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CORRECTIV bleibt auch nach der ersten Veröffentlichung einer Geschichte am Thema dran. Wir recherchieren weiter, wir aktualisieren und veröffentlichen Einzel- oder Folgeartikel. Diese finden Sie hier.

© Ted Aljibe / AFP

Steigende Meere

Philippinen: Allein gelassen

Die Philippinen gehören zu den Ländern, die am stärksten unter dem steigenden Meeresspiegel leiden werden. Und auch die Philippinen bleiben, wie so viele andere Länder, auf den Kosten sitzen. Von den Industrienationen, den Verursachern des Klimawandels, kommt keine Hilfe.

von Jacque Manabat

In der Hauptstadt Manila ist der Meeresspiegel, relativ zur Küste, in den vergangenen Jahrzehnten um 80 Zentimeter gestiegen, im zentralen Legaspi sind es 30 Zentimeter und in der südlichen Davao-Bucht sind es immerhin noch 24 Zentimeter.

Es trifft fast die gesamte Bevölkerung. Denn die Filipinos wohnen am Wasser: Das Land besteht aus 7.000 Inseln und 36.000 Kilometern Küste. Die Inseln sind flach, die Buchten ragen weit ins Land. Das macht sie anfälliger für steigende Meeresspiegel. „Hinzu kommen die tropischen Wirbelstürme. Wenn wir nicht schnell schützende Maßnahmen ergreifen, ist unsere Landwirtschaft und damit unsere Ernährung gefährdet“, sagt die philippinische Klimaexpertin Analiza Solis.

Laut einer Studie der Asian Development Bank von 2012 gehören die Philippinen zu den fünf am meisten vom Klimawandel bedrohten Ländern. Am stärksten betroffen werden die Bewohner der Küsten im Osten sein: Dort drückt der Wind zusätzlich Wasser in ihre Buchten.

Der fünfte Weltklimabericht des UNO-Rates IPCC prognostiziert: Der Anstieg der Meere wird sich beschleunigen. Das wird verheerende Folgen für die Philippinen haben: Höhere Wasserpegel in den Buchten bedeuten, dass Taifune noch mehr Schaden anrichten können. Rund 20 tropische Stürme ziehen pro Jahr über das Land.

Nach einer Studie der Umweltschutzorganisation WWF werden mehr als 13 Millionen Filipinos aus den Küstengebieten umgesiedelt werden müssen. Schon jetzt erreicht das Hochwasser Gebiete, die nie zuvor überschwemmt wurden. Betroffen sind vor allem ärmere Filipinos, die häufig in zusammengezimmerten Behausungen leben, die schon bei leichteren Stürmen einstürzen können.

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Dies hat einmal mehr der Taifun Haiyan bewiesen, der im Jahr 2013 wütete und zu einem der stärksten jemals gemessenen Stürmen zählt. Er spülte erntefertigen Reis davon. Boote und Fischereianlagen wurden zerstört. Viele Menschen hatten keinen Zugang mehr zu Nahrungsmitteln. Schätzungsweise 6 Millionen Menschen in der Visayas Region wurden von Haiyan vertrieben.

Auch die Tierwelt ist von den großen klimatischen Veränderungen betroffen. Das Tubbataha Riff auf der Insel Palawan ist ein wertvolles Habitat für Seevögel. Die Insel verschwindet langsam. Sie ist von 1,5 Hektar auf 1,1 Hektar geschrumpft, seitdem sie 2004 erstmals vermessen wurde.

Der Weltklimarat der Vereinten Nationen geht davon aus, dass der Anstieg des Meeresspiegels das Wachstum von Pflanzen stören kann, dass Getreidefelder überschwemmt werden, dass sich durch stehendes Wasser vemehrt Krankheiten wie Dengue-Fieber ausbreiten könnten. Aber bis heute haben die Philippinen noch keine Antwort auf die Bedrohungen für Mensch und Tier. Sie haben keine Ressourcen, um diese Gefahren abzuwenden. Und die internationale Gemeinschaft tut wenig, um den ersten Opfern des Klimawandels zu helfen.

„Wir haben von den reichen Ländern kein Geld gesehen, um uns zu helfen, uns anzupassen. So können wir nicht weitermachen. Das ist kein Leben, wenn wir am Ende immer vor Stürmen davonlaufen müssen“, sagt Naderev Saño, der die Philippinen auf den internationalen UNO-Konferenzen zum Klimawandel vertritt. Jeder zerstörerische Tropensturm koste sein Land zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes, weitere zwei Prozent müssten in den Wiederaufbau gesteckt werden.

Für ein Entwicklungsland wie die Philippinen mit fast 100 Millionen Bürgern, verteilt über tausende von Inseln, ist es eine unlösbare Herausforderung, die Betroffenen umzusiedeln. Bei Stürmen verwandeln sich schon jetzt öffentliche Schulen in Evakuierungszentren und beherbergen hunderte vertriebene Familien. Wenn das Hochwasser nachlässt, gehen die Bewohner an die Küsten zurück, um ihre Existenz neu zu starten. Sie sagen, sie müssten Nahrung finden — und hätten keine andere Wahl.

Jacque Manabat ist philippinische Journalistin und war Fellow der Konrad-Adenauer-Stiftung in der Berliner Redaktion von correctiv.

In Manila erheben sich Hochhäuser aus den Slums - und steigt beständig das Wasser.

In Manila erheben sich Hochhäuser aus den Slums - und steigt beständig das Wasser.© unsplash.com / Charles Deluvio

Steigende Meere

Manila: Trauriger Spitzenreiter

In Manila ist das Meer in den vergangenen 50 Jahren um mehr als 80 Zentimeter gestiegen. Mehr als an jedem anderen Messpunkt weltweit. Laut einer Studie der Universität Manila könnte die Millionenstadt in 20 Jahren permanent unter Wasser stehen.

von Jacque Manabat

Damit ist eines der bevölkerungsreichsten Wirtschaftszentren der Welt akut vom Klimawandel bedroht. Im Jahr 2015 lebten rund 13 Millionen Menschen im Großraum Manila. „Da das Land rund um die Manila-Bucht sinkt, werden auch die umliegenden Provinzen von Überschwemmungen betroffen sein“, sagt der Asienexperte Greg Bankoff von der Universität Hull in England.

Bis in die frühen 1960er Jahre zeigte der Meeresspiegel bei Manila keinen signifikanten Anstieg. Doch ab da kletterte der Pegel kontinuierlich. Und zwar fünf Mal schneller als im Rest der Welt. Bis zum Jahr 2050 könnte das Meer — relativ zum Land — noch einmal um rund einen halben Meter ansteigen.

Schon heute bedrohen gewaltige Tropenstürme die Stadt. Etwa der Taifun „Ketsana“ im September 2009. Er ließ an einzelnen Stellen das Wasser um bis zu sieben Meter steigen. Über 80 Prozent der Stadt standen unter Wasser, die provisorischen Häuser von rund 300.000 Einwohnern waren zerstört.

Ein Junge stakst durch einen überschwemmten Slum.

Ein Junge stakst durch einen überschwemmten Slum.

Mike Clarke / AFP

Der Anstieg des Meeresspiegels begann in den 1960er Jahren, zeitgleich mit der Industrialisierung der Philippinen. Viele Infrastrukturmaßnahmen wurden in Angriff genommen. Die Immobilienpreise stiegen rasant, der Platz wurde knapp. Häuser und Bürogebäude wurden in überschwemmungsgefährdeten Gebieten errichtet. Sie sind heute besonders anfällig für den steigenden Meerespegel.

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Zugleich senkt sichder Boden immer weiter ab. Das beschreibt eine von der Weltbank veröffentlichte Studie. In der Studie warnen die Wissenschaftler, dass eine Jahrhundertflut in den nächsten Jahren mehr als 2,5 Millionen Menschen treffen und obdachlos machen könnte.

Sollte die Regierung die Küsten nicht besser schützen, könnte das Waten durch hüfthohe Überschwemmungen während der Regenzeit in Manila bald alltäglich werden.

Jacque Manabat ist philippinische Journalistin und war Fellow der Konrad-Adenauer-Stiftung in der Berliner Redaktion von correctiv.

© Noel Celis / AFP

Steigende Meere

Ein Dorf am Rand der Welt verschwindet

Unsere Datenrecherche belegt: Auf den Philippinen steigt der Meeresspiegel - relativ zum Land - stärker als in jeder anderen Region der Erde. Das bedeutet: Die häufigen Taifune richten noch mehr Schaden an. Und bedrohen Menschen wie Pepe und Soledad Cabasag.

von Jacque Manabat

In der Ruhe vor dem Sturm nagelte der Fischer Pepe Cabasag Bretter auf sein altes Haus aus Holz und Aluminium. Er wollte sich vor dem nahenden Taifun schützen. Stunden später traf er ein – und überfiel das Dorf Caroan mit peitschenden Böen. In der Provinz Cagayan im Norden der Philippinen.

Cabasag ist taub und sehbehindert. Er konnte weder hören noch genau sehen, wie der monströse Sturm das Dorf verwüstete. Aber er konnte spüren, wie stark der Wind war, als er ihn aus dem Gleichgewicht warf. Seine Frau Soledad zerrte ihn ins Haus. Die beiden bekreuzigten sich und verkrochen sich in ihrem Bett. Und beteten, dass der Taifun ihr kleines Haus nicht wegspülen möge. Sie beteten die ganze Nacht. Stundenlang wütete der Taifun. Zerschlugen die heulenden Böen und der Platzregen das malerische Dorf. Längst hielt ihr Dach nicht mehr; Wasserfälle stürzen von der Decke.

Am Morgen flauten die Winde ab. Sie krochen hervor aus den Resten ihrer Hütte, sammelten ein, was sie davon noch finden konnten, und machten sich daran, sie zu reparieren.

Drei Taifune treffen jedes Jahr auf ihre Gemeinde, im Schnitt. „Sa awa ng Diyos, andito pa kami!“, sagt Soledad, wegen der Gnade Gottes haben wir überlebt. Das Paar gehört zu den Fischern in der Gegend von Gonzaga Cagayan, im Nordosten von Luzon, der Hauptinsel der Philippinen. Pepe fängt Austern, um sie auf dem lokalen Markt zu verkaufen. Das Meer ernährt sie. Es versorgt sie mit Fischen, Krabben und Garnelen. Doch dann wird es zum Feind.

Der Großteil der 40 Kilometer langen Küstenlinie der Gemeinde liegt an der Babuyan-Meerenge im Norden. Die Natur ist paradiesisch. Es gibt 139 Hektar Strand, 69 Hektar Mangrovenwälder und 348 Hektar Korallenriffe.

Die Provinz Cagayan ist eine der am häufigsten von Monsunregen und Stürmen betroffenen Regionen des Landes. Laut dem philippinischen geologischen Institut sind ihre Küstenbewohner ständig von Überschwemmungen, Erosionen und Erdrutschen bedroht. Manchmal folgt ein Taifun auf den nächsten. Im Sommer 2015 wurde der Norden der Philippinen, einschließlich der Provinz Cagayan, von drei Taifunen getroffen. Sie brachten Zerstörung und Überschwemmungen.

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Jedes Mal von neuem beginnen die Einwohner dann ihre Sisyphos-Arbeit: Nach jedem Sturm müssen sie die beschädigten Häuser reparieren. Weil sie nicht auf anderes Land ausweichen können, bauen sie sie direkt dort wieder auf, wo der Sturm ihr Haus umgerissen hat. Zumindest, wenn das Land noch da ist: Bis heute hat das Meerwasser über zehn Hektar Land verschlungen.Von den 100 Betonhäusern, Nipa-Hütten und kleinen Gebäuden, die noch vor zehn Jahren im Küstenbereich gestanden haben, ist keine Spur mehr zu sehen. Sie sind im steigenden Wasser versunken.

Eines dieser verlorenen Gebäude ist die Brgy Caroan Grundschule, in der die Lehrerin Roselyn Campano einst Schülerin war. Sie erinnert sich, dass ihre Schule mehr als einen Kilometer von der Küste entfernt lag. Heute ist das Haus im Wasser verschwunden. „Das Meer hat es ausradiert“, sagt Campano. Sie leitet jetzt eine andere Grundschule und fürchtet um die Jugend in ihrem Dorf.

Campano macht Fotos nach jedem Sturm, der die Wohngebiete trifft. Sie hat beobachtet, wie das Meer jedes Jahr durchschnittlich fünf Häuser fortspült. „Mein Lieblingsmotiv ist der Sonnenuntergang. Ich habe Tränen in den Augen wenn ich daran denke, dass unser Dorf bald vielleicht für immer von der Landkarte ausradiert wird“, sagt Campano.

Gonzagas Bürgermeisterin Marilyn Pentecostes sagt: „Wir hoffen darauf, dass der Kongress und die Regierung unsere Bevölkerung schützen hilft, etwa mit einem Damm.“ Bislang aber bleibt die Hilfe aus. Zum steigenden Meeresspiegel kommt eine zweite, menschengemachte Bedrohung. Eine Studie amerikanischer Wissenschaftler prognostiziert, dass Gebiete im Norden der Philippinen, in denen Magnetit oder Schwarzsand abgebaut wird, kontinuierlich sinken und innerhalb von 30 bis 70 Jahren unter Wasser stehen könnten.

Steigendes Meer, sinkendes Land: Die Bewohner von Cagayan sind doppelt gefährdet.

Jacque Manabat ist philippinische Journalistin und war Fellow der Konrad-Adenauer-Stiftung in der Redaktion von correctiv.

St. Petersburg: Balanceakt vor historischer Kulisse

St. Petersburg: Balanceakt vor historischer Kulisse© Sergei Kulikov / Interpress / AFP

Steigende Meere

St. Petersburg: Auf der Suche nach dem Masterplan

Einst trotzte man das „Venedig des Nordens“ einem Sumpfgebiet ab. Entsprechend verletztlich ist St. Petersburg, wenn nun die Pegel steigen. Einen Masterplan wie in Rotterdam gibt es aber noch lange nicht.

von Marcus Bensmann

In den 1970er Jahren galt es als fortschrittlich, in einen der Plattbauten von Vasilij zu ziehen, einer Insel im Newa-Delta, dem modernsten Stadtbezirk im damaligen Leningrad. Die Sowjetbürger entflohen der Enge der Altbauten im historischen Stadtkern, manche Balkone der Plattenbauten auf der Vasilij-Insel hatten Meerblick. Bis heute wohnen mehr als 200.000 Menschen in direkter Küstennähe. Sie alle werden betroffen sein vom Anstieg des Meeresspiegels.

Im 18. Jahrhundert rang der Zar Peter der Große die Stadt buchstäblich dem Wasser ab. Nur wenige Meter über dem Meeresspiegel ließ er im Sumpfgelände der Newa-Mündung die damalige russische Hauptstadt bauen. Um die Gebäude zu gründen, wurden Holzpfähle in den morastigen Grund getrieben. Wegen der vielen Kanäle gilt die Stadt als das russische Venedig. Über fünf Millionen Menschen leben heute auf den 42 Inseln, St. Petersburg ist eines der wirtschaftlichen Zentren Russlands. Raffinerien, Rüstungsbetriebe und Werkzeugfabriken befinden sich in Küstennähe, der Hafen ist der wichtigste in Russland.

Seit jeher hat die Stadt mit Überschwemmungen zu kämpfen. Über 300 Mal wurde St. Petersburg in seiner 300-jährigen Geschichte von Fluten heimgesucht. Noch zu Sowjetzeiten in den 1970iger Jahren begann die Planung eines Sturmwehrs, das den finnischen Meerbusen von der Stadt abtrennt. Also lange bevor Klimawandel und der dadurch resultierende Anstieg des Meeresspiegels zum Thema wurden.

Der 25 Kilometer lange Sankt Petersburger Damm über die Insel Kotlin wurde 2011 fertig gestellt, durch zwei Tore können die Schiffe ihn passieren. Der Bau des Dammes hat über drei Milliarden Euro gekostet. Seit der Inbetriebnahme habe der Damm die Stadt vor über einem Dutzend Überschwemmungen geschützt, heißt es stolz in einem Werbefilm zu seinem fünfjährigen Bestehen.

Aber nun steht die Stadt vor einer weiteren Herausforderung: den Anstieg des Meeresspiegels in Folge des Klimawandels.

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Der Klimawandel  und seine Auswirkungen sind in Russland vor allem für Wissenschaftler ein Thema. Unter ihnen gilt Walerij Malinin von der Russischen Akademie für Naturwissenschaften als einer der führenden Experten. Russland, sagt Malinin, grenze an fünf Meere, an allen Küsten werde der Anstieg des Meeresspiegels gemessen, „aber die Stadt, die am meisten von den Folgen des Klimawandels betroffen wäre, ist St. Petersburg.“ Denn, so der Forscher: „Wenig trennt die Stadt vom Meer.“ Und das Meer rückt näher. In einer Studie beschreibt der Professor, dass jedes Jahr bis zu drei Meter Strand in Stadtnähe von St.Petersburg verloren gehen.

Neben dem Dammbau gibt es viel zu tun. Nach Überzeugung des Professors benötigt die Stadt ein Gesamtkonzept.

Ginge es nach ihm, hätte die Stadtverwaltung von St. Petersburg längst dem Beispiel Rotterdams folgen müssen. Seit 2008 arbeitet man in der niederländischen Hafenstadt daran, sich gegen den Anstieg des Meeresspiegels zu wappnen. Rotterdam ist mit seinen 1,3 Millionen Menschen wesentlich kleiner als Moskau. „Aber Rotterdam hat die Zeichen der Zeit erkannt“, sagt Malinin. Je eher man mit den Vorbereitungen beginne, desto besser.

Erst langsam kommen die politisch Verantwortlichen in St. Petersburg in die Gänge. Nach vielen Aufsätzen und Konferenzen zum Thema hat sich die Stadtverwaltung entschlossen, ebenfalls einen Masterplan zu erarbeiten, um Bevölkerung und Industrie auf den Anstieg des Meeresspiegels vorzubereiten. Doch noch ist nichts konkret.

Noch etwa fügt der russische Professor hinzu: Selbst wenn es gelänge, die Erderwärmung in absehbarer Zukunft zu drosseln, die Meere würden sich weiter ausdehnen. Weil es Jahrzehnte dauere, bis eine Klimaänderung ankomme in den Tiefen des Ozeans.

Auch in Island schmelzen die Gletscher.© unsplash.com / Alexander Marinescu

Steigende Meere

Sinkende Pegel

Man kennt die nacheiszeitliche Landhebung aus Skandinavien. Neu ist, dass dieses Phänomen in Island auftritt. Und sich dort beschleunigt. Weil auch dort die Gletscher kleiner werden.

von Jòn Bjarki Magnússon

Zum Teil sinken die Meerespegel in der nördlichen Hemisphäre mit erstaunlicher Geschwindigkeit: In einzelnen Gegenden Alaskas und Kanadas fällt der Meeresspiegel um bis zu zwei Zentimeter pro Jahr. An den Küsten Norwegens, Schweden und Finnlands sind es bis zu 0,7 Zentimeter pro Jahr. Wobei der Meeresspiegel nur scheinbar. Tatsächlich steigt es. Nur hebt sich das Land eben schneller. Weil die Gletscher schmelzen und damit das immense Gewicht ihrer Eismassen wegfällt.

In Skandinavien ist das Phänomen seit langem bekannt. In Island ist es neu. Ein internationales Team aus Wissenschaftlern veröffentlichte 2015 eine Studie, die zeigt, dass sich Teile des zentralen isländischen Hochlandes um mehr als drei Zentimeter pro Jahr heben. Aktuelle Messungen der nationalen Landvermessungsbehörde zeigen eine Hebung um anderthalb Zentimeter in bestimmten Küstengebieten.

Der Grund: Die Gletscher, die einst rund elf Prozent von Islands Landmasse bedeckten, sind in den vergangenen Jahrzehnten stark geschrumpft. Die Prognose lautet, dass sie in rund 200 Jahren komplett verschwunden sind. Viele Länder werden durch den Klimawandel und den Anstieg der Meere schrumpfen. Nicht so Island.

„Island wird zunächst wachsen“, sagt Páll Einarsson, Professor am Institut für Geowissenschaften an der Universität Island. Einarsson war einer der ersten, der das Phänomen in den frühen 1990er Jahren erforschte. „Wir waren verblüfft, als wir mit den Messungen begannen. Inzwischen findet die Landhebung mit einer viel schnelleren Rate statt als wir gedacht haben.“

In Skandinavien steigt das Land seit langem an; man nennt es die „fennoskandische Landhebung“. Bereits im Jahr 1491 beklagten sich die Bewohner einer Siedlung namens Östhammar, dass sich die Küste so weit von der Stadt zurückgezogen habe, dass der alte Hafen unbrauchbar geworden sei. Die Menschen hatten damals keine Erklärung dafür. Sie vermuteten, das Meer würde abfließen, der Meeresspiegel sinken. Im Lauf der Jahrhunderte fielen etliche weitere Häfen trocken, mussten neue angelegt werden.

„Bei der letzten Eiszeit bedeckte ein einziger riesiger Gletscher das heutige Skandinavien“, erläutert Sven Knutsson, Professor für Bodenmechanik an der Technischen Universität Luleå in Schweden, das Phänomen. In seinem Zentrum war der Gletscher rund 3.000 Meter dick, sein immenses Gewicht presste den Boden nach unten. Als sich das Eis vor rund 10.000 Jahren zurückzog, begann sich der Boden zu heben. Dieser nacheiszeitliche Auftrieb dauert bis heute an – um bis zu neun Millimeter pro Jahr.

Professor Knutsson betont, wie viel das ausmache – bei einer Küste, vor der das Wasser nicht sehr tief ist. „Das bedeutet, dass wir Laufe eines Menschenlebens von einem Landanstieg von einem halben Meter bis zu einem Meter sprechen.“

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Aber es gibt Ausnahmen, die auf den ersten Blick schwer verständlich erscheinen. Einige Stationen an der norwegischen und schwedischen Küste zeigen einen Anstieg des Meeresspiegels um bis zu einem Millimeter pro Jahr. Die Erklärung: Diese Bereiche sind am weitesten entfernt vom alten fennoskandischen Gletscher. Das Land steigt hier nur 1 bis 2 Millimeter pro Jahr, der Meeresspiegel weltweit pro Jahr rund 3 Millimeter – netto steigt also leicht das Meer.

Reykjavík ist eine weitere Ausnahme. Hier ist der Meeresspiegel zwischen 1961 und 2011 um rund 2,1 Millimeter pro Jahr gestiegen. Die Erklärung: Während einzelne Teile Islands sich um bis zu drei Zentimeter pro Jahr erheben, sinkt das Land unter der Hauptstadt aufgrund tektonischer Bewegung ab. Seit dem Start von GPS-Messungen im Jahr 2007 sank das Land um Reykjavík um rund zwei Millimeter pro Jahr.

Reykjavik

Reykjavik

unsplash.com / Tim Trad

Wenn der Meeresspiegel weltweit um rund 3 Millimeter pro Jahr ansteigt, und Reykjavík um rund zwei Millimeter pro Jahr sinkt – müsste der Meeresspiegel eigentlich um 5 Millimeter pro Jahr steigen. Es sind aber nur 2,1 Millimeter. Warum?

Die Erklärung liefert Stefan Rahmstorf vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung: Die Eiskappe am Nordpol schmilzt durch den Klimawandel und wird kleiner. Damit sinkt auch ihre Gravitationskraft. Das Wasser zieht sich – graduell – vom Nordpol zurück, weshalb Länder wie Grönland, Island, sogar Schottland und Alaska einen Rückgang des Meeresspiegels an ihren Küsten erleben.

Vorerst. Mittelfristig, wenn die Pegel weltweit weiter steigen, wird sich dieser Effekt abschwächen – und werden auch die nördlichen Länder einen Anstieg des Meeresspiegels erleben.

Jòn Bjarki Magnússon ist Isländer und war Stipendiat der Internationalen Journalisten Programme (IJP) bei correctiv.

Die Küste in Großbritannien bei Swanage: Der Inselstaat lässt inzwischen einige Küsten überschwemmen© unsplash.com / Will Broomfield

Steigende Meere

Europa kann nicht alle Menschen vor dem Meer schützen

Insgesamt ist Europa besser für den Meeresspiegelanstieg gewappnet als die meisten anderen Weltregionen. Dennoch steigt auch an unseren Küsten der Meeresspiegel: in Nizza um 18 Zentimenter, in Kopenhagen um 9 Zentimeter seit 1986. Im britischen Medmerry hat erstmal eine Kommune aufgehört, Deiche zu verstärken – und Land dem Meer zurückgegeben. Experten sagen: ein Schicksal, das künftig vielen Küsten bevorsteht.

von Annika Joeres

Gerade an den Binnenmeeren wird Europa Land verlieren. „Das sind Regionen, die am wenigsten auf einen schwankenden Meeresspiegel ausgerichtet sind“, sagt Hans-Martin Füssel, Leiter der Klimaprojekte bei der Europäischen Umweltagentur (EEA). Sein Institut sitzt in Kopenhagen. In der Ostsee gibt es bisher kaum Hochwasser. „Kürzlich aßen wir mit Kollegen am Hafen von Kopenhagen und die Dänen sagten: Wo sollen wir denn hier noch einen Deich bauen“, sagt Füssel. Aktuell steht der Pegel vor der Hauptstadt rund zehn Zentimeter höher als vor 30 Jahren.

Städte am Mittelmeer, wie das französische Nizza oder das griechische Levkas, verzeichnen sogar schon rund 20 bis 30 Zentimeter gestiegene Pegel. Mit dem Klimawandel wird das Meer in Zukunft noch schneller ansteigen. Nach Daten des Weltklimarates IPCC zwischen 20 und 80 Zentimetern bis zum Jahr 2100 – die Prognosen variieren stark.

Die Folge wird sein: Gerade Menschen in dünn besiedelten und weniger geschützten Gegenden Europas müssen langfristig umgesiedelt werden. So wie in Medmerry, südwestlich von London, das seine ständig zerstörten Deiche aufgegeben und stattdessen dem Meerwasser inlandig 500 Hektar zum Überschwemmen überlassen hat. Die Umweltbehörde der wenig bewohnten Gegend hat sich entschieden, lieber dem Druck des Meeres nachzugeben und eine neue Überflutungszone zu schaffen, als Geld in höhere Deiche zu investieren. Es ist die bisher größte Küstenöffnung Europas.

Insgesamt beobachtet die EEA auf ihren europäischen Karten, dass urbane Gegenden besser geschützt sind als ländliche. Das ist nur verständlich. „Welche Regierung möchte schon Hamburg oder London aufgeben?“, sagt EEA-Experte Füssel.

Die Menschen an der Nordsee sind starken Tidenhub gewohnt, sie kennen Springfluten und Stürme und haben vorgesorgt. „Insgesamt ist Europa besser für den Meeresspiegelanstieg gewappnet als die meisten anderen Weltregionen“, sagt Füssel. Dort, wo das Meer seine Kräfte ausgespielt hat, wurden massiv Deiche gebaut, wie 1953 nach der verheerenden Sturmflut an der Nordseeküste.

Es gibt die europäische Umweltagentur, jedes Land hat eigene Hochwasserschutzpläne, es gibt Küsteninstitute und Länder wie die Niederlande, die seit jeher gegen drohende Überschwemmungen Deiche bauen und Sand vorspülen. Aber Klimaforscher sind sich einig: All dies ist zu wenig, um die 200 Millionen Menschen zu schützen, die laut Eurostat in Küstennähe leben.

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Das britische Forschungsinstitut CSIR hat Messgeräte an 180 europäischen Häfen aufgestellt, so viele gibt es auf keinem anderen Kontinent. CORRECTIV hat die Daten ausgewertet. Das Fazit: An den meisten Messpunkten steigt der Meeresspiegel. In Skandinavien sinkt er, weil sich dort die Landmassen seit der letzten Eiszeit heben.

Wobei: Das Meer steigt unterschiedlich stark an, selbst in Städten, die nah beieinander liegen. In der südspanischen Stadt Tarifa st das Meer heute 30 Zentimeter höher als vor 30 Jahren, im 150 Kilometer landaufwärts gelegenen Malaga sind es nur sechs Zentimeter.

In Brest in der Bretagne ist der Pegel um 16 Zentimeter gestiegen, im benachbarten Roscoff nur um rund 10 Zentimeter. Dies bedeutet: Lokale Winde und Wasserströmungen können die Meereshöhe an der Küste direkt beeinflussen.

Während im norddänischen Hanstholm der Pegel seit 1985 um sechs Zentimeter stieg, nahm er im direkt gegenüberliegenden westschwedischen Smögen um 18 Zentimeter ab. An den skandinavischen Küsten steigt die Landmasse schneller als das Meer. Manche Häfen liegen buchstäblich auf dem Trockenen. In der westfinnischen Stadt Vaasa hat das Land nach unseren Daten um fast zehn Zentimeter zugenommen, in der nordnorwegischen Stadt Bodø sogar um 25 Zentimeter. Die Erklärung: „Die nordeuropäischen Länder erleben seit der letzten Eiszeit eine Landhebung: Die früher von kilometerdicken Eispanzern zusammengepresste Erdkruste dehnt sich nach deren Schmelzen auch heute noch aus“, sagt EEA-Experte Füssel.

Die allermeisten Küstenbewohner in Europa werden sich auf steigende Meeresspiegel einstellen müssen. Um die Küsten zu schützen, können Deiche und Wehre das Wasser und die Wellen bremsen, Sand kann aus tieferen Ebenen an den Strand gebaggert werden, um eine Erosion bei Hochwasser zu verhindern. In Deutschland beispielsweise werden die Deiche in den nächsten Jahrzehnten um 70 Zentimeter erhöht.              

Aber nicht alle Küsten und auch nicht alle Bewohner können in Sicherheit gebracht werden. So wie in Medmerry. „Niemand stellt heute mehr infrage, dass sich der Meeresspiegel ändert“, sagt Detlef Stammer, Direktor des Instituts für Erdsystemforschung an der Hamburger Universität. Aber wie es in Ländern wie Deutschland, Frankreich oder Portugal konkret weitergehen werde, sei dennoch unsicher. Das Klima sei zu chaotisch. „Wir müssen akzeptieren, dass eine relative Unsicherheit bestehen bleiben wird“, sagt Stemmer.

Wassermassen sind träger als Luft. Selbst wenn die Menschheit von heute auf morgen keine klimaschädlichen Gase mehr ausstoßen würde, stiege das Wasser noch jahrhundertelang an. Deswegen kann heute niemand sagen, wie die Küsten langfristig aussehen werden – auch nicht im so minutiös vorausplanenden Europa.

Immer mehr Binnenseen in Schweden verlanden© unsplash.com / Josefin Brosche Hagsgård

Steigende Meere

Wo Häfen trocken fallen

Weltweit steigt aufgrund der Klimaerwärmung der Meeresspiegel. An den Küsten Finnlands und Schwedens sinkt er. Aber nur scheinbar. Tatsächlich hebt sich das Meer auch hier. Allein - das Land ist schneller.

von Jòn Bjarki Magnússon

Bis heute dauert in Skandinavien der nacheiszeitliche Landauftrieb an. Er begann mit dem Abschmelzen der riesigen Eispanzer vor rund 10.000 Jahren. Seither hebt sich das Land. In Finnland und Schweden um bis zu 7 Millimeter pro Jahr. Inseln, die bislang getrennt waren, sind nun verbunden. Und „die Verhältnisse für den Schiffsverkehr werden zunehmend komplizierter“, sagt Sven Knutsson, Professor für Bodenmechanik an der Technischen Universität Luleå in Schweden. Die Stadt liegt am nördlichen Zipfel der Ostsee.

Luleås Hafen ist bedeutsam. Vom leichten Zugang zur Ostsee profitiert unter anderem die Eisenerzindustrie in der Region.

„Weil sich das Land hebt, sinkt der Pegel im Hafen“, sagt Henrik Vuorinen, Geschäftsführer der Hafenbetriebe in Luleå; inzwischen können ihn größere Schiffe nicht mehr anlaufen. „In den vergangenen 40 Jahren ist das Land hier durch die nacheiszeitliche Hebung um rund anderthalb Meter gestiegen“, sagt er. Diese anderthalb Meter fehlen den Schiffen nun.

Binnenseen verlanden

Darum wird der Hafen von Luleå demnächst vertieft. „Wir planen umfangreiche Baggerarbeiten, um die Fahrrinne zu vertiefen“, sagt Vuorinen. Er hofft, dass die Arbeiten bis 2023 beendet sein werden. Das Projekt „Eisenhafen“ wird rund 1,7 Milliarden schwedische Kronen kosten (178 Millionen Euro) und mit Mitteln der Europäischen Union gefördert.

Nicht nur der immer niedrigere Pegel der Ostsee verwundert die Menschen in der Region, sagt Professor Knutsson. Schweden lieben es, im Sommer in ihren zahllosen Seen zu baden. Wobei die Seen um Luleå zunehmend verlanden. „Wo es früher offene Wasserflächen gab, haben wir nun zunehmend kleinere, sumpfigere Teiche“, sagt Knutsson. „Es wird darüber diskutiert, ob die Stadtverwaltung eingreifen und möglicherweise die Seen vertiefen und frei halten sollte. Aber das wäre nicht nur teuer. Am Ende würde man der Natur ohnehin unterliegen.“

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Finnland wächst

Auch in Finnland ändern sich die Verhältnisse. In Ostrobothnia, in Westfinnland, haben Überschwemmungen zugenommen. Weil sich das Land nicht gleichmäßig hebe, sondern unregelmäßig, was den Lauf der Flüsse ändere, erläutert Martin Vermeer, Professor für Geodäsie in Helsinki. „Die großen Flüsse Finnlands fließen von Osten aus in den Bottnischen Meerbusen. Doch das ändert sich nun, weil das Land im Westen stärker ansteigt“, sagt er.

An den Küsten gewinnt Finnland durch die Landhebung Flächen, pro Jahr rund 700 Hektar, erläutert Vermeer. Neu hinzugekommenes Land geht geht standardmäßig in den Besitz des Staates über, kann dann aber von Anliegern beansprucht werden. Wobei es vorkommt, dass mehrere Nachbarn das gleiche Stück Land beanspruchen. Dann entscheiden die Gerichte.

Vorerst müssen sich die Menschen in Finnland und Schweden keine Gedanken machen über die Auswirkungen des weltweiten Meeresspiegelanstiegs. Mittelfristig aber doch – dann nämlich, wenn die Pegel schneller steigen als sich das Land hebt. 

„Vorerst sind wir sicher“, sagt Professor Vermeer, „aber nicht für immer“.

Jòn Bjarki Magnússon ist Isländer und war Stipendiat der Internationalen Journalisten Programme (IJP) bei correctiv.

Luxusprojekt

Luxusprojekt "Venedig": Showroom im Feuchtgebiet.© Gilda Di Carli

Steigende Meere

Argentinien: Wo Arm und Reich gemeinsam untergehen werden

Das Delta des Rio Paraná, vor den Toren von Buenos Aires, war einst kaum besiedelt. Bis die Immobilienentwickler kamen - und die Inseln im Feuchtgebiet als luxuriöse Wasserlage vermarkteten. Mit desaströsen Folgen.

von Gilda Di Carli

Wenn es regnet, wenn das Wasser steigt im Slum von Garrote, dann wissen die Kinder von Marcela Creciente, was zu tun ist: Hurtig klettern sie aufs Dach ihrer Hütte, wo ihre Mutter Matratzen ausgelegt hat, um ihnen das stundenlange Warten zu erleichtern. Von dort können sie zusehen, wie das Wasser in ihrem Slum allmählich höher steigt, ein bald hüfttiefer, träge dahinfließender, mit Abwässern verunreinigter und mit Müll übersäter Strom, der alles Leben zum Erliegen bringt.

Häufig überschwemmt: Der Slum von Garrote.

Häufig überschwemmt: Der Slum von Garrote.

Gilda Di Carli

Dass keine anderthalb Kilometer entfernt ein Luxusviertel entsteht mit dem protzigen Namen „Venedig“, das mutet Marcela Creciente an solchen Tagen an wie bittere Ironie. Wie bitterer Spott. In ihrem „Venedig“ suchen sie Zuflucht auf den Hütten. Während drüben schicke Boote vor den Eingängen der Luxusapartments liegen werden, um die Wasserstraßen des Viertels zu durchschiffen.

Und nicht nur das: Das Luxus-Venedig nebenan könnte die Überschwemmungen bei ihnen in Garrote verschlimmern. Das jedenfalls behauptet ein Team von Community-Anwälten, die 2014 die Projektinvestoren verklagt haben. „Venedig“ sei nicht nur in weiten Teilen illegal erbaut. Zudem würden all die Aufspülungen, die Flutwände und die künstlichen Seen das Hochwasser in den Nachbargemeinden verschärfen.

CORRECTIV und ein Team der Columbia-Universität haben die Gezeitenmessdaten für die Region Buenos Aires untersucht. Es gibt nur wenige Messpunkte in der Region. Doch die verfügbaren Daten zeigen, dass der Meeresspiegel in den vergangenen 57 Jahren rund 1,7 Millimetern pro Jahr angestiegen ist. Das ist eine Zunahme von 9,5 Zentimetern seit 1961. Laut einer Studie der Universität Buenos Aires ist der Pegel im gesamten 20. Jahrhundert im Rio de la Plata – vor den Toren von Buenos Aires – sogar um 20 Zentimeter gestiegen.

Das Delta

Garrote und „Venedig“ liegen im Westen der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires, im Delta des Rio Paraná. Es ist das einzige Flussdelta der Erde, das nicht direkt ins Meer mündet, sondern in den Río de la Plata – der auf Karten wirkt wie ein Meerbusen, tatsächlich aber als Fluss gilt. Das Delta des Paraná ist rund 14.000 Quadratkilometer groß, mehr als 1000 kleine Inseln liegen darin, die aufgeschwemmt wurden von den Sedimenten, die der Fluss auf seinem Weg abgetragen hat. Der Paraná ist einer der großen Ströme der Welt: Rechnet man den längeren seiner beiden Quell-Zuflüsse hinzu, den 1360 Kilometer langen Rio Grande, ist er fast 4000 Kilometer lang und entwässert ein riesiges Gebiet im Süden Brasiliens.

Schon immer gab es gewaltige Überschwemmungen im Delta. Doch das sumpfige Land, die zahllosen Inseln halfen, die schwankenden Pegel auszugleichen. Und wenn das Wasser stieg, dann bekam das kaum jemand mit – das mückenverseuchte Sumpfland war früher nur spärlich besiedelt.

Das änderte sich vor rund zwei Jahrzehnten, als die Gemeinde El Tigre, die an Buenos Aires angrenzt, in den Fokus von Immobilienentwicklern geriet. Rund 100 in sich abgeschlossene Luxus-Siedlungen oder „Gated Communities“ sind seither in El Tigre gebaut worden – und haben das eben noch entlegene Sumpfgebiet attraktiv auch für sehr wohlhabende Menschen gemacht.

Exklusive Wasserlage im Paraná-Delta.

Exklusive Wasserlage im Paraná-Delta.

Gilda Di Carli

Golfplätze im Feuchtgebiet

Den Beginn machte das Projekt Nordelta, begonnen im Jahr 2000. Binnen 15 Jahren wuchs die Wohnanlage zu einer Kleinstadt an, mit heute rund 30.000 Einwohnern. Dutzende weiterer Siedlungen folgten, mit klingenden Namen wie Marinas Golf, Complejo Villanueva, El Cantón. Gebaut für eine wohlhabende Klientel, die die Anlagen häufig nur an Wochenenden oder in den Ferien nutzt.

Über 9.000 Hektar Feuchtgebiete wurden für Immobilienprojekte freigegeben, sagt Patricia Pintos, Geographin an der Universität von La Plata in Buenos Aires. Gemeinsam mit anderen Forschern hat sie einen Report über die Immobilienprojekte verfasst, unter dem Titel „The Sacrilegious Privatopia“, sinngemäß: „Die frevlerische Privat-Utopie“.

Nicht nur die Zahl der Wohnanlagen stieg. Es kam auch immer häufiger zu Hochwasser. Im März 2010 wurden Erdgeschosswohnungen überschwemmt, ihre Einrichtungen zerstört. Anwohner behaupteten, dass in einer der Gated Communities eine Schleuse geöffnet worden sei, so dass sich zusätzliches Wasser in ihre Nachbarschaft ergoss. Das berichtete seinerzeit die Lokalzeitung „Actualidad de Tigre“.

In der Folge ordnete die Stadtverwaltung von El Tigre an, dass zwei der Gated Communities Dämme, Kanäle und Deiche bauen müssen, um die Folgen von Überschwemmungen zu mildern, insbesondere für benachbarte ärmere Gemeinden. Doch es kam schlimmer: Im Juni 2012 machte verunreinigtes Wasser viele Menschen in Garrote krank.

Wochenendapartments vor den Toren der 14-Millionen-Metropole

Wochenendapartments vor den Toren der 14-Millionen-Metropole

Gilda Di Carli

Marcela Creciente erinnert sich gut daran: Bagger hatten in jenem Winter dunklen Schlamm auf die Ufer des Canal San Fernando ausgebracht. Als es zu regnen begann, sickerte der Schlamm in die Ortschaften. Nicht lange, und die ersten Kinder waren von Parasiten befallen. „Manche Kinder erbrachen Parasiten“, sagt Creciente. Auch eine Frau, die im siebten Monat schwanger war, wurde befallen.

Zwischen 2012 und 2017 nahm die Zahl der Überschwemmungen weiter zu. Im Jahr 2013 zerstörten Anwohner einen Damm, der den Golfplatz einer Gated Community schützte – um den Druck des Hochwassers von ihren Häusern zu nehmen. Nordelta-Wachleute eröffneten das Feuer. Offenbar wurde niemand verletzt.

Im Jahr 2015 mussten an die 20.000 Einwohner evakuiert werden. Drei Menschen ertranken. Die gleichen Gemeinden waren 2016 und 2017 erneut von Hochwasser betroffen.

Vorschriften missachtet

Alarmiert von den ständigen Überschwemmungen begannen Anwälte und Wissenschaftler, den Zusammenhang zwischen den Immobilienprojekten und dem Hochwasser im Delta zu untersuchen. Sie deckten auf, dass viele Projektentwickler Vorschriften missachtet hatten, in einigen Fällen sogar mit aktiver Hilfe der Gemeinden. Und manche Projektentwickler prahlten damit sogar öffentlich.

2014 fanden Community-Anwälte heraus, dass die „Venedig“-Projektentwickler die Umweltverträglichkeitsstudie zwar bei der Stadt Tigre eingereicht hatten, nicht aber bei der Provinzregierung. Das widerspricht den Vorschriften. Sie verklagten die Stadt Tigre und die Projektentwickler. Bizarr: Die Projektentwickler hatten in ihren Verkaufsbroschüren selbst auf diesen Verstoß, auf die nicht vorliegende Genehmigung hingewiesen.

„Das Gefühl, im Recht zu sein, ist so überwältigend groß, dass sich die Firmen nicht scheuen, in ihrer Werbung zu erwähnen, dass 60 Prozent der Eigentumswohnungen verkauft waren, noch ehe die Baugenehmigung vorlag“, sagt Eduardo Reese, Leiter der Anwaltskanzlei Centro de Estudios Legales und Sociales. Ein Sprecher der Stadt El Tigre bestreitet, dass es Unregelmäßigkeiten gegeben habe.

Patricia Pintos, die Forscherin, hat gezeigt, dass die Nichteinhaltung von Vorschriften weit verbreitet ist. So zerstörten die Projektentwickler von „San Sebastián“, einer Gated Community, die sich über neun Kilometer entlang des Luján-Flusses erstreckt, Feuchtgebiete, legten eine Mülldeponie an, errichteten Flutwände und künstliche Kanäle und schufen ohne Genehmigung künstliche Lagunen. Mehr als zehn Vorschriften, den Bau in Feuchtgebieten betreffend, wurden gebrochen. Insgesamt entdeckte das Pintos-Team bei 66 Gated Communities Unregelmäßigkeiten.

2016 verfügten Bundesrichter einen Baustopp bei einem Dutzend dieser Projekte – unter ihnen „Venedig“. Sie verfügten zudem, dass die Behörden so lange jeden Neubau verhindern, bis eine Umweltverträglichkeitsprüfung vorliegt, die untersucht, wie sich alle Siedlungen, in ihrer Gesamtheit, auf die Feuchtgebiete auswirken.

Mehrere Projekte wurden daraufhin modifiziert. Im Fall von „Venedig“ wurde nicht nur der Flächenverbrauch reduziert, die Entwickler wurden zudem verpflichtet, Hochwasserschutzmaßnahmen zu ergreifen und Feuchtgebiete wiederherzustellen, sagt Juan Paladino von Provinzregierung.

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Baustopp auf der "Venedig"-Baustelle.

Baustopp auf der “Venedig”-Baustelle.

Gilda Di Carli

Das Projekt werde nun fortgeführt und erfülle alle Auflagen, sagt Pablo Botana, Geschäftsführer von TGLT, der Firma hinter dem „Venedig“-Projekt. Er betont, dass man diese nicht mit anderen Siedlungen vergleichen könne. Weil sie nicht in einem bis dahin unberührten Feuchtgebiet errichtet werde, sondern auf dem Gelände einer verlassenen Werft.

Forscher weisen darauf hin, dass die Gesamtauswirkung aller Immobilienprojekte im Delta noch immer nicht untersucht worden sind – obwohl die Gerichte das angeordnet hatten.

„Man kann nicht einfach behaupten, dieses eine Projekt hat keine Auswirkungen auf die Überschwemmungsdynamik“, sagt Forscherin Pintos. „Wir müssen das gesamte Bild anschauen. Nicht nur einen Ausschnitt.“

Giftige Algen

Zu diesem Gesamtbild tragen die Studien von Diego Ríos bei, einem ausgewiesenen Experten für das Paraná-Delta. Unter anderem untersuchte er, wie Kunstdünger, Unkrautvernichtungsmittel und künstlich angelegte Seen das empfindliche Ökosystem des Deltas verändern. Er fand heraus, dass die Stoffe den Wuchs giftiger Algen befördern. Algen, die endemische Pflanzen verdrängen und Tiere töten können, die unangenehme Gerüche absondern, zu Hautausschlag, Durchfall, Erbrechen und Krämpfen führen können – und im Extremfall sogar tödlich sein können für Menschen.

Beschwerden über grün-blau fluoreszierende Algen, die nach Insektenvernichtungsmitteln stinken, gibt es seit dem Jahr 2005 in Nordelta. Biologen haben herausgefunden, dass Wasserpumpen den Algenwuchs kaum aufhalten, solange weiter Chemikalien ausgebracht werden, die Rasenflächen ganzjährig grün halten. Gerade auf den Golfplätzen.

Hoffnung für das Delta

Doch es gibt Hoffnung für das Flussdelta. Im Jahr 2016 stellte der argentinische Präsident Mauricio Macri ein Gesetz vor, dass die Gesamtheit der argentinischen Feuchtgebiete – auf einer Fläche von über 600.000 Quadratkilometern –  erhalten soll. Zusammen machen sie fast ein Viertel der Landesfläche aus. Von diesem Gesetz würde auch das Paraná-Delta profitieren.

Längst sind Überschwemmungen das kostspieligste Umweltproblem Argentiniens. Das Gesetz würde Landwirte, Viehzüchter und Immobilienentwickler daran hindern, Feuchtgebiete zu zerstören – jene Flächen, die dafür sorgen, die Folgen von Überschwemmungen abzumildern.

Trotz erheblichen Widerstandes wurde das Gesetz im argentinischen Senat verabschiedet. Nun muss es der Kongress verabschieden.

Eigentlich ist das Paraná-Delta ohnehin durch ein internationales Abkommen geschützt, die „Ramsar-Konvention“. Der Vertrag sieht vor, dass jede Verkleinerung des Deltas angezeigt werden muss. Aber: „Bis heute haben wir keine entsprechenden Bericht erhalten“, sagte Maria Rivera von der Ramsar-Konvention.

Wird das Delta untergehen?

„Niemand verlangt, das Delta gänzlich unberührt zu lassen“, sagt Jorge Codignotto, Klimawandel-Experte am Technologie-Institut INTI in Buenos Aires. „Wir sollten einfach die wenigen natürlichen Ressourcen schützen, die wir noch haben.“

Im Nationalen Institut für Geographie zeigt der Geograph Ignacio Gatti eine Karte des Paraná-Deltas. Gated Communities sind mit roten Punkten markiert – und befinden sich in einem Meer aus andersfarbigen Punkten, die anzeigen, wo laut Studien Überschwemmungen zunehmen werden.

Noch helfen die Feuchtgebiete des Paraná-Deltas, Überschwemmungen im Zaum zu halten. Doch wenn weiter gebaut wird, wenn die Feuchtgebiete weiter schrumpfen und der Meeresspiegel weiter steigt – dann könnte das Delta komplett verschwinden und mit ihm die Slums und die Gated Communities. „Das Delta ist auf dem Weg unterzugehen“, sagt Jorge Codignotto vom INTI, „und davon werden auch die neuen Siedlungen betroffen sein. Sie werden eines Tages verloren gehen.“

Die Autorin nimmt am “Energy and Environmental Reporting” -Projekt der Columbia Journalismus-Schule in New York teil. Unterstützt wird dieses Programm vom Blanchette Hooker Rockefeller Fund, Energy Foundation, Open Society Foundations, Rockefeller Brothers Fund, Rockefeller Family Fund, Lorana Sullivan Foundation und der Tellus Mater Foundation. Die Stifter haben keinen Einfluss auf die Artikel.

Shonda Rnai und ihr Bruder Kalidas: Ihre Wassermelonen wachsen schlechter, seitdem die benachbarten Garnelen-Farmen ihren Boden versalzen© Eduardo Garcia

Steigende Meere

Bangladesh: Das Versalzen der Polder

Das flache Bangladesh wird zu den ersten Opfern eines steigenden Meeresspiegels gehören. Besuch bei den Bauern im Ganges-Delta – wo zudem Garnelenteiche die Reisfelder verdrängen.

von Eduardo Garcia

Im Ganges-Delta, dem größten Flussdelta der Welt, leben rund acht Millionen Menschen auf künstlichen Inseln. In den 1960er Jahren wurden sie aufgeschwemmt, um die wachsende Bevölkerung Bangladeschs zu ernähren. So entstanden 139 durchnumerierte, von Deichen eingefasste „Polder“, benannt wie in den Niederlanden.

Auf Polder 22 bewirtschaftet Shondha Rnai ein kleines Stück Land. Sie ist 34 Jahre alt und trägt einen rot-grün gemusterten Sari. Ihr Feld ist üppig bewachsen mit Mango- und Guavenbäumen. Kurkuma baut sie an, Salat und Reis. Und die im Ganges-Delta gefragten Wassermelonen. Ihr Haus ist mit Stroh gedeckt, die Wände sind mit Lehm verkleidet, sie sagt, sie komme gut über die Runden.

Allein, die Erträge sinken. Weil viele Bauern in der Gegend ihr Land mit Meerwasser fluten, um in den Brackwasserteichen Garnelen zu züchten. Das Grundwasser, mit dem Shondha Rnai ihre Felder bewässert, wird immer brackiger. Während der Trockenzeit liegen Teile ihres Landes brach. „Mir fehlt es an Süßwasser, um zweimal pro Jahr Reis anbauen zu können“, sagt sie. „Meine Ernte leidet unter der Wasserknappheit.“

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Shonda Rnais Wassermelonen wachsen heute schlechter — weil die Garnelenfarmen ihren Boden mit Salzwasser überschwemmen

Eduardo Garcia

Ein gefährdetes Land

Bangladesch ist flach, es wird durchströmt vom Ganges, Brahmaputra und Meghna, von deren zig Nebenflüssen. Es wird eines der am stärksten vom Klimawandel betroffenen Länder sein – wenn sich die Ozeane erwärmen, die Polkappen abschmelzen, der Meeresspiegel weiter steigt.

Unsere Daten zeigen, dass der Meerespegel im südwestlichen Bangladesch von 1980 bis 2003 um rund 7 Millimeter pro Jahr angestiegen ist, weit mehr als der globale Durchschnitt von 3 Millimetern. Auch wegen der Polder, die umgeben sind von insgesamt 6.000 Kilometer langen Deichen. Sie hemmen den Fluss der Gezeiten, das Wasser wird landeinwärts gedrückt. In Khulna, jener Region, in der auch Shondha Rnai lebt, steigt der Meeresspiegel darum sogar um etwa 17 Millimeter pro Jahr. Das fand Julian Orford heraus, emiritierter Professor an der Queen’s Universität in Belfast. „Der Versuch, das Land durch Dämme zu schützen, trägt zum Anstieg des Meeresspiegels bei“, sagt Orford.

Es fehlt an Langzeitmessungen in der Region. Sollte der Meeresspiegel bis 2100 tatsächlich um einen Meter ansteigen, wäre das für die tief liegende, dicht besiedelte Region katastrophal. „Die Veränderungen werden schon in den nächsten 20 bis 25 Jahren bis zu 16 Millionen Menschen betreffen. Darauf zu reagieren, ist das drängendste Problem an allen Küsten der Welt“, sagt Orford.

Auch die Bauern auf den Poldern erleben die allmähliche, unaufhörliche Umarmung des Meeres. Zugleich sind sie von einer viel unmittelbareren Veränderung betroffen: der Zunahme der Garnelenzucht. In der Region Khulna sind die Brackwasserteiche schier überall. Schaut man über die Polder, verschwimmen die Grenzen. Wo beginnt das Land, wo beginnt der Fluss, wo das Meer?

Inzwischen ist Bangladesch der siebtgrößte Exporteur von Zuchtgarnelen, hinter China, Indonesien, Vietnam, Indien, Ecuador und Thailand. Aquakultur ist der Sektor in der Nahrungsmittelbranche, der weltweit am schnellsten wächst.

Auf die Grüne Revolution, die Einführung von Hochertragssorten in den 1960er Jahren, folge nun „die Blaue Revolution“, sagt Kimberly Rogers, der an der University von Boulder, Colorado, das menschliche Leben in Flussdeltas erforscht. „Die Delta-Länder sind nicht mehr nur die Reisschalen der Welt, sie sind längst zu den Proteinversorgern der Welt geworden.“

Ganze Landstriche im Ganges-Delta haben die Garnelenfarmer mit Meerwasser überschwemmt. Auch ein Großteil des Ackerlandes in Polder 23 — eine Insel neben Rnais – wird jetzt von Garnelenzüchtern kontrolliert. Wo einst Reis wuchs, ist alles unter Wasser gesetzt, um in den Brackwasserteichen Garnelen zu vermehren.

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In Polder 23 wurde einst Reis angebaut. Nun werden auch hier Garnelen im Salzwasser gezüchtet

Eduardo Garcia

Die Bauern auf Polder 22 haben die Garnelenzüchter bislang von ihrer Insel fernhalten können. Doch die Qualität ihres Wassers nimmt weiter ab. „Ich kenne viele Kleinbauern, die von Reis auf Garnelen umzusteigen mussten, weil die Verunreinigungen von angrenzenden Garnelenfarmen, durch Chemikalien, Kot und Salz, ihre Böden degenieren ließen“, sagt Forscher Kimberly Rogers von der Universität Boulder.

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Auch Daten, die Auskunft geben über die Versalzung der Böden, gibt es kaum. Eine Studie des staatlichen Bodenforschungsinstituts von 2009 wies nach, dass rund 1,1 Millionen Hektar Ackerland im Küstengebiet von Versalzung betroffen waren, eine Steigerung von 27 Prozent binnen 35 Jahren. Schuld sind höhere Meerespegel, Überschwemmungen, erhöhter Tidenhub und die Garnelenteiche, sagt Khandker Moyeenuddin, Direktor des Instituts. Und fügt hinzu: Auch wenn die „Garnelenzucht die Umwelt belastet“, weil sie die Böden versalzt, solle die Branche weiter wachsen, weil sie dem Land wichtige Devisen beschere.

Verschärft wird die Versalzung durch ein großes Staudammprojekt in Indien, das Flusswasser während des Monsuns durch ein Netz von Stauseen und Kanälen in trockene Gebiete umlenkt. Dadurch kommt weniger Süßwasser in Bangladesch an.

Wissenschaftler und Funktionäre ringen um Lösungen. Das heimische Reisforschungsinstitut hat Sorten entwickelt, die auch auf salzigen Böden gedeihen. Das hilft den Landwirten, bessere Ernten zu erzielen. Aber:„Sobald sie eine Sorte haben, die drei Gramm Salz pro Liter Wasser toleriert, steigt der Salzgehalt im Küstengebiet auf vier“, sagt der aus Bangladesch stammende Klimatologe Saleemul Huq, einer der federführenden Autoren des vierten Berichtes des Weltklimarates IPCC. „Sobald eine Sort fünf aushält, steigt der Salzgehalt auf sieben. Das Problem verschärft sich schneller als die Lösung.“

Für Huq ist Garnelenzucht eine „maladaptation“, eine fehlgeleitete Anpassung an den Klimawandel. Huq sagt, dass Aquakulturen und Reisanbau sehr wohl koexistieren können. Garnelenzüchter könnten den Bauern erlauben, nach dem Monsun eine Reisernte einzuholen, ehe sie das Land mit Brackwasser überschwemmen, um die Krebstiere für den Rest des Jahres zu pflegen. Huq räumt ein, dass viele Garnelenzüchter sich weigerten, ihr Land mit Reisbauern zu teilen. Und noch weiß niemand, ob der Boden Garnelenfarmen und Reis langfristig gemeinsam erträgt.

Zu befürchten steht, dass in den kommenden Jahren Millionen Menschen wegen der Veränderungen im Ganges-Delta ihre Heimat verlieren werden. Wegen versalzender Böden, Gezeitenfluten, Überschwemmungen und den Zyklonen, die regelmäßig diese Region treffen. Der jüngste Zyklon, Mora, der die Küste im Mai 2017 traf, zwang die Regierung, rund eine Million Menschen zu evakuieren. Sechs Menschen starben.

Klimatologe Huq forrdert einen Prozess der „erleichterten Anpassung“: Der Staat solle Landwirten helfen, sich auf die veränderte Situation einzustellen, und zugleich die Ausbildung ihrer Kinder finanzieren, damit „sie nicht am Ende Landwirte und Fischer werden wie ihre Eltern, sondern Arbeit finden in den Städten. Und wenn sie dann umziehen, können sie ihre Eltern mitnehmen.“

Der Autor nimmt am “Energy and Environmental Reporting” -Projekt der Columbia Journalismus-Schule in New York teil. Unterstützt wird dieses Programm vom Blanchette Hooker Rockefeller Fund, Energy Foundation, Open Society Foundations, Rockefeller Brothers Fund, Rockefeller Family Fund, Lorana Sullivan Foundation und der Tellus Mater Foundation. Die Stifter haben keinen Einfluss auf die Artikel.

Steigende Meere

Mehr als 60 Millionen Afrikaner vom Anstieg des Meeresspiegels betroffen

Jedes Jahr steigt das Meer weltweit um durchschnittlich rund drei Millimeter. Daten aus Südafrika deuten aber darauf hin, dass der Anstieg hier deutlich stärker sein wird. Auch dort trifft der Klimawandel alle: Bars und Bretterbuden, Surfclubs und Slums werden weichen müssen

von Annika Joeres

Darryl Colenbrander verbringt sein Leben mit dem Meer. In seiner Freizeit geht er Wellenreiten, sein Job aber ist es, Kapstadt auf den Anstieg des Meeresspiegels vorzubereiten. Colenbrander leitet das Küstenschutzprogramm. Auf einer Karte hat er eine Linie um die Vier-Millionen-Metropole gezogen, seine „set back line“. Dahinter drohen schon jetzt Überschwemmungen bei Hochwasser oder Sturm. Langfristig wird diese Zone unter Wasser stehen. Bereits heute darf jenseits dieser Linie nicht mehr neu gebaut werden. Mittelfristig werden die Menschen, die dort leben, umgesiedelt.

Das sei eine Aufgabe, die viel Fingerspitzengefühl erfordere, sagt Colenbrander. Er ist gelernter Philosoph, nicht Ingenieur oder Naturwissenschaftler, und versucht, auch gesellschaftliche und soziale Aspekte bei seinen Planungen zu berücksichtigen. „Jede Küste ist ein komplexer Raum“, sagt er. „Wer sie verändern möchte, muss die Tradition und Geschichte ihrer Bewohner achten. Wenn wir sagen, wir wollen Euch schützen – dann versteht darunter jeder Bürger etwas anderes.“

Colenbrander hält die Ratschläge des Weltklimarates IPCC für wichtig und richtig. Aber sie müssten vor Ort jeweils neu verhandelt und umgesetzt werden. „In Südafrika haben wir das Erbe der Apartheid. Einige Küstenstreifen waren nur Weißen zugänglich, andere für Schwarze reserviert. Diese historischen Ungerechtigkeiten müssen wir für unsere Schutzpläne beachten.“ Bis heute wohnen gerade die Armen in der Nähe des Meeres. Es wäre ein fatales Signal, deren Unterkünfte als erste abzureißen, sagt Colenbrander, und: „Es kann keine Lösung für alle geben.“

Dürftige Datenlage

Insgesamt ist die Datenlage für Afrika nicht sehr gut. Unsere Visualisierung stützt sich nur auf wenige Messpunkte. Nur aus Häfen, die für den Welthandel bedeutsam sind, liegen Daten vor. Sechs Messpunkte liegen in südafrikanischen Häfen. Hier ist das Meer in den vergangenen 30 Jahren um mehr als zehn Zentimeter angestiegen. Etwa in dem großen Industriehafen Port Elizabeth, in der nahe Kapstadt gelegenen Simons-Bucht, in der viktorianische Häuser an die britische Kolonialzeit erinnern. Auch in Port Nolloth, wo Kupfererze umgeschlagen werden, oder in East London, wo früher Leder gehandelt wurde und heute die Daimler Benz AG Autos und LKW bauen lässt.

Einzig im Hafen von Sansibar in Tansania ist der Pegel mehrere Jahre lang gesunken, möglicherweise beeinflusst durch zahlreiche Bauten in der Nähe der Messstellen. Zuletzt stieg aber auch hier das Meer um rund zwei Zentimeter.

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Kein Geld für Schutzmaßnahmen

„Das Fehlen der Daten aus Afrika behindert wissenschaftliche Prognosen über den Klimawandel“, sagt Sally Brown, Umwelt- und Meereswissenschaftlerin in Southampton. Brown sagt schwere Zeiten für die afrikanische Bevölkerung vorher: „Das Meer wird nicht so stark steigen wie in Südasien. Aber die Menschen in Afrika sind viel weniger geschützt als in den Industriestaaten.“ Es gebe nur sehr wenige Studien und noch weniger ausgearbeitete Bauprojekte, mit denen die Staaten die steigenden Meere eindämmen könnten. Brown hat Verständnis dafür: „Wenn es in einem Staat erst einmal darum geht, Krankenhäuser und Schulen zu bauen, ist für den Schutz vor potentiellen Klimaschäden keine Zeit und kein Geld da.“ 

Bisweilen wollen Reiseunternehmer Strände mit umstrittenen Bauprojekten schützen. So haben auf Sansibar einige Luxusresorts Schutzwälle vor ihre Sandstrände gesetzt, die Strömungen oder Wellen nun zu anderen Küsten der Insel leiten. Fischer und Anwohner protestierten gegen die eigenmächtigen Aktionen, die Strände jenseits der Touristenzentren anschwellen oder wegspülen lassen. Laut Sally Brown werden in den kommenden zehn Jahren rund 1,6 Millionen Menschen in Tansania von Überschwemmungen betroffen sein.

Zwischen 60 und 70 Millionen Afrikaner leben in Zonen, die bis zu zehn Meter über dem Meeresspiegel liegen – und bald im salzigen Wasser versinken könnten. Bei einem durchschnittlichen Szenario der Klimaforscher wird der indische Ozean bis zum Jahr 2100 um 43 Zentimeter ansteigen und 16 Millionen Menschen aus Häusern und Wohnungen vertreiben. Am schwersten betroffen sein werden Mosambik, Guinea, Nigeria, Guinea -Bissau und Südafrika. Aber bisher entwickelt nur Kapstadt einen Schutzplan für seine Küsten.

Mehr als eine Milliarde Euro jährlich werden Länder wie Algerien, Marokko, Kamerun, Tunesien und Libyen in 2100 ausgeben müssen, um an den Küsten zu reparieren, was das steigende Wasser zerstört hat, so hat es Sally Brown mit Kollegen berechnet. Noch teurer wäre es allerdings, keine Schutzmaßnahmen zu ergreifen – und die Schäden durch das Hochwasser zu ertragen.

Das Gute im Schlechten

Bei allen Schreckensszenarien: In Kapstadt hofft Darryl Colenbrander auch, dass der Klimawandel alte Trennungen zwischen Schwarz und Weiß hilft aufzuheben. „Wir haben jetzt die Chance, das Unrecht der Vergangenheit wiedergutzumachen“, sagt er. Denn alle müssten ja nun mehr Abstand zur Küste nehmen. Arme und Reiche. Rund 75 Prozent der risikoreichen Zonen seien derzeit bebaut. Mit Surfclubs und Slums, Bars und Bretterbuden. Vor dem Klimawandel aber sind alle gleich – und müssen weichen.

Eric Garcia (unsplash.com)
Steigende Meere

Wie der Meeresanstieg die Welt verändert

Der Klimawandel verändert die Küsten: Er spült Sandstrände fort, versenkt Inseln und überschwemmt Ebenen. Eine Auswertung von mehr als 700 000 Tidenhöhen weltweit zeigt, dass an den Küsten weltweit der Klimawandel längst eine Realität ist. Hunderte Millionen Menschen sind betroffen.

von Annika Joeres

In den vergangenen Monaten hat CORRECTIV, gemeinsam mit Journalisten aus sieben Ländern, einen Datenschatz gehoben und macht ihn hier erstmals der Öffentlichkeit zugänglich. Seit dem Jahr 1933 hat eine britische Behörde, der Permanent Service of Mean Sea Level (PSMSL), die Fluthöhen von Häfen in aller Welt gesammelt. An mehr als 2000 Orten haben die Briten Pegelmesser aufgestellt und sie zum Teil im Monatsrhythmus abgelesen. Es ist die anschaulichste Methode, die Folgen des weltweiten Klimawandels zu messen. Satellitengestützte Messungen begannen erst ab dem Jahr 1993.

Wir haben 500 Orte ausgewählt, die besonders gut dokumentiert sind, und auf einer Weltkarte markiert. Die Karte ermöglicht nicht nur einen Blick in die Vergangenheit – sie sagt auch, wie sich die Pegel in Zukunft verändern werden. „Dort, wo das Meer stark angestiegen ist, wird es künftig weiter stark ansteigen“, sagt Anders Levermann, Klimafolgen-Forscher in Potsdam und New York. Levermann ist Hauptautor des letzten Weltklimaberichtes des internationalen Klimarates IPCC und hat damit die Weichen gestellt für einen wissenschaftlichen Konsens. Sich ändernde Strömungen könnten den Meeresspiegel lokal beeinflussen, fügt Levermann hinzu. Der globale Trend bleibe.

Kein Kontinent wird dem anschwellenden Wasser entkommen können. So ist das Meer heute im südfranzösischen Marseille 10 Zentimeter höher als vor 30 Jahren. Auf der Nordseeinsel Borkum sind es 6 Zentimeter — wo man 1980 noch trockenen Fußes stehen konnte, braucht man heute Gummistiefel. Die Top-Ten der am stärksten betroffenen Städte liegen vor allem in Asien. Die philippinische Hauptstadt Manila beispielsweise misst 40 Zentimeter höhere Pegel als vor 30 Jahren.

Zugleich lässt sich auf unserer Karte ein für viele überraschender Effekt beobachten: In den skandinavischen Ländern steigt das Land schneller als das Wasser. Manche Häfen liegen buchstäblich auf dem Trockenen. In der westfinnischen Stadt Vaasa hat das sich Land nach unseren Daten um fast zehn Zentimeter gehoben, in der nordnorwegischen Stadt Bodø sogar um 25 Zentimeter. Der Grund: Die früher von kilometerdicken Eispanzern zusammengepresste Erdkruste dehnt sich nach dem Schmelzen der Gletscher bis heute aus.

Wie stark der Meeresspiegel steigt – das hängt davon ab, wieviel Eis an den Polen schmelzen wird. Die kalte Materie ist schwer berechenbar: Sie schmilzt schneller oder langsamer, je nachdem wieviel Luft eingeschlossen ist, wie dicht und alt das Eis ist. Wasser wiederum erwärmt sich langsamer als Luft und hält die Wärme dann länger. Zurzeit simulieren Forscher um Detlef Stammer vom Hamburger Institut für Meereskunde auf ihren Computern, wie sich verschiedene Faktoren auf den Meeresspiegel auswirken: etwa die Sonnenstrahlung, das menschengemachte CO2 in der Atmosphäre oder die Wirkung von Aerosolen. „Am Ende beweist sich für uns: Eine Vorhersage ist extrem schwierig“, sagt Stammer. Sicher sei nur, dass die weltweiten Trends bestehen bleiben werden.

Augenblicklich gehen die Forscher im Weltklimarat IPCC von einem globalen Anstieg des Meeresspiegels zwischen 20 und 80 Zentimetern bis zum Jahr 2100 aus. Bis zum Jahr 2200 oder gar 2300 könnten es einige Meter werden. Eine enorme Spannbreite, die über die Lebensweise von hunderten Millionen Menschen entscheiden wird. Zuletzt wurden die Prognosen stark nach oben korrigiert.

„Dass der Meeresspiegel in den kommenden Jahrhunderten noch schneller ansteigen wird, ist heute absoluter Konsens – und auch, dass dies an der menschengemachten Erwärmung liegt“, sagt Klimafolgen-Forscher Levermann. Wobei sich die Forscher uneins sind, wie sich die Eisschilde an den Polen verändern werden. „Sehr wahrscheinlich haben wir ihren Einfluss bisher unterschätzt.“ Laut Levermann könnten allein die Eisschilde Grönlands, sollten sie eines Tages komplett abschmelzen, die Meere um weltweit sieben Meter ansteigen lassen.

Der Mensch lebt seit jeher an den Küsten dieser Erde. Bis heute wachsen Städte am Wasser besonders schnell und ziehen doppelt so viele Menschen an wie das Landesinnere. „An der Küste konzentriert sich die soziale, ökonomische und politische Entwicklung eines Landes“, sagt Derryl Colenbrand aus dem südafrikanischen Kapstadt. Wobei unsere – fehlenden – Daten auch die wirtschaftliche Isolation Afrikas bezeugen: Nur in Südafrika und Sansibar wurden Fluthöhen aufgezeichnet. Weitere Häfen schienen den britischen Beamten nicht wichtig genug, um dort die Pegel zu messen.     

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Unsere Daten zeigen auch: Der Klimawandel trifft die Menschheit unterschiedlich hart. Das Meer steigt weltweit, aber Wind, Strömungen und Wellen beeinflussen den Pegel vor Ort. In einigen Regionen steigt der Meeresspiegel um zehn Millimeter im Jahr, dreimal schneller als im weltweiten Durchschnitt. Der liegt bei rund 3,4 Millimetern im Jahr.

Sicher ist nur: Je näher und tiefer gelegen Menschen am Meer wohnen, desto stärker werden sie unter dem Klimawandel leiden. Teile der Philippinen könnten untergehen, Inseln mit eigenen Sprachen und Kulturen versinken. Millionen Menschen in Bangladesch sind bedroht, einem der am niedrigsten liegenden Staaten der Erde. Überhaupt haben die Staaten des Südens häufig nicht genügend Ressourcen, um sich vor Stürmen und Hochwassern zu schützen. Afrikanische Länder investieren lieber in bald nutzbare Straßen und Krankenhäuser als in Deiche.

Die wohlhabenden Staaten sind besser gewappnet. Die verheerende Sturmflut an der europäischen Nordseeküste von 1953 hat dort beispielsweise zu besseren Schutzmaßnahmen geführt. Das zahlt sich bis heute aus. Aber auch europäische Bürgerinnen und Bürger werden ihre Wohnorte verlassen müssen. Genau wie Nordamerikaner: Der Sturm Sandy über New York hat auf tragische Weise gezeigt, wie wenig die USA getan haben, um ihre Küsten zu schützen. Die luxuriösen Häuser am Delta des Rio Parana in Argentinien drohen unterzugehen. In Südfrankreich, in Palavas-les-Flots, drohen Hotels und Strandbars in den Fluten zu versinken.                  

In Japan versuchen Wissenschaftler, Korallenriffe zu züchten und so, mit Hilfe der Natur, lebende Barrieren gegen steigendes Wasser aufzubauen. Und noch eine gute Nachricht gibt es: Der Klimawandel lässt die Menschheit zum ersten Mal an globalen Lösungen arbeiten.

Was also tun? Wir stellen fünf Positionen vor:

Laurence Tubiana war 2015 französische Verhandlungsführerin beim UN-Klimagipfel und ist heute Geschäftsführerin der European Climate Foundation. Auch wenn die Euphorie nach dem Pariser Weltklimagipfel inzwischen verhallt ist, Tubian sieht darin bis heute ein Signal der Hoffnung. Internationale Verträge hätten dazu geführt, dass sich selbst die mächtige Kohleindustrie nach Alternativen umsieht.

Ottmar Edenhofer, ein auf Klimafolgen spezialisierter Ökonom vom Berliner Mercator-Institut, hofft auf eine weltweite CO2-Steuer. Sie würde klimaschädliche Energieträger wie Kohle teuer und damit unattraktiv machen. Und zugleich Geld beschaffen für die Opfer des Klimawandels.

Es gibt eine weitere, bisher wenig beachtete Lösung, die erstmals in Paris präsentiert wurde: eine neue Landwirtschaft. Denn ein gesunder, humusreicher Boden kann CO2 speichern.

CORRECTIV- Klimaredakteurin Annika Joeres setzt auf aufgeklärte Bürgerinnen und Bürger, die ihren Rohstoff-Konsum drosseln: Ein klimafreundlicher Alltag kann für alle lebenswert sein. Und er könnte die Meere, die weltweit anschwellen, wieder in ihre Grenzen verweisen.

Land unter am Mittelmeer

Land unter am Mittelmeer© Pascal Guyot / AFP

Steigende Meere

Rache der Natur

Palavas-les-Flots sollte einmal das „französische Florida" werden. In den 1960er Jahren rücksichtslos in eine ökologisch sensible Dünenlandschaft gepfropft, leidet es heute zunehmend unter Überschwemmungen. Nur der Bürgermeister, seit 1989 im Amt, merkt nichts von alldem. „Das Meer steigt bei uns nicht an", sagt er fröhlich.

von Jade Lindgaard

Palavas, vor den Toren von Marseille gelegen, hat für Besucher klare Regeln aufgestellt. „Bitte korrekt kleiden“ steht auf den Schildern im Ort, „bitte nicht mit dem Motorrad auf den Bürgersteigen fahren“, und bitte „keine Wasserpfeife am Strand rauchen“.

Auf die drohende Erosion seiner Strände durch den Meeresanstieg aber weist Palavas-les-Flots nicht hin. Dabei rollten die Wellen schon 1982 bei einem schweren Sturm bis zu diesem Verbotsschild, 50 Meter vom Strand entfernt. Im vergangenen Winter stieg das Wasser kurzzeitig bis zum Kreisverkehr im Ort. Eine Passantin zeigt auf die Bretter, die die Hauseingänge versiegeln. „Schauen Sie genau hin, die Häuser haben Meereswasser getrunken.“

2012 haben Wissenschaftler des geologischen Forschungsinstituts BRGM Prognosen für die Zukunft des Badeortes aufgestellt. In ihren Modellen stützten sie sich auf den Sturm von 1982. Ihr Ergebnis: Sollte sich die Erde weiter aufheizen und sogar die anvisierten zwei Grad übersteigen, wären die Schäden bis 2100 gewaltig. Die küstennahen Grundwasser würden versalzen, die Strände mitsamt ihrer Bars, Restaurants und Boots-Verleihen verschwinden, der Boden weggeschwemmt.

„Palavas-les-Flots befindet sich in einer niedrigen und sandigen Zone, die schon jetzt an der Küste erodiert“, sagt Gonérie Le Cozanett vom Forschungsinstitut BRGM. „Diese Strände sind schon jetzt bei Stürmen verwundbar. Der Klimawandel wird dies verschlimmern.“

Schon heute steigt das Meer in Palavas-les-Flots um jährlich drei Millimeter an – während es in den vergangenen 6000 Jahren nur einen Millimeter angestiegen ist. Mit bloßem Auge ist diese Veränderung nicht zu sehen. Aber bei hoher See erkennt jeder, wie weit sich das Meer voranfrisst. Selbst ohne die steigenden Meere des Klimawandels ist die Erosion ein großes Problem. Durch viele neue Wassersperren am französischen Rhône-Fluss gelangen weniger Sedimente an die Küste – und diese ist noch dazu dicht bebaut. So kann die Natur nicht mehr auffüllen, was das Wasser wegreißt.

„Bislang verändert die hausgemachte Erosion die Küsten stärker als die steigenden Meere des Klimawandels“, sagt Èric Chaumillon von der Universität La Rochelle. Langfristig aber werde dieser viel entscheidender für die französischen Küsten werden. Je höher die Temperatur steigt, umso schneller schmelzen die Gletscher, die die Ozeane auffüllen. Die vom Meer angegriffenen Küsten werden flacher, es steigt also noch stärker an – ein Teufelskreislauf. Wenn das Wasser in Palavas-les-Flots bis zum Jahr 2100 um rund 60 Zentimeter ansteigt, wie es die internationale Klimaforschungsgruppe GIEC prognostiziert, werden die Stürme das Wasser weit ins Land tragen.

An den Stränden von Palavas sollen die Folgen des Meeresanstiegs mit künstlichen Mitteln bekämpft werden. Überwachungskameras, Gezeitenmessungen, Studien über die Effekte von Stürmen und die Suche nach neuem Sand in dem Projekt Beach Med sollen die Effekte des Klimawandels beherrschen helfen. Palavas-les-Flots ist zwar nicht der bedrohteste Ort an der Küste, aber er befindet sich im Golf der Aigues Morte, einem geschützten, fragilem Ökosystem.

Für Wissenschaftler ist es sinnlos, isoliert in einer Kommune zu handeln. Nur die Arbeit mit Sediment-Gruppen, die sich über mehrere Strände erstrecken können, sei erfolgreich. Deswegen arbeiten heute alle Küstenstädte zusammen. „Die natürliche Skala ist größer als die administrative“, sagt Alexandre Richard, Studienleiter für das umgebende Departement Herault. 

2008 wurden die Strände rund um Palavas-les-Flots mit Sand aufgefüllt. Eine Million Kubikmeter Sand wurden von dem Ort Espiguette, wo sich Sedimente anlagerten, zu den schwächsten Punkten an der Küste transportiert. Die Arbeiten haben drei Monate gedauert und 8 Millionen Euro gekostet. Aber knapp neun Jahre später sind die künstlichen Sandberge wieder weggeschwemmt.

In Petit-Travers, einem kleinen Nachbarort von Palavas-les-Flots, ist der Strand heute wieder so arm an Sand wie vor neun Jahren. In Palavas-les-Flots selbst ist rund die Hälfte des Sandes wieder verschwunden. „Das Auffüllen mit Sand ist die einzige Möglichkeit, etwas Zeit zu gewinnen“, sagt Alexandre Richard. „Aber es ist auch keine echte Lösung, weil die Reserven endlich sind und der Transport sehr teuer.“

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Richard setzt sich für eine sanftere Lösung ein: Er möchte die Dünen mit Holzpflöcken an Ort und Stelle halten, die Strände mit Kanälen entwässern und mit Stoffkissen begrenzen. Mit dieser Methode wurde der Strand vom nicht weit entfernten Sète restauriert und die Hauptstraße umgeleitet – zu  einem Preis von 54 Millionen Euro.

Sturm vor Palavas

Sturm vor Palavas

Pascal Guyot / AFP

Im Unterschied zu den Niederlanden, die noch Sand-Reserven an der Nordsee und am Atlantik haben, hat die Mittelmeerküste aber keinen Sand mehr zu verteilen. Der Ozean ist an einigen Stellen sehr tief. Während der Eiszeit vor 21 000 Jahren lag es 120 Meter tiefer als heute. Es ist also vorauszusehen, dass sich dieses historisch steigende Meer bei einer um einige Grad wärmeren Temperatur stark anheben wird. Sich dieser Veränderung anzupassen wird unausweichlich. 

Die pessimistischen Prognosen für Palavas-les-Flots wirken wie eine Rache der Natur: Denn die rücksichtslose Bebauung der Dünen ab den 1960er Jahren macht diese Küste verwundbar. „Der Küstengürtel in dieser Region wird besonders unter dem Klimawandel leiden“, sagt Yann Balouin vom BRGM. „Und ein Grund dafür ist, dass die Häuser und Straßen den schützenden Sandwall der Dünen zerstört haben.“

Bis zu den 1960er Jahren waren hier am Mittelmeer nur kleine Fischerdörfchen. Und viele Mücken. Die regionale Regierung entschied dann, in dem staatlichen Programm Racine sechs touristische Zentren direkt am Wasser hochzuziehen. Die Medien sprachen von einem „französischen Florida“. Noch heute sind diese Badeorte in Frankreich und Europa beliebt:  Sie tragen Namen wie Grande-Motte, Cap d’Agde oder Port-Leucate. Auch Palavas-les-Flots war damals ein kleines Dorf. Innerhalb weniger Jahren bedeckten die Häuser des Racine-Programms seine Küste. Sein Name wurde zum Synonym für Badeurlaub, weniger chic als die Côte-d’Azur, aber erschwinglich für Familien und Ferienfreizeiten. Noch heute ist der Tourismus die wichtigste Einnahmequelle, häufig kommen auch Wirtschaftskongresse. Schließlich ist der Vorzeigebau der Stadt ein Hochhaus mit Büros, Konferenzräumen und Sälen. Das Restaurant wird von einem Gewinner der beliebten Kochsendung „Master-Chef“ geleitet, einer der Aktionäre ist der Fußballer Vincent Candela. So hat der Ort einen modernen Touch.

Aber kaum dass die Badestationen wie Pilze aus dem Boden schossen, wurde die Zerstörung sichtbar: Immer häufiger wurden die Städte im Winter überschwemmt. Da halfen auch die Wellenbrecher und Deiche nicht, die eilig gebaut wurden: Sie haben zwar an einigen Stellen die Erosion verhindert, aber langfristig den Transport der Sedimente verhindert, der die Küste hätte stabilisieren können. Anerkennen will die Politik diese Fehlentscheidungen nicht. „Wir hatten schon immer ein bisschen Wasser bei Stürmen in der Stadt“, sagt der Bürgermeister von Palavas-les-Flots, Christian Jeanjean in seinem großzügigen Büro. Jeanjean regiert seit 1989 und kann keinen Meeresanstieg beobachten – dafür aber einen Anstieg der Dünen. Er zeigt auf Fotos, die kleine Sandhügel in der Stadt zeigen. „Wir wissen schon gar nicht mehr, wohin mit dem Sand!“, sagt er. Von der Erosion, die so viele Wissenschaftler beschreiben, will er nichts hören. „Das Meer steigt bei uns nicht an“, sagt er. Von den Studien will er noch nie etwas gehört haben. „Bevor der Klimawandel bei uns eintrifft, hat er schon überall anders Katastrophen angerichtet“, sagt der Bürgermeister.

Ihm sei der Meeresanstieg bewusst, aber dieser finde nicht vor seiner Haustür statt. Jeanjean öffnet eine Parfumflasche namens „Palavas-les-Flots“ und überreicht Sticker und Schlüsselanhänger des Touristenbüros. Schon heute zu handeln für die kommenden Jahrhunderte ist nicht seine Stärke. Forscher in dem tonangebenden Wissenschaftsjournal „Nature Climate Change“ hatten noch in diesem Februar geschrieben, dass „unsere Entscheidungen von heute sich nicht nur für Jahrhunderte, sondern für Jahrtausende auf die Menschheit auswirken werden.“ Dies bedeutet auch, Probleme zu lösen, die beispielsweise in Palavas-les-Flots noch nicht für jeden sichtbar sind.

Übersetzung : Annika Joeres

Jade Lindgaard ist Reporterin bei der unabhängigen französischen Nachrichtenseite mediapart.fr Sie finanziert sich allein durch ihre
Abonnenten.

Gulf Breeze, United States© unsplash.com / Aaron Burdon

Steigende Meere

Liebe Journalisten, klaut unsere Geschichte!

Für unsere Recherche haben wir Daten analysiert, die über Jahrzehnte an den Küsten der Erde gemessen wurden. Wir wollen diese Rechere teilen. Jedes Medium, jeder Journalist oder Blogger kann unsere Ergebnisse veröffentlichen.

von Felix Michel , Annika Joeres

Unsere Recherche begann mit der einfachen Frage: Zeigt sich der Klimawandel schon jetzt an den Küsten der Erde? Es war ein monatelanges Projekt an dem sich weltweit Journalisten und Wissenschaftler beteiligten. Neben CORRECTIV arbeitet auch das französische Onlinemagazin Mediapart als auch Kollegn der amerikanischen Columbia Universität, aus Island, der Schweiz und von den Philippinen an unserem Projekt. Die Geschichten werden in Deutschland, Frankreich, der Schweiz, den USA und Südkorea veröffentlicht.

Wir möchten, dass so viele Menschen wie möglich unsere Ergebnisse teilen. Jede Zeitung, Blog oder Online-Seite kann die Daten und Artikel veröffentlichen. Einzige Bedingung: CORRECTIV muss als Quelle genannt und zu unserer Seite CORRECTIV verlinkt werden.

Die Antwort auf unsere Ursprungsfrage fanden wir in Pegelmessungen. Seit mehr als einem Jahrhundert wird dort der Meeresspiegel abgelesen. Ursprünglich wurden die Messungen verwendet, um Seefahrer sicher in Häfen zu lotsen, gemessen wurde mit einer Pegellatte an einer Mauer. Heutzutage erfassen Drucksonden oder Ultraschallgeräte die Daten.

Die umfangreichste Sammlung dieser Messdaten bietet eine britische Behörde an: der Permanent Service of Mean Sea Level (PSMSL). Deren Datenbank umfasst 2000 Messstationen auf der ganzen Welt.

Unsere Datenanalyse zeigte rasch, dass manche Stationen nur wenige Jahre in Betrieb waren oder die Messungen lückenhaft sind. Auch Start- und Endzeitpunkt der einzelnen Pegel unterschieden sich deutlich.

Wir mussten also Regeln festlegen, um einen schlüssigen Datensatz zu erhalten. Nach Gesprächen mit Wissenschaftlern kamen wir zu folgenden Kriterien: Eine Station wurde nur berücksichtigt, wenn in den Jahren von 1985 bis 2015 mindestens 70 Prozent der Messungen vorhanden waren. Fehlerhafte Messungen haben wir aus dem Datensatz entfernt. So reduzierten wir den Datensatz auf 513 Stationen und rund 34.000 Messpunkte.

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Leider gibt es nur wenige Messstationen auf der südlichen Halbkugel. In Afrika, Südamerika und Teilen Asiens finden sich auf unserer Visualisierung darum nur wenige Stationen. Hier wurde wenig gemessen, weil es hier lange keinen nennenswerten Handelsverkehr gab.

Das Ergebnis unserer Recherche ist trotz dieser Einschränkungen bemerkenswert. Zum ersten Mal sehen wir, auf einer Weltkarte gebündelt, wie sich der Meeresspiegel in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat.

Wir Sehen: Weltweit steigen die Pegel. Der Klimawandel ist in vollem Gang.

Wichtige Kontakte:

Jürgen Jensen, Head of the Department of Hydromechanics at the University of Siegen, juergen.jensen@uni-siegen.de, +49 271 740-2172

Anders Levermann, climate researcher in Potsdam and New York, Anders.Levermann@pik-potsdam.de, Tel +49 331 288 2560

Otmar Edenhofer, Director of the Potsdam Institute for Climate Impact Research, ottmar.edenhofer@pik-potsdam.de, Tel +49 331 288 2565