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Schreiben hat Zukunft: zwei junge Besucherinnen des Campfire-Festivals.© Ivo Mayr / CORRECTIV

In eigener Sache

Journalismus in Gummistiefeln: unser Campfire-Festival

Ja, der Wettergott hat uns im Stich gelassen. Na und? So lebendig ist der Journalismus schon lange nicht mehr präsentiert worden wie in diesen drei Festivaltagen an der TU Dortmund: für Bürgerinnen, Studenten, Expertinnen und auch Journalisten. Das machen wir noch mal.

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von Ariel Hauptmeier

Es ist vorbei. Es war großartig. So großartig, dass wir es wieder tun werden – ein Journalismus-Festival für alle zu veranstalten. Für alle Bürgerinnen und Bürger. Keine Fachtagung, auf der Experten unter sich bleiben. „Wir wollen den Muff ablegen und das Erleben der guten Seiten des Journalismus für jedermann attraktiv und lebendig gestalten“, dieses Motto hatte unser Publisher David Schraven vor dem Campfire-Festival ausgegeben. Und so kam es. Um die 2000 Besucher trotzten dem verregneten Wetter und kamen nach Dortmund, saßen kuschelig zusammen in den 22 weißen Festival-Zelten und debattierten darüber, wohin die Reise geht im Journalismus.

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In und zwischen den Zelten auf dem Campus der TU Dortmund diskutierten wir über neue Wege für den Journalismus.

Ivo Mayr / Correctiv

Der Mittwochabend. Kühl, aber noch halbwegs trocken. Der syrische Pianist Aeham Ahmad war gekommen und spielte eines seiner bewegenden Klavierkonzerte. Dazu las ich aus Aehams Autobiographie „Und die Vögel werden singen“. Das Buch erscheint in diesen Tagen. „Das war echtes Campfire“, bemerkte einer der Zuhörer. Ein Lagerfeuerabend fürs Herz. 

Der Donnerstag. Zunächst sonnig, später die ersten Regentropfen. „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt stellt sich den Fragen unseres Kollegen Justus von Daniels – und den, klar, sehr kritischen Einwürfen des Publikums. Er pariert sie mit Bravour. ZDF-Moderatorin Dunja Hayali ist zu Gast auf der großen Bühne und betont, es sei ein Privileg, Journalistin in Deutschland zu sein. Was unsere Redakteurin Annika Joeres in der Fragerunde „Was mit Medien – ein schöner Traum?“ nur bestätigen kann, sie bereue keine Sekunde, Journalistin geworden zu sein. Trotz allen Krisengeredes.

Eine Reporterin der „Süddeutschen Zeitung“ streift über das – noch unverschlammte – Gelände und erlebt in den weißen Debatten-Zelten haufenweise „Optimismus“, ja, eine „Gegenbewegung zur Krise“. Ein Befund, dem der Berichterstatter vom „Deutschlandfunk“ nur beipflichten kann: Dieses „Indianerdorf der Medienbranche“ sei ein „Forschungscamp der Journalistenzukunft“.

Der Freitag. Und da war es dann leider vorbei mit dem halbwegs guten Wetter. Morgens noch Nieselregen, während Recherche-Gottvater Günter Wallraff auf der großen Bühne – in die sich die 50 Zuhörerinnen und Zuhörer gleich mit reingekuschelt hatten – von seinen Erkundungen mit dem „Team Wallraff“ bei RTL berichteten. Dessen Anspruch es ist, nicht Missstände bei „denen da oben“ aufzudecken, sondern solche, die den Alltag der Bürger betreffen. Also Schikanen in Betrieben, Pflegeheimen oder Krankenhäusern. Der die Welt nicht nur abbilden, sondern auch verändern will.

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Journalismus nimmt sich oft zu Ernst: beim Reporter-Slam haben wir auch einmal über uns gelacht.

Ivo Mayr / Correctiv

Und dann öffnete der Himmel die Schleusen, und „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer und „Zeit Online“-Chefredakteur Jochen Wegner hasteten durch strömenden Regen zu ihrem Talk über „Journalismus nach Trump“. Und diskutierten angeregt, wie Journalisten auf einen US-Präsidenten – und andere Politiker – reagieren können, die schamlos lügen, beschimpfen und verdrehen: mit Besonnenheit und noch mehr Recherche.

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Auch gegen ein paar Zentimeter Schlamm gibt es ein Mittel.

Ralf Heimann

Der Chefredakteur unserer türkischen Plattform #ÖZGÜRÜZ, Can Dündar, diskutierte wenig später im strömenden Regen mit der Integrationsstaatsekretärin aus NRW, Serap Güler, über den richtigen Umgang mit der Türkei im Bundestagswahlkampf. Das Publikum saß dicht dabei, teilweise unter Decken gekuschelt. Ist es frech, dass Erdogan über die Partei ADD direkt in die Diskussionen auf der Straße eingreift? Sein Plakat hängt in etlichen Städten auf den Straßen. Oder ist es falsch, die EU-Verhandlungen mit der Türkei zu beenden? Can Dündar ist für mehr Dialog, statt mehr Abschottung. Es war ernst.

Am letzten Tag, am Samstag, kam dann die Sonne wieder raus. Zaghaft, schüchtern. Zunächst dachten wir, der Regen fällt einfach weiter und haben einige wenige Veranstaltungen abgesagt. Doch dann festigte sich das Wetter. 

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Unser Comic-Fellow Diala Brisley aus Syrien malte drei Tage lang bei Wind, Regen und Kälte.

Ivo Mayr / Correctiv

Wir saßen vor den Zelten, auf der Bühne spielten syrische Rapper, unsere Zeichner Greg und Diala vollendeten ein großes Mural. Dann eine Jazz-Band. Da kam dieses Festival-Gefühl auf. Dieses: „Wir haben durchgehalten und es war gut.“ Der Stress war weg. Wir waren erschöpft. Aber wir haben etwas geschafft. Paul von Ribbeck vom PENG! Kollektiv erklärte seine Call-A-SPY-Telefonzelle gut zwanzig Leuten. Wir redeten über die nächsten Reportagen und Geschichten.

Das Campfire-Festival 2017 war eine Bereicherung für CORRECTIV und für unseren Partner, das Institut für Journalistik an der TU Dortmund.

Wir werden weitermachen. Es wird im nächsten Jahr wieder ein Campfire-Festival geben!!

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CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!

Schaut vorbei – und bleibt auf dem laufenden!

Auf Facebook: Campfire2018

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Wir machen einen Schreibworkshop mit Ariel Hauptmeier© Ivo Mayr

Artikel

True Stories – wahre Geschichten schreiben

Wir wollen mit Euch schreiben lernen. Drei Tage lang. Ein Workshop mit abschließender Lesung und einem kleinem Festival im ROTTSTR5 Theater Bochum.

von Ariel Hauptmeier

Dieser Workshop ist ein Experiment, auch für uns.

Wir möchten mit euch gemeinsam zwei Tage lang schreiben – Geschichten, die wir selbst erlebt haben, die uns nicht los lassen, und die wir gemeinsam verdichten wollen zu spannenden Stories.

Wir wollen sie uns gegenseitig vorlesen, uns Tipps geben, einander anregen, verbessern. Freitagmorgen geht es los. Wir besprechen die Skizzen, mit denen ihr euch beworben habt. Dann schreiben wir bis Samstagsmittag, und gehen in die zweite Runde: lesen wieder gemeinsam, schauen, was funktioniert, was nicht, und wie man es besser machen könnte. Danach haben wir wieder Zeit, Verbesserungen einzuarbeiten. 

Am Sonntagmittag machen wir dann eine öffentliche Lesung – im Rahmen eines kleinen Festivals mit Live-Musik und Grillwürstchen. Im ROTTSTR5 Theater in Bochum.  Am Ende bündeln wir die Texte zu einem kleinen Lesebuch. 

Dieser Workshop eignet sich für jeden, besonders aber für Journalisten, die neue Schreibweisen ausprobieren möchten. 

Bitte bewirb Dich mit dem Entwurf jener Geschichte, die Du dann weiterschreiben möchtest. Bitte im doc-Format.

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Denk daran, dass interessante Geschichten Mut erfordern, man etwas von sich preisgeben muss, ehrlich sein muss, dass die Wahrheit manchmal weh tut. 

Der Kostenbeitrag ist 165 Euro, der Seminarort ist Essen, der Workshop beginnt am 16. Oktober und dauert bis zum 18. Oktober. Die Lesung beginnt am 18. Oktober um 15:00 Uhr im ROTTSTR5 Theater Bochum, Rottstraße 5, 44793 Bochum. 

Maximal 12 Teilnehmer. 

Ariel Hauptmeier leitet den Workshop. Er ist Textchef bei CORRECTIV, war zuvor lange bei „Geo“ und ist Mitgründer des Reporter-Forums.

ENDE DER BEWERBUNGSFRIST: 10. September 2015

Bewerbungen bitte an: schreibwerkstatt@correctiv.org

André Ricci im CORRECTIV-Büro

Artikel

Recherche bringt Auflage

Wir begrüßen neu im Team – André Ricci. Er arbeitet für die „Böhme-Zeitung“ und wird künftig große CORRECTIV-Recherchen auf die Verhältnisse im nördlichen Heidekreis herunterbrechen. „Böhme“-Chefredakteur Jörg Jung glaubt: Harte Recherche zahlt sich aus.

von Ariel Hauptmeier

Die „Böhme-Zeitung“ ist nicht groß. Sie verkauft rund 10.000 Exemplare pro Tag im nördlichen Heidekreis, in Soltau, Schneverdingen, Munster, Bispingen, Faßberg. Trotzdem arbeitet die „Böhme-Zeitung“ seit einigen Jahren investigativ – und hat nun einen Rechercheur eingestellt, der eng mit der Berliner CORRECTIV-Redaktion zusammenarbeitet. Er heißt André Ricci, ist Volljurist, ausgebildeter Redakteur und hat ein Faible für Verbraucherschutzthemen.

Bundesweit verlieren Zeitungen an Auflage – bei der „Böhme-Zeitung“ steigt sie. Nicht zuletzt wegen der investigativen Stories, glaubt Chefredakteur Jörg Jung. 2014 berichtete sein Blatt über Rüstungsaltlasten in der Nähe des Panzerübungsplatzes Munster, problematischen Müll, der dort seit Jahrzehnten vor sich hingammelte. Es war eine Recherche mit Folgen – der Bund legte einen Sanierungsfonds auf.

In diesem Jahr griff die „Böhme-Zeitung“ eine CORRECTIV-Recherche auf – über die Einseitigkeit, mit der die Wiener Polizei über Straftaten informiert. Und untersuchte, wie sich die Verhältnisse vor Ort darstellen. Das Ergebnis: Auch die Polizei in Niedersachsen ist nicht neutral in ihren Pressemitteilungen. Vergewaltigungen und häusliche Gewalt etwa werden überproportional oft verschwiegen.

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„Von der Zusammenarbeit mit CORRECTIV erhoffen wir uns noch mehr Qualität bei den Recherchen“, sagt Jörg Jung. „Unser Redakteur kann die CORRECTIV-Beiträge sofort lokal herunterbrechen, da er die Themen ja mit recherchiert hat.“

Chefredakteur Jung sagt, die „Böhme-Zeitung“ wolle ihre Rolle als vierte Gewalt künftig noch intensiver wahrnehmen, wolle „unklare oder geheime Vorgänge transparent machen.“ Und damit, natürlich, auch Geld verdienen. „Wir haben seit vier Quartalen Auflagenzuwächse gegenüber den Vorjahresquartalen“, sagt Jung. „ Hätten wir, wie der Durchschnitt der niedersächsischen Tageszeitungen, einen Auflagenverlust von 2,9 Prozent, wären dies knapp 100.000 Euro weniger an jährlichen Verkaufserlösen.“

André Ricci freut sich darauf, an den großen CORRECTIV-Stories mitzuarbeiten – und ihnen dann einen eigenen Spin zu geben. „Der Lokaljournalismus braucht mehr Mut  zur eigenen Story und zum kritischen Hinterfragen“, sagt er. „Zusammenarbeit und Vernetzung sind dafür entscheidend.“