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Corona CrowdProjekt

Das Land der unbegrenzten Pandemie

In den USA leben etwa vier Prozent der Menschheit, aber über 25 Prozent der mit dem neuartigen Coronavirus infizierten Menschen. Über 500.000 Leute sind bisher weltweit dem Virus zum Opfer gefallen, 127.000 von ihnen sind US-Amerikaner. Warum?

weiterlesen 9 Minuten

von Ariel Hauptmeier

Dieser Artikel ist Teil unseres Buches Corona – Geschichte eines angekündigten Sterbens, das am 19.06. erschienen ist.

SARS-CoV-2 ist kein Lebewesen und hat keinen Willen, es will sich nur vermehren und braucht dafür menschliche Zellen. In den Ländern, in denen es dem Virus leicht gemacht wird, sich zu vermehren, vermehrt es sich schneller und aggressiver als in den Ländern, in denen Politiker und Virologen für seine Eindämmung sorgen.

Neben Brasilien sind die USA das Paradies für SARS-CoV-2, ihr Präsident Donald Trump hat alles dafür getan, dass sich das Virus sich ausbreiten konnte wie in keinem anderen Land.

Monat für Monat begünstigt Trumps Politik die Pandemie. Die Versäumnisse beginnen bereits im Januar. Zwar gründet die Regierung einen Krisenstab und Gesundheitsminister Alex Azar ruft den gesundheitlichen Notstand aus, aber Test-Kits, Beatmungsgeräte, Masken fehlen und der Krisenstab unternimmt kaum etwas, um die USA auf die drohende Epidemie vorzubereiten.

Als Gesundheitsminister Azar wenig später versucht, vier Milliarden Dollar für die Beschaffung von Masken und Schutzkleidung locker zu machen, sind die Haushaltsbeamten im Weißen Haus fassungslos. Das Treffen endet damit, dass sich beide Seiten anschreien.

Gesundheitsminister Azar sitzt zwischen allen Stühlen. Er hat ein gespanntes Verhältnis zu mehreren hohen Beamten im Weißen Haus, und wenn jemand nicht auf ihn hört, dann ist es Präsident Trump. Zwei Mal hat Azar versucht, Präsident Trump telefonisch vor der Epidemie zu warnen, am 18. und am 28. Januar. Aber er dringt nicht durch. Trump tut die Warnungen als „alarmistisch“ ab.

Unfähige Karrieristen

Es gab viele Warnungen. Im täglichen Briefing des Präsidenten – von Trump selten gelesen – warnen die Geheimdienste. Sein Wirtschaftsberater warnt vor einer halben Million Toten. Trump wischt es weg. Er will keinen Aufruhr. Er will den Handelsdeal mit China nicht gefährden. Er will, dass der Höhenflug an den Börsen weitergeht. Er hört nicht auf seine Berater. Seine talentiertesten und erfahrensten Beamte sind längst auf und davon, ersetzt durch unfähige Karrieristen, die die ihm nach dem Mund reden. Das Weiße Haus ist unfähig, auf die Krise zu reagieren.

Trump: „Wir haben es sehr gut unter Kontrolle. Wir haben in diesem Land im Moment sehr wenig Probleme – fünf. Und diese Menschen erholen sich alle erfolgreich.”

Corona – Geschichte eines angekündigten Sterbens
Ein CORRECTIV-Team aus Medizinern, Wissenschaftlern und Reportern, unter ihnen viele preisgekrönte Journalisten, recherchiert auf den Spuren des Virus, wie es vom Tiermarkt im mittleren China rund um den Erdball jagt und eine Spur der Verwüstung hinter sich herzieht. Hardcover: 320 Seiten Jetzt bestellen

Und im Hauptquartier der Seuchenbehörde CDC in Atlanta, einem der Flaggschiffe der amerikanischen Gesundheitsbehörden mit 22.000 Spezialisten, sind sie nicht viel schlauer. Sei es aus Hybris, sei es aus dem Wissen um die eigene Überlegenheit: Das CDC entscheidet, nicht den Test der WHO zu verwenden, sondern einen eigenen zu entwickeln. Er ist zu fehlerhaft. So verstreicht der Februar.

Es ist unklar, wie viele Menschen bis Ende Februar in den USA getestet werden, die Zahlen schwanken. Es sind höchstens 4.000. Selbst wer COVID-19-Symptome hat, darf nur dann einen Test machen, wenn er Kontakt zu einem Infizierten hatte oder in China war. Aber da kaum jemand getestet wird, gibt es kaum Infizierte, also werden auch andere nicht getestet. Unentdeckt kann sich das Virus durch die Staaten der USA bewegen.

US-Präsident Trump beschwichtigt: „Und übrigens, das Virus. … theoretisch sieht es so aus, dass es im April, Sie wissen schon, wenn es etwas wärmer wird, auf wundersame Weise verschwindet – ich hoffe, das stimmt. Aber es geht uns in unserem Land gut. China, ich habe mit Präsident Xi gesprochen, und sie arbeiten sehr, sehr hart. Und ich denke, es wird alles gut werden.“

Wer Mitte Februar 2020 sieht, was sich in den Krankenhäusern Chinas abspielt, kann sich vorstellen, was auf die USA, auf Deutschland, auf viele Länder der Welt zukommen kann. Aber nur Länder wie Taiwan und Südkorea haben Maßnahmen ergriffen, um sich vom Virus nicht überraschen zu lassen.

Es wäre Ende Februar noch Zeit genug, die Maßnahmen zu ergreifen, die das Geschehen in China nahelegt. Die Botschaften aus China: Soziale Kontakte so weit wie möglich unterbinden, Infektionsketten zuverlässig und schnell verfolgen, sich mit Masken gegen Ansteckung schützen, Intensivbetten mit Beatmungsgeräten aufstocken. Aber all das unterbleibt noch in Deutschland, USA, Italien und all den anderen Ländern, die in den nächsten Monaten mit Millionen Infizierten klarkommen müssen.

Warnungen seit 2009

Besonders die USA müßten wissen, was auf sie zukommt: Spätestens seit 2009 taucht im jährlichen Bedrohungsbericht des US-Geheimdienstkoordinators die Warnung vor einer Pandemie auf: „Eine mögliche Grippe-Pandemie oder unbekannte Krankheiten wie SARS bleiben die größte gesundheitliche Bedrohung der Vereinigten Staaten“, heißt es in dem Bericht. Eine mögliche Pandemie sei auch international die größte Herausforderung.

2013, wiederum im jährlichen Bericht der Geheimdienste, liest sich die Warnung schon konkreter. Es ist bereits die Rede von Coronaviren, die von Fledermäusen auf Menschen übergehen. „Ein leicht übertragbares Virus, das die Atemwege befällt und mehr als ein Prozent seiner Opfer tötet, würde zu den folgenreichsten Ereignissen überhaupt zählen“, heißt es in dem Bericht. In weniger als sechs Monaten könnte so ein Ausbruch zu Leid und Tod in jedem Winkel der Welt führen. Und: „Das ist keine hypothetische Bedrohung.“

Bis zum 25. Februar ignorieren die wichtigen amerikanischen Behörden die Gefahr, im Einklang mit ihrem obersten Dienstherrn.

Da tritt eine Abteilungsleiterin der Seuchenbehörde CDC aus der Deckung. „Wir erwarten, dass sich das Virus in diesem Land ausbreiten wird“, sagt sie bei einer telefonischen Pressekonferenz. „Es ist nicht die Frage, ob dies geschieht, sondern wann es geschieht und wie viele Menschen schwer erkranken werden.“

Städte und Gemeinden sollten beginnen, sich auf den Ernstfall vorzubereiten. Schulen müssten geschlossen, Konferenzen abgesagt, Büros ins Homeoffice verlegt werden. „Wir bitten die amerikanische Öffentlichkeit, mit uns zusammenzuarbeiten, falls es zum Schlimmsten kommt.“

Am Tag zuvor sind die Börsen um mehr als drei Prozent nach unten gerauscht. Nun stürzen die Kurse weiter ab.

„Wir sind absolut vorbereitet“

Präsident Trump war auf Staatsbesuch in Indien, er ist auf dem 18-stündigen Rückflug und lässt für den kommenden Nachmittag eine Pressekonferenz einberufen.

Trump tritt im „Situation Room“ vor die Presse. Hinter ihm aufgereiht, unter anderem: CDC-Chef Redfield und Gesundheitsminister Azar. „Es ist eine Grippe, wie eine Grippe“, sagt Trump. „Was auch immer passiert, wir sind absolut vorbereitet.“

Die Pandemie ist abgesagt. Das CDC bekommt einen Maulkorb, die mächtigste Seuchenschutzbehörde der Welt. Als im Jahr 2002 SARS ausbrach, halfen CDC-Forscher das Genom des Virus zu entschlüsseln. Wenn auf der Welt Epidemien bekämpft werden mussten, war auf das CDC Verlass. Doch nun rücken die USA ins Zentrum einer Pandemie, und die Behörde muss sich einem Präsidenten unterordnen, der die größte Bedrohung der Vereinigten Staaten seit 9/11 durch Kleinreden bekämpfen will.

„Wenn Sie 15 Fälle haben, und die 15 werden in ein paar Tagen auf fast Null sinken, dann haben wir ziemlich gute Arbeit geleistet“, sagt Trump an diesem Tag.

Der Ton für die kommenden Wochen im März ist gesetzt – keine alarmierenden Botschaften mehr. Vizepräsident Mike Pence übernimmt die Leitung des Krisenstabes, die Gesundheitsexperten müssen sich wegducken.

Die Entmachtung der CDC kritisiert vor allem ihr ehemaliger Chef, der Infektionsmediziner Tom Frieden. Er leitete die Behörde unter US-Präsident Barack Obama. „Das offensichtliche Fehlen der CDC auf nationaler Ebene ist gefährlich. Sie an den Rand zu drängen, wird Zeit und Leben kosten. Es ist wie ein Kampf mit einer Hand hinter dem Rücken“, sagt Frieden später.

Und er benennt die Schwachstellen im Kampf gegen den Eindringling, der unbemerkt Bundesstaat für Bundesstaat einnimmt. „Haben wir die Produktion von Beatmungsgeräten hochgefahren? Die Produktion von N95-Sicherheitsmasken für unsere Gesundheitsmitarbeiter? Das Training auf den Intensivstationen? Die Produktion von Thermometern, Handdesinfektionsmitteln? Die Ausbildung von Menschen, die Ansteckungsketten untersuchen?“

Politisch verblendet

Im März dann: Jeden Tag neue Fälle. In Utah und Nebraska, in Kentucky, Indiana und Minnesota. In South Carolina und Pennsylvania, in Oklahoma und Nevada. In Colorado, Tennessee und Maryland. Die Kritik ist mächtig, ohnmächtig. Warum wurde nicht eher auf Corona getestet, massenhaft und systematisch? Warum wurde der Februar vergeudet? Wer hat Schuld?

Da macht Präsident Donald Trump das, was er in solchen Situationen immer macht: Schlagzeilen erzeugen, die Debatte an sich reißen. An diesem Tag besucht er die Zentrale der Seuchenbehörde CDC und stellt sich in einem Labor der Presse. Ein denkwürdiges Bild: In der Mitte Trump, in Windjacke und roter „Keep America Great“-Wahlkampfkappe. Links von ihm Gesundheitsminister Azar, rechts CDC-Direktor Redfield, in Anzug und Krawatte – jene beiden Männer, die es vergeigt haben. Deren Behörden versagt haben. Aber an diesem Morgen geht es um Erfolgsmeldungen.

„Nahezu perfekt“, seien die Corona-Tests, prahlt Trump. Und gesteht, selbst einen scharfen medizinischen Verstand zu haben. „Ich mag dieses Zeug. Ich verstehe es wirklich. Die Leute hier sind überrascht, dass ich es verstehe. Jeder dieser Ärzte sagte: Woher wissen Sie so viel darüber?“ Bis hierher: harmlose Spinnereien eines Narzissten. Aber dann sagt Trump einen von diesen Sätzen, der nicht nur Gelächter erzeugt oder Verwirrung, sondern Schaden anrichtet: „Jeder, der einen Test will, bekommt einen Test.“

Millionen Amerikaner hören es in den Nachrichten. Zehntausende machen sich auf den Weg. Ängstliche, Übervorsichtige, Erkältete. Blockieren die Hotlines, verstopfen die Notaufnahmen und Praxen.

Noch immer nimmt Donald Trump das Virus nicht ernst. Noch immer hat er vor allem eine Sorge – dass die Wirtschaft abstürzt, die Börse weiter crasht, seine Wiederwahl scheitert. Noch drei Tage später, am 9. März, twittert er: „Im vergangenen Jahr starben 37.000 Amerikaner an der Grippe. Im Durchschnitt sind es zwischen 27.000 und 70.000 pro Jahr. Nichts wird stillgelegt, das Leben und die Wirtschaft gehen weiter. Gegenwärtig gibt es 546 bestätigte Fälle von Corona, mit 22 Todesfällen. Denken Sie darüber nach!“
Mitte April: 4.500 Tote in den USA, an einem Tag. Lockdown in New York und Kalifornien, in Seattle und Chicago. Je länger er anhält, desto schriller wird der politische Streit. Nicht lange, da werden Bewaffnete ein Parlament besetzen.

Im Streit zwischen New Yorks demokratischem Gouverneur Andrew Cuomo und dem Präsidenten zeigt sich, wie das Virus zum Spielball zwischen den beiden politischen Lagern wird. Trump und er kennen sich schon ewig. Beide stammen aus Queens, beide haben übermächtige Väter, beide das nicht enden wollende Bedürfnis, der Welt in einem fort zu beweisen, dass sie die Besten sind. „Es sind zwei Egomanen“, sagt ein abtrünniger Republikaner. „Aber für Cuomo spricht, dass er ein kompetenter Egomane ist.“

Trump: „Wenn jemand der Präsident der Vereinigten Staaten ist, ist seine Macht allumfassend. Und so muss es sein. Allumfassend. Und die Gouverneure wissen das“.

Allumfassend?

Andrew Cuomo ließ sich daraufhin in mehreren News-Shows zuschalten. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wovon der Präsident spricht“, sagte er auf NBC. „Wir haben eine Verfassung, keinen König. Der Präsident hat nicht die totale Autorität.“ Auf CNN nannte er Trumps Krisenmanagement „schizophren“. Und auf MSNBC verglich er dessen Corona-Briefings mit einem „Comedy-Sketch“.

Tatsächlich ruderte Trump zurück. Weil er seinen Fehler eingesehen hatte? Wohl kaum. Eher, weil er traditionell keine Verantwortung übernehmen will. Ganz gleich, was bei der Wiedereröffnung des Landes schiefläuft, er wird die Schuld dafür den Gouverneuren in die Schuhe schieben.

Cuomo: „Es waren Ihre Modelle, Herr Präsident. Wenn wir so töricht waren, Ihnen zuzuhören, dann schämen wir uns.“ Trump hatte auf seiner Pressekonferenz mit Zahlen von 100.000, 200.000 oder 2,2 Millionen Toten Amerikanern herum hantiert und sich – während er diese Modellrechnungen referierte – einen Scherz über sein Verhältnis zu Models erlaubt.

Überall auf der Welt rücken Menschen während der Corona-Pandemie zusammen. Sie sammeln sich hinter ihren Regierenden, der Parteienstreit schweigt für den Moment, die Kritik wird leiser. Das Virus eint. Nicht aber in den USA. Hier vertieft die Krise nur die Spaltung. Der Kulturkampf geht in eine neue Runde.

In den Bundesstaaten beginnen Trump-Anhänger, für mehr Lockerungen zu demonstrieren. In Louisiana stellt sich eine Krankenschwester den Demonstranten in den Weg. Die Demonstranten pöbeln sie an, beschimpfen sie, schwenken Flaggen vor ihrem Gesicht. Sie rührt sich nicht vom Fleck. Steht da mit Mundschutz und blauem Kittel, stundenlang, und bald geht auch dieses Foto um die Welt, eine Krankenschwester, die sich wütenden Demonstranten entgegenstellt, die wollen, dass der Lockdown endet. Ein Bild des gewaltfreien Widerstandes.

Was passiert da jetzt in den USA zwischen Menschen, die eigentlich ein Interesse und ein Ziel haben: zu verhindern, dass dieses bedrohliche Virus weiter vordringt? An welche Sätze wird man sich einst von Donald Trump erinnern, in 50, 100 Jahren? Vielleicht gehören diese hier dazu, gesprochen im Weißen Haus, an einem Tag, an dem in den USA weitere 2000 Menschen durch COVID-19 sterben, mindestens. Im Presseraum des Weißen Hauses sagt US-Präsident Donald Trump, blickt immer wieder zu einem Mediziner, der vor ihm gesprochen hat: „Nehmen wir mal an, wir behandeln den Körper mit einer enormen Menge ultraviolettem oder einfach starkem Licht, ich glaube, Sie sagten, das sei noch nicht überprüft worden, aber Sie werden es testen. Mal angenommen, man könnte das Licht in den Körper bringen, durch die Haut oder sonst irgendwie. Ich glaube, Sie sagten, auch das werden Sie testen. Klingt interessant.“

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Trump ist nicht zu stoppen: „Es gibt ein Desinfektionsmittel, das in einer Minute abtötet. Einer Minute. Und gibt es eine Möglichkeit, wie wir das machen können, durch spritzen oder fast säubern? Denn man sieht, dass es in die Lungen gelangt und dort eine enorme Menge bewirkt. Also, es wäre interessant, das zu überprüfen. Sie werden Ärzte daransetzen müssen, aber für mich klingt das interessant. Also, wir werden sehen. Aber das ganze Konzept des Lichts, die Art und Weise, wie es in einer Minute tötet, das ist ziemlich stark.”

Gelächter. Entsetzen. Fassungslosigkeit. Hat der Präsident das wirklich gesagt?

In jenen Tagen sickert ein Memo durch über eine mögliche Strategie der Republikaner im Präsidentschaftswahlkampf, die Kernpunkte laut „Politico“:
China für den Coronavirus-Ausbruch verantwortlich machen. Die Demokraten mit der chinesischen Regierung in Verbindung bringen. Jede Diskussion über Trumps Corona-Krisenmanagement vermeiden.

Anfang Mai dringen Demonstranten in das Parlament von Michigan, brüllen die Wachleute an, skandieren Slogans. Einige sind schwer bewaffnet. Breitbeinig posieren sie für die Fotografen, Sturmhauben über dem Kopf, Sturmgewehre in den Händen.

Bilder, die an einen Staatsstreich erinnern

Tausende Demonstranten umringen das Kapitol. „Sperrt sie ein“, schreien die Demonstranten im Chor – gemeint ist die Gouverneurin. Rot versus blau. Demokraten versus Republikaner. Lockdown versus Lockerung. Gemeinwohl gegen unbedingte Freiheit. Das Primat der öffentlichen Gesundheit gegen das Primat der Wirtschaft. Gesichtsmasken gegen keine Gesichtsmasken. Der Streit in den USA wird schriller. Militanter. Einige Tage zuvor wurde ein Wachmann erschossen, als er einen Mann daran hindern wollte, einen Supermarkt ohne Mund-Nase-Schutz zu betreten.

Und natürlich mischt sich Präsident Trump ein und gießt Öl ins Feuer. „Dies sind gute Leute, aber sie sind wütend“, twittert er. „Sie wollen ihr Leben zurück.“

Jetzt, Anfang Juli, vermehrt sich das Virus exponentiell in den Staaten, die von Republikanern regiert werden und zu schnell die Lockerungen im Kampf gegen das Virus aufgehoben haben. Texas, Florida, Arizona und andere Südstaaten der USA sind jetzt das neue weltweite Epizentrum der Pandemie. Der oberste Seuchen-Experte der USA warnt vor demnächst hunderttausend neuen Infizierten – pro Tag.

Dem Virus wird es in den USA so einfach gemacht wie in keinem anderen Land der Welt, weil es zum Spielball der politischen Lager geworden ist. Wie sagte der Nobelpreisträger Joshua Lederberg: „Viren sind unsere einzigen Rivalen um die Herrschaft auf diesem Planeten.“ Und sie triumphieren, wenn Menschen es ihnen zu leicht machen. In den letzten fünf Wochen hat sich die Zahl der weltweit Infizierten verdoppelt, von 5 Millionen auf über 10 Millionen.

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Wissen ist die wichtigste Waffe, um die Corona-Krise zu bewältigen. Darum tragen wir auf unserer Schwerpunktseite Recherchen, Faktenchecks und Berichte von Bürgerinnen und Bürgern zusammen.

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Schreiben hat Zukunft: zwei junge Besucherinnen des Campfire-Festivals.© Ivo Mayr / CORRECTIV

In eigener Sache

Journalismus in Gummistiefeln: unser Campfire-Festival

Ja, der Wettergott hat uns im Stich gelassen. Na und? So lebendig ist der Journalismus schon lange nicht mehr präsentiert worden wie in diesen drei Festivaltagen an der TU Dortmund: für Bürgerinnen, Studenten, Expertinnen und auch Journalisten. Das machen wir noch mal.

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von Ariel Hauptmeier

Es ist vorbei. Es war großartig. So großartig, dass wir es wieder tun werden – ein Journalismus-Festival für alle zu veranstalten. Für alle Bürgerinnen und Bürger. Keine Fachtagung, auf der Experten unter sich bleiben. „Wir wollen den Muff ablegen und das Erleben der guten Seiten des Journalismus für jedermann attraktiv und lebendig gestalten“, dieses Motto hatte unser Publisher David Schraven vor dem Campfire-Festival ausgegeben. Und so kam es. Um die 2000 Besucher trotzten dem verregneten Wetter und kamen nach Dortmund, saßen kuschelig zusammen in den 22 weißen Festival-Zelten und debattierten darüber, wohin die Reise geht im Journalismus.

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In und zwischen den Zelten auf dem Campus der TU Dortmund diskutierten wir über neue Wege für den Journalismus.

Ivo Mayr / Correctiv

Der Mittwochabend. Kühl, aber noch halbwegs trocken. Der syrische Pianist Aeham Ahmad war gekommen und spielte eines seiner bewegenden Klavierkonzerte. Dazu las ich aus Aehams Autobiographie „Und die Vögel werden singen“. Das Buch erscheint in diesen Tagen. „Das war echtes Campfire“, bemerkte einer der Zuhörer. Ein Lagerfeuerabend fürs Herz. 

Der Donnerstag. Zunächst sonnig, später die ersten Regentropfen. „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt stellt sich den Fragen unseres Kollegen Justus von Daniels – und den, klar, sehr kritischen Einwürfen des Publikums. Er pariert sie mit Bravour. ZDF-Moderatorin Dunja Hayali ist zu Gast auf der großen Bühne und betont, es sei ein Privileg, Journalistin in Deutschland zu sein. Was unsere Redakteurin Annika Joeres in der Fragerunde „Was mit Medien – ein schöner Traum?“ nur bestätigen kann, sie bereue keine Sekunde, Journalistin geworden zu sein. Trotz allen Krisengeredes.

Eine Reporterin der „Süddeutschen Zeitung“ streift über das – noch unverschlammte – Gelände und erlebt in den weißen Debatten-Zelten haufenweise „Optimismus“, ja, eine „Gegenbewegung zur Krise“. Ein Befund, dem der Berichterstatter vom „Deutschlandfunk“ nur beipflichten kann: Dieses „Indianerdorf der Medienbranche“ sei ein „Forschungscamp der Journalistenzukunft“.

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Der Freitag. Und da war es dann leider vorbei mit dem halbwegs guten Wetter. Morgens noch Nieselregen, während Recherche-Gottvater Günter Wallraff auf der großen Bühne – in die sich die 50 Zuhörerinnen und Zuhörer gleich mit reingekuschelt hatten – von seinen Erkundungen mit dem „Team Wallraff“ bei RTL berichteten. Dessen Anspruch es ist, nicht Missstände bei „denen da oben“ aufzudecken, sondern solche, die den Alltag der Bürger betreffen. Also Schikanen in Betrieben, Pflegeheimen oder Krankenhäusern. Der die Welt nicht nur abbilden, sondern auch verändern will.

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Journalismus nimmt sich oft zu Ernst: beim Reporter-Slam haben wir auch einmal über uns gelacht.

Ivo Mayr / Correctiv

Und dann öffnete der Himmel die Schleusen, und „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer und „Zeit Online“-Chefredakteur Jochen Wegner hasteten durch strömenden Regen zu ihrem Talk über „Journalismus nach Trump“. Und diskutierten angeregt, wie Journalisten auf einen US-Präsidenten – und andere Politiker – reagieren können, die schamlos lügen, beschimpfen und verdrehen: mit Besonnenheit und noch mehr Recherche.

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Auch gegen ein paar Zentimeter Schlamm gibt es ein Mittel.

Ralf Heimann

Der Chefredakteur unserer türkischen Plattform #ÖZGÜRÜZ, Can Dündar, diskutierte wenig später im strömenden Regen mit der Integrationsstaatsekretärin aus NRW, Serap Güler, über den richtigen Umgang mit der Türkei im Bundestagswahlkampf. Das Publikum saß dicht dabei, teilweise unter Decken gekuschelt. Ist es frech, dass Erdogan über die Partei ADD direkt in die Diskussionen auf der Straße eingreift? Sein Plakat hängt in etlichen Städten auf den Straßen. Oder ist es falsch, die EU-Verhandlungen mit der Türkei zu beenden? Can Dündar ist für mehr Dialog, statt mehr Abschottung. Es war ernst.

Am letzten Tag, am Samstag, kam dann die Sonne wieder raus. Zaghaft, schüchtern. Zunächst dachten wir, der Regen fällt einfach weiter und haben einige wenige Veranstaltungen abgesagt. Doch dann festigte sich das Wetter. 

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Unser Comic-Fellow Diala Brisley aus Syrien malte drei Tage lang bei Wind, Regen und Kälte.

Ivo Mayr / Correctiv

Wir saßen vor den Zelten, auf der Bühne spielten syrische Rapper, unsere Zeichner Greg und Diala vollendeten ein großes Mural. Dann eine Jazz-Band. Da kam dieses Festival-Gefühl auf. Dieses: „Wir haben durchgehalten und es war gut.“ Der Stress war weg. Wir waren erschöpft. Aber wir haben etwas geschafft. Paul von Ribbeck vom PENG! Kollektiv erklärte seine Call-A-SPY-Telefonzelle gut zwanzig Leuten. Wir redeten über die nächsten Reportagen und Geschichten.

Das Campfire-Festival 2017 war eine Bereicherung für CORRECTIV und für unseren Partner, das Institut für Journalistik an der TU Dortmund.

Wir werden weitermachen. Es wird im nächsten Jahr wieder ein Campfire-Festival geben!!

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Schaut vorbei – und bleibt auf dem laufenden!

Auf Facebook: Campfire2018

Und hier könnt Ihr Euch in den Newsletter zum Campfire-Festival eintragen.

Wir machen einen Schreibworkshop mit Ariel Hauptmeier© Ivo Mayr

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True Stories – wahre Geschichten schreiben

Wir wollen mit Euch schreiben lernen. Drei Tage lang. Ein Workshop mit abschließender Lesung und einem kleinem Festival im ROTTSTR5 Theater Bochum.

von Ariel Hauptmeier

Dieser Workshop ist ein Experiment, auch für uns.

Wir möchten mit euch gemeinsam zwei Tage lang schreiben – Geschichten, die wir selbst erlebt haben, die uns nicht los lassen, und die wir gemeinsam verdichten wollen zu spannenden Stories.

Wir wollen sie uns gegenseitig vorlesen, uns Tipps geben, einander anregen, verbessern. Freitagmorgen geht es los. Wir besprechen die Skizzen, mit denen ihr euch beworben habt. Dann schreiben wir bis Samstagsmittag, und gehen in die zweite Runde: lesen wieder gemeinsam, schauen, was funktioniert, was nicht, und wie man es besser machen könnte. Danach haben wir wieder Zeit, Verbesserungen einzuarbeiten. 

Am Sonntagmittag machen wir dann eine öffentliche Lesung – im Rahmen eines kleinen Festivals mit Live-Musik und Grillwürstchen. Im ROTTSTR5 Theater in Bochum.  Am Ende bündeln wir die Texte zu einem kleinen Lesebuch. 

Dieser Workshop eignet sich für jeden, besonders aber für Journalisten, die neue Schreibweisen ausprobieren möchten. 

Bitte bewirb Dich mit dem Entwurf jener Geschichte, die Du dann weiterschreiben möchtest. Bitte im doc-Format.

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Denk daran, dass interessante Geschichten Mut erfordern, man etwas von sich preisgeben muss, ehrlich sein muss, dass die Wahrheit manchmal weh tut. 

Der Kostenbeitrag ist 165 Euro, der Seminarort ist Essen, der Workshop beginnt am 16. Oktober und dauert bis zum 18. Oktober. Die Lesung beginnt am 18. Oktober um 15:00 Uhr im ROTTSTR5 Theater Bochum, Rottstraße 5, 44793 Bochum. 

Maximal 12 Teilnehmer. 

Ariel Hauptmeier leitet den Workshop. Er ist Textchef bei CORRECTIV, war zuvor lange bei „Geo“ und ist Mitgründer des Reporter-Forums.

ENDE DER BEWERBUNGSFRIST: 10. September 2015

Bewerbungen bitte an: schreibwerkstatt@correctiv.org

André Ricci im CORRECTIV-Büro

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Recherche bringt Auflage

Wir begrüßen neu im Team – André Ricci. Er arbeitet für die „Böhme-Zeitung“ und wird künftig große CORRECTIV-Recherchen auf die Verhältnisse im nördlichen Heidekreis herunterbrechen. „Böhme“-Chefredakteur Jörg Jung glaubt: Harte Recherche zahlt sich aus.

von Ariel Hauptmeier

Die „Böhme-Zeitung“ ist nicht groß. Sie verkauft rund 10.000 Exemplare pro Tag im nördlichen Heidekreis, in Soltau, Schneverdingen, Munster, Bispingen, Faßberg. Trotzdem arbeitet die „Böhme-Zeitung“ seit einigen Jahren investigativ – und hat nun einen Rechercheur eingestellt, der eng mit der Berliner CORRECTIV-Redaktion zusammenarbeitet. Er heißt André Ricci, ist Volljurist, ausgebildeter Redakteur und hat ein Faible für Verbraucherschutzthemen.

Bundesweit verlieren Zeitungen an Auflage – bei der „Böhme-Zeitung“ steigt sie. Nicht zuletzt wegen der investigativen Stories, glaubt Chefredakteur Jörg Jung. 2014 berichtete sein Blatt über Rüstungsaltlasten in der Nähe des Panzerübungsplatzes Munster, problematischen Müll, der dort seit Jahrzehnten vor sich hingammelte. Es war eine Recherche mit Folgen – der Bund legte einen Sanierungsfonds auf.

In diesem Jahr griff die „Böhme-Zeitung“ eine CORRECTIV-Recherche auf – über die Einseitigkeit, mit der die Wiener Polizei über Straftaten informiert. Und untersuchte, wie sich die Verhältnisse vor Ort darstellen. Das Ergebnis: Auch die Polizei in Niedersachsen ist nicht neutral in ihren Pressemitteilungen. Vergewaltigungen und häusliche Gewalt etwa werden überproportional oft verschwiegen.

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„Von der Zusammenarbeit mit CORRECTIV erhoffen wir uns noch mehr Qualität bei den Recherchen“, sagt Jörg Jung. „Unser Redakteur kann die CORRECTIV-Beiträge sofort lokal herunterbrechen, da er die Themen ja mit recherchiert hat.“

Chefredakteur Jung sagt, die „Böhme-Zeitung“ wolle ihre Rolle als vierte Gewalt künftig noch intensiver wahrnehmen, wolle „unklare oder geheime Vorgänge transparent machen.“ Und damit, natürlich, auch Geld verdienen. „Wir haben seit vier Quartalen Auflagenzuwächse gegenüber den Vorjahresquartalen“, sagt Jung. „ Hätten wir, wie der Durchschnitt der niedersächsischen Tageszeitungen, einen Auflagenverlust von 2,9 Prozent, wären dies knapp 100.000 Euro weniger an jährlichen Verkaufserlösen.“

André Ricci freut sich darauf, an den großen CORRECTIV-Stories mitzuarbeiten – und ihnen dann einen eigenen Spin zu geben. „Der Lokaljournalismus braucht mehr Mut  zur eigenen Story und zum kritischen Hinterfragen“, sagt er. „Zusammenarbeit und Vernetzung sind dafür entscheidend.“