Iran

Iran: Proteste in 28 Provinzen – Hintergründe und Einordnung

Im Iran protestiert die Bevölkerung landesweit. Auslöser ist eine massive Wirtschaftskrise – das Regime reagiert mit Gewalt und Internet-Blockaden. CORRECTIV hat mit Oppositionellen gesprochen und ordnet die Proteste ein.

von David Schraven

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CORRECTIV erklärt die Gründe für die Demonstrationen im Iran. (Symbolbild). Quelle: K.M.J, Unsplash. Bearbeitung: CORRECTIV

Seit über einer Woche dauern Proteste im Iran an. Landesweit kommt es zu Streiks von Händlern und Ladenbesitzern. Basare und Shops sind an vielen Orten geschlossen. Menschen gehen auf die Straße. Beobachter des Nationalen Widerstandsrats Iran sprechen von Demonstrationen in über 60 Städten in 28 Provinzen des Iran. Es sei bereits zu dutzenden Todesopfern gekommen. Gleichzeitig berichten laut Deutschlandfunk viele Iraner von massiven Internet-Störungen. Das Mullah-Regime versuche demnach, die Kommunikation über Messengerdienste zu blockieren, um weitere Ausschreitungen zu verhindern.

Inflation und Verfall der Landeswährung im Iran 

Die Proteste im Iran waren aufgrund einer Wirtschaftskrise ausgebrochen. Eine starke Inflation macht es vielen Händlern unmöglich, Preise zu kalkulieren. Das führt zu Versorgungsschwierigkeiten. Läden wurden bereits an vielen Orten geschlossen und der Geldverkehr bricht teilweise zusammen. Der Wechselkurs des Rial war in den vergangenen Tagen auf weit über eine Million Rial für einen US-Dollar gefallen. 2015, als mit Abschluss des Atomabkommens internationale Sanktionen im Gegenzug für strenge Kontrollen des iranischen Atomprogramms aufgehoben worden waren, stand die iranische Währung bei 32.000 Rial pro US-Dollar, berichtete die ZEIT. In etlichen Städten kommt es im Zuge der Hyperinflation zu Protesten, bei denen zum Sturz der Mullahs aufgerufen werde, berichtet unter anderem der Nationale Widerstandsrat Iran (NWRI). Auf zahlreichen Videos aus dem ganzen Land sind immer wieder Aufmärsche zu sehen, in denen sich vor allem junge Menschen gegen die Machthaber im schiitischen Gottesstaat wehren. Immer wieder wird dabei auch der Tod der religiösen Führer des Iran gefordert. Die Machthaber versuchen, die Proteste zu unterdrücken, nachdem sie zunächst auf Forderungen der Demonstranten eingegangen waren. Kurz nach Beginn der Proteste durch Händler und Ladenbesitzer, der sogenannten „Basaris“, ist zum Beispiel der Zentralbankchef laut Staatsfernsehen zurückgetreten. Doch die Inflation lässt sich dadurch nicht aufhalten. Die Preise für Güter des täglichen Bedarfs explodieren weiter und die Haushaltsbudgets brechen ein.

Proteste im Iran: Gewalt und Tote bei den Demonstrationen

Die Proteste richten sich vor allem gegen die Regierung des iranischen Präsidenten Massud Peseschkian und die geistliche Führung des Landes. Dieser wird vorgeworfen, staatliche Mittel zur Unterstützung bewaffneter Gruppen in den palästinensischen Gebieten, im Libanon und im Jemen einzusetzen, statt die eigene Bevölkerung zu versorgen.

Massud Peseschkian, Präsident des Iran, hier im September 2025 in New York. Quelle: Picture Alliance/dpa | Kay Nietfeld
Seit Jahren wird der Iran wegen seines Atomprogramms und seiner Unterstützung für Hamas, Huthis und Hisbollah mit internationalen Sanktionen belegt. Erst im Sommer 2025 hat die EU Nuklearsanktionen reaktiviert und Sanktionen wegen Menschenrechtsverletzungen und Drohnenlieferungen an Russland verschärft. Insbesondere die Sanktionen von Banken erschweren den Ölexport, die wichtigste Einnahmequelle des Landes. Experten sprechen in der Folge von einer der schwersten Wirtschaftskrisen der iranischen Geschichte. Irans oberster Führer Ajatollah Ali Chamenei hat bereits auf die politischen Unruhen der vergangenen Woche reagiert und strenge Maßnahmen gegen „Unruhestifter“ gefordert. Im Staatsfernsehen sagte er, die Proteste seien eine Verschwörung der in- und ausländischen Feinde des Landes und müssten konsequent unterbunden werden. Die Proteste der Händler gegen die instabilen Devisenkurse seien berechtigt. Doch es sei inakzeptabel, zivile Proteste auszunutzen, um politische Unruhen zu schüren, sagte Ali Chamenei. Über Twitter, das heute X heißt, hatte ausgerechnet der israelische Geheimdienst Mossad dazu aufgerufen, auf die Straße zu gehen. Auf Farsi schrieb der Geheimdienst: „Geht zusammen raus auf die Straße. Die Zeit ist gekommen. Wir sind mit euch. Nicht nur aus der Entfernung oder mit Worten. Wir sind auch mit euch vor Ort.“ Der Aufruf des israelischen Geheimdienstes kam kurz nach dem Besuch des israelischen Regierungschefs Benjamin Netanjahu bei US-Präsident Donald Trump in Florida. Der US-Präsident selbst schrieb auf seinem Internetdienst Truth Social, wenn im Iran auf friedliche Demonstranten geschossen werde, würden die USA zu ihrer Rettung kommen.

Widerstandsrat: Regime nutzt Schah-Parolen zur Rechtfertigung von Repression

Der Nationale Widerstandsrat Iran (NWRI) berichtet, dass immer wieder Agenten des iranischen Regimes in die Proteste eingeschleust würden, die zur Rückkehr des Schahs in den Iran aufrufen würden. Dies sei aber nur Propaganda, um den Sicherheitsbehörden des Iran einen Grund zu geben, die Proteste niederzuschlagen. Ein Sprecher des NWRI sagte CORRECTIV, die Menschen seien sowohl gegen den Schah als auch gegen die Mullahs – sie wollten keine totalitäre Herrschaft mehr. Der Nationale Widerstandsrat Iran bekommt seine Informationen nach eigenen Angaben aus dem Netzwerk der Volksmudschahedin, die an den Protesten beteiligt seien.  Ein Sprecher des NWRI sagte CORRECTIV, die iranische Gesellschaft gleiche derzeit einem Pulverfass vor der Explosion. Die Menschen seien erzürnt über die andauernde Unterdrückung, über die Armut und hohe Preise. Die Demonstrationen hätten sich ungeachtet der Repression auf mindestens 70 Städte in 28 Provinzen ausgebreitet. Das iranische Regime unter dem geistlichen Oberhaupt des Iran, Ali Chamenei, habe die Menschen in zahllose kriegerische Auseinandersetzungen gezogen, um die Menschen vom Aufstand abzuhalten. Allein im vergangenen Jahr seien über 2.000 Menschen hingerichtet worden.

Ajatollah Ali Chamenei, hier 2024 abgebildet, hat bereits auf die politischen Unruhen der vergangenen Woche reagiert und strenge Maßnahmen gegen „Unruhestifter“ gefordert. Quelle: Picture Alliance/dpa | Arne Immanuel Bänsch
Vor über 70 Jahren hätten die Geheimpolizei und die Sicherheitsdienste des Schahs versucht, einen Aufstand des Volkes zu verhindern und sie seien gescheitert. Dieses Schicksal drohe auch den Revolutionsgarden und den dunklen Kräften Khameneis. Der Sprecher des Widerstandsrates sagte CORRECTIV, der entschiedene Einsatz des US-Präsidenten Donald Trump gegen die brutale Unterdrückung sei ein Beitrag zum Weltfrieden und helfe dabei, 45 Jahre Untätigkeit gegen die religiös-faschistisch motivierte Herrschaft im Iran zu überwinden. Eine UN-Sonderkommission habe bereits im Juli 2024 beschrieben, dass im Iran regelmäßig Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen würden, ohne dass es ausreichende Konsequenzen gegeben habe. Nun würden die Menschen im Iran begreifen, dass ihr Widerstand alleine die religiöse Diktatur überwinden müsse. Dazu bedürfe es keiner ausländischen Soldaten und auch keiner finanziellen Hilfe. 

Der Nationale Widerstandsrat Iran und die Volksmudschahedin

Der Nationale Widerstandsrat Iran steht den Volksmudschahedin nahe, die früher als Terrororganisation geführt wurden, weil ihre bewaffneten Einheiten gegen das iranische Regime kämpften. 2009 wurde die Organisation allerdings von der EU von der Liste terrorverdächtiger Organisationen gestrichen. Die Europäische Union reagierte damit auf ein Urteil des Europäischen Gerichts, in dem die Begründung für die Einstufung der Volksmudschahedin als Terrororganisation für unzureichend erklärt worden war. Den bewaffneten Kampf hatten die Volksmudschahedin bereits im Jahr 2003 offiziell aufgegeben. Gegen den Nationalen Widerstandsrat Iran und die Volksmudschahedin laufen seit Jahren Desinformationskampagnen iranischer Geheimdienste. Immer wieder versuchten iranische Dienste zudem, führende Kader der Volksmudschahedin in Europa zu töten.

Maryam Radschawi, hier 2019, Anführerin der Volksmudschahedin. Quelle: Picture Alliance/dpa | Philipp von Ditfurth
Zugleich sind der Widerstandsrat und die Volksmudschahedin aber auch umstritten. In einer Drucksache des Deutschen Bundestags vom September 2018 schreibt die damalige große Koalition unter Angela Merkel (CDU), die Volksmudschahedin würden sich unter ihrem politischen Arm des NWRI zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechten sowie zur Trennung von Religion und Politik bekennen. Allerdings würde diesem Bekenntnis der autoritäre Charakter und der bis heute andauernde Personenkult um ihre Anführerin Maryam Radschawi widersprechen. Zudem würden einige Ursprünge der Gruppe in islamisch-marxistischen Bewegungen liegen, erklärte die schwarz-rote Bundesregierung damals.*   Dessen ungeachtet verfügt die Gruppe weiter über Quellen im Iran und ist in der Lage, Einschätzungen zur aktuellen Lage zu geben. Nach eigenen Angaben setzen sich der Nationale Widerstandsrat Iran und die Volksmudschahedin für eine Republik im Iran ein, die Religion und Staat trennt, die Gleichberechtigung garantiert, die Todesstrafe verbietet und auf Atomkraft verzichtet. Ein Sprecher der Bewegung sagte, die Volksmudschahedin praktizierten den Islam, würden aber moderne, demokratische Prinzipien verfolgen. Damit seien sie eine echte Bedrohung für die totalitär-religiöse Herrschaft im Iran. Die Volksmudschahedin immer noch als islamisch-marxistische Organisation zu bezeichnen sei eine Desinformation aus den Reihen der Mullahs, um die Volksmudschahedin und den NWRI zu dämonisieren. So sollten diese von Unterstützung abgeschnitten werden. Redigat: Pamela Kaethner, Samira Joy Frauwallner Faktencheck: Pamela Kaethner *Update 6. Januar 2026: Klarstellung, dass die Volksmudschahedin laut Bundesregierung aus dem Jahr 2018 in ihren Ursprüngen unter anderem auf islamisch-marxistische Bestrebungen zurückgehen.