Iran: Proteste in 28 Provinzen – Hintergründe und Einordnung
Im Iran protestiert die Bevölkerung landesweit. Auslöser ist eine massive Wirtschaftskrise – das Regime reagiert mit Gewalt und Internet-Blockaden. CORRECTIV hat mit Oppositionellen gesprochen und ordnet die Proteste ein.
Seit über einer Woche dauern Proteste im Iran an. Landesweit kommt es zu Streiks von Händlern und Ladenbesitzern. Basare und Shops sind an vielen Orten geschlossen. Menschen gehen auf die Straße. Beobachter des Nationalen Widerstandsrats Iran sprechen von Demonstrationen in über 60 Städten in 28 Provinzen des Iran. Es sei bereits zu dutzenden Todesopfern gekommen. Gleichzeitig berichten laut Deutschlandfunk viele Iraner von massiven Internet-Störungen. Das Mullah-Regime versuche demnach, die Kommunikation über Messengerdienste zu blockieren, um weitere Ausschreitungen zu verhindern.
Inflation und Verfall der Landeswährung im Iran
Die Proteste im Iran waren aufgrund einer Wirtschaftskrise ausgebrochen. Eine starke Inflation macht es vielen Händlern unmöglich, Preise zu kalkulieren. Das führt zu Versorgungsschwierigkeiten. Läden wurden bereits an vielen Orten geschlossen und der Geldverkehr bricht teilweise zusammen. Der Wechselkurs des Rial war in den vergangenen Tagen auf weit über eine Million Rial für einen US-Dollar gefallen. 2015, als mit Abschluss des Atomabkommens internationale Sanktionen im Gegenzug für strenge Kontrollen des iranischen Atomprogramms aufgehoben worden waren, stand die iranische Währung bei 32.000 Rial pro US-Dollar, berichtete die ZEIT. In etlichen Städten kommt es im Zuge der Hyperinflation zu Protesten, bei denen zum Sturz der Mullahs aufgerufen werde, berichtet unter anderem der Nationale Widerstandsrat Iran (NWRI). Auf zahlreichen Videos aus dem ganzen Land sind immer wieder Aufmärsche zu sehen, in denen sich vor allem junge Menschen gegen die Machthaber im schiitischen Gottesstaat wehren. Immer wieder wird dabei auch der Tod der religiösen Führer des Iran gefordert. Die Machthaber versuchen, die Proteste zu unterdrücken, nachdem sie zunächst auf Forderungen der Demonstranten eingegangen waren. Kurz nach Beginn der Proteste durch Händler und Ladenbesitzer, der sogenannten „Basaris“, ist zum Beispiel der Zentralbankchef laut Staatsfernsehen zurückgetreten. Doch die Inflation lässt sich dadurch nicht aufhalten. Die Preise für Güter des täglichen Bedarfs explodieren weiter und die Haushaltsbudgets brechen ein.
Proteste im Iran: Gewalt und Tote bei den Demonstrationen
Die Proteste richten sich vor allem gegen die Regierung des iranischen Präsidenten Massud Peseschkian und die geistliche Führung des Landes. Dieser wird vorgeworfen, staatliche Mittel zur Unterstützung bewaffneter Gruppen in den palästinensischen Gebieten, im Libanon und im Jemen einzusetzen, statt die eigene Bevölkerung zu versorgen. 
Widerstandsrat: Regime nutzt Schah-Parolen zur Rechtfertigung von Repression
Der Nationale Widerstandsrat Iran (NWRI) berichtet, dass immer wieder Agenten des iranischen Regimes in die Proteste eingeschleust würden, die zur Rückkehr des Schahs in den Iran aufrufen würden. Dies sei aber nur Propaganda, um den Sicherheitsbehörden des Iran einen Grund zu geben, die Proteste niederzuschlagen. Ein Sprecher des NWRI sagte CORRECTIV, die Menschen seien sowohl gegen den Schah als auch gegen die Mullahs – sie wollten keine totalitäre Herrschaft mehr. Der Nationale Widerstandsrat Iran bekommt seine Informationen nach eigenen Angaben aus dem Netzwerk der Volksmudschahedin, die an den Protesten beteiligt seien. Ein Sprecher des NWRI sagte CORRECTIV, die iranische Gesellschaft gleiche derzeit einem Pulverfass vor der Explosion. Die Menschen seien erzürnt über die andauernde Unterdrückung, über die Armut und hohe Preise. Die Demonstrationen hätten sich ungeachtet der Repression auf mindestens 70 Städte in 28 Provinzen ausgebreitet. Das iranische Regime unter dem geistlichen Oberhaupt des Iran, Ali Chamenei, habe die Menschen in zahllose kriegerische Auseinandersetzungen gezogen, um die Menschen vom Aufstand abzuhalten. Allein im vergangenen Jahr seien über 2.000 Menschen hingerichtet worden. 
Der Nationale Widerstandsrat Iran und die Volksmudschahedin
Der Nationale Widerstandsrat Iran steht den Volksmudschahedin nahe, die früher als Terrororganisation geführt wurden, weil ihre bewaffneten Einheiten gegen das iranische Regime kämpften. 2009 wurde die Organisation allerdings von der EU von der Liste terrorverdächtiger Organisationen gestrichen. Die Europäische Union reagierte damit auf ein Urteil des Europäischen Gerichts, in dem die Begründung für die Einstufung der Volksmudschahedin als Terrororganisation für unzureichend erklärt worden war. Den bewaffneten Kampf hatten die Volksmudschahedin bereits im Jahr 2003 offiziell aufgegeben. Gegen den Nationalen Widerstandsrat Iran und die Volksmudschahedin laufen seit Jahren Desinformationskampagnen iranischer Geheimdienste. Immer wieder versuchten iranische Dienste zudem, führende Kader der Volksmudschahedin in Europa zu töten. 