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Der Essener AfD-Politiker Keuter hat Nazibilder verschickt. © Ivo Mayr/Correctiv
Neue Rechte

Die AfD, der Verfassungsschutz und der Abgeordnete mit den Nazibildern

Vor der Presse wehren sich die AfD-Chefs gegen eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz. Sie wollen sogar ein externes Gremium einrichten. Ihr Bundestagsabgeordneter Stefan Keuter soll sich morgen vor der Fraktion äußern

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von Marcus Bensmann , Wigbert Löer

Es sind Tage der AfD, mal wieder, aber diesmal nicht so, wie die Partei es sich vorstellt. Vergangene Woche berichteten WDR, NDR und „Süddeutsche Zeitung“ über das Gutachten eines emeritierten Rechtsprofessors für die Partei. Dietrich Murswiek setzt sich akribisch damit auseinander, welche Äußerungen und Taten Verfassungsschützer auf den Plan rufen und gibt der AfD auch Handlungsempfehlungen. Die Partei lud daraufhin zur Pressekonferenz mit ihren beiden Vorsitzenden Jörg Meuthen und Alexander Gauland. Im Hintergrund grollen vernehmbar vor allem Vertreter des rechten Flügels der rechten Partei, dass sich manch einer als Inquisitor aufspiele und die Meinungsfreiheit innerhalb der AfD bedroht sei.

Über all den grundsätzlichen Betrachtungen muss sich die AfD allerdings auch noch mit einem konkreten Fall auseinander setzen, den CORRECTIV und stern vergangene Woche enthüllt haben: Stefan Keuter, Bundestagsabgeordneter aus Essen, hat Nazibilder verschickt.

Es sind Fotos von einer Dusche mit eingekacheltem Hakenkreuz, von Adolf Hitler in Wien (versendet zu Halloween mit der Aufschrift „Hallo Wien“) und von Wehrmachtssoldaten, die Keuter versandte. Der Abgeordnete ist nun bemüht, der Sache keine große Bedeutung beizumessen. Von CORRECTIV und stern mit dem Versenden der Bilder konfrontiert, antwortete er zuerst, das sei ihm „nicht erinnerlich“. Dann ging er davon aus, dass die Bilder nicht authentisch seien. Schließlich gab er zu, die Fotos geschickt zu haben. Keuter fand aber eine interessante Verteidigungslinie, und es lohnt sich, diese genauer zu betrachten und mit den vorliegenden Quellen abzugleichen.

Wer die Bilder mit Bezug zum Nationalsozialismus verschickte

Zuerst einmal fallen bei Keuter Formulierungen auf, die die Tatsache, dass Nazibilder verschickt wurden, von ihm selbst wegrücken. „Diese Bilder sind inzwischen zweifelsfrei einem ehemaligen Mitarbeiter zuzurechnen“, gab Keuter am Tag nach der Veröffentligung via Facebook bekannt. Ach so, halb so wild, ein Mitarbeiter ist schuld, konnte denken, wer den langen Post nicht zu Ende las. Etliche Sätze später stellte Keuter zum Thema „Bilder mit ‚Wehrmachtssoldaten, Adolf Hitler und Hakenkreuz’“ fest, „dass ich diese niemals verbreitet habe“. Er gab aber doch zu, dass „mein Büroleiter (…) diese im Rahmen seiner dienstlichen Tätigkeiten erhalten“ habe. Dass der Büroleiter die Nazibilder von Keuter selbst erhielt, behielt Keuter an dieser Stelle für sich.

Immerhin, man kann es so verstehen, und Keuter streitet nicht ab, der Versender der teilweise menschenverachten Bilddokumente zu sein. Am Ende seiner Einlassung schreibt er: „Tatsächlich erfolgte ja auch ein Versand.“ Ein Versand durch ihn selbst.

Warum aber versandte der AfD-Abgeordnete immer wieder und über Monate Fotos mit NS-Bezug? Weil sie ihn faszinieren? Weil er es lustig findet, wenn man etwa einen Soldaten mit Stahlhelm und automatischen Gewehr sieht und dazu liest: „Das schnellste Asylverfahren, lehnt bis zu 1400 Anträge in der Minute ab!“? Weil Keuter ein Anhänger Hitlers und der Nationalsozialisten ist?

Ohne Datum zur Archivierung

Folgt man Keuters Äußerungen, ist es ganz anders. Er schrieb CORRECTIV und dem stern über seinen ehemaligen Mitarbeiter: „Im Rahmen seiner politischen Tätigkeit hat er von mir regelmäßig Arbeitsaufträge, Unterlagen zur Archivierung, Beurteilung und politischen Einordnung erhalten.“ Darum also geht es laut Keuter beim Versenden von Nazibildchen: Sein Mitarbeiter sollte sie archivieren. Sie beurteilen. Sie politisch einordnen.

Keuters Antwort wirft die Frage auf, was es bei solchen Bildern politisch einzuordnen gibt. Ein Hakenkreuz und Hitler mit erhobenem Arm in Wien – die Botschaft solcher Motive müsste sich eigentlich von selbst erklären. Interessant ist außerdem, wer Keuter die Nazibilder geschickt hat, die er archivieren ließ. Ist zum Beispiel ein AfD-Kreisvorsitzender der Absender, mit dem man sich deswegen auseinandersetzen wollte? Oder ein anderer Parteifreund, der sich vielleicht mal als Mitarbeiter bei Keuter bewerben könnte und über den man dann gleich ein paar Infos zur Hand hätte? Beides könnte der Fall sein, nur: Keuter gibt bei seinen Versendungen keinerlei Quelle an.

Die Nazibilder versandte Stefan Keuter ansatz- und fast immer kommentarlos. Er nannte dem Mitarbeiter, der sie angeblich archivieren und einordnen sollte, in dem Whatsapp-Chat also nicht den ursprünglichen Verschicker. Er schreibt auch nicht, ob die Bilder aus einem Gruppenchat stammen und wenn ja, aus welchem. Keuter sendete die NS-Bilder einfach. Und manchmal flankierte er sie auch mit einem Foto oder einem Video, das er aufgrund des Inhalts nur in privater Mission und nicht als Mitglied des deutschen Bundestages verschickt haben kann.

„Der Deutsche rutscht nicht. Er marschiert ins neue Jahr“

Keuters Argumentation wirkt wie eine Hilfskonstruktion, mit der er versucht, die von ihm versendeten Bilder zu rechtfertigen. Wenn er seinem Mitarbeiter zum Beispiel an Silvester 2017 ein Wehrmachtsfoto mit der Aufschrift: „Der Deutsche rutscht nicht. Er marschiert ins neue Jahr“ verschickte, war das laut Keuter-Argumentation ein dienstlicher Vorgang. Keuter nannte in dem Chat mit dem Mitarbeiter zwar die Quelle nicht, tat das aber nach eigener Bewertung trotzdem, um das Bild zu archivieren und es politisch bewerten zu lassen.

Screenshot Whatsapp. (Foto: Recherche/privat)

Am Dienstag hat Stefan Keuter Gelegenheit, sich gegenüber der Führung der AfD-Bundestagsfraktion zu erklären. Gut möglich, dass er seinen Chefs und auch den anderen Fraktionskollegen mit seinem Archiv-Argument kommt. Vielleicht zeigt er Alexander Gauland und der Ko-Fraktionschefin Alice Weidel dann auch die teils unappetitlichen Auszüge des entsprechenden Whatsapp-Chats.

Wie es für den Abgeordneten Keuter weiter geht

Gauland und Weidel müssen dann entscheiden, ob sie Keuter seine Version abnehmen. Weitere Fragen von stern und CORRECTIV ließ Keuter unbeantwortet. Auf einer Pressekonferenz der AfD am Montag erklärte Gauland auf Nachfrage, mit Meinungsfreiheit habe das Versenden von Hitlerbildern nichts zu tun. Er ließ durchblicken, dass er bereits mit Stefan Keuter gesprochen habe. Wie Keuter sich erklärte, sagte Gauland nicht, nur: „Wenn nicht stimmt, was er mir gesagt hat, haben wir ein Problem.“

Auf der Pressekonferenz bemühten sich Gauland und der Co-Parteichef Jörg Meuthen, die Diskussion um eine Beobachtung ihrer Partei durch den Verfassungsschutz als politisch motiviert darzustellen. Beide AfD-Chefs hielten eine Beobachtung für unnötig. Gleichwohl sah Meuthen eine „Pflicht, bei uns selbst sehr genau hinzuschauen“.

Das tut seit einigen Wochen die fünfköpfige Arbeitsgruppe Verfassungsschutz, der Meuthen auch selbst angehört. Geleitet wird das Gremium vom Bundestagsabgeordneten Roland Hartwig, einem früheren Juristen des Chemiekonzerns Bayer. Hartwig kündigte an, dass die Arbeitsgruppe sich nun mit einem weiteren Gremium verstärken werde. Es soll sich aus externen Experten zusammensetzen und der AfD bei Parteiordnungsverfahren helfen. Mit Maßnahmen gegen Mitglieder hängt die Partei zuweilen tatsächlich weit hinterher. Gegen den AfD-Landesvorsitzenden im Saarland läuft seit zwei Jahren ein Parteiausschlussverfahren.

Bundestag
Der Abgeordnete Keuter verschickte Hitler-Bilder – wie geht die Partei jetzt mit ihm um? (Foto: picture alliance/Fabian Sommer/dpa)
Neue Rechte

AfD-Abgeordneter verschickt per Whatsapp Hitler-Bilder und Hakenkreuzfotos

Hitler und „Hallo Wien“ zu Halloween – der Bundestagsabgeordnete Stefan Keuter versandte auf Whatsapp eifrig Bilder mit Bezug zum Nationalsozialismus. Das zeigen Recherchen von stern und Correctiv. Keuter selbst äußert sich dazu – mit interessanten Stellungnahmen.

von Marcus Bensmann , Wigbert Löer

Der AfD-Chef sprach klar wie selten. „Wer Nazischweinkram teilt, hat in der Partei nichts verloren“, rief Alexander Gauland am 13. Oktober dem Landesparteitag der AfD in Thüringen zu. Jörg Meuthen, der zweite Parteichef, äußerte sich tags darauf ähnlich. Anne Will hatte ihn in ihrer Talkshow gefragt, warum die AfD Mitglieder dulde, die sich rassistisch äußern. „Wir gehen gegen diese Mitglieder vor“, antwortete Meuthen.

Härte gegen Rassisten und Neonazis in den eigenen Reihen, diese Botschaft sendet die AfD-Spitze derzeit. Der Hintergrund: Wegen rechtsextremer Umtriebe beobachtet der Verfassungsschutz Teile der Jugendorganisation der Partei. In Thüringen prüft der Geheimdienst sogar, dasselbe auch mit der Landes-AfD zu tun.

Der stern und das Recherchezentrum CORRECTIV konnten in den vergangenen Wochen Auszüge aus Whatsapp-Kommunikationen von AfD-Politikern auswerten. Sie zeigen, dass es für die beiden Vorsitzenden einiges zu tun gibt, wenn sie ihre Ankündigungen ernst nehmen. Und Gauland und Meuthen müssten sich dann auch mit einem Mitglied der AfD-Bundestagsfraktion befassen.

Im Bundestag bekam Stefan Keuter bald die große Bühne

Stefan Keuter, 46, gelernter Bankkaufmann, trat schon 2013 in die AfD ein. Er wurde Vorsitzender des Kreisverbandes Essen, Vizechef im Bezirksverband Düsseldorf und ergatterte zur Bundestagswahl einen recht sicheren Platz auf der Landesliste der AfD. Am 24. September 2017 reiste er zur Wahlparty nach Berlin. Keuter hatte es geschafft.

Keuter war kein Partei-Promi, aber seine Fraktion bot ihm bald die große Bühne. Bei der hitzigen Debatte zur Erhöhung der Abgeordnetenbezüge durfte er für die AfD als Erster ran. Ein Fest für einen Populisten. Keuter erinnerte an Mitbürger, die Flaschen sammeln, und an Hartz-IV-Empfänger. Die Abgeordneten stellte er als privilegiert dar. Seine Rede sahen allein auf Youtube eine halbe Million Menschen.

Zu Halloween schickte er Hitler und „Hallo Wien“

Dass Keuter Nazi-Bildchen verschickte, blieb verborgen. Zu Halloween 2017 versandte er via Whatsapp ein Foto, das Adolf Hitler mit erhobenem Arm zeigt. „Hallo Wien!“ ist auf dem Bild zu lesen. Der Kommentar darunter: „Das habe ich geschickt bekommen. Ist das nicht fürchterlich?“

Screenshot Whatsapp. (Foto: Recherche/privat)

„Fürchterlich“: Der Abgeordnete kann so behaupten, er habe sich ja von dem Bild distanziert. Allerdings sendete er munter weiter. Keuter verschickte das Bild einer Teelicht-Pyramide mit Hitler-Figur. „Erste Weihnachtsdeko steht“, ist darunter geschrieben.

Screenshot Whatsapp. (Foto: Recherche/privat)

Keuter teilte das Bild einer Duschkabine mit gekacheltem Hakenkreuz. Der Kommentar dazu: „Habe bei meinem Fliesenleger einen dezenten Braunton bestellt, da hat er mich wohl missverstanden.“

Screenshot Whatsapp. (Foto: Recherche/privat)

Keuter verschickte das Foto eines Jungen, der einer fast nackten Frau den Rücken gekehrt hat und gebannt auf den Fernseher schaut – wo Hitler zu sehen ist. Keuter verschickte auch Schwarz-Weiß-Bilder von Wehrmachtsoldaten. Von einem Neonazi, der ein szenetypisches T-Shirt mit dem Rückenaufdruck „muss auch DOLF sagen“ trägt. Und von einem Stahlhelmsoldaten am Maschinengewehr. Darauf steht: „Das schnellste deutsche Asylverfahren, lehnt bis zu 1400 Anträge in der Minute ab!“

Screenshot Whatsapp. (Foto: Recherche/privat)

Nicht erinnerlich“, „nicht authentisch“, „zur Archivierung“ – Keuters Stellungnahmen

Der stern und Correctiv konfrontierten den AfD-Bundestagsabgeordneten vergangenen Freitag mit der Tatsache, dass er 2017 und 2018 per Whatsapp Bilder mit Bezug zum Nationalsozialismus verschickt habe, „zum Beispiel Bilder, auf denen Adolf Hitler zu sehen ist, ein Hakenkreuz oder Wehrmachtsoldaten“. Der sternund Correctiv gaben Keuter die Gelegenheit zur Stellungnahme und fragten ihn auch, ob für ihn das Verschicken solcher Bilder zu seinem Mandat als Bundestagsabgeordneter der AfD passe.

Keuter antwortete per Mail, er könne sich nicht erinnern. Wörtlich schrieb der Abgeordnete: „Das Versenden des von Ihnen erwähnten Bildmaterials ist mir nicht erinnerlich und liegt mir fremd.“ Außerdem machte er noch eine persönliche Bemerkung: „Meine Familie war Opfer des Nationalsozialismus, mein Vater wurde auf der Flucht geboren.“

Am vergangenen Samstag meldete sich Keuter abends mit einer weiteren Email. Er stellte jetzt eine ausführliche Stellungnahme in Aussicht, wenn man ihm das entsprechende Bildmaterial und die Chatauszüge zukommen lasse. Er habe, schrieb Keuter, all seine Chats und Chatgruppen archiviert. Er gehe davon aus, „dass hier kein authentisches Material vorliegt“.

Keuter ging also offenbar von vielleicht gefälschtem, vielleicht manipulierten, vielleicht am Computer zusammengebauten, jedenfalls nicht von „authentischem“ Material aus. Der sternund Correctiv legten Keuter daraufhin am Sonntag sieben der Bilder vor, die er in einen Whatsapp-Chat gestellt hatte. Und plötzlich waren Keuter die Bilder auch wieder „erinnerlich“. Die Bilder, das war dem AfD-Abgeordneten nun wichtig, habe er einem inzwischen entlassenen Mitarbeiter geschickt. Keuter lieferte jetzt eine Begründung für das Versenden: Jener Mitarbeiter habe für ihn das politische Spektrum von links bis rechts beobachtet. „Im Rahmen seiner politischen Tätigkeit hat er von mir regelmäßig Arbeitsaufträge, Unterlagen zur Archivierung, Beurteilung und politischen Einordnung erhalten.“

Darf man gegen extrem Rechte vorgehen? Unruhe in der AfD

Stefan Keuter hatte damit nach zwei Tagen seine Erklärungslinie gefunden. Von „nicht erinnerlich“ über „nicht authentisch“ war er nun bei einem politischen Motiv angelangt. Er verschickte die Nazibildchen zur Archivierung und wollte sich von seinem Mitarbeiter zudem beurteilt und politisch eingeordnet haben.“

Es ist eine Erklärung, die man so im Kosmos der AfD – in dem es nicht der erste Fall von verschickten Nazi-Bildern ist – nicht kennt. Und es wäre spannend zu wissen, ob auch andere Bundestagsabgeordnete der Partei ihren Mitarbeitern Bilder von Hakenkreuzen und Hitler schicken, zur Archivierung und politischen Einordnung. Keuter ist im Bundestag übrigens Mitglied des Finanzausschusses. Stellvertretend gehört er dem Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung an.

Die Frage ist, ob die Partei- und die Fraktionsspitze Keuters Erklärung folgt. Maßnahmen gegen Nazi-affine Mitglieder sind in Teilen der AfD derzeit wenig populär. „Die Inquisition ist unter uns“, warnt jemand im Chat des „Flügels“, einer Björn Höcke nahestehenden Gruppierung am rechten Rand der Partei. Ein anderes Mitglied dieser Whatsapp-Unterhaltung beklagt einen „Angriff, koordiniert von der AfD-Spitze“. Widerspruch rufen solche Einschätzungen nicht hervor, nur Zustimmung: Mittlerweile, postet eine AfD-Frau aus Bayern, herrsche in der AfD „politisch-korrekter Meinungsterror“.

Flöge Stefan Keuter aus der Bundestagsfraktion, der Gauland zusammen mit Alice Weidel vorsteht, würden beim „Flügel“ manche wüten. Sie zählen jetzt schon die „fast täglich neuen Opfer“. Die „Alternative Mitte“ dagegen, eine parteiinterne Gruppierung, die ins Bürgerliche strebt, würde jubeln.

Es ist ein Spagat – die AfD aber auch ziemlich gelenkig. Ihr Landeschef im Saarland, Josef Dörr, ging im rechtsextremen Milieu auf Mitgliederakquise. Das Parteiausschlussverfahren gegen den 80-Jährigen läuft seit über zwei Jahren. Dörr ist bester Dinge und weiter im Amt.

© WDR Mikrofon von Maik Meid unter Lizenz CC BY-SA 2.0 (Foto wurde leicht retuschiert)
WDR #metoo

WDR: Neue Details beleuchten Probleme mit der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch

Der Abschlussbericht ist da, der Intendant gibt sich demütig. Doch abgeschlossen ist nach den Me-too-Enthüllungen beim WDR wenig. Das zeigt auch der Vermerk eines Falles, der für den Beschuldigten glimpflich ausging

von Marta Orosz , Wigbert Löer

Er hatte sich schon entschuldigt, „im Namen des WDR und persönlich“ und bei allen Frauen, die im WDR Opfer sexueller Belästigung geworden sind. Er hatte auch allen Frauen für ihren Mut gedankt, sich dem Sender anzuvertrauen. Tom Buhrow, Intendant des größten ARD-Senders, lobte am Mittwoch auf der Pressekonferenz zur sexuellen Belästigung und den Folgen Besserung. Er ertrug auch, dass die externe Prüferin und ehemalige EU-Kommissarin Monika Wulf-Mathies nichts weniger als einem Kulturwandel beim WDR einforderte. Buhrow wirkte dabei so freundlich und zugewandt, wie man ihn als Moderator der „Tagesthemen“ in Erinnerung hat. Aber irgendwann schien es ihm dann doch zu reichen.

Gegen Ende der Pressekonferenz in Bonn unterstellte er einem Journalisten, eine Entscheidung des WDR „infrage“ zu stellen. Das hatte dieser Journalist mit keinem Wort getan. Der nächste Fragesteller musste sich vom Intendanten vorwerfen lassen, er wolle zwei Führungskräfte des WDR „jagen“. Dabei hatte der Journalist sich – eine genauso berechtigte wie sinnvolle Frage – nur nach der Verantwortung etwa von WDR-Programmdirektor Jörg Schönenborn erkundigt.

Buhrows Souveränität: Jetzt war sie aufgebraucht.

Das Oberhaupt des WDR wird allerdings in den nächsten Monaten noch einiges an Gelassenheit brauchen. Das Thema sexuelle Belästigung sei nur „die Spitze des Eisbergs“, erklärte die Prüferin Monika Wulf-Mathies. Darunter verbergen sich laut ihres Abschlussberichts strukturelle Probleme in der Betriebskultur. Es geht demnach auch, aber längst nicht nur, um die „subtilen und verdeckten Formen von Diskriminierung, mit der vorwiegend männliche Dominanz gefestigt wird“.

Ein Fall ist noch gar nicht geklärt

Viel Arbeit bekam Tom Buhrow da aufgebrummt, und der Personalrat des WDR wird sich auf den Wulf-Mathies-Bericht berufen. Doch auch die Klärung der Vorwürfe im WDR-Kosmos ist noch nicht abgeschlossen. Zwei Angestellten hat der WDR wegen sexueller Belästigung bereits gekündigt. Aber da ist etwa noch ein ranghoher Mitarbeiter, dem Frauen in einem Papier Machtmissbrauch und „Arbeiten in sexuell aufgeladener Atmosphäre“ vorwarfen – ein Fall, der während Tom Buhrows Intendanz vorgekommen ist. Es seien insgesamt noch ein paar Gespräche zu führen, sagte Buhrow auf Nachfrage. Bei Gesprächen allerdings dürfte es in diesem Fall wohl kaum bleiben.

In einem anderen Fall hat der Sender Gespräche geführt. Und er hat auch entschieden: Dieser Journalist, beschuldigt von fünf Frauen, verbleibt an seinem Arbeitsplatz. Seine Geschichte erzählt einiges über die Möglichkeiten, die ein Mann hat, der von Frauen der sexuellen Belästigung bezichtigt wird. Sie gewährt außerdem einen Einblick in die Kultur beim WDR.

Dort hat man all die Gespräche und Recherchen in einem Dokument zusammengefasst. Das Papier heißt „Prüfung arbeitsrechtlicher Maßnahmen gegenüber Peter Schmidt“ (Name geändert). Vorwürfe gegen Schmidt sind nichts Neues beim WDR. Bereits 2010 äußerten mehrere Mitarbeiterinnen, dass sie sich von Schmidt sexuell belästigt fühlten. Schmidts Vorgesetzte waren damals involviert, bis weit hinauf in die Senderspitze. Sie machten keine gute Figur. Das räumte Tom Buhrow bereits selbst ein. Die externe Prüferin Monika Wulf-Mathies sagte allgemein, ein „größerer Ermittlungseifer“ sei „nötig gewesen“.

Fünf Frauen, teilweise ähnliche Vorwürfe

Nachdem CORRECTIV und stern Schmidts Fall recherchiert und im April veröffentlicht hatten, meldeten sich laut des WDR-Vermerks mehrere Frauen beim Sender. Hinzu komme „ein Fall, der bereits 2010 berichtet wurde“. Von „Grenzüberschreitungen in fünf konkreten Fällen“ ist dann über Schmidt zu lesen und von „mehreren Hinweisen, dass er sich im alltäglichen Umgang mit Kollegen regelmäßig unangemessen verhalten hat“.

Bis auf eine der Frauen hätten alle anonym bleiben wollen, steht weiter in dem Vermerk. Der Sender durfte Schmidt aber mit den Vorwürfen konfrontieren. Das tat er auch, im Juli. Schmidt brachte seinen Rechtsanwalt mit, der WDR erschien mit einer ranghohen Journalistin, einem Juristen und zwei Vertretern der Personalabteilung.

Der Vermerk widmet sich den Einlassungen der verschiedenen Frauen, die Schmidt Vorwürfe machten. Eine von ihnen hat Schmidt demnach versucht zu küssen. Auf ihren Einwurf, sie sei verheiratet, habe er: „ich auch“ geantwortet und den Übergriff dann mit dem Satz beendet: „Schade, ich hätte Dir sonst eine große Karriere beim WDR ermöglichen können.“ Karriere gegen Sex? Schmidt bestritt die Äußerung und auch den versuchten Kuss.

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Schmidt sei „häufig Frauen nachgestiegen“, heißt es im WDR-Vermerk

Danach hielt ihm sein Arbeitgeber dem Vermerk zufolge einen Bericht einer anderen Frau vor: Schmidt habe sie auf dem Weg nach Hause abgepasst, zu küssen versucht und sich dafür eine Ohrfeige eingefangen. Überhaupt sei er dieser Frau zufolge „häufig Frauen nachgestiegen“. Schmidt, so steht es im Vermerk, habe sich an den 25 Jahre zurück liegenden Fall nicht erinnern können.

Fall drei handelt von einer WDR-Mitarbeiterin, mit der sich Schmidt auch abends habe verabreden wollen, die er zuvor gefördert, die ihm aber für einen Drink nach Feierabend abgesagt habe. Danach habe er sie im Arbeitsalltag gemobbt und schließlich ihren Zeitvertrag nicht verlängert. Auch habe Schmidt ihr immer auf die Brüste gestarrt. Dieser Fall ist wie die beiden ersten in dem Vermerk als anonym eingestuft.

Schmidt konnte bei diesem Fall offenbar glaubhaft darlegen, dass er selbst nicht dafür verantwortlich gewesen sei, dass der Zeitvertrag der damaligen Kollegin nicht verlängert wurde. Zu dem Vorwurf, stets auf die Brüste gestarrt zu haben, äußerte er sich laut Vermerk auch. Seine Erklärung: Sein Blick schweife häufig ab, wenn er in Gedanken sei.

Sex gegen Karriere? Schmidt streitet das ab

Die Vorwürfe im vierten Fall sprach eine Frau aus, die ausdrücklich nicht auf Anonymität besteht und in dem Vermerk auch namentlich genannt wird. Sie arbeitet heute als Führungskraft in einem anderen Fernsehsender. Diese Frau erklärte, dass Schmidt sie zu einem Treffen abends eingeladen und ihr dann angeboten habe, bei weiteren Schritten in ihrer Karriere behilflich zu sein. „Als Herr Schmidt dann unumwunden sexuelle Gegenleistungen für den offerierten Praktikumsplatz eingefordert habe, sei ihr schlagartig ein Licht aufgegangen und sie habe zügig das Lokal verlassen“, wird die Frau in dem Vermerk wieder gegeben.

Sex gegen Karriere, so lautet auch hier der Vorwurf. Und auch hier stritt Peter Schmidt ab. Glaubt man Schmidt, war alles ganz anders. Dann muss man die Sache so betrachten, dass sich beim WDR mehrere Frauen meldeten, die Dinge erfanden, nur um ihm zu schaden. Darunter wäre sogar eine Frau, die bei einem anderen Sender Karriere machte und die bereit ist, ihre – laut Schmidt erfundenen –Vorwürfe auch vor Gericht zu wiederholen.

Der Vermerk kommt schließlich in der Gegenwart an. Eine Maskenbildnerin habe sich beschwert: Herr Schmidt bitte nach dem Abschminken bevorzugt junge Kolleginnen, „ihn im Gesicht einzucremen und ihm den Kopf zu massieren“. Dies sei ein absolut unüblicher Vorgang.

Was der Fall Schmidt über die Kultur beim WDR sagt

Mehrere Frauen, denen man beim WDR offenbar durchaus glaubte, eine, die auch vor Gericht ausgesagt hätte. Und andererseits Taten, die länger schon zurück liegen oder – wie die Forderung nach Kopfmassage – nicht justiziabel sind: Das war die Gemengelage im Fall Peter Schmidt. Der WDR sah sich aufgrund der vorliegenden Vorwürfe nicht imstande, Schmidt zu kündigen oder wenigstens abzumahnen. Die Mobbing- und Belästigungsvorwürfe seien alt und eben großenteils anonym, heißt es in dem Vermerk. Eine Abmahnung oder Kündigung hielt man daher für zu riskant.

Es wäre möglicherweise anders gekommen, wenn sich mehr Frauen entschlossen hätten, auch für eine Aussage vor Gericht zur Verfügung zu stehen. Dass dies nicht geschah, spiegelt das Problem des WDR. Die externe Prüferin Wulf-Mathies schreibt in ihrem Abschlussbericht von einer „Frage des Vertrauens“. Die meisten Frauen hätten sich nach Übergriffen auch aus dem Grund nicht beim WDR gemeldet, „weil sie Angst vor negativen beruflichen Konsequenzen hatten. Insbesondere bei freien Mitarbeiterinnen und ‚Externen’ wie Schauspielerinnen oder Praktikantinnen ist diese Angst sehr ausgeprägt. Sie befürchten, im WDR keine Chance mehr zu haben, wenn sie entsprechende Vorgänge melden.“ Und, fügt Wulf-Mathies hinzu: „Selbst bei festangestellten Mitarbeiterinnen ist die Unsicherheit groß.“

Der Fall Schmidt zeigt, dass die Frauen dem WDR auch im Jahr 2018 noch nicht vertrauen. Sonst hätten sich im Fall Schmidt wohl alle fünf Anklägerinnen entschlossen, ihre Erlebnisse notfalls auch vor Gericht zu schildern. Tom Buhrow wies bei der Vorstellung des Abschlussberichts mehrfach darauf hin, dass viele Fälle sexueller Belästigung sich ja schon in den 90er Jahren ereignet hätten. Doch bis heute konnte der WDR vielen Frauen ihre Angst nicht nehmen.

© Oliver Berg / picture alliance / dpa

WDR #metoo

Prüferin Wulf-Mathies über MeToo-Skandal beim WDR: „eine sehr hässliche Form von Machtmissbrauch“

Es geht um Vorwürfe sexueller Belästigung beim WDR, Enthüllungen von CORRECTIV und stern haben die Aufarbeitung notwendig gemacht. Nun äußerte sich die externe Prüferin Monika Wulf-Mathies auf einer internen Veranstaltung vor WDR-Mitarbeitern. Die frühere EU-Kommissarin fand klare Worte.

von Marta Orosz , Wigbert Löer

Es ist voll in der Kantine des WDR-Funkhauses in Köln, die Mitarbeiter sind gespannt. Die Veranstaltung heißt „Sonder-Dialog“, sie ist intern. Das Thema: sexuelle Belästigung. Nicht in Hollywood, sondern hier im größten Sender der ARD.

Gemeinsam mit dem stern hatte CORRECTIV im Frühjahr insgesamt drei Fälle enthüllt, in denen Männern aus dem WDR-Kosmos Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung vorgeworfen wird. Ein vierter Mann, der Spielfilmchef Gebhardt Henke, machte seinen Fall danach selbst bekannt. Die Autorin Charlotte Roche und andere Frauen warfen ihm im Spiegel vor, sie sexuell belästigt zu haben.

Nun steht also Monika Wulf-Mathies vor der WDR-Belegschaft. Die 75-Jährige war Gewerkschaftschefin, später EU-Kommissarin. Auf Bitten des WDR hatte sie sich bereit erklärt, als unabhängige Prüferin zu wirken. Wulf-Mathies sollte herausfinden, wie der WDR mit Hinweisen auf sexuelle Belästigung umgegangen ist. Ihre Einschätzung, zusammengefasst: alles andere als angemessen.

„Angst, nicht ernst genommen zu werden und berufliche Nachteile zu erleiden“

Gleich zu Beginn fallen deutliche Worte: „Machtmissbrauch, Diskriminierung, Frust“. Wulf-Mathies habe „erfahren, wie entwürdigend es sein muss, Opfer von sexueller Belästigung zu werden“. Und „wie groß die Angst ist, nicht ernst genommen zu werden und berufliche Nachteile zu erleiden“.

Die Prüferin beschreibt mit ihren Sätzen schonungslos das Klima, das demnach über Jahrzehnte beim WDR herrschte. Der Intendant Tom Buhrow hatte vorher gesagt, man haben einen „völlig unabhängigen und auch ungeschönten Blick“ auf den WDR haben wollen. Jetzt bekommt er ihn.

Selbst wenn einige Fälle lange zurück lägen, fährt Wulf-Mathies fort, „viele Betroffene leiden darunter heute noch“. Sie spricht von einer „sehr hässlichen Form von Machtmissbrauch“, von einem „Machtgefälle zwischen in der Regel männlichen Chefs und weiblichen Untergebenen“. Und sie sagt: „Die Fälle sexueller Belästigung im WDR werfen auch ein Schlaglicht darauf, dass wir weit im Berufsleben ziemlich weit von Chancengleichheit entfernt sind. Es gibt subtile und verdeckte Formen von Diskriminierung, um männliche Dominanz zu demonstrieren, zu rechtfertigen und zu festigen.“

Porno für die Praktikantin

Die Fälle: Da ist ein selbsternanntes „Alphatier“, ein früherer Korrespondent des Senders, der längst nicht nur schlüpfrige Emails an Kolleginnen schrieb, der nicht nur nachts im Hotel eine Praktikantin auf sein Zimmer lud und ihr dann einen Pornofilm zeigte. Ihn hat der WDR bis zu den Recherchen von CORRECTIV und stern nicht einmal abgemahnt. Dann aber, nach der Veröffentlichung, empörten sich etliche weitere Frauen und berichteten, wie sich der Mann ihnen gegenüber verhalten hatte. Der WDR kündigte dem Angestellten, der klagt dagegen.

Zu den Fällen zählt auch ein ranghoher Mitarbeiter aus dem WDR-Kosmos, dem Mitarbeiterinnen in einem Papier, das sie auch in den WDR einspeisten, Machtmissbrauch und Arbeiten in sexuell aufgeladener Atmosphäre vorwarfen. In der Beschwerde sind Zitate zu lesen, die von höchster Frauenfeindlichkeit zeugen und davon, dass eine Frau regelrecht Angst vor dem Mann hatte. Der Mann weilt nach Informationen von CORRECTIV und stern weiterhin auf seinem gut dotierten Posten.

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Zu den Fällen zählt schließlich ein bekannter WDR-Journalist, über den mehrere Frauen ähnliche Verhaltensweisen berichten. Der Mann arbeitet weiterhin beim Sender.

Die Rolle der Verantwortlichen

„Es hätte eine befriedende Wirkung, wenn der WDR sich bei den Opfern entschuldigen würde“, sagt Monika Wulf-Mathies in der WDR-Kantine. Dann kommt sie auf die Verantwortlichen im Sender zu sprechen.

Monika Wulf-Mathies hat Gespräche im und außerhalb des Senders geführt. Und sie hat Akten gelesen. Das Ganze hat einige Monate gedauert, nun ist ihr Bericht fertig. Ihr sei klar geworden, sagt sie, dass die Verantwortlichen im WDR „Gerüchten und Beschwerden, die seit den Neunzigern kursiert haben, zwar nachgegangen“ seien, dass sie „aber wenig unternommen haben“. Es habe sich, erklärt Wulf-Mathies, meist um anonyme Hinweise gehandelt.

Eine Entschuldigung für Nichtstun? Nicht für Wulf-Mathies, denn: „Man hat sich meist darauf beschränkt, im Umfeld bei früheren Vorgesetzten oder Kollegen nachzufragen, aber weder haben die Verantwortlichen eigene Nachforschungen angestellt noch in den jeweiligen Bereichen, zum Beispiel in Dienstbesprechungen, darauf hingewiesen, dass sexuelle Belästigung bei WDR nicht geduldet“ werde.

Ein „größerer Ermittlungseifer“ sei „nötig gewesen“, sagt die Prüferin

Man kann es wohl so sagen: Wenn eine Frau beim WDR nicht komplett aus der Deckung kam, wenn sie nicht ihren Namen nannte und nicht versprach, auch öffentlich zu wiederholen, dass ihr Vorgesetzter X sie zu küssen versucht oder ihr angeboten habe, gegen sexuelle Leistungen ihre Karriere zu fördern – dann wurde der Fall dieser Frau nicht weiter verfolgt. Dann war das eben so. „Ein größerer Ermittlungseifer“, sagt Monika Wulf-Mathies, wäre „nötig gewesen“. Und fügt hinzu, wohl mit Blick auf alle Führungskräfte, die in der Vergangenheit argumentierten, es habe sich doch immer bloß um „Gerüchte“ gehandelt: „Das gilt besonders in den Fällen, wo sich die Beschwerden häuften und der Flurfunk nicht verstummte.“

Die unabhängige Prüferin kommt schließlich zu dem Ergebnis, dass es beim WDR „ein großes Misstrauen gegenüber Vorgesetzten und Führungskräften“ zu geben scheine, „außerdem Angst vor negativen beruflichen Konsequenzen und Sorgen, dass die Vertraulichkeit ihrer Angaben nicht gewährleistet“ ist. Sie fordert, dass der Sender eine „externe Beschwerdestelle“ einrichte. Eine Dienstvereinbarung, die Intendant Tom Buhrow einführte und auf die er nach den CORRECTIV- und  stern-Recherchen gegenüber Mitarbeitern immer wieder verwies, habe „nicht die erwünschte Wirkung“ gehabt, sagt Wulf-Mathies.

Man habe zu wenig auf den Personalrat gehört, gibt der Intendant Tom Buhrow zu

Der Intendant Tom Buhrow, schlägt sie dann vor, solle sich an die Spitze der Bewegung stellen. Es müsse sich viel ändern beim WDR. Mitarbeiter würden die Kommunikation als „wenig offen und wertschätzend“ erleben. „Meine Gesprächspartner vermissten vor allem ein respektvolles und wertschätzendes Betriebsklima.“ Die Personalabteilung könne die Beschwerden von sexueller Belästigung nicht allein aufarbeiten. Eine Feedback-Kultur müsse eingeübt werden. Es gehe „um mehr als Me too: Es geht um die Qualität der Zusammenarbeit zwischen Führungskräften und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern“. Es brauche einen „Kulturwandel“

Der Intendant Tom Buhrow erweckt am Ende der Veranstaltung den Eindruck, dass er bereit ist, das zu tun. Er habe gar nicht gewusst, was gemeint gewesen sei, als in der Presse von „Angst“ beim WDR die Rede gewesen sei, beteuert er. Und, ja, man habe vielleicht zu wenig auf den Personalrat als allgemeiner Fiebermesser gehört. Zu den einzelnen Fällen äußert er sich auf der Versammlung nicht.

Seit Wochen beschäftigen den größten öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland mehrere Fälle sexueller Belästigung.© picture alliance / Geisler - Fotoexpress

WDR #metoo

Konsequenz aus #metoo-Affäre: WDR kündigt TV-Korrespondenten

Er nannte sich „Alpha-Tier“ und wirkte im Ausland und von Köln aus für den WDR. Nach den Recherchen von CORRECTIV und „Stern“ zur sexuellen Belästigung hat der Sender seinen langjährigen Korrespondenten nun rausgeworfen.

von Marta Orosz , Wigbert Löer

Der WDR arbeitet derzeit etliche Fälle möglicher sexueller Belästigung auf. Nach der ersten Enthüllung, die CORRECTIV und das Magazin „Stern“ Anfang April veröffentlichten, geriet der Sender in Erklärungsnot. CORRECTIV und der „Stern“ dokumentierten dann zwei weitere Fälle, in denen hochrangigen Mitarbeitern aus dem WDR-Kosmos schwere Vorwürfe gemacht wurden. Der „Spiegel“ recherchierte ebenfalls einen Fall.

Der erste Beitrag mit dem Titel „Er nannte sich Alpha-Tier“ beschrieb, was sich ein Fernsehkorrespondent der ARD herausgenommen hatte, der seit vielen Jahren beim WDR angestellt ist. Einer Kollegin hatte er in mehreren Emails unzweideutige Angebote gemacht, einer Praktikantin hatte er nachts im Hotelzimmer Champagner angeboten und auf seinem Laptop einen Porno gezeigt.

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Dem WDR waren diese Vorwürfe bekannt. Nach Ansicht des Senders rechtfertigten die Vorwürfe aber keine Kündigung und auch keine Abmahnung. Der Korrespondent erhielt lediglich eine mündliche Ermahnung. Für den Fall, dass weitere Vorwürfe öffentlich würden, drohte ihm der Sender härtere Konsequenzen an.

Nach Informationen von CORRECTIV und „Stern“ hat der WDR diesen Korrespondenten nun entlassen. Das bestätigt der WDR heute. Der Fall sei sorgfältig geprüft worden, sagte ein Sprecher. Nach den Recherchen von CORRECTIV und „Stern“ hatten sich weitere Frauen beim WDR gemeldet und den Korrespondenten belastet – in einer Deutlichkeit, die den Sender zum Handeln zwang. Die Aussagen dieser Frauen seien glaubwürdig und gravierend gewesen, sagte der WDR-Sprecher. Der Korrespondent wurde zu den Vorwürfen angehört.

Der WDR lässt die verschiedenen Fälle sexueller Belästigung und die Kultur im Sender inzwischen von der früheren EU-Kommissarin Monika Wulf-Mathies untersuchen. Zuletzt machte in diesem Zusammenhang Gebhard Henke von sich reden, „Tatort“-Koordinator und einflussreicher Fernsehspiel-Chef des WDR. Sein Anwalt erklärte, dass Henke wegen Vorwürfen sexueller Belästigung freigestellt worden sei. Henke selbst ist sich nach Angaben seines Anwaltes keines Fehlverhaltens bewusst. Im „Spiegel“ schilderte allerdings daraufhin die Autorin Charlotte Roche detailliert, wie Henke sie vor einigen Jahren sexuell belästigt habe. Auch andere Frauen belasteten Henke.

Laut einer Umfrage haben 20 Prozent der befragten Unternehmen jemanden wegen sexueller Belästigung entlassen (Symbolbild).© Unsplash

WDR #metoo

Er nannte sich „Alpha-Tier“

Ein Auslandskorrespondent der ARD zeigte einer Praktikantin Pornos und schrieb einer Kollegin eindeutige E-Mails. Trotzdem sieht man ihn noch im Fernsehen. Eine gemeinsame Recherche mit dem Magazin „stern“.

zur Recherche 6 Minuten

WDR-Intendant Tom Buhrow: der erfahrene TV-Journalist muss jetzt interne Missstände angehen.© Oliver Berg / dpa

WDR #metoo

„In tiefer Sorge um den WDR“

Beim WDR nimmt der Unmut der Mitarbeiter über den Umgang von Intendant Tom Buhrow mit dem hauseigenen #metoo-Skandal zu. Der Sender reagiere nicht entschieden genug auf die Vorwürfe sexueller Belästigung. Das wichtigste Kontrollgremium des Senders zeigt sich unterdessen ob der Kritik an Buhrow ratlos.

von Marta Orosz , Wigbert Löer

Eigentlich sollte alles so schön werden. „Ich bring die Liebe mit“, hatte Tom Buhrow verkündet, als er vor fünf Jahren Intendant des Westdeutschen Rundfunks wurde. Heute ist von Liebe wenig zu spüren. Seit CORRECTIV und „stern“ Anfang April den ersten und anschließend zwei weitere Fälle sexueller Belästigung im WDR aufdeckten, taumelt die Anstalt von Vorwurf zu schlechtem Krisenmanagement zu Panik.

„Kühlen Kopf bewahren!“, gebot Tom Buhrow seiner Belegschaft vorigen Freitag im Intranet. Die Frage ist allerdings, ob er selbst nicht etwas zu cool bleibt.

Ein System der Vertuschung

Erst Ende März hatte der WDR-Rundfunkrat den Vertrag des Intendanten vorzeitig verlängert. Aus heutiger Sicht könnte man auch sagen: gerade noch rechtzeitig. Denn in diesen Wochen schlittert der meist jovial auftretende Buhrow durch die schwierigste Zeit seiner Intendanz. Vergangene Woche berichtete der „Spiegel“ von einem vierten Fall: Einem Mitarbeiter der Revisionsabteilung hätten Kollegin­nen massive Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gemacht. Damit wäre jemand, der WDR-intern ermittelt, selbst zum Fall für interne Aufklärung geworden.

Es scheint, als offenbare sich ein System der Verdrängung und Vertuschung. Ganze acht Jahre ist es her, dass sich der WDR-Korrespondent Arnim Stauth mit Hinweisen auf Vorwürfe sexueller Belästigung an die Senderspitze gewandt und auf deren Wunsch den Kontakt zu den betroffenen Kolleginnen hergestellt hat.

Doch warum wurde er danach von der Personalabteilung einbestellt und offiziell ermahnt? Und warum wurde wenig später bei einer WDR-Führungskraft, der man angeblich nichts nachweisen konnte, eine Glasscheibe in die Bürotür eingesetzt? Aus Sicherheitsgründen, sagt der WDR auf Anfrage, so wie in anderen Büros auch. Nichts habe das mit der Person zu tun.

Sein Krisenmanagement betreibt der Sender aus dem fünften Stock des sogenannten Vierscheibenhauses im Herzen von Köln. Hier residieren der Intendant und sein Büroleiter Rüdiger Paulert, ein Radiojournalist, den Buhrow aus gemeinsamen Tagen im ARD-Studio Washington kennt.

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Ebenfalls in der Nähe der Macht sitzen die Vize-Intendantin Eva-Maria Michel, eine Juristin und als solche unter den vielen Journalisten in der Senderspitze eine Ausnahme, und der Fernseh­direktor Jörg Schönenborn.

Tiefe Sorgen

Der Umgang der Senderspitze mit dem Korrespondenten Stauth verstört heute weite Teile der Belegschaft. 2010, sagt ein Mitarbeiter, ging es um Einschüchterung, jetzt um persönliche Diskreditierung. Vorigen Donnerstag stellte sich der Personalrat hinter Stauth und ermahnte den Sender, „herabwürdigende Bemerkungen über den o. g. Korrespondenten zu unterlassen“.

Der Personalrat meinte damit Aussagen, Stauth habe „in allen Redaktionen Probleme“ gehabt. Zudem bezweifelte der Personalrat, dass Buhrow die Krise allein meistern könne. Die Forderung des Gremiums: „Hilfe von außen“.

CORRECTIV und „stern“ liegt auch eine interne E-Mail von 70 WDR-Journalisten vor. Gesendet wurde sie an Tom Buhrow „in tiefer Sorge um den WDR, für den in diesen Tagen großer Schaden entsteht“. Unterschrieben haben inzwischen weitere WDR-Kollegen. Statt „mit maximal möglicher Transparenz“ auf die Vorwürfe zu reagieren, „schweigt das Haus oder äußert sich allgemein und mit Verweis auf arbeitsrechtliche Beschränkungen ausweichend“, heißt es in der Mail.

Die WDR-Journalisten schreiben von „Verschleppung“ und „Intransparenz“. Sie fragen: „Wie sollen wir künftig über den Splitter im Auge des anderen berichten, wenn in unserem ein Balken steckt?“ Es werde der Eindruck in Kauf genommen, „dass etwas vertuscht werden soll oder beteiligte Personen geschützt werden sollen“. Zielt der Vorwurf auf Jörg Schönenborn? Buhrows Vertrauter spielte bei der internen Aufklärung der ersten zwei Fälle eine fragwürdige Rolle. Sein Vertrag als Fernsehdirektor wurde noch nicht vorzeitig verlängert.

Auch die Redakteursvertretung mailte kürzlich an den Intendanten. Das Gremium mahnte Buhrow zur „notwendigen Selbstkritik“. Es stellte fest, dass immer mehr Kollegen „persönliche Nachteile befürchten“, wenn sie Kritik äußern. Ein „Klima des Vertrauens“ fehle im WDR.

Viel Unmut von unten bekommt Tom Buhrow zu spüren, aber immerhin läuft es nach oben hin gut. Der WDR-Verwaltungsrat, der die Geschäftsleitung kontrolliert, befasste sich am Freitag mit den Vorgängen. Ludwig Jörder, der Vorsitzende des Gremiums, sagte dem „stern“ zum Krisenmanagement des Intendanten: „Ich wüsste nicht, was er sonst noch machen sollte.“

Über „tiefe Sorge für den WDR“ berichtet die eigene Belegschaft© WDR yet again at Cologne von R/DV/RS unter Lizenz CC BY 2.0

WDR #metoo

Recherche: Interne Mails zeigen, wie WDR-Intendant Buhrow bei der Aufarbeitung des #metoo-Skandals unter Druck gerät

Nach unseren Recherchen über mehrere Fälle von sexueller Belästigung fordern nun WDR-Mitarbeiter Konsequenzen und besseres Krisenmanagement vom Intendant Tom Buhrow. In den internen Emails sorgen sich Redakteure, dass der Sender beschädigt wird. Die Geschichte von CORRECTIV und „stern“ lesen Sie am Donnerstag, den 26. April 2018.

von Marta Orosz , Wigbert Löer

In der Belegschaft des Westdeutschen Rundfunks wächst die Kritik am Krisenmanagement des Intendanten Tom Buhrow. Das zeigen interne Emails an Buhrow, die CORRECTIV und dem Magazin „stern“ vorliegen. CORRECTIV und „stern“  hatten vor drei Wochen den ersten und danach zwei weitere Fälle sexueller Belästigung im WDR aufgedeckt.

70 NRW-Reporter der Programmgruppe Aktuell des Programmbereichs IV des WDR drücken in einem elektronisch übermittelten Brief ihre „tiefe Sorge um den WDR, für den in diesen Tagen großer Schaden entsteht“ aus. Sie schreiben: „Statt mit maximal möglicher Transparenz darzulegen, was geschah, was der Sender unternommen hat, als die Vorwürfe erstmals bekannt wurden, und was er nun unternimmt, schweigt das Haus oder äußert sich allgemein und mit Verweis auf arbeitsrechtliche Beschränkungen ausweichend. Auf diese Weise wird der Eindruck in Kauf genommen, dass etwas vertuscht werden soll oder beteiligte Personen geschützt werden sollen.“

Die Reporter befürchten auch, dass ihre eigene Arbeit von den offenbar unzureichend aufgeklärten Belästigungsvorwürfen beeinträchtigt wird. Sie fragen: „Wie sollen wir künftig über den Splitter im Auge des anderen berichten, wenn in unserem ein Balken steckt?“

Die WDR-Journalisten warnen ihren obersten Dienstherrn. „Wenn wir nun durch Zögerlichkeit, Verschleppung und Intransparenz in eigener Sache versagen, geben wir unseren Wesenskern auf und werden Glaubwürdigkeit und Vertrauen verlieren“, heißt es in dem Brief.

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Buhrow wird aufgefordert, Fakten zu liefern und „wo nötig auch die Konsequenzen“ zu ziehen. „Tun Sie dies auch aus Respekt vor allen Frauen, die den Mut fanden, über das zu berichten, was ihnen widerfahren ist“, schließen die Reporter ihren Brief, den nach Informationen von CORRECTIV und „stern“ inzwischen weitere WDR-Mitarbeiter aus anderen Abteilungen unterzeichnet haben.

Auch die Redakteursvertretung des WDR hat Tom Buhrow geschrieben und den Intendanten zur „notwendigen Selbstkritik“ aufgerufen. Das Gremium stellte fest, dass immer mehr Kollegen „persönliche Nachteile befürchten“, wenn sie Kritik äußern. Ein „Klima des Vertrauens“ fehle im WDR. Vergangene Woche hatten CORRECTIV und „stern“ schon über einen Brief des Personalrats berichtet. Die Vertreter der Belegschaft misstrauen darin dem Intendanten, die Krise allein zu meistern und fordern „Hilfe von Außen“.

Bei dem wachsenden Unmut von unten kann Tom Buhrow sich freuen, dass Ludwig Jörder, der Vorsitzende des WDR-Verwaltungsrats, hinter ihm steht. Jörder sagte dem „stern“ zum Krisenmanagement des Intendanten: „Ich wüsste nicht, was er sonst noch machen sollte.“ Der Verwaltungsrat habe sich vergangenen Freitag mit der Causa befasst.

Marta Orosz erreichen Sie per Email unter marta.orosz(at)correctiv.org.

Falls Sie Hinweise haben und anonym bleiben wollen, können Sie unseren elektronischen Briefkasten nutzen. Oder schicken Sie Ihre Hinweise per Post: CORRECTIV, Singerstrasse 109, 10179 Berlin

Dritter WDR-Fall: Hat der Sender die Stimme der Betroffenen wieder nicht gehört?© WDR Mikrofon in der Tasche von Maik Meidunter Lizenz CC BY-SA 2.0

WDR #metoo

Recherche über sexuelle Belästigung beim WDR: Weiterer ranghoher Mitarbeiter belastet

Die Vorwürfe sexueller Belästigung beim WDR hören nicht auf. Ein Mann in Führungsposition soll mehrere Frauen bedrängt haben. Einige Frauen wurden auch aus bedeutenden Entscheidungen ausgeschlossen, ihre Beschwerden blieben ohne Folgen. Unsere gemeinsame Recherche mit dem Magazin „stern“ lesen Sie am Donnerstag, den 19. April 2018.

von Marta Orosz , Wigbert Löer

Nachdem CORRECTIV und der „stern“ zwei Fälle sexueller Belästigung und des Machtmissbrauchs enthüllt haben, will der WDR jetzt alte Fälle aufarbeiten. Neue Recherchen von CORRECTIV und „stern“ zeigen, dass vor eineinhalb Jahren einem weiteren ranghohen Mitarbeiter im WDR-Kosmos schwere Vorwürfe gemacht wurden. Ein entsprechendes Beschwerdepapier liegt CORRECTIV und „stern“ vor.

Darin ist zu lesen, dass „im direkten Arbeitsumfeld“ des Mannes „mind. sieben Frauen“ bekannt seien, „die er bedrängt hat“. Es wird auch von einem Abendtermin mit dem Mann in Köln berichtet, bei dem eine Frau Kolleginnen des Mannes bat, mit bei ihr im Hotel zu schlafen, „damit sie nicht alleine mit ihm an der Bar sitzen musste“.

Dem Beschwerdepapier zufolge äußerte sich der hochrangige Mitarbeiter auch über eine Kollegin, die „heute wieder ein sexy Strickkleid“ angehabt habe. „Man konnte alles durchsehen.“ – „Sie steht auf mich, das weiß ich.“ Eine Äußerung des Mannes einer Kollegin gegenüber wird so wiedergegeben: „‚Na, hattest Du ein schönes Wochenende mit Deinem Freund, oder warum kannst Du Dich nicht mehr bewegen?‘ (Die Mitarbeiterin hatte einen Hexenschuss.)“

In anderem Zusammenhang sagte der Mann dem Beschwerdepapier nach: „Ich habe keine Lust mehr auf die Diskussionen mit den Frauen. Nur mit Männern ist es viel einfacher und schöner.“ Damit erklärte er laut des Papiers, warum er Frauen für eine bestimmte Aufgabe nicht berücksichtigt habe.

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CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!

Der Inhalt des Dokuments, in dem „sexuelle Diskriminierung“ und ein „Arbeiten in sexuell aufgeladener Atmosphäre“ beklagt wird, wurde Ende 2016 an verschiedenen Stellen des WDR persönlich vorgetragen. Das Papier ist nicht unterzeichnet. Zum Schutz der betroffenen Frauen“, steht am Ende, seien diese nicht genannt.

Nach Informationen von CORRECTIV und „stern“ war mit der Beschwerde beim WDR auch die stellvertretende Intendantin befasst. Der Sender bestätigte das auf Nachfrage, nach Redaktionsschluss der „stern“-Printausgabe. Eine Sprecherin schrieb, die Vize-Intendantin habe den Mann „in einem kurzfristig angesetzten Gespräch“ mit den Vorwürfen konfrontiert. Dieser habe sie mit aller Deutlichkeit zurückgewiesen. Die stellvertretende Intendantin habe in dem Gespräch deutlich gemacht, das „jegliches Fehlverhalten solcher Art“ nicht geduldet werde.

Der ranghohe Mitarbeiter ließ CORRECTIV und „stern“ auf Anfrage wissen, dass er sich so nicht geäußert beziehungsweise nicht entsprechend gehandelt habe. Die Zitate entsprächen auch nicht seinem Sprachstil.

Marta Orosz erreichen Sie per Email unter marta.orosz(at)correctiv.org.

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An Machtstrukturen gebunden: Weiterer Fall von sexueller Belästigung und Machtmissbrauch beim WDR© Collage von Ivo Mayr

WDR #metoo

„…wieder ein sexy Strickkleid an“

Die Vorwürfe über sexuelle Belästigung beim WDR reissen nicht ab. Uns liegt eine Beschwerde vor, in der mehrere Frauen Belästigung und Diskriminierung durch einen WDR-Mann in Führungsposition beklagen. Der Sender reagiert auf den Skandal: Betroffene sollen sich jetzt auch an eine externe Anwaltskanzlei wenden können. Doch ausgerechnet die hat bisher den Sender gegen die Opfer vertreten.

von Marta Orosz , Wigbert Löer

Weitere Opfer melden sich mit Vorwürfen und bitteren Erfahrungen. Die Senderspitze musste sich zweieinhalb Stunden lang den bohrenden Fragen der Belegschaft stellen. Es geht drunter und drüber im WDR, seit CORRECTIV und „stern“ zwei Fälle von Machtmissbrauch und sexueller Belästigung enthüllt haben. Eine Geste allerdings halten Intendant Tom Buhrow und Programmdirektor Jörg Schönenborn offenbar für unnötig: eine öffentliche Entschuldigung bei jenen Frauen, die über Jahre unter prominenten Journalisten des Senders litten.

Stattdessen behauptete Jörg Schönenborn mit Blick auf einen der beiden Belästigungsfälle, es habe damals ein „dringendes Interesse aufzuklären“ bestanden.

Größere Konsequenzen hatte der angebliche Drang zur Wahrheit offenbar eher selten. Das zeigen auch neue Recherchen von CORRECTIV und „stern“. In einem dritten, bisher unbekannten und recht aktuellen Fall geht es um Machtmissbrauch und sexuelle Diskriminierung.

Sie steht auf mich, das weiß ich.

Der Mann, gegen den sich die Vorwürfe richten, amtiert im WDR-Kosmos weiterhin an hoher Stelle. Er soll für diesen Text Tilo Matzen heißen. CORRECTIV und „stern“  liegt eine Beschwerde über Matzen vor, die Ende 2016 an drei verschiedenen, jeweils zuständigen Stellen des WDR vorgetragen und auch in Papierform vorgelegt wurde. Das Dokument, über das der WDR seitdem verfügt, fasst die Erfahrungen mehrerer Mitarbeiterinnen mit Tilo Matzen zusammen.

„Sexuelle Diskriminierung“ und „Arbeiten in sexuell aufgeladener Atmosphäre“ seien an der Tagesordnung gewesen, heißt es in dem Papier. Die Frauen belegen das mit etlichen Zitaten, die sie Tilo Matzen zuschreiben.

• Eine Kollegin, habe der gesagt, „hatte heute wieder ein sexy Strickkleid an. Man konnte alles durchsehen.“ – „Sie steht auf mich, das weiß ich.“

• Ein Kollege, sagte er dem Beschwerdepapier nach ebenfalls, falle für einige Wochen aus. „Er hat Rücken. Kein Wunder. Er hat ja jetzt eine neue Freundin. Und endlich wieder Sex.“

• Weiter wird Matzen in dem Papier zitiert: „‚Na, hattest Du ein schönes Wochenende mit Deinem Freund, oder warum kannst Du Dich nicht mehr bewegen?‘ (Die Mitarbeiterin hatte einen Hexenschuss.)“

Ich habe keine Lust mehr auf die Diskussionen mit den Frauen. Nur mit Männern ist es viel einfacher und schöner.

Matzen war dem Beschwerdepapier nach bemüht, es nicht bei Worten zu belassen. Der Versuch, ihm auszuweichen, konnte demnach zu unangenehmen Konsequenzen führen. „Eine Mitarbeiterin hat er auf einer Dienstreise nach der Zimmernummer gefragt. Nachdem sie ihm die falsche Nummer gesagt hatte, hat er später behauptet, sie stände kurz vor dem Burnout und sie sei mit dem Job überfordert.“

Eine Frau, die zu einem Abendtermin nach Köln reiste und davon ausging, dass  auch Matzen selbst im Hotel absteigen würde, habe sich von Matzen „so stark bedrängt“ gefühlt, „dass Kolleginnen ebenfalls in Köln übernachtet haben, damit sie nicht alleine mit ihm an der Bar sitzen musste“. Insgesamt waren laut dem Beschwerdepapier „mind. sieben Frauen im direkten und weiteren Arbeitsumfeld von Herrn Matzen bekannt, die er bedrängt hat“.

Matzen hatte seinerzeit begonnen, sein Reich neu zu ordnen. Dabei verloren mehrere weibliche Führungskräfte ihren Job. Matzen sagte damals laut Beschwerdepapier: „Ich habe keine Lust mehr auf die Diskussionen mit den Frauen. Nur mit Männern ist es viel einfacher und schöner.“ 

Nach Informationen von CORRECTIV und „stern“ war mit der Beschwerde beim WDR auch die stellvertretende Intendantin befasst. Der Sender bestätigte das auf Nachfrage. Eine Sprecherin schrieb, die Vize-Intendantin habe den Mann „in einem kurzfristig angesetzten Gespräch“ mit den Vorwürfen konfrontiert. Dieser habe sie mit aller Deutlichkeit zurückgewiesen. Die stellvertretende Intendantin habe in dem Gespräch deutlich gemacht, das „jegliches Fehlverhalten solcher Art“ nicht geduldet werde.

Am besten erweckt man nicht mal den Anschein, etwas könne falsch laufen.

Matzen selbst antworte auf Fragen zu den konkreten Vorwürfen, dass er sich so nicht geäußert beziehungsweise nicht entsprechend gehandelt habe. Die Zitate entsprächen auch nicht seinem Sprachstil.

„Zum Schutz der betroffenen Frauen“ sind in dem Beschwerdepapier die einzelnen Kolleginnen nicht namentlich erwähnt. Genau das verdeutlicht das Problem, vor dem der Sender seit vielen Jahren steht, wenn es um Machtmissbrauch, Mobbing und sexuelle Belästigung geht: Es herrscht ein Klima der Angst. Ein Klima, in dem Frauen sich nicht trauen, Fehlverhalten von Vorgesetzten zu melden.

Kürzlich schrieb die Vorsitzende des WDR-Personalrats, ihr Gremium habe „immer wieder vergeblich gefordert, im absolut hierarchisch geprägten WDR (…) eine Ahndung von Machtmissbrauch und Herabwürdigung gegenüber Schwächeren und Abhängigen zu gewährleisten“. Eine langjährige WDR-Führungskraft erklärt das Phänomen so: „Es geht immer um Gesichtswahrung. Am besten erweckt man nicht mal den Anschein, etwas könne falsch laufen. Denn darunter könnte ja der Sender leiden.“

Sexuelle Nötigung dulde der WDR nicht, sagte kürzlich Intendant Tom Buhrow. Nach den Enthüllungen präsentiert der WDR nun im Intranet zwei externe Ombudsfrauen, junge Rechtsanwältinnen, die ihre Karriere gerade gestartet haben: An sie sollen WDR-Mitarbeiter sich bei Machtmissbrauch und Übergriffen gefahrlos wenden können.

Auf jene Frauen, die unter Tilo Matzen litten, dürfte dieses Angebot zynisch wirken. Als sie das Unternehmen verließen und über ihre Abfindungen verhandelten, vertrat nämlich genau die Kanzlei der zwei neuen Ombudsfrauen die Gegenseite. Absurd der Gedanke, dass die Frauen ihre Probleme mit dem Chef zuvor gerade der Kanzlei anvertraut hätten, die sie im anschließenden Verfahren gegen sich hatten.

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UPDATE vom 19. April 2018, 16:15 Uhr.

Der Personalrat stellt sich deswegen offen gegen die Senderspitze: „Wir raten von dieser Kanzlei ab“, schrieb der Personalrat am Donnerstag in einer Email an alle Mitarbeiter des Senders. Denn diese Kanzlei habe den Sender gegen einen Korrespondenten vertreten, der intern auf Vorwürfe sexueller Belästigung aufmerksam machte und vom Sender deswegen abgemahnt wurde. Auch in weiteren Prozessen habe diese Kanzlei den Sender gegen Mitarbeiterinnen vertreten.

Vor allem fordert der Personalrat weiter eine lückenlose Aufklärung der Vorfälle.

Schließlich erwarteten die Beitragszahler vom WDR die kritische Auseinandersetzung mit Missständen – und das solle auch im eigenen Hause praktiziert werden.

Hier die Email des Personalrats im Wortlaut:

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wir, die Personalratsmitglieder des WDR, die Jugend- und Auszubildendenvertretung und die Schwerbehindertenvertretung, wenden uns persönlich an euch, um folgendes klarzustellen:

1. Wir fordern eine lückenlose Aufklärung der Vorfälle. Die Verantwortlichen, die trotz eindeutiger Hinweise nicht eingeschritten sind, müssen benannt werden und sich bei den Betroffenen entschuldigen.

2. Die Beauftragung der Kanzlei Küttner als Anlaufstelle für Betroffene von sexueller Belästigung wurde nicht mit uns abgesprochen. Wir raten von dieser Kanzlei ab, da sie den WDR auch gegen den Korrespondenten vertreten hat, der sich für die Betroffenen von sexueller Belästigung eingesetzt hat. Die Kanzlei Küttner hat auch in anderen Prozessen den WDR gegen MitarbeiterInnen vertreten.

3. Wir fordern das Haus auf, herabwürdigende Bemerkungen über den o.g. Korrespondenten zu unterlassen. Äußerungen wie u.a. auf dem Sonderdialog „Er habe in allen Redaktionen Probleme gehabt“, tragen nichts zur Aufarbeitung der Vorfälle bei.

4. Den Kolleginnen und Kollegen, die sich kritisch zum Umgang des WDR mit dem Thema sexuelle Belästigung und Machtmissbrauch äußern oder beim Sonderdialog geäußert haben, dürfen keine Nachteilte daraus erwachsen. Das gilt für feste, freie und befristet angestellte KollegInnen.

5. Das frühe Unterbinden von sexueller Belästigung, Machtmissbrauch und herabwürdigendem Verhalten ist eine Führungsaufgabe. Vorgesetzte müssen mit gutem Beispiel vorangehen.

6. Die Aufgabe, Fälle sexueller Belästigung zu sammeln, kann deswegen nicht an „Vertrauensleute” aus den Teams delegiert werden, wie das jetzt in einigen Abteilungen diskutiert wird. Denn diese KollegInnen sind selbst Teil des Teams und stehen in genau den gleichen Abhängigkeiten. Außerdem besteht die Gefahr, dass

– diese KollegInnen durch ihre Sonderrolle vom Team isoliert werden, weil sie als Kontrollinstanz wahrgenommen werden.
– sie von Vorgesetzten unter Druck gesetzt werden, Fälle zu bagatellisieren.
– sie von den Konsequenzen, die diese Stellung mit sich bringt, überfordert werden.

Die kritische Auseinandersetzung mit Missständen gehört zum Kerngeschäft des WDR und ist maßgeblicher Bestandteil unserer Legitimation für die BeitragszahlerInnen. Nur wenn wir bereit sind, ebenso kritisch mit uns selbst umzugehen, bewahren wir unsere Glaubwürdigkeit. Deswegen muss dringend ein Klima geschaffen werden, in dem Kritik zur Unternehmenskultur gehört. Unserer Meinung nach brauchen wir dazu Hilfe von außen — zum Beispiel in Form eines Beirats.

Marta Orosz erreichen Sie per Email unter marta.orosz(at)correctiv.org.

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Der WDR hat offensichtlich Probleme beim Umgang mit sexueller Belästigung. Jetzt wird ein zweiter #metoo-Fall bekannt.© picture alliance / Geisler- Fotopress

WDR #metoo

Zweiter Fall von sexueller Belästigung im WDR – mit absurden Folgen

Der Fall „Alpha-Tier“ beschäftigt den WDR noch. Nun zeigt unsere gemeinsame Recherche mit dem „stern“, wie der Sender mit einem anderen bekannten TV-Journalisten umging. Auch ihm wurden Übergriffe vorgeworfen. Es gab eine Ermahnung – für einen Hinweisgeber.

von Marta Orosz , Wigbert Löer

Vergangenen Freitagabend, 21.36 Uhr, eine Email mit zehn Absätzen, der Verteiler: WDR, alle Mitarbeiter. Der Absender: Tom Buhrow.

Der Intendant fasste sich lang. Er beruhigte. Und er lobte, was unter seiner Führung passierte: Der WDR habe einen Interventionsausschuss geschaffen, an den sich jeder wenden könne bei sexueller Belästigung.

Sexuelle Belästigung und der Missbrauch von Macht, darum geht es im größten Sender der ARD, seit CORRECTIV zusammen mit dem „stern“ vergangene Woche enthüllte, wie ein bekannter WDR-Journalist mit einer Praktikantin und einer Mitarbeiterin umgegangen ist – und wie die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt darauf reagierte. Opfer jenes Korrespondenten können nicht verstehen, dass der Mann, der sich selbst „Alpha-Tier“ nannte, weiterhin am Bildschirm zu sehen ist. Nach unserer Veröffentlichung wurde er freigestellt.

Neue Recherchen von CORRECTIV und „stern“ zeigen nun, wie der WDR in einem zweiten Fall sexueller Belästigung agierte. Auch dieser Mann berichtet bis heute für die ARD, man sieht ihn regelmäßig in der „Tagesschau“ und in den „Tagesthemen“. Sein Fall macht deutlich, wie schwierig es im System WDR offenbar war, Hinweise ernst zu nehmen und Frauen, die sich vertraulich beschwerten, zu schützen.

Senderspitze war involviert

Aus juristischen Gründen soll dieser bekannte ARD-Journalist hier Schmidt heißen. Vorwürfe gegen ihn wurden 2010 bekannt. Es wurde telefoniert, Emails wurden geschrieben, die komplette Senderspitze war involviert. Es kam zu Gesprächen und Verwerfungen – und am Ende zu einer überraschenden, schwer nachvollziehbaren Entwicklung.

Ins Rollen brachte den Stein im Fall Schmidt ein anderer männlicher Mitarbeiter des Senders. Dieser Mann hatte Kontakt zu fest angestellten Kolleginnen und zu freien Mitarbeiterinnen, die sich über sexuelle Belästigung, Mobbing und Machtmissbrauch in ihrer Programmgruppe beklagten. Fast alle Schilderungen betrafen den Kollegen Schmidt.

Die Senderspitze nahm die Schilderungen des männlichen Kollegen durchaus ernst. Die damalige Programmdirektorin Verena Kulenkampff gab ihm einen Auftrag: Er solle die Frauen, die sich beschwert hätten, an eine Vertreterin des Personalrats vermitteln. Dieser Personalrätin vertraute die Programmdirektorin Kulenkampff.

„Angst und Scham“

Der männliche Kollege tat wie besprochen, und so konnte die Personalrätin vertrauliche Gespräche mit den Frauen führen. Es ging dabei um Taten, die schon etwas zurück lagen. Es ging aber auch um die Gegenwart.

Die Personalrätin gewann den Eindruck, dass es Grenzüberschreitungen gegeben habe und weiterhin gebe, Vorkommnisse, die man als sexuelle Belästigung verstehen könne. Das geht aus internen Sender-Dokumenten hervor. Allerdings baten die betroffenen Kolleginnen dringend um Anonymität. Sie wollten sich nicht outen, den WDR-Journalisten nicht offiziell melden. Die Personalrätin spürte während der Gespräche bei den Frauen extreme „Angst und Scham“. Davon setzte sie die Programmdirektorin auch in Kenntnis.

Die Personalrätin machte auch einen Vorschlag, wie der WDR mit den Vorwürfen umgehen solle: Die Senderspitze solle sich mit der entsprechenden Programmgruppe in Verbindung setzen und deutlich machen, dass sexuelle Belästigung im WDR „keine Kleinigkeit“ sei. „Achtsamkeit und Fürsorge“ sollten die WDR-Chefs einfordern in der Programmgruppe, sich dort eindeutig gegen Diskriminierung und gegen die Verletzung der Würde aussprechen.

Es gab Konsequenzen – für den Hinweisgeber

Es waren ziemlich deutliche Empfehlungen, die die Personalrätin des WDR gab. Und drei Monate später hatte der Fall dann auch ein Ergebnis. Es kam zu einer Ermahnung. Die disziplinarische Maßnahme traf ausgerechnet jenen WDR-Mitarbeiter, der auf die Vorwürfe der Frauen aufmerksam gemacht und die Frauen dann auf Bitte der Programmdirektorin Kulenkampff an die Personalrätin verwiesen hatte.

Der Sender statuierte an ihm offenbar ein Exempel. Er bestrafte den Hinweisgeber. Der WDR verbot dem Mitarbeiter jetzt „ausdrücklich“, von sexueller Belästigung in der Programmgruppe zu sprechen. Er verbot dem Mitarbeiter außerdem zu sagen, dass in der Programmgruppe Vorwürfe wegen sexueller Belästigung erhoben worden seien. Und er ließ keinen Zweifel daran, zu weiteren Maßnahmen bereit zu sein: „Sollten Sie sich an diese Vorgabe nicht halten, kann das Auswirkungen auf Ihr Arbeitsverhältnis haben.“

Der WDR tat also so, als habe es die Gespräche der Personalrätin mit den Frauen nie gegeben. Schriftlich hielt der Sender fest, es entspreche „nicht den Tatsachen“, dass sich jemand „an die im Hause für solche Fälle zuständigen Ansprechpartner gewandt“ und „Beschwerden über sexuelle Belästigung“ in der Programmgruppe erhoben habe. Dieser Satz verblüfft: Tatsächlich hatten sich ja sehr wohl mehrere Frauen einer Personalrätin des WDR geöffnet. Sie hatten sich nur nicht getraut, namentlich aufzutreten und den renommierten Journalisten Schmidt zu belasten.

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Ein Tag im April, Köln, eine Frau erzählt, wie sie die Zusammenarbeit mit dem WDR-Mann Schmidt erlebt hat. Sie hatte ihn als Praktikantin kennen gelernt und erzählt nun, wie er sie während einer Party „ziemlich respektlos angemacht“ habe. Zuvor habe sie ein „Perspektivgespräch“ in seinem Büro gehabt.

„Abends einen trinken“

Sie habe sich abgewandt, berichtet die Frau, ihre Erfahrung aber Kolleginnen mitgeteilt und dabei gelernt, dass es Anderen ähnlich ergangen sei. Einige Jahre später bekam sie Schmidt dann als Chef. Sie war Redakteurin beim WDR geworden, mit Zeitvertrag. Zuerst habe Schmidt sie freundlich behandelt. Er habe sie gelobt, sie mit spannenden Aufgaben betreut.

Dann aber sei es von Schmidts Seite zu „immer wiederkehrenden Aufforderungen“ gekommen, gemeinsam zu Mittag zu essen oder „abends einen trinken“ zu gehen. „Am meisten störte mich dabei sein stets auf meine Brust gerichteter Blick“, sagt die Journalistin.

Sie sei den Abendeinladungen nicht gefolgt und habe auch nicht auf weitere Anspielungen reagiert. Die Folge sei gewesen, dass sie „sukzessive in Ungnade gefallen“ sei. Interne Konferenzen hätten ohne ihr Wissen stattgefunden, vor Kollegen sei Schmidt ihr ins Wort gefallen. Insgesamt habe er ihr nun zu verstehen gegeben, dass ihr Zeitvertrag nicht verlängert werde. So kam es dann auch.

Machtmissbrauch leicht gemacht

Der Journalist Schmidt hat über Jahre seine Macht missbraucht, so sieht es die Frau in Köln. Sie widerstand ihm, ließ sich nicht auf ihn ein. Aber für sie ist klar, dass ihr Vertrag beim WDR deshalb nicht verlängert wurde. „Er hat mir mein Selbstvertrauen genommen und letztlich meine WDR-Karriere zerstört“, sagt sie. Und eines fügt sie noch hinzu: Bei einem Sender wie dem WDR hätten ziemlich viele Kollegen keinen festen, unbefristeten Vertrag.

Tatsächlich beauftragten öffentlich-rechtliche Sender viele Journalisten als freie Mitarbeiter oder statten sie mit Zeitverträgen aus. Das liegt an den Sparvorgaben, denen ARD und ZDF unterliegen – flächendeckende Festanstellungen laufen dem zuwider. Allerdings können Vorgesetzte so eben auch ihre Macht leichter missbrauchen. Freie Mitarbeiter oder Kollegen mit Zeitvertrag überlegen es sich drei Mal mehr, ob sie einen Chef melden.

Die Journalistin, deren Zeitvertrag unter Schmidt nicht verlängert wurde, wandte sich allerdings dennoch an den WDR. Ihre Erfahrungen mit Schmidt gingen schriftlich beim Sender ein, damals, 2010. Der Sender hätte damit arbeiten können, hätte sich mit dem Fall Schmidt auseinander setzten können. Er hätte nun Schmidts Karriere bei WDR und ARD stoppen können.

Aufklärung nicht möglich?

Der WDR sagt heute, man habe die Vorwürfe nicht aufklären können. Der Mann, der hier Schmidt heißt, ist zur Zeit im Urlaub und war für CORRECTIV und „stern“ nicht zu erreichen. Eine Email mit Fragen zu seinem Fall blieb unbeantwortet.

CORRECTIV und „stern“ schickten zu den neuen Recherchen auch einige Fragen an den WDR selbst: „Es gab in dem betreffenden Jahr Hinweise auf mögliches Fehlverhalten. Diesen wurde sehr sorgfältig nachgegangen. Der WDR hat möglichen Betroffenen einen Weg der Beschwerde geschaffen. So gab es zum Beispiel eine Ombudsperson, an die sich Betroffene wenden konnten. Diese baten aber ausdrücklich darum, die Anonymität zu wahren. Abschließend ergab die damalige Prüfung, dass die Vorwürfe nicht aufgeklärt werden konnten. Zu weiteren Details äußern wir uns aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht.“

Nach dem ersten Bericht von CORRECTIV und „stern“ vergangene Woche hatte sich die Chefin des WDR-Personalrats vernehmlich beschwert. Ihre Botschaft, an die komplette Belegschaft gemailt, lautete: Im WDR wird der Kampf gegen sexuelle Belästigung nicht ernst genug genommen. Um das zu unterstreichen, trat sie sogar aus dem Interventionsausschuss zurück. Die Chefin des Personalrats hatte ihre Kritik direkt an die beiden mächtigsten Männer des Senders gerichtet, an den Intendanten Tom Buhrow und an den Programmdirektor Jörg Schönenborn.

Beratungsstelle ohne Beraterin

Tom Buhrow schrieb in seiner Mail vom vergangenen Freitag mehrfach von der „Verunsicherung“ seiner Belegschaft. Er bot den Mitarbeitern an, Fragen zu Übergriffen künftig gemeinsam zu bewältigen. „Gesprächsforen oder Ähnliches wären z.B. eine Möglichkeit. Falls Sie das für sinnvoll halten, werden wir das unterstützen, z.B. auch durch Hinzuziehung von Mediatoren.“ In seiner Zeit als USA-Korrespondent habe er „beobachtet, wie ernst dort große Konzerne den Schutz ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nehmen“.

Das klang gut, und vielleicht wird Buhrow bei der Psychosozialen Beratungsstelle des WDR anfangen. Die Fachfrau, die dort zwei Jahrzehnte lang die Mitarbeiter beriet, befindet sich im Ruhestand. Nachgefolgt ist ihr niemand. Die Beratungsstelle hat der WDR seit mehr einem Jahr mit ihrer Sekretärin besetzt, halbtags. Der Sender wollte sich dazu nicht äußern.

Marta Orosz erreichen Sie per Email unter marta.orosz(at)correctiv.org.

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Nichts hören, nichts sehen? Beim WDR gibt es Streit um fehlende Konsequenzen bei sexueller Belästigung.© See more, hear more von tnsasse, lizensiert unter CC BY 2.0

Aktuelle Artikel

Sexuelle Belästigung beim WDR: Personalrätin erhebt Vorwürfe gegen Senderspitze

Beim WDR gibt es Streit. Die Chefin des Personalrats wirft der Spitze des Senders vor, die Verantwortung für fehlende Konsequenzen bei Fällen sexueller Belästigung zu tragen.

von Marta Orosz , Wigbert Löer

Beim WDR gibt es Streit über den Umgang mit sexueller Belästigung. CORRECTIV und das Magazin „stern“ hatten in dieser Woche Fälle von sexueller Belästigung durch einen Auslandskorrespondenten aufgedeckt. Für den Reporter gab es kaum Konsequenzen.

Die Chefin des Personalrats des Senders Christiane Seitz trat am Freitag aus dem sogenannten Interventionsteam zurück, an das sich Opfer von sexueller Belästigung wenden können.

Anlass für den Rücktritt von Seitz ist die Reaktion des WDR auf unsere Recherchen. „Die Verantwortung wird auf den Kopf gestellt“, schreibt Seitz in einer internen E-mail an WDR-Mitarbeiter. Seitz will außerdem nicht länger an internen Richtlinien gegen sexuelle Belästigung mitarbeiten.

Machtlos gegen die Hierarchien?

Gegenüber dem Kölner Stadt-Anzeiger hatte eine Sprecherin des WDR gesagt, es sei Aufgabe des Interventionsteams, Vorwürfe von sexuellem Missbrauch zu prüfen und arbeitsrechtliche Konsequenzen vorzuschlagen. Diese würden dann von der Personalabteilung umgesetzt. Das erweckte offenbar den Anschein, die Spitze des Senders wolle die Verantwortung abwälzen.

Seitz schreibt, nicht der Personalrat, sondern die WDR-Führung sei dafür verantwortlich, dass Fälle von sexueller Belästigung nicht ausreichende Konsequenzen nach sich gezogen hätten. „Vorgesetzter des betreffenden Auslandskorrespondenten ist der Fernsehdirektor (Anm: Jörn Schönenborn), dessen Vorgesetzter ist der Intendant des Westdeutschen Rundfunks (Anm: Tom Buhrow).“

Seitz schreibt in ihrer Email weiter, dass der Personalrat gegenüber den Senderhierarchien machtlos gewesen sei.  „Der Personalrat (…) hat immer wieder vergeblich gefordert, im absolut hierarchisch geprägtem WDR eine wirklich umfassende, strukturelle Kontrolle und Ahndung von Machtmissbrauch und Herabwürdigung gegenüber Schwächeren und Abhängigen zu gewährleisten.“ Derartige Vorschläge, so Seitz, „wurden teils ins Lächerliche gezogen, teils als überflüssig oder ‘zu aufwändig’ erklärt.“

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CORRECTIV und „stern“ hatten über den Fall eines WDR-Korrespondenten berichtet, der mehrere Kolleginnen sexuell belästigte. Die Frauen meldeten die Vorfälle dem Sender, woraufhin Chefredakteurin Sonia Mikich eine interne Aufarbeitung einleitete. Obwohl der Korrespondent die Vorwürfe teilweise einräumte, gab es kaum ernsthafte Konsequenzen. Er ist weiter für den WDR auf Sendung. Ein Vermerk in seiner Personalakte und eine Ermahnung waren die einzigen Folgen, die die Führungsebene für angemessen hielt.

Die Personalrätin Seitz fordert mit ihrem Rücktritt aus dem Interventionsteam grundlegende Änderungen im Umgang mit den Menschen und eine neue Unternehmenskultur.

„Wir nehmen zur Kenntnis, dass die Personalratsvorsitzende ihre Mitarbeit im Interventionsteam eingestellt hat und können die Begründung nicht nachvollziehen“, teilte eine Sprecherin des WDR mit. Auf die konkreten Vorwürfe ging sie nicht ein.

Die Email der Personalrätin:

Marta Orosz erreichen Sie per Email unter marta.orosz(at)correctiv.org.

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