung der Volkspolizei. Die ist in der DDR eigentlich zuständig für politische Straftaten, doch einige Abteilungen der K1 arbeiten verdeckt für den KGB, eben auch jene Truppe in Dresden, die Putin zugeteilt ist. Dies bestätigen zwei ehemalige Kollegen Putins im Gespräch mit CORRECTIV, und es geht hervor aus Stasi-Akten, die uns vorliegen. So bittet Putin bei der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit in Dresden um die Wiederherstellung eines Telefonanschlusses für einen seiner Agenten nach dessen Ausscheiden aus der Volkspolizei.

Jeder Vorgang dieser Einsatzgruppe wandert schnellstmöglich in Putins Aktentasche. Die Abteilung darf kein Archiv anlegen und besitzt von den an Putin übergebenen Dokumenten keine Abschriften, sagt einer von Putins Agenten.

Putins rechte Hand ist Georg S. Ein Draufgänger und Raufbold, stark, rücksichtslos, loyal. Ein Mann nach Putins Geschmack. Von Georg S. wird noch die Rede sein.

Eine Überschreitung

Die Arbeit in der DDR mag für einen ehrgeizigen Agenten ein wenig langweilig sein – dafür fällt sie, andererseits, sehr leicht. Die Infrastruktur eines ganzen Staates steht Leuten wie Putin zur Verfügung. Für einen KGB-Offizier gibt es in der DDR kein „Njet“. Hilfreich ist auch, dass viele DDR-Bürger direkte Kontakte in den Westen haben. Die DDR ist ein Honigtopf für Informationen und Kontakte. Und Putin bedient sich reichlich. Unter anderem wirbt er wiederholt Stasi-Agenten für den KGB an.

Einer davon ist Klaus Zuchold. Er wird bei der Stasi als Auslandsspion ausgebildet. Zuchold ist einer, der sich leicht überreden lässt.

Für diese Geschichte ist Zuchold der Hauptzeuge. Die CORRECTIV-Reporter führten mit dem ehemaligen Stasi- und KGB-Mann über einen längeren Zeitraum viele Gespräche. Zuchold ist einer der wenigen Zeitzeugen, der bereit ist, offen über seine Zusammenarbeit mit Putin zu sprechen. Er hatte mit Putin während dessen gesamter Tätigkeit in Dresden regelmässigen Kontakt gehabt. Wie bei Doppelagenten üblich, kann es Zweifel an Zucholds Angaben geben. CORRECTIV ist sich dessen bewusst, und findet nach sorgfältiger Prüfung von Dokumenten und Gesprächen mit anderen Zeitzeugen, dessen Aussagen glaubwürdig.  CORRECTIV findet es wichtig, Zucholds einmalige Aussage umfangreich hier zu dokumentieren.

In Zucholds Stasi-Akte steht, dass er im Verdacht stehe, für den westdeutschen Bundesnachrichtendienst (BND) zu arbeiten. Das ist ein ungeheuerlicher Verdacht, der in Agentenkreisen mit einer Gefängnisstrafe geahndet wird – oder einem Genickschuss.

Nicht so bei Zuchold. Er wird lediglich in eine andere Abteilung versetzt, und später setzt Putin Zucholds Anwerbung persönlich in Moskau durch. So erzählt es Zuchold selbst. Obwohl auch in Moskau die Stasi-Akte mit dem Vorwurf der Doppelspionage bekannt sein musste.

Eine mögliche Erklärung: Der BND-Vorwurf ist für die Stasi nur eine Ausrede dafür, heimlich gegen KGB-Agenten zu ermitteln, das heißt: auch gegen Putins Netz.

Die Anwerbung Zucholds beginnt bei einem Bierabend der Dresdner Polizei. Dort setzt sich ein Mann zu ihm und bringt einen Trinkspruch aus: „Prost Aufklärung“.

Zuchold ist geschockt. Das Wort Aufklärung ist nur für den internen Gebrauch bestimmt. Kein Uneingeweihter darf wissen, dass er für die Stasi-Auslandsspionage arbeitet, schon gar nicht ein Polizist. Und wenn es doch einer weiß, dann hat er es nicht zu sagen, schon gar nicht am Biertisch. So ist die Regel.

Der Beamte, der ihm dieses Codewort zuraunt, ist besagter Georg S., von der politischen Polizei K1, der für Putin arbeitet. Auch Georg S. enttarnt sich so, lässt durchblicken, dass er selbst dazu gehört. Auch das ist in Agentenkreisen eine Ungeheuerlichkeit. So beginnt Zucholds Anwerbung durch Putin – mit einer Überschreitung.

Zuchold weiß da schon, wer Putin ist. Zum ersten Mal hat er ihn getroffen im Jägerpark, im September 1985, beim Dienstsport Fußball, frühmorgens um 7:00 Uhr, erinnert sich Zuchold im Gespräch mit CORRECTIV. Für Zuchold ist es eine Pflichtveranstaltung, Putin nimmt freiwillig teil. Putin fällt gleich durch seine  Schnelligkeit und seine Technik auf. Er schießt für seine Mannschaft die Tore. In jener Zeit spricht Putin kaum deutsch, sie verständigen sich auf Russisch.

Georg S. zieht nach dem Agentenprost Zuchold von der Stasi zum KGB herüber. Die Stasi ist über die Abwerbung nicht erfreut. Putin und seine Kollegen wildern ständig im Personal und in den Ressourcen des DDR-Geheimdienstes. Bei der Stasi wissen sie bald, dass Zuchold vom KGB abgeworben wird, und stellen ihn kalt. Von der Abteilung für Auslandsaufklärung wird er in die weniger angesehene Observationsabteilung versetzt. Er erfährt nun nichts Wichtiges mehr.

Privat verstehen sich die beiden gut. Einmal lädt Zuchold Putin in seine Laube vor den Toren Dresdens ein, das Häuschen liegt gegenüber einer Baracke der sowjetischen Armee. Zuchold nennt die Soldaten scherzhaft „meine Erntehelfer“ – weil sie ihm andauernd die Äpfel aus dem Garten klauen. Dieser Scherz ist nach Putins Geschmack. Danach fragt Putin stets, wenn er Zuchold sieht: Wie geht es deinen Erntehelfern? Er schaut herab auf die sowjetischen Soldaten. Er verachtet sie. Sie hatten in Afghanistan versagt. Sie hatten Schande über sein Land gebracht. Wenn Putin etwas nicht ertragen kann, dann ist es Schwäche, sagt Zuchold

CORRECTIV hat das russische Präsidialamt gebeten, die Informationen zu Putins Dresdner Zeit zu kommentieren. Bis Redaktionsschluss ist keine Stellungnahme eingegangen.

Alle Mittel sind recht

Die Enttarnung Zucholds beim Bierabend, über ein Prosit hinweg – das ist keine Lappalie. Aber diese Aktion ist typisch für Georg S. Er hält sich notorisch an keine Regeln. Er macht, was er will. Er denkt, er stehe über allem, sagt Zuchold. Immer wieder ignoriere Georg S. Vorgaben und plaudere viel. Anderswo wäre ein solcher Mann rausgeflogen, wegen Leichtsinnigkeit und Gefährdung. Unter Putin sei dieser Bruder Leichtfuß und Draufgänger der wichtigste Agent gewesen.

Georg S. ist dominant und charismatisch, er hat kurz geschorene Haare, er ist ein Platzhirsch, er ist ein leidenschaftlicher Jäger und hat eine eigene Jagd gepachtet. Georg S. erzählte Zuchold gegenüber stolz, dass sein Vater ebenfalls KGB-Agent war und sein Tod ungeklärt sei.

Georg S. ist auch bekannt für seine Eskapaden mit Frauen. Er soll Affären mit seinen Agentinnen und mit den Ehefrauen seiner Agenten gehabt haben. Während der Feier eines seiner Agenten soll Georg S. dessen zehnjährige Tochter und deren Freundin missbraucht haben. Vater und Bruder des Opfers bestätigen die Vergewaltigung. Das Verbrechen wird nie angezeigt.

Putin ist beeindruckt von Georg S. Denn der ist stark – und trotz aller Eskapaden bedingungslos loyal. Beides schätzt Putin sehr. Schon damals ist Putin bereit, fast alles zu verzeihen, solange ihm jemand die persönliche Treue hält, sagt Zuchold. Zum 40. Geburtstag habe Putin Georg S. eine Jägerausrüstung mit Säbel geschenkt.

Andererseits fühlt sich Georg S. Putin überlegen. Immer wieder prahlt er vor Zuchold, dass man aus Putin noch einen anständigen Geheimdienstmann machen werde. Georg S. redet im Urlaub und auf Festen offen mit Zuchold.

Einen Geburtstagsgruss des Zwei-Sterne Stasigenerals Böhm an Genosse Putin zu dessen 36. Geburtstag am 7.10.88. Der Stasigeneral wünscht Putin "im Kampf gegen den gemeinsamen Feind viel Erfolg".

Geburtstagsgruß an Putin

Der Zwei-Sterne Stasigeneral Böhm gratuliert dem Genossen Putin zu seinem 36. Geburtstag.

So wissen wir auch um diese Episode:

Putin will um jeden Preis an die Informationen eines Medizinprofessors gelangen. Der Wissenschaftler hat Zugang zu einer Studie über tödliche Gifte, die kaum Spuren hinterlassen – eine umfassende Anleitung zum lautlosen Töten. Die Bandbreite reicht von vorgetäuschtem Selbstmord bis hin zum Einsatz radioaktiver Stoffe. Sogar das Beibringen von Arsen über den Penis beim Geschlechtsverkehr wird in der Studie erörtert.

Putin ist an der Studie offenbar brennend interessiert, sagt Zuchold. Es gibt verschiedene Mittel, Menschen gefügig zu machen: Überredung, Bestechung, Erpressung. Bei dem Professor wählt Putin offenbar das „Kompromat“ – das Unterschieben von kompromittierendem Material.

Zuchold sagt im Gespräch mit CORRECTIV: Georg S. habe ihm befohlen, pornografisches Material aus dem Stasi-Archiv zu besorgen. Es soll dem Professor untergeschoben werden, um ihn zu erpressen. S. ist nur ausführendes Organ – der Befehl zu dieser Aktion kann nur von Putin kommen.

Wir haben den Dresdner Professor gefunden und ihn gefragt, ob er mit pornografischem Material erpresst wurde. Er streitet das ab.

Doch Jahre später finden Polizeiermittler während einer Hausdurchsuchung im Schlafzimmer von Georg S. eben jenes pornografische Material, mit dem der Professor gefügig gemacht werden sollte. Zuchold wurde die Inventarliste gezeigt. Ein Sprecher des BKA sagt auf Anfrage, dass über diesen Vorgang keine Akten mehr vorhanden seien.

Einer von Putins heikelsten Vorgängen ist die Führung des in Ost- und Westdeutschland berüchtigten Neonazis Rainer Sonntag als KGB-Agent. Der Nazi und Kleinkriminelle wird von Georg S. in den 1980er Jahren angeworben, womit Putin nun auch für die Führung des Neonazis verantwortlich ist. Und da es Putins Mission ist, Agenten als Multiplikatoren zu gewinnen, sollen über Sonntag, wie in einem Schneeballsystem, weitere Agenten aus der Nazi-Bewegung rekrutiert werden.

1987 wird Sonntag in die Bundesrepublik abgeschoben. Dort macht er als enger Vertrauter von Neonaziführer Michael Kühnen Karriere. Die Ausreise eines Putin unterstellten Agenten kann nur mit seiner Zustimmung erfolgen. Sonntag ist nun „Agent im Operationsgebiet“, also Spion in Westdeutschland und hält weiter den Kontakt zu Georg S. und über diesen zu Putin aufrecht.

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Nach dem Fall der Mauer kehrt Sonntag nach Ostdeutschland zurück, sagt Zuchold. An der Grenzübergang bei Hirschberg lässt er sich von seinem Führungsoffizier Georg S. abholen. Zurück in Dresden, macht sich Sonntag daran, die dortige Neonaziszene aufzubauen. Dass sie so rasch so mächtig wird, ist nicht zuletzt sein Werk.

Sonntag wird in Dresden Chef einer Art Bürgerwehr und räumt gemeinsam mit den Glatzen in Springerstiefeln unter Hütchenspielern und Kleinkriminellen auf. Und er erpresst das aufblühende Bordellgewerbe.

Die vorhandenen Aktenbestände des Landeskriminalamtes Sachsen geben weder über das Doppelspiel des Neonazis Sonntag noch über die Rolle von Georg S. Auskunft. Da aber das Landeskriminalamt erst nach der Wende gegründet wurde, könnten die entsprechenden Unterlagen in anderen Dienststellen liegen, sagte ein Sprecher des LKA Sachsen auf Anfrage. Bis Redaktionsschluss blieb diese Suche ohne Ergebnis.

Im Sommer 1991 wird Sonntag erschossen. Nicht nur seine Feinde im Rotlichtmilieu atmen auf. Auch Georg S. Er sagt später zu Zuchold, der Tod von Sonntag sei für alle das einfachste gewesen.

Was wurde aus den Leuten?

Die DDR bricht 1989 zusammen. Die Sowjetunion implodiert. Putins Aufenthalt in Deutschland endet mit einem Misserfolg. Das wissen wir von Werner Grossmann, dem letzten Chef der DDR Auslandsspionage. Der warnt seine Kollegen beim KGB, dass Putin bereits aufgeflogene DDR-Agenten anwerbe, und dadurch ein großes Risiko für den KGB erzeuge.

Tatsächlich wird Putin im Februar 1990 Hals über Kopf aus Dresden abgezogen.

Putin macht sich Sorgen um seine Zukunft. Seinem Kollegen Usolzev vertraut er an, er fürchte, er müsse sich in Leningrad, das bald St. Petersburg heißen wird, als Taxifahrer durchschlagen. Doch die Sorge ist unbegründet. Putins KGB-Kontakte erweisen sich als Startrampe für eine beispiellose Karriere.

Zuchold wechselt die Seiten, ein weiteres Mal. Er läuft am 26. Dezember 1990 zum westdeutschen Verfassungsschutz über – und erzählt alles über Putins Netz. Das Bundesamt für Verfassungsschutz wollte das Treffen mit Zuchold nicht bestätigen. Zu personenbezogenen Daten und operativen Einsätzen gebe man grundsätzlich keine Auskünfte, sagte eine Sprecherin.

Heute arbeitet Zuchold für eine Sicherheitsfirma.

Georg S. kommt nach der Wende nicht los von seiner Vergangenheit. Seine große Zeit ist vorbei. Am 23. April 1993 wird er verhaftet. Es kommt zur Hausdurchsuchung. Da finden die Beamten auch die pornografischen Erpressungsmittel, ohne deren Bedeutung zu erkennen. Sie werden nur in der Inventarliste aufgeführt.

Doch dann passiert etwas Unerwartetes: Georg S. wird nie wegen Spionage angeklagt. Warum, ist bis heute unklar.

Georg S. redet nie mit der Presse. Er verdingt sich als Privatagent in Dresden. Hin und wieder hat er viel Bargeld, sagt Zuchold.

1999, in dem Jahr, in dem Putin erst Premierminister und dann Präsident wird, wird Georg S. brutal in seiner Wohnung mit einer Eisenstange zusammengeschlagen. Georg S. hat die Täter hereingelassen. Er wird drei Tage später bewusstlos gefunden. Danach ist Georg S. ein Wrack. Er kann sich nicht mehr konzentrieren. Bei Gesprächen fängt er plötzlich an, grundlos zu kichern oder zu weinen. Er rutscht ab in Alkoholismus und Sozialhilfe.

Einmal trifft Zuchold ihn. Zuchold sagt, dass sie verbrannte Vögel seien, die keiner mehr brauche. Georg S. widerspricht. Ihn bräuchte man noch. Zuchold will Georg S. überreden, nach Moskau auszuwandern. Er sagt ihm, dass er in Deutschland von Sozialhilfe lebe, während Russland sich, Putin und der alten Verbindungen eingedenk, um ihn kümmern werde. Einmal kauft Zuchold für Georg S. eine Zugfahrkarte nach Moskau, doch der tritt die Reise nie an. Georg S. hat offenbar Angst, in Putins Land zu fahren. Danach keimt in Zuchold der Verdacht, dass Georg S. nach seiner Verhaftung gegenüber deutschen Ermitlern über die Agententätigkeit Putins geplaudert hat.  

Georg S. verbringt seine letzten Jahre zumeist vor einem Bier in einem Irish Pub in Dresden, sagt Zuchold. Im Februar 2010, im Alter von 62 Jahren, stirbt Georg S. Auf der Beerdigung treffen sich Putins einstige Agenten zum vorerst letzten Mal. Schweigend stehen sie am offenen Grab. Ihr einstiger Chef ist nicht gekommen.

Wie es mit Putin weiterging

Von 1983 bis 2014 ist Putin mit Ljudmilla verheiratet. Für sie ist die Zeit in Dresden prägend, seither hat sie ein Faible für alles Deutsche. Zurück in Moskau, hält sie intensiven Kontakt zu ihren deutschen Freundinnen. Sie schickt ihre Töchter auf die deutsche Schule in Moskau. Sie erinnert sich gern an die Zeit in Dresden zurück.

An die Ehe mit Putin erinnert sie sich weniger gern. Er behandle sie abfällig, beklagt sie sich bei einer ihrer Brieffreundinnen.

Als einmal Zuchold bei ihnen zu Gast ist, stellt Putin sie dem Stasimann mit den Worten vor: Sie ist wie ein russischer Kuchen, du steckst viel Zucker rein, und sie geht auf. Als die Männer beginnen, über Dienstliches zu sprechen, schickt Putin seine Frau in die Küche, da sie bei ernsten Unterhaltungen nichts zu suchen habe. Wir haben Putin und seine frühere Frau Ljudmilla Putina über das russische Präsidialamt über diese Zeit befragt. Beide haben nicht geantwortet.

Ende der 1990er Jahre nutzt Ljudmilla die Büroräume und das Faxgerät des Dresdner Bank Chefs in Russland, sie nutzt es, um Kontakt zu ihren Brieffreundinnen zu halten. Geleitet wird die Dresdner Bank in Russland von Matthias Warnig, einem alten Bekannten Putins. Warnig soll einst als Agenten-Anwerber für das Ministerium für Staatssicherheit gearbeitet haben. Von CORRECTIV dazu befragt, läßt Warnig ausrichten, dass ihm die Nutzung seines Faxgeräts durch Frau Putina „nicht bekannt“ sei. Auf die Frage, ob er ein „alter Bekannter“ von Putin sei, antwortet Warnigs Büro per Email lediglich: „Wir können den Begriff ,alter Bekannter’ nicht einordnen.“ Dass er für die Stasi Agenten angeworben habe, bestreitet Warnig.  

Warnig arbeitet heute bei Nord-Stream, der Betreibergesellschaft der Ostsee-Pipeline von Russland nach Deutschland, für die auch Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) arbeitet.

1994 verunglückt Ljudmilla Putina in St.Petersburg bei einem Autounfall und wird schwer verletzt. Die Dresdner Bank finanziert den Krankentransport nach Deutschland und die Behandlung in einer Spezialklinik in Bad Homburg. Der ehemalige Vorstandssprecher der Bank, Bernhard Walter, sagt später in einem Interview, er habe aus „humanitären Gründen“ die Kosten für Putins Frau übernommen. Denn die Krankenhäuser in St. Petersburg hätten Verletzungen dieser Art damals nicht behandeln können.

In seinen Wahlkampferinnerungen im Jahre 2000 will Putin von diesem humanitären Akt nichts mehr wissen. Dort sagt er lediglich, dass seine Frau in einem Militärkrankenhaus in St. Petersburg behandelt wurde.

Die Dresdner Bank soll sich überdies auch dankbar gegenüber Putin gezeigt und Reisen in die Bundesrepublik bezahlt haben. Warnig sagt, dass er von solchen Zahlungen keine Kenntnis habe.

Menschen beschönigen ihre Vergangenheit, das ist nicht ungewöhnlich. Putin aber geht dabei ungewöhnlich weit. In seiner offiziellen Autobiografie „Die erste Person“ schreibt Putin, dass die Familie an der russischen Ostseeküste Urlaub machte, als ihn 1998 die Ernennung zum Chef des Geheimdienstes FSB erreicht.

Tatsächlich verbringt seine Familie den gesamten Urlaub in Südfrankreich, wie aus den Briefen von Ljudmilla Putina hervorgeht, die CORRECTIV vorliegen. Putin selbst pendelt wegen wichtiger Termine zwischen Moskau und Südfrankreich, wie Ljudmilla an eine Brieffreundin schreibt. Im August wollten sie eigentlich den Urlaub in der Schweiz, im noblen Davos fortsetzen. Aber wegen Putins Beförderung müssen sie zurück nach Moskau. Davos kannten sie schon, sie waren dort bereits ein Jahr zuvor.

„Zwei Urlaubsferien haben wir hier mit Familie Schamalow verbracht, sechs Wochen insgesamt“, schreibt Ludmilla Putina damals aus Davos an die Freundin. Die Briefe wurden per Fax abgeschickt. Nikolai Schamalow ist ein wohlhabender Geschäftsmann aus St. Petersburg, der enge Beziehungen zu Putin pflegt. Putin habe viel für Familie Schamalow getan, und nun müssten die Schamalovs auch etwas für Putin tun – so erzählt es die Ehefrau ihrer Freundin. Schamalow und Putin haben auf Anfragen zu ihren gegenseitigen Geschäftsbeziehungen nicht geantwortet.

Putin steigt derweil in Russland zum mächtigsten Mann auf, während sein Vater schwer an Krebs erkrankt. Ludmilla Putina beschreibt im Juli 1998 das Leiden in einem Brief an ihre Freundin:

„Sein Vater liegt schon seit einem Monat im Krankenhaus, er hat Krebs, 4. Stufe. Die Ärzte, die ihn früher behandelt hatten, verpassten den Anfang der Krankheit, denn er hatte immer Rückenschmerzen, und sie verschrieben ihm Massagen, Spritzen, aber das war schon Krebs und Metasthasen! in der Wirbelsäule“.

Die Ärzte erkennen den Krebs von Putins Vater nicht. In den Krankenhäusern in St. Petersburg fehlt es an moderner Medizintechnik. Putin ist als stellvertretender Bürgermeister für ausländische Investitionen verantwortlich, auch in das Gesundheitswesen der Stadt. Doch da herrscht, wie überall, Korruption. Ein Arzt schreibt, dass die Krankenhausleitung auf den Erwerb eines kostengünstigen, gebrauchten, aber voll funktionstüchtigen Gerätes verzichtete, um lieber ein viel teureres, neues Gerät zu kaufen, um so die üblichen Schmiergeldzahlungen zu kassieren. Diese schriftliche Aussage liegt CORRECTIV vor.

Die begrenzten Reserven werden, wie überall in Russland, verschwendet. Am Ende leidet darunter auch jener Mann, dessen Sohn genau dieses System für seinen Aufstieg brauchte.


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Dies ist der fünfte Text in der Recherchereihe. Alle Texte:

© Nick Böse

System Putin

Wenn deutsche Beamte mal ein Auge zudrücken

Der Hewlett-Packard-Korruptionsskandal erhielt den Segen einer deutschen Euler-Hermes-Ausfuhrbürgschaft. Bei einer sorgfältigen Prüfung der Dokumente hätten die Ungereimtheiten auffliegen müssen.

von David Crawford , Marcus Bensmann

Als die russische Generalstaatsanwaltschaft im Jahr 2001 überteuerte Computertechnik beim US-Konzern Hewlett Packard ordert geht es darum, ein Land zu finden, das den Kredit absichert. Im November 2003 beantragt die deutsche HP-Tochter einen Kredit bei der Dresdner Bank, im März 2004 gibt das deutsche Bundeswirtschaftsministerium dem Geschäft seinen Segen. Damit liegt das Risiko des Deals beim deutschen Steuerzahler. Auch deutsche Beamte trugen durch ihre Nachlässigkeit dazu bei, dass Hewlett-Packard über sieben Millionen Euro Schmiergeld an russische Behörden überweisen konnte – und dass sich HP so eine marktbeherrschende Stellung in Russland verschaffen konnte. Zum möglichen Schaden auch von deutschen Computerfirmen.

Gewiss, die HP-Dokumente waren trickreich formuliert. Sie waren bewusst so knapp gehalten, dass sie die Summe, die als Schmiergeld anvisiert war, verschleierten. Hewlett-Packard-Mitarbeiter in Russland hatten eigens eine spezielle Buchhaltung entwickelt, die auch betriebsinternen Prüfungen standhalten sollte. So wurden in Kostentabellen einige Spalten, die sonst üblich waren, ausgelassen – etwa für den Listenpreis, den Rabatt in Dollar und den Rabatt in Euro.

Dennoch fiel der Schwindel intern auf. Ein leitender HP-Mitarbeiter fragte nach, warum die Spalten fehlten – und bekam zur Antwort, dass im Rahmen eines „Rückkaufs“ mindestens 6,6 Millionen in eine Schwarze Kasse verschoben würden. Der Prüfer machte sich daraufhin eine entsprechende Notiz am Rand der Tabelle.

Im Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit unter Wolfgang Clement (SPD) schaute man nicht so genau hin. Dort fiel der Betrug nicht auf. Am 12. März 2004 gaben die Beamten grünes Licht für eine Ausfuhrbürgschaft. Eine Woche später erhielt Hewlett-Packard Deutschland die entsprechenden Dokumente von Euler Hermes. Eine Sprecherin des heute von Sigmar Gabriel (SPD) geführten Wirtschaftsministerium sagt: „Angaben zu konkreten Geschäften können leider nicht gemacht werden, da dadurch Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse verletzt werden werden können“. Grundsätzlich sei der Bund aber von der Haftung befreit, wenn klar werde, dass es sich um ein Schmiergeld-Geschäft handle. Mehr will auch Euler-Hermes heute nicht zu dem Fall sagen.

Dabei hätten auch die Mitarbeiter von Euler Hermes bei einer gewissenhaften Prüfung der Dokumente aufmerken müssen.

So wie jene sächsischen Steuerbeamten, die 2007 den Korruptionsskandal aufdeckten. Sie enttarnten die Widersprüche in den Dokumenten — die auch teilweise den Mitarbeitern von Euler-Hermes vorgelegen hatten.

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Es gibt weitere Ungereimtheiten. Hätte das Geschäft zwischen Russland und HP überhaupt eine deutsche Ausfuhrbürgschaft erhalten dürfen? Eigentlich nicht. Denn EU-Arbeitsplätze wurden dadurch nicht erhalten oder geschaffen, und es gab kein öffentliches Interesse an dem Fall.

Ja, mehr noch: Vielleicht hat dieses Geschäft sogar deutschen Mitbewerbern geschadet. Davon gehen jedenfalls die sächsischen Ermittler aus. Denn IT-Technik-Anbieter wie Siemens wurden durch den HP-Deal auf viele Jahre aus dem Geschäft mit russischen Behörden gedrängt.

Elena Panfilova, Gründerin von Transparency International Russland, betont, wie wichtig es sei, dass Staatsbürgschaften nur dann vergeben werden, wenn ein Geschäft wirklich zu 100 Prozent sauber ist. „In Ländern, wo Korruption endemisch ist, müssen genehmigende Behörde besonders sorgfältig prüfen und zwei, drei Mal untersuchen, ob eine mögliche Korruption vorliegt“, sagt sie in einem Telefoninterview.

Das haben die deutschen Behörden leider versäumt.


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Dies ist der zweite Text in der Recherchereihe. Alle Texte:

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System Putin

Beamte auf Raubzug

Die unheilvolle Allianz zwischen Geheimdienst und Generalstaatsanwaltschaft hat dazu geführt, dass Hunderttausende Unternehmer im Gefängnis sitzen. Auch deshalb ist Russlands Wirtschaft ruiniert.

von David Crawford , Marcus Bensmann

„Eigentlich haben wir hier ein staatliches System der Schutzgelderpressung“, sagt Boris Titow, der Unternehmerbeauftragte des russischen Präsidenten 2011 in einer russische Zeitung. Er wurde ernannt im kurzen russischen Frühling unter Zwischen-Präsident Medwedew. Er nennt noch eine Zahl: Dass jährlich rund 70.000 Unternehmen Opfer von „Raids“ werden.

Ein „Raid“, darunter versteht man in Russland die gewaltsame Übernahme einer Firma durch maskierte Männer. Häufig wird die Übernahme mittels gefälschter Verträge begründet. Oder mittels konstruierter Rechtsverstöße. Die rechtmäßigen Besitzer landen im Gefängnis, und am Ende erkennen korrupte Justizbeamte die gefälschten Verträge als echt an. Das Management von Hewlett-Packard kannte die Gefahr, Opfer eines Raids zu werden. In dem Landesgericht in Leipzig liegt eine Anklageschrift, die detailreich Korruptionsgelder auflistet, die nach einem Geschäftsabschluss des amerikanischen Computerriesen mit der russischen Generalstaatsanwaltschaft ab 2004 an russische Beamten geflossen sein sollen. Auch Geheimdienstmitarbeiter und Staatsanwälte wurden bedacht. Nach Erkenntnissen deutscher Ermittler gerieten auch HP-Partnerfirmen in Russland ins Visier des russischen Geheimdienstes.

Erst als HP Schmiergeld an den Geheimdienst gezahlt hatte, konnten sich die Firmen halbwegs sicher fühlen. Es war, so gesehen, eine Art Schutzgeld. Der Pressesprecher von HP wollte sich auf Anfrage von CORRECTIV zu dem Fall nicht äussern, da man sich in einem laufenden Verfahren befinde. Das Landgericht Leipzig muss noch entscheiden, ob es die Anklage der Staatsanwaltschaft zulässt. In den USA dagegen wurde HP bereits 2014 der Korruption bei diesem Geschäft in Russland für schuldig gesprochen und zu einer Geldstrafe verurteilt.

Ein anderer Fall dieser Raids hat es in Deutschland zu einiger Prominenz gebracht: Franz Sedelmayer, einem bayerischen Geschäftsmann, gelang es als einem der ganz wenigen, sich erfolgreich gegen einen „Raid“ zu wehren. Sedelmayer hatte sich Mitte der 1990er Jahre geweigert, Schutzgeld zu zahlen, und verlor daraufhin seine Firma in St. Peterburg.

20 Jahre lang kämpfte er vor Gerichten in Schweden und Deutschland um sein Recht – und um eine Entschädigung. Einmal tauchte er mit einem Gerichtsvollzieher auf einer Berliner Flugshow auf, um eine Aeroflot-Maschine pfänden zu lassen. Die russischen Piloten konnten mit einem vorzeitigen Start die Flugzeuge vor dem Zugriff retten. Am Ende ließ er das Gebäude der ehemalige russischen Handelskammer in Köln – früher ein wichtiger Stützpunkt des KGB – zu seinen Gunsten versteigern. Sedelmayer erhielt rund 5 Millionen Euro.

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Geschäftsleute aus dem Ausland können das Land zur Not immerhin verlassen. Russischen Geschäftleuten droht dagegen die vollständige Vernichtung. Nicht nur, dass sie ihr Hab und Gut verlieren, sie müssen auch damit rechnen, in Untersuchungshaft zu kommen. Im Gefängnis sind sie der Gewalt ihrer Mithäftlinge schutzlos preisgegeben.

Immerhin das versuchte der russische Übergangspräsident Dimitrij Medwedjew zu ändern, alarmiert von den erschreckenden Zahlen. 2011 wurde gesetzlich verankert, dass Menschen bei Wirtschaftsdelikten nicht mehr in Untersuchungshaft kommen dürfen.

Doch seither hat sich wenig verbessert. Andreij Yakovlev von dem Moskauer Institut für Industrie und Marktstudien kam in einer Studie im Oktober 2014 zu einem ernüchternden Ergebnis: Die Reformbemühungen würden keineswegs nur von kleineren Beamten ausgebremst. Vor allem die leitenden Beamten der Staatsorgane hielten an der sowjetischen Ideologie fest, jede Art von Unternehmertum zu bekämpfen. Allen voran die Generalstaatsanwaltschaft und der Geheimdienst FSB. CORRECTIV hat das russische Präsidialamt, den FSB und die russische Generalstaatsanwalt zu den Vorwürfen befragt. Bis zur Veröfftentlichung sind keine Antworten eingegangen.

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Putin-Woche bei CORRECTIV. Dies ist der dritte Text in der Recherchereihe. Alle Texte:

 

Textchef: Ariel Hauptmeier

Veröffentlicht in Kooperation mit RTL und Mediapart.

© Nick Böse

System Putin

Sofas und Autobomben gegen Ermittler

Auch bei dem Korruptionsskandal um das Möbelhaus arbeiten Geheimdienst und Generalstaatsanwaltschaft Hand in Hand. Der Fall geht bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

von David Crawford , Marcus Bensmann

Im August 2000 entdeckt der russische Zoll, dass die Einfuhrpapiere für 400 Tonnen italienische Möbel gefälscht sind. Sowohl das Gewicht als auch der Wert der Möbel, so die Ermittler, seien viel zu gering deklariert. Den Schaden für die russische Staatskasse schätzen die Ermittler auf rund sieben Millionen Euro. 

Im September 2000 eröffnet der Zollbeamte Pawel Saisew ein Verfahren – und sticht in ein Wespennest. Der Sicherheitschef des Möbelunternehmens soll nach Aussagen eines Ermittlers beste Beziehungen zum russischen Geheimdienst haben, bis in die direkte Umgebung von dessen Chef Nikolai Patruschew, einem Vertrauten von Präsident Wladimir Putin. 

Einen Monat später bremst der Erste Stellvertretende Generalstaatsanwalt Juri Birjukow die Untersuchung aus — der uns bereits bekannte Mann mit der unschönen Reibeisenstimme. Die Ermittlungsakten werden konfisziert, der Zollbeamte wird eingeschüchtert. In einem Telefoninterview mit CORRECTIV erinnert er sich: „Ich wurde in der Staatsanwaltschaft direkt bedroht, es ging um meine Sicherheit und die Sicherheit meiner Familie“.

Birjukow wirft dem Zollbeamten Amtsmissbrauch vor. Er habe Hausdurchsuchungen ohne staatsanwaltschaftliche Genehmigung durchführen und Verdächtige eigenmächtig inhaftieren lassen. So landet Saisew selbst vor einem Richter, genauer: einer Richterin.

Die heißt Olga Kudeschkina, sie will die Vorwürfe gegen Saisew gründlich untersuchen und sich nicht zu einer Entscheidung drängen lassen. Vize-Generalstaatsanwalt Birjukow interveniert bei dem Moskauer Stadtgericht in den Fall, wie die Richterin später vor dem europäischen Gerichtshof aussagt. Man entzieht ihr den Fall. Später zwingt man sie, ihren Dienst zu quittieren. Der europäische Gerichtshof für Menschenrechte spricht der geschaßten Richterin 2009 eine Entschädigung zu. Ein Sprecher des Moskauer Stadtgericht sagt auf Anfrage von CORRECTIV, dass es nicht stimme, dass auf das Gericht Druck ausgeübt worden sei.

Dem Zollbeamten Pawel Saisew nützt das nichts. Er wird von einem anderen Richter zu einer Gefängnisstrafe auf Bewährung verurteilt – und verliert seinen Job. 

Es sind jene Jahre, in der Präsident Putin seine autokratische Herrschaft gerade erst festigt. Noch sitzen einige unabhängige Abgeordnete im Parlament, der Duma. Juri Schektscheochikin, ein Abgeordneter der oppositionellen Jabloko-Partei, nimmt sich des Falls an. Schektscheochikin ist Schriftsteller und Journalist. Mit einem Buch über das organisierte Verbrechen zur Sowjetzeit hat Schtschekochikin in Russland ein Tabu gebrochen und eine andauernde Diskussion über den Einfluss von kriminellen Banden in Russland entzündet.

Schtschekochikin beginnt mit der Aufklärung des Skandals. Er deckt die Verbindung zwischen Generalstaatsanwaltschaft und Geheimdienst auf. Er fordert, zusammen mit zwei weiteren Abgeordneten, eine parlamentarische Untersuchung, er setzt durch, dass Präsident Putin einen Sonderermittler beruft, und dass der Fall der Generalstaatsanwaltschaft entzogen wird. 

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Bald erhält Schtschekochikin erste Morddrohungen. Am 2. Juni 2003 bezeichnet er Staatsanwalt Birjukow als „graue Eminenz“ des Bestechungsskandals. Der Abgeordnete plant eine Reise in die USA, um dort zusätzliche Informationen einzuholen. Kurz vor seiner Abreise erkrankt er an einer seltsamen Krankheit. Zwei Wochen später stirbt er qualvoll. Bis heute ist nicht geklärt, woran er gestorben ist. 

Auch andere Ermittler müssen ihre Neugier teuer bezahlen. Der Chef der operativen Zollabteilung wird im Februar 2002 ermordet. Ein anderer Ermittler wird einen Tag später zusammengeschlagen. Im Wagen einer weiteren Ermittlerin explodiert eine Autobombe. 

Am Ende werden der Besitzer und einige Angestellte der Möbelkette Drei Wale („Tri Kita“) verurteilt. Auch einige Mitarbeiter der Zollbehörde, des Geheimdienstes und des Innenministeriums verlieren ihren Job. 

Wichtige Beteiligte werden aber nicht angetastet. Geheimdienstchef Nikolai Patruschew leitet heute den nationalen Sicherheitsrat der Russischen Föderation. Vize-Generalstaatsawalt Juri Birjukow, der offenbar auch in diesem Fall hinter den Kulissen die Fäden gezogen hat, wird 2006 in den Senat berufen, wo er bis heute Immunität genießt. Das russische Präsidialamt, die russische Staatsanwaltschaft und der Geheimdienst FSB, sowie das Möbelunternehmen Tri Kita haben auf Fragen von CORRECTIV zu dem Fall nicht reagiert.

Birjukov hat eine Einmischung in den Tri-Kita Fall in russischen Medien dementiert. Auf eine Anfrage von CORRECTIV hat er bis zur Veröffentlichung nicht reagiert. Auch Saisew wird 2009 rehabilitiert, ist aber nicht in den Staatsdienst zurückgekehrt. Er arbeitet heute als Rechtsanwalt.

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Putin-Woche bei CORRECTIV. Dies ist der vierte Text in der Recherchereihe. Alle Texte:

Textchef: Ariel Hauptmeier

Veröffentlicht in Kooperation mit RTL und Mediapart.

© Nick Böse

System Putin

Unter Spionen

Einer der Hauptverdächtigen im HP-Korruptionsskandal ist der Deutsche Hilmar L., der Ende 2009 in Untersuchungshaft kommt - und beharrlich schweigt.

von David Crawford , Marcus Bensmann

Hilmar L. ist nicht einer jener Stasi-IMs, die sich durch einen dummen Zufall mit dem DDR-Geheimdienst einließen und das später bereuten. Hilmar L. hat, was man aus Stasiakten weiß, aus vollem Herzen gespitzelt.

1980 treten zwei Stasi-Offiziere an ihn heran, um seine Bereitschaft zu einer geheimen Zusammenarbeit auszuloten. L. zeigt „ein aufgeschlossenes, z.T. interessiertes Verhalten gegenüber allen an ihn herangetragene Probleme“, so steht es in seiner 750 Seiten dicken Stasi-Akte. „Er äußerte sogar Verwunderung, dass das MfS nicht früher Kontakt mit ihm aufgenommen habe.“

Fast zehn Jahre lang, bis zum Zusammenbruch der DDR, bleibt L. dem Geheimdienst treu ergeben. Er wird – unter dem Tarnnamen „Wolfgang Bley“ – nicht nur eingesetzt, um seine Kollegen im Zentralinstitut für Astrophysik in Babelsberg zu überwachen. Er soll auch mögliche Agenten im Ausland rekrutieren und Informationen über Wissenschaftler sammeln, die sich in den Westen abgesetzt haben.

Im August 1980 schreibt L. an seinen Führungsoffizier: „Über diese Zusammenarbeit werde ich Dritten gegenüber strenges Stillschweigen bewahren. Ich wurde mit Grundregeln der Konspiration vertraut gemacht.“

Wenig später wird seine Loyalität mit einem gefälschten Brief aus West-Berlin auf Probe gestellt — L. besteht die Probe. 1985 zeichnet ihn sein Stasivorgesetzter für seine erfolgreiche Arbeit aus und schenkt ihm einen Fotoapparat im Wert von 778,50 Ost-Mark. Reist er ins westliche Ausland, zahlt ihm die Stasi 100 West-Mark als Spesenpauschale.

Am 21. Januar 1986 wird „Wolfgang Bley“ wegen seiner guten Arbeit sogar zum IMB befördert zum „informellen Mitarbeiter mit Feindberührung“.

Tatsächlich sieht er überall Feinde: Einen Professor in Italien, der großzügig L.s Reisekosten übernommen hat, beschreibt er als möglichen Anwerber feindlicher Gegenspione.

Sogar seine Vorgesetzten bei der Stasi hintergeht er. In Bonn kopiert er eine 50-seitige Gedenkschrift über Astronomie in der BRD und einen Bericht über die Strategic Defense Initiative, mit der sich die USA gegen Atomraketen abschotten wollen. Beide Dokumente sind alles andere als geheim: Sie liegen aus in der öffentlichen Bibliothek der Bonner Sternwarte. Die Papiere verliert Hilmar L. auf dem Heimweg – und tischt seinem Agentenführer später glaubhaft die Geschichte auf, das konspirative Material sei ihm von der gegnerischen Abwehr aus seinem Gepäck gestohlen worden

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Die Wendejahre übersteht Hilmar L. glänzend. Er macht Karriere im IT-Bereich. 1996 ging er zu Hewlett-Packard Russland und stieg zu einem der leitenden Manager von Hewlett-Packard in Russland auf. Später fädelt er maßgeblich das Schmiergeldgeschäft mit der russischen Generalstaatsanwaltschaft mit ein.

Weiß der russische Geheimdienst FSB von seiner Stasi-Vergangenheit? Das ist gut möglich. Der FSB besitzt zahlreiche Stasi-Akten und kennt das Agentennetz.

CORRECTIV hat das russische Präsdialamt und Hilmar L. zu den Vorwürfen befragt. Aus Moskau kam keine Antwort, aber Hilmar L.s Anwalt erklärt telefonisch, dass sich sein Mandant nicht zu der Sache äußern werde.

Umgekehrt weiß der ehemalige Stasi-Agent Hilmar L. um die Macht der Spione. Er betont – laut den deutschen Ermittlern – gegenüber dem HP-Mutterhaus, dass neben der Generalstaatsanwaltschaft auch Mitarbeiter des FSB bedacht werden müssten. Andernfalls sei das Geschäft nicht zu machen. Später, in seiner Vernehmung durch deutsche Staatsanwälte, leugnet Hilmar L., diese Behauptungen gemacht zu haben.

2009 kehrt Hilmar L. nach Deutschland zurück.

Da sind die Ermittlungen im HP-Korruptionsskandal bereits in vollem Gang. Am 2. Dezember 2009 wird L. verhaftet, zusammen mit zwei weiteren ehemaligen Hewlett-Packard-Managern, und wird in Leipzig in Untersuchungshaft genommen. Die beiden Kollegen sind kurz nach Weihnachten wieder auf freiem Fuß, sie haben sich der Staatsanwaltschaft gegenüber bereit erklärt, in dem Fall auszusagen.

Hilmar L. aber schweigt. 16 Wochen lang, bis zum 25. März 2010. Da zahlt er 350.000 Euro Kaution und wird daraufhin auf freien Fuß gesetzt.

Wie schrieb er doch einst an seinen Stasi-Führungsoffizier? „Ich wurde mit Grundregeln der Konspiration vertraut gemacht.“

Putin-Woche bei CORRECTIV. Dies ist der Schlusstext in der Recherchereihe. Alle Texte:

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System Putin

Korruption in Russland

Der russische Oppositionelle Alexej Navalny hat einen Film über den Generalstaatsanwalt Juri Tschajka veröffentlicht. Nun bekommt Navalny die Macht der korrupten russischen Justiz zu spüren. Mit offenkundig gefälschten Dokumenten wird ihm vorgeworfen, ein CIA-Spion zu sein. Wir haben Navalnys Film ins Deutsche übersetzt, damit auch die Menschen hierzulande erkennen können, wie tief der Rechtsstaat unter Putin gesunken ist.

von David Schraven

Die russische Propaganda ist aggressiv. Sie wirft der „Süddeutschen Zeitung“ vor, den Interessen der USA mit den Panama-Papers, schließlich gehöre das Blatt zum Finanzkonzern Goldmann-Sachs. Das ist zwar frei erfunden, hat aber System: Der Oppositionspolitiker Aleksei Navalny bekommt derzeit die ganze Macht der Maschine zu spüren. Vor einigen Tagen sendete die staatliche Fernsehanstalt ROSSIJA 1 eine angebliche Enthüllungsstory, nach der Navalny ein CIA-Spion sei – und im Rahmen einer Operation eingesetzt werde, die seit 1986 laufe. Die Operation habe das Ziel, Russland zu schwächen und Osteuropa neu zu ordnen. Die angebliche TV-Enthüllung wirkte von Stil her wie ein Schauprozess aus Stalin Zeiten.

Die Vorwürfe sind an den Haaren herbeigezogen. Die vorgelegten Dokumente, die den Beweis für die Geschichte liefern sollen, sind nicht mal im richtigen Englisch verfasst. Hintergründe zur Geschichte gibt es hier.

Der Grund, warum Navalny derzeit angegriffen wird, ist leicht zu erraten. Der Oppositionelle hat einen Fonds zur Bekämpfung von Korruption gegründet. Mit diesem klärt er immer wieder spektakuläre Bestechungsfälle auf. Zuletzt hat er im Dezember eine Dokumentation über die Korruptionsverstrickungen des russischen Generalstaatsanwalts Tschajka veröffentlicht.

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Navalny zeigt in dieser Dokumentation, wie russische Staatsanwälte selbst Luxushotels betreiben, wie sie Geschäfte mit Schwerkriminellen einfädeln und brutale feindliche Übernahmen durchziehen. So genannte Firmenräube. Konsequenzen haben die Staatsanwälte kaum zu befürchten. Sie sind der Stabilitätsgarant für Putins Herrschaft. Wer auch immer sich ihrer und seiner Macht entgegenstellt, kann zerstört werden.

Gerade eben haben die Staatsanwälte ein Verfahren gegen einen hochrangigen Mitarbeiter von Navalnys Fonds zum Kampf gegen Korruption eröffnet. Wir von CORRECTIV haben die Dokumentation von Navalny und seinen Mitstreitern in Deutsche übersetzt und mit Untertiteln versehen, damit auch in Deutschland verstanden werden kann, wie tief der russische Rechtsstaat gesunken ist und welche Verantwortung Putin dafür trägt.

Update, 15.4.2016, 13.43 Uhr: Der Kreml hat sich dafür entschuldigt, zu behaupten, die „Süddeutsche Zeitung“ gehöre Goldman Sachs. „Das ist wahrscheinlich unser Fehler, wahrscheinlich mein Fehler”, sagte Putins Sprecher Dmitrij Peskow. Es habe eine unbestätigte Information gegeben, die direkt an Präsident Wladimir Putin gegeben wurde. „Wir bitten den Verlag um Entschuldigung.“