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In Manila erheben sich Hochhäuser aus den Slums - und steigt beständig das Wasser.

In Manila erheben sich Hochhäuser aus den Slums - und steigt beständig das Wasser.© unsplash.com / Charles Deluvio

Steigende Meere

Manila: Trauriger Spitzenreiter

In Manila ist das Meer in den vergangenen 50 Jahren um mehr als 80 Zentimeter gestiegen. Mehr als an jedem anderen Messpunkt weltweit. Laut einer Studie der Universität Manila könnte die Millionenstadt in 20 Jahren permanent unter Wasser stehen.

von Jacque Manabat

Damit ist eines der bevölkerungsreichsten Wirtschaftszentren der Welt akut vom Klimawandel bedroht. Im Jahr 2015 lebten rund 13 Millionen Menschen im Großraum Manila. „Da das Land rund um die Manila-Bucht sinkt, werden auch die umliegenden Provinzen von Überschwemmungen betroffen sein“, sagt der Asienexperte Greg Bankoff von der Universität Hull in England.

Bis in die frühen 1960er Jahre zeigte der Meeresspiegel bei Manila keinen signifikanten Anstieg. Doch ab da kletterte der Pegel kontinuierlich. Und zwar fünf Mal schneller als im Rest der Welt. Bis zum Jahr 2050 könnte das Meer — relativ zum Land — noch einmal um rund einen halben Meter ansteigen.

Schon heute bedrohen gewaltige Tropenstürme die Stadt. Etwa der Taifun „Ketsana“ im September 2009. Er ließ an einzelnen Stellen das Wasser um bis zu sieben Meter steigen. Über 80 Prozent der Stadt standen unter Wasser, die provisorischen Häuser von rund 300.000 Einwohnern waren zerstört.

Ein Junge stakst durch einen überschwemmten Slum.

Ein Junge stakst durch einen überschwemmten Slum.

Mike Clarke / AFP

Der Anstieg des Meeresspiegels begann in den 1960er Jahren, zeitgleich mit der Industrialisierung der Philippinen. Viele Infrastrukturmaßnahmen wurden in Angriff genommen. Die Immobilienpreise stiegen rasant, der Platz wurde knapp. Häuser und Bürogebäude wurden in überschwemmungsgefährdeten Gebieten errichtet. Sie sind heute besonders anfällig für den steigenden Meerespegel.

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Zugleich senkt sichder Boden immer weiter ab. Das beschreibt eine von der Weltbank veröffentlichte Studie. In der Studie warnen die Wissenschaftler, dass eine Jahrhundertflut in den nächsten Jahren mehr als 2,5 Millionen Menschen treffen und obdachlos machen könnte.

Sollte die Regierung die Küsten nicht besser schützen, könnte das Waten durch hüfthohe Überschwemmungen während der Regenzeit in Manila bald alltäglich werden.

Jacque Manabat ist philippinische Journalistin und war Fellow der Konrad-Adenauer-Stiftung in der Berliner Redaktion von correctiv.

© Ted Aljibe / AFP

Steigende Meere

Philippinen: Allein gelassen

Die Philippinen gehören zu den Ländern, die am stärksten unter dem steigenden Meeresspiegel leiden werden. Und auch die Philippinen bleiben, wie so viele andere Länder, auf den Kosten sitzen. Von den Industrienationen, den Verursachern des Klimawandels, kommt keine Hilfe.

von Jacque Manabat

In der Hauptstadt Manila ist der Meeresspiegel, relativ zur Küste, in den vergangenen Jahrzehnten um 80 Zentimeter gestiegen, im zentralen Legaspi sind es 30 Zentimeter und in der südlichen Davao-Bucht sind es immerhin noch 24 Zentimeter.

Es trifft fast die gesamte Bevölkerung. Denn die Filipinos wohnen am Wasser: Das Land besteht aus 7.000 Inseln und 36.000 Kilometern Küste. Die Inseln sind flach, die Buchten ragen weit ins Land. Das macht sie anfälliger für steigende Meeresspiegel. „Hinzu kommen die tropischen Wirbelstürme. Wenn wir nicht schnell schützende Maßnahmen ergreifen, ist unsere Landwirtschaft und damit unsere Ernährung gefährdet“, sagt die philippinische Klimaexpertin Analiza Solis.

Laut einer Studie der Asian Development Bank von 2012 gehören die Philippinen zu den fünf am meisten vom Klimawandel bedrohten Ländern. Am stärksten betroffen werden die Bewohner der Küsten im Osten sein: Dort drückt der Wind zusätzlich Wasser in ihre Buchten.

Der fünfte Weltklimabericht des UNO-Rates IPCC prognostiziert: Der Anstieg der Meere wird sich beschleunigen. Das wird verheerende Folgen für die Philippinen haben: Höhere Wasserpegel in den Buchten bedeuten, dass Taifune noch mehr Schaden anrichten können. Rund 20 tropische Stürme ziehen pro Jahr über das Land.

Nach einer Studie der Umweltschutzorganisation WWF werden mehr als 13 Millionen Filipinos aus den Küstengebieten umgesiedelt werden müssen. Schon jetzt erreicht das Hochwasser Gebiete, die nie zuvor überschwemmt wurden. Betroffen sind vor allem ärmere Filipinos, die häufig in zusammengezimmerten Behausungen leben, die schon bei leichteren Stürmen einstürzen können.

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Dies hat einmal mehr der Taifun Haiyan bewiesen, der im Jahr 2013 wütete und zu einem der stärksten jemals gemessenen Stürmen zählt. Er spülte erntefertigen Reis davon. Boote und Fischereianlagen wurden zerstört. Viele Menschen hatten keinen Zugang mehr zu Nahrungsmitteln. Schätzungsweise 6 Millionen Menschen in der Visayas Region wurden von Haiyan vertrieben.

Auch die Tierwelt ist von den großen klimatischen Veränderungen betroffen. Das Tubbataha Riff auf der Insel Palawan ist ein wertvolles Habitat für Seevögel. Die Insel verschwindet langsam. Sie ist von 1,5 Hektar auf 1,1 Hektar geschrumpft, seitdem sie 2004 erstmals vermessen wurde.

Der Weltklimarat der Vereinten Nationen geht davon aus, dass der Anstieg des Meeresspiegels das Wachstum von Pflanzen stören kann, dass Getreidefelder überschwemmt werden, dass sich durch stehendes Wasser vemehrt Krankheiten wie Dengue-Fieber ausbreiten könnten. Aber bis heute haben die Philippinen noch keine Antwort auf die Bedrohungen für Mensch und Tier. Sie haben keine Ressourcen, um diese Gefahren abzuwenden. Und die internationale Gemeinschaft tut wenig, um den ersten Opfern des Klimawandels zu helfen.

„Wir haben von den reichen Ländern kein Geld gesehen, um uns zu helfen, uns anzupassen. So können wir nicht weitermachen. Das ist kein Leben, wenn wir am Ende immer vor Stürmen davonlaufen müssen“, sagt Naderev Saño, der die Philippinen auf den internationalen UNO-Konferenzen zum Klimawandel vertritt. Jeder zerstörerische Tropensturm koste sein Land zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes, weitere zwei Prozent müssten in den Wiederaufbau gesteckt werden.

Für ein Entwicklungsland wie die Philippinen mit fast 100 Millionen Bürgern, verteilt über tausende von Inseln, ist es eine unlösbare Herausforderung, die Betroffenen umzusiedeln. Bei Stürmen verwandeln sich schon jetzt öffentliche Schulen in Evakuierungszentren und beherbergen hunderte vertriebene Familien. Wenn das Hochwasser nachlässt, gehen die Bewohner an die Küsten zurück, um ihre Existenz neu zu starten. Sie sagen, sie müssten Nahrung finden — und hätten keine andere Wahl.

Jacque Manabat ist philippinische Journalistin und war Fellow der Konrad-Adenauer-Stiftung in der Berliner Redaktion von correctiv.

© Noel Celis / AFP

Steigende Meere

Ein Dorf am Rand der Welt verschwindet

Unsere Datenrecherche belegt: Auf den Philippinen steigt der Meeresspiegel - relativ zum Land - stärker als in jeder anderen Region der Erde. Das bedeutet: Die häufigen Taifune richten noch mehr Schaden an. Und bedrohen Menschen wie Pepe und Soledad Cabasag.

von Jacque Manabat

In der Ruhe vor dem Sturm nagelte der Fischer Pepe Cabasag Bretter auf sein altes Haus aus Holz und Aluminium. Er wollte sich vor dem nahenden Taifun schützen. Stunden später traf er ein – und überfiel das Dorf Caroan mit peitschenden Böen. In der Provinz Cagayan im Norden der Philippinen.

Cabasag ist taub und sehbehindert. Er konnte weder hören noch genau sehen, wie der monströse Sturm das Dorf verwüstete. Aber er konnte spüren, wie stark der Wind war, als er ihn aus dem Gleichgewicht warf. Seine Frau Soledad zerrte ihn ins Haus. Die beiden bekreuzigten sich und verkrochen sich in ihrem Bett. Und beteten, dass der Taifun ihr kleines Haus nicht wegspülen möge. Sie beteten die ganze Nacht. Stundenlang wütete der Taifun. Zerschlugen die heulenden Böen und der Platzregen das malerische Dorf. Längst hielt ihr Dach nicht mehr; Wasserfälle stürzen von der Decke.

Am Morgen flauten die Winde ab. Sie krochen hervor aus den Resten ihrer Hütte, sammelten ein, was sie davon noch finden konnten, und machten sich daran, sie zu reparieren.

Drei Taifune treffen jedes Jahr auf ihre Gemeinde, im Schnitt. „Sa awa ng Diyos, andito pa kami!“, sagt Soledad, wegen der Gnade Gottes haben wir überlebt. Das Paar gehört zu den Fischern in der Gegend von Gonzaga Cagayan, im Nordosten von Luzon, der Hauptinsel der Philippinen. Pepe fängt Austern, um sie auf dem lokalen Markt zu verkaufen. Das Meer ernährt sie. Es versorgt sie mit Fischen, Krabben und Garnelen. Doch dann wird es zum Feind.

Der Großteil der 40 Kilometer langen Küstenlinie der Gemeinde liegt an der Babuyan-Meerenge im Norden. Die Natur ist paradiesisch. Es gibt 139 Hektar Strand, 69 Hektar Mangrovenwälder und 348 Hektar Korallenriffe.

Die Provinz Cagayan ist eine der am häufigsten von Monsunregen und Stürmen betroffenen Regionen des Landes. Laut dem philippinischen geologischen Institut sind ihre Küstenbewohner ständig von Überschwemmungen, Erosionen und Erdrutschen bedroht. Manchmal folgt ein Taifun auf den nächsten. Im Sommer 2015 wurde der Norden der Philippinen, einschließlich der Provinz Cagayan, von drei Taifunen getroffen. Sie brachten Zerstörung und Überschwemmungen.

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Es wird stürmischer, heißer, nasser.Der Klimawandel macht unser Leben unberechenbar. Unsere Recherchen zeigen, wer ihn befeuert und welche Lösungen diskutiert werden. Jetzt spenden!

Jedes Mal von neuem beginnen die Einwohner dann ihre Sisyphos-Arbeit: Nach jedem Sturm müssen sie die beschädigten Häuser reparieren. Weil sie nicht auf anderes Land ausweichen können, bauen sie sie direkt dort wieder auf, wo der Sturm ihr Haus umgerissen hat. Zumindest, wenn das Land noch da ist: Bis heute hat das Meerwasser über zehn Hektar Land verschlungen.Von den 100 Betonhäusern, Nipa-Hütten und kleinen Gebäuden, die noch vor zehn Jahren im Küstenbereich gestanden haben, ist keine Spur mehr zu sehen. Sie sind im steigenden Wasser versunken.

Eines dieser verlorenen Gebäude ist die Brgy Caroan Grundschule, in der die Lehrerin Roselyn Campano einst Schülerin war. Sie erinnert sich, dass ihre Schule mehr als einen Kilometer von der Küste entfernt lag. Heute ist das Haus im Wasser verschwunden. „Das Meer hat es ausradiert“, sagt Campano. Sie leitet jetzt eine andere Grundschule und fürchtet um die Jugend in ihrem Dorf.

Campano macht Fotos nach jedem Sturm, der die Wohngebiete trifft. Sie hat beobachtet, wie das Meer jedes Jahr durchschnittlich fünf Häuser fortspült. „Mein Lieblingsmotiv ist der Sonnenuntergang. Ich habe Tränen in den Augen wenn ich daran denke, dass unser Dorf bald vielleicht für immer von der Landkarte ausradiert wird“, sagt Campano.

Gonzagas Bürgermeisterin Marilyn Pentecostes sagt: „Wir hoffen darauf, dass der Kongress und die Regierung unsere Bevölkerung schützen hilft, etwa mit einem Damm.“ Bislang aber bleibt die Hilfe aus. Zum steigenden Meeresspiegel kommt eine zweite, menschengemachte Bedrohung. Eine Studie amerikanischer Wissenschaftler prognostiziert, dass Gebiete im Norden der Philippinen, in denen Magnetit oder Schwarzsand abgebaut wird, kontinuierlich sinken und innerhalb von 30 bis 70 Jahren unter Wasser stehen könnten.

Steigendes Meer, sinkendes Land: Die Bewohner von Cagayan sind doppelt gefährdet.

Jacque Manabat ist philippinische Journalistin und war Fellow der Konrad-Adenauer-Stiftung in der Redaktion von correctiv.

Eine typische Nacht in Manila hat mehr als ein Dutzend Opfer. Was macht das mit den Menschen?© Anjo Bagaoisan, ABS-CBN Reporter

Artikel

„Ich gehe im Januar zurück auf die Philippinen. Diesmal wird die Hölle noch ein bisschen heißer sein.“

Auf den Philippinen lässt Präsident Duterte tausende Menschen töten. Jacque Manabat ist Journalistin für einen der größten philippinischen TV-Sender. Im Moment lebt sie in Berlin und arbeitet für correctiv.org. Hier schreibt sie, wie es sich anfühlt, als Journalistin wieder zurück auf die Philippinen zu müssen.

weiterlesen 12 Minuten

von Jacque Manabat

“Through her acts of public service, Sienna came in contact with the members of a local humanitarian group. When they invited them on a month-long trip to Philippines, she jumped at once.“
“I’ve run through the gates of hell“
Dan Brown, Inferno

Dan Brown hat mein Land einst als den Vorhof zur Hölle bezeichnet. Damals hat mich das getroffen. Aber er hatte Recht. In wenigen Monaten werde ich auf die Philippinen zurückkehren. Diesmal wird die Hölle noch ein bisschen heißer sein.

Der Friedhofs-Dienst

Sieben Stunden beträgt die Zeitdifferenz zwischen Berlin und Manila. Das bedeutet, dass ich tagsüber mit vielen meiner Kollegen sprechen kann, die daheim grad in der Friedhofs-Schicht arbeiten. So nennen wir die Nachtschicht, in der wir über die vielen Toten berichten müssen. Aus meinen Telefonaten und den Online-Nachrichten weiß ich: der Anti-Drogen-Krieg eskaliert. Unser investigatives Team beim ABS-CBN Broadcasting Network hat 2695 Tote gezählt, nur dieses Jahr, nur vom 10. Mai bis zum 10. Dezember. Zu zählen begonnen haben wir nach der Wahl von Präsident Rodrigo Duterte. 

Auch ich habe in der Friedhofs-Schicht gearbeitet. Der Geruch von Blut – gemischt mit feuchter Luft – ist damals für mich zum Alltag geworden. Ein bis zwei Morde pro Nacht waren Durchschnitt für Manila. Die Polizei bezeichnete die Toten stets als Abfallopfer. Für mich waren sie kein Abfall, aber ganz sicher Opfer. Einige hatten ihre Hände hinter dem Rücken zusammengebunden, andere waren in Klebestreifen gewickelt und in Säcke gesteckt. Egal, wie laut die Familien dieser Opfer um Hilfe und Gerechtigkeit riefen – sie wussten genau, dass ihr Leid nur eine von vielen sich ähnelnden Geschichten ist.

Das war vor vier Jahren.

In diesem Jahr müssen meine Kollegen in der Friedhofsschicht sehr viel mehr Morde mit ansehen. Die Zahl stieg unglaublich an, nachdem Präsident Duterte in seiner letzten Wahlkampfrede öffentlich versprach, 100.000 Kriminelle zu töten.

„Vergesst die Menschenrechte. Wenn ich in den Präsidentenpalast einziehe, dann werde ich genau das tun, was ich als Bürgermeister gemacht habe. Ihr Drogendealer, ihr Räuber, ihr Nichtsnutze – haut lieber ab. Weil ich Euch töten werde. Ich werde Euch alle in den Hafen von Manila schmeißen und die Fische werden sich an Euch fett fressen.“

Im Juli erschossen anonyme Männer im Schnitt etwa 30 Menschen – jede Nacht. In letzter Zeit fielen die Zahlen etwas, jetzt sind es noch etwa 14 Opfer pro Nacht. Jedes Opfer hat seine eigene Geschichte.

Die Journalisten der Friedhofsschicht, die diese Geschichten recherchieren und verbreiten, werden intensiv psychologisch betreut. Einige geben zu, dass sie um ihre Leben fürchten. „Ich bin mir sicher, dass die Mörder stets noch ganz in der Nähe sind, wenn wir an den Tatorten ankommen. Ich fühle das einfach“, erzählt mir einer der Journalisten.

Jacque Manabat

Jacque Manabat.

Privat.

Ich kann mir nicht vorstellen, wie schlimm das Trauma meiner Kollegen sein muss. Es ist vermutlich längst Alltag. Das ganze Blut, das Leid, die Verzweiflung – all das wird sich in ihre Seelen fressen.

„Unser Tag startet, wenn ihre Leben enden“

Dieser Spruch hängt an der Tür der Mordkommission von Manila.

Die Polizei und die Beamten der lokalen Behörden waren stets die wichtigsten Quellen für unsere nächtliche Berichterstattung. Jetzt erzählen mir meine Kollegen, dass die Polizei ihnen die kalte Schulter zeigt. In einem Fall filmte ein Nachbar auf seinem Handy, wie ein Mann in einer kleinen Hütte um sein Leben flehte. Die Polizei scherte sich nicht darum und tötete ihn stattdessen.

Die Polizei lehnt mittlerweile Interviews ab und weigert sich, Informationen über diese Vorfälle herauszugeben. Das macht den Job von uns Journalisten schwieriger. Und macht es auch der Öffentlichkeit schwerer, zu verstehen, was wirklich passiert.

Es ist erschreckend, wie manche Zuschauer auf die von uns veröffentlichen Beiträge reagieren. Einige sagen, die Opfer würden es verdienen, zu sterben. Und applaudieren der Regierung, dass sie die angeblichen Drogenabhängigen töten.

Jetzt schaut die ganze Welt auf unser Land und diese Morde.

Auch einige meiner Kollegen hier in Berlin bei CORRECTIV haben mich mehrfach danach gefragt, was da gerade auf den Philippinen passiert. Sie lasen über die immer häufigeren Morde und die steigende Skepsis gegenüber der Arbeit von uns Journalisten. Ich habe bemerkt, wie schwierig es ist, zu erklären, dass manche meiner philippinischen Mitmenschen sich derzeit sicher fühlen. Trotz – oder vielleicht sogar gerade wegen – all dieser Morde ann angeblichen Drogendealern und Drogenabhängigen. Diese Menschen glauben, dass die Hinrichtungen die Kriminalität senken werden.

Präsident Duterte ist von seinen Kritikern als philippinischer Adolf Hitler bezeichnet worden. Duterte selbst hat seinen Krieg gegen die Drogen mit dem Holocaust verglichen.

„Hitler hat drei Millionen Juden getötet. Jetzt haben wir drei Millionen Drogenabhängige. Ich wäre froh sie alle umzubringen. Deutschland hatte Hitler. Die Philippinen haben (zeigt mit dem Finger auf sich selbst).“

Sozialen Medien: Mit Fake News zum Kriegsschauplatz

Öffentliche Diskussion – vor allem in den sozialen Medien – werden auf den Philippinen immer hässlicher. Ganz deutlich wurde das während des Präsidenten-Wahlkampfs. Bevor ich die Philippinen verließ, bekam ich zahlreiche Privatnachrichten von anonymen Accounts. Die Menschen warfen mir vor, als Journalistin von der Vorgänger-Regierung oder der Opposition bezahlt worden zu sein, um unseren neuen Präsidenten Rodrigo Duterte mit Dreck zu bewerfen. 

Kommentare wie „Du bist hirnlos“ oder „Ich hoffe, dass Du vergewaltigt wirst“ schmerzen, aber ich habe gelernt, sie zu ignorieren und mache weiter meinen Job. Als ich eine Geschichte veröffentlicht, in der ich beschrieb, wie Behörden erfolgreich gegen Korruption kämpfen, wurde ich als „Schleimerin“ beschimpft.

Ich kann damit umgehen. Was ich dagegen wirklich hasse, ist die Verbreitung von „Fake News“. Es ist so frustrierend, deprimierend sogar, dass so viele Menschen glauben, diese Nachrichten seien wahr. Egal wie häufig Journalisten diese Fake News widerlegen, es gibt immer noch Menschen, die blind hinterherlaufen und diese Dinge so häufig verbreiten, dass sie bei Facebook manchmal mehr als 10.000 Mal geteilt werden.

Ein Regierungspolitiker veröffentlichte kürzlich ein gefälschtes Foto. Darauf war ein vergewewaltigtes Mädchen in einem Feld zu sehen. Der Politiker behauptete, Journalisten würden diesen schrecklichen Vorfall ignorieren. Mit Hilfe einer umgedrehten Bildersuche kam raus: Das Verbrechen war in Brasilien geschehen, nicht auf den Philippinen. 

Trotzdem glauben viele Leute immer noch lieber diesen Fake News – und misstrauen der Presse. Menschen finden diese Lügen glaubwürdiger als unsere hart recherchierten Stories. Das untergräbt unsere journalistische Autorität als vierte Gewalt untergraben.

Drogenhändler Karton Philippinen Jacque

Gefunden bei einer Leiche: „Ich bin Drogenhändler. Werde nicht wie ich.“

Anjo Bagaoisan, ABS-CBN Reporter

Seit diesem Jahr ist es besonders schlimm. Fanatiker und ihre falschen Nachrichten verbreiten sich wie ein Buschfeuer. Und Journalisten werden zur Zielscheibe.

Die erfahrene Journalistin Inday Espina-Varona wurde von fanatischen Zuschauern schon bedroht. Vor einigen Monaten erlebte sie den Tiefpunkt. Ein Zuschauer drohte, dass er Varona finden würde, um sie zu verspeisen. „Dann wollen wir mal sehen, wo Dich Dein aktivistischer Einsatz hinführen wird.“

Die Aljazeera-Journalistin Jamela Alindogan und die freie Journalistin Gretchen Maladad erhielten ebenfalls Morddrohungen von Bürgern, nachdem sie über den Drogenkrieg berichteten.

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Die nationale Journalisten Gewerkschaft NUJP hat alle Kollegen gebeten, alle Bedrohungen direkt weiterzugeben, damit diese dokumentiert werden und wir Journalisten dagegen vorgehen können.

Diese Probleme mögen manche Journalisten einschüchtern. Aber die Drohungen und Fake News motivieren mich nur noch mehr, mein Land zu verändern, Geschichte für Geschichte.

Das zweitgefährlichste Land der Welt

Die Beschimpfungen in den sozialen Medien werden umso bedrohlicher, je mehr man sich mit der jüngeren Geschichte der Philippinen auseinandersetzt.

Die Philippinen waren in den vergangenen 25 Jahren mit 146 getöteten Kollegen das zweitgefährlichste Land der Welt für Journalisten, berichtet die International Federation of Journalists.

Vor mehr als 40 Jahren, zu Beginn der Marcos-Diktatur, brachte Marcos zuallererst uns Journalisten zum Schweigen. Aktivisten wurden verschleppt, gefoltert und getötet. Mein Arbeitgeber ABS-CBN wurde damals zwangsweise geschlossen.

Vor sieben Jahren wurden im Süden der Philippinen 58 Menschen grausam umgebracht. 32 von ihnen waren Journalisten. Die Journalisten fuhren in einem Konvoi zur regionalen Hauptstadt, um über den Start des lokalen Wahlkampfs zu berichten. Der Konvoi wurde attackiert. Als wenig später andere Menschen, darunter Journalisten, an der Stelle ankamen, trafen sie nur noch auf von Kugeln durchlöcherte Körper, die rund um die Autos verteilt lagen. Weitere Körper wurden in ein Massengrab geworfen. Die Behörden vergruben die Körper angeblich mit einem Bagger.

Foto Todeskarte Philippinen Jacque

Gefunden bei einem der Mörder: Ein kleines Papier und ein Foto. Vermutlich die Wegbeschreibung zu einem der Mordopfer.

Anjo Bagaoisan, ABS-CBN Reporter

Bis heute gibt es für diese Opfer keine Gerechtigkeit.

Jetzt regiert Rodrigo Duterte – und provoziert Hass gegen Journalisten. In einer seiner ersten Pressekonferenz sagte Duterte: „Nur weil Du ein Journalist bist, bist Du nicht davor geschützt, erschossen zu werden – wenn Du ein Hurensohn bist.“ Er fügte hinzu, dass viele der getöteten Journalisten bestechlich oder korrupt gewesen seien und „etwas falsch gemacht“ hätten. 

Manchmal sind die Reden des Präsidenten sehr schwer zu verstehen. Er sagt eine Sache, aber meint etwas anderes. Am nächsten Tag müssen seine Pressesprecher die Aussagen dann aufklären. Und wem wirft die Öffentlichkeit die Fehlinformationen vor? Der Presse.

Die Journalistenorganisation NUJP schrieb in einem Statement: „Als Journalisten ist es unsere Pflicht, Geschehnisse so wahrheitsgetreu wie möglich zu berichten. Wer uns für die Worte und Taten derjenigen verantwortlich macht, über die wir berichten, der fordert uns auf, unsere Pflichten zu verletzen und zu schweigen. Dies können und werden wir niemals tun.“

Muss ich neutral sein?

Als Teil der Massenmedien spüre ich sehr viel Druck. Die Zuschauer erwarten von Dir, dass Du neutral bist. Einige verachten Dich dafür, wenn Du in den sozialen Medien Deine Meinung offen äußerst. Ich aber glaube, dass Journalisten in solchen verzweifelten Zeiten aufstehen und offen einstehen müssen für ihre Meinung. Wir müssen fair sein, aber nicht blind. 

Ich glaube auch, dass Journalisten sich im Netz nicht mit jedem Troll streiten sollten. Es ergibt keinen Sinn, genauso kleinkariert und gemein zu sein. Wir sollten einfach blocken, falls das nötig wird.

Wenn ich wieder auf die Philippinen zurückkehre, möchte ich mich weiterhin offen und oft äußern. Und weiter meiner Leidenschaft nachgehen: Im Fernsehen Geschichten erzählen. Das, so glaube ich, ist meine einzige Möglichkeit, „to be of service to Filipinos“ – das Motto meines Arbeitgebers.

Noch immer frei und sicher

Mit dem Aufstieg der Trolle hat sich die Sicht auf den Journalismus verändert. Einige meiner Freunde, die nicht als Journalisten arbeiten, fragen mich: „Es muss hart sein, heutzutage als Journalist zu arbeiten – all diese Drohungen. Warum bist Du Journalistin geworden?“

Es ist verlockend, in Europa zu bleiben und all dem zu entfliehen, was zu Hause derzeit passiert. Die Bezeichnung „Erste Welt Land“ impliziert, dass Länder wie Deutschland zwei Schritte weiter sind als wir. In Wahrheit sind wir so viel weiter zurück. Ich gebe zu, dass ich die Pressefreiheit manchmal nicht mehr fühlen kann. Weil ich Angst davor habe, bedroht zu werden. Online und Offline.

Ich rede mit Journalisten, die die Diktatur von Ferdinand Marcos überlebt haben. Ihre Geschichten motivieren mich, wieder nach Hause zu gehen und die Journalistin zu sein, die ich sein möchte.

Ein Gespräch mit der bekannten Journalistin Inday Espina-Varona hat mich hart getroffen. 

„Immer wieder haben wir Journalisten auf den Philippinen große Risiken und handfeste Drohungen aushalten müssen. Als Marcos während seiner Diktatur das Kriegsrecht verhängte, war ich eine junge Journalistin. Ich weiß, wie es sich anfühlt, Angst zu haben – und wie man trotzdem weitermacht. Ich fühle mich frei, aber nur weil ich mir selbst befehle, frei zu sein. Ich weiß sehr gut, dass eine Zeit kommen wird, in der diese Freiheit von allen Seiten bedroht sein wird. Ich werde wieder kämpfen, wie wir es unter Marcos Diktatur taten. Auch wenn das bedeutet, in den Untergrund zu gehen. Das Wichtigste ist, niemals zu schweigen.“

Das ist die Realität, der ich mich stellen muss, wenn ich zurückkehre. Ich komme heim, liebe Philippinen.


Jacque Manabat arbeitet im Rahmen eines Fellowships der Konrad Adenauer Stiftung für correctiv.org. Dies ist ein persönlicher Beitrag von Jacque und gibt nicht die Sicht ihres Arbeitgebers ABS-CBN Corporation oder dessen Nachrichtenabteilung wieder. Ihr könnt ihr auf Twitter folgen. Die Fotos haben wir von Anjo Bagaoisan zur Verfügung gestellt bekommen, Reporter bei ABS-CBN. Hier findet Ihr mehr Beiträge.