AfD und die Neonazis: Abgeordnete finanzieren rechtsextremes Treffen
NSU-Unterstützerumfeld, „Hammerskins“ oder gewaltbereite Kampfsportler: Beim „Jungeuropa“-Verlagstreffen zeigt sich die AfD so offen wie selten mit rechtsextremen und militanten Aktivisten.
Das Wichtigste in Kürze
● Bemerkenswert: Den AfD-Leuten wird öffentlich für ihre finanzielle Unterstützung des Events gedankt. So fließen möglicherweise auch Steuergeld und Mittel der ESN-Fraktion aus dem Europaparlament direkt in den rechtsextremen, politischen Kampf.
● Obwohl Personen aus Kameradschaften, dem NSU-Unterstützer-Umfeld oder dem „Hammerskin“-Netzwerk vor Ort waren, bekennen sich die AfD-Leute offen zu den Veranstaltern. Es ist eine neue Dimension des Schulterschlusses.
„Ehrenmänner“ steht in Großbuchstaben auf der Dankestafel. Gedankt wird fünf Personen der AfD und der Rechtsaußen-ESN-Fraktion, die offenbar das „Jungeuropa-Verlagstreffen 2026“ finanziell unterstützt haben.
Anfang Mai haben sich dort AfD-Abgeordnete aus Bund, Ländern und Europaparlament mit Personen aus dem rechtsextremen und teilweise militanten Vorfeld getroffen. Was manche Teilnehmer als „Klassentreffen“ bei Aperol und Bier beschreiben, ist ein bemerkenswert offener Schulterschluss zwischen Partei und extremistischem Vorfeld.

Organisiert hat das Treffen der „Jungeuropa“-Verlag, der der Neuen Rechten zuzuordnen ist. Was dort gedacht und gesagt wird, macht „Jungeuropa“-Leiter und Rechtsextremist Philipp Stein in einem Interview klar: „Das Problem in Deutschland sind nicht die Moslems, sondern es ist eine Frage der Herkunft, also nicht der Religion“, sagt Stein beiläufig, als er ein neues Buch seines Verlags bewirbt.
Mit seinem Kampagnen-Netzwerk „EinProzent“ finanziert Stein seit einem Jahrzehnt Projekte im rechtsextremen Vorfeld – so beschreibt es etwa der Verfassungsschutz. „Wir sind der große Geldgeber der Szene“, sagt Stein selbst stolz. Der Verein sei eine „Nicht-Regierungsorganisation“ für alle „ethnisch Deutschen“.
Stein unterscheidet Staatsbürger also nach ethnischen Kategorien und verbreitet die rechtsextreme Verschwörungserzählung eines angeblichen Bevölkerungsaustauschs. So wolle der Islam das deutsche Volk „durch eine mehr oder minder gezielte Strategie“ ersetzen.
Unterscheidung von Staatsbürgern anhand ethnischer Kategorien und Sellners Konzept der „Remigration“
Die Unterscheidung von Staatsbürgern in ethnischen Kategorien ist dann verfassungsfeindlich, wenn daraus eine politische Zielsetzung erwächst, die die rechtliche Gleichheit der Staatsangehörigen in Frage stellt. Das hat das Oberverwaltungsgericht Münster im Mai 2024 klar definiert. Ebenfalls eine verfassungsfeindliche Zielsetzung hat laut Bundesverwaltungsgericht Martin Sellners Konzept der „Remigration“ auch für Staatsbürger. Dieses wird von der rechten Bewegung als vermeintliche Lösung für den angeblichen „Bevölkerungsaustausch“ beworben, um die „ethnische Wahl“, Tarnbegriff für Überfremdung, zu verhindern. Diese Verschwörungserzählung behauptet, die einheimische Bevölkerung werde gezielt durch Einwanderer ersetzt.
Der Kampfbegriff „Remigration“ auch für Staatsbürger fußt auf völkischer Ideologie und ist im rechtsextremem Vorfeld der AfD maßgeblich vom österreichischen Rechtsextremisten Martin Sellner geprägt. Sellner markiert in mehreren Veröffentlichungen und Vorträgen den Schutz der „ethnokulturellen Identität“ als zentrales Ziel der rechten Bewegung. Da Sellners Forderung nach „Remigration” auch auf Staatsbürger zielt, ordnet das Bundesverwaltungsgericht Leipzig auch diese als „menschenwürdewidrig” und verfassungsfeindlich ein.
CORRECTIV hatte in der Recherche „Geheimplan gegen Deutschland“ Anfang Januar 2024 gezeigt, wie Sellner vor hochrangigen AfD-Funktionären und Teilnehmern über die „Remigration“ referierte, die sich offenbar selbst als bürgerlich-konservativ beschreiben. Im Zuge der Gespräche erklärte er „nicht-assimilierte Staatsbürger“ zum größten Problem, dem man aber mit „Anpassungsdruck“ und „maßgeschneiderten Gesetzen“ zur Abwehr der „ethnischen Wahl“ begegnen könne.
Seit dem Treffen in Potsdam macht die AfD „Remigration“ immer wieder zum Thema. Die Partei verwendet den Begriff auch im Bundeswahlprogramm 2025 zwar, gibt ihm jedoch einen harmloseren Inhalt. Im Programm bezieht sich das Wort nicht auf Staatsbürger, sondern ist ein Synonym für die Abschiebung von Personen ohne gültigen Aufenthaltstitel. Gleichzeitig gibt es viele AfD-Mandatsträger und Funktionäre, die offen eine Nähe zu Sellner und seinem Konzept zeigen.
Auch gibt es unzählige Posts in den Sozialen Medien von Vertretern des völkischen Lagers der Partei, die „millionenfache Remigration“ fordern. Der Staatsrechtler Markus Ogorek sagte gegenüber CORRECTIV, dass durch die schiere Zahl auch Staatsbürger mitgemeint sein müssen – was das Konzept klar völkisch mache.
Und von der Bühne dankt Stein dann den thüringischen AfD-Bundestagsabgeordneten Torben Braga und Robert Teske – quasi der rechten und rechteren Hand von Björn Höcke. Außerdem geht Dank an Fabian Jank, Landtagsabgeordneter aus Brandenburg, dem ESN-Europaabgeordneten Tomasz Froelich und Jean-Pascal Hohm, dem neugewählten Chef der AfD-Jugendorganisation „Generation Deutschland“.
Diese fünf stehen auf der Dankestafel und haben das Event demnach finanziell möglich gemacht – ebenso die ESN-Fraktion des Europäischen Parlaments. Fraktionen im Europäischen Parlament und damit auch die ESN finanzieren sich auch aus dem Haushalt der Europäischen Union, also aus Steuergeld.
Auf Anfrage von CORRECTIV bestreitet ein Sprecher der ESN-Fraktion, dass diese Zahlungen im Zusammenhang mit der am 2. Mai stattgefundenen „Jungeuropa“-Veranstaltung geleistet hat.
AfD-Bundestagsabgeordnete loben „Jungeuropa“-Verlag
Robert Teske war langjähriger Büroleiter von Björn Höcke, bevor er selbst in den Bundestag einzog. CORRECTIV hat nachgefragt, was er von dem „Jungeuropa“-Verlag hält und welche Rolle er spielt, so hat er geantwortet:
„Es war mir eine große Freude, diese Veranstaltung als Teil eines lebendigen „Vorfelds“ zu unterstützen. Seit vielen Jahren, schon vor meiner Mandatszeit, war mir dies ein wichtiges Anliegen. Die Verzahnung von Meta- und Realpolitik ist bedeutend, um zu einem nachhaltigen politischen Wandel beizutragen.“
AfD-Bundestagsabgeordneter Robert Teske, Mail-Antwort an CORRECTIV vom 7.5.2026
Schon 2017 lief Teske bei einer Demonstration der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ mit. Schon damals sagte Teske dem „Weser-Kurier“: „Die Identitären machen gute Aktionen und werden zu Unrecht vom Verfassungsschutz beobachtet.“ Und auch Philip Stein kennt er schon lang. 2018 gab er „EinProzent“ ein Interview, damals noch als Vorsitzender der „Junge Alternative“ Bremen.
Nun sitzt er im Bundestag, finanziert Events wie das Verlagstreffen und beschäftigt seinerseits Benedikt Kaiser als Mitarbeiter. Kaiser ist Autor im „Jungeuropa“-Verlag und gilt als Ideengeber des rechtsextremen Vorfelds. Beim Vernetzungstreffen in Altenburg bewirbt Kaiser sein Buch und nimmt an einer Podiumsdiskussion teil.
Während in der Vergangenheit andere AfD-Leute oft Fragen von CORRECTIV ignorierten, zeigt Teske eine bemerkenswerte Offenheit. Er antwortet auf Fragen und postet selbst via Instagram zum Event. Es ist wohl eine bewusste Strategie zur weiteren Normalisierung der rechtsextremen Positionen. Teskes Tenor: Alles gar nicht so schlimm.
NSU-Unterstützer, „Hammerskin“, „Knockout51“, Neonazis: Rechtsextremisten beim „Klassentreffen“ in Altenburg
An dem Treffen in Thüringen nahmen nach CORRECTIV-Informationen aber nicht nur Buchautoren und Parlamentarier teil. Fotos und Gespräche mit Personen vor Ort belegen, dass unter anderem auch eingefleischte und gewaltbereite Neonazis Teil des Events waren – vier Beispiele:
- Thomas Gerlach – Der vorbestrafte Altenburger zählt zu den Neonazi-Größen in Thüringen, ist Teil der Kameradschafts-Szene, die sich im Netzwerk „Thüringer Heimatschutz“ organisierte, und wird dem „Hammerskin“-Netzwerk zugeordnet.
- André Kapke – Der Rechtsextremist ist seit den 1990ern aktiv und ebenfalls im Kameradschaftsnetzwerk organisiert. Kapke zählt zum Unterstützer-Umfeld der rechts-terroristischen Gruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU).
- Alexander Deptolla – In Dortmund baute er den „Nazi-Kiez“ maßgeblich mit auf und wurde von SpiegelTV als „einer der einflussreichsten Neonazis Deutschlands“ beschrieben. Er gilt als Verantwortlicher für das rechtsextreme Kampfsport-Event „Kampf der Nibelungen“. Seit einiger Zeit ist er im Osten aktiv und mobilisiert dort Kräfte.
- Kampfsportler K. – Er ist Teil der rechtsextremen und kriminellen Kampfsportgruppe „Knockout51“ aus Eisenach. Weil sie Linke und Polizisten angriffen und er Teil der kriminellen Vereinigung war, verurteilte das Oberlandesgericht Jena K. zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten.
AfD-Bundestagsabgeordneter Teske will von diesen rechtsextremen Schwergewichten bei seinem Besuch in Altenberg nichts gewusst haben – ihm seien „derlei Personenkreise nicht bekannt“, teilte er CORRECTIV mit. Und dennoch hat auch seine Finanzierung möglich gemacht, dass sie sich treffen.
Torben Braga (AfD): Lob statt Distanzierung vom rechtsextremem Verlagstreffen
In ein ähnliches Horn wie Teske stößt auch Torben Braga, der aus dem thüringischen Landtag in den Bundestag wechselte. Er gilt als enger Vertrauter Höckes, zuvor war er unter anderem Sprecher der Deutschen Burschenschaft.
Weil er persönlich nicht anwesend war, könne er keine Angaben zu den rechtsextremen Schwergewichten machen. Für den „Jungeuropa“-Verlag und seinen Leiter Philip Stein findet Braga gegenüber CORRECTIV aber nur lobende Worte:
„Der Jungeuropa Verlag leistet nach meiner Überzeugung wertvolle Arbeit. Er verlegt Bücher, die andernorts nicht erscheinen würden, inhaltlich anspruchsvoll und verlegerisch sorgfältig gemacht. Solche Projekte im Parteivor- und -umfeld unterstütze ich, soweit mir das mit meinen bescheidenen Mitteln möglich ist. Die Form meiner Unterstützung dieser Veranstaltung ist jedoch keine Angelegenheit, zu der ich mich gegenüber Ihrem Medium zu rechtfertigen hätte.
Was Philip Stein betrifft: Nach den Kriterien, nach denen auch Ihr Haus ihn als Rechtsextremisten einordnet, dürfte ich in derselben Rubrik landen. Warum seine organisatorische Beteiligung mich also veranlassen sollte, Distanz zu nehmen, erschließt sich mir nicht.“
AfD-Bundestagsabgeordneter Torben Braga, Mail-Antwort an CORRECTIV vom 7.5.2026
Keine Distanzierung – stattdessen offener Schulterschluss.
Neben Teske nahmen auch die AfD-Abgeordneten Dominik Kaufner, Fabian Jank und Maximilian Gerner an der Veranstaltung teil. Fragen von CORRECTIV ließen sie unbeantwortet. Auch die weiteren involvierten AfD-Leute Tomasz Froelich und Jean-Pascal Hohm reagierten nicht auf CORRECTIV-Anfragen – ebenso der Parteivorsitz.
„Es ist erschütternd“ – Linken-Landtagsabgeordnete kritisiert Thüringer Zustände
Als Beobachterin war Katharina König-Preuss, Linke-Landtagsabgeordnete und antifaschistische Sprecherin der Partei, in Altenburg: „Es ist erschütternd, mit welcher Selbstverständlichkeit sich erneut Akteure der militanten extremen Rechten vernetzen können“, kommentiert sie.
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In Thüringen träfen sich seit Jahren bekannte Personen und Strukturen der extrem rechten Szene, die für eine menschenverachtende Ideologie, Gewalt und Einschüchterung stünden, ohne dass es auch nur im Ansatz ein konsequentes Vorgehen zuständiger Behörden dazu gäbe, sagte sie weiter.
Ihr Urteil: „Thüringen wird erneut zum Ort bundesweiter Vernetzung eines extrem rechten Milieus.“
Öffentlich und in sozialen Netzwerken kontrollieren derzeit vor allem Rechtsextreme die Erzählung über das Treffen in Altenburg: Alles nicht so schlimm, Aperol und Bier, ein nettes Klassentreffen. Es ist ihre neue Selbstverständlichkeit.
Faktencheck: Alexej Hock
Redigat: Alexej Hock, Marcus Bensmann, Justus von Daniels
Grafik: Ivo Mayr
Kommunikation: Luise Lange-Letellier, Nadine Winter, Katharine Roche
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