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© Ivo Mayr

Pflege

Black Box Pflegeheim

Wie es in deutschen Pflegeheimen aussieht, kann man als Patient kaum erkennen. Und das, obwohl häufig genügend Informationen vorliegen. Der Staat schafft es seit Jahren nicht, Transparenz herzustellen.

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von Daniel Drepper , Vanessa Wormer , Benjamin Knödler , Anette Dowideit

Diesen Text veröffentlichen wir in Kooperation mit der „Welt am Sonntag“. Alles zur Pflege gibt es auf unserer Themenseite.

Als seine Kinder Stephan M. aus dem Heim nahmen, war er nicht wieder zu erkennen: Seit Wochen war er nicht richtig gewaschen worden, manchmal hatte er über Stunden im eigenen Kot und Urin gelegen. Der 91-Jährige lag nur noch wimmernd im Bett, die Hände zu Fäusten geballt, der Körper übersäht mit blauen Flecken. Was mit ihm geschehen war, konnte er seinen Kindern nicht erzählen, M. war schwer dement.

Die Kinder hatten ihren Vater jedoch mehrere Monate lang bei jedem Besuch genau angeschaut und das Gesehene dokumentiert. Ihre Aufzeichnungen stellten sie der „Welt am Sonntag“ zur Verfügung. Darin stehen zum Beispiel Äußerungen, die Pfleger ihnen gegenüber gemacht hatten: „Nu lassen Sie den alten doch in Ruhe, der liegt doch schon im Sterben!“. Und es gibt Fotos, auf denen zu sehen ist, dass der alte Mann geschlagen worden sein muss.

In den offiziellen Bewertungen der Einrichtung nahe Bremens ist von alledem nichts erkennen: Die Note des Heims, die man im Internet einsehen kann, ist eine 1,2. Sehr gut.

Seit fast sieben Jahren gibt es dieses System der Pflegenoten, mit dem die gesetzlichen Kassen versuchen, die in den Pflegeheimen geleistete Qualität sichtbarer zu machen: Werden die Bewohner – vor allem jene, die selbst nicht mehr berichten können – wirklich gut versorgt? Reicht man ihnen Essen und Trinken an, wechselt man regelmäßig ihre Inkontinenzeinlage, redet jemand mit ihnen – oder werden sie vielleicht mit starken Beruhigungsmitteln sediert und im Bett vergessen?

Schulnote 1,2 – im Durchschnitt

So lange es das System der Pflegenoten gibt, so alt ist auch die grundlegende Kritik von Pflegeexperten daran. Denn die Noten vermögen nicht, ein Bild der tatsächlichen Qualität der Pflege zu zeichnen. Stattdessen können Heime ein schlechtes Abschneiden bei medizinisch zentralen Kriterien wie der Wundversorgung durch banale Dinge wie einen gut lesbaren Speiseplan ausgleichen. Ob das Essen schmeckt — oder reicht — wird dagegen nicht geprüft. Deshalb liegt der bundesweite Durchschnitt der Pflegeheime bei einer unrealistischen Note 1,2.

Die Verantwortlichen, auch in der Bundespolitik, sind sich seit Jahren einig, dass es so nicht weitergehen kann – und dennoch hat sich bisher nichts getan. Eine Initiative des Patientenbeauftragten der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU), scheiterte im vergangenen Jahr. Erst 2018 soll es nun ein neues Benotungssystem geben. Viel zu spät, findet etwa die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Ulrike Mascher. „Die derzeitige Ausgestaltung der Pflegenoten verschleiert die vorhandenen Qualitätsunterschiede, anstatt sie sichtbarer zu machen“, sagt Mascher.

Folgt man ihrer Argumentation und der anderer Pflegeexperten, versagt in Deutschland der Staat dabei, den Pflegemarkt für die Betroffenen beurteilbar zu machen.

Um Licht ins Dunkel zu bringen, hat CORRECTIV in den vergangenen Monaten eine umfangreiche Auswertung gemacht, die an diesem Freitag auch die Tageszeitung „Welt“ vorstellte. Ein halbes Dutzend Reporter und Programmierer trugen alle verfügbaren Daten über die Qualität der stationären Pflegeeinrichtungen zusammen: Wie viele Heime in welchen Landkreisen versagen bei den medizinisch relevanten Versorgungsfaktoren? Wie teuer sind Heimplätze in welchem Bundesland? Und wie viele Zweibettzimmer gibt es noch immer?

Die Ergebnisse sind auf unserer Themenseite sichtbar. Auch eine andere unabhängige Institution hat jüngst versucht, eine Schneise in den Pflegedschungel zu schlagen: Die Bertelsmann-Stiftung veröffentlichte Ende Mai ebenfalls ein neues Internetportal. Auch die Experten dort haben aus den blumigen Gesamtnoten diejenigen extrahiert, die für schwer Pflegebedürftige tatsächlich relevant sind.

Unsere Berechnungen kommen zu einem erschreckenden Ergebnis: 60 Prozent aller Pflegeheime fallen bei den Prüfungen der gesetzlichen Kassen negativ auf: Bewohner liegen sich wund, weil sie nicht fachgerecht gelagert wurden; alte Menschen sind ausgetrocknet (dehydriert), weil niemand Zeit hat, ihnen Getränke zu reichen. Selbst wenn man bedenkt, dass die Prüfer häufig mehr Zeit bei der Durchsicht der Dokumentation als am Bewohner selbst verbringen und nicht jeder Fehler bei der Prüfung gleich ein lebensbedrohlicher Mangel ist – es fallen erstaunlich viele Heime bei den Prüfungen auf.

Missstände nur auf zweiten Blick erkennbar

Sogar beim Spitzenverband der Medizinischen Dienste der Krankenkassen, dem MDS – also den Organen, die die Prüfungen machen – hält man dies für ein Resultat eines Systems, das nicht funktioniert. „Das Problem liegt bislang darin, dass die vom MDK festgestellten Prüfergebnisse beschönigend in den Pflegenoten dargestellt werden und festgestellte Missstände nur auf den zweiten Blick erkennbar sind“, sagt MDS-Geschäftsführer Peter Pick.

Zwar erstellen die Prüfer der Krankenkassen detaillierte, aussagekräftige Berichte über den Zustand der Bewohner – doch diese ausführlichen Berichte sind der Öffentlichkeit nicht zugänglich, aus Datenschutzgründen. CORRECTIV und die „Welt am Sonntag“ haben explizit in allen Bundesländern um die Herausgabe dieser Berichte angefragt, doch keine einzige Behörde wollte die Berichte veröffentlichen.

Auch die staatlichen Heimaufsichten, die ebenfalls Heime kontrollieren und diese theoretisch sogar schließen können, schaffen es nicht, den Markt durchsichtiger zu machen. Denn auch diese Berichte werden häufig nicht veröffentlicht.

Heimaufsichtsberichte oft unter Verschluss

CORRECTIV hat in den vergangenen Monaten versucht, Heimaufsichtsberichte aus allen Bundesländern zu bekommen. In acht von 16 Ländern ist es den Reportern gelungen. Einige Behörden, wie in Schleswig-Holstein, haben mehr als ein halbes Jahr dafür benötigt, beraten sich bis heute oder verlangen 50 Euro für jeden Bericht. Andere, wie die in Sachsen-Anhalt, haben die Berichte innerhalb weniger Tage zugeschickt – kostenfrei.

Viele Heimaufsichten halten die Prüfberichte dagegen bis heute unter Verschluss, obwohl ein Gesetz seit Jahren die Veröffentlichung verlangt. In Hessen zum Beispiel heißt es im Gesetz über Betreuungs- und Pflegeleistungen seit März 2012: Über die Prüfungen „sind durch die zuständige Behörde Prüfberichte zu erstellen und in geeigneter Weise zu veröffentlichen.“ Doch die Behörden folgen dem nicht. Die Begründung: „Da der Gesetzgeber in Hessen die geforderte Rechtsverordnung bis heute nicht verfasst und beschlossen hat, dürfen alle Prüfberichte der Betreuungs- und Pflegeaufsichten in Hessen nicht veröffentlich werden.“ Die Politik arbeitet extrem langsam – und die Behörde ist fein raus. Das Gesetz, dass die Veröffentlichung fordert, läuft Ende 2016 aus.

Dazu kommt, dass die Berichte in einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich gestaltet und kaum untereinander vergleichbar sind. Seit der Föderalismusreform im Jahr 2008 regeln die Länder die Heimaufsicht selbst, geben diese zum Teil an Bezirke oder sogar Kommunen ab. Ein Vergleich der Heime wird so unmöglich.

Die Behörden in Mecklenburg-Vorpommern etwa stellen kurze Zusammenfassungen ins Netz, die noch nutzloser sind als die Transparenzberichte des MDK. Auch viele andere Heimaufsichten begnügen sich mit Ankreuz-Listen und wenigen Notizen, die für Bewohner kaum Mehrwert bieten. Die Heimaufsicht in Düsseldorf dagegen reagiert vorbildlich und veröffentlicht auf Anfrage ausführliche Berichte zu den einzelnen Heimen.

Klebriger Boden, Personausfälle, Zeitdruck

In den Düsseldorfer Berichten, die CORRECTIV vorliegen, ist von klebrigen Fußböden und feucht-modrigem Gestank in der Küche die Rede oder von mit Insekten verschmutzten Lampenschirmen. In einem Bericht über das Düsseldorfer Phönix Haus St. Hedwig von März 2015 schreibt die Heimaufsicht von zahlreichen Personalausfällen, nicht eingearbeiteten Zeitarbeitskräften und starkem Zeitdruck bei der Essensvergabe. Der Bericht liest sich grauenhaft – und ist genau das, was Angehörige als Information bekommen sollten, bevor sie ein Heim auswählen.



Prüfbericht eines AWO-Heimes in Düsseldorf (3,1 MB)



Prüfbericht eines Phönix-Heimes in Düsseldorf (7,2 MB)

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In Bayern ist die einst vorbildliche Transparenz vor wenigen Jahren sogar wieder abgeschafft worden. Mehrere Heimbetreiber hatten gegen die lange Zeit bereits öffentlichen Heimaufsichtsberichte geklagt und 2012 vor dem bayerischen Verfassungsgerichtshof Recht bekommen. Angebliche Geschäftsgeheimnisse waren dem Gericht wichtiger als das Informationsinteresse der Bewohner und Angehörigen. Das Urteil wurde bisher nicht angefochten. Die Behörden haben stattdessen die alten Berichte wieder aus dem Netz genommen und keine neuen mehr veröffentlicht.

Viele Heimaufsichten sind unterbesetzt. Neben den Heimprüfungen müssen die Mitarbeiter zum Beispiel Heime vor der Neugründung beraten, zudem sind sie Ansprechpartner für Angehörige, die Fragen oder Beschwerden haben. Das führt dazu, dass die Heimaufsicht ihrem eigentlichen Job manchmal kaum noch nachkommen kann. Das Landesamt für Gesundheit und Soziales Berlin (Lageso) zum Beispiel führt die meisten seiner Prüfungen nur angekündigt durch und prüft oft nicht alle relevanten Kriterien. Das ergibt eine Auswertung der Prüfberichte durch correctiv.org. Der zuständige Heimaufsichtsleiter sagt, er habe nicht genügend Personal, um jedes Mal eine vollständige Prüfung durchzuführen.

Unterbesetzte Heimaufsicht

Wer die Heimaufsichtsprüfungen der Berliner Behörde mit den Pflegenotenprüfungen vergleicht, sieht schnell, wie problematisch dieser Personalmangel ist. So hat der MDK zum Beispiel Ende August 2014 das Casa Reha Seniorenpflegeheim „Gartenstadt“ in Berlin geprüft. Die Prüfung ergab die alarmierende Note 3,9 im Bereich Pflege und medizinische Versorgung. Nur fünf Monate zuvor hatte die Berliner Heimaufsicht das Heim überprüft und dabei keine Mängel festgestellt. Die Heimaufsicht hatte beim ersten Mal pflegerelevante Kriterien gar nicht in die Prüfung einbezogen.

In Berlin ist ein Mitarbeiter der Heimaufsicht neben seiner täglichen Arbeit jedes Jahr für die Prüfung von mehr als 20 Heimen zuständig. In vielen anderen Bundesländern ist die Belastung ähnlich hoch, in Brandenburg muss jeder Mitarbeiter sogar mehr als 40 Heime pro Jahr prüfen.

Die Zahlen zeigen, wie wenig vergleichbar die Arbeit der Heimaufsichten ist. Zudem sind immer noch zu viele Prüfungen angekündigt. In Berlin sind es etwa 90 Prozent. Wie soll so ein realistisches Bild von den Zuständen vor Ort entstehen? Denn einen echten Einblick bekommen die Prüfer meist nur bei unangekündigten Besuchen.

Anzeige bei der Polizei

Wie viel von dem, was im Pflegealltag geschieht, tatsächlich im Dunklen bleibt, zeigt auch das Beispiel einer Seniorenresidenz in Berlin-Friedrichshain. Ein Ehepaar, das in der Nähe von Berlin lebt, hatte im vergangenen Frühjahr während seines Urlaubs den demenzkranken Vater zur Pflege in der Einrichtung untergebracht, die zu einem der größten privatwirtschaftlichen Heimbetreiber bundesweit gehört. Als sie den damals noch rüstigen Vater nach drei Wochen abholten, war dieser in einem erschreckenden Zustand – das zumindest berichtet sein Sohn, der daraufhin Anzeige bei der Polizei erstattete: Der Vater war abgemagert, lethargisch, reagierte kaum noch. Er starb wenige Tage später im Krankenhaus. Das Heim teilte dem Sohn lapidar per Brief mit, sein Vater habe die Nahrungsaufnahme verweigert. Und außerdem, teilte die Justiziarin des Heimkonzerns mit, habe der Sohn noch über tausend Euro Heimkosten zu begleichen. Die aktuelle Note der Seniorenresidenz: 1,1.

Besonders schwierig ist für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen häufig, bei der Wahl des Heimplatzes Auskunft darüber zu bekommen, wie viel Personal tatsächlich auf den Stationen arbeitet. Dabei ist diese Information für jedes deutsche Pflegeheim vorhanden. Der MDK notiert die exakte Personalbesetzung bei seinen jährlichen Besuchen, sogar die Ausbildung der Mitarbeiter notieren sich die Prüfer. Wie viele Mitarbeiter mit welcher Ausbildung sind für wie viele Pflegebedürftige verantwortlich? Das könnte sofort veröffentlicht werden. Auf Anfrage weigern sich die Behörden jedoch auch, diese Informationen freizugeben.

In vielen Heimen ist es ein großes Problem, dass die Personaldecken sehr knapp kalkuliert sind und es häufig zu Unterbesetzungen kommt. Das liegt zum einen daran, dass zu wenige Menschen Pfleger werden wollen und viele Heime händeringend nach Personal suchen. Es liegt aber immer öfter auch daran, dass die Heime sparen wollen.

So zum Beispiel in einem bayerischen Heim eines gemeinnützigen Trägers. Einer der Altenpfleger dort berichtet, dass in seinem Heim fast immer zu wenige Pfleger da sind. Wie viel Personal ein Heim von den Kassen bezahlt bekommt, richtet sich danach, wie viele Bewohner mit welcher Pflegestufe dort zurzeit untergebracht sind. Die Hälfte aller Pfleger müssen zudem per Gesetz in den meisten Bundesländern ausgebildete Pfleger sein. Nur sie dürfen medizinische Aufgaben wie das Verabreichen von Medikamenten übernehmen. In Bayern schreibt zudem seit einem knappen Jahr eine Verordnung den Heimbetreibern vor, wie viel Personal sie vorhalten müssen.

Zwei Pfleger für 140 Bewohner

Dies aber scheint nicht überall umgesetzt zu werden. Martin D. etwa, Pfleger in dem bayerischen Heim des gemeinnützigen Treibers, sagt, in der Nachtschicht seien meistens nur zwei Pfleger für das ganze Haus da, für 140 Bewohner – dabei müssten es laut Verordnung eigentlich drei sein. „Es sind eigentlich drei Leute dafür eingestellt, aber davon ist fast immer einer krank oder im Urlaub. Und dafür gibt es keinen Ersatz.“ Der Kreisgeschäftsführer des Verbandes sagt, es stimmt, dass sich Nachtschichten „bei kurzfristigen Ereignissen“ zuweilen nicht voll besetzen ließen, aber „wir versuchen unser Bestes“.

Für die Bewohner kann eine solche Unterbesetzung gefährlich sein: Wenn die beiden Pfleger gerade bei einem Bewohner im Zimmer sind und ein weiterer mit einem Notfall klingelt, bekommt das niemand mit. Über die Pflegenoten lassen sich solche Unterbesetzungen aber nicht darstellen.

In derselben Einrichtung scheint die Intransparenz auch noch andere Blüten zu treiben. Pfleger D. berichtet, dass die Bewohner teilweise noch nicht einmal genug zu Essen auf den Tellern hätten. Und das käme so: „Der Heimleiter öffnet die Cafeteria mittags wie eine Kantine. Da kommen dann ältere Leute aus dem Ort, bezahlen ein paar Euro und essen mit. Dafür bestellt der Chef aber keine Portionen extra, sondern teilt das bestellte Essen für die Bewohner einfach unter mehr Leuten auf.“ Was aus Sicht des Heimleiters wohl eine kreative Idee ist, die Bilanzen der Einrichtung aufzubessern, kostet die Bewohner und die Pflegekassen – beide zahlen den Heimplatz gemeinsam – bares Geld. Überprüft wird so etwas nicht.

Werbung mit Schulnote „sehr gut“

Dass die Pflegenoten des MDK eine falsche Qualität der Heime suggerieren, ist gefährlich. Immer wieder berufen sich Betreiber, Funktionäre und Politiker auf die Noten und behaupten, der Pflege könne es so schlecht ja nicht gehen, wenn die Noten so herausragend seien. Außerdem sorgt das Feigenblatt, dass diese Noten den schlechten Betreibern geben, für eine Verzerrung des Wettbewerbs. Wenn jedes Pflegeheim mit „sehr gut“ abschneidet, egal wie schlecht die Qualität ist, und wenn fast alle übrigen Informationen geheim gehalten werden, dann können die Kunden am Ende nur noch den Preis vergleichen. Die Qualität ist unbekannt, der Preis bekannt. Davon profitieren die billigsten Anbieter. Und das sind ganz sicher nicht die mit der besten Pflege.

In der Politik sieht man sich für all dies nicht in der Verantwortung. Der Patientenbeauftragte Karl-Josef Laumann (CDU) sagt auf Anfrage, schuld am Pflegedschungel sei nicht die Politik, sondern die „Selbstverwaltung“, also die Kassen und die Heimbetreiber, bei denen laut Gesetz die Verantwortung für ein aussagekräftiges Qualitätstransparenzsystem liegt. „Die Vertreter konnten sich nicht auf ein wirklich aussagekräftiges System verständigen. Herausgekommen sind deshalb die noch immer geltenden Pflegenoten, die in die Irre führen.“

Im vergangenen Jahr hatte er die Aussetzung des Notensystems gefordert. Während man sich in der Pflegebranche bereits Gedanken darüber machte, wie das System verbessert werden könne, steuerte die SPD gegen – und verhinderte die Aussetzung. Mit dem Argument, es bestehe dann die Gefahr, dass es am Ende gar kein Bewertungssystem mehr gebe.

Selbst entwickelte Prüfkriterien

In der Konsequenz bedeutet das aber wiederum, dass es erst 2018 neue, bessere Bewertungsstandards geben soll. Auch dann bleibt es aber dabei: Pflegekassen und Heime werden sich darüber einigen dürfen, wie in Zukunft geprüft und was davon veröffentlicht wird – nicht der Staat. Pflegeexperten kritisieren, damit bleibe der Bock Gärtner. „Die Betreiber wollen natürlich nicht, dass schlechte Pflegequalität wirklich öffentlich wird und damit ihr Geschäft in Gefahr gerät“, sagt etwa Manfred Stegger, der Vorsitzende der Bundesinteressenvertretung für alte und pflegebetroffene Menschen (BIVA).

Laumann zeigt sich dennoch zuversichtlich. Er sagt, diesmal würden sich Kassen und Heimvertreter nicht wieder gegenseitig blockieren können, da er in diesem Fall als unparteiischer Vorsitzender die Macht bekäme, „den Knoten zu durchschlagen“.

Bis zu einer Einigung scheint es jedoch noch ein weiter Weg zu sein. Wohin die herrschende Undurchsichtigkeit führt, zeigt das Beispiel von Stephan M., dem demenzkranken Heimbewohner aus der Nähe von Bremen, der schließlich von seinen Kindern aus der Einrichtung genommen wurde. Nämlich dazu, sagt seine Tochter heute, dass man der Heimleitung vertrauen müsse – und dabei bitter enttäuscht werden könne.

Im neuen Heim, erzählt seine Tochter heute, blühte er von Tag zu Tag spürbar auf. Seine Hände entkrampften sich, er lächelte wieder, und sagte sogar manchmal „danke“. Eine bessere Note, sagt seine Tochter, hatte das neue Heim aber nicht.