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Nicht nur im Radsport. Nicht nur bei den Profis. Doping ist auch im Breitensport verbreitet.© Fritz Huber

Fußballdoping

„Jeder Neunte dopt“

Doping ist ein Massenproblem. Längst haben die leistungssteigernden Mittel auch den Amateur- und Breitensport erreicht. Laut Dopingforscher Perikles Simon dopen allein im Kraftsport rund eine Million Menschen in Deutschland. Doch Sportverbände, Staatsanwälte und Polizisten schauen weg.

von Leonie Weigner

Es begann vor zehn Jahren. Da genügte ihm das Training im Fitnessstudio nicht mehr. Er wollte an Bodybuilder-Wettkämpfen teilnehmen. Dafür würde er Doping brauchen. Das sagten ihm alle. Nur seine Frau war dagegen. Benedikt Worms* las sich ein in das Thema und nahm sich vor, dass es eine einmalige Sache sein sollte. Einmal ausprobieren und so vielleicht Deutscher Meister werden.

Worms entschied sich zunächst für Testosteron. Ein körpereigener Stoff, durch den der Muskelaufbau beschleunigt werden kann. Es war einfach, sich den Stoff zu beschaffen.

Es blieb nicht bei dem einen Mal. „Wenn die Tür einmal auf ist, ist der Schritt über die Schwelle nicht mehr ganz so schwierig“, sagt Worms heute. Inzwischen ist er Mitte 30. „Anfangs nimmt man eine Ampulle à ein Milliliter, später dann alle fünf Tage zwei.“ Wichtig sei, dass man es mindestens für zwölf Wochen mache, sonst bringe es nichts. Vor dem Wettkampf spritze man sich täglich. Bald habe er ausgesehen „wie ein Michelin-Mann“, deshalb kombinierte Worms andere Stoffe dazu, zur Entwässerung beispielsweise. Außerdem habe er seine Ernährung drastisch umgestellt. Die Dosierungen und Abläufe gehen ihm leicht über die Lippen. Er erzählt es so, wie andere von einem Kochrezept erzählen. 

Doping – eine Straftat   

Seit dem 10. Dezember 2015 gilt in Deutschland das Anti-Doping-Gesetz. Bis dahin fiel Doping unter das Arzneimittelgesetz, nun wurde auch „das Inverkehrbringen, der Erwerb und Besitz von Dopingmitteln“ verboten. Ebenso Selbstdoping. Seitdem können Sportler, die verbotene Substanzen schlucken, und Hintermänner, die sie besorgen, gleichermaßen belangt werden, mit Haftstrafen von bis zu zehn Jahren.

Wie wenig der Dopingbereich beleuchtet wird, zeigt ein Blick auf die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS)**. 986 Dopingfälle gab es demnach im Jahr 2015 in Deutschland. Rund 90 Prozent davon betrafen den Besitz und Erwerb von Dopingmitteln, bei Rest ging es um das „Inverkehrbringen“. Die meisten Fälle gab es in Baden-Württemberg. Auffällig viele Fälle gab es außerdem in Chemnitz und Stuttgart. Vergleicht man die Zahlen des Jahres 2015 mit denen des Jahres 2016 fällt auf, dass die Situation sich sogar verschärft hat. Insgesamt ist die Zahl der Doping-Straftaten auf 1.109 gestiegen. 

Da die PKS eine Eingangsstatistik ist, bleibt offen, ob die steigenden Zahlen an der verbesserten Arbeit der Ermittler liegt, oder daran, dass mehr gedopt wird. Auch, ob die Ermittler ihre Ermittlungen stärker auf die Händler-Netzwerke konzentrieren und es dadurch dort „Erfolge“ zu verzeichnen gibt, kann auf Grundlage der rohen Zahlen nicht analysiert werden.

CORRECTIV hat bei den Landeskriminalämtern aller 16 Bundesländer nach einer detaillierten Aufschlüsselung der Dopingfälle gefragt. Wie viele der Verstöße fallen in den Leistungsbereich, wie viele in den Breitensport? Was wurde gefunden? Das Resultat ist ernüchternd: Ein wirksames, einheitliches Verfahren zur Verfolgung von Dopingdelikten gibt es im Breitensport nicht.

„Vieles ist ganz einfach Zufall, wenn man zum Beispiel Hausdurchsuchungen macht, findet man immer mal Tabletten und Medikamente“, sagt Olaf Schremm, Dezernatsleiter für Arznei und Rauschgiftkriminalität beim LKA Berlin. Er erzählt auch, dass es für Dopingmittel eine ähnliche Bandenkriminalität gebe wie beim Rauschgifthandel. Man könne der Sache kaum beikommen. Es fehle das Personal.

In den Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg versucht man, mit Schwerpunktstaatsanwaltschaften für Doping dieses schwer zu überblickende Feld zu kontrollieren. Auch in den anderen 14 Bundesländern wird aktuell überlegt, solche Spezialzuständigkeiten einzurichten. 

Christoph Frank leitet die Schwerpunktstaatsanwaltschaft Freiburg. Doping sei ein soziales Problem, sagt er: „Es gibt einen gesellschaftlichen Wunsch nach Erfolg der nationalen Sportler, und auch die finanzielle Sportförderung des Innenministeriums richtet sich nach Wettkampfergebnissen.“ Ein Teufelskreis. Denn um den Erfolg bis in den Profisport bieten zu können, werde schon auf niedrigen Niveaus gedopt. Wer aufsteigen will, hilft nach.

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Gesundheit von dopenden Breitensportlern besonders gefährdet

Das sei bei Breitensportlern besonders riskant. Profis werden von Ärzten betreut, die über Risiken aufklären und den Unterschied zwischen gepanschten Präparaten und Originalen erkennen. Amateure hingegen betreiben „Eigenmedikation“: Sie spritzen und dosieren auf eigene Verantwortung.

Laut Dopingforscher Perikles Simon dopen allein im Kraftsport rund eine Million Menschen in Deutschland. Das ist jeder Neunte. Und da sind Sportarten wie Fußball, Marathon und Triathlon noch nicht eingerechnet. Simon leitet seit 2009 die Abteilung für Sportmedizin der Universität Mainz leitet. Für ihn liegt das Problem in der Priorisierung. „Das Thema Doping muss stärker in den gesellschaftlichen Fokus rücken“, sagt er. Bisher habe sich die öffentliche Aufmerksamkeit vor allem auf Drogen gerichtet.

Das neue Gesetz sei ein richtiger Schritt, um dem Dopingproblem mehr Beachtung zu verschaffen. „Aber viel wichtiger ist die Prävention“, findet Simon. Es müsse ein Bewusstsein entwickelt werden, schon bei den Jugendlichen. Auch für Substanzen, die zwar legal sind, aber trotzdem gefährlich sein können: zum Beispiel Schmerzmittel. Nicht nur, weil sie abhängig machen können. Die Präparate wirken sich auch auf die allgemeine Leistungsfähigkeit aus. Damit ist ein Sportler zwar nicht offiziell gedopt, aber auch nicht wirklich „sauber“.

Orientierung im Dschungel der verbotenen und halb oder noch legalen Substanzen zu finden, ist bisweilen kompliziert. Robert Petzold hält es lieber einfach: Doping lehnt er komplett ab. Der 27-Jährige hat sich auf Radmarathons und 24-Stunden-Rennen spezialisiert. Er hält den Weltrekord im Höhenmeter-Radfahren. Von seinem Sport leben kann er aber nicht. „Um im Profiradsport mitzufahren, fehlen die letzten fünf bis zehn Prozent, und die würde ich nur mit Zusatzstoffen erreichen“, meint er. Petzold findet Dopen „das Allerletzte“ und spricht dementsprechend offensiv Sportkollegen an, von denen er glaubt, dass sie dopen. Er fragt sie ganz direkt per Email oder in den sozialen Medien, manchmal auch während sie sich gemeinsam einen Berg hinauf quälen. Die meist aggressiven bis beleidigenden Reaktionen sprächen für sich, meint Petzold. Keiner gebe zu, dass er dope. „Ich würde für niemanden die Hand ins Feuer legen, außer für mich selbst“, sagt er.

Bodybuilder Worms hoffte damals, genau wie unzählige andere: Dass sie sich mit ein bisschen Doping einen großer Vorteil verschaffen können. Jahrelang sei es möglich gewesen, sich im Internet Dopingsubstanzen selbst zu organisieren, erzählt Worms. Dafür habe man noch nicht mal in die Tiefen des Internets gemusst, ins so genannte „Darknet“. Man bekam „die Originale ganz einfach über eine normale Internetbestellung“ per DHL. Mit „Original“ meint Worms Stoffe, die nicht gepanscht oder gestreckt wurden.

Auch Worms hat sich seine Spritzen selbst verabreicht. Zwar habe er regelmäßig Untersuchungen machen lassen, doch Hinweise oder Warnungen, seine erhöhten Testosteronwerte betreffend, habe es von seinem Arzt nie gegeben. Was hätte der Arzt auch sagen sollen? Wie genau die Folgen von Doping aussehen, ist kaum erforscht. Auch das mag ein Hinweis auf das mangelnde Interesse der zuständigen Instanzen sein. Zahlen zu Arbeitsunfähigkeit oder bleibenden Schäden gibt es nicht. Nachgewiesen ist immerhin, dass Anabolika beispielsweise zu Unfruchtbarkeit, Leberschäden oder auch Krebs führen können.

Benedikt Worms bereut seine Dopingvergangenheit nicht. Aber seinen echten Namen will er in diesem Zusammenhang lieber doch nicht im Internet lesen. Er ist stolz auf das, was er erreicht hat und sieht sein Dopen nicht als illegal an.

CORRECTIV hat bei der größten Bodybuildervereinigung, dem Deutschen Bodybuilding- und Fitness-Verband, angefragt, wie mit Dopingfällen, sowohl im Profi- als auch im Breitensport, umgegangen wird und welche Kontrollen es seitens der Verbände gibt. Auf die Bitte um Stellungnahme hat der Verband auch nach mehrfacher Nachfrage noch nicht mal reagiert.

*Name von der Redaktion geändert.

**Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) ist eine Eingangsstatistik, in der jegliche Straftaten und Gesetzesverstöße, die die jeweiligen LKAs in einem Jahr finden, festgehalten werden. Sie ist nach Schlüsseln, sowie Unterkategorien aufgebaut. Für jedes Bundesland, jeden Kreis und jede Stadt kann die PKS runtergebrochen werden. Seit 2015 gibt es erstmals einen Schlüssel für Doping.

© Ivo Mayr

Artikel

Wie das Hotelportal HRS seine Kunden manipuliert

Hotelportale sind populär, weil sie es Reisenden einfach machen, Unterkünfte zu vergleichen. Doch die Ranglisten sind manipuliert. Das deutsche Portal HRS listet jene Hotels höher auf, die zusätzliche Provision zahlen – ohne das offenzulegen. Das ist illegal.

weiterlesen 7 Minuten

von Leonie Weigner

Die Recherche erscheint gleichzeitig bei unseren Kooperationspartnern im „Tagesspiegel“, im „Kölner Stadtanzeiger“, im „Mannheimer Morgen“, in der „Mittelbayerischen Presse“, den „Nürnberger Nachrichten“, der „Sächsischen Zeitung“, der „Badischen Zeitung“ und im WDR

Im August 2016 klingelt das Telefon von Robert Schaller*, Inhaber eines Hotels in Nordrhein-Westfalen. Schaller hebt ab. Am anderen Ende ist – wieder einmal – ein Mitarbeiter der Hotelbuchungsplattform HRS. Schaller kennt den Mann, er sei sein „persönlicher Betreuer“, rund alle zehn Tage melde er sich mittlerweile. Mit dem immer gleichen Vorschlag, den er laut Schaller auch an diesem Tag wieder vorgetragen habe: Schaller solle HRS für ein Wochenende nicht 15, sondern 19 Prozent des Zimmerpreises als Provision überweisen. Dafür stehe sein Hotel dann weiter oben in der Liste seiner Stadt.

Oder, in der Sprache von HRS: Schaller solle das „Ranking“ seines Hotels „boosten“. Ankurbeln. Steigern. In die Höhe treiben.

Bisher hat Schaller den Ranking Booster stets abgelehnt. Er finde es ohnehin unverschämt, was HRS von ihm verlange – 15 Prozent Provision pro Buchung. Sicher, er profitiere auch von der Plattform. Ohne HRS könne er längst nicht so viele Kunden erreichen. Er braucht, wie die meisten Hoteliers, die Buchungswebsite. Längst laufen über HRS und Konkurrent Booking.com die meisten seiner Reservierungen. Ihn ärgert das manipulierte Ranking, sagt Schaller. 

Doch dieses Mal willigt Robert Schaller ein. Er ist neugierig, was passiert, wenn er den Booster einsetzt. Während Schaller den Booster bucht, zeigt HRS ihm an, dass sein Hotel dadurch bis zu 49 Prozent mehr Aufrufe bekommen kann (siehe Bild). Und siehe da, der Booster wirkt. Sucht ein Kunde nun auf der Internet-Seite von HRS nach einem Hotel in der Stadt von Robert Schaller, stößt er weit vorn auf die Unterkunft des Hoteliers. Um rund 25 Ranglisten-Plätze ist die nun höher gelistet. 

HRS intern Komission

Das sehen Hoteliers, wenn sie den Booster buchen. Aktuell: gut. Potenziell: sehr gut. So motiviert HRS die Hotels eine zusätzliche Gebühr zu bezahlen.

Der Booster ist wie eine Droge, deren Dosis allmählich erhöht werden muss. Wenn er nicht bucht, zeigt das interne HRS-System Schaller, dass seine Marktattraktivität „unterdurchschnittlich“ sei.

Dass er, mit seinem verhältnismäßig kleinen Hotel, erst Mitte 2016 zum Buchen des Boosters gebracht wurde, sei Taktik, vermutet Schaller. Die großen Hotels könnten sich den Booster leisten, sie seien schon vor Jahren daran gewöhnt worden. Nun sollten auch kleinere Hotels schärfer miteinander konkurrieren, vermutet er. Zum Nutzen von HRS, sagt Schaller. Ob das stimmt, weiß niemand. 

Gegenüber CORRECTIV bestätigt HRS lediglich, dass es den Booster gibt, und zwar seit der technischen Zusammenführung mit Hotel.de. HRS schluckte den einstigen Konkurrenten im Jahr 2011. Die Firma bestätigt, dass man Hotels höher platziere, die mehr Provision zahlen. Dies sei eine „Marketingstrategie“ und nur eine Funktion von vielen, die in den Ranking-Algorithmus einfließe. Der Booster werde von den Hoteliers „gut angenommen“, sagt HRS-Sprecherin Britta Schumacher. Zahlen will sie nicht nennen. Die seien „Betriebs- und Geschäftsgeheimnis“. 

Wer auf hrs.de ein Hotel in – sagen wir: Münster – sucht, landet zunächst auf der Rangliste „HRS empfiehlt“. Dahinter steht erklärend: „Sie bekommen zuerst die Hotels vorgeschlagen, die eine Vielzahl an Kriterien am besten erfüllen. Dazu gehören flexible Buchungsbedingungen, hohe Kundenzufriedenheit und ein sehr gutes Preis-/Leistungsverhältnis.“

Nutzer können den Booster nicht sehen

Von einem Booster, von höheren Provisionen, von einer gekauften Platzierung erfährt der Nutzer nichts. Hinweise auf Werbung in den Fußnoten, in den AGBs? Fehlanzeige. Mit anderen Worten: Der Ranking Booster ist für Internetnutzer des HRS-Portals nicht zu erkennen. Das macht ihn nach Ansicht von Experten illegal.

Im Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) heißt es, dass „unlauter handelt, wer den kommerziellen Zweck einer geschäftlichen Handlung nicht kenntlich macht (…) und das Nichtkenntlichmachen geeignet ist, den Verbraucher zu einer geschäftlichen Entscheidung zu veranlassen, die er andernfalls nicht getroffen hätte.“

Unter unlautere Werbung fällt auch: Geld zu nehmen, um ein Produkt in einer Rangliste höher zu platzieren. „Eine bezahlte Platzierung muss demnach deutlich als Werbung gekennzeichnet werden, um nicht gegen das UWG zu verstoßen“, sagt Philip Scholz, Sprecher des Bundesjustizministeriums. 

HRS selbst will sich nicht konkret zu der Frage äußern, ob der Booster gegen das Wettbewerbsrecht verstoße. „Selbstverständlich beachten die Produkte und Services von HRS das geltende Recht“, schreibt Firmensprecherin Schumacher in einer Mail. „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass HRS darüber hinaus keine rechtliche Stellungnahme abgibt.“

Das Kölner Unternehmen HRS wurde 1972 von Robert Ragge als Drei-Mann-Unternehmen gegründet. Ragge hatte die Idee, einen Hotelkatalog für Messekunden aufzulegen. Seit 2008 führt sein Sohn Tobias Ragge das Unternehmen. Mittlerweile vermittelt HRS Übernachtungen in 300.000 Hotels weltweit. 2012 hat das Unternehmen einen Umsatz von knapp 150 Millionen Euro ausgewiesen, seitdem verschweigt es die Geschäftszahlen. 

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Alles gut bei HRS? Zu den manipulierten Rankings will der Konzern „keine rechtliche Stellungnahme“ abgeben.

Inzwischen läuft rund ein Viertel aller Hotelbuchungen in Deutschland über die großen Internetportale, schreibt der Branchenreport Hotelmarkt Deutschland 2016. Marktführer ist das Unternehmen Booking.com, das zum Touristik-Riesen Priceline aus den USA gehört. Nummer zwei in Deutschland ist HRS. Zusammen wickeln die beiden Portale mehr als 80 Prozent der Internet-Buchungen ab. Ein Duopol, an dem schon längst kein Hotelier mehr vorbeikommt.

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Branchenreport Hotelmarkt Deutschland 2016 (1,3 MB)

CORRECTIV hat in den zehn größten Städten Deutschlands mit jenen Hotelbetreibern gesprochen, die in einem ausgewählten Zeitraum auf Platz eins im „HRS-empfiehlt“-Ranking ihrer jeweiligen Stadt lagen. Drei von ihnen gaben zu, den Booster zu nutzen. Die anderen wollten sich nicht äußern.

Oben in der Liste zu sein ist wichtig, denn wer schaut schon auf Platz 35 nach einem passenden Hotel? Keiner der Hotelbetreiber wollte sich zum Einsatz des Boosters namentlich zitieren lassen. Einer gab zu: Als Hotelier sei man abhängig von HRS.

Die deutschen Verbraucherzentralen kritisieren die heimliche Werbung. „Provisionen sind ausschließlich legitim für die Vermittlung von Hotels“, schreibt Miika Blinn vom Bundesverband der Verbraucherzentralen, „aber nicht für das Erkaufen von Bestenplätzen in der Ergebnisanzeige“.

Im Mai 2016 hat die EU-Kommission eine Richtlinie veröffentlicht, um die Manipulierung von Ranglisten zu unterbinden. Darin wird gefordert: Es müsse einen Hinweis auf Werbung geben, wenn der Verkäufer eine Bonus-Gebühr zahlt, um weiter oben im Ranking zu erscheinen. Außerdem fordert die EU, dass Ranking-Kriterien offengelegt werden.

Bundesregierung ignoriert EU-Verbesserungen

Die Richtlinie wurde von verschiedenen Interessengruppen entwickelt und anerkannt. Dabei sind Portale wie Yelp und Verivox, aber auch der europäische Hotel- und Gaststättenverband sowie das italienische Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung. Die deutsche Regierung hat nicht unterschrieben. Und auch HRS, genau wie Konkurrent Booking.com, macht nicht mit.

Von HRS wird der Ranking Booster mittlerweile offensiv beworben. Im firmeneigenen Magazin „Check in“, Ausgabe 04/2016, heißt es: „Der Ranking Booster ist ein zusätzliches Tool im Hotel-Serviceportal von HRS, mit dem sich über eine frei wählbare Zusatzkommission die Sichtbarkeit in der Hotelliste auf einen Schlag erhöhen lässt.“ Und weiter: „Mit Hilfe eines Schiebereglers bestimmen die Nutzer selbst, um wie viele Plätze sie ihr Haus pushen möchten. Sie können ihn jederzeit an- oder ausschalten, höher oder niedriger einstellen, für bestimmte Zeiträume oder durchgehend aktivieren.“

HRS Werbung Check-in

Ganz offen bewirbt HRS den Booster im eigenen Magazin. „Richtig viel gebracht hat der Ranking Booster“, zitiert HRS den Kölner Hotelier Leon Heymann vom Hotel Am Augustinerplatz.

Nutzer, die sich betrogen fühlen, können sich an Verbraucherverbände wenden. Hoteliers, die einen Schaden durch das „Boosten“ der Konkurrenz erlitten haben, können zivilrechtlich klagen. „Denn nur mit einem konkreten Fall vor Gericht, kann dagegen vorgegangen werden“, sagt Hans-Frieder Schönheit von der Deutschen Wettbewerbszentrale.

Robert Schaller hat sich an CORRECTIV gewandt, weil er genug hatte von dem fortwährenden Druck der Buchungsportale. Er will das nicht länger hinnehmen, er will, dass HRS die Karten auf den Tisch legt und allen Kunden sagt, nach welchen Kriterien die Platzierungen der Hotels zustande kommen. Dass im Hintergrund ein Ranking Booster am Werk ist. 

Hotelportale wurden einst populär, weil sie Transparenz brachten. Weil sie einen bis dahin unübersichtlichen Markt vergleichbar machten. Der Preis, die Lage, die Ausstattung, vor allem aber: die Bewertungen anderer Reisender – plötzlich konnten Kunden ein viel besseres Urteil fällen. Und begannen, immer häufiger über die Hotelportale ihre Unterkünfte zu buchen. 

Und nun nutzen diese Portale ihre Macht aus, um eigene Ranglisten zu erstellen. Ranglisten, die auf intransparenten Kriterien beruhen. Ranglisten, die nach der Höhe der gezahlten Provisionen sortieren. Hotelier Schaller will dagegen angehen. Er will den fairen und objektiven Wettbewerb zurück. Bei dem Leistung und Qualität zählen. Und nicht ein Ranking Booster. 

* CORRECTIV hat diesen Namen geändert. Robert Schaller wollte nicht mit seinem richtigen Namen genannt werden, weil er befürchtet, in Zukunft von HRS abgestraft zu werden.

HRS-Geschäftsführer Tobias Ragge: „Wir haben es versäumt, Hotels zu kennzeichnen.“© imago/Arnulf Hettrich

Aktuelle Artikel

Jetzt doch: Hotelportal HRS reagiert auf Vorwürfe und will Ranking Booster kennzeichnen

Das deutsche Hotelportal HRS listet jene Hotels höher auf, die zusätzliche Provisionen zahlen – ohne das offenzulegen. Jetzt will HRS sein Portal anpassen. Die ehemalige Verbraucherschutz-Ministerin Renate Künast will jetzt ein Gesetz auf den Weg bringen, das Vergleichsportale zwingen soll, transparenter zu werden.

weiterlesen 3 Minuten

von Leonie Weigner

HRS-Geschäftsführer Tobias Ragge hat sich Anfang dieser Woche in einem offenen Massen-Brief an seine Kunden gewandt. Ragge schreibt, dass in einer „Medienkampagne“ gegen sein Unternehmen in den vergangenen Tagen der „falsche Eindruck“ vermittelt worden sei, „dass Hotels ausschließlich über die Zahlung einer zusätzlichen Provision einen Spitzenplatz in der Listung unserer Hotelliste erreichen können.“ Tatsächlich hatte correctiv.org das gar nicht behauptet, sondern festgestellt, dass sich Hotels gegen Zahlung einer höheren Provision an HRS auch besser platzieren konnten.

Ragge kündige gleichzeitig aber auch Änderungen an. „Wir haben es jedoch versäumt, Hotels innerhalb von Promotionzeiträumen in der Liste zu kennzeichnen.“ In Zukunft wolle das Portal die Hotels kennzeichnen, die einen sogenannten „Ranking Booster“ einsetzen. „Dies werden wir nun ändern, um Ihnen bestmögliche Transparenz auf unseren Portalen zu bieten“, schreibt HRS an seine offenbar irritierten Kunden.

Die geplanten Änderungen bestätigte Ragge am Dienstag noch einmal in einer Pressemitteilung. Wann und auf welche Art HRS sein Ranking ändern will, gab die Firma bisher nicht bekannt.

Antrag im Bundestag

HRS und Konkurrent booking.com führen insgesamt mehr als 80 Prozent aller Online-Hotelbuchungen in Deutschland durch. Zahlreiche Medien hatten Ende vergangener Woche über die Manipulationen bei HRS berichtet. Die ehemalige Verbraucherschutzministerin und aktuelle Bundestagsabgeordnete Renate Künast von Bündnis 90/Grüne will voraussichtlich Mitte Oktober im Bundestag einen Antrag auf mehr Transparenz bei Hotelportalen einreichen, wie sie auf Anfrage mitteilen ließ.

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Betreiber von Hotelbuchungs- und Vergleichsportalen sollen laut Künast „gesetzlich verpflichtet werden, den Verbrauchern anhand eines standardisierten Kriterienkatalogs klare und verständliche Informationen zur Verfügung zu stellen.“ Gegenüber correctiv.org fordert Künast zudem, dass die „Inhalte des Portals klar abgegrenzt werden von platzierter Werbung und gesponserten Links.“ Die Verbraucher müssten sich darauf verlassen können, dass die genannten Preise und Verfügbarkeiten auf den Portalen stets aktuell seien.

Urteile gegen Manipulation

Das Justizministerium dagegen hält die derzeitige Gesetzeslage für ausreichend. Laut Philip Scholz, Sprecher des Bundesjustizministeriums „sind keine Gesetzesänderungen erforderlich“. Zwei Entscheidungen der Landgerichte München und Berlin (LG München Urteil v. 18.3.2015 — 37 O 19570/14; LG Berlin, Beschluss vom 25.8.2011 — 16 O 418/11) gegen manipulierende Provisionen bei Ärzte- und Hotelportalen hätten gezeigt, dass entsprechende Praktiken von Gerichten bereits als illegal eingestuft werden können. Einen höchstrichterlichen Beschluss gibt es bisher nicht.

Jeder der sich von dem bisherigen HRS-Ranking getäuscht fühlt, könnte rechtlich einen  Unterlassungsanspruch gegenüber dem Portal fordern. Das gilt für Hotels, Verbraucherzentralen und die Industrie- und Handelskammer.

Auch Booking.com und Expedia?

HRS verweist in seinen Stellungnahmen darauf, dass auch andere Portale zusätzliche Provisionen erheben und Hotels prominenter platzieren. Marktführer booking.com zum Beispiel betreibe das sogenannte „preferred programm“ [sic], allerdings werden teilnehmende Hotels laut booking.com mit einem speziellen „Daumen hoch Empfehlungs-Logo“ gekennzeichnet. Zudem weisen die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGBs) bei dem Konkurrenten auf die Möglichkeit der zusätzlichen Provision hin. Das Hotelportal Expedia hat auf die Frage, ob auch bei ihnen Hotels gegen Extrazahlungen besser platziert werden, nicht reagiert.


Unsere exklusive Recherche zur Manipulation bei HRS aus der vergangenen Woche: Wie das Hotelportal HRS seine Kunden manipuliert.

Sparkassen

Deutschlands Sparkassen sind großzügig beim Spenden – und knausrig bei den Ausschüttungen an die Kommunen.

Knapp eine halbe Milliarde Euro spenden Deutschlands Sparkassen jedes Jahr für wohltätige Zwecke. Wer das Geld bekommt – daraus machen die Institute aber ein großes Geheimnis. Erstmals liegen CORRECTIV die komplette Spendenlisten von 32 Sparkassen vor. Gefördert wurden Golfclubs, Karnevalsvereine – und Geburtstagsfeiern des örtlichen Sparkassenchefs.

von Jonathan Sachse , Leonie Weigner

Jeder kennt dieses Foto: Demonstrativ überreicht der örtlichen Sparkassendirektor einen übergroßen Scheck an Fledermausschützer, Flüchtlingshelfer oder Seniorenbetreuer. Lächeln, Händeschütteln, Blitz, Foto. Am nächsten Tag sehen es alle in der Lokalzeitung.

403 Sparkassen gibt es in Deutschland. Sie gehören Städten und Kommunen. Sie spenden direkt oder über ihre 748 Stiftungen jedes Jahr große Summen für gemeinnützige Zwecke in ihrer Region. Laut dem Sparkassen-Dachverband DSGV wurden 2015 rund 470 Millionen Euro an wohltätige Zwecke gestiftet.

Das Problem dabei: Die meisten Sparkassen behandeln ihre Spendenpraxis wie ein Staatsgeheimnis. Bis heute hat keine einzige Sparkasse in Deutschland ihre komplette Spendenliste mit konkreten Förderbeträgen veröffentlicht. In den Geschäftsberichten wird nur mit allgemeinen Summen geprahlt, mit denen man Kultur, Sport und Bildung gefördert hat. Die Einzelspenden bleiben im Verborgenen.

Deshalb hat CORRECTIV immer wieder nachgehakt – und am Ende erreicht, dass 32 Sparkassen uns erstmals mitgeteilt haben, wem sie wie viel gespendet haben. 32 von 403. Der Rest verweigert weiterhin jede Auskunft.

26 jener Sparkassen, die die Detail-Informationen nun erstmals herausgerückt haben, kommen aus Nordrhein-Westfalen, 24 davon aus einer einzigen Region: Dem Verbandsgebiet Westfalen-Lippe. Dazu kommt die Sparkasse Allgäu, Vereinigte Sparkassen im oberbayerischen Landkreis Weilheim, die Sparkasse Stade Altes Land, die Nord-Ostsee Sparkasse und in Hessen die Sparkassen Hanau und Taunus. CORRECTIV veröffentlicht auf seiner Website die Listen der Spenden nun erstmals.

Rund 30 Millionen Euro haben diese 32 Sparkassen in den Jahren 2013 und 2014 verteilt. Auf den ersten Blick erscheinen die meisten Spenden und Sponsorings gerechtfertigt: Gefördert werden die Bergwachtbereitschaft im bayerischen Füssen und die Meinerzhagener Tafel im Sauerland, aber auch der Mädchentreff Husum an der Nordseeküste.

Doch es gibt auch fragwürdige Förderungen. Drei Probleme fallen auf:

1. Brauchen Golfclubs, Karnevals- und Schützenvereine Spenden?

Die Sparkasse Taunus hat an sieben Golfvereine knapp 5.700 gespendet.

Die Sparkasse Siegen hat über 14.000 Euro an neun Schützenvereine gespendet. Die Karnevalsgesellschaft Attendorn im Sauerland hat von der örtlichen Sparkasse mehr als 5.000 Euro für „Wurfmaterialien“ erhalten. In Bocholt wurden zwei Karnevalsvereine mit zusammen 12.600 Euro unterstützt.

Karneval hat „eine lange Tradition“, begründet  Michael Bovenkerk von der Sparkasse Bocholt die Spende. Ähnliche Positionen vertreten auch die anderen Sparkassen. Nach einer Fusion zweier großer Vereine, habe die Sparkasse Bocholt die Mitglieder mit neuer Uniform in den neuen Vereinsfarben ausgestattet, schreibt Bovenkerk.

Männerchöre, Dorfgemeinschaften und Jubiläen werden gefördert. In Bocholt unterstützte die Sparkasse sogar eine Geburtstagsfeier mit 250 Euro. Die Sparkasse Siegen wiederum spendete dem Kulturforum Netphen 14.000 Euro für eine Bronzefigur, die zum 775-jährigen Jubiläum der Stadt aufgestellt wurde.  

Formal ist das nicht zu beanstanden. Die Liste, was nach deutschem Recht unter gemeinnütziges Engagement fällt, ist lang. Es zählt dazu die Förderung von Wissenschaft und Forschung, Bildung und Erziehung, Kunst und Kultur, Völkerverständigung, Denkmalschutz und Denkmalpflege, von Naturschutz und der Landschaftspflege – und des „traditionellen Brauchtums“, einschließlich des Karnevals.

Dennoch: Brauchen Golfclubs Geld von der Sparkasse? Karnevalsvereine? Schützenvereine? Oder sind das nicht vielmehr verdeckte Marketing-Ausgaben, die der Kundengewinnung und -pflege dienen, nicht aber der Förderung wohltätiger Zwecke?

2. Interessenkonflikte

Bedenklich ist auch, wenn Vereine begünstigt werden, die personell mit der örtlichen Sparkasse verbandelt sind.

Der Caritasverband Kempten-Oberallgäu zum Beispiel bekam zwölf Spenden von der örtlichen Sparkasse. Wobei Heribert Schwarz auf beiden Seiten des Tisches sitzt: Er gehört dem Vorstand der Sparkasse an und dem Vorstand des Caritasverbandes. Wie hoch die Spenden waren, wollte keine der beiden Seiten verraten.

Die Sparkasse Steinfurt hat mehrfach den Verein LAG Tecklenburger Land gefördert, der das Geld dann weiterverteilt an gemeinnützige Projekte in der Region. Hier sitzt Jürgen Brönstrup auf beiden Seiten des Tisches. Er gehört dem Vorstand des Vereins an – und dem Vorstand der Sparkasse.

Jede Spendenanfrage würde von der Sparkasse einzeln geprüft, schreibt Thorsten Laumann, Sprecher der Sparkasse Steinfurt, auf Anfrage. Ob sich ein Sparkassen-Mitarbeiter für eine Organisation engagiert, spiele dabei keine Rolle, sagt Laumann.

3. Spenden an die Stadt

2013 flossen in Lüdenscheid in NRW 77.500 Euro von der örtlichen Sparkasse an die örtliche Stadtmarketing GmbH. Es war das mit Abstand höchste Sponsoring in jenem Jahr. Im Folgejahr gab es noch einmal 75.000 Euro von der Sparkasse für die kleine, städtische Marketingfirma, die damit rund ein Drittel ihres Etats bestritt.

Hier sitzt Markus Hacke auf beiden Seiten des Tisches: Er ist Vorstandsvorsitzende der Sparkasse, und er ist Aufsichtsrat der Stadtmarketing GmbH. Genau wie Dieter Dzewas, der Bürgermeister von Lüdenscheid, sitzt er sowohl im Verwaltungsrat der Sparkasse als auch im Aufsichtsrat der Stadtmarketing GmbH.

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Die Spende ist eine indirekte Finanzierung des öffentlichen Haushaltes, schließlich ist die Stadt Lüdenscheid genauso wie die Sparkasse einer der Gesellschafter der Stadtmarketing GmbH.

Kritiker monieren: Warum fließt der Überschuss der Sparkasse dann nicht gleich in den Haushalt, über den die gewählten Bürgervertreter entscheiden? Warum veranlassen die beiden Herren eine Spende an ihr Marketing-Unternehmen, das mit tollen Aktionen die Stadt nach vorn bringen soll?

„Einen Interessenkonflikt können wir nicht erkennen“, teilt die Sparkasse Lüdenscheid auf Anfrage mit. Der Bank gehe es um klassisches Standortmarketing. Da die Stadt nur einer von mehreren Gesellschaftern sei, finde auch keine indirekte Finanzierung des Haushalts statt, argumentiert die Sparkasse.

Der Landesrechnungshof Hessen kritisiert direkte Spenden und Sponsorings an die Städte. Die Kommunen sollten die Sparkassen lieber auffordern, ihnen mehr vom Gewinn auszuschütten, sagt Rechnungshof-Sprecher Ralf Sieg.

In den Jahren 2013 und 2014 hat weniger als jede dritte Sparkasse überhaupt Geld an ihre Eigentümer, also die Kommunen, ausgeschüttet.

Inzwischen ist das Verhältnis sogar so, dass Deutschlands Sparkassen mehr Geld für Spenden und Sponsorings ausgeben, als sie an ihre Eigentümer ausschütten: 2014 haben die Sparkassen und ihre Stiftungen 484 Millionen Euro für gemeinnützige Zwecke verteilt, aber nur rund 260 Millionen Euro an ihre kommunalen Träger ausgeschüttet. Städte und Gemeinden hätten deutlich mehr Geld bekommen können, wenn die Politiker – statt sich mit Spenden zu begnügen – auf eine echte Ausschüttung bestehen, die dann in den kommunalen Haushalt fließen könnte.

In Schwerte machte sich die örtliche Sparkasse gar keine Mühe, ihr Sponsoring an die Stadt zu verschleiern: Mehrere tausend Euro wurden direkt an die Stadt ausgezahlt. Genau wie Bottrop, das 2013 insgesamt 26.890 Euro von der örtlichen Sparkasse bekam. 11.900 Euro gingen an eine – mittlerweile aufgelöste – Marketingfirma der Stadt. Das Kulturbüro der Stadt Menden erhielt 16.208 Euro von der Sparkasse Märkisches Sauerland Hemer-Menden.

Eine Sparkasse hat aus ihren Fehlern gelernt

Die Kreissparkasse Miesbach-Tegernsee trieb die Spendenpraxis besonders wild: CSU-Landrat Jakob Kreidl hatte die Spenden des Instituts nach Gutsherrenart verteilt. Kreidl leitete den Verwaltungsrat des Instituts. Jahrelang ließ er ein Eisstockschießen für CSU-Politiker und Prominente mitfinanzieren. Eine Bürgermeisterfahrt nach Triest ließ Kreidl mit 56.000 Euro, den Tiroler Jägerverband mit über 20.000 Euro unterstützen – Kreidl ging regelmäßig mit Kunden auf die Jagd.

Beides war nach Ansicht der Regierung Oberbayerns sogar rechtswidrig. Höhepunkt der Verschwendungsorgie: 2012 bezahlte die Sparkasse die 80.000 Euro teure Geburtstagsparty von Sparkassen-Gutsherr Kreidl. 2014 durchsuchte die Staatsanwaltschaft München 27 Immobilien wegen der Spendenaffäre. Die Ermittlungen dauern an (Untersuchungsbericht der Sparkasse als PDF).

Die Sparkasse Miesbach-Tegernsee hat aus dem Skandal gelernt. Mittlerweile entscheidet nicht mehr der Vorstand, wer großzügig gefördert wird, sondern ein dreiköpfiges Gremium aus Sparkassen-Mitarbeitern. Vorstand und Verwaltungsrat werden nur noch über die Spenden und Sponsorings informiert. Eine solche Konstruktion ist ungewöhnlich in der deutschen Sparkassenwelt. Dazu hat Miesbach-Tegernsee auf vier Seiten Verhaltensregeln für alle Mitarbeiter definiert. Darin: Parteispenden sind verboten und „eine Verknüpfung von Spenden mit privaten Interessen“ ist nicht erlaubt.

Weiter fragwürdige Spenden in Bayern

Der Prüfungsstelle des Sparkassenverbandes Bayern hat kürzlich stichprobenartig die Spenden, Sponsorings und Veranstaltungen der Institute untersucht (Bericht als PDF). Das Ergebnis: Ein zweites Miesbach-Tegernsee gebe es nicht, aber mehrere „bemerkenswerte Auffälligkeiten“, so steht es im Bericht: Eine Sparkasse zahlte ihrem Chef zum Beispiel die Mitgliedschaft im Golfclub, eine andere schusterte ihrem Vorsitzenden eine günstige Mietwohnung zu. Ein weiterer Sparkassenchef freute sich über eine 12.000 Euro teure Abschiedssause, ein anderer erhielt zum Abschied ein 3.000 Euro teures Geschenk.

14 Sparkassen in Bayern organisierten Reisen für ihre Bürgermeister, darunter nach Holland und in die Steiermark. Darüber hinaus gab es „Kundenreisen“ nach China und Dubai. Zusammen wurden dafür rund 30.000 Euro ausgegeben.

Die Untersuchung, die vom bayerisches Staatsministerium in Auftrag gegeben wurde, hat nur einen kleinen Schönheitsfehler: Sie verschweigt, welche Sparkassen betroffen waren.

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Korrektur 14. November: In der ersten Version dieses Textes wurde versehentlich die Sparkasse Aachen zu den Sparkassen dazugerechnet, die ihre Spendenliste veröffentlicht haben. Das war falsch. Dafür haben die Vereinigte Sparkassen im Landkreis Weilheim   die Förderlisten veröffentlicht. Der Fehler ist hier im Text und im CrowdNewsroom korrigiert. 

Datenrecherche: Lisa McMinn, Lovis Krüger, Lea Albring, Lara-Marie Müller, Matthias Bolsinger und rund 700 Mitglieder in der virtuellen Redaktion auf CrowdNewsroom.org

Unterstützung beim Faktencheck: Daniel Schmidt/ Uni Hohenheim

Zusammenarbeit mit faz.net

Datenanalyse & Visualisierung: Simon Wörpel