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CORRECTIV bleibt auch nach der ersten Veröffentlichung einer Geschichte am Thema dran. Wir recherchieren weiter, wir aktualisieren und veröffentlichen Einzel- oder Folgeartikel. Diese finden Sie hier.

Gefangene Buchfinken

Gefangene Buchfinken© Bastian Schlange

Tierdiebe

Finkenfreunde ohne Einsicht

Für die Undercover-Reportage „Die Tierdiebe“ recherchierte CORRECTIV im Milieu der deutschen Wilderer – sorgte unter anderem dafür, dass ein einschlägig bekannter Vogelhändler erneut vor Gericht landet. Die Naturschutzbehörden machten sich nach der Veröffentlichung auf die Spur der von ihm gehandelten Tiere. Deren Halter tun nun alles, um die illegal gekauften Vögel nicht abgeben zu müssen.

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von Bastian Schlange

Im August 2015 lief unsere halbstündige Reportage „Die Tierdiebe“ in der ARD. Wir hatten für die Recherche einen fiktiven Tierpark in den USA gegründet, einen italienischen Jagdaufseher nach Deutschland einfliegen lassen, waren mit Bundesbehörden in Konflikt geraten und hatten in einer Nacht-und-Nebel-Aktion auf einem McDonald’s Parkplatz in Hamm illegale Alpensalamander gekauft. Das alles, um zu zeigen, wie Wilderer in Deutschland jedes Jahr Millionenbeträge mit heimischen Tieren umsetzen, die sie auf eigene Faust in der Natur fangen – mit Buchfinken, Zauneidechsen und Sumpfschildkröten. Wir deckten ein europaweites Handelsnetz auf, über das gewilderte Tiere legalisiert und vertrieben werden, und überführten Horst D., einen notorischen Vogeldieb aus Bottrop, auf frischer Tat.

Unsere Berichterstattung hatte Konsequenzen: Noch im August 2015 leitete die Staatsanwaltschaft Essen ein Ermittlungsverfahren gegen den vorbestraften Horst D. ein. Das Umweltministerium NRW schickte eine Mitteilung an alle Unteren und Höheren Landschaftsbehörden, die sich auf den CORRECTIV-Bericht bezog und zur Beschlagnahme der Vögel riet, die der Händler aus Nordrhein-Westfalen vertrieben hatte. Auch der niedersächsische Landesbetrieb für Naturschutz (NLWKN) durchforstete seine Meldelisten auf verdächtige Tiere aus Bottrop.

Im Visier: die Buchfinkengilde

Am Ende fiel den dortigen Behörden vor allem die Buchfinkengilde Harz auf, die über 90 Vögel bei Horst D. gekauft hatte. Mitte September trafen Kontrollbehörden der Landkreise Goslar, Osterode und Harz den Vorstand der Buchfinkengilde zu einem Gespräch. Denn die Gesetzeslage ist in diesem Fall eindeutig: Halter einer besonders geschützten Art müssen beweisen, dass ihr Exemplar eine legale Nachzucht ist. Wildgefangene, das heißt, illegale Tiere müssen von den Behörden eingezogen werden.

Doch von den 90 gelisteten Vögeln blieben nach dem Klärungsgespräch nur noch 50 übrig – die anderen Tiere seien gestorben, entflogen oder ausgewildert worden. Die Finkenfreunde zeigten wenig Entgegenkommen bei der Verhandlung. Zu einer Einigung gelangte man nicht.

Ein typisches Verhalten

Was sich weiter abspielte, passt in die Erfahrungen, die auch wir im Laufe unserer Recherche immer wieder gemacht haben: Gesetze werden ignoriert, Weisungen von Behörden übergangen und sowas wie Unrechtsbewusstsein in der Kiste mit den ungewollten Weihnachtsgeschenken im Keller verstaut.

Fassen wir kurz zusammen:

Der Wilderer: einmal ist kein Mal

Wer erwartet schon, dass ein Wilderer nicht einmal einen Monat nach seiner Verurteilung einem Wildfremden sagt, er könne ihm illegale Vögel verkaufen? Und das nach drei Minuten am Telefon.

Im März 2015 wurde Horst D. schuldig gesprochen, Vögel illegal in der Natur gefangen und weiterverkauft zu haben. Bereits 2007 war der Rentner aus dem Ruhrgebiet mit Lebendfallen auf frischer Tat ertappt worden. Für ihn jedoch kein Grund zur Vorsicht. Ein akribisch geführtes Geschäftsbuch belegte: Er hat zwischen 2007 und 2012 einen Reingewinn von 100.000 Euro mit Waldvögeln gemacht — mit Blaumeisen, Buchfinken und Stieglitzen. Ein Großteil davon wild gefangen. Horst D. wurde verurteilt und verkaufte uns kurz nach Beginn seiner Bewährungsstrafe wieder illegale Tiere.

Jetzt muss sich der Bottroper zum zweiten Mal vor Gericht verantworten. Auf die Frage, wie er zu dem Wilderei-Vorwurf stehe, entgegnete er uns nur: „Ich? Nein, ich fange keine Vögel. Ich verkaufe auch keine Vögel.“

Der Käufer: ins Manöver um jeden Preis

Jedes Jahr zu Pfingsten treffen sich die Vogelfreunde im Harz zum Finkenmanöver. Buchfinken sitzen dann in abgedeckten Käfigen und singen im Wettstreit mit ihren Artgenossen. Ein „immaterielles Kulturerbe“, ausgezeichnet von der Kanzlerin. Doch etwas trübt die schrill zwitschernde Harmonie: Den Finkenfreunden fehlt es an frischen Vögeln. Neue sind nur schwer zu beschaffen.

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Das Geschäftsbuch von Horst D. belegt: Zu seinen treuen Kunden gehört Helmut Ehrenberg, Geschäftsführer der Vereinten Buchenfinkengilde im Harz. Seit dem Jahr 2000 hat Ehrenberg nachweislich rund hundert Vögel gekauft und an seine Buchfinkenfreunde verteilt. Ein Großteil der Tiere waren Wildfänge. Das hätte Ehrenberg auch wissen müssen, so die Staatsanwaltschaft Essen. Denn ein Fachmann erkenne manipulierte Ringe, und Ehrenberg sollte als ein solcher gelten.

Doch von Unrechtsbewusstsein keine Spur. Als wir Ehrenberg am Ende unserer Recherche mit dem Vorwurf konfrontierten, entgegnete er lapidar: „Warum soll ich mir Vorwürfe machen? Der, der den Vogel züchtet und weitergibt, der ist in der Verantwortung. Nicht ich. Genau wie wenn Sie ein Auto kaufen vom Händler, dann kaufen Sie das ja auch im guten Glauben, dass da alles in Ordnung ist.“

Die Halter: kein Einsehen in Sicht

Denken wir das Bild von Ehrenberg weiter: Wenn ich ein Auto kaufe und hinterher erfahre, dass es geklaut war, dann übergebe ich den Wagen doch schnellstmöglich der Polizei und verklage den Burschen, der mir das Ding angedreht hat, auf Schadensersatz. In der Regel nehme ich mir keinen Anwalt, um mich gegen die Polizei zur Wehr zu setzen. Und auf die Idee, die Karre im nächsten Kanal zu versenken, komme ich eigentlich nur, wenn ich bewusst Hehlerware gekauft habe. Oder? Anders bei den Finkenfreunden.

Ende Oktober wurden nach dem Klärungsgespräch 15 Gildenmitglieder aus dem Kreis Goslar von ihrer Kontrollbehörde direkt kontaktiert. Sie sollten Zuchtbelege einreichen oder ihre Tiere vorsorglich in einer Auffangstation abgeben. Keines der 20 Tiere tauchte dort in der gesetzten Frist auf. Ein Vogelhalter reagierte gar nicht, fünf schalteten einen Anwalt ein, um sich gegen die Weisung des Landkreises zu wehren, und neun Finkenfreunde griffen abermals in die altbewährte Ausredenkiste: Ihre Tiere seien plötzlich verstorben, weggeflogen oder freigelassen worden.

Die Stellungnahmen müssten nun einzeln geprüft werden, sagte eine Sprecherin des Landkreises. Als „nicht glaubhaft“ bewertete Jürgen Hintzmann von der Stabsstelle für Umweltkriminalität in NRW die Rückmeldungen. Alle Tiere müssten bei der zuständigen Behörde angemeldet werden – und es müsse auch registriert werden, wenn sie sterben oder wegfliegen. Erst nach der Aufforderung des Landkreises diese Antworten aus dem Hut zu zaubern, sei einfach unglaubwürdig.

Jens Leferink, Aufgabenbereichsleiter für den internationalen Artenschutz beim Niedersächsischen Landesbetrieb für Naturschutz, sagte, bisher habe nur ein einziger Halter aus der Buchfinkengilde seine Vögel abgegeben – und das gleich nach Ausstrahlung der CORRECTIV-Reportage. Darüber hinaus habe es kein Einlenken gegeben.

Verbrecher sind immer die anderen

Wir versuchten zu den aktuellen Entwicklungen eine neue Stellungnahme von den Finkenfreunden zu einzuholen. Der zweite Vorsitzende der Gilde verwies uns ausdrücklich an Helmut Ehrenberg. Ich hatte mich noch nicht ganz bei ihm vorgestellt, da fällt mir dieser bereits ins Wort: „Ach hören Sie auf! Wir unterhalten uns überhaupt nicht weiter. Ihr seid Verbrecher und Gauner! Tschüss.“

Ich habe damals die Vögel bei Horst D. gekauft und nach der ersten Kontaktaufnahme keine drei Minuten gebraucht, um zu wissen, dass mir der Mann illegale Tiere andrehen wird. Mir kann niemand erzählen, der zwanzig Jahre lang von dem Händler Vögel bezogen hat, er hätte nichts gewusst. Wenn ich wiederum vorsätzlich illegale Tiere gekauft habe, werde ich den Teufel tun, die Beweise an die Behörden zu geben. Dann nehme ich lieber eine Geldzahlung in Kauf, weil ich den Verlust der Tiere nicht ordnungsgemäß gemeldet habe. Die Behörden können mir ja schlecht das Gegenteil beweisen.

Und das ist oft das Problem bei Umweltdelikten: Wenn derartige Verbrechen überhaupt verfolgt werden, dann häufig halbherzig oder ohne das nötige Wissen. Gerade auf Kreisebene sind die Mitarbeiter den Haltern und der Szene fachlich nicht gewachsen. Zusätzliche Nachforschungen bedeuten Arbeit und Unannehmlichkeiten. Straftäter kommen in der Regel ungeschoren oder mit milden Strafen davon.

Deswegen sind spezielle Stabsstellen, Kommissariate und Schwerpunktstaatsanwaltschaften für Umweltdelikte so wichtig. Wir haben es bereits gefordert und tun es weiter. Es darf nicht sein, dass sich derartiger Starrsinn und Dreistigkeit am Ende durchsetzen!

Wilderer plündern die deutsche Natur. Bedrohte Arten werden zu einem Geschäftsmodell. Eine Recherche von CORRECTIV und Fakt© CORRECT!V

Tierdiebe

Die Tierdiebe

In Deutschland hat sich ein engmaschiges Netz von Wilderern und Hehlern gebildet, das jährlich zehntausende Tiere illegal fängt und verkauft. Das Besondere: Es handelt sich nicht um exotische Arten wie Boas oder Papageien. Die Tierdiebe haben es auf heimische Arten abgesehen. Vom Finken bis zum Salamander – so gut wie jedes wild gefangene Tier findet einen Abnehmer. Ein Geschäft so lukrativ wie der Handel mit Elfenbein.

von David Schraven , Markus Frenzel , Bastian Schlange

Wir von CORRECTIV finden dieses Thema wichtig. Weil es einen fast unbekannten Zusammenhang entlarvt. Nicht nur in fernen Ländern plündern skrupellose Geschäftemacher die Natur, auch hier mitten in Deutschland werden wildlebende, seltene, geschützte Arten gejagt und verramscht für den schnellen Profit. Und unsere Gesellschaft verliert die Vielfalt unserer Umwelt.

Zusammen mit dem ARD-Magazin FAKT haben wir eine Dokumentation zum Thema produziert. Eine Reportage, die einen exklusiven Einblick in eine bislang verborgene Szene liefert.

Filmtipp: Die Tierdiebe

Eine Dokumentation von CORRECTIV und FAKT

Mo, 03.08.15 | 22:00 Uhr | Das Erste

Fr, 07.08.15 | 03:40 Uhr | Das Erste

Wir enthüllen überraschendes: Selbst noch wenig bedrohte Arten wie Buchfinken, Pirole oder Eidechsen werden Opfer der Geschäftemacher. Es geht nur um leichtes Geld: 120 Euro für einen Kiebitz, 250 Euro für eine Sumpfschildkröte. Die Wilderer holen sich die Tiere aus der Umwelt, wie Flaschen aus dem Schnapsregal. Für streng geschützte Arten wie Schreiadler oder Bartgeier fallen gleich mehrere Tausend Euro an – ein illegaler Millionen-Markt.

Getrieben von ihrer Gier, bringen die Tierdiebe so immer mehr Arten an den Rand der Ausrottung. Aber: Die Behörden ermitteln so gut wie nie. Kommt es zu einem Verfahren, erhalten die Angeklagten – wenn überhaupt – meist relativ kurze Bewährungsstrafen.

Die Arbeit am Thema fing vor einigen Jahren an. Damals hat David Schraven einen besonders spektakulären Fall von Wilderei im Ruhrgebiet recherchiert. Ein Mann wurde verurteilt, weil er Schildkröten aus ganz Europa verramscht hatte. Das Ganze wurde als Einzelfall abgetan. Allerdings waren wir uns sicher, dass hier nur die Spitze des Eisberges sichtbar war. Es gab ein Geschäft mit Wildtieren – Deutschlandweit. Also fingen wir an zu suchen.

Die konkreten Recherchen zum Film haben vor gut einem Jahr begonnen, gedreht haben wir vor allem in den vergangenen acht Wochen. Zuerst mussten wir ein Gefühl für die Szene bekommen, sehen, wo sich Türen öffnen ließen und Legenden für unsere Undercover-Recherchen entwickeln. Diese gestalteten sich zum Teil sehr komplex. Allein beim CORRECTIV haben wir fast ein ganzes Jahr mit zwei Journalisten Zugänge und Strukturen zu den Netzwerken recherchiert. Von MDR-Seite hat ein Redakteur von FAKT ein dreiviertel Jahr mitrecherchiert. Unsere Ergebnisse werden wir am 3. August online veröffentlichen. Dann, wenn auch der Film gesendet wird.

Vor allem mussten wir unsere Recherchen durch Bilder belegen, was eine extreme Herausforderung war. Allein von den versteckten Kameras haben wir insgesamt 30 Stunden Material gedreht. Alles ziemlich aufwändig.

Wir mussten uns zudem in die Netzwerke einarbeiten. Das war kompliziert. Die Gruppen arbeiten hochgradig konspirativ. Wir mussten uns Tarnidentitäten zulegen. Zeitweise haben wir pro Person mit fünf verschiedenen Identitäten jongliert. Die Wilderer-Szene setzt sich aus Menschen zusammen, die sich mit großer Energie und Zeit einer Leidenschaft widmen und damit zum Teil enorme Expertise besitzen. Ein solches Wissen ist schwer in sechs Monaten oder einem Jahr zu erlangen. Wir mussten Legenden entwickeln, die auch jemanden glaubhaft erscheinen lassen, der vielleicht nicht auf Anhieb das Gefieder eines Buchfinken von dem eines Dompfaffs unterscheiden kann. Vor allem mussten wir aber dem großen Misstrauen begegnen, das in diesen konspirativen Kreisen gegenüber Fremden herrscht. Viele Informationen werden nur über persönliche Kontakte ausgetauscht. Wir haben gut ein dreiviertel Jahr gebraucht, um selbst zu Akteuren zu werden, die in der Szene akzeptiert wurden.

Unsere Recherche war ein nie enden wollender Hürdenlauf: Hatte man das eine Hindernis überwunden, stand man schon wieder vor dem nächsten. Je komplexer eine Legende ist, desto mehr Angriffspunkte bietet sie – Schwächen, die man vorher nicht sieht. Zum Teil mussten wir innerhalb weniger Stunden reagieren und komplette Stränge neu ausarbeiten und Ausfallpläne organisieren. Oft hatten wir das Gefühl, aufgeflogen zu sein oder mit unserer Recherche in einer Sackgasse zu stecken. Das Erfolgsrezept war dann weiterzumachen, solange zu bohren, bis man endlich durchbricht. Wir haben nicht aufgegeben.

Wir haben im Laufe der Recherche das Gefühl entwickelt, dass die deutschen Behörden bei der Wilderer-Problematik schnell wegsehen. Diese Form der Umweltkriminalität wird oft als Kleinigkeit abgetan. Oft sind die Strafen zu lax, es fehlt an geschultem Personal bei Justiz und Polizei. Trotzdem haben wir bei unserer Recherche sehr gute Mitarbeiter bei den Behörden kennengelernt, leidenschaftliche Menschen, die nicht nur mit ihrer Arbeitszeit hinter dem Artenschutz stehen und die viel riskieren, um diesen gut organisierten Netzwerken zu begegnen.

Allerdings fällt es Kriminellen leicht, durch Löcher in der staatlichen Kontrolle zu schlüpfen. Wildfänge werden scheinbar legalisiert und unter Ausschluss der Öffentlichkeit auf Schwarzmärkten verkauft. Und auch das wollen wir mit unserer Recherche deutlich machen: Wir reden bei der heimischen Tierwelt von einem Erbe, das für uns und für kommende Generationen bewahrt werden muss.

Wir sind der Ansicht, dass die Maschen im Netz enger gezogen werden müssen. Das geht über Personal, Geld und Gesetze. Und zwar auf allen Ebenen. Bei der Entnahme in der Natur, aber vor allem beim Handel.

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CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!

Denn die Sammler im Markt bestimmen die Dynamik. Sie treibt eine Leidenschaft an, die schwer nachzuvollziehen ist. Für sie ist es eine Befriedigung ein Tier zu besitzen, dass in der Natur nur noch sehr selten vorkommt, wie ein Sammler, der Briefmarken oder Comichefte hortet. Nur sind Tiere etwas anders, es sind Lebewesen, die frei in der Natur leben sollten.

Es ist wie eine Sucht: Wer ein gewildertes Tier besitzt, will mehr davon haben. Die Dealer wissen das – und schlagen aus der Sucht ihren Profit.

Wir glauben, wer mit Wildfängen skrupellos wilde Arten bedroht oder sogar auslöscht, ist nicht nur ein eiskalter Verbrecher, er ist auch ein knallharter Geschäftsmann.


Wir laden zu einem exklusiven Preview unserer ersten Dokumentation ein.

Am 30. Juli zeigen wir den Film vorab in unserem Berliner Büro, Singerstr 109, 10179 Berlin.

Beginn ist um 19:00 Uhr.

Im Anschluss werden wir mit Tierschützern und Experten aus dem Bereich Artenschutz über die Wilderei in Deutschland diskutieren. Moderiert wir die Veranstaltung von CORRECTIV-Chefredakteur Markus Grill.

Im Anschluss an die Diskussion gibt es kalte Getränke.

Wir bitten um eine kurze Anmeldung per E-Mail an: events@correctiv.org

Reptilien 4 europ. Sumpfschildkröten, emys orbicularis, ein Gutachter bezeichnete sie als eindeutige Wildfänge

Tierdiebe

Die Tierdiebe

Wilderer fangen in Deutschland Rotbauchunken, Alpensalamander und Buchfinken. Sie fälschen Zuchtpapiere und verkaufen die Tiere in alle Welt. Um ihnen auf die Schliche zu kommen, haben wir das „German Reptile Paradise” gegründet, einen fiktiven Reptilienpark in den USA, der deutsche Tierarten sucht. Und tatsächlich: Schon bald melden sich zwei berüchtigte Händler und bieten uns Reptilien an, ein Vogeldieb folgt. Alle Treffen haben wir mit versteckter Kamera gefilmt.

von Bastian Schlange

Die Fakten

  • Ermittler gehen von zehntausenden Tieren aus, die jedes Jahr unbemerkt von der Polizei gehandelt werden. Es ist ein Schwarzmarkt auf dem mit heimischen Arten Millionen Euro umgesetzt werden.
  • Bundesweit sind rund 400 Kontrollbehörden für den Artenschutz zuständig. Eine enge Vernetzung zwischen den Stellen besteht nicht, dem Personal fehlt häufig die fachliche Schulung.
  • Bei Vergehen gegen den Artenschutz nach §§ 71 und 71 a des Bundesnaturschutzgestzes kann eine Höchststrafe von bis zu 5 Jahren verhängt werden. Das ist in den letzten drei Jahrzehnten in Deutschland kein einziges Mal vorgekommen.

Stefan R. ist der bekannteste Reptilien-Dieb Deutschlands. Jahrelang stehlen er und seine Helfer Salamander, Eidechsen, Unken, selbst die seltensten Arten aus der Natur. Ende der 1990er Jahre verschwinden in Mecklenburg-Vorpommern die letzten dort lebenden Sumpfschildkröten. Stefan R. bietet später in Annoncen „schöne adulte Tiere aus Freilandhaltung“ an, Herkunft Meck-Pomm. Untersuchungen seiner Schildkröten lassen auf heimische Wildtiere schließen.

Innerhalb von elf Jahren verkauft Stefan R. rund 10.000 heimische Reptilien und Amphibien, angeblich legal gezüchtet. In einem einzigen Jahr deklariert er gut 3000 Tiere als eigene Nachzuchten, 600 Laubfrösche, über 300 Rotbauchunken, hunderte Bergmolche, Zauneidechsen und Feuersalamander. Kann ein einzelner Züchter solche Mengen aufziehen? Biologisch betrachtet völliger Irrsinn.

Tatsächlich beobachten Tierschützer Stefan R., wie er mit Plastiktüten voller Smaragdeidechsen durch den Kaiserstuhl bei Freiburg schleicht. Auswertungen seiner SMS belegen, dass er in Mecklenburg-Vorpommern regelmäßig Tiere ordert, Arbeitslose in Feuchtgebiete schickt und sie dort Kröten, Frösche, Echsen fangen lässt. Meist bekommt er die Tiere per Post. In normalen Paketen, ohne Nahrung oder Wasser, mit teils verheerenden Todesraten. Die Behörden winken trotzdem jahrelang durch, was Stefan R. meldet.

Stefan R. wohnt in Hamm. Vier Mal im Jahr wird dort die Terraristika abgehalten, die größte Reptilienmesse der Welt. Tausende Händler und Züchter reisen an – bringen gutes Geld in die Kassen der Kleinstadt.

Erst nach einem Scheinkauf durch eine verdeckte Ermittlerin zieht sich 2010 die Schlinge um Stefan R. zu. Das Amtsgericht Dortmund verurteilt ihn zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung und erteilt ihm ein dreijähriges Berufsverbot. Wobei am Ende nicht die tausendfache Wilderei das Urteil begründet. Stefan R. wird, wie so viele Kriminelle vor ihm, hauptsächlich wegen Steuerhinterziehung verurteilt. Rund 40.000 Euro hatte er am Fiskus vorbeigeschleust.

Wir wissen: Stefan R. hat nie aufgehört, mit Reptilien und Amphibien zu handeln. Er machte trotz Verurteilung weiter. Bis heute. Als Teil eines Netzwerkes, in dem sich Händler gegenseitig heimische Tiere zuschieben, einander Papiere ausstellen und dann in ganz Europa verkaufen. Kriminell und konspirativ. Zum Schaden der Natur in Deutschland. 

Was damals bekannt wurde, war nur die Spitze des Eisbergs. Dieses Mal werden wir tiefer tauchen.

Die Falle

Wie dringt man in ein kriminelles Netz ein? Wie schafft man Vertrauen? Wie erwirbt man sich die notwendige Expertise, Detailwissen über heimische Arten, Haltung und Zucht?

Ganz einfach – gar nicht. Man lässt die Wilderer zu sich kommen, stellt eine Falle für die Fallensteller und wartet, bis sie hineintappen. Stellt einen Honigtopf auf, so randvoll mit Geld, das sein Glanz sie jede Vorsicht vergessen lässt.

Unser Honigtopf: das German Reptile Paradise in Pennsylvania. Ein fiktiver Reptilienpark in den USA. Die Legende: Ein reicher, deutschstämmiger Geschäftsmann will sich einen Jugendtraum erfüllen und den Amerikanern die faszinierende Welt deutscher Lurche, Frösche und Schlangen nahe bringen. Darum sucht das German Reptile Paradise nun schwer zu züchtende Tiere aus der Deutschlands Natur: hunderte Unken, Salamander und Echsen. Insgesamt über 2000 Tiere, Mengen, wie sie damals Stefan R. gehandelt hat, aber in legalen Zuchten niemals zu bekommen sind. Marktwert: an die 100.000 Euro. Unsere Suche ist eine Provokation für die Szene. Wer sich bei uns meldet, will schnelles Geld und scheißt auf den Naturschutz.

An dieser Stelle muss ich mich vorstellen. Gestatten: Bastian Bayer, Repräsentant des Reptilienparks, in Deutschland zuständig für den Ankauf der Tiere. Das ist zwar nicht nicht mein richtiger Name, und ich kenne mich auch nicht mit den Viechern aus, aber ich war mit dem Sohn des Park-Gründers auf der Uni in Berkeley, Sie wissen ja, wie so was läuft  …

Am 29. Januar 2015 schalten meine Kollegen und ich die Internet-Seite www.germanreptileparadise.com frei. Wir haben eigens ein Maskottchen für den Park entworfen – „Lizbert Lizard“, eine freundliche, grüne Eidechse, haben einen Grundriss des Geländes und der Gehege zeichnen lassen und eine Seite auf Facebook eingerichtet. Pressemappe, Flyer, Pappaufsteller, Sticker: eine komplette Corporate Identity. Wir schalten Annoncen im Internet und verschicken Info-Material an Reptilien-Händler. Man kann uns gar nicht übersehen.

Wenige Tage später brennen die Reptilien-Foren. Naturschützer echauffieren sich. „Hier kann man nur hoffen, dass diese Tiere nicht in der freien Wildbahn entnommen werden, von Leuten, die hier das große Geschäft sehen“, ätzt ein Umweltschützer. Ein anderer tobt: „Und woher sollen diese Stückzahlen kommen? Mit Sicherheit nicht aus Nachzuchten. Ein ziemlich unseriöses Vorhaben!“

Selbst die Behörden schalten sich ein. Bei der Kripo Dortmund ergeht Strafanzeige gegen das German Reptile Paradise. Das Landratsamt Fürstenfeldbruck alarmiert das Bundesamt für Naturschutz. Michael Müller-Boge, der dort die Rechtsabteilung leitet, kontaktiert mich, beziehungsweise Bastian Bayer, und droht mit Anzeige, wenn wir die Seite im Netz lassen. Weil wir mit der Anfrage angeblich Wildentnahmen provozieren, also zu Straftaten aufrufen, was bereits selbst eine Straftat sei. Wir nehmen die Stückzahlen von der Seite – zwei Wochen wurden sie gesehen und diskutiert, das reicht – und betonen nun ausdrücklich, dass wir nur legale Nachzuchten kaufen. Das Bundesamt ist beruhigt, Müller-Boge stellt sogar ausdrücklich in einer Rundmail heraus, dass unser Projekt „leider ernst gemeint ist“ – ein besseres Empfehlungsschreiben hätten wir uns kaum wünschen können.

Die Legende funktioniert. Und nicht nur bei den Gutmeinenden. Auch bei jenen, die seit langem im Verdacht stehen, sich hemmungslos in der deutschen Natur zu bedienen.

Eine verdächtige Mail

Keine Woche ist vergangen, da schreibt ein gewisser Oliver B. eine erstaunliche Email. Er stellt uns in Aussicht, das Artenspektrum des Reptilienparks quasi im Alleingang zu bestücken.

„Hallo, kann Ende Februar die Molche liefern, Berg-, Teich-, Faden-, und Kammmolche sowie Feuer- und Alpensalamander. Ende März / Anfang April Laubfrosch, Gelb- und Rotbauchunken, Wechsel-, Kreuz- und Knoblauchkröte. Die Zaun-, Wald-, Mauereidechse und Smaragdeidechsen Mitte April / Anfang Mai. Viele Grüße.“

Oliver B. – auf den Namen sind wir bei unserer Recherche immer wieder gestoßen. Regelmäßig inseriert der Händler aus Paderborn heimische Arten, häufig bietet er erwachsene Tiere an. Was sehr ungewöhnlich ist. Denn: Warum sollte ein Züchter gerade jene Tiere verkaufen, die er eigentlich braucht, um neue Nachkommen zu produzieren?

Das Angebot, das er uns nun macht, ist in vielerlei Hinsicht dubios. Das breite Artenspektrum, der Lieferzeitpunkt, den er vorschlägt. Im Frühjahr hat man keine aktuellen Nachzuchten, die kommen erst im Spätsommer. Aber es ist die Zeit, in der Tiere aus der Winterstarre erwachen und leichte Beute für versierte Fänger sind.

Oliver B. ist vorgemerkt. Und noch jemand rückt ins Visier: der Reptilienhändler Andreas K., seit drei Jahrzehnten im Geschäft, ein alter Hase, der vermeintliche König der Szene – so stellt er sich jedenfalls am Telefon dar. Von ihm will ich mehr darüber erfahren, wie das Geschäft mit den heimischen Arten läuft. Auf nach Enger!

Ein König ohne Thron

Enger, Ostwestfalen, plattestes Land, Felder, Bauernhöfe, 20.000 Einwohner, ein Hallenbad. Der Terraristik-Laden von Andreas K. mitten im Ort ist von außen kaum zu erkennen. Bastmatten decken die Schaufenster ab, Plastikboxen stapeln sich dahinter. Im Laden ist es schwülwarm, ein einziges großes Terrarium, in dem sich die abgestandene Luft modrig auf die Zunge legt. Lampen brummen, und Echsen huschen schemenhaft hinter Glasscheiben.

Überschwänglich begrüßt mich Andreas K. Shorts und Trekkingsandalen, langes, dünnes Haar, Hornbrille – ein in die Jahre gekommener Sunny- und Surferboy, ein Charismatiker und Selbstdarsteller. Glaubt man seinem fast zweistündigen Monolog, dann ist er die Spinne in einem weltumspannenden Handelsnetz. Tiere kommen aus Neuseeland oder Malaysia, gehen nach Prag oder Barcelona. Unmengen, alles über ihn. Er kenne die Großen, die Wichtigen, Zoll, BfN, Steuerfahndung, national, international. In einem fort betont er, wie sehr man darauf achten müsse, dass alles legal zugehe. Und dann erwähnt er auch, dass Oliver B. ihm regelmäßig zuarbeite.

Ich horche auf, er redet weiter.

„Wie stellst du dir das alles vor?“, fragt Andreas K.. „Wie willst du überhaupt erkennen, ob die Viecher legal sind?“

„Hmm“, brumme ich – wie ein Schuljunge auf der Strafbank.

„Mmhmm“, äfft er mich nach. „Natürlich weißt du das nicht! Woher auch? Wenn ich dir jetzt sage: Komm, ich schreib dir Papiere für ‘nen Kumpel, wie willst du dann sagen, das stimmt nicht? Das sind alles die alten Tricks. Ey! Wenn ich türken will, wenn ich bescheißen will, dann nehme ich jetzt so ein Papier und dann schreib ich das! Nicht Absender ‚ich‘, sondern Absender ‚Sandra Vergiss-mich-mal‘. Wohnhaft ‚Apfelstraße-Ecke-Abgebissen‘. Trallala. Und dann sieht das so richtig echt aus! Da steht alles drauf. Aber weißt du was das ist? Klopapier!“

„Und was ist mit den Behörden?“, frage ich.

„Prüfen die eh nicht. Solange du die Tiere zuhause hast, prüft keiner. Dann passiert dir auch nichts.“

Nur beim Export müsse man verdammt aufpassen, sagt er, da würden die Papiere geprüft. Er hätte auch schon die Behörden im Haus gehabt. „Mit das Größte, was illegal ist, sind der Tierhandel und der Drogenhandel. Sind beide gleich. Vor ein paar Jahren ist einer fast in den Knast gegangen. Stefan R. Kommt aus Hamm. Hat ganze Populationen ausgelöscht. In Brandenburg gibt es, glaube ich, fast keine weibliche Smaragdeidechse mehr, die haben die alle verscheuert.“

Ich schüttle ungläubig den Kopf, als ich den Namen des vorbestraften Wilderers höre. Obwohl ich genau weiß, wovon Andreas K. redet. Zwischen 2006 und 2009 brachen die Populationen von Brandenburgischen Smaragdeidechsen um fast 90 Prozent ein – allerdings nur in Feuchtgebieten, die bekannt und gut zugänglich waren, wie eine Studie des Landesumweltamtes belegt. Hauptsächlich verschwanden damals die Weibchen. Es war die Blütezeit von Stefan R.

Ich fahre ab. Andreas K. und ich verabreden, dass ich den Transport und die Flüge in die USA organisiere. Dann können wir ins Geschäft kommen.

Die Falle ist gestellt, die Händler haben angebissen. Oliver B. will uns Tiere verkaufen, Andreas K. ebenfalls.

Und sogar Stefan R.. Wahrscheinlich. Über einen holländischen Züchter aus seinem Netzwerk besorgen wir uns seine Handynummer und rufen ihn kurz vor Pfingsten an. Er sagt, er könne Smaragdeidechsen liefern, hochträchtige Weibchen, 80 Euro das Stück. Nach den Feiertagen will er sich wieder bei uns melden.

Zeit, abzuwarten. Zeit, sich einer anderen Branche zuzuwenden – und ins Dickicht der Vogelfänger vorzudringen.

Der Vogeldieb

Das erste, das an Horst D. auffällt, ist sein dickes, graues Haar, beeindruckend voll für einen 76-Jährigen, fast wie eine Federhaube zur Balzzeit. Überhaupt ist er eine imposante Erscheinung, dieser Horst D., ein ehemaliger Sportler, kräftig und groß, der mittlerweile mit den kleinen Schritten eines alten Mannes durch das Leben schlurft und sich unentwegt die Hände reibt. Vermutlich Gicht. Andernfalls wäre es die typische Geste eines geldgierigen alten Knackers.

Bei den Vögeln ist die Sache genauso klar wie bei den Reptilien und Amphibien: Es ist verboten, wild lebende Tiere zu fangen. Punkt. Ganz gleich, ob die jeweilige Art vom Aussterben bedroht ist oder nicht. Man darf der Natur diese Tiere nicht entnehmen. Ausschließlich Tiere, die in Gefangenschaft geboren und aufgewachsen sind, dürfen mit besonderen Nachweisen gehalten und verkauft werden. Jegliche Bestandsänderung eines Halters, sei es durch Käufe oder Nachzuchten, muss bei der jeweiligen Behörde an-, um- und abgemeldet werden.

Das ist die Theorie. In der Praxis greift das nicht immer. Erfasst und überprüft werden die Papiere von den Naturschutzbehörden auf Kreisebene, bundesweit sind das an die 400 Kontrollbehörden. In vielen Ämtern kennen sich die zuständigen Beamten nicht gut genug mit der Materie aus, Austausch zwischen den verschiedenen Behörden findet kaum statt, so dass selten abgeglichen wird, was in dem einen Kreis ab- und in dem anderen angemeldet wird. Mit etwas krimineller Energie können so über zwei gemeldete Nachzuchten, werden sie nur in verschiedene Kreise verkauft, mit Leichtigkeit ein Dutzend Tiere legalisiert werden.

Bei Vögeln gibt es immerhin den Vorteil, dass die Tiere einen Ring tragen müssen. Wer erwachsene Vögel nachträglich beringt, begeht Urkundenfälschung. Wer unberingte Vögel verkauft, verstößt gegen das Naturschutzgesetz.

Um in die Tiefen des illegalen Vogelhandels abzutauchen, docken wir uns zum Schein an die italienische Vogelfänger-Szene an. Meine Freundin ist Italienerin, wir haben eine zwei Monate alte Tochter. Die Legende: Mein Schwiegervater ist ein bekannter Vogelfänger aus Norditalien und stinksauer, dass ich mich an seiner Tochter vergangen habe. Um die Sache mit la famiglia gerade zu biegen, soll ich ihm in Deutschland Vögel beschaffen, die er, wenn sich die Tiere im Herbst auf die Reise machen, als Lockvögel für seine Fallen einsetzen will. Berg- und Buchfinken hat er bestellt, Wacholderdrosseln und Wiesenpieper, eine lange Auftragsliste. Ich mache mich auf die Suche.

Abonniere Fachzeitschriften, gehe auf Messen, durchforste den Anzeigenmarkt. Über ein Onlineforum gelange ich bald zu Bernie, „Bernie aus dem Ruhrpott“, wie er sich auf seiner Internetseite vorstellt. Sein Name fiel auch auf einer Vogelmesse in Hamm, er habe dort Standverbot, weil er mit illegalen Tieren handelte.

Als ich mit Bernie telefoniere, winkt er ab, er habe vor Jahren aufgehört. Und rät: „Frag den Horst. Wenn dir einer weiterhelfen kann, dann er. Horst ist unser Waldvogelpapst.“

Ich stutze, muss ein zweites Mal nachfragen.

„Na, beim Horst. Horst D. aus Bottrop“, wiederholt Bernie. „Der hat Tiere.“

Horst D. ist der berüchtigtste Vogeldieb Deutschlands. 2012 fand die vorerst letzte Razzia bei ihm statt. Ermittler stellten 150 Vögel sicher, untergebracht in 20 Volieren. Ebenso sein akribisch geführtes Geschäftsbuch. 100.000 Euro hatte Horst D. in fünf Jahren als Reingewinn verbucht. Mit Blaumeisen, Kleibern, Buchfinken, Gimpeln und Stieglitzen. Im April 2015 wird er in 111 Fällen schuldig gesprochen, besonders geschützte Vögel zum Weiterverkauf gefangen zu haben. Das Urteil: ein Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung und die Zahlung von 100.000 Euro.

Und jetzt soll Horst D., Wochen, nachdem das Urteil gegen ihn rechtskräftig geworden ist, erneut mit Vögeln handeln? Wird er erwischt, droht ihm Knast. Warum sollte er das Risiko eingehen?

Ich rufe ihn an. Der Satz: „Bernie hat mich geschickt“, genügt als Türöffner. Die ungewollte Schwangerschaft, der zürnende Schwiegervater reichen als Tarnung, um vor ihm als Laie zu bestehen. Nach nicht einmal einer Minute will D. wissen, was für Vögel ich denn suche. Nach höchstens drei Minuten fragt er: „Müssen die Tiere beringt sein?“

Ich schlucke, blähe meine Wangen und puste lautstark in den Hörer. „Keine Ahnung. Aber ehrlich gesagt, kann ich mir nicht vorstellen, dass das meinen Schwiegervatta da unten wirklich interessiert.“

Wir verbleiben: Ich halte Rücksprache mit der italienischen Sippe, D. schaut sich nach Vögeln von unserer Liste um.

Ringe?

„Naja, da kann man noch über alles reden“, sagt er.

Zwei weitere Telefonate, und unser Deal steht. Wir verabreden den Ankauf für Ende Mai, wenn der Schwiegerpapa angeblich zu Besuch ist, um seine Enkeltochter zu sehen.

Jetzt brauchen wir nur noch einen italienischen Vogelfachmann. Über das „Komitee gegen Vogelmord“, einer in ganz Europa aktiven Naturschutzorganisation, gelangen wir an Massimo, einen italienischen Jagdaufseher. Er ist bereit, uns zu helfen, wir lassen ihn nach Dortmund einfliegen. Massimo spricht ausschließlich italienisch. Bei der Lagebesprechung am Vorabend in der CORRECTIV-Redaktion ist meine Freundin dabei, sie wird für Massimo übersetzen. Unsere Tochter quiekt in ihrem Schalensitz. Die Fake-Familie ist komplett.

Am nächsten Morgen brechen wir auf. Horst D. wohnt in Bottrop-Kirchhellen, einem der feineren Teile der Stadt, schickes Haus, großer Garten, in der Doppelgarage parken ein BMW und ein Mercedes. Gute Grundausstattung für einen Frührentner.

Horst D. öffnet in Schlabberjeans und Puschen, bittet uns durch die Garage herein. Beim zweiten Wagen bleiben wir stehen, Gezwitscher und wildes Geflatter. Auf einem Holzbrett an der Wand stehen fünf kleine Käfige, in denen Vögel aufgeregt umherspringen. Buchfinken, unberingt, das Paar zu 55 Euro.

„Beringt wären sie etwas teurer“, sagt Horst D. und hebt einen der Käfige an, zeigt auf den kleineren der beiden Vögel.

„Der junge Buchfink hier wird noch vom Hahn gefüttert.“ Von seinem Vater also, dem größeren der beiden. „Sehen Sie, der hat nur einen Fuß, der andere ist halb ab.

Massimo fragt nach: „E la mamma?“

„Da muss was passiert sein.“ D. zuckt mit den Schultern. „Sonst hätte der Hahn auch noch beide Füße. Irgendwas in der Natur.“

Als Ermittler 2012 das Haus von Horst D. untersuchten, finden sie auf einer Arbeitsbank im Keller eine Heißluftpistole und Werkzeug, mit denen man Ringe erhitzen und erweitern kann. Um sie ausgewachsenen Vögeln nachträglich überzuziehen. Wenn das schief geht, fehlt schnell mal eines der millimeterdünnen Beinchen. Eine typische Beringungsverletzung.

Im Garten dann das nächste Vogeldrama. Ein weit verzweigtes Netz von Volieren. In zweien davon züchtet Horst D. Kanarienvögel und Kamingimpel. Dazwischen flattern Dompfaffen, das Paar 90 Euro; unberingt, wir kaufen sie. In einem kleinen Käfig auf der Wiese hockt ein junger Star. Massimo zeigt auf den Kasten, an dem von außen zwischen den Gitterstäben Holzstangen angebracht sind. Meine Freundin übersetzt.

„Mein Vater möchte wissen, warum da Stangen von außen dran sind.“

„Der Alte kam immer, und da hab ich das hierhin getan.“ Horst D. zieht eine der Sitzstangen gerade und steckt sie wieder fester zwischen die Stäbe. „Und dann ist der Alte da drauf gegangen und hat den Jungen gefüttert.“

Horst D. lächelt wie ein alter Mann, der zu Halloween vergiftete Süßigkeiten verteilt. „Aber jetzt frisst er selbst.“

Ein junger Star im Käfig. Von außen stecken Sitzstangen zwischen den Gitterstäben, damit das Vatertier von außen den Jungvogel weiterhin füttern kann.

Junger Star — die Stäbe von außen wurden für das Vatertier angebracht.

CORRECTIV

Ich bin fassungslos in Gegenwart von so wenig Unrechtsbewusstsein. Warum hängt er nicht gleich ein Schild an den Käfig? „WILDFANG!“ Der kleine Star, zu jung, um sich selbst zu ernähren, anscheinend im eigenen Garten gefangen, und der Vater kommt noch immer, um sein Junges durch die Gitterstäbe zu füttern. Als sich Massimo und Horst D. später im Wohnzimmer mit Hilfe von Vögelbüchern, vielen Bewegungen und ein paar Hilfen meiner Freundin verständigen, sagt D.: „Es ist auch gerade eine schlechte Zeit, um viele Vögel zu kaufen. Alle brüten, da fängt man die nicht gerne weg.“

Wir kaufen insgesamt 17 Vögel, alle unberingt, für 435 Euro. Einem Buchfinken zieht er vor uns einen Ring drüber. Beim nächsten Mal, wenn er etwas mehr Zeit habe und wir ihm italienische Ringe schicken, könne er sie uns auch alle beringen, sagt er.
 

Als wir gehen wollen, zieht Horst D. uns zu einer Hecke bei seinen Volieren und greift hinein. Eine wütend schimpfende Amsel schießt aus dem Gebüsch. Horst D. zieht seine Hand zurück und hält darin einen nackten Jungvogel, höchstens ein paar Wochen alt. Er zeigt ihn uns mit sichtlicher Freude, und setzt ihn wieder zurück.

Wir verabschieden uns. 

Die gekauften Vögel übergeben wir an Axel Hirschfeld vom Komitee gegen Vogelmord. Er sagt: „Die Tatsache, dass der Händler trotz Strafverfahrens weiter macht, versteht kein normaler Mensch. Es zeigt, wie geldgierig der Mann ist. Weil das ist der einzige Grund sein kann, warum er die Vögel weiter verkauft. Mit Tierliebe hat das rein gar nichts zu tun.“

Wir informieren die Behörden. Am 24. Juni stürmen zwei Polizisten, mehrere Vertreter des Verterinäramtes und Jürgen Hintzmann von der Stabsstelle für Umweltkriminalität NRW das Haus von Horst D. Sie finden im Garten ausgelegte Netzfallen, tragen unberingte Waldvögel in Säcken vom Grundstück.

Hintzmann sagt, der Fall von Horst D. sei der größte bekanntgewordene Fall eines Vogelfängers in Deutschland. Nun muss sich Horst D. erneut vor Gericht verantworten. Nach Ende der Recherche haben wir Horst D. mit den Vorwürfen konfrontiert. Er hat keine der an ihn gestellten Fragen beantwortet.

Der Ankauf

Reptilien-Händler sind ungleich vorsichtiger. Sie würden niemals am Telefon zugeben, dass sie mit illegal gefangenen Tieren handeln. Warum auch? Bei Unken, Echsen oder Salamandern ist es kaum möglich, Zucht- von Wildtieren zu unterscheiden. Die Papiere, die sich die Händler gegenseitig ausstellen, und die dann von den Ämtern durchgewunken werden, sind den Tieren nicht individuell zuzuordnen. Nur ein Gen-Test kann wirklich Aufschluss darüber geben, woher ein Tier stammt. Aber wer macht sich bei Kleintieren schon solche Mühe?

Nun folgt auch hier der nächste Schritt: Wir versuchen, zum Schein einige Arten anzukaufen.

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Stefan R. springt ab. Obwohl uns der verurteilte Wilderer noch vor den Feiertagen zugesagt hatte, Smaragdeidechsen zu liefern, macht er plötzlich einen Rückzieher. Die Ausrede ist fadenscheinig. „Der Olli“, für den er angeblich die Tiere verkaufen würde, habe keine mehr. Der Olli? Ja, der aus Paderborn, sagt Stefan R.

Wir erinnern uns und kontaktieren Oliver B. – der uns vor Wochen jene schmerzfreie Email geschickt hatte, mit der er den halben Park bestücken konnte, und zufällig aus Paderborn kommt. Aktuell inseriert er Smaragdeidechsen, aber auch Alpensalamander. Auf die zielen wir. Oliver B. antwortet prompt. Als Ort der Übergabe schlägt er einen McDonald’s- Parkplatz in Hamm vor. Frühmorgens um halb sieben. Danach wolle er weiter fahren auf die Terraristika, wo er regelmäßig einen Stand angemietet hat.

Die weltgrößte Reptilienmesse.

Warum wir den Kauf nicht dort machen können?

Weil es, sagt Oliver B., auf der Reptilienbörse „zu warm und zu stressig“ für die Tiere sei.

Um kurz vor halb sieben biegt Oliver B. in seinem dunkelblauen Kombi auf den Parkplatz. Er ist sicher einsneunzig groß und drei Zentner schwer, ein Bauch wie zwei Bierkästen. Auf Mitte 40 schätze ich ihn, er hat einen grauen Vollbart und rote Pausbacken. Auf den ersten Blick wirkt er wie ein liebes Bärchen in XXL, aber so recht will ich nicht mit ihm kuscheln. Irgendetwas lässt ihn hinterfotzig und falsch erscheinen, was ist es nur?

„Olli“, stellt er sich vor.

„Bastian.“

Wir reichen uns die Hände.

Er holt eine weiße Styroporbox aus seinem Kofferraum, bringt sie zu unserem Wagen, stellt sie auf die Rückbank, öffnet sie. Kühlelemente sind darin, Zeitungspapier und zwei kleinere Plastikboxen mit Moos, vielleicht 10 mal 10 Zentimeter groß. In jeder krabbeln zwei Alpensalamander. Faszinierende Tiere, pechschwarz, viel zierlicher als Feuersalamander. Als mir eines der Tiere vorsichtig auf die Hand kriecht, fühlt es sich an, als würden die feucht-klebrigen Patschehändchen meiner Tochter nach Halt suchen.

Alpensalamander stammen, der Name sagt es, aus den Alpen und sind in der Terraristik-Szene etwas Besonderes. In einem Salamander-Forum schreibt ein „Philip“: „Es ist extrem schwer, an echte Nachzuchten heran zu kommen, und ohne die richtigen Kontakte nahezu unmöglich. Hin und wieder werden Alpensalamander für viel Geld im Internet angeboten, aber ob diese Tiere wirklich Nachzuchten sind, sei dahingestellt.“

„Die sind in Paderborn gemeldet, die melde ich da auch wieder ab“, sagt Oliver B. Da müsse er ganz genau sein. „Mit den Strafgeldern sind die immer ganz schnell dabei. Da habe ich auch schon viel Lehrgeld zahlen müssen.“ Fünf bis sechs Mal im Jahr würden sich die Behörden bei ihm zur Kontrolle anmelden. Er sagt, er habe noch mehr Alpensalamander, seine Stammtiere bei sich zuhause, den Rest auf vier oder fünf Freunde verteilt.

Ich erzähle ihm von einem Ukrainer, der mir – tatsächlich – angeboten hat, lasterweise Eidechsen und Salamander aus dem Osten zu liefern. Wildfänge. Ohne Papiere.

„Ach, wenn du jemanden hast, den sie noch nie auf dem Kieker gehabt haben“, sagt Oliver B., „und der hat ein großes Freilandterrain – wenn der 300 Zauneidechsen-Babys anmeldet, dann geht das so durch.“

„Der muss dann nur Elterntiere haben?“

„Ja. Wenn der Elterntiere hat, dann klappt das mit dem Anmelden.“

So hat es Stefan R. damals auch gemacht. Zwei angemeldete Elterntiere, die dann Hunderte von Wildfängen legalisieren, weil alle als deren Nachkommen deklariert werden. Der „Züchter“ schreibt einfach irgendetwas in die Papiere, die Behörden nicken es ab. So hat es auch Andreas K. erklärt.

Ich frage, wie wir in Zukunft weiter arbeiten werden. Schließlich brauche der Park noch mehr Tiere. Auch in den kommenden Saisons.

„Was wir machen können“, sagt Oliver B., „ist, von jeder neuen Art erst einmal zwei Probeexemplare im Flieger zu schicken, und wenn das dann gut ist, sind die einmal beim Zoll abgehakt. Dann ist der Rest nur Formsache. Da gucken die später nur: Aha, die Tiere sind von den gleichen Elterntieren wie letztes Mal auch – da geht das dann wieder durch. Bei den Eidechsen und bei den Molchen habe ich eh nicht so viel Bange, weil ich schonmal nach Schweden öfters was rausgebracht habe. Das ist damals auch über den Andreas gelaufen.“

Andreas K.? Den vermeintlichen Reptilien-König aus Enger?

Genau der. „Ich liefere bei ihm auch Tiere an“, sagt Oliver B. „Er macht halt viel mit dem Ausland, da komme ich an die Leute nicht so ran. Da ist es doch besser, er verdient noch ein paar Euro extra.“

Interessant. Oliver B. hängt also nicht nur mit Stefan R. zusammen – sondern auch mit Andreas K. Ein Netzwerk zeichnet sich ab.

Oliver B. will mir seine Preisliste per Mail schicken, ich bekomme sie zwei Wochen später. Junge Zaun- und Smaragdeidechse – 25 Euro. Geburtshelferkröten – 60 Euro. Ausgewachsene Gelbbauchunken – 40 Euro.

Für die vier Alpensalamander verlangt er 1000 Euro. Das Doppelte des Marktpreises – als persönliche Rückversicherung, wie er sagt. 500 Euro, um sein Vertrauen zu kaufen. Entblößend, wie er sich die dicken Lippen leckt, während ich die Fünfziger und Hunderter abzähle.

Auf den Papieren, die Oliver B. uns reicht, weist er die vier Salamander als seine eigenen Nachzuchten aus und führt sie auf zwei Elterntiere zurück. Wir werden den genetischen Gegencheck machen – unsere Rückversicherung – und dann mal sehen, wer hier am Ende oben liegt.

Auch bei Andreas K., dem vermeintlichen König der Branche, kaufen wir ein, vier Sumpfschildkröten für insgesamt 380 Euro. Wir holen sie einige Tage später in Enger ab. Als ich nach Stau und Feierabendverkehr um kurz nach 18 Uhr seinen Laden betrete, sitzt Andreas K. zurückgelehnt in der tropischen Schwüle seines Arbeitsplatzes und genehmigt sich inmitten der Eidechsen und Frösche ein Bier. Wie einen alten Bekannten begrüßt er mich.

21 Sumpfschildkröten habe er insgesamt von einem Züchter geliefert bekommen. Ich kriege die letzten vier Exemplare. „Vom Diplom-Herpetologen und Diplom-Biologen des Zoos von San Diego und Los Angeles“, behauptet Andreas K. „Alles sauber. Andere Papiere nehme ich auch gar nicht. Ich bin ja nicht bescheuert.“

Auf den Papieren sehe ich keine Anschrift in San Diego oder Los Angeles, nur eine holländische Adresse, als Name lediglich „Vila Sanchez de Camilo“.

Die Tiere sind in einem miserablen Zustand.

Unter der Adresse findet sich im Internet ein Salsa-Club. Und ein Mann, der Terrarien verkauft.

Was sind das für Tiere?

Das Netzwerk

Der Reihe nach. Beginnen wir mit Oliver B. und den vier schwarzen Alpensalamandern.

In unseren Papieren steht, dass alle vier Nachzuchten aus dem Jahr 2013 stammen, dass sie die gleichen Eltern haben. Ein Weibchen, vier Nachkommen – eine biologische Unmöglichkeit. Um Schwierigkeiten mit dem Zoll und Transport auszuschließen, reicht Oliver B. Unterlagen nach, schickt uns die Dokumente der vermeintlichen Eltern. Nun sind es plötzlich drei Elterntiere, ein Männchen und zwei Weibchen. Demnach wären unsere Exemplare Stiefgeschwister.

Wir haben die Verwandtschaftsverhältnisse genetisch überprüfen lassen. Keiner der Salamander ist direkt miteinander verwandt, sie haben keine gemeinsamen Elterntiere.

Die Papiere sind falsch.

Die nächste Ungereimtheit: Uns gegenüber hat Oliver B. behauptet, die vier schwarzen Salamander seien eigene Nachzuchten. Gegenüber den Behörden gibt er an, dass die Tiere, plötzlich fünf an der Zahl, aus Holland stammen, gezüchtet von einem gewissen Willy S. aus Hoofddorp bei Amsterdam.

Wir stutzen: Es ist dieselbe Anschrift, die wir unter „Vila Sanchez de Camilo“ auf den Papieren von Andreas K. finden. Willy S. liefert, welch Zufall, neben zwei Dutzend Sumpfschildkröten auch gleich noch eine Handvoll Alpensalamander an Oliver B.

Die der dann auf einem McDonald’s-Parkplatz, frühmorgens um halb sieben, weiterverkauft.

Wir wissen von insgesamt zwölf Alpensalamandern, die Oliver B. angeboten hat, höchstwahrscheinlich sind es mehr. In dieser Größenordnung, bei dieser Tierart — ein klares Indiz für Wildentnahmen.

Die Sache stinkt.

Kommen wir zu den Sumpfschildkröten, die Andreas K. verkauft hat. Laut Papieren sind es Nachzüchtungen von 2010. Norbert Schneeweiß von der der Naturschutzstation Rhinluch, Herpetologe und Leiter eines deutschlandweit einzigartigen Wiederansiedlungsprojekts für die europäische Sumpfschildkröte, kann nur mit dem Kopf schütteln.

„Diese Tiere sind zu 99,9 Prozent illegal entnommen worden. Der glatte Panzer deutet darauf hin, dass sie aus freier Wildbahn kommen. Sie sehen überhaupt nicht aus wie Nachzuchttiere. Geschweige denn, dass eines der Tiere 2010 nachgezogen sein kann. Das ist völlig unmöglich. Zwei der Tiere sind wesentlich älter, ich schätze sie auf 15 bis 20 Jahre. Bei den anderen beiden würde ich das Alter auf mindestens acht bis neun Jahre ansetzen.“

Das heißt: Auch die Sumpfschildkröten, angeblich gezüchtet von Willy S. in der „Vila Sanchez de Camilo“, Holland – sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Wildfänge.

Wer ist dieser ominöse Willi S., über den die Händler anscheinend ihre Tiere „waschen“? Wir haben uns bei holländischen Ermittlern erkundigt. Der Züchter existiert tatsächlich. Naturschutzbehörden ermitteln gegen ihn, weil er Tiere nicht artgerecht hält. In Sachen illegaler Tierhandel liegt bislang nichts gegen ihn vor. Aber auch die holländischen Behörden gehen davon aus, dass ein internationaler Händlerring existiert, in dem europäische Tiere hin- und hergeschoben, legalisiert und verkauft werden.

In Deutschland sind es die drei Großen der Branche, die eng zusammen hängen. Andreas K. mit seinen internationalen Kontakten, Oliver B., der noch legal vor den Behörden agieren kann, Stefan R., der verurteilte Wilderer. Händler und Abnehmer bestätigten uns, dass Oliver B. und Stefan R. eine enge Freundschaft verbindet und sie immer wieder gemeinsam bei Geschäften auftreten. Nach Ende der Recherche haben wir Stefan R, Oliver B. und Andreas K. mit den Vorwürfen konfrontiert und ihnen Fragen gestellt. Stefan R. und Oliver B. haben es vorgezogen, nicht zu antworten. Andreas K. teilt schriftlich mit: „Unsere geschäftlichen Verbindungen sind Interna. Auch Ihre diversen Fragen kann ich nicht beantworten. (…) Außerdem bitte ich doch, von haltlosen Unterstellungen Abstand zu nehmen.“

2014 lieferte die Lebensgefährtin von Stefan R, sie wohnt mit ihm in Hamm unter der gleichen Adresse, große Mengen Eidechsen und Kröten an Oliver B.. Der verkaufte sie zusammen mit Stefan R. binnen weniger Tage ins Ausland, nach Dänemark, England, Schweden. Ein Schwede, der einige Zauneidechsen abgenommen hatte, sagte uns gegenüber, er werde nie wieder mit den beiden Geschäfte machen. Die Tiere waren in einem schlechten Zustand, Schwänze fehlten, er war sich sicher, Wildfänge bekommen zu haben. Die Papiere bekam er erst nach etlichen Nachfragen – und dann stand nicht die Lebensgefährtin von Stefan R. als Züchterin darin, sondern Oliver B.

Mit anderen Worten: Das Wilderer-Netzwerk, von dem einst nur die hässliche Spitze, Stefan R., sichtbar wurde, ist weiter aktiv.

Keine gute Nachricht für Deutschlands Tierwelt.

 

Ein besonderer Dank geht an Jörg Lippert vom Landesumweltamt Brandenburg. Ohne seine Unterstützung wäre dieses Recherche nicht möglich gewesen. Des Weiteren danken wir für die Hilfe beim Versorgen und Unterbringen der Tiere dem Zoo Eberswalde, der Naturschutzstation Rhinluch und dem Komitee gegen Vogelmord.


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Artikelbild: CORRECTIV
Illustration: Nils Küter, Carolin Rörig
Textchef: Ariel Hauptmeier
Mitarbeit: David Schraven, Julia Brötz, Stefan Wehrmeyer, Jonathan Sachse
Recherche: Jonas Mueller-Töwe
Verantwortlich: Markus Grill

Tierdiebe

Taten und Täter

von Bastian Schlange

„Kriminalität findet immer im Verborgenen statt. Man kann ihr Ausmaß nur erahnen“, sagt Jörg Lippert vom Landesumweltamt in Brandenburg, „Aber wir wissen aus Angeboten, dass das große Mengen sein müssen.“ Lippert ist seit über 25 Jahren im Artenschutz tätig und geht von zehntausenden Tieren aus, die jedes Jahr illegal in ganz Deutschland der Natur entnommen werden. Millionenbeträge werden dabei umgesetzt.

Axel Hirschfeld vom Komitee gegen Vogelmord sagt: „Stellenweise hat der illegale Handel mafiöse Strukturen. Wenn man sich allein die Gewinnspannen anguckt, die im Handel mit geschützten Tieren in Deutschland möglich sind. Die sind teilweise so hoch wie im Drogenhandel. Dennoch ist die Chance erwischt und bestraft zu werden, für einen solchen Händler in Deutschland sehr sehr gering.“

2014 erfasste das BKA insgesamt 6.719 Straftaten gegen das Tierschutzgesetz. Verstöße gegen den Artenschutz fallen da genauso in die Statistik wie der getretene Schäferhund oder die Zuchtpute, die in ihren eigenen Exkrementen erstickt. Lippert sagt: „Viele Staatsanwälte und Richter scheuen sich, härter gegen Artenschutzkriminalität vorzugehen. Es ist für sie in der Regel eine sehr fremde Materie, da fehlt die entsprechende Einordnung.“ Bei Verbrechen nach §§ 71 und 71 a des Bundesnaturschutzgestzes kann eine Höchststrafe von bis zu 5 Jahren verhängt werden. Das sei in den letzten drei Jahrzehnten in Deutschland kein einziges Mal passiert.

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Wer sind die Käufer?

Heimische Tiere – Buchfinken, Teichfrösche, Rotkelchen – wer interessiert sich für so etwas? Sicherlich ein anderer Menschenschlag als die Käufer von Exoten. Eine Schlingnatter ist keine Boa Constrictor, ein Zeisig keine Grünwangenamazone. Heimische Tierarten gehören nicht zum grellen Mainstream, dennoch existiert eine treue und traditionsbewusste Anhängerschaft. Wir boten – neben der eigentlichen Recherche – auf einer Verkaufsplattform zum Schein Äskulapnattern und Laubfrösche an. Innerhalb eines Tages gingen bei uns zwei Dutzend Mails ein. Die Nachfrage ist größer als das Angebot – so werden heimische Arten zum teuren Gut und interessant für die Schwarzmärkte.

Hinzu kommt der Sammler-Aspekt: Ob man nun Comics, Briefmarken oder eben Echsen sammelt. Das, was selten und ungewöhnlich ist, ist begehrt. „Alle Tiere, die Raritäten darstellen, die kurz vor dem Aussterben stehen, bei denen man annehmen kann, dass es sie bald nicht mehr geben wird – das will ein Sammler haben. Das sind die blauen Mauritius“, erklärt Detlef Knuth, Direktor des Naturkundemuseums in Potsdam.

Unter seinen Exponaten landen auch immer wieder beschlagnahmte Opfer von Wilderei, so wie 7200 Eier zum Teil seltenster und mittlerweile ausgestorbener Vögel, die ein Lehrer aus Potsdam aus der Natur geraubt hatte. Der Schwarzmarktwert einzelner dieser Eier liegt bei rund Zehntausend Euro.

Artikelbild: CORRECTIV
Textchef: Ariel Hauptmeier
Mitarbeit: David Schraven, Julia Brötz, Stefan Wehrmeyer, Jonathan Sachse
Recherche: Jonas Mueller-Töwe
Verantwortlich: Markus Grill

Vögel das Finkenmanöver im Harz am 25.5.15 - die Vereine kauften ebenfalls illegale Vögel von Horst D.

Tierdiebe

Das Finkenmanöver

Der Wilderer Horst D. hat Vögel über Jahre hinweg in alle Teile Deutschlands verkauft. Er führte Buch über sein weit gespanntes Händlernetzwerk. Zu den Kunden des Vogeldiebs aus Bottrop gehörte auch ein nationales Kulturerbe im Harz.

von Bastian Schlange

Jedes Jahr zu Pfingsten treten die Finkenvereine im Harz mit ihren Vögeln zu einem traditionsreichen Gesangswettstreit an. 2014 verlieh Bundeskanzlerin Merkel dem seit 1791 ausgetragenen Wettkampf sogar den Ehrentitel „immaterielles Kulturerbe“.

„Seit 1982 durften Vögel nicht mehr gefangen werden“, erklärt Helmut Ehrenberg, der Geschäftsführer der Vereinten Buchfinkengilde Harz, die Probleme, mit denen er und seine Verbandskollegen zu kämpfen haben. „Unser Brauchtum lebt seitdem nur noch davon, dass wir Vögel aus Zuchten verwenden dürfen. Man muss sie  kaufen.“

Im Geschäftsbuch des verurteilten Vogelwilderers Horst D. aus Bottrop taucht immer wieder der Name Helmut Ehrenberg auf. Jahrelang hatten die Behörden den Vogelhändler Horst D. im Visier. Sogar auf frischer Tat mit Lebendfallen und Lockvögeln wird er auf einem Friedhof in Bottrop ertappt. Letztendlich bringt Horst D. eine Anzeige seiner Nachbarn zu Fall, die das illegale Treiben in seinem Garten beobachten.

150 Vögel stellen Ermittler 2012 bei einer Razzia auf seinem Grundstück sicher – untergebracht in 20 zum Teil gut getarnten Volieren. Die Beamten erstaunen, als sie auch ein akribisch geführtes Geschäftsbuch finden: 100.000 Euro hatte der Rentner in den vergangenen fünf Jahren allein als Reingewinn verbucht. Und das nicht mit den seltensten Arten, nein, mit Allerweltsvögeln: mit Blaumeisen, Kleibern, Buchfinken, Gimpeln und Stieglitzen.

Jürgen Hintzmann von der Stabsstelle für Umweltkriminalität NRW sagt, dies sei der größte bekanntgewordene Fall eines illegalen Vogelfängers in Deutschland. Im April 2015 wird Horst D. in 111 Fällen schuldig gesprochen. Das Urteil: ein Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung und die Zahlung von 100.000 Euro. Anstatt Einsicht zu zeigen, macht Horst D. weiter. Aufgrund unserer Recherche stürmen Beamte im Juni 2015 ein weiteres Mal das Grundstück von Horst D., finden erneut unberingte Vögel und sogar ausgelegte Fallen in seinem Garten. Gegen Horst D. wird wieder Strafanzeige erstattet.

Seit dem neuen Jahrtausend hat Helmut Ehrenberg als Vereinschef und Geschäftsführer der Buchfinkengilde nachweislich über hundert Vögel bei dem verurteilten Wilderer aus Bottrop gekauft und an seine Vereinsmitglieder verteilt. Es ist extrem wahrscheinlich, dass ein Großteil der Tiere, die Ehrenberg über zwei Jahrzehnte bei Horst D. gekauft hat, Wildfänge waren. Die Staatsanwaltschaft Essen betont, ein Fachmann, wie Ehrenberg es ist, muss manipulierte Ringe erkennen und wissen, dass er illegale Tiere kauft.

Ehrenberg sagte uns mit den Anschuldigungen konfrontiert: „Warum soll ich mir Vorwürfe machen? Der, der den Vogel züchtet und weitergibt, der ist in der Verantwortung. Nicht ich. Genau wie wenn Sie ein Auto kaufen vom Händler, dann kaufen Sie das ja auch im guten Glauben, dass da alles in Ordnung ist.“

Die Tatsache, dass über Jahrzehnte hinweg ein nationales Kulturerbe von der Wilderei eines verurteilten Straftäters gelebt hat, bezeichnet Jürgen Hintzmann als „einen erheblichen Ansehensschaden für die Buchenfinkengilde“.

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Wir fragten Ehrenberg, ob es ihn denn nicht störe, dass sein Name in den Ermittlungsakten auftaucht?

„Nee, nee. Das stört mich gar nicht.“

 

 

„Ja diesen Vogel, den muss ich haben

und wenn es gleich mein Leben kost’t.“

Aus „Finkenlied aus Stiege“

Artikelbild: Jonas Mueller-Töwe
Textchef: Ariel Hauptmeier
Mitarbeit: David Schraven, Julia Brötz, Stefan Wehrmeyer, Jonathan Sachse
Recherche: Jonas Mueller-Töwe, Markus Frenzel (Fakt)
Verantwortlich: Markus Grill

Ein Wilderer aus Botttrop verkauft aus der Natur gestohlene Tiere.© Bastian Schlange

Tierdiebe

Tierdiebe entschlossen verfolgen

Umweltkriminalität ist in Deutschland immer noch zu oft ein Kavaliersdelikt. Das muss geändert werden.

von David Schraven

Umweltkriminalität wird häufig ignoriert.  Egal, ob es um Artenschutz geht, oder um Gifteinleitungen in Flüsse.  Das muss aufhören.

Wenn Verbrechen gegen die Natur überhaupt verfolgt werden, dann oft halbherzig oder ohne das nötige Fachwissen. Straftäter können in der Regel damit rechnen, ungeschoren davon zu kommen. Es gibt kaum Abschreckung und zu selten wird Verantwortung eingefordert. Etliche Straftäter machen deswegen einfach weiter, auch wenn sie schon mal vor Gericht standen. So wie der dreiste Vogeldieb aus Bottrop aus dieser Geschichte.  

Dabei gehen uns diese Delikte alle an. Es sind keine Kavaliersdelikte. Es sind Verbrechen gegen unseren Lebenswelt, gegen unsere Zukunft. 

Das größte Problem in der Strafverfolgung liegt bei den Ermittlern selbst. Nicht in den Gesetzen. Diese sind ausreichend.

Wir haben deswegen vier Forderungen, um Umweltkriminalität effektiv zu bekämpfen.

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I. Wir fordern Stabsstelle für Umweltkriminalität

Zunächst müssen in den Umweltbehörden zentrale Einrichtungen geschaffen werden, die Umweltverbrechen überhaupt erkennen und einordnen können. In NRW existiert mit der Stabsstelle Umweltkriminalität eine solche Einrichtung im Umweltministerium. Dort arbeiten ein erfahrener Staatsanwalt und ein erfahrender Polizeibeamter. Diese helfen nachgeordneten Behörden bei der Erstellung von schlagkräftigen Anzeigen. Dieses Vorbild muss in anderen Bundesländern Schule machen.

II. Wir fordern Kommissariate für Umweltverbrechen

Heute werden in den Kommissariaten Umweltverbrechen in der Regel mit anderen Delikten zusammengefasst. Da ein Mord oder andere Kapitalverbrechen immer vorrangig behandelt werden, fallen die Umweltverbrechen häufig in der Ermittlungsarbeit hinten runter. Das schafft Schlupflöcher für Kriminelle. Die Polizei ermittelt schlicht zu selten. Aus diesem Grund müssen bei den Kriminalbehörden spezielle Umweltkommissariate eingerichtet werden. Hier müssen Polizisten Fachwissen sammeln, um dieses bei ihrer Ermittlungsarbeit einsetzen zu können. In den Kommissariaten darf es ausschließlich um Umweltverbrechen gehen, damit die Fälle auch ermittelt werden. 

III. Wir fordern Schwerpunktstaatsanwaltschaften für Umweltkriminalität

Hat ein Staatsanwalt keine Ahnung von Umweltdelikten neigt er zur Verfahrenseinstellung, wenn es um Kröten geht. Müsste er gegen einen Chemiekonzern ermitteln, überlegt er sich dreimal, ob sich mit dessen Gutachterarmee anlegt, wenn er nicht mal Grenzwerte auseinanderhalten kann. Auch hier ist eine Verfahrenseinstellung wahrscheinlicher, als eine erfolgreiche Ermittlung. Aus diesem Grund müssen in jedem Bundesland Schwerpunktstaatsanwaltschaften für Umweltkriminalität eingerichtet werden. Ähnlich wie in den Schwerpunktstaatsanwaltschaften für Wirtschaftskriminalität kann dort das nötige Fachwissen konzentriert werden, wenn es um Verbrechen gegen Arten-, Trinkwasser- oder Naturschutz geht. Bislang gibt es solche Staatsanwaltschaften nur in Ansätzen in Niedersachsen und Rheinland-Pfalz zur Bekämpfung von Fleischskandalen und Weinpanscherei.

IV. Wir fordern Handelsbeschränkungen für gefährdete Arten

Bislang können gefährdete Arten ohne individualisierten Nachzuchtnachweis gehandelt werden. Es ist so schlicht fast unmöglich festzustellen, ob ein Tier der Natur entnommen – oder ob es legal gezüchtet wurde. Das muss anders geregelt werden. Nur noch individualisierte Tiere sollten in Zukunft aus Nachzuchten verkauft werden. Jedes Tier ohne Papiere wäre damit illegal.

Wir wollen, dass sich etwas ändert.  

Wenn du unsere Forderungen unterstützen willst, tweete: #UmweltverbrechenVerfolgenJetzt!

© Hansueli Krapf lizenziert nach CC-By-SA 3.0

Tierdiebe

Die Greifvogelfänger

Zahllose europäische Greifvögel werden zur Beute rücksichtsloser Wilderer. Besonders beliebt: der vor allem in Deutschland heimische Rotmilan. Ihn zu züchten ist äußerst schwer. Dennoch gelangen immer wieder scheinbar legale Tiere auf den Markt. Wir haben einen verdächtigen Anbieter kontaktiert.

von Jonas Mueller-Töwe

„Ich rufe an wegen der Rotmilane“, sagt der Mann am Telefon. Seinen Namen hat er nicht genannt, aber ich weiß gleich, wer er ist. Nur für seinen Anruf habe ich mir diese Handy-Nummer zugelegt. Ich will zum Schein Greifvögel kaufen, habe die einschlägigen Zeitschriften studiert und bin auf ein Inserat gestoßen, in dem ein „Merlin Zoo“ Rotmilane anbietet. Das ist hochverdächtig: Der ehemalige Besitzer des Vogelparks ist als illegaler Greifvogelhändler verurteilt – und gerade Rotmilane sind fast nicht in Gefangenschaft zu züchten.   

Der Mann mit dem leichten flämischen Akzent, der nun anruft, kann nur Hans v. T. sein. Der 58-Jährige gilt den belgischen Behörden als Teil einer international agierenden Bande, die über Jahre hinweg die Nester bedrohter Greifvögel plünderte, Eier und Jungtiere stahl. Offiziell führte er bis  2012 den „Merlin Zoo“ mit weitläufigen Volieren unweit der belgisch-niederländischen Grenze. Tatsächlich verschob er selbst ausgewachsene Wildfänge für viel Geld über alle Grenzen hinweg – offenbar bis nach China oder Saudi-Arabien. 

„Ich habe selbst keine Rotmilane mehr“, sagt v. T., „aber ein Bekannter von mir hat noch ein oder zwei Tiere.“ 1500 Euro soll ein Jungtier kosten, ein älteres Tier 2000 Euro. 

„Sind denn Papiere dabei?“, will ich wissen.

Hans v. T. lacht. „Naja, selbstverständlich sind Papiere dabei – das würde sonst wirklich Ärger geben.“

Zu diesem Zeitpunkt läuft gerade sein Berufungsprozess. In erster Instanz verurteilte ihn das Gericht Ost-Flandern 2014 zu einer Haftstrafe von vier Jahren mit einem Jahr zur Bewährung, wegen Urkundenfälschung, Betrug, Geldwäsche. Die Polizei beschlagnahmte rund 835.000 Euro. Drei mutmaßliche Mittäter wurden ebenfalls zu Haftstrafen verurteilt. Bis Redaktionsschluss waren die Urteile nicht rechtskräftig.

Die belgische Nachrichtenseite hin.be berichtet über Hans v.T.s Verurteilung.

In erster Instanz wegen des illegalen Handels mit Greifvögeln verurteilt: Hans v.T.

Screenshot hin.be

Es ist Ende März 2015. Ich möchte den Kauf eines Greifvogels, eines Rotmilans so weit wie möglich vorantreiben, um herauszufinden, wie das kriminelle Geschäft funktioniert. Herausfinden, ob Hans v. T. und sein Netzwerk weiter aktiv sind – ein europaweites Netzwerk, das bis nach Deutschland reicht.

Ich sage Hans v. T., dass ich einen männlichen Rotmilan kaufen will. Er hat gerade nur weibliche Tiere. Er sagt, er wolle sich umhören. Wir verabreden, dass wir in Kontakt bleiben. 

Alle europäischen Greifvögel sind streng geschützt. Manche Arten sind extrem selten – wie der Schreiadler oder der Bartgeier. Über 10.000 Euro können diese Tiere auf dem Schwarzmarkt wert sein.

Nach dem Washingtoner Artenschutzabkommen muss jedes in Gefangenschaft gehaltene Tier beringt sein und benötigt gültige Artenschutz-Papiere mit Vermarktungsgenehmigung. Beides bekommt man nur, wenn beide Elterntiere legal in den Besitz eines Züchters gelangt sind. 

Nach der Bundeswildschutzverordnung benötigen Halter von Rotmilanen in Deutschland sogar eine Sondergenehmigung. Nur wenige Greifvögel dürfen von Falknern in Deutschland ohne eine solche gehalten werden. 

Einer von Hans v. T.’s ehemaligen Geschäftspartnern ist der wegen Tierschieberei verurteilte Klaus Dieter S. aus Rheinland-Pfalz. Er war im Netzwerk anscheinend dafür zuständig, die aus der Natur gestohlenen Greifvögel zu legalisieren. Mithilfe eines Mitarbeiters aus dem zuständigen Ordnungsamt meldete er sie als eigene Nachzuchten an und verschleierte so ihre Herkunft. 

Habichte, Bussarde, Falken: Selbst die in Deutschland äußerst seltenen Schreiadler und seltene Geier brachte Klaus Dieter S. an seine Kunden. Ein Geschäft, bei dem es um Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende Euro ging. Denn: Je seltener ein Vogel, desto teurer ist er zu verkaufen. Manche Eulen oder Falken kosten einige Hundert Euro – ein Habichtsadler oder Bartgeier können auch 10.000 Euro oder mehr wert sein.

Ich rufe ihn an. Zu seinen Kontakten nach Belgien will er sich nicht äußern.

„Das sind Kollegen von mir und ich will nicht, dass die in Schwierigkeiten kommen. Wir verstehen uns noch gut. Die sind seit ihrer Verhandlung auch nicht mehr im Geschäft“, sagt Klaus Dieter S. Mit „die“ meint er Hans v. T. und seine Komplizen. 

Weiß es Klaus Dieter S. nicht besser, oder lügt er? Schließlich hat uns Hans v. T. doch gerade Rotmilane angeboten.

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Im Prozess gegen Klaus Dieter S. im Jahr 2010 stellte das Amtsgericht Pirmasens fest: Die Belgier um Hans v. T. und ein Österreicher lieferten die Tiere, Klaus Dieter S. besorgte die Papiere auf Zuruf und reichte die Vögel auch nach Belgien und Österreich weiter. Nachgewiesen wurde, dass sich S. in  mindestens 144 Fällen der Anstiftung zur Falschbeurkundung schuldig gemacht hatte. Zusätzlich wurden 21 Fälle von Verstößen gegen das Naturschutzgesetz festgestellt. 

Mit Hilfe der erschlichenen Bescheinigungen von Klaus Dieter S. landeten wilde Greifvögel auf dem legalen Markt – bei angesehenen Greifvogelschauen, bei bekannten Falknern. Im Zuge des Verfahrens wurden Tiere in der ganzen Republik eingezogen. Ermittlungen in Belgien und Österreich folgten. Das Gericht verurteilte Klaus Dieter S. schließlich zu zwei Jahren auf Bewährung. Der zuständige Mitarbeiter des Ordnungsamtes erhielt eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten. 

Manche Greifvogelarten sind verhältnismäßig einfach zu züchten. Bei Bartgeiern oder Rotmilanen gelingen Nachzuchten nur selten. „Die Vögel brauchen sehr große Flächen –  und das Paar muss harmonieren. Das ist insgesamt sehr schwierig“, sagt der Falkner Michael Schanze aus Hessen. Axel Hirschfeld vom Komitee gegen den Vogelmord ergänzt: „Rotmilane haben so große Aktionsräume und ziehen im Winter in den Süden. Das macht die Zucht extrem schwierig.“ 

Doch Rotmilane sind bei Greifvogelschauen besonders beliebt. Angebot und Nachfrage stehen in einem krassen Missverhältnis. In Deutschland  beispielsweise führt keiner der großen Falknerverbände Züchter von Rotmilanen in seinen Züchterlisten – als Beizvogel für Jäger ist der Rotmilan nicht zu gebrauchen. Es soll maximal zwei Züchter bundesweit geben.

„Wir achten sehr genau darauf, dass die Nachzuchten kontrolliert werden“, sagt Lothar Ciesielski, der Pressesprecher des Ordens Deutscher Falkoniere. Der ODF ist gemeinsam mit zwei weiteren Verbänden die Interessenvertretung der Falkner in Deutschland. „Unsere Mitglieder nehmen jährlich über 1000 verletzte Vögel ehrenamtlich auf, pflegen sie gesund und wildern sie wieder aus.“ Vor Jahrzehnten hatte er selbst mit Greifvogelschmuggel zu tun. Heute sei der illegale Handel kein flächendeckendes Problem mehr. 

Das Bundesamt für Naturschutz schätzt, dass zwischen 12.000 und 18.000 Rotmilan-Brutpaare in Deutschland leben. Und das ist mehr als die Hälfte aller Rotmilane weltweit. Weitere Populationen gibt es in Frankreich und Spanien – dort, wo das Netzwerk wilderte. Die deutschen Vögel verbringen dort die Wintermonate.

Über Monate halten Hans v. T. und ich Kontakt, mal per Email, mal per Telefon. Immer wieder bietet er mir Rotmilane an. Insgesamt neun Exemplare sind nach und nach im Gespräch. 

„Gestern ist der vierte geschlüpft und heute der fünfte“, sagt v. T. Mitte Juni am Telefon. Mittlerweile will er auch eigene Nachzuchten besitzen – fünf Junge von den selben Elterntieren.  

„Beeindruckend! Das soll doch so schwierig sein?“, sage ich.

v.T. sagt: „Mit Rotmilanen habe ich immer gute Erfolge gehabt – immer! Normalerweise gehen all die Rotmilane nach England, die sind verrückt danach…“ 

Sogar Bilder von den jungen Rotmilanen schickt er. Darauf zu sehen: Drei weiße Federknäuel sitzen in einer Art brauner Plastikschale. Die Vögel sind maximal einige Wochen alt. Eine Beringung ist nicht zu erkennen. Die Papiere, die ich ebenfalls sehen will, schickt er nicht. 

Bis heute stehen wir in Kontakt. Noch immer will ich ein männliches Tier kaufen. Wir warten immer noch auf die Laboranalysen der Eierschalen, um das Geschlecht zu bestimmen.

Fest steht: Hans v.T. ist wegen des illegalen Handels mit Greifvögeln in erster Instanz verurteilt. Offiziell hat er sich aus dem Merlin Zoo zurückgezogen, über den man allerdings weiter mit ihm in Kontakt kommt. Er handelt weiterhin mit Greifvögeln und gibt an, weiterhin zu züchten, obwohl seine Vögel während des Verfahrens beschlagnahmt wurden. Er will außergewöhnliche Zuchterfolge mit Rotmilanen erzielt haben. Artenschutzpapiere hat er mir in mehreren Monaten der Kaufverhandlungen nicht vorgelegt. 

Im September entscheidet das Berufungsgericht in Belgien, ob v.T. seine Haftstrafe antreten muss. Wir haben ihn nach der Recherche mit den Vorwürfen konfrontiert. Hans v.T. hat es vorgezogen, unsere Fragen nicht zu beantworten. 

Artikelbild: Hansueli Krapf lizenziert nach CC-By-SA 3.0
Textchef: Ariel Hauptmeier
Mitarbeit: David Schraven, Bastian Schlange, Julia Brötz, Stefan Wehrmeyer, Jonathan Sachse
Verantwortlich: Markus Grill

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Tierdiebe

Das Reptilien-Netzwerk

Kartellartige Strukturen zeichnen sich ab, wenn man die Handelswege heimischer Tiere genauer betrachtet. Über die Landesgrenzen hinaus und wieder zurück. Alles nur, um sie zum Schein zu legalisieren. Verfolgen Sie den Weg der Wilderer in unserer Audiokarte.

von Bastian Schlange

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Die ganze Story über die Geschäfte von Oliver B, Stefan R. und Co. findet ihr in unserer Reportage Die Tierdiebe.

Artikelbild: CORRECTIV
Animation: Stefan Wehrmeyer
Textchef: Ariel Hauptmeier
Mitarbeit: David Schraven, Julia Brötz, Jonathan Sachse
Recherche: Jonas Mueller-Töwe
Verantwortlich: Markus Grill

Tierdiebe

Nach CORRECTIV-Bericht: Ministerium erstattet Strafanzeige gegen Wilderer

Viel Zuspruch erreichte uns nach der Veröffentlichung der Recherche über „Die Tierdiebe“. Auch die Justiz und Behörden haben inzwischen reagiert und im Fall des Vogelfängers aus Bottrop Strafanzeige erstattet.

von Bastian Schlange

Der Umweltminister von Nordrhein-Westfalen, Johannes Remmel, twitterte am Donnerstag vormittag:

„Im Nachgang zum Bericht v ‪@ARDde-FAKT & ‪@correctiv_org über ‪#Tierdiebe haben wir jetzt Strafanzeige wegen Wilderei gestellt (ma) ‪@mdrde ‪#nrw“

Die Anzeige betrifft den bereits verurteilten Bottroper Vogeldieb Horst D., der im Verdacht steht, auch danach munter weiter gemacht zu haben. Bereits am 24. Juni stürmten aufgrund unserer Recherchen Polizisten und Vertreter des Veterinäramtes das Grundstück des überführten Wilderers (Foto). Insgesamt neun illegale Singvögel stellten die Beamten damals sicher, wie es nun in der Anzeige aus dem NRW-Umweltministerium heißt. Bei den Vögeln handelte es sich demnach um sechs unberingte Buchfinken und einen Gimpel, der in einem kleinen Käfig in der Gartenhecke des Bottropers versteckt saß. Vor der Hecke lagen zwei Bügelklappfallen im Gras bestückt mit Lockfutter. Eindeutiger hätten es die Behörden nicht vorfinden können.

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Die Ermittler finden Fallen Im Garten von Horst D.

CORRECTIV

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„Die festgestellten Umstände charakterisieren das Verhalten des Beschuldigten als gewerbs- und gewohnheitsmäßiges Nachstellen“, schreibt das Umweltministerium in der Strafanzeige. Weiter: „Das Fangen von wildlebenden Vögeln der besonders geschützten Arten nimmt nach den vorliegenden Erkenntnissen stark zu. Bei diesem Sachverhalt handelt es sich von der Dimension her um einen herausragenden Verdachtsfall.“ Horst D. war erst im Frühjahr 2015 zu 100.000 Euro und einer Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung verurteilt worden. Sein damaliger Fall wurde als „bisher deutschlandweit größter bekannter Fall von planmäßig durchgeführten Naturentnahmen von europäischen Singvögeln“ bezeichnet. Auch jetzt sehen die Behörden wieder ein gewerbsmäßiges Vorgehen des Wilderers.

„Daher ist es zum einen aus artenschutzrechtlichen Gründen, nicht zuletzt aber auch aus spezial- und generalpräventiven Gründen ein besonderes öffentliches Anliegen, den konkret in Rede stehenden Sachverhalt zu verfolgen“, begründet Jürgen Hintzmann von der Stabsstelle für Umweltkriminalität in NRW die bei der Staatsanwaltschaft Essen eingereichte Strafanzeige. 

CORRECTIV hatte Horst D. vor der Veröffentlichung der Recherchen über „Die Tierdiebe“ ausführlich mit den Vorwürfen konfrontiert. Er hatte es vorgezogen, auf die an ihn gestellten Fragen nicht zu antworten.