Pillenkick

Neue Studie im Profifußball: Schmerzmittel bei jeder dritten Dopingkontrolle

Eine Auswertung der Nationalen Anti-Doping-Agentur belegt erstmals mit konkreten Zahlen, wie flächendeckend Schmerzmittel in sämtlichen Ligen des deutschen Profifußballs eingesetzt werden. Dafür wurden 8344 Tests aus fünf Spielzeiten analysiert. Die Untersuchung ist eine Reaktion auf die Pillenkick-Recherchen von CORRECTIV und der ARD-Dopingredaktion.

von Hajo Seppelt , Wigbert Löer , Jonathan Sachse

Ein Chaperon der NADA wartet auf einen Spieler: Bei den Dopingkontrollen müssen auch Angaben zu Schmerzmitteln gemacht werden. © Sven Simon & Frank Hoermann / picture alliance
Ein Chaperon der NADA wartet auf einen Spieler: Bei den Dopingkontrollen müssen auch Angaben zu Schmerzmitteln gemacht werden. © Sven Simon & Frank Hoermann / picture alliance

Zum ersten Mal liegen konkrete Zahlen zum Schmerzmittelkonsum im deutschen Profifußball vor. Ibuprofen und weitere Analgetika sind fester Bestandteil der beliebtesten deutschen Sportart. Und das von der 1. Bundesliga bis zur 3. Liga. Das zeigen Ergebnisse einer neuen Untersuchung der Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA). Diese ordnet die Ergebnisse als „alarmierend“ ein und spricht sich dafür aus, in Zukunft Schmerzmittel in das Überwachungsprogramm der Welt-Anti-Doping Agentur aufzunehmen.

Die NADA reagierte mit der Studie auf die Pillenkick-Recherchen aus dem vergangenen Sommer. Damals hatten CORRECTIV und die ARD-Dopingredaktion ausführliche Berichte über den Einsatz von Schmerzmitteln im deutschen Fußball veröffentlicht. Gegenüber den Redaktionen äußerten sich rund 150 Fußballerinnen und Fußballer, Trainer, Ärzte und Wissenschaftler über das Ausmaß des Schmerzmittelmissbrauchs im Profifußball.

Tausende Formulare auf Schmerzmittel ausgewertet

Die Kontrolleure der NADA sitzen auf einem Berg von Daten. Dazu zählen sogenannte Dopingkontrollformulare. Auf diesen geben Fußballerinnen und Fußballern aus den deutschen Profiligen an, welche Medikamente sie in den zurückliegenden sieben Tagen genommen haben. Die Bonner Behörde analysierte insgesamt 8344 dieser Formulare aus den Spielzeiten 2015/16 bis 2019/20. Sie schaute, welche Angaben zu Schmerzmitteln die getesteten Athleten auf den Formularen gemacht haben. Die Ergebnisse der Studie erscheinen heute in dem Fachblatt „Zeitschrift für Sportmedizin“.

Durchschnittlich 33 Prozent der in den fünf Jahren getesteten Spielerinnen und Spieler gaben an, in der Woche vor der Kontrolle mindestens ein Schmerzmittel genutzt zu haben. Ibuprofen stand mit Abstand am häufigsten auf den Listen, mit Abstand folgten Diclofenac (auch bekannt unter dem Handelsnamen Voltaren), Paracetamol und das bei Arthrose-Patienten beliebte Etoricoxib. Die Intensität der oftmals verschreibungspflichtigen Medikamente wurde nicht abgefragt, die Anzahl der Einnahmen ebenfalls nicht.

Unterschiede traten weniger in den verschiedenen Profiligen der Männer auf – in der 3. Liga nimmt man ähnlich viele Pillen wie bei den erstklassigen Klubs. Vor Partien im DFB-Pokal hingegen hat die NADA eine weitaus höhere Schmerzmittelquote festgestellt. Über die fünf Jahre hinweg sind es bei den KO-Spielen des Pokals 40 Prozent. In einer Saison, 2016/2017, gaben sogar 56 Prozent aller beim Spiel getesteten Akteure an, Schmerzmittel konsumiert zu haben.

In der Junioren-Bundesliga liegen die Werte tiefer

Frauen nahmen in der untersuchten Zeiträumen mehr Schmerzmittel als Männer. In Liga- und Pokalspielen sind es durchschnittlich 40 Prozent. Beschwerden während der Menstruation wird als ein Grund in der Studie genannt. In den Junioren-Bundesligen ergaben die Untersuchungen einen Schmerzmittelkonsum von 14 Prozent. Damit liegen die meist Minderjährigen deutlich unter den Profiligen. Kein Grund zur Entwarnung: „Die Anstrengungen in der Verhaltens- und Strukturprävention sollten hier dringend verbessert werden“, heißt es in der Publikation.

Mehr Aufklärung könnten Profis allerdings auch gebrauchen, sagt die NADA-Geschäftsführerin Andrea Gotzmann, die als Autorin an der Studie beteiligt gewesen ist. Sie plädiert für „Präventionsmaßnahmen“. Aus Datenschutzgründen könne sie den einzelnen Vereinen nicht sagen, wie viele Schmerzmittel von deren Spielern konsumiert würden. Laut Gotzmann ist das aber auch gar nicht nötig. „Ich glaube, die Vereine wissen schon sehr gut, wie der Schmerzmitteleinsatz ist.“ Für die Öffentlichkeit wäre eine (notfalls anonyme) Aufschlüsselung nach Vereinen allerdings interessant. Sie könnte womöglich Hinweise geben, ob die medizinischen Abteilungen der Clubs das Thema unterschiedlich lax angehen.

Die NADA-Chefin will Aufklärung und Vorbeugung jedenfalls noch vertiefen, „in einem gemeinsamen Ansatz auch zusammen mit dem DFB, wo ja auch schon erste Schritte in die Richtung eingeleitet wurden“. Der DFB hat nach Veröffentlichung der Pillenkick-Recherche bereits eine eigene Studie im Amateurfußball gestartet. Und auch im Handball wird der Schmerzmittelkonsum jetzt untersucht, gefördert mit mehr als 100.000 Euro durch das Bundesinstitut für Sportwissenschaft. Erste Ergebnisse beider Studien werden frühestens in zwei Jahren erwartet.

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