Steigende Meere

Ein Dorf am Rand der Welt verschwindet

Unsere Datenrecherche belegt: Auf den Philippinen steigt der Meeresspiegel - relativ zum Land - stärker als in jeder anderen Region der Erde. Das bedeutet: Die häufigen Taifune richten noch mehr Schaden an. Und bedrohen Menschen wie Pepe und Soledad Cabasag.

von Jacque Manabat

© Noel Celis / AFP

In der Ruhe vor dem Sturm nagelte der Fischer Pepe Cabasag Bretter auf sein altes Haus aus Holz und Aluminium. Er wollte sich vor dem nahenden Taifun schützen. Stunden später traf er ein – und überfiel das Dorf Caroan mit peitschenden Böen. In der Provinz Cagayan im Norden der Philippinen.

Cabasag ist taub und sehbehindert. Er konnte weder hören noch genau sehen, wie der monströse Sturm das Dorf verwüstete. Aber er konnte spüren, wie stark der Wind war, als er ihn aus dem Gleichgewicht warf. Seine Frau Soledad zerrte ihn ins Haus. Die beiden bekreuzigten sich und verkrochen sich in ihrem Bett. Und beteten, dass der Taifun ihr kleines Haus nicht wegspülen möge. Sie beteten die ganze Nacht. Stundenlang wütete der Taifun. Zerschlugen die heulenden Böen und der Platzregen das malerische Dorf. Längst hielt ihr Dach nicht mehr; Wasserfälle stürzen von der Decke.

Am Morgen flauten die Winde ab. Sie krochen hervor aus den Resten ihrer Hütte, sammelten ein, was sie davon noch finden konnten, und machten sich daran, sie zu reparieren.

Drei Taifune treffen jedes Jahr auf ihre Gemeinde, im Schnitt. „Sa awa ng Diyos, andito pa kami!“, sagt Soledad, wegen der Gnade Gottes haben wir überlebt. Das Paar gehört zu den Fischern in der Gegend von Gonzaga Cagayan, im Nordosten von Luzon, der Hauptinsel der Philippinen. Pepe fängt Austern, um sie auf dem lokalen Markt zu verkaufen. Das Meer ernährt sie. Es versorgt sie mit Fischen, Krabben und Garnelen. Doch dann wird es zum Feind.

Der Großteil der 40 Kilometer langen Küstenlinie der Gemeinde liegt an der Babuyan-Meerenge im Norden. Die Natur ist paradiesisch. Es gibt 139 Hektar Strand, 69 Hektar Mangrovenwälder und 348 Hektar Korallenriffe.

Die Provinz Cagayan ist eine der am häufigsten von Monsunregen und Stürmen betroffenen Regionen des Landes. Laut dem philippinischen geologischen Institut sind ihre Küstenbewohner ständig von Überschwemmungen, Erosionen und Erdrutschen bedroht. Manchmal folgt ein Taifun auf den nächsten. Im Sommer 2015 wurde der Norden der Philippinen, einschließlich der Provinz Cagayan, von drei Taifunen getroffen. Sie brachten Zerstörung und Überschwemmungen.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

Es wird stürmischer, heißer, nasser. Der Klimawandel macht unser Leben unberechenbar. Unsere Recherchen zeigen, wer ihn befeuert und welche Lösungen diskutiert werden.
Jetzt spenden!

Jedes Mal von neuem beginnen die Einwohner dann ihre Sisyphos-Arbeit: Nach jedem Sturm müssen sie die beschädigten Häuser reparieren. Weil sie nicht auf anderes Land ausweichen können, bauen sie sie direkt dort wieder auf, wo der Sturm ihr Haus umgerissen hat. Zumindest, wenn das Land noch da ist: Bis heute hat das Meerwasser über zehn Hektar Land verschlungen.Von den 100 Betonhäusern, Nipa-Hütten und kleinen Gebäuden, die noch vor zehn Jahren im Küstenbereich gestanden haben, ist keine Spur mehr zu sehen. Sie sind im steigenden Wasser versunken.

Eines dieser verlorenen Gebäude ist die Brgy Caroan Grundschule, in der die Lehrerin Roselyn Campano einst Schülerin war. Sie erinnert sich, dass ihre Schule mehr als einen Kilometer von der Küste entfernt lag. Heute ist das Haus im Wasser verschwunden. „Das Meer hat es ausradiert“, sagt Campano. Sie leitet jetzt eine andere Grundschule und fürchtet um die Jugend in ihrem Dorf.

Campano macht Fotos nach jedem Sturm, der die Wohngebiete trifft. Sie hat beobachtet, wie das Meer jedes Jahr durchschnittlich fünf Häuser fortspült. „Mein Lieblingsmotiv ist der Sonnenuntergang. Ich habe Tränen in den Augen wenn ich daran denke, dass unser Dorf bald vielleicht für immer von der Landkarte ausradiert wird“, sagt Campano.

Gonzagas Bürgermeisterin Marilyn Pentecostes sagt: „Wir hoffen darauf, dass der Kongress und die Regierung unsere Bevölkerung schützen hilft, etwa mit einem Damm.“ Bislang aber bleibt die Hilfe aus. Zum steigenden Meeresspiegel kommt eine zweite, menschengemachte Bedrohung. Eine Studie amerikanischer Wissenschaftler prognostiziert, dass Gebiete im Norden der Philippinen, in denen Magnetit oder Schwarzsand abgebaut wird, kontinuierlich sinken und innerhalb von 30 bis 70 Jahren unter Wasser stehen könnten.

Steigendes Meer, sinkendes Land: Die Bewohner von Cagayan sind doppelt gefährdet.

Jacque Manabat ist philippinische Journalistin und war Fellow der Konrad-Adenauer-Stiftung in der Redaktion von correctiv.