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In welche Richtung entwickelt sich das Oberlinhaus? Blick auf das Konzerngelände in Potsdam.© Kiyo Dörrer / Correctiv

Wirtschaft

Der Vorstand behüte Dich

Einer der größten Arbeitgeber in Potsdam ist der Verein Oberlinhaus. Wie so viele im Wohlfahrtssektor schweigt das Sozialunternehmen eisern zu seinen Finanzen. Auch die Mitarbeiter erfahren nur äußerst wenig. Bei der aktuellen Umstrukturierung geht der Vorstand wenig zimperlich vor.

von Jonathan Sachse , Jan Willeken , Frederik Richter

Diese Recherche erscheint in Kooperation mit den Potsdamer Neueste Nachrichten

Der 8. November ist eigentlich ein Festtag für das Oberlinhaus. Bundeskanzlerin Angela Merkel hält an diesem Tag die traditionelle Oberlin-Rede in dem diakonischen Unternehmen in Potsdam. Einmal im Jahr sprechen bekannte Politiker vor den Mitarbeitern über die Bedeutung von gemeinnütziger, von sozialer Arbeit für die Gesellschaft.

Doch nach Feiern ist den 1.800 Mitarbeitern momentan nicht zumute: Viele sind stark verunsichert. Während der aktuellen Umstrukturierung des Unternehmens erhalten sie kaum Einblicke. Der Vorstand trennt sich plötzlich von einem Geschäftsführer. Das Unternehmen legt keine Informationen über seine Finanzen vor.

Mittlerweile hat sich der Aufsichtsrat eingeschaltet. Bis vor Kurzem zählte auch Matthias Platzeck zum Aufsichtsrat. Doch der ehemalige Ministerpräsident Brandenburgs hat nach Informationen der Potsdamer Neueste Nachrichten und CORRECTIV das Amt niedergelegt.

Das Oberlinhaus, das jährlich mehr als 100 Millionen Euro Umsatz erzielt, ist ein weiteres Beispiel für fehlende Transparenz im gemeinnützigen Sektor.

Gegründet wurde das Sozialunternehmen 1871 in Berlin, benannt nach dem Sozialreformer und Pfarrer Johann Friedrich Oberlin. Er gilt als ein Vordenker von Kindergärten. Das Oberlinhaus war zunächst ein Verein, der eine Bildungseinrichtung für Kleinkinder gründete und Lehrer ausbildete.

Mittlerweile finden sich auf dem Grundstück, zentral in Potsdam-Babelsberg gelegen, neben Kindertagesstätten auch eine Klinik, eine Schule, ein Reha-Zentrum und Wohneinrichtungen für Behinderte. Das Oberlinhaus gilt als der drittgrößte Arbeitgeber in Potsdam und betreibt zehn weitere Einrichtungen außerhalb von Potsdam.

Emotionale Mitarbeitversammlungen

Der interne Streit eskalierte endgültig, als der Vorstand am 25. August beschloss, den Geschäftsführer der Oberklinik abzuberufen. An den Umständen der plötzlichen Trennung entzündete sich viel Kritik. Es ist ein Vorgehen, wie man es von Investmentbanken, aber nicht von gemeinnützigen Unternehmen kennt.

Das steht im krassen Gegensatz zum angeblichen Selbstverständnis des Unternehmens: „Diakonie ist Dienst am Menschen in gelebter christlicher Nächstenliebe“, heißt es auf der Webseite.

In den vergangenen Wochen haben die beiden Vorstände Andreas Koch und Pfarrer Matthias Fichtmüller mehrere Mitarbeiterversammlungen im Oberlinhaus einberufen, um die aufgewühlte Mitarbeiterschaft zu beruhigen. Aber das gelingt nicht.

Portrait von Matthias Fichtmüller

Der Umbau des Konzerns sei notwendig, meint Vorstand Matthias Fichtmüller. „Damit Probleme schneller gelöst werden können“.

Oberlinhaus Pressefoto

Auf einer Versammlung reagierten die Vorstände auf die vielen Fragen oft nur mit Floskeln oder Schweigen, wie Teilnehmer CORRECTIV berichteten. Immer wieder applaudierten die Mitarbeiter ihren fragenden Kollegen. Die Mitarbeiter beschwerten sich vor allem, dass sie keine Informationen über die Pläne des Vorstands für das Unternehmen erhielten. Eine Frage, die sich viele Mitarbeiter stellen: Wie geht es dem Konzern?

Antworten könnte der Jahresabschluss des Vereins Oberlinhaus liefern, der an der Spitze des Unternehmens steht. Dem Verein untergeordnet sind die Krankenhäuser und Einrichtungen des Unternehmens, die sich in gut einem Dutzend Tochter-GmbHs befinden. Die Tochterunternehmen leisten interne Zahlungen an den Verein, von dem sie im Gegenzug Dienstleistungen erhalten. Das kann zum Beispiel Marketing sein oder die Personalverwaltung. Derartige interne Zahlungen sind in großen Unternehmen üblich.

Rote Zahlen beim Verein

Nach der Schilderung mehrerer Mitarbeiter bekommen sie den Jahresabschluss des Vereins Oberlinhaus erst zu sehen, wenn alle Zahlungen der Einrichtungen verrechnet sind. Welche Kosten im Detail beim Verein selbst anfallen, können sie nicht nachvollziehen. Und trotz der internen Zahlungen schreibt der Verein offenbar rote Zahlen. Das geht aus einer internen Finanzübersicht hervor.

Die finanzielle Lage des Mutter-Vereins ist nicht zu verwechseln mit der Bilanz für den Gesamtkonzern: Der Konzern Oberlinhaus hat im Jahr 2016 ein positives Jahresergebnis im niedrigen siebenstelligen Bereich erwirtschaftet.

Zum Konzern zählen mehr als zehn Einrichtungen, die eine Management-Umlage an den Verein leisten. Diese kann jährlich bei mehreren Hunderttausend Euro liegen. Im Jahresabschluss der Oberlinklinik, eine orthopädische Fachklinik in Potsdam, ist diese Umlage in den „sonstigen betrieblichen Aufwendungen“ enthalten, aber nicht gesondert ausgewiesen.

Die interne Management-Umlage wird damit begründet, dass der Verein den Tochtergesellschaften Arbeit abnimmt, indem er sich zum Beispiel um Immobilienmanagement und Personalentwicklung kümmere, aber auch ideelle Aufgaben des Vereins finanziere. In den Einrichtungen fragen sich die Mitarbeiter aber, warum die Umlage so hoch ist.

Hunderttausende Euro für einen Referatsleiter

Über die Gehälter des Vorstands ist nichts bekannt. Es gibt Hinweise, dass zumindest im Umfeld des Vorstands gut gezahlt wird. Nach Informationen von CORRECTIV verdiente ein kommissarischer Vorstandsreferent innerhalb von knapp einem Jahr Honorare in Höhe von etwa 150.000 Euro.

Das Unternehmen weigert sich auf Anfrage, das Gehalt der beiden Vorstände Koch und Pfarrer Fichtmüller zu veröffentlichen. Das Gehalt orientiere sich an „branchenüblichen Werten für diakonische Komplexträger“, schreibt Konzernsprecher Christian Kolata auf Anfrage. Das Gehalt des Referatsleiters könne das Unternehmen „nicht nachvollziehen und der Höhe nach nicht bestätigen“. Durch den Konzernumbau „werden bei den Tochtergesellschaften keine Mehrkosten verursacht“, schreibt Kolata.

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Ein sechsstelliges Gehalt kann für einen Referenten angemessen sein. Doch weil der Konzern seinen Jahresabschluss nicht veröffentlicht, kann vieles nicht überprüft werden: die Kosten für das Führungspersonal und die Verwaltung zum Beispiel. Oder die Ausgaben für externe Berater, oder die Immobiliengeschäfte des Konzerns.

Pressefoto Herr Koch_preview.jpeg

„Ob wir rote Zahlen schreiben, möchten wir nicht beantworten“, sagt Vorstand Andreas Koch auf Anfrage von CORRECTIV zu den Finanzen des Muttervereins.

Oberlinhaus Pressefoto

„Wir veröffentlichen alles, was wir müssen“, sagt Vorstand Koch in einem Pressegespräch. „Wenn mich ein Mitarbeiter fragt, sage ich immer: Wir sind gut aufgestellt. Entscheidend ist, wo wir stehen und wie wir den Weg gemeinsam gehen werden.“

Immer wieder mangelnde Transparenz 

Das Oberlinhaus ist damit ein weiteres Beispiel fehlender Transparenz im  Wohlfahrtssektor. In der freien Wirtschaft sorgen Eigentümer und Aktionäre aus Eigeninteresse dafür, dass zum Beispiel Vorstände angemessen bezahlt sind. Denn exzessive Kosten für Vorstand und Verwaltung reduzieren ihren Gewinn.

Das fehlt im gemeinnützigen Sektor, der in Berlin in den vergangenen Jahren deswegen von zwei Skandalen erschüttert wurde. Im Jahr 2010 wurde bekannt, dass der Geschäftsführer der Treberhilfe, ein Berliner Sozialunternehmen, ein überhöhtes Gehalt bekam und auf Kosten des Unternehmens Maserati fuhr. Der diakonische Landesverband Diakoniewerk Berlin-Brandenburg schlesische Oberlausitz (DWBO) bemühte sich daraufhin um einen Ausschluss. Das Unternehmen ging später pleite.

Im Juli deckte CORRECTIV auf, wie sich ein angestellter Vorstand das Diakoniewerk Bethel unter den Nagel riss. Der Vorstand gönnte sich dem Vernehmen nach ein Jahresgehalt von etwa 700.000 Euro und vermischte bei Immobiliengeschäften seine persönlichen Interessen mit denen des Unternehmens. Der DWBO bereitet derzeit den Ausschluss des Diakoniewerks Bethel vor. Dem Unternehmen droht wegen des mutmaßlich hohen Vorstandsgehalts zudem der Verlust der Gemeinnützigkeit.

Es gibt keine Hinweise, dass die mangelnde Transparenz beim Verein Oberlinhaus zu derartigen Auswüchsen wie bei Bethel geführt hat. Doch die Mitarbeiter fürchten, dass sich ihr Unternehmen in die falsche Richtung entwickelt. „Wir betheln jeden Tag, damit man uns nicht trebert“, sagen sich einige Mitarbeiter in Anspielung auf die beiden großen Skandale des Wohlfahrtssektors in Berlin in den vergangenen Jahren.

Einige Mitarbeitervertretungen schrieben zuletzt Briefe an den Aufsichtsrat des Unternehmens. Sie erhielten eine Antwort, die sie aber nicht überzeugte. Es seien aus ihrer Sicht „leider keine unserer konkreten Fragen ausreichend beantwortet worden“, heißt es in einem weiteren Schreiben.

Aufsichtsratstagung ohne Matthias Platzeck

Erst als CORRECTIV den Konzern um Stellungnahme bittet, unterrichtet das Unternehmen die Mitarbeiter ausführlicher. Am Tag nach der Anfrage, über zehn Monate nach Beginn der Umstrukturierungen, erhalten die Mitarbeiter eine Email mit ausführlichen Erklärungen. Es geht auch um den geschassten Klinikleiter. „Er hat das Unternehmen im besten Einvernehmen verlassen“, heißt es darin. Eine Aussage, die im Widerspruch zu den Berichten der Augenzeugen steht, die am beobachteten, wie der Geschäftsführer am 25. August die Klinik verließ. Erst später kam das Unternehmen nach Informationen von CORRECTIV zu einer Einigung mit dem Klinikleiter.

Zuletzt schaltete sich der Aufsichtsrat in den Streit ein und sprach unter anderem mit den Mitarbeitervertretungen. Am Samstag (21.10.) treffen sich die Räte, um die Gespräche auszuwerten. Dabei dürfte es auch um das Vorgehen der Vorstände Fichtmüller und Koch gehen. Matthias Platzeck wird nach seinem Rücktritt nicht mehr am Tisch sitzen. Das bestätigte sein Sprecher. Warum das prominenteste Gesicht im Kontrollgremium sein Amt aufgegeben hat, ist noch völlig unklar.

Wie derzeit so vieles beim Oberlinhaus.

Update 20.10. um 22:03 Uhr: Matthias Platzeck sei aus „aus persönlichen Gründen“ zurückgetreten, sagt sein Sprecher am Abend gegenüber CORRECTIV. Weitere Details wolle er nicht nennen.

Update 22.10.: In einer Mitteilung des Aufsichtsrats heißt es nach der Sitzung: „Das Oberlinhaus ist dabei, sich gut aufzustellen“, schreibt Martin Vogel, der dem Aufsichtsrat vorsitzt. Und weiter: „Entstandene Defizite bei der Neuausrichtung des Oberlinhaus wurden kritisch ausgewertet. Versäumnisse und Fehler sollen natürlich behoben werden. Verloren gegangenes Vertrauen soll zurückgewonnen werden.“ Dabei würden Vorstand und Aufsichtsrat „gemeinsam vertrauensvoll“ zusammenarbeiten.

Anpassung am 27.10.: Wir haben einen Absatz ergänzt, der beschreibt, dass der Gesamtkonzern im Gegensatz zum Mutterverein keine roten Zahlen schreibt. Zudem haben wir die Abläufe rund um die Kündigung des Klinikleiters aktualisiert.


Damit Sie sich als Leser selbst ein Bild machen können, veröffentlichen wir auch Originaldokumente zu Recherchen. Unter den folgenden Links finden Sie drei Schreiben, die die Kommunikation zwischen den Mitarbeitern, Aufsichtsräten und den Vorständen des Oberlinhauses abbilden.


Haben Sie Hinweise oder Anmerkungen zur Recherche? Sie können die Autoren dieses Artikel hier erreichen, unter dem Text kommentieren oder über den anonymen Briefkasten mit uns Kontakt aufnehmen.

Benjamin Schubert, Anne-Lise Bouyer und das CORRECTIV-Model für Kollegen, die dem Netz kein Foto von sich anvertrauen wollen.© Ivo Mayr / Correctiv

In eigener Sache

Die Drei von der Nerd-Stelle

Es ist ein bisschen voller geworden in der CORRECTIV-Redaktion. Zwei neue Kolleginnen und ein neuer Kollege helfen uns, mit noch mehr Datenjournalismus und innovativen Recherchen die Zukunft des Journalismus zu gestalten.

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von Jan Willeken

Anne-Lise Bouyer arbeitet seit Anfang September als Projektmanagerin in der Redaktion. Sie entwickelt Ideen für neue Projekte, plant sie und koordiniert dabei das Tech-Team. Ihr aktuelles Projekt ist der CrowdNewsroom von CORRECTIV. „Es ist etwas ganz Neues im Journalismus: Journalisten und Bürger recherchieren zusammen auf einer Plattform“, sagt die Französin.

Der CrowdNewsroom ist Neuland. Die Online-Plattform soll Bürgern die Beteiligung an journalistischen Recherchen ermöglichen. CORRECTIV hat bisher zwei Recherchen als Pilotprojekte durchgeführt: die Sparkassen-Recherche und eine Erhebung von ausgefallenen Unterrichtsstunden in Dortmund. Die größten Herausforderungen für Anne-Lise: „Es muss absolut sicher sein und gleichzeitig nutzerfreundlich, damit die Leute mitmachen wollen.“

Mit solchen Aufgaben hat die Projektmanagerin Erfahrung. Nach ihrem Informatik-Studium gründete sie 2012 mit einigen Mitstreitern die Journalisten-Agentur „Journalism++“. Das Unternehmen bietet neue Erzählformen mithilfe von Datenjournalismus. Anne-Lise koordinierte zum Beispiel das Projekt „Migrants’ Files“:  Journalisten aus 15 Ländern recherchierten, wie sich Europa gegen Flüchtlinge abschottet. Die Recherche gewann den „European Press Prize“ und den „Datajournalism Award“.

Seit 5 Jahren lebt Anne-Lise nun in Berlin: „CORRECTIV hat eine Vision nicht nur für Datenjournalismus. Wir wollen auch traditionellen Journalismus mit digitalen Mitteln effizienter zu machen.“ Dieser Mut zur Innovation und Experimentierfreudigkeit hätten sie angezogen.

Selber machen

Lyudmila Vaseva arbeitet schon seit einigen Monaten bei CORRECTIV. Als Webentwicklerin geschieht ihre Arbeit eher im Hintergrund. Aber so sorgt sie dafür, dass das Redaktionssystem und die Webseite funktionieren. Neben der Arbeit macht Lyudmila gerade ihren Master in Informatik und studiert obendrein Spanisch.

Das Handwerk der Webentwicklung hat sie sich selbst angeignet: „Das Konzeptionelle versteht man durchs Studium recht schnell, aber das Handwerkliche lernt man nur durchs selber Machen.“

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Deshalb arbeitete Lyudmila sehr lange selbstständig als Webentwicklerin, unter anderem für die FSFE (Free Software Foundation Europe). Diese Arbeit kommt nicht von ungefähr: Lyudmila ist eine große Verfechterin von freier Software. Frei heißt dabei keineswegs, dass das Programm kostenlos ist, sondern dass es den Benutzern Freiheiten gibt. Zum Beispiel, dass jeder das Programm für seine eigenen Zwecke verändern darf.

Eine Voraussetzung dafür ist natürlich, dass die Entwickler den Quellcode überhaupt veröffentlichen. „Der Gedanke ist verbreitet, wenn ich meinen Code öffentlich hinlege, womit verdiene ich dann mein Geld?“, sagt Lyudmila. Dabei könne man mit solcher Software sehr wohl Geld verdienen.

Das, was sonst keiner macht

Irgendwann wollte Lyudmila dann einen festen Job. Es sei zwar angenehm, als Freiberuflerin von zu Hause arbeiten zu können, aber die Kommunikation mit Kollegen funktioniere einfach besser, wenn man am selben Ort arbeitet. Auch deshalb ist sie zu CORRECTIV gekommen, um gemeinsam im Team arbeiten zu können.

Fürs Kreative im Tech-Team ist vor allem unser neuer Producer und Webdesigner Benjamin Schubert zuständig. Der gelernte Mediengestalter und studierte Kommunikationsdesigner beschäftigt sich vor allem damit, wie sich die Nutzer von Webseiten verhalten. Und wie man es ihnen möglichst angenehm machen kann, sich zurechtzufinden. Denn eine Webseite, das seien eben nicht nur Pixel.

Bei CORRECTIV schätzt Benjamin das junge und multikulturelle Redaktionsteam. Das war jedoch nicht der Hauptgrund, warum er zu CORRECTIV gekommen ist. Vielmehr hat sich Benjamin schon länger für die Verantwortung von Journalismus interessiert, seine Bachelorarbeit schrieb er über Sensationalismus in deutschen Massenmedien. Er findet den Ansatz von CORRECTIV richtig und wichtig, gemeinnützig und unabhängig an Geschichten zu arbeiten, die sonst keiner macht. „Wir brauchen langfristige Recherchen im Zeitalter des Clickbaiting. Das ist etwas, das ich unterstützen will und wo ich mit Leidenschaft dabei bin.“

Wenn Du auch Lust hast, Teil unseres Teams zu werden: Wir suchen noch eine*n Webentwickler*in

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In eigener Sache

CORRECTIV-Recherche zu klimaschädlichen Geldanlagen für zwei weitere Preise nominiert

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von Jan Willeken

Die Devestment-Recherche von CORRECTIV ist für den „ERM Medienpreis 2017“ zum Thema nachhaltige Entwicklung sowie dem Deutschen Journalistenpreis nominiert. Die Verleihung des Deutschen Journalistenpreises findet am 28. September statt, die Entscheidung der Jury des ERM Medienpreises fällt ebenfalls in den kommenden zwei Wochen. Zuvor war die Recherche bereits für den Henri-Nannen-Preis nominiert. 

Devestment bedeutet, Investitionen in fossile Rohstoffe wie Öl, Gas und Kohle zu verkaufen. Die CORRECTIV-Reporterin Annika Joeres sowie der Gastautor Fabian Löhe hatten recherchiert, in welche Unternehmen oder Fonds die Bundesländer das Geld für ihre Beamtenpensionen investieren. Nach wochenlangen Recherchen und Klageandrohungen wurde im Juli vergangenen Jahres klar: Sieben von sechzehn Bundesländern legen ihr Geld in klimaschädlichen Firmen an. Es war unseren Journalisten gelungen, von den Landesregierungen exakte Listen zu erhalten, mit wie viel Geld sie über Pensionsfonds an welchen Firmen beteiligt waren.

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Nordrhein-Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg, Berlin, Hessen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg hatten zusammen mehr als vier Milliarden Euro weltweit in Konzernen angelegt. Knapp 400 Millionen Euro davon steckten in Firmen, die den Klimaschutzzielen der Bundesregierung entgegenstehen. Auch vor Investments in Waffenhersteller, Tabakkonzerne oder Firmen, die grob unethisch geführt werden, scheuten sich die Landesregierungen nicht.

Die Veröffentlichung dieser Recherche durch CORRECTIV wurde in dutzenden regionalen Zeitungen und Internetseiten verbreitet und sorgte daraufhin für Diskussionen in den Landesparlamenten, für Pro- und Contra-Diskussionen von solchen Investitionen in den betroffenen Ländern, besonders in Sachsen-Anhalt, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. Die Vorsitzende des Bundestags-Ausschuss für Umwelt und Naturschutz, Bärbel Höhn (Grüne), erklärte die Grünen zur „Devestment-Partei“ und übte damit Druck auf ihre Parteifreunde in den Landesregierungen in NRW und Baden-Württemberg aus.

In Sachsen Anhalt kündigte Ministerpräsident Rainer Haseloff (CDU) zunächst an, die Anlagen zu überdenken, die Linke stellte mehrere Anträge dazu – aber die Bürgerinnen und Bürger warten noch immer auf dieses versprochene Devestment. Nordrhein-Westfalen hingegen hat noch unter rot-grüner Regierung die indirekten Investitionen in die umstrittenen und grenznahen Atomkraftwerke Tihange und Doel gestoppt, die unsere Recherche erst öffentlich gemacht hatte. Und Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann lässt inzwischen einen „ethischen Investitionsleitfaden“ entwickeln. 

Da war sie noch nicht beschlagnahmt, das Schiff der Organisation "Jugend Rettet" im November 2016 vor der libyschen Küste.© Andreas Solar / AFP

Flucht & Migration

„Jugend Rettet“ weist Vorwürfe italienischer Ermittler zurück

Italienische Staatsanwälte gehen dem Verdacht nach, dass die deutsche NGO „Jugend Rettet“ bei Hilfseinsätzen auf dem Mittelmeer Kontakte zu Schleppern hatte. Die NGO weist die Vorwürfe jetzt zurück.

weiterlesen 4 Minuten

von Jan Willeken

Der Vorwurf, dass internationale Hilfsorganisationen Kontakte mit Schleppern aus Nordafrika unterhalten, steht schon seit einiger Zeit im Raum. Staatsanwälte in der sizilianischen Hafenstadt Trapani haben den Vorwurf im Fall der 2015 in Berlin gegründeten deutschen NGO „Jugend Rettet“ konkretisiert.

Es gibt kaum unabhängige Informationen über die Geschehnisse rund um die internationalen Rettungseinsätze auf dem Mittelmeer. Folgt man der Darstellung der Staatsanwaltschaft, so hatte das Rettungsschiff der NGO, die „Iuventa“, vor der libyschen Küste Kontakte zu Schleppern. In einem Fall habe das dazu geführt, dass Schlepper eines ihrer Boote noch einmal einsetzen konnten.

Die Staatsanwälte ermitteln wegen des Verdachts der Beihilfe zur illegalen Einwanderung. Bei ihren Ermittlungen, die gegen Unbekannt geführt werden, berufen sie sich auf Zeugenaussagen, verdeckte Ermittler und abgehörte Telefonate. Anfang August beschlagnahmten sie die „Iuventa“. „Jugend Rettet“ hatte sich auf Anfragen von CORRECTIV zunächst nicht detailliert geäußert. Die Organisation weist die Vorwürfe der Ermittler jetzt entschieden zurück.

Nur „rudimentäre Kommunikation“

Bereits seit einiger Zeit gebe es in Deutschland und Italien derartige Spekulationen und Anschuldigungen von Politikern, schrieb die Hilfsorganisation in einer Stellungnahme. „Für diese Behauptungen wurden nie Beweise vorgelegt und sie sind schlicht und einfach unwahr.“

Ein Foto aus den Justizunterlagen, die CORRECTIV ausgewertet hat, soll zeigen, wie ein Beiboot der „Iuventa“ am 18. Juni diesen Jahres leere Holzboote zusammenbindet. Laut den Ermittlern soll eines der Boote später noch einmal für den Transport von Migranten eingesetzt worden sein.

Mit sogenannten „Motoren-Fischern“ gebe es keine Absprachen, sagte die NGO. Es gebe lediglich rudimentäre Kommunikation. „Motoren-Fischer“ sollen Personen sein, die Motoren von den Migrantenschiffen abmontieren, damit die Schlepper sie anschließend wiederverwenden können. Die Besatzung der “Iuventa” versuche in solchen Fällen, diese Leute davon abzuhalten, die Rettung zu stören, so die NGO. Zu ihrer eigenen Sicherheit vermieden die Retter aber Konfrontationen mit diesen möglicherweise bewaffneten Personen.

Weiter heißt es: „Jugend Rettet verurteilt den Handel mit Menschenleben und das Geschäft der Schlepper. Eine Kooperation mit Menschenhändlern ist für uns von vornherein ausgeschlossen.“

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Eine Rettung kommt dazwischen

„Jugend Rettet“ sagte weiter, die Retter hätten die Boote nicht wie von der Staatsanwaltschaft behauptet den mutmaßlichen Schleppern überlassen, sondern sie mit einigen hundert Metern Sicherheitsabstand zerstören wollen. Dabei sei den Rettern aber ein weiterer Seenotfall dazwischen gekommen. Diese Rettungsaktion hätten mutmaßliche Schlepper dann genutzt, um die Boote zu stehlen. Ohnehin habe keines der Crewmitglieder auf der Mission Arabisch gesprochen, was meistens die Sprache der „Motoren-Fischer“ sei.

Auf einem weiteren Foto, das die Staatsanwaltschaft als Beweismittel für eine angebliche Nähe zwischen NGO und Schleppern vorlegt, ist zu sehen, wie NGO-Mitarbeiter einen Abschiedsgruß zeigen. Laut Staatsanwaltschaft galt dieser Gruß den Schleppern. „Jugend Rettet“ sagt, dieser Abschiedsgruß nicht an die Schlepper, sondern an die Migranten.

Zudem sehen sich die Helfer dem Vorwurf gegenüber, nicht mit der italienischen Küstenwache zu kooperieren. Die „Iuventa“ habe sich demnach im Mai 2017 geweigert, in den Hafen von Lampedusa einzulaufen. Stattdessen sei es zu einem möglicher Weise abgesprochenen Treffen mit dem etwas mysteriösen Schiff „Shada“ gekommen.

Beides streitet „Jugend Rettet“ ab. Der Kapitän des Schiffs habe allen Aufforderungen der italienischen Seenotleitstelle Folge geleistet. Mit dem Schiff „Shada“, das in der Vergangenheit in den Schmuggel von Waffen und Tabak auf dem Mittelmeer verwickelt war, hätten sich die Retter weder treffen wollen, noch sei ihnen das Schiff vor der Berichterstattung in den Medien bekannt gewesen.

Gezielte Kriminalisierung der Retter?

„Wir arbeiten im Augenblick unter Hochdruck an der Aufarbeitung der Ereignisse“, schreibt „Jugend Rettet“. Aus rechtlichen Gründen will sich die Organisation nicht zu allen Vorwürfen detailliert äußern. „Allerdings können wir festhalten, dass sämtliche Punkte, die uns vorgeworfen werden, aus ihrem Kontext gerissen wurden und sich in der dargestellten Form nicht ereignet haben.“

„Jugend Rettet“ argumentiert, dass die staatsanwaltlichen Ermittlungen den Ruf der internationalen Retter beschädigen und sie kriminalisieren sollen. Das seien „Puzzlestücke in der aktuellen europäischen Politik, welche nicht auf Hilfe für Geflüchtete setzt, sondern versucht, das Erreichen Europas für Flüchtende unmöglich zu machen und parallel ihr Recht auf das Stellen eines Asylantrags auszuhebeln“.

2013 ertranken vor Lampedusa mehr als 360 Flüchtlinge. Daraufhin rief Italien den Marineeinsatz „Mare Nostrum“ ins Leben. 150.000 Flüchtlinge wurden in einem Jahr aus dem Meer gerettet. Der Einsatz wurde später ersetzt durch die Operation Triton der EU-Grenzbehörde Frontex und die EU-Militäroperation Sophia. Beide haben aber eher das Ziel, Schleusern das Handwerk zu legen. Die EU fuhr ihre humanitäre Hilfe im Mittelmeer zurück und rief damit erst die privaten Retter auf den Plan. Laut Frontex werden inzwischen 40 Prozent der Flüchtlinge von NGO-Schiffen gerettet.